Wir kennen uns seit 2004. Katrin Suder ist Physikerin und gelernte Strategieberaterin, war Staatssekretärin im Verteidigungsministerium und ist heute vielfache Aufsichtsrätin. Jan Kallmorgen ist Historiker und Politikwissenschaftler, hat als Journalist und Investmentbanker gearbeitet und hat verschiedene Thinktanks und Unternehmen gegründet. Wir sind beide Partner in Beratungsfirmen für geostrategische Fragen und haben in den letzten 20 Jahren eines gelernt: Ein auf ein einziges Thema verengter Blick ist nicht zukunftsfähig.
Es braucht verschiedene Erfahrungen, Denk- und Sichtweisen, die wir zusammenbringen müssen – um die Dinge im Zusammenhang zu »lesen«, um das große Ganze zu sehen und holistisch zu denken. Dazu ist es sicher hilfreich, wenn man Arbeitserfahrungen in vielen Bereichen gesammelt hat – Unternehmen, Finanzmarkt, Politik, Verwaltung, Medien, Thinktanks, NGOs – und bereit ist, die Perspektive zu wechseln, aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen und sich neue Einsichten zu erarbeiten.
Ich glaube an die Kraft von Expertise und von Perspektivwechsel. Meine feste Überzeugung als Physikerin ist, dass uns die Analyse von Daten, die Berücksichtigung von Fakten helfen kann, bessere Entscheidungen zu treffen. Um es mit Marie Curies wundervollen Worten zu sagen: »Man muss vor nichts im Leben Angst haben, man muss es nur verstehen.« Zu glauben, wir müssten nicht ins Detail gehen, wir könnten Komplexität ignorieren, ist vielleicht bequem, aber definitiv riskant, wenn nicht verantwortungslos. Für mich verblüffend ist, wie der notwendige Detailgrad je nach Thema und Land variiert.
Als Staatssekretärin im Bundesverteidigungsministerium war ich 2015 zu einem Besuch in Washington, der einem politischen Austausch in schweren Zeiten dienen sollte. Die Ukraine-Krise war in vollem Gange, der Irak-Konflikt kochte weiterhin und es hatten sich zahlreiche Terroranschläge ereignet. Nach einem Treffen mit Robert Work, dem damaligen stellvertretenden Verteidigungsminister der USA – quasi mein Counterpart, mit dem »kleinen« Unterschied, dass sein Etat mehr als zehnmal so groß war wie meiner –, war ich noch zu einem Gespräch in einem Washingtoner Thinktank geladen.
Es ging in dem Gespräch unter anderem auch um die Luftverteidigungsstrategie der Bundeswehr. Das war nicht ungewöhnlich; Fragen zur militärischen Aufstellung und Ausrüstung werden in amerikanischen Denkfabriken schon seit jeher erörtert. Meine Gesprächspartner wollten sich ein Bild machen, denn es ging um Sicherheit und Stabilität in der Welt – und was die Bündnispartner dazu beitrugen. Ungewöhnlich für mich war, wie außerordentlich gut die Mitarbeiter:innen des Thinktanks informiert waren, wie detailliert ihre Fragen ausfielen. Das Gespräch dauerte nur eine Stunde, aber sie brachten mich ins Schwitzen, so präzise waren ihre Fragen, so detailliert ihr Wissen. Sie wussten alles über die Reichweiten der Flugabwehr, über Kosten, die Ausstattung und viele andere Einzelheiten. Das hatte ich nicht erwartet.
Rückblickend betrachtet hätte ich damit aber rechnen sollen. Es ist die Aufgabe von Thinktankern, von Vordenker:innen, sehr genau Bescheid zu wissen, vor allem in einer sicherheitspolitischen Wendezeit. Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, ausgelöst durch die russische Annexion der Krim-Halbinsel, hatte damals eine militärische Auseinandersetzung in Europa wahrscheinlicher gemacht, die Frage nach Luftverteidigung war also längst keine akademische, sondern eine sehr reale, angesichts einer sehr realen Bedrohung.
