Kapitel 5
Die Folgen für Unternehmen

Was bedeutet also die zunehmende strategische Realität und der Systemwettbewerb zwischen den USA und China für Europa und Deutschland? Worauf sollten sich Unternehmenslenker einstellen? Was ist in der Planung zu berücksichtigen?

Oft hört man in der deutschen Wirtschaft, dass eine Entkopplung der Weltwirtschaft bevorstehe und Unternehmen in Deutschland und Europa sich bald zwischen den beiden größten und wichtigsten Mächten »entscheiden« müssten. Schon 2019 gaben 78 Prozent der Führungskräfte aus Politik und Wirtschaft in einer Umfrage der Zeitschrift Capital an, dass sie fürchteten, sich aufgrund des Handelskonflikts zwischen China und den USA für eine Seite entscheiden zu müssen. Seitdem hat sich der Konflikt zwischen beiden Ländern, wie oben gezeigt, noch verschärft. Dennoch kann man aus unserer Sicht nicht von einer echten Entscheidung sprechen, die deutsche Unternehmen zwischen den USA und China treffen könnten. Denn trotz aller chinesischen Investitionen, trotz der Seidenstraße, die bis nach Duisburg reicht, trotz Dutzender chinesischer Infrastrukturprojekte in Europa sind die Verbindungen Deutschlands mit China in ihrer gesellschaftlichen, kulturellen und auch wirtschaftlichen Dimension nicht mit den transatlantischen Beziehungen vergleichbar.

Chinas Bedeutung als Markt ist unbestritten. Man kann bewundern, mit welcher Effizienz große Projekte in China umgesetzt werden, die technologische Aufholjagd ist beeindruckend, und es ist gut, dass Hunderte Millionen Menschen in den vergangenen Jahrzehnten aus der Armut befreit worden sind. Gleichzeitig können die Amerikaner sicher für viele ihrer weltpolitischen Aktionen der letzten Jahrzehnte kritisiert werden, die Polarisierung in den USA ist besorgniserregend, und es gibt erhebliche Unterschiede bei der Lösung von politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Und ja, die USA sind unter Trump auch vielen überzeugten Transatlantikern fremd geworden. Aber dennoch sind sich Europa und Amerika sehr viel näher als Europa und China. Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte, Pressefreiheit und freie oder soziale Marktwirtschaft gibt es in China nicht. Daher bleiben die USA für Europa der wichtigste strategische und natürliche Partner.

Organisationen wie die American Chamber of Commerce bieten Wege an, sektorübergreifend Brücken zu bauen und Politik und Wirtschaft zusammenzubringen. Damit können breite unternehmerische Themen, die alle Marktteilnehmer betreffen, behandelt und die notwendigen Rahmenbedingungen gemeinsam entwickelt werden. »Transatlantische Partnerschaften können so in Maßnahmen umgesetzt werden, die beiden Seiten helfen. Wenn hier Standards entwickelt und gesetzt werden, können Risiken gemindert und Chancen wahrgenommen werden«, sagt Simone Menne, Präsidentin der American Chamber of Commerce in Germany. Doch so wichtig es sei, in dieser weltpolitischen Lage Allianzen zu bilden, »wir dürfen uns auch nicht in Abhängigkeiten begeben«, so Menne.

Nicht auf einzelne Pferde setzen

Trotz aller Sorgen der amerikanischen Tech-Elite um den Erhalt ihrer technologischen Vorreiterrolle verfügen die USA nach wie vor über eine starke Position: Sie haben den mit Abstand größten Kapitalmarkt der Welt, gerade im Venture-Bereich; unter den Top-Universitäten der Welt belegen amerikanische Universitäten die ersten vier Plätze, angeführt vom MIT in Boston und gefolgt von Stanford und Harvard. Die erste chinesische Universität taucht in den Rankings erst auf Platz 15 auf, die erste deutsche Universität, die TU München, auf Platz 50. Zudem investieren die USA seit Jahrzehnten Billionen US-Dollar in Forschung und Entwicklung – angefangen vom Aufbau des Silicon Valley bis hin zu den mehr als drei Milliarden US-Dollar, die allein das Pentagon 2020 in sogenannte Moonshot-Projekte im Rahmen ihres »Defense Agency Research Project« (DARPA) investierte.

