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Kampf mit dem Biest

Madaras schwarze Krallen durchfurchten den Boden und gruben tiefe Rillen in die Erde. Mit den großen gelben Augen blickte das Biest von Tom zu Elenna – böse und bedrohlich.

Tom musste sich zwingen, daran zu denken, dass das Biest nicht von Natur aus böse war. Tom nutzte die Kraft des roten Juwels an seinem Gürtel und konnte die Gedanken des Biests einen kurzen Moment lang verstehen. Er spürte Madaras Elend, weil sie hier im Grasland gefangen war. Sie gehörte nicht hierher. Sie war verwirrt und schrecklich wütend, weil sie aus ihrer Heimat in den kühlen Bergen gerissen worden war.

Mit einem Heulen warf sich Silver auf die Monsterkatze. Madara richtete sich auf, holte mit ihrer riesigen Tatze aus und schleuderte den Wolf kopfüber ins Gras.

Elenna schrie erschrocken auf. Madaras glänzende Augen richteten sich auf sie und eine Sekunde später lief das Biest den Hügel hinauf – direkt auf Elenna zu. Die langen, dolchartigen Zähne waren gebleckt. Es sah aus wie ein bedrohliches Grinsen. Tom packte seinen Speer und trat vor. Er kniete sich hin und rammte den Speer so in den Boden, dass die Spitze dem heranstürmenden Biest entgegenragte.

Hinter sich hörte er ein verängstigtes Wiehern. Aus dem Augenwinkel sah er das Pferd des Verwundeten zwischen den Felsen verschwinden.

Madara sprang über Toms Speer hinweg, drehte sich in der Luft und landete auf der Seite. Sie wandte den Kopf um und entdeckte das Pferd, das nun den Hügel hinuntergaloppierte. Das Biest folgte ihm mit langen weiten Sprüngen.

„Tom!“, rief Elenna. „Du musst das Biest aufhalten!“

Aber es war zu spät. Madara war für einen Speerwurf schon zu weit weg. Tom rannte dem Biest hinterher, aber die riesige weiße Katze hatte das Pferd bereits eingeholt. Ihre schwarzen Krallen bohrten sich in den Rücken des Pferdes.

Das Pferd wieherte panisch, doch seine Stimme wurde sofort erstickt, als Madaras Zähne sich in seinen Hals gruben.

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Tom deutete auf den verwundeten Mann. „Verstecke ihn!“, rief er Elenna zu, die besorgt zu Silver hinübersah, der noch immer keuchend auf dem Boden lag.

Elenna rannte zu dem jungen Mann und Tom zu Storm, der zwischen den Steinen auf ihn wartete. Er sprang auf seinen Rücken und hielt den Speer fest in der Hand.

Tom gab seinem treuen Hengst die Sporen. Wenn er sich beeilte, konnte er Madara vielleicht jetzt gleich besiegen. Solange sie mit dem Pferd beschäftigt war, war sie abgelenkt. Das war die Gelegenheit!

Doch als Madara ihn näher kommen sah, ließ sie von dem toten Pferd ab. Ihre Augen blitzten vor Zorn.

Tom brachte Storm zum Stehen und beobachtete das Biest. Sollte er den Speer werfen und versuchen, das Biest zu treffen?

„Ich muss näher ran“, dachte er.

„Los!“, feuerte er Storm an.

Storm raste auf das wartende Monster zu. In der letzten Sekunde wich Madara zur Seite aus. Etwas Seltsames war geschehen, während Tom näher gekommen war. Das Biest fauchte vor Wut und das weiße gesträubte Fell wurde plötzlich hart und steif, als hätte es sich in Kristall verwandelt.

Tom hatte nur einen winzigen Moment Zeit, um zu handeln. Als das Biest zur Seite sprang, zeigte es Toms Speer die Flanke. Er zielte mit dem Speer auf die riesigen Hinterbeine der Katze. Tom wusste, dass das Biest eigentlich nicht böse war. Er wollte es nicht töten. Aber er musste es aufhalten.

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Tom stöhnte enttäuscht auf, als die Riesenkatze seinem Speer mit einem Sprung zur Seite auswich.

Madara brüllte. Sie holte mit den Krallen nach Storm aus. Toms Hengst wich dem Schlag aus, kam dabei aber ins Taumeln und verlor das Gleichgewicht. Tom wurde kopfüber aus dem Sattel geschleudert.