Das eigentlich Überraschende für mich war jedoch: Während es in Washington Expert:innen gibt, die über militärische Detailfragen sehr genau Bescheid wissen, ist es in Deutschland schwer, außerhalb der Bundeswehr und des Verteidigungsministeriums jemanden zu finden, der überhaupt weiß, dass es eine Luftverteidigungsstrategie der Bundesrepublik gibt, geschweige denn sie präzise erläutern und vor allem auch bewerten kann. Ein sicherheitspolitisch hochrelevantes Thema – und doch finden sich dazu nur wenige inhaltliche Artikel in Zeitungen oder auf Online-Medien. Und die wenigen Denkfabriken, die sich hierzulande der Außen- und Sicherheitspolitik verschrieben haben, widmen sich kaum Fragen zu Gerät und Ausrüstung, jedenfalls nicht im Detail und auch nicht im strategischen Militärkontext. Überhaupt scheint es in Deutschland außerhalb der Ministerien kaum jemanden zu geben, der mit jener Expertise ausgestattet ist, die es ermöglicht, eine präzise, unabhängige und weitblickende Einschätzung der sicherheitspolitischen Lage vorzunehmen.
Die wundervolle Sylke Tempel, außenpolitische Vordenkerin und Journalistin, war eine der ganz wenigen Menschen eines solchen Formats. Eine Expertin, die auf Podien sprechen konnte, die man fragen konnte, die auch in TV-Talkshows eingeladen wurde, weil sie über Detail- und Kontextwissen verfügte und dieses auch zu vermitteln in der Lage war. Leider ist sie im Herbst 2017 verstorben, zu früh, viel zu früh, und seitdem ist dieser Platz sehr oft leer. Wenn es um Außenpolitik geht, sitzen in den Talkshows in der Regel Außenpolitiker wie Norbert Röttgen oder Alexander Graf Lambsdorff. Sie und andere differenzierte Stimmen sind wichtig und liegen mit ihren Einschätzungen oft richtig, aber insgesamt leidet der Berliner Diskurs – gerade im Vergleich zu London, Paris oder Washington – an strategischer Tiefe. Wolfgang Ischinger, Deutschlands ehemaligem Botschafter in den USA und Großbritannien, ist es als Vorsitzendem der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) gelungen, die jährliche Veranstaltung im Bayerischen Hof zu der wohl wichtigsten Plattform für geopolitische Fragen und Entscheider auszubauen. Er empfiehlt Unternehmen schon lange, sich intensiv mit außen- und sicherheitspolitischen Fragen zu beschäftigen – und Europa, endlich handlungsfähig zu werden.
Am stärksten fällt mir nach inzwischen bald zehn Jahren intensiver Beschäftigung mit internationaler Sicherheitspolitik auf, dass gerade der Austausch fehlt. Und zwar nicht nur der verbale, sondern auch der praktische Austausch – zwischen Politik und Wirtschaft, Politik und Beratung, Kapitalmarkt und Denkfabrik oder Politik und Technologen. Austausch bedeutet, dass auch einmal (besser: mehrmals) die Sessel, die Blickwinkel, die Verantwortlichkeiten getauscht werden, um verschiedene Seiten eines Problems kennenzulernen. Daraus ergeben sich neue Sichtweisen, neue Einblicke – an denen man dann andere teilhaben lassen kann, damit auch diese profitieren. Doch dieser regelmäßige Seitenwechsel, dieses Querwechseln, wie wir es gerne nennen, ist in Deutschland noch unterentwickelt. Mal in die Politik, mal in die Wirtschaft: Nein, das macht man bei uns nicht. Man entscheidet sich für einen Weg, und der wird nicht verlassen. Und wenn doch, dann nur ein einziges Mal, ein Zurück ist selten. Zudem erweist sich das inflexible Beamtenrecht als eine der Haupthürden für mehr Durchlässigkeit zwischen Politik und öffentlichem Leben.
