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Glassplitter

Hinter Tom ertönte ein Heulen. Er sah über seine Schulter.

Silver!

Der tapfere Wolf war am Leben. Doch als er nach vorne stürmte, konnte Tom sehen, dass er nicht sicher auf den Beinen war. Madaras Angriff von vorhin hatte ihn sehr geschwächt.

„Nein!“, schrie Elenna. „Bleib zurück, Silver! Sie reißt dich in Stücke!“

Der Wolf rannte zu ihr und blieb knurrend und zähnefletschend neben Elenna stehen.

„Wir müssen das Kristallfell zerstören!“, rief Tom Elenna zu. „Nur dann ist das Biest verwundbar.“

Kaum hatte er es ausgesprochen, war Madara schon wieder bei ihm. Mit Zähnen und Krallen stürzte sie sich auf ihn. Toms Schwert prallte von den schwarzen Krallen ab. Er machte einen Satz, um einem weiteren tödlichen Schlag auszuweichen.

Derweil hatte Elenna die Schleuder aus ihrer Tasche geholt, die sie bei dem verwundeten Mann gefunden hatten. Gebückt sammelte sie Steine zusammen.

„Hierher!“, rief Tom, winkte mit seinem Schwert und sprang auf und ab, um Madaras Aufmerksamkeit von Elenna abzulenken.

Madara fauchte wütend. Die Haare des Biests richteten sich auf und das Fell wurde wieder durchscheinend wie Glas. Die wie eine Sense herabsausende Kralle verfehlte Tom nur um Haaresbreite. Er warf sich auf den Boden und rollte sich schnell zur Seite. Das geöffnete Maul beugte sich zum Biss herunter. Die scharfen Zähne würden ihn jeden Moment zermalmen. Peng!

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Madara wirbelte herum und brüllte wutentbrannt. Elenna hatte einen Stein mit aller Kraft nach dem Biest geworfen und er hatte einige Fellstacheln zerbrochen. Wieder spannte sie die Schleuder und schoss einen Stein ab.

Der Stein zerschmetterte noch mehr Glasstacheln auf dem Rücken der Katze.

Tom konnte ein Stück nackter Haut auf Madaras Rücken erkennen. Elennas Angriff zeigte Wirkung.

Während das Biest durch Elenna abgelenkt war, sprang Tom vor und hieb mit seinem Schwert gegen Madaras Seite. Er zuckte zusammen, als ihn herumfliegende Glassplitter trafen. Blitzschnell drehte sich die riesige Katze um. Sie fauchte vor Wut und Schmerz. Peng!

Wieder traf einer von Elennas Steinen das Glasfell. Klirr!

Toms Schwert erwischte das Biest an der Schulter und hieb noch mehr Stacheln ab.

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Mit lodernden Augen und weit geöffnetem Maul stürzte sich Madara auf Tom. Nur knapp konnte er den rasiermesserscharfen Zähnen ausweichen, als ihn das Biest angriff. Es gab einen lauten Knall und weiße Kristalle regneten durch die Luft.

Madara war kopfüber gegen einen Felsen gekracht. Sie taumelte und drehte sich um. An ihrer Stirn waren einige scharfe Stacheln abgebrochen. Die Riesenkatze wirkte benommen.

Tom hob sein Schwert und sprang hoch. Er hieb mit dem Schwertgriff zwischen Madaras Augen.

Die Beine der großen Katze gaben nach und sie kippte auf die Seite. Ihre Zunge hing ihr aus dem Maul und ihr Brustkorb hob und senkte sich rasch beim Atmen.

Tom beugte sich mit gezücktem Schwert über das Biest. Er könnte es sofort töten. „Das werde ich aber nicht tun“, sagte er.

Madaras Blick wurde weicher. Alle Wut war aus ihren Augen gewichen. Plötzlich erfüllte ein Rauschen Toms Ohren. Es hörte sich an, als ob Wind toste. Er trat einen Schritt zurück. Madara wurde vom Boden emporgehoben und zum Himmel hochgezogen.

Einen Moment lang war das Biest in strahlendes Licht getaucht, dann wurde es in Richtung des Portals gesaugt. Madara wurde in dem tosenden Wind immer kleiner und näherte sich immer schneller der Öffnung im Himmel, dann war die weiße Gestalt verschwunden. Es gab einen ohrenbetäubenden Donnerschlag, der das ganze Königreich zum Beben zu bringen schien.

Aus dem Portal wölbten sich dicke Wolken, die alles Licht verschluckten. Tom sah staunend und erschrocken zu. Er konnte nichts mehr erkennen.

„Tom!“, rief Elenna im Dunkeln. „Was ist hier los?“

Weiße Blitze zuckten durch die Finsternis. Zwei Herzschläge später waren die Wolken verschwunden und helles Morgenlicht breitete sich über der Ebene aus. Tom hörte Elenna vor Freude jubeln. Silver bellte und Storm wieherte.

Tom senkte sein Schwert und blickte lächelnd zum Himmel. Madara war zu ihrem Zuhause in den Bergen zurückgekehrt, wo immer das auch war. Sie war wieder dort, wo sie hingehörte. Elenna trat neben ihn.

„Warum ist noch kein Gegenstand von Oradu vom Himmel herabgeflogen so wie sonst?“, fragte sie. „Ist etwas nicht in Ordnung?“

War ihre Aufgabe noch nicht erfüllt?