Dieses »DARPA«-Programm wird deswegen auch in Deutschland häufig als Vorbild für die Förderung von Innovationen und Technologien, für die es kein privates Risikokapital gibt, genannt. Der Leiter der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND), Rafael Laguna de la Vera, sagt beispielsweise im Interview mit dem Handelsblatt: »DARPA wettet nicht auf einzelne Pferde, sondern auf das Rennen.« Und was China betrifft, so ist offensichtlich, dass die transatlantischen Partner bei der Beurteilung des Verhaltens der Volksrepublik meistens übereinstimmen, egal ob es um Diebstahl von geistigem Eigentum, mangelnde Reziprozität bei Marktzugängen, Menschenrechtsverletzungen, Transparenz oder den Mangel an demokratischen Strukturen geht.

Eine »Entscheidung« zwischen den USA und China steht also politisch, kulturell, gesellschaftlich und hinsichtlich unserer Werte nicht an. Die Herausforderung für Deutschland und vor allem die deutsche Wirtschaft liegt aus unserer Sicht primär in China selbst. Europa muss Strategien gegenüber China entwickeln. Zugleich ist eine partielle Entkopplung zwischen den USA, Europa und China, vor allem im Technologiebereich, bereits heute Realität. Hier wird der Druck aus den USA auf deutsche Unternehmen steigen, bestimmte Technologien und Vorprodukte nicht mehr nach China zu liefern, womöglich unter Androhung von Sanktionen. Auch werden chinesische Investitionen nach Deutschland und in die EU strenger geprüft werden. Schauen wir uns also die deutschen und europäischen China-Strategien genauer an.

Die Herausforderungen des chinesischen Marktes

In der deutschen Industrie gibt es hinsichtlich Chinas keine einheitliche Strategie, aber in einem Punkt sind sich alle einig: »Der Wettbewerb wird rauer und unterliegt immer stärker geoökonomischen Denkmustern«, wie Joachim Lang, seit 2017 Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) und einer der Vordenker zu globalen politischen Fragen in Berlin, im Gespräch mit uns sagt. »Wir müssen China als das wahrnehmen, was es ist: ein systemischer Wettbewerber.« Europa müsse, so Lang, »mit klarer Kante agieren«. Gerade in Zeiten von Protektionismus und zunehmender Abschottung einzelner Länder »erhalten wir unsere Wettbewerbsfähigkeit nur, wenn wir Europäer gemeinsam und selbstbewusst handeln«. Die EU hat sich 2021 auch tatsächlich gesammelt. Ab 2022 soll eine gemeinsame EU-Strategie greifen, deren Ziel statt einer neuen Seidenstraße ein global vernetztes Europa ist. »Die EU-Außenpolitik stellt dadurch die Konnektivität in ihren Mittelpunkt«, sagte EU-Außenbeauftragter Josep Borrell. Konnektivität ist ohnehin der Begriff, auf den man EU-weit immer mehr setzt. Eine bessere Konnektivität bedeute, so Borrell, eine Diversifizierung von Wertschöpfungsketten bei gleichzeitigem Abbau von strategischen Abhängigkeiten der EU und ihrer Partner. Aus Sicht der EU kann es nicht sein, dass ein EU-Beitrittskandidat wie Montenegro in die Knie gezwungen wird, weil das Land Schwierigkeiten hat, einen Milliardenkredit an China für sein Autobahnnetz zu bedienen.

Kontrollverlust in Piräus

Welche Dimension das Thema Abhängigkeit von Lieferketten erreicht hat, zeigte sich, als 2016 die chinesische Staatsfirma Cosco den Hafen von Piräus übernahm. Piräus ist die Nummer vier unter den europäischen Großhäfen, gleich hinter Rotterdam, Antwerpen und Hamburg. »Hier geht kein Schiff raus oder rein, das die Chinesen nicht wollen«, sagte ein früherer griechischer Marineminister gegenüber dem Berliner Tagesspiegel. Piräus gilt als so etwas wie der Endpunkt der maritimen Seidenstraße, die von China über den Indischen Ozean ins Rote Meer verläuft. Der frühere EU-Kommissar Günther Oettinger weist ebenfalls im Tagesspiegel darauf hin, dass die chinesische Cosco und ihre Schwesterfirma China Merchant bereits in 14 europäischen Häfen – von Rotterdam und Antwerpen über Le Havre, Bilbao, Valencia, Marseille und Malta – eigene Terminals oder Anteile an Hafengesellschaften besitzen. Weltweit kontrolliert Peking mittlerweile jedes vierte Container-Terminal. »Damit verliert Europa ein Stück Souveränität«, sagt Frankreichs Ex-Premier Jean-Pierre Raffarin über den Ausverkauf der Häfen.