Er rollte sich geschickt ab und kam gleich wieder auf die Beine.

„So schnell gebe ich nicht auf!“, rief er dem tobenden Biest zu.

Doch Storm war in Schwierigkeiten. In seinen Vorderbeinen steckten weiße Glassplitter aus Madaras tödlichem Fell.

Tom rannte zu Storm und versuchte, die Splitter zu entfernen. Aber bevor er etwas unternehmen konnte, hörte er hinter sich ein Fauchen. Er drehte sich um und sah Madara, die hoch über ihm aufragte.

Aus gelben Augen starrte das Biest ihn ohne zu blinzeln an. Tom bemerkte, dass Madara keine Augenlider hatte. Das Biest musste nicht blinzeln. Es gab also nie einen Moment, in dem es unaufmerksam war.

Tom sah auch, dass sein Speer in Reichweite lag. Er sprintete nach vorn, schnappte sich den Speer und warf ihn nach dem Biest. Madaras Fell war nun wieder glatt und weich. Das Biest war verwundbar.

„Warum ist es wieder glatt?“, wunderte sich Tom. Vielleicht konnte Madara ihr Fell nicht auf längere Dauer erstarrt lassen. Das konnte ihre Schwäche sein.

Tom griff an und achtete darauf, nicht in Reichweite der Krallen zu kommen. Die Riesenkatze wich der Speerspitze aus. Geschmeidig landete sie auf der Seite und stürzte sich von dort mit gebleckten Zähnen auf Tom.

Tom schwang seinen Speer herum. Madara krümmte sich um die Spitze und schnappte mit den Zähnen nach dem hölzernen Schaft. Mit einem Biss brach Toms einzige Waffe auseinander.

Tom sprang auf einen Felsen. Er benutzte den Speerschaft als Knüppel und hieb dem Biest von oben heftig auf den Kopf.

Fauchend und den Kopf vor Schmerz schüttelnd wich Madara zurück. Aber ihre Augen funkelten boshaft. Tom hatte das Biest verletzt und es war entschlossen, ihn zu erledigen.

„Hier herüber!“, rief Elenna. Sie rannte den Hang hinunter und schlug dabei mit dem Schwert gegen den Schild, um Madara durch den Lärm abzulenken.

Mit einem fauchenden Brüllen wandte die riesige Katze sich um und raste auf die Felsen zu. Tom ließ Storm zurück und folgte dem Biest. Noch immer hatte er das Seil des jungen Mannes um die Schulter gewickelt. Während er rannte, wickelte er es ab und schwang es wie ein Lasso über dem Kopf.

„Lenk Madara ab!“, rief er Elenna zu, während er sich der Riesenkatze von hinten näherte.

Wenn er Madara mit dem Lasso einfing und das Seil dann um einen Felsen band, wäre das Biest gefangen. Elenna sprang hin und her und fuchtelte mit dem Schwert vor dem Gesicht des Biests herum. Tom schwang das Lasso und warf es dann nach dem Biest.

Einen kurzen Moment glaubte er, das Lasso würde sich über den Kopf des Biests stülpen, aber Madaras Fell verwandelte sich wieder in Kristall und das Seil fiel in Stücke zerschnitten zu Boden.

Tom blieb stolpernd stehen. Wie sollte er gegen ein Biest mit einer solch unglaublichen Fähigkeit kämpfen?

Brüllend stürzte sich Madara auf ihn. Tom warf sich auf den Boden und das Biest flog über ihn hinweg.

Er kam schnell wieder auf die Füße und sah sofort, dass Madara sich nun auf Elenna stürzte. Seine Freundin drehte sich um und rannte los, aber es war hoffnungslos. Mit zwei Sätzen hatte das Biest sie eingeholt.

Elenna versuchte zu kämpfen, aber sie wurde von der Riesenkatze umgeworfen. Fauchend vor Wut stand Madara über sie gebeugt.

„Elenna!“, schrie Tom und rannte auf sie zu. Elenna trug immer noch die Rüstung der Soldaten. Tom hoffte inständig, dass diese sie vor Madaras Angriff schützen würde.

Doch bevor Tom nah genug war, um angreifen zu können, gruben sich Madaras messerscharfe Zähne in Elennas Schulter.

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