Das ist bedauerlich, verschließen wir uns doch damit selbst anderen Sichtweisen, einem Perspektivwechsel, einem Gewinn an Diversität. Die Thinktanks in den USA funktionieren auch deshalb so gut, weil dort die Bewegung, das Hin und Her, das Querwechseln sozusagen institutionalisiert ist. Wer aus der Politik ausscheidet, geht in eine Denkfabrik, in die Wirtschaft oder in die Beratung. Und wenn es später einen Regierungswechsel gibt, ist es nicht ungewöhnlich, erneut ein politisches Amt zu übernehmen. Aus meiner Sicht – und ja, aus meiner eigenen Erfahrung – ist Querwechseln ein hochgradig belebendes Element. Uns hingegen fehlt diese Durchlässigkeit, dieser frische Wind, vielleicht fehlt es auch am Willen. Hier scheinen die einen an Ämtern und Sitzen zu kleben und die anderen etwas überheblich über die Entscheidungswege in der Politik die Nase zu rümpfen, anstatt sie besser – und zwar möglichst von innen – kennenzulernen.
Wenn in Deutschland ein Wechsel von der Wirtschaft in die Politik stattfindet, dann meist am Ende der jeweiligen Laufbahn, nämlich dann, wenn man ins Rentenalter kommt, eine Reihe von Vorstandsposten in Unternehmen und Konzernen innehatte und sich sozusagen als Krönung der Laufbahn auf die Liste einer Partei setzen lässt oder einen Beauftragten-Titel bekommt. Umgekehrt findet ein Wechsel von der Politik in die Wirtschaft meist statt, wenn einem nach Jahrzehnten der politischen Kärrnerarbeit der Aufstieg in die höchsten Ämter dann doch verwehrt bleibt, man deshalb aus der Politik ausscheidet und sich schließlich auf einen Vorstands- oder gut bezahlten Beraterposten setzen lässt. Erfolgreich sind dabei die wenigsten.
Anders sähe es aus, wenn es einen ständigen Austausch und somit mehr Durchlässigkeit zwischen beiden Welten gebe, Stichwort: Horizonterweiterung. Denn wir lösen die großen Fragen nicht, indem wir unseren Blick ängstlich verengt halten, sondern indem wir unterschiedlichste Perspektiven, Erfahrungen und Argumente mit Offenheit, Neugier und Respekt integrieren. Das ist die Grundlage von Diversität. Und längst ist klar: Diverse Teams liefern bessere Ergebnisse.
Deshalb ist mir dieses Buch so wichtig. Für mich ist es neben allen inhaltlichen Aussagen ein Appell, sich nicht in einer einzigen Disziplin häuslich einzurichten und einen einmal eingeschlagenen Weg nicht als den alleinigen zu betrachten. Nichts schärft die Urteilsfähigkeit mehr, als sich ein möglichst breites Bild zu machen, möglichst viel Wissen aufzunehmen, auch und gerade aus Bereichen, die einem sperrig und unzugänglich erscheinen. Urteilsfähigkeit wird einem nicht an der Uni mit dem Abschluss verliehen, sie erwächst auch nicht aus intensivem Twitter- und YouTube-Studium. Urteilsfähigkeit erarbeitet man sich vielmehr durch Erfahrungen, durch Perspektivwechsel, durch Querwechseln, durch die Kärrnerarbeit des Verstehens von komplexen Zusammenhängen.
Dieses gemeinsame Buch mit Jan Kallmorgen ist für mich in gewisser Weise eine schriftgewordene Aufforderung, querzuwechseln – oder doch zumindest auch einmal gegen den Strich zu denken. Denn weder lassen sich heute unternehmerische Entscheidungen ohne politisches Wissen treffen, noch kann Politik gemacht werden, ohne deren ökonomische Folgen zu berücksichtigen.
Mich haben schon immer lange geschichtliche Linien und die größeren politischen Zusammenhänge fasziniert – Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen sowie kulturellen Strömungen und ökonomischer Stärke, zwischen Demografie, Wirtschaftsdynamik und militärischer Macht. Der Gegensatz zwischen den Ideen von Kant und der Aufklärung und den Ideologien der Unfreiheit. Weshalb gibt es immer noch Diktatoren? Warum haben sich die Werte des Westens – Freiheit, Eigenverantwortung, Schutz der Schwächeren oder das Rechtsstaatlichkeitsprinzip – nicht längst weltweit durchsetzen können? Dass die unsichtbare Hand des Markts nicht immer funktioniert und die Demokratie oft zu viele Kompromisse machen muss, ist ja unbestritten. Aber welche Systeme haben mehr Frieden und Wohlstand hervorgebracht?