Wird es der EU angesichts dieses Kontrollverlusts gelingen, ihre geopolitische Handlungsfähigkeit wiederherzustellen? Rudolf Adam, ein erfahrener deutscher Diplomat und Geopolitik-Experte, ist skeptisch: »Nachdem man den Fuchs in den Hühnerstall gelassen hat, will man ihn jetzt wieder hinaustreiben. Das wird kaum gehen – zumindest nicht gegen den Widerstand der Chinesen –, es sei denn, man greift zu drastischen Methoden wie Enteignung – aber darauf werden die Chinesen ihrerseits mit Vergeltungsmaßnahmen antworten«, sagt er uns im Gespräch.

Auf jeden Fall sind die westlichen Staaten nun »am Ende der Naivität« angelangt, wie es FDP-Außenpolitikexperte Alexander Graf Lambsdorff in einem Interview mit der WirtschaftsWoche formulierte. Er rechnet mit einer weiteren Verschlechterung der Handelsbeziehungen mit China. Als Gründe nannte Lambsdorff: »Die Kommunistische Partei Chinas will die Wirtschaft eng kontrollieren, Parteizellen werden in allen Firmen positioniert. Auch der Know-how-Abfluss geht weiter.« Für Europa und Deutschland empfiehlt der FDP-Politiker daher die Erschließung neuer und tiefer Märkte in anderen asiatischen Staaten. Dies sei »absolut zentral, wenn wir unseren Wohlstand in Europa – und auch unsere Unabhängigkeit – bewahren wollen«.

Eine schwierige Rechnung: 17+1

»Im Sinne einer strategischen Risikoabsicherung müssten Deutschland und Europa die Fähigkeit zu einer China-Politik schaffen«, heißt es in einem Papier der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), des von der Bundesregierung getragenen Thinktanks, dessen Leiter Stefan Mair sowohl ein ausgewiesener Außenpolitikexperte ist als auch lange in der Hauptgeschäftsführung des BDI tätig war. Doch eine gemeinsame China-Politik der EU ist leichter angekündigt als umgesetzt, denn dazu müssten die EU und ihre 27 Mitgliedsstaaten zunächst einmal gemeinsame Interessen definieren, was angesichts der chinesischen 17+1-Politik schwierig werden dürfte. An diesem 17+1-Format sind insgesamt 17 Staaten Ostmitteleuropas sowie China beteiligt. Das Forum besteht seit 2012, man trifft sich einmal jährlich. Das Kritische daran: Zwölf der teilnehmenden Staaten sind EU-Mitgliedsländer, darunter Ungarn, Griechenland und Italien.

Investitionsabkommen der EU mit China auf Eis

Trotz der nicht einheitlichen EU-Linie gegenüber China – und starken Widerstands aus Washington – war es der Regierung von Angela Merkel und der deutschen EU-Ratspräsidentschaft mit leiser Unterstützung des französischen Präsidenten Emmanuel Macron in den letzten Stunden des Jahres 2020 gelungen, ein Investitionsabkommen mit China durchzupauken. Dieses »Comprehensive Agreement on Investment«, kurz CAI, soll den Marktzugang europäischer Unternehmen bei Investitionen in China verbessern. Deutsche Firmen sahen in dem Abkommen durchaus eine große Chance. Doch nun liegt es aufgrund massenhafter Sanktionen Chinas gegen westliche Akteure auf Eis. Eine Mehrheit dafür im Europäischen Parlament ist nicht absehbar – vor allem seit Peking im Frühjahr 2021 gegen vier Europaparlamentarier, unter anderem den prominenten Grünen-Politiker Reinhard Bütikofer, und einige Institutionen Sanktionen erlassen hat, weil diese die Menschenrechtssituation in den Uiguren-Gebieten öffentlich angeprangert hatten.

Dabei hatten viele große Hoffnungen auf das Abkommen gesetzt. Es versprach mehr Rechtssicherheit für Unternehmen, auch hätte sich China stärker an internationale Arbeitsnormen halten müssen, und vor allem erhofften sich viele Firmen einen verbesserten Marktzugang. Doch China hat gezeigt, wie wenig das Land davon hält, wenn seine Menschenrechtsverletzungen angeprangert werden. gleich von innen oder von außen. Das Fazit des EU-Außenbeauftragte Josep Borrell lautete daher auch: »Die Beziehungen werden immer schwieriger.«

