Unabhängige Filmproduktionen und kleinere Projekte profitieren davon, wenn sie Teile des Produktionsprozesses automatisieren können. Das beginnt mit dem Schreiben und Analysieren von Drehbüchern, um beispielsweise die Struktur, das Tempo und die Dialoge zu verbessern. Gerade kleinere Projekte haben keine Profis für jede Aufgabe im Team. Mit dem Einsatz von KI-gestützter Software können Filmemacher auf der Grundlage weniger vorhandener Daten völlig neue Szenen, Charaktere und ganze Filmteile erstellen. Einen deutlichen Unterschied wird das Publikum auch bei visuellen Effekten merken. Hier sind mittlerweile atemberaubende Bilder in einer Qualität möglich, die sich früher nur große Studios mit gigantischen Budgets leisten konnten. Üblich werden synthetisch erzeugte 3-D-Modelle und Animationen. Algorithmen entfernen unerwünschte Gegenstände oder fügen neue Bestandteile zu einer Szene hinzu. Der VFX-Künstler Evan Halleck zeigte mir auf einer Medienkonferenz im Sommer 2023, wie zum Beispiel die aufwendige Bearbeitung von Schnittmasken, um Personen vor Hintergründen freizustellen, nicht mehr Bild für Bild erfolgen muss. Stattdessen erkennen die Algorithmen entsprechender Werkzeuge die Person und stellen sie für eine ganze Sequenz innerhalb eines Wimpernschlages frei. Laut Halleck führe diese Erleichterung aber auch dazu, dass er ständig Anfragen bekäme, «einen KI-Job für 10000 Dollar zu machen», der früher deutlich mehr Geld brachte.
Wenn die Produktionskosten stark sinken, wird es sogar möglich, kurze Formate nur durch die im Umfeld geschaltete Werbung zu refinanzieren. Für Nutzerinnen und Nutzer steigt dadurch die Vielfalt an Inhalten. Manche sprechen sogar von einer Demokratisierung der Filmbranche. Die bittere Pille: Diese Kostenreduktion gilt natürlich auch für Filme, deren Macher einen politischen oder einen Lobby-Auftrag haben. Das können Dokumentarfilme, aber auch Kampagnen-Videos sein, die ganz gezielt dazu erstellt werden, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen.
Durch die günstigeren Produktionsbedingungen ergeben sich auch für unabhängige Autoren, Musikschaffende oder Spieleentwickler ganz neue Möglichkeiten. Clarkesworld, ein Online-Magazin für Fantasy- und Science-Fiction-Geschichten, musste zeitweilig die Upload-Funktion für neue Inhalte einstellen: Unzählige, mithilfe von generativer KI erstellte Einreichungen hatten die Redaktion geflutet. Die waren zwar zum Großteil recht einfach gestrickt. Es dürfte aber nicht lange dauern, bis die Qualität von Geschichten, die durch die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine entstehen, deutlich steigt.
In der Musikbranche hat das Erstarken von Social Media dazu geführt, dass Schlafzimmer-Künstler und Hobby-Sängerinnen über Nacht zum Star werden können. KI-Werkzeuge, die von der Komposition über die Instrumentierung bis hin zum Gesangspart alle Bestandteile eines Songs übernehmen können, reduzieren die Aufwände, um Musik zu produzieren, noch weiter. Und das wird den Output ganz sicher weiter anwachsen lassen. Sir Lucian Grainge, der CEO der Universal Music Group, schätzte auf einer Konferenz, dass jeden Tag 100000 neue Tracks hochgeladen werden – und das war 2022, bevor generative KI ihren Siegeszug begann. Allein beim Streamingdienst SoundCloud waren es Mitte 2023 schon 120000 Tracks jeden Tag. Das führt zu der absurden Situation, dass es oft mehr Titel gibt als mögliche Hörer. SoundCloud gibt an, dass dort rund 24 Prozent der Titel kein einziges Mal gespielt worden sind.
Und so sorgt generative KI zwar dafür, dass es eine unendlich erweiterte Vielfalt an Songs gibt. Allerdings ist die Zahl möglicher Medieninhalte bereits heute so groß, dass nicht mehr der Zugang zur Vielfalt Luxus ist, sondern vielmehr die Begrenzung, die Kuratierung, die Einschränkung. Apple Music behauptet, bei der Zusammenstellung von Playlisten sehr stark auf menschlichen Geschmack zu setzen, ein Gegentrend, den auch andere Streamingdienste aufgreifen. Und das ist ein Aspekt, der uns in Bezug auf synthetische Medien noch häufiger begegnen wird: die Sehnsucht und Rückkehr zum Menschengemachten.