Katrin Suder und ich lernten uns 2004 beim Young-Leaders-Programm der Atlantik-Brücke kennen. Wir befanden uns auf Schloss Neuhardenberg in Brandenburg nahe der deutsch-polnischen Grenze. Ich war gerade nach zweijähriger Ausbildung an der Georgetown School of Foreign Service und begleitenden Tätigkeiten bei AT Kearney und der Weltbank in Washington sowie drei Jahren bei Goldman Sachs in New York, London und Frankfurt nach Berlin zurückgekehrt, wo ich mich außenpolitischen Themen widmen wollte. Dafür bot das Programm einen idealen Einstieg. Je 20 Amerikaner und Deutsche werden zu einer einwöchigen Konferenz mit hochkarätigen Referenten zusammengebracht, wobei viel Wert auf einen intensiven Austausch und den Aufbau von Netzwerken zwischen den Teilnehmern gelegt wird. Im Mittelpunkt standen Fragen der transatlantischen Beziehungen und der Rolle Deutschlands in der Welt. Auf diese Themen fühlte ich mich durch mein Studium an der School of Foreign Service im alten Herzen Washingtons, wo seit 1919 unter anderem Amerikas Diplomaten ausgebildet werden, gut vorbereitet. Dort ging es vom ersten Tag an zur Sache: »Sie fertigen bis morgen Mittag ein Memorandum für den Nationalen Sicherheitsberater über die Optionen der USA im Umgang mit Nordkorea angesichts dessen Plänen für eine atomare Bewaffnung an. Struktur: Lage, Optionen, Empfehlungen. Länge: maximal eine Seite. Wer mehr schreibt, erhält ein F (failed).« Diese Ansage kam im August 1998 von Bill Clintons ehemaligen Chefunterhändler für Nordkorea, Robert Gallucci, der inzwischen Dekan der School of Foreign Service war und uns Studienanfänger:innen von Anfang an klarmachen wollte: »Bei uns geht’s um Weltpolitik. Und hier unterrichten euch Leute, die Weltpolitik machen.« Das war prägend. Ebenso prägend war das intensive, interdisziplinäre Lernprogramm aus internationaler Sicherheits-, Wirtschafts- und Entwicklungspolitik. Das gab es in dieser Form in Deutschland nicht.
In Neuhardenberg wurde Katrin und mir exemplarisch klar, dass die außenpolitische Debatte in Deutschland ganz anders gelagert war als in den USA: Geopolitik wurde in Berlin auch 14 Jahre nach dem Fall der Mauer noch immer kleingeschrieben. Der Kontrast zu Washington konnte jedenfalls nicht größer sein. Dies gilt sicher nicht für die außenpolitische und diplomatische Elite unseres Landes, die »Community«. Doch diese war und ist nach wie vor relativ klein. Das Gleiche galt 2004 für die staatlichen Budgets für Außen- oder Verteidigungspolitik. Auffällig fand ich vor allem, wie wenig in außenpolitische Kommunikation und Überzeugungsarbeit investiert wurde. Zwar fährt die Bundesregierung jedes Jahr mit Millionenbudgets Öffentlichkeitskampagnen mit Themen, die von der Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs über die Förderung von energiesparenden Glühbirnen bis hin zu gesundheitlicher Aufklärung reichen. Hingegen kenne ich keine auf die breitere Öffentlichkeit zielende Kampagne, die Deutschlands und Europas globale Rolle bewirbt oder die sich damit beschäftigt, welche Risiken international unseren Wohlstand gefährden und welche Maßnahmen wir als Land dagegen ergreifen sollten.