China-Exit keine Option

Trotz dieser Schwierigkeiten denkt die überwiegende Zahl der deutschen Industrieunternehmen nicht daran, den chinesischen Markt aufzugeben. Ob BASF, Volkswagen oder Siemens neben großen Teilen des deutschen Mittelstands – für die meisten ist China ein »break or make market«, wie uns ein Aufsichtsrat einer großen Chemiefirma sagte. Die Wachstums- und Gewinnperspektiven im Reich der Mitte sind für viele deutsche Player einfach zu groß. Nicht zuletzt hängt bei vielen der Erhalt von Arbeitsplätzen am Erfolg des Unternehmens auf dem chinesischen Markt. Entsprechend sagte BDI-Präsident Siegfried Russwurm in einem Interview mit dem Handelsblatt im Januar 2021: »Eine Abgrenzung von China wäre schädlich.« Zudem sei »China auch abhängig vom Rest der Welt«. Bei vielen Unternehmen nehme die Expansion nach China sogar zu. Er bestätigt: Nicht zuletzt hängt auch unser Wohlstand von den Umsätzen in den weltweiten Märkten ab.

Eckart von Klaeden, früher Staatsminister im Kanzleramt, jetzt bei der Daimler AG für Politik und Außenbeziehungen zuständig, sagt: »Viele Firmen sehen sich immer öfter mit der Frage konfrontiert: Wo würden wir ohne den Umsatz in China, den USA oder Indien stehen?«

Dazu stellt eine Studie des Center Automotive Research nüchtern fest, dass von den durch Volkswagen, Daimler und die BMW-Group im Jahr 2020 weltweit verkauften rund 14 Millionen Autos 38 Prozent an Abnehmer in China gingen. Selbst wenn ihr Marktanteil in China konstant bleibt, könnten die Verkäufe der deutschen Hersteller in dem Land bis 2030 um 3,3 Millionen Fahrzeuge auf 8,7 Millionen pro Jahr ansteigen, was »in etwa der Größe des deutschen Automarkts entspricht«, wie es in der Studie heißt.

Umsatzrückgänge in China drohen

Gleichzeitig drohen der deutschen Industrie aus verschiedenen Gründen Umsatzrückgänge in China: So wächst laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln vom August 2021 der Konkurrenzdruck aus China für die deutsche Industrie, weil der Wettbewerb mit China nicht unter gleichen Bedingungen stattfinde. Chinas parteistaatlich gelenkte Hybridwirtschaft verzerre den globalen Wettbewerb zulasten von Unternehmen aus marktwirtschaftlich geprägten Volkswirtschaften.

Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, stößt in dasselbe Horn. Bereits im August 2020 warnte er im Handelsblatt vor einer schwächeren Nachfrage in China, denn das Land habe »seine Abhängigkeit von importierten Vorprodukten in den letzten 25 Jahren kontinuierlich reduziert«. Das sei in Zeiten eines boomenden Gesamthandels kaum aufgefallen, im Hinblick auf den zunehmenden chinesischen Protektionismus bedeute das aber für deutsche Maschinenbauer, Autozulieferer oder Feinchemiehersteller, sofern sie nicht in China produzierten, eine deutlich schwächere Nachfrage.

Ähnlich sieht das eine gemeinsame Studie der Bertelsmann Stiftung und des VDMA (Verband Deutscher Maschinen und Anlagenbau) aus dem Jahr 2021: Wenn China mit seiner 2025-Strategie Erfolg habe, werde es für Branchen, in denen deutsche Firmen traditionell stark und die für die Exportnation Deutschland von großer Bedeutung seien, unter anderem der Maschinenbau, sehr schwierig werden. So beschreibt die Studie Szenarien, wonach bei einem Erfolg von »Made in China 2025« mit einem signifikanten Rückgang deutscher Maschinen- und Anlagenexporte bis ins Jahr 2030 zu rechnen sei. Das 2019 erzielte Exportvolumen von 18 Milliarden Euro würde sich demnach bis 2030 auf 13 Milliarden Euro reduzieren. Die Macher der Studie empfehlen den Aufbau einer resilienten Strategie gegenüber China, für die es ein abgestimmtes europäisches Handeln bräuchte; noch besser sei die zusätzliche Koordinierung mit den USA. Denn: Wenn die 2025-Strategie erfolgreich sein sollte, werde Deutschland davon nicht profitieren. In der Studie heißt es: Je mehr Erfolg China mit seiner Industriepolitik hat, umso mehr Maschinen und Anlagen exportiert es auch in Drittländer, sprich: in Länder, in die bislang Deutschland exportiert.

