Es wäre verwunderlich, wenn nicht findige Menschen mit den neuen Möglichkeiten einfach Bücher, die in einer Fremdsprache geschrieben wurden, automatisiert übersetzen und dann als Selfpublishing-Titel einreichten. Ruhm und Ehre sind damit sicherlich nicht zu gewinnen, denn wenn der Schwindel auffliegt, drohen womöglich Strafen. Aber ein paar Hundert Verkäufe können auch schon mal einen schnellen Gewinn bedeuten. Tatsächlich beklagt genau ein solches Vorgehen das European Writers Council in einer Analyse aus dem September 2023: «Wir haben Fälle beobachtet, in denen Bücher illegal aus der englischen Originalsprache zum Beispiel ins Spanische und Portugiesische mittels Roboter-Übersetzung ohne Lizenz übersetzt und unter einem anderen Namen, meist bei Amazon Selfpublishing und oft sogar mit einem KI-Cover versehen, veröffentlicht wurden. Die Autorennamen wiederum ähneln absichtlich bekannten Namen. Die Einnahmen fließen an unbekannte Quellen.»
Für Leserinnen und Leser erhöht sich allerdings auch die Zahl der legal übersetzten Buchtitel in den kommenden Jahren deutlich, weil die Kosten für Übersetzungen sinken und dadurch eine größere Vielzahl an Nischen-Titeln verfügbar werden. Funstory.ai etwa, ein chinesisches Unternehmen, hat sich darauf spezialisiert, mittels maschinellem Lernen chinesische Romane zu übersetzen und dann als Lizenztitel ins Ausland zu verkaufen. Tong Ye, der CEO, gibt an, dass der Zeitraum zwischen Übersetzung und Veröffentlichung im besten Fall nur 48 Stunden beträgt. Üblicherweise dauert dieser Vorgang etliche Monate, wenn nicht sogar Jahre. Doch selbst, wenn der Prozess nicht vollautomatisch abläuft, sind KI-gestützte Übersetzungsprogramme schon heute wichtige Werkzeuge, auch für professionelle Übersetzerinnen und Übersetzer.
Zwischen einem möglichen neuen Buchtitel und einer Leserin stehen meist Verlag und Handel. Bei Verlagen entscheidet dann zum Beispiel eine Lektorin darüber, ob ein Titel – übersetzt oder in Originalsprache – überhaupt gut genug ist für den Markt. Sie übernimmt damit die Aufgabe, aus dem Meer an möglichem Content eine Auswahl zu treffen. Auch sie bekommt zukünftig besseren Zugang zu möglichen neuen Inhalten von überall aus der Welt, was hoffentlich die Verlagsprogramme bunter, vielfältiger und internationaler machen wird. Das wird allerdings nicht dazu führen, dass, anders als bei Social Media oder in der Musik, unendlich viele Bücher publiziert und hergestellt werden, denn verlegt wird nur, was Erfolg verspricht. Anders sieht es auf Plattformen wie Amazon Self Publishing aus. Hier kann jeder publizieren. Ganz sicher wird es deshalb ein neues Segment für schnell übersetzte Titel aus der ganzen Welt geben, die in erster Linie digital oder mobil konsumiert werden.
KI-gestützte Übersetzungen werden auch in anderen Mediengattungen dazu führen, dass die Welt zum Dorf wird. Bereits jetzt finden sich viele Beispiele für internationale Erfolge, nicht zuletzt auch deshalb, weil TikTok, YouTube oder Instagram globale Phänomene sind. Wer Lust hat, kann japanischen Köchinnen beim Zubereiten traditioneller Omelette zusehen oder australischen Gogo-Tänzern beim Erklären von Tanzschritten zusehen und sich dabei Übersetzungen in die eigene Muttersprache als Text einblenden lassen. Dafür ist auch heute schon künstliche Intelligenz zuständig.