Natürlich gibt es in allen Ministerien Kommunikationsabteilungen, und die Münchner Sicherheitskonferenz ist seit Jahren ein Flaggschiff für den strategischen Dialog zwischen den wichtigsten globalen Akteuren. Aber all dies erreicht kaum die breite Öffentlichkeit. Das ist problematisch: Denn wenn nur eine Elite über die sich massiv verschiebenden globalen Dynamiken und deren Konsequenzen spricht, wird es kaum möglich sein, eine breite Unterstützung für ein stärkeres außenpolitisches, sicherheitspolitisches oder entwicklungspolitisches Mandat für die Bundesregierung herbeizuführen. In Wahlkämpfen (wie zuletzt im Bundestagswahlkampf 2021) spielt das Thema Europa oder Weltpolitik allenfalls eine stark untergeordnete Rolle. Entsprechend gibt es nur wenige profilierte Abgeordnete, die sich profund zu diesen Themen äußern.
Mit einigen Mitstreiter:innen habe ich ab 2004 versucht, einen eigenen kleinen Beitrag für eine stärkere außenpolitische Debattenkultur in Deutschland zu leisten. Denn dies war eines der Ziele des überparteilichen und unabhängigen Thinktanks »Atlantische Initiative« (AI), den wir ins Leben gerufen haben und der sich der Stärkung der transatlantischen Beziehungen mit neuen Mitteln verschrieben hat. Anlass für die Gründung war das Zerwürfnis zwischen Deutschland und den USA infolge des Irak-Kriegs und eine gewisse Sprachlosigkeit zwischen Europa und Amerika. Wir wollten vor allem die junge Generation für die internationale Politik begeistern und transatlantische Diskussionen zwischen Bürgern auf beiden Seiten des Atlantiks stärken. Die Initiative gab zehn Jahre lang eine monatliche Publikation namens Global Must Reads heraus, welche die wichtigsten internationalen Analysen und Studien auf Deutsch zusammenfasste. 2005 gründeten wir den ersten virtuellen Thinktank für Außenpolitik, die bis heute existierende Plattform www.Atlantic-Community.org. Die FAZ bezeichnete sie als »Facebook für Außenpolitik«, da es uns vor allem darum ging, internationale politische Debatten und Diskussionen online zu führen. Diese gemeinnützige Arbeit hat mir immer besondere Freude bereitet, vor allem weil zu unserem Team stets viele junge, sehr smarte Leute aus Europa und den USA gehörten, denen der »Westen« etwas bedeutete.
Eine weitere Erkenntnis, die Katrin und ich 2004 teilten, lautete, dass in Deutschland sehr viel weniger der exportorientierten und global aufgestellten Unternehmen sicherheitspolitische oder geopolitische Risiken strukturiert analysierten, antizipierten und managten, als dies in den USA oder Großbritannien der Fall ist. Das haben Katrin und ich bei unseren Tätigkeiten in der Unternehmensberatung und im Banking aus der Nähe beobachten können. Wir hielten das beide für einen Fehler, der mittel- und langfristig zu einem Wettbewerbsnachteil der deutschen Industrie gegenüber ausländischen Unternehmen etwa in den USA, Großbritannien oder auch Frankreich führen würde, die entsprechende Ressourcen viel stärker einsetzen und nutzen.
Schon während meiner Tätigkeit bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik ab 2005 haben wir als Thinktank immer wieder mit Unternehmen und Verbänden über die Notwendigkeit struktureller geopolitischer Analysen und Beratung gesprochen. Doch bei den meisten deutschen Unternehmen stieß dieses Ansinnen auf nur lauwarmes Interesse. Man sponserte das eine oder andere internationale Projekt, nahm auch einmal an einer Konferenz teil, aber ansonsten konzentrierten sich die meisten Wirtschaftslenker auf Zahlen, die Profitmarge, die nächste Akquisition und eine möglichst gute Presse. Das ist alles nachvollziehbar, ein Konzern ist schließlich kein Außenministerium. Aber das geringe Interesse an globalen Fragen, die nicht unmittelbar das Geschäft berührten, jedoch gravierende Auswirkungen haben konnten, war vor allem bei weltweit tätigen, großen Mittelständlern bemerkenswert.