Ist »good enough« wirklich gut genug?

Eine weitere Dimension erläutert BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang im Gespräch mit uns: »Es geht in manchen Bereichen nicht immer um Spitzenqualität«, so Lang. Immer mehr setze China auf das sogenannte »Good-Enough-Prinzip«: »In Deutschland wird eine Maschine produziert, die über zehn Funktionen verfügt. Zwar werden diese nur von wenigen Kunden alle gebraucht, aber sie stehen für die hohe Qualität, für Spitzenqualität. In China werden nun für bestimmte Märkte Maschinen hergestellt, aber nur mit fünf Funktionen, den wichtigsten. Das reicht meistens aus, eben ›good enough‹ – und diese Maschinen sind, das ist der entscheidende Punkt, meist nur halb so teuer wie eine Maschine aus Deutschland.« Und in weniger finanzstarken Regionen wie Südostasien oder auch Afrika werden dann eben Maschinen aus China bestellt. Diese Nachfrage müssen wir auch bedienen können. »Kürzlich habe ich bei einem Unternehmen eine Maschine gesehen, die kann innerhalb einer Sekunde ein kompliziertes Metallteil bearbeiten, früher haben sie dafür drei Maschinen hintereinanderschalten müssen und hatten einen höheren Zeitaufwand. Heute geht das innerhalb einer Sekunde, das ist absolutes Highspeed. Aber für einen Kunden in Indonesien sind auch 30 Sekunden in Ordnung, vor allem, wenn die Maschine dann deutlich günstiger ist, und genau diese Kunden wird China bedienen. Die herausragenden Produkte mit Spitzenqualität haben ihren Kundenkreis, aber hohe Qualität mit geringerer Funktionalität hat auch ihre Fans. Vor allem auch, weil sich Technologien rasch wandeln. Es ist ja etwa im Fall der Zündkerze nicht sicher, wie lange es bei steigender E-Mobilität überhaupt noch einen Bedarf an Zündkerzen geben wird.«

Wie es generell mit dem Bedarf an deutschen Maschinen aussieht, wird sich ohnehin weisen. Die GTAI hat im Sommer 2021 gemeldet, dass China im Jahr 2020 erstmals der größte Exporteur von Maschinen weltweit war. Laut GTAI hatten deutsche Maschinenbauer ihre weltweiten Lieferungen von 2010 bis 2020 lediglich um 8,7 Prozent gesteigert. Anbieter aus dem Reich der Mitte haben ihre Exporte im gleichen Zeitraum hingegen nahezu verdoppelt. Den errungenen Vorsprung im Maschinen- und Anlagenbau, so die GTAI, dürfte China 2021 mit Sicherheit weiter ausbauen. Der Trend zeigt, dass der deutsche Export auch dieses Segment langfristig verlieren könnte.

Eine der bekanntesten Unternehmenschef:innen Deutschlands, Nicola Leibinger-Kammüller, Gesellschafterin des Maschinenbauers Trumpf, eines Weltmarktführers unter anderem in Lasertechnologie, hält dagegen. Man profitiere kurzfristig von Chinas Wirtschaftsstrategie, sagte Leibinger-Kammüller im Juli 2020 im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. »Auch wir erhalten Subventionen, wenn wir ein Gebäude dort bauen, Technologie lokalisieren. Und auch wir bekommen mittlerweile gut ausgebildete Ingenieure von chinesischen Universitäten, unsere Steuerlast wird halbiert, wenn wir dort Patente anmelden.« Aber natürlich verfolge China dabei eigene Interessen – alles dort sei eben staatlich gut durchgeplant. »Im Moment sind wir noch Teil des Plans und wir können teilhaben.« Selbstbewusst weist sie darauf hin, dass sie nicht auf »good enough« setzt: »Wir europäischen Maschinenbauer haben eben noch immer einen gewissen technologischen Vorsprung, der in China willkommen ist.« Natürlich komme China Jahr für Jahr näher, letztlich müsse die Frage immer lauten: »Wie groß ist der Nutzen und wie groß ist das Risiko?«

USA versus China: Was ist zu tun? Handlungsempfehlungen

Wie sollen sich deutsche Unternehmen also gegenüber China und angesichts des wachsenden westlich-chinesischen Systemkonflikts verhalten?

