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Ausgeliefert

„Diesmal scheint an der Rückkehr des Biests irgendetwas anders gewesen zu sein“, sagte Elenna. „Aber du hast Madara gerettet und das ist die Hauptsache.“

„Vielleicht hast du recht“, sagte Tom, obwohl er sich da nicht so sicher war. „Wie geht es dem verletzten Mann?“

„Ich habe ihn hinter ein paar Felsen versteckt“, sagte Elenna. „Wir sollten nach ihm schauen.“

Doch zuerst ging Tom zu Storm. Sanft entfernte er die Splitter von Madaras Glasfell aus seinen Vorderbeinen. Zum Glück war der Hengst nicht ernstlich verletzt. Um Tom zu zeigen, dass alles in Ordnung war, rieb Storm seine Nase an Toms Schulter und wieherte leise. Silver drückte sich an seine Beine. Auch er hatte sich von seinem Kampf mit Madara erholt.

Tom musste lächeln, als er seine beiden Freunde betrachtete. So hart es auch gewesen war, das Biest zu bekämpfen, es hätte weit schlimmer kommen können.

Storm und Silver folgten Tom. Elenna führte sie zurück auf den Hügel mit den großen Felsen.

Dem jungen Mann schien es etwas besser zu gehen, aber er war immer noch zu schwach, um allein aufzustehen. Tom untersuchte erneut seine Wunden.

„Glaubst du, du kannst reiten?“, fragte Elenna den Mann.

Er sah sie aus müden Augen an und schüttelte den Kopf. „Muss … schlafen …“, murmelte er.

„Ja, gut“, sagte Tom. „Schlaf jetzt.“ Er sah Elenna an. „Wir bleiben hier, bis er kräftig genug ist, um zu reiten“, erklärte er. „Dann bringen wir ihn irgendwo hin, wo man sich um ihn kümmern wird.“

„Und dann?“, fragte Elenna. „Wo sollen wir als Nächstes hingehen? Vergiss nicht, dass eine ganze Armee nach uns sucht.“

„Das habe ich nicht vergessen“, erwiderte Tom.

Der schrille Schrei eines Vogels erregte seine Aufmerksamkeit. Er sah zum Himmel hoch.

„Sieh doch!“, rief er und deutete nach Osten. Eine dunkle Gestalt kam von dort auf sie zu.

„Was für ein Vogel ist das?“, fragte Elenna und schirmte das Sonnenlicht mit ihrer Hand ab.

„Ich glaube, ein Falke“, antwortete Tom.

Der prächtige graue Vogel landete auf einem der großen Felsen. Er stieß einen Schrei aus und starrte sie an.

Tom trat zu dem Felsen. „Wer hat dich geschickt?“, fragte er den Falken, denn ihm war klar, dass dies kein gewöhnlicher Vogel war. Tom ballte seine Fäuste. „Bist du ein Diener Malvels?“

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Der Vogel sah Tom aus glänzenden kohlschwarzen Augen an. Dann blickte er zu Storm hinüber und stieß wieder einen Schrei aus.

Tom wandte sich um. Storms Satteltasche klappte auf und Oradus Umhang, Stab und Hut flogen heraus. Sie wirbelten durch die Luft und nahmen ihre richtige Größe an. Dann schwebten sie herab und der Umhang nahm die Gestalt des guten Zauberers an. Der Hut schwebte darüber. Die Gestalt Oradus erschien. Er hielt den Stab fest und sah sie eindringlich an.

Der Falke schrie wieder und erhob sich dann in die Luft. Tom und Elenna sahen zu, wie der Vogel den Zauberer zweimal umkreiste und sich dann auf dessen ausgestrecktem Arm niederließ.

„Der Falke ist der nächste Gegenstand“, stellte Tom überrascht fest.

„Ihr habt eure Aufgabe wieder gut gemeistert, liebe Freunde“, sagte Oradu. „Das vierte Biest ist zurück in seiner Heimat und das vierte Portal ist geschlossen worden.“

„Was ist unsere nächste Aufgabe, Oradu?“, fragte Tom.

„Die nächste Aufgabe ist wahrscheinlich die schwerste, die euch je gestellt worden ist“, sagte der Zauberer. „Ihr müsst …“

Plötzlich neigte der Zauber den Kopf und starrte etwas hinter Tom und Elenna an.

Einen Moment später löste sich die geisterhafte Gestalt wie Nebel auf und Umhang, Hut und Stab fielen zu Boden. Mit lauten Warnrufen flog der Falke in die Luft hoch und verschwand Richtung Osten.

„Was ist los?“, fragte Elenna. „Wo ist Oradu?“

„Ich weiß es nicht“, sagte Tom und starrte auf die Zaubergegenstände.

Silvers Knurren ließ die Freunde herumwirbeln.

„Das sind sie!“, schrie eine vertraute Stimme. Es war Nathan, den sie gefesselt und geknebelt zurückgelassen hatten. Zusammen mit Peter kletterte er den Hügel hoch. Begleitet wurden sie von einem Dutzend bewaffneter Soldaten.

Toms Finger schlossen sich sofort um den Schwertgriff. Aber es waren zu viele Soldaten. Sie waren bereits umzingelt. Speerspitzen, Schwerter und Armbrüste waren auf sie gerichtet.

Tom ließ sein Schwert fallen und hob die Hände. „Wir ergeben uns“, sagte Tom. „Auch wenn wir für euer Königreich nur Gutes getan haben.“

„Nur Gutes, ja?“, grunzte Nathan, trat vor und packte Tom am Handgelenk. „Seht ihr das? Da klebt Blut an seinen Händen.“

„Und da liegt sein Opfer“, sagte Peter und deutete auf den verwundeten jungen Mann.

„Nein, ihr versteht das nicht“, sagte Elenna. „Wir haben ihm geholfen. Das war das Biest!“

„Was für ein Biest?“, blaffte Nathan. „Wir sehen hier kein Biest.“ Er starrte Tom kalt ins Gesicht. „Ihr seid nicht nur Verräter, sondern auch Mörder!“

„Ich bin kein Mörder!“, rief Tom und versuchte, sich aus Nathans Griff zu befreien.

„Kein Wort mehr, Junge, oder ich werde dich auf der Stelle töten“, knurrte Nathan. „Und das gilt auch für das Mädchen. Ein Wort, und ihr seid tot.“

Tom starrte in das zornige Gesicht des Mannes. Elenna und er waren in einem fremden Königreich, ohne Freunde und umzingelt von ihren Feinden, die unter dem Befehl eines bösen Königs standen.

Tom drehte sich verzweifelt zu Elenna um.

Dieses Mal war ihre Mission endgültig vorbei.

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