Elenna sprang auf. „Wir wären verrückt, wenn wir die Tiere schlachten würden“, erklärte sie mit grimmiger Stimme. „Wenn wir sie am Leben lassen, können wir sie als Lockvögel benutzen, um die Flüchtlinge zu fangen.“
„Wollt ihr durch eure Gier wirklich die Möglichkeit zerstören, die Tiere als Köder zu nutzen?“, fügte Tom hinzu. „Was würde Malvel davon halten?“
Der Mann mit dem gezückten Schwert ging weiter auf die Tiere zu. „Ich will aber jetzt Fleisch“, knurrte er. „Ich habe es satt, ständig hungrig zu sein.“
Tom packte ihn am Arm.
„Nein! Das darfst du nicht!“, sagte er und starrte dem Mann eindringlich ins Gesicht. Brant funkelte ihn böse an.
„Sie haben nicht unrecht, Brant“, sagte ein anderer Soldat. „Lasst uns heute noch mal Kaninchen essen. Morgen, wenn der Junge und das Mädchen geschnappt sind, wird es Besseres zu essen geben.“
Einen Augenblick lang starrte Brant Tom verärgert an, dann steckte er sein Schwert weg und setzte sich wieder hin. Tom und Elenna kehrten ebenfalls zum Feuer zurück. Der gefährliche Moment war vorüber.
Alle setzten sich wieder um das Feuer. Tom lehnte sich zu Elenna. „Wir müssen hier weg“, wisperte er. „Es ist zu gefährlich.“
Elenna nickte. „Ich habe eine Idee“, flüsterte sie zurück.
„Essen ist fertig“, sagte der Mann, der das Fleisch in den Kochtopf geworfen hatte. Er tauchte eine große Schöpfkelle in die Suppe und probierte einen Schluck. Er schnitt eine Grimasse. „Schmeckt wie Spülwasser, aber das muss reichen.“ Er deutete auf einen Haufen flacher Brote, die in der Nähe lagen. „Es gibt jedenfalls genug Brot, um alles aufzutunken.“
„Warte kurz“, sagte Elenna zu ihm. „Ich nehme immer ein paar getrocknete Küchenkräuter mit, wenn ich unterwegs bin.“
Sie holte ein paar kleine Stoffbeutel hervor und bereitete schnell eine duftende Kräutermischung zu.
„Sehr gut“, sagte der Koch. „Das ist genau das, was wir brauchen.“
Elenna stand auf und gab die Kräuter in die Suppe. „Rühr gut um“, sagte sie. „Damit alle etwas davon zu schmecken bekommen.“
Sie setzte sich wieder und zwinkerte Tom zu. „Iss nichts von der Suppe“, flüsterte sie.
Als das Essen ausgeteilt war, beugten sich Tom und Elenna wie die anderen über ihre Teller. Aber sie taten nur so, als würden sie die Suppe hungrig hinunterschlingen. Der Duft der Kräuter verbreitete sich im Lager und bald bildete sich eine Schlange vor dem Kochtopf.
Nun mussten Tom und Elenna nur noch abwarten.
Es dauerte nicht lange und der Mann neben Tom sackte zusammen. Elenna hatte mit ihren Kräutern ein starkes Schlafmittel gemischt!
Immer mehr Soldaten schliefen ein. Die Nacht wurde von ihrem Schnarchen erfüllt.
Tom sah sich vorsichtig um. Alle Soldaten schienen zu schlafen. Etwas weiter entfernt waren andere Kochfeuer und Lagerstätten zu erahnen. Aber Tom war sich sicher, dass sie unbemerkt an ihnen vorbeischlüpfen konnten.
Sie standen auf und schlichen leise zu Storm und Silver.
„Keinen Ton!“, warnte Elenna den Wolf und legte einen Finger auf ihre Lippen.
Obwohl die Tiere sichtlich froh waren, die Fesseln los zu sein, machten sie keinen Mucks. Tom holte noch schnell ein paar Wasserflaschen und einige Brote.
