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Umzingelt!

Ein Wachposten kam auf sie zu. „Wer seid ihr?“, wollte er wissen.

„Ein Erkundungstrupp“, antwortete Tom mit tief verstellter Stimme. „Mein Name ist Nathan und das ist Peter.“

Der Wachposten starrte sie an. „Wo habt ihr die Tiere gefunden? Sie sehen aus wie das Pferd und der Wolf, die den Gesuchten gehören.“

„Das stimmt“, sagte Elenna. „Wir haben die Flüchtlinge entdeckt. Als sie vor uns davonliefen, ließen sie die Tiere zurück.“

„Eine feige Tat“, sagte der Wachmann. „So viel bedeutet also das angeblich so enge Band zwischen dem Mädchen und dem Wolf.“

Tom sah, dass Elennas Schultern sich vor unterdrückter Wut verkrampften.

„Das habt ihr gut gemacht“, sagte der Wachposten und klopfte Tom auf den Rücken. „Ohne das Pferd werden sie nicht so schnell vorankommen. In welche Richtung sind sie gelaufen?“

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Tom drehte sich um und deutete entgegen der Richtung, aus der sie gekommen waren. Er wollte nicht, dass Nathan und Peter gefunden wurden. Nicht so bald jedenfalls.

„Ich werde ihnen einen Trupp hinterherschicken“, sagte der Mann. „Ihr habt euch eine Pause verdient. Bindet die Tiere fest und setzt euch ans Feuer.“

Tom und Elenna führten Storm und Silver in das Lager ihrer Feinde.

„Das hast du gut gemacht“, flüsterte Tom seinem Hengst zu.

„Du auch“, erwiderte Elenna. Sie sah Silver entschuldigend an. „Ich hoffe, unsere Freunde verlieren nicht die Geduld.“

„Sie wissen, dass wir niemals zulassen würden, dass ihnen etwas geschieht“, sagte Tom.

Sie traten ans knisternde Feuer, wo sich die meisten Soldaten niedergelassen hatten.

„Gut gemacht, Kameraden!“, rief ein Soldat.

„Die Tiere einzufangen war eine große Tat!“, sagte ein anderer. „Bindet sie an Pfosten und kommt zu uns.“

Tom und Elenna banden Storm und Silver an Pfosten, die in den Boden gerammt waren. Dann setzten sie sich nah ans Feuer. Viele Männer hatten sich um die Flammen versammelt. Die Nacht brachte einen kühlen Wind mit sich, der über die Ebene pfiff. Im flackernden Feuerschein wirkten die Gesichter der Männer düster. Manche trugen Kettenhemden, die im Licht glitzerten. Andere trugen Brustpanzer, die rot aufleuchteten.

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Im Osten blitzte es unaufhörlich aus den wirbelnden Wolken, die das Portal umgaben.

Ein großer Kessel hing über dem Feuer. Ein Mann häutete und zerteilte Kaninchen und warf die Fleischstücke in den kochenden Gemüsesud.

„Ihr seht eigentlich noch zu jung aus, um schon Malvels Armee anzugehören“, meinte ein Mann, der in der Nähe saß.

„Wir sind gerade erst eingetreten“, antwortete Tom und hoffte, dass ihre Verkleidung funktionierte. „Wir sind nicht zu jung, um zu kämpfen.“

„Tapfere Worte“, sagte ein anderer Mann lachend. „Und woher kommt ihr?“

„Wo immer sie auch herstammen, sie folgen dem Auftrag eines verrückten Narren, wie wir alle“, unterbrach ihn ein Soldat.

Tom sah den Mann überrascht an.

„Sei still!“, zischte ein anderer Soldat und sah über seine Schulter. „Sag nicht solche Sachen, sonst bekommen wir Schwierigkeiten!“

„In welche noch größeren Schwierigkeiten kann Tavania schon geraten?“, gab der erste Mann zurück. „Malvel behauptet, der Retter des Königreichs zu sein. Aber ich bin mir da nicht so sicher. Ich will König Henri zurück auf dem Thron.“

Tom spürte Elennas Hand auf seinem Arm. An ihrem Gesichtsausdruck erkannte er, dass sie aufmerksam zuhörte.

„Er hat recht“, sagte ein anderer Mann und sah zum Himmel hoch. „Ich kann mich an Zeiten erinnern, in denen das Königreich nicht von solch beängstigenden Himmelslöchern bedroht wurde.“

„Ja“, stimmte der erste Mann zu. „Und es wird behauptet, dass schreckliche Monster aus diesen Löchern fallen und alles zerstören, was ihren Weg kreuzt.“

„Seid still, ihr abergläubischen Idioten“, befahl ein Offizier, der vorbeiging. „Der Nächste, der solchen Unsinn von sich gibt, kommt ins Verlies!“

Der Offizier ging davon und ließ die Soldaten leise murmelnd zurück.

„Wenigstens können wir durch den Dienst in der Armee unseren Lebensunterhalt verdienen“, sagte ein Mann neben Tom. Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, wie es meinem Sohn Ludor ergeht ohne Lohn für Essen.“

„Hier ist es auch nicht viel besser“, sagte einer der Männer. „Nur trockenes Brot und magere Kaninchen. Mein Magen knurrt wie ein Wolf.“

„Apropos Wolf“, sagte ein anderer Mann und drehte sich zu Storm und Silver um. „An diesen beiden da ist doch eine Menge Fleisch.“

Mehr Köpfe drehten sich um und hungrige Augen leuchteten im Dunkeln auf.

„Sehr viel Fleisch!“, sagte ein weiterer Mann, zog sein Schwert und stand auf. „Wer hat Lust auf ein Festmahl? Pferd und Wolf werden uns einen satten Magen bescheren.“

Tom sah die Männer voll Panik an. Wollten die Soldaten Storm und Silver wirklich töten?