Wie ernst Geopolitik, genauer: ein Verständnis des Zusammenspiels von Außenpolitik, internationaler Wirtschaftspolitik und globaler Geldpolitik anderswo genommen wurde, zeigte sich in der Finanz- und Eurokrise: Dutzende von Investmenthäusern und Hedgefonds aus London oder New York zahlten gute Honorare für politische Risikoanalysen um die Kernfrage: Schafft es Deutschland, den Euro zu retten, ohne dabei die Maastricht-Kriterien und die Prinzipien von Haftung und Verantwortung außer Kraft zu setzen? Die großen Themen waren Schuldenexplosion, Bankenkollaps, Bailouts, Sprengung von Defizitgrenzen und die richtige Reaktion darauf in den EU-Hauptstädten, bei der EZB und dem Internationalen Währungsfonds. Was tun mit Irland, Griechenland, Portugal, Italien? Schuldenschnitte? Neue Stabilitätspakte? Ausschluss aus dem Euroraum? Verhandelt wurde tage- und nächtelang in Berlin und Paris, in Brüssel, mit Rom, mit Athen. Und auch in Karlsruhe, denn vor dem Bundesverfassungsgericht waren Klagen gegen die Bundesregierung wegen eines vermeintlichen Bruchs der EU-Verträge anhängig.
In dieser Gemengelage waren nicht nur volkswirtschaftliche und rechtliche Kenntnisse gefragt, fast noch wichtiger war das Verständnis von politisch-historischen Zusammenhängen und wieder aufkommender, emotional geprägter nationaler Vorurteile in der EU. Da gab es etwa das Narrativ von den »faulen Südeuropäern«, die auf Kosten der deutschen Steuerzahler leben wollten, aber ebenso verbale Attacken gerade gegenüber Deutschland, gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel und die ehemaligen Bundesfinanzminister Peer Steinbrück und Wolfgang Schäuble. Hier ging es tatsächlich um eine Mischung aus Außen-, Wirtschafts-, Geld- und Finanzpolitik und Europa-Diplomatie. Die Märkte wurden mehr und mehr von der Politik bestimmt.
Auffällig war auch hier wieder der Kontrast zwischen der aufwendigen und akribischen Analyse der Finanzinvestoren, wenn es um geopolitische Fragen ging, und der relativ passiven Haltung, die wir damals in der Industrie ausmachten. Natürlich hatten und haben die großen DAX-Player große und sehr gute In-house-Teams zur Bewertung von globalen politischen und volkswirtschaftlichen Fragen. Aber im hochgradig exportgetriebenen Mittelstand mit Milliardenumsätzen im Ausland gab und gibt es für die systematische Analyse von geopolitischen Faktoren und deren Auswirkungen auf Geschäftsmodelle oft keine oder nur wenige Ressourcen. Für das Gros dieser Unternehmen hierzulande war Geopolitik eben lange »etwas für die Thinktanks, da können Sie ihre Thesen diskutieren«, wie uns ein namhafter deutscher Unternehmer noch 2018 sagte. Über die Jahre haben Katrin und ich immer wieder Vorständen Briefings mit komplexen Szenarien gegeben, die mit viel Nicken aufgenommen werden, aber oftmals ohne dass daraus Konsequenzen im unternehmerischen Handeln gezogen würden.
Dann kamen die Einschläge allerdings immer näher: 2014 Annexion der Krim und Besetzung der Ost-Ukraine durch Russland. 2015 Flüchtlingskrise und nochmals Eurokrise mit Griechenland im Mittelpunkt. 2016 erst der Brexit, dann die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten. Und ab 2017 ein immer selbstbewusster auftretendes China. Schließlich Trumps Handelskriege und eine radikale Verschlechterung der transatlantischen Beziehungen und des Verhältnisses der USA zu China. Außerdem Autokraten oder Semi-Demokraten an der Macht in Russland, der Türkei, Brasilien und den Philippinen. Ungarn und Polen verstießen gegen EU-Rechtsstaatsprinzipien. Dazu der Klimawandel, Cyber-Kriege und schließlich COVID. Mit diesen Entwicklungen stieg das Bedürfnis nach einem genaueren Verständnis globaler Zusammenhänge. Denn es wurde ungemütlich. Und Zeit für dieses Buch.