Strategie

Angesichts der zu erwartenden Zunahme der Spannungen zwischen den USA und China sowie zwischen der EU und China sollten Unternehmen ihre China-Strategie grundsätzlich überprüfen und dabei neben den Umsatz- und Gewinnmöglichkeiten die Risiken stärker berücksichtigen. Etwa IP-Diebstahl, diskriminierende Behandlung durch die KP, Überwachung von Mitarbeiter:innen durch »Social Scoring«, Export- und Importbeschränkungen, Sanktionen oder sogar Enteignungen bei Nichtbeachtung von Regierungsvorgaben. Eine Diversifizierung und Verlagerung von Produktion und Wertschöpfungsketten aus China heraus betreiben bereits viele Unternehmen, und die Überprüfung von alternativen Standorten in Asien – oder Australien – ist sinnvoll.

Technologie

Ein Feld, auf dem sich deutsche Unternehmen tatsächlich zwischen beiden Märkten werden entscheiden müssen, ist die Hochtechnologie. Das gilt vor allem für die Bereiche, in denen die USA versuchen, Chinas Ambitionen gemäß der 2025-Strategie auszubremsen oder den Technologietransfer zu verhindern. Zu diesen Bereichen gehören die Halbleiterindustrie mit ihren Zulieferern wie Laser oder Feinoptik, Cyber-Software, Luft- und Raumfahrt, Quantencomputertechnologie oder Verteidigungssysteme. Hier werden sich in Zukunft die mit dem Schicksal von ASML vergleichbaren Beispiele häufen und CEOs müssen sich darauf einstellen, einen Anruf aus dem US-Außenministerium oder dem Weißen Haus zu bekommen, mit dem eindringlichen Appell, bestimmte Technologien nicht mehr nach China zu liefern.

Wertschöpfungsketten und Menschenrechte

Zudem sollten deutsche Unternehmen ihre Produktion und Wertschöpfungsketten genau dahingehend überprüfen, wo Restriktionen oder Sanktionen von amerikanischer oder chinesischer Seite drohen könnten. Denn Washington wie Peking verschärfen ihre Instrumentenkästen. Vor allem versuchen die USA, sensible Exporte nach China auch aus Drittländern zu sanktionieren; dazu hat das US-amerikanische Wirtschaftsministerium 2020 entsprechende Richtlinien veröffentlicht. Dass Washington versucht, US-Gesetze auch außerhalb der USA anzuwenden, ist bekannt und wird noch zunehmen, etwa wenn es um die Verletzung von Menschenrechten in Lieferketten geht.

M&A/Unternehmensübernahmen

Auch werden politische Verbote von Unternehmenskäufen oder -übernahmen durch chinesische Käufer in den kommenden Jahren zunehmen. In den USA wurden in den vergangenen Jahren kaum noch relevante Technologie-Deals mit chinesischer Beteiligung genehmigt – und wenn, dann nur unter strengen Auflagen. Darüber wacht das interministerielle und mächtige CFIUS (Committee on Foreign Investments in the United States). Ein ebenso scharfes Schwert haben wir sowohl in der EU als auch in Deutschland nicht. Immerhin wurde in den vergangenen Jahren mehrfach die Außenwirtschaftsverordnung verschärft, was sich unter anderem gegen chinesische Unternehmen und Investoren richtete. Hier sind eine genaue juristische und politische Analyse und laufendes Monitoring zu empfehlen.

Geistiges Eigentum

Jedes Unternehmen muss wissen, dass in China andere Auffassungen von geistigem Eigentum und der Unverletzlichkeit der Privatsphäre und der Kommunikation herrschen. China ist weiterhin bemüht, ohne großen eigenen Aufwand an Produktionsgeheimnisse ausländischer Firmen zu kommen und auf diesem Weg Investitionen in Forschung und Entwicklung weitgehend »kostenlos« abzuschöpfen. Von China gehen mittlerweile auch einige der raffiniertesten und gefährlichsten Hackerangriffe aus.

Kommunikation

Wenn der Westen seine Überzeugung von freiem Wettbewerb ernst nimmt, muss er der Expansion Chinas ein eigenes, besseres, akzeptableres Konzept entgegensetzen. Das bedeutet, auf egalitäre Wettbewerbsbedingungen zu achten. Hier haben westliche Regierungen viel zu lange beide Augen zugedrückt und China einseitige Vorteile durchgehen lassen, die sich jetzt rächen und nur schwer wieder rückgängig zu machen sind. Aufgabe der in China tätigen Unternehmen wird es sein, derartige Wettbewerbsverzerrungen und Diskriminierungen deutlich zu benennen.