„Was ist mit Waffen?“, fragte Elenna. „Dein Schwert ist beim Kampf mit Raptox zerstört worden.“
„Gute Idee.“ Tom nahm sich einen Speer und Elenna tauschte ihre Armbrust gegen ein Schwert und einen Schild aus. „Jetzt sind wir wenigstens gut bewaffnet, wenn wir das Biest treffen“, sagte Tom.
Dann führte er Storm zum Lagerrand. Elenna und Silver folgten ihnen.
Als sie sicher waren, dass sie sich weit genug von den schlafenden Soldaten entfernt hatten, stiegen sie auf Storms Rücken.
„Los!“, feuerte Tom seinen Hengst an und sie rasten über die Ebene.
Weit und breit lag nun einsames, leeres Land vor ihnen.
„Wir sind Malvels Armee entkommen“, dachte Tom. „Jetzt müssen wir schnell das Biest finden und unsere Mission erfüllen.“ Über ihnen leuchtete und blitzte es noch immer rund um das Portal.
„Was ist das da vorne?“, wunderte Tom sich laut. Ein Blitz hatte etwas erleuchtet, das sich im Tal vor ihnen befand.
„Ich bin mir nicht sicher“, sagte Elenna. Sie blinzelte, denn der Blitz blendete sie in den Augen. „Vielleicht ein Kuhstall?“
Als sie näher kamen, erkannte Tom, dass sie recht hatte.
Der Anblick, der sich ihnen bot, war schrecklich. Einige Zäune rund um den Stall waren niedergerissen worden und die Weide war übersät mit den leblosen Körpern von Kühen.
Storm stampfte warnend mit den Hufen. Silver schnupperte und knurrte unruhig, als ob er etwas Bedrohliches gewittert hätte.
„Das ist schrecklich“, keuchte Elenna, als sie an den toten Rindern vorbeiritten. „Sie wurden nicht zum Fressen getötet. Welches Biest tötet denn nur um des Tötens willen?“
„Ich weiß es nicht“, sagte Tom, sichtlich erschüttert, und packte den Speer fester. „Aber was es auch ist, wir müssen es bekämpfen.“
Sie ließen das Gemetzel hinter sich und kamen zu einer Hügelkette. Auf dem Kamm stand eine Gruppe großer Steine. Von Wind und Regen waren sie zu menschenähnlichen Gestalten geformt worden, die scheinbar still über das Land blickten.
Tom schauderte. Im Licht des zuckenden Portals schienen die Steine sie zu beobachten.
Silver winselte leise.
„Da bewegt sich etwas“, zischte Tom. Er griff nach Elennas Hand und deutete mit seinem Speer in Richtung der Steine. „Siehst du es?“
Eine Gestalt flitzte von Stein zu Stein.
„Sollen wir herausfinden, was es ist?“, flüsterte Elenna.
Tom nickte. „Wir nähern uns von beiden Seiten“, schlug er vor. „Dann kann es nicht entwischen.“
Mit Schild und Schwert glitt Elenna von Storms Rücken und lief den Hügel hinauf.
Tom lenkte Storm den Hang hoch und auf die Steine zu. Den Speer hielt er bereit.
Er konnte die Gestalt immer noch sehen. Wie ein Schatten glitt sie hin und her.
„Los!“, rief Tom und drückte Storm die Fersen in die Seiten.
Wiehernd galoppierte der Hengst den Hang hinauf. Knapp vor dem ersten Stein kam er zum Stehen. Tom sprang aus dem Sattel und rannte zwischen den Steinen hindurch.
Elenna kam mit erhobenem Schwert von links. Tom hörte das ängstliche Schnauben eines Tieres. Für einen kurzen Moment erhellte ein Blitz die Dunkelheit. Tom zögerte eine Sekunde. Den Speer hielt er hoch über seine Schulter. Ein Pferd stürmte heran.
„Da sitzt ein Reiter drauf!“, rief Elenna. „Ich glaube, er ist verletzt.“