Es braucht nur wenig Fantasie, um sich vorzustellen, wie auch Bildung von dieser neuen Vielfalt an Möglichkeiten profitieren kann. Vor wenigen Jahren besuchte ich einen Verlag in Südkorea, dessen Fokus die Vorbereitung auf staatliche Prüfungen war. Anders als bei anderen Bildungsverlagen, gab es keine dicken Wälzer, welche die Lernenden durcharbeiten mussten, sondern eine personalisierte Lernplattform. Der Verlag setzte auch künstliche Intelligenz ein, um auf Tests vorzubereiten. Größter Unterschied: Das Produktversprechen war das Bestehen der Prüfung und nicht das Bereitstellen aller theoretisch relevanten Inhalte.
Solche E-Learning-Plattformen werden zukünftig generative KI nutzen, um eine Vielzahl von Übungsmaterialien in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden zu erstellen, die jeweils an den aktuellen Wissensstand der Lernenden angepasst werden. Diese Technologie kann auch in die Entwicklung von Bildungsspielen und interaktiven Lern-Anwendungen einfließen. Mit fortschrittlicher Spracherkennung und -synthese sind sogar realistische Dialoge mit der KI, beispielsweise in Sprach-Lern-Apps, möglich.
Synthetisierte Inhalte haben das Potenzial, die Bildungslandschaft zu erneuern, weil sie maßgeschneiderte Lernerfahrungen für alle Altersgruppen liefern können. Eine Lehrerin kann auf dynamische Inhalte zurückgreifen, die in Echtzeit an den individuellen Lernstil und die Fähigkeiten eines bestimmten Schülers angepasst werden. Theoretisch wären dadurch differenzierte und persönliche Lernerfahrungen möglich, die dazu beitragen, dass alle ihr volles Potenzial entfalten können. Praktisch ist natürlich vor allem im staatlichen Schulsystem noch völlig unklar, wie eine Bewertung, Freigabe oder Kontrolle solcher Inhalte geregelt werden könnte. Bildungsverlage in Deutschland machen sich bereits daran, solche Plattformen bereitzustellen, sie haben gegenüber Technologieanbietern aus anderen Ländern zumindest den großen Vorteil, bereits bekannt oder zertifiziert zu sein. Doch ist man vor allem in Amerika, Südkorea oder China technisch schon weiter. Bei der Khan Lab School in Palo Alto etwa. Die Schule setzte früh die KI-Software Khanmigo als Mathematik-Hilfslehrerin ein. Wenn Kinder an Aufgaben mit Gleichungen, Funktionen oder Diagrammen arbeiten und Fragen haben, können sie diese in einer Chat-Box stellen. Das Programm erklärt dann mögliche nächste Schritte oder lenkt die Aufmerksamkeit auf konkrete Elemente am Bildschirm, mit denen die Kinder dann selbst der Lösung näherkommen sollen.
Diese Art der Inhaltsvermittlung könnte auch einen Beitrag zur Chancengleichheit leisten. Egal ob eine Schülerin in einer abgelegenen ländlichen Gegend oder in einer großen Stadt lebt – der Zugang zu hochwertigen Bildungsmaterialien ist überall über das Internet möglich. So könnten sogar Fächer angeboten werden, für die es lokal gar keine Lehrkräfte gibt. Ergebnis wäre ein gleichberechtigtes Bildungssystem, in dem der sozioökonomische Status oder der Wohnort der Lernenden weniger Einfluss auf ihre Bildungschancen haben als heute. Gleiches gilt auch für die Erwachsenenbildung und die berufliche Weiterbildung. Hier gibt es weniger Regeln und damit mehr Freiheit, auch für neue Anbieter auf dem Markt. Synthetische Inhalte können dazu beitragen, dass Lernende mit sehr unterschiedlichen Hintergründen schneller und effizienter neue Fähigkeiten erwerben und bestehende Kenntnisse auffrischen. Beispielsweise können Inhalte in Echtzeit aktualisiert und um konkrete Anwendungsfälle aus Unternehmen angereichert werden, um so neuen Standards oder Erkenntnissen zu entsprechen. In schnelllebigen Branchen ist das ein unschätzbarer Vorteil.
Oder es können bessere Lernumgebungen geschaffen werden. Wir wissen aus vielen Studienprojekten, dass das Eintauchen in virtuelle Welten dazu beiträgt, neues Wissen auch emotional im Kopf zu verankern. Bislang war es aufwendig und teuer, solche Filme und spieleartigen Umgebungen zu erstellen. Avatare, Inhalte oder Welten, die von künstlicher Intelligenz gesteuert werden, ändern alles. Sie können nun auch für ganz alltägliche Lerninhalte wie sogar den Fahrschulunterricht verwendet werden, um das Wissen durch Simulationen oder interaktive Übungen zu vertiefen. Dies ist auch in Fachbereichen wie Medizin, Ingenieurwissenschaften oder Informatik von unschätzbarem Wert, wo praktische Erfahrungen oft ebenso wichtig sind wie theoretische Kenntnisse.