Ich hatte erzählt, dass mich bei Veranstaltungen, selbst bei Wirtschaftsunternehmen, irgendwann immer die Frage erreichte: «Kann künstliche Intelligenz genauso kreativ sein wie der Mensch oder vielleicht sogar kreativer?» Dahinter steckt eine Art Urangst: Wir sehen uns als Krone der Schöpfung. Anders als andere Spezies benötigen wir nicht endlose Generationen, um uns mittels genetischer Auswahl an die Umwelt anzupassen, sondern wir können dies mit unserem Kopf in der Sekunde erledigen, in der eine Herausforderung auftaucht. Zumindest haben wir uns das in den vergangenen paar Tausend Jahren so eingeredet.
Das meiste, was die künstliche Intelligenz vor November 2022 produziert hat, war Fachidiotie. Es gab einzelne Algorithmen, die halbwegs gute Lyrik verfassten, andere, die Fotos etwa im Stil des französischen Malers Claude Monet erzeugen konnten und wieder andere, die uns halbwegs sicher durch den Straßenverkehr bringen. Mit meiner Antwort: «Kreativ ist das nicht, aber es imitiert menschliche Kreativität schon ganz gut.» lag ich damals nicht falsch. Die großen Sprachmodelle und leistungsfähigen Bildgeneratoren, die gewaltigen Investitionen in Hard- und Software und die Steigerung der Leistungsfähigkeit der Algorithmen lassen meine Antwort heute eine andere sein: «Wir können einen Unterschied zwischen menschlicher und maschineller Kreativität nicht mehr erkennen!»
Selbstverständlich gibt es noch Ausnahmen. Wenn uns eine Sängerin auf der Straße mit ihrer Musik berührt, wenn die Kollegin einen Geistesblitz im Meeting hat, dann sind das außergewöhnliche Zeichen für menschliche Kreativität, die so nicht von einer Maschine kommen können. Auch Filme von einem genialen Regisseur wie Quentin Tarantino oder die ikonische Architektur des Japaners Tadao Andō können nur von diesen Personen kommen. Warum? Weil es Ausnahmen sind, Besonderheiten, Randerscheinungen. Das, was uns jedoch den ganzen Tag umgibt – Softwarecodes, anwaltliche Beurteilungen eines Falles, generische Popsongs, Einladungen zu Hochzeiten, Zusammenfassungen von Meetings, Designs für Websites oder Entwürfe für Wohnblöcke, ja, sogar ganz normale Gute-Nacht-Geschichten für Kinder – bei dieser Art von Alltagskreativität ist zukünftig vollkommen ununterscheidbar, ob sie von einem Menschen stammt, von einem Menschen, der eine Maschine bedient hat oder ganz autonom von einer Maschine. Willkommen in der schönen neuen künstlichen Welt.