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Katz und Maus

Toms Herz klopfte ihm bis zum Hals. So schnell er konnte, rannte er zu Elenna. War sie tot?

Nein! Er sah, wie sie sich gegen das Gewicht der Riesenkatze wehrte.

Der Kragen des Kettenhemdes hatte Elenna vor Madaras Zähnen gerettet. „Aber es war knapp gewesen“, stellte Tom schaudernd fest. Elenna hatte ihr Schwert fallen gelassen und der Schild hing nutzlos an ihrem Arm.

„Beweg dich nicht!“, rief Tom, als er sich dem Biest näherte. Madara ließ Elenna los, drückte sie aber mit einer Tatze auf den Boden.

Elenna bewegte sich nicht mehr.

Madara senkte wieder den Kopf, nahm Elennas Arm zwischen die Zähne und zog Toms Freundin über die Erde zu einem großen Felsen. Mit den Zähnen hob sie Elenna auf den Fels hoch.

Das Biest reckte triumphierend den Kopf und brüllte. Mit den Vorderpfoten kratzte Madara über den Stein und Splitter flogen in alle Richtungen. Elenna lag ganz still und stellte sich tot. „Madara glaubt, dass sie tot ist“, dachte Tom. Für den Augenblick war sie also sicher.

Er hob das Schwert seiner Freundin auf und beobachtete dabei das Biest, das groß und stolz auf dem Felsen stand. Hinter ein paar Steinen ging er in Deckung. Von seinem Versteck aus starrte er zu der Riesenkatze hoch. An einer Stelle auf Madaras Seite war ein Stück nackter Haut zu sehen.

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„Das muss die Stelle sein, wo mein Speer sie getroffen hat“, murmelte er. „Wie kann ich das ausnutzen?“

Sein Blick wurde von langen Schatten abgelenkt, die sich über die Ebene erstreckten, denn im Osten ging gerade die Sonne auf.

Da kam ihm eine Idee. Schatten!

Er erinnerte sich an den Diamanten in seinem Gürtel, den er von Kaymon, dem Höllenhund, bekommen hatte. Er verlieh ihm die Fähigkeit, seinen Schatten von seinem Körper zu trennen. Es gab nur einen Nachteil. Solange sein Körper und sein Schatten voneinander getrennt waren, konnte Tom sich nicht von der Stelle rühren. Aber trotz dieser Gefahr war es den Versuch wert, Madara mit seinem Schatten von Elenna wegzulocken.

Tom konzentrierte sich. Er spürte, wie sich sein Schatten langsam von ihm löste. Der Schatten kauerte neben ihm und wartete auf Anweisungen.

Tom deutete auf die riesige Katze. „Locke sie von dem Felsen herunter“, sagte er. „Los!“

Der Schatten nickte und sprintete los. Er rannte hin und her, sprang in die Luft und wedelte mit den Armen.

Die riesige Katze starrte ihn verwundert an. Sie knurrte und scharrte mit den Krallen über den Fels.

Unerschrocken schlenderte der Schatten davon. Madara starrte ihm hinterher, den Kopf tief gebeugt und die Hinterbeine hochgereckt. Ihr Schwanz peitschte zornig über den Stein.

Schließlich sprang sie mit einem lauten Fauchen vom Felsen.

Dann blieb sie abrupt stehen, denn der Schatten flitzte aus dem Weg und war plötzlich nicht mehr in Reichweite ihrer Tatzen. Vor Wut brüllend, hieb das Biest wieder und wieder zu. Aber jedes Mal tänzelte Toms Schatten geschickt zur Seite.

Madaras Kiefer verzog sich zu einem zornigen Brüllen und Fauchen. Egal wie schnell ihre Krallen durch die Luft schwangen, der Schatten konnte jedes Mal entwischen.

Tom bemerkte, dass Elenna sich vorsichtig aufrichtete. Das war ihre Chance zu entkommen. Sie kletterte den Fels hinunter und rannte zu der Stelle, wo Tom unbeweglich kauerte, während sein Schatten das Biest ablenkte.

„Ruf ihn zurück“, sagte Elenna. „Du bist hilflos ohne ihn.“

Tom starrte seinen Schatten an und zwang ihn mit seinem Willen, zurückzukommen. Mit einem letzten Sprung flitzte der Schatten unter Madaras Tatze hinweg und rannte auf Tom zu.

Mit vor Wut lodernden Augen verfolgte ihn das Biest.

Einen kurzen Moment lang hatte Tom Angst, dass Madara ihn noch vor seinem Schatten erreichen würde.

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Doch in allerletzter Sekunde sprang der Schatten über den Felsbrocken und stellte sich neben Tom, der kurz schauderte, als sie beide wieder vereint waren.

Madara war nur noch einen Herzschlag von ihm entfernt. Elenna hob schützend ihren Schild und sie und Tom sprangen zur Seite.

Madara landete zwischen ihnen. Sie wandte den Kopf von rechts nach links, um zu entscheiden, wen sie zuerst töten sollte.

Madara stürzte sich auf Elenna. Sie hob gerade noch rechtzeitig den Schild, um die scharfen Zähne des Biests abzuwehren.

Das Biest drehte sich um und griff Tom an. Tom musste ausweichen. Sein Schwert prallte an Madaras weißem Kristallfell ab.

Tom duckte sich, als der Kiefer des Biests gefährlich nah an seinem Schwertarm zuschnappte. Seine Klinge stieß gegen Madaras lange Zähne und er spürte ihren Atem in seinem Gesicht. Tom machte einen Salto durch die Luft, um den scharfen Krallen auszuweichen. Sein Schwert wirbelte wie ein glänzender Lichtstrahl durch die Luft, so schnell kämpfte er gegen das mächtige Biest.

Die lidlosen Augen der Höllenkatze starrten ihn an. Wieder und wieder hieb Madara von weit oben mit ihren Krallen nach ihm. Sie schien nicht müde zu werden.

„Wie lange halte ich das noch durch?“, fragte sich Tom, denn seine Muskeln schmerzten schon. „Wenn mich eine dieser Krallen trifft, bin ich tot.“