Alternative Märkte – Chancen und Risiken

Eine weitere strategische Empfehlung an Vorstände und Aufsichtsräte lautet, konkret und verstärkt auf neue Wachstumsregionen zu blicken.

Die ASEAN-Staaten, vor allem Vietnam, bieten sich als alternatives Investitionsziel und als Standort für Produktionen, die in China unmöglich werden, geradezu an. Diese Option wird von vielen Unternehmen bereits wahrgenommen, und auch wir empfehlen, eine Diversifikation von Produktion in die Region zu prüfen, um die Abhängigkeit vom chinesischen Markt zu verringern und zugleich in den südostasiatischen Wachstumsmärkten präsent zu sein oder zu bleiben.

Auch die Bedeutung von Taiwan, Japan, Südkorea, Australien und Neuseeland wird zunehmen. Sie alle bieten, wenn auch zu völlig unterschiedlichen Bedingungen, eine Möglichkeit, China zu verlassen, aber dennoch in der Region präsent zu bleiben. In einem Systemkonflikt zwischen den USA und China werden sie sich eher auf die Seite der USA schlagen – es sei denn, Zweifel an der Bereitschaft und der Fähigkeit der USA, die Sicherheit dieser ostasiatischen Staaten auch gegen Übergriffe seitens China zu verteidigen, führten zu einer grundlegenden Neubewertung ihrer strategischen Sicherheit. Der ehemalige US-Präsident Trump hat die Bereitschaft seines Landes zur Verteidigung Taiwans offen angezweifelt, und nachdem die USA nicht in der Lage waren, ihre Verbündeten in Afghanistan wirksam zu schützen, sind auch die Zweifel an ihrer diesbezüglichen Fähigkeit gewachsen. Entsprechend stark bemüht sich die Biden-Administration um eine Bestätigung ihrer Allianzen in Asien.

Indien ist der kommende Gigant, der in der nächsten Dekade China in puncto Einwohnerzahl überrunden wird. Auch Indien ist geplagt von politischen und sozialen Spannungen, von dem Gegensatz zwischen überbordendem Reichtum und bitterster Armut, zwischen Analphabetismus und manchmal fanatischer Religiosität sowie bestens ausgebildeten, säkularisierten Weltbürgern. Weltweit nehmen Inder:innen zunehmend Führungspositionen ein – mit großem Erfolg. Viele deutsche Unternehmen haben Indien inzwischen als Werkbank entdeckt, vor allem im Dienstleistungsbereich. Auch Indien ist kein leichter Partner, aber es ist aufgrund seiner günstigen Lage zwischen den kaufkräftigen Märkten in China und in Europa eigentlich dafür prädestiniert, auf beiden Märkten eine größere Rolle zu spielen.

Afrika bleibt der am meisten unterschätzte und vernachlässigte Kontinent. China hat vorgemacht, was dort möglich ist. Weshalb sollte westlichen Unternehmern nicht Ähnliches gelingen? Womit wir bei der Gretchenfrage der Politik sind: Soll man zunächst auf guter Regierungsführung (Good Governance) bestehen und erst dann investieren? Oder investiert man in der Hoffnung, dass sich mit höherem Lebensstandard und besserem Zugang zu Bildungseinrichtungen auch die Governance verbessern wird? Afrika ist aber nicht nur reich an Bodenschätzen, es hat auch ein enormes Potenzial an agrarischen Produkten. China ist hier bereits eingestiegen und hat riesige Anbauflächen aufgekauft. An sich böte es sich an, dieses Potenzial stärker für die Afrika unmittelbar benachbarten Regionen zu nutzen, also für Europa und den Nahen Osten. Das würde allerdings unter Umständen eine Anpassung der derzeitigen Agrarpolitik der EU erfordern. Das Bildungsniveau der Bevölkerung in Afrika steigt, auch die Mobilität nimmt zu. Wer künftige Migrationsströme aus Afrika vermeiden will, tut gut daran, jetzt in Afrika Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen, die auch anspruchsvollen Menschen dort eine attraktive Option des Bleibens eröffnen.

