Tom ließ seinen Speer fallen und lief auf das Pferd zu. Das verängstigte Tier ging auf die Hinterbeine, aber Tom wich den wirbelnden Hufen aus und schnappte sich das Zaumzeug.
„Ruhig“, murmelte Tom dem verschreckten Tier zu. „Du bist jetzt in Sicherheit.“
Das Pferd beruhigte sich durch Toms sanfte Worte. Elenna kam zu ihnen. Das Schwert hatte sie in den Gürtel gesteckt. Der Reiter lag ohnmächtig über den Hals des Tieres gebeugt.
„Wir müssen ihm herunterhelfen“, sagte Tom.
„Die Zügel sind um seine Hände gewickelt“, bemerkte Elenna und zog fieberhaft an den Knoten.
Gemeinsam konnten sie den verwundeten jungen Mann befreien und vorsichtig aus dem Sattel heben. Sie legten ihn seitlich auf den Boden. Tom und Elenna keuchten auf, als sie seinen Rücken und die zerfetzte Kleidung sahen. Auf seiner Haut waren tiefe, blutige Risswunden.
Plötzlich bewegten sich seine Lippen und er murmelte etwas.
„Was sagt er?“, fragte Elenna.
Tom hielt sein Ohr nah an die Lippen des Mannes. „Ich weiß nicht. Ich kann nichts verstehen“, sagte er. „Hol etwas Wasser aus der Satteltasche und auch etwas Brot, vielleicht braucht er etwas zu essen.“
Tom sah dem Mann ins Gesicht. Seine Haut war totenblass. Die Wunden waren fürchterlich. Ob er die Nacht überstehen würde? Stofffetzen klebten am getrockneten Blut auf seinem Rücken. Ganz vorsichtig löste Tom den Stoff von den Wunden. Seine Hände wurden dabei blutig.
Elenna versorgte die Wunden des Mannes und Tom tunkte Brotstücke in Wasser. Als Elenna fertig war, bot Tom dem Verletzten die Brotstückchen an und er kaute sie hastig.
Silver und Storm kamen näher und sahen zu, wie Tom und Elenna sich um den Fremden kümmerten.
„Wer ist er?“, fragte Elenna.
„An seinem Sattel hängt ein Beutel. Vielleicht verrät uns sein Inhalt ja mehr“, sagte Tom.
„Ich gehe ihn holen“, sagte Elenna. Einen Augenblick später war sie mit dem Beutel zurück. Sie wühlte darin herum.
„Ein langes Seil und eine Schleuder“, sagte sie. „Vielleicht ist er ein Kuhtreiber?“ Sie sah Tom an. „Ob er etwas mit dem Rindergehege zu tun hat, an dem wir vorbeigekommen sind?“
Tom schüttelte den Kopf. „Er ist allein“, sagte er. „Kuhtreiber arbeiten in Gruppen. Er könnte ein Viehdieb sein. Die Leute hier scheinen zu allem bereit zu sein, um zu überleben.“ Er machte eine Pause. „Nimm du die Schleuder, ich behalte das Seil. Sie könnten uns noch nützlich sein.“
Tom sah nach Osten. Ein schmaler Streifen silbernen Lichts erschien über den fernen Hügeln.
„Es dämmert schon“, sagte er.
Elenna fröstelte. „Es ist so kalt. Ich wünschte, wir könnten ein Feuer machen.“
„Auch wenn wir Holz und Zündzeug hätten, wäre es viel zu gefährlich, ein Feuer zu machen“, sagte Tom und wickelte das Seil über seine Schulter. „Die Flammen würden die Soldaten zu uns führen, und wenn das passiert –“
Tom hörte auf zu sprechen, denn der junge Mann hatte angefangen, etwas zu murmeln. „Das riesige Ding“, sagte er mit vor Angst verzerrtem Gesicht. „Das Monster …“
Tom legte dem Mann die Hand auf die Schulter. „Alles ist gut“, sagte er. „Das Monster ist weg.“
Das Licht wurde langsam heller. Tom lief an den Rand des Hügelkamms und hielt nach den ersten Sonnenstrahlen am Horizont Ausschau. Silver stand neben ihm. Er hielt den Kopf hoch und schnüffelte.
„Was witterst du?“, fragte Tom.
Er suchte die Landschaft mit den Augen ab, konnte aber nichts Ungewöhnliches erkennen. Er ging zu den anderen zurück.
„Es scheint ihm etwas besser zu gehen“, sagte Elenna. „Er hat wieder von dem Monster gesprochen.“
Plötzlich knurrte Silver und rannte den Hang hinab.
„Silver, halt!“, rief Elenna und sprang auf die Füße.
Aber der Wolf beachtete sie nicht. Er rannte zu einem dichten Grasbüschel etwa fünfzig Schritte entfernt.
„Er hat etwas gesehen“, sagte Tom und hob seinen Speer auf. Elenna war sofort mit dem Schwert in der Hand an seiner Seite.
Silver war nur noch wenige Schritte von dem Grasbüschel entfernt, als sich plötzlich etwas bewegte.
Tom keuchte auf. Eine weiße Gestalt kam aus ihrem Versteck und griff Silver an. Sie war doppelt so groß wie ein Haus und schneller als das schnellste Pferd, das Tom je gesehen hatte.
„Es ist eine riesige Katze!“, rief Elenna.
Das schreckliche Biest landete direkt vor Silver. Die Augen der Riesenkatze waren gelb und ihre Krallen kohlschwarz. Sie öffnete ihr Maul mit den spitzen Zähnen und stieß ein fürchterliches Fauchen aus. Ihr weißes Fell war aufgerichtet wie ein Stachelfeld.
Madara, die Höllenkatze, war da!