Süd- und Mittelamerika standen wie kaum eine andere Überseeregion traditionell im Mittelpunkt des Interesses europäischer Kaufleute und Investoren. Die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen haben sich dort in jüngster Zeit eher verschlechtert: Venezuela ist derzeit, obwohl einer der potenziell reichsten Erdölstaaten, ein »Failed State«, Brasilien und Argentinien haben ein riesiges Potenzial, auch wenn sie gegenwärtig kaum aus ihrer Dauerkrise herausfinden. Kolumbien muss mit einer weiterhin prekären Sicherheitslage kämpfen, in Mexiko tobt der Bandenkrieg unvermindert weiter. Trotzdem zeigt sich immer wieder, dass es mit entsprechend umsichtigen Vorbereitungen möglich ist, kleine Stabilitäts- und Wohlstandsinseln zu schaffen. Vor allem Mexiko vermag seine unveränderlichen geopolitischen Vorteile geschickt auszuspielen: Da ist vor allem der unmittelbare Zugang zum nordamerikanischen Markt, der auch durch Trumps Eskapaden nicht ernsthaft gefährdet war. Denn: Mexiko ist nach wie vor der Hauptexporteur von PKW und PKW-Teilen in die USA. Weitere Pluspunkte: der leichte Zugang über See sowohl von Europa wie von Asien aus, ein relativ gut aufgestelltes Bildungssystem, das vor allem zuverlässige Facharbeiter:innen hervorbringt, und eine europäische Sprache, die den kulturellen Zugang erleichtert.

Die Ukraine hat aufgrund der aus Sowjet-Zeiten noch wuchernden Korruption, der Schwäche ihrer politischen Institutionen, organisierter krimineller Strukturen und einer informellen Parallel- beziehungsweise Schattenwirtschaft große interne Probleme. Zugleich besitzt sie eine relativ gut ausgebildete, große Bevölkerung: Mit 42 Millionen Einwohnern ist die Ukraine fast so bevölkerungsreich wie Spanien und deutlich bevölkerungsreicher als Polen. Allerdings bedarf es eines Zusammenwirkens von Politik und privatem Engagement, um das Land zu stabilisieren und den Standort erfolgreich zu nutzen. Hier sind erste Ansätze erkennbar; so gibt es neue Initiativen von westlich orientierten Unternehmen in der Ukraine, die sich um einen engen Austausch mit Deutschland und Europa bemühen, und auf dem Gebiet der Wasserstoffforschung bahnt sich eine deutsch-ukrainische Partnerschaft an.

Bleibt noch eine Region, die nur schwach im Bewusstsein der meisten Deutschen verankert ist: Zentralasien. Es ist der natürliche Korridor zwischen Fernost und Europa; es bietet in der Regel zuverlässige Landverbindungen, sollten die Seelinien einmal blockiert sein – auch wenn in Zeiten anhaltender Lieferkrisen dieser Weg etwas mühsamer geworden zu sein scheint. Kasachstan hat unter dem autokratischen, aber aufgeklärten ehemaligen Staatschef Nursultan Nasarbajew den Sprung aus einer prämodernen Nomadenwirtschaft ins 21. Jahrhundert relativ erfolgreich gemeistert. Usbekistan könnte als Baumwolllieferant interessant werden, sollte China ausfallen. Turkmenistan sitzt auf Energieressourcen, die es selbst niemals nutzen kann. Hier laufen seit Jahren Gespräche über eine transkaspische Gas-Pipeline, die bei hinreichender Kosten-Nutzen-Analyse eine willkommene strategische Diversifizierung der Lieferwege fossiler Brennstoffe ermöglichen könnte.

Sehr viele Konzerne folgen bereits diesen Diversifizierungsstrategien. So hat der US-amerikanische Computerhersteller Dell seine Produktion von China auf die Philippinen, das Unternehmen HP seine Produktion komplett von China nach Vietnam verlagert. Und Apple ist dabei, Indien als neuen Produktionsstandort zu etablieren. Der amerikanische Finanzdienstleister Citibank zieht sich aus dem Privatkundengeschäft in China zurück und investiert verstärkt in die Vermögensverwaltung in Hongkong. Das sind alles Reaktionen auf den zunehmenden Druck im USA-China-Konflikt – Reaktionen, die auch deutsche Firmen zumindest in Betracht ziehen müssen.

Letztlich muss Deutschland, muss die EU den richtigen Rahmen setzen, damit die europäische Industrie und damit die Grundlage unseres Wohlstands die besten Chancen hat, weltweit erfolgreich zu sein. Dazu noch einmal BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang: »Die EU muss ihre geopolitische Handlungsfähigkeit erhöhen und in der Welt präsenter sein. Zentral ist eine umfassende und selbstbewusste EU-Strategie für die globale Schlüsselregion Indo-Pazifik. Wir müssen im Systemwettbewerb mit China unsere Agenda eng mit gleichgesinnten Partnern wie den USA oder Japan abstimmen.«