Eine weitere gravierende Folge synthetischer Medien werden wachsendes Misstrauen und Verunsicherung gegenüber Medien und Medienschaffenden sein – und allen, die in diesen Nachrichten vorkommen. Der hässliche Vorwurf der sogenannten Lügenpresse lässt sich schnell erweitern auf Lügenmedien, falls es der eigenen Agenda nutzt. Wenn Falschinformationen nicht von der Realität zu unterscheiden sind, wenn kein Model in der Werbung noch eine reale Person darstellt, wenn ich mich bei jeder Produktbewertung fragen muss, ob ein Bot sie gerade für mich erfunden hat, stellt sich zwangsläufig bei jeder Mediennutzung die Frage: Was ist echt? Ist das Video vom Bundeskanzler mit einer Augenklappe echt? Ist das Zitat der Klimaaktivistin tatsächlich von dieser Person gesagt worden? Sind die Bilder vom Sturm auf das Capitol echt, oder hat sie ein demokratisches Komplott erfunden? Essen Chinesen Babys, wie ich es bei YouTube gesehen habe? Wurde der neue Song von Harry Styles von ihm gesungen? Ist die Stimme am Telefon wirklich mein Enkel? Ist Susanne am Schreibtisch, wie ihr Insta-Reel zeigt, oder ist sie am Strand?
Dieses ständige Zweifeln beeinflusst unser tägliches Leben und unsere Interaktion mit der digitalen Welt. Manche werden daran verzweifeln. Manche werden dem Echten, dem Authentischen hinterhertrauern. Und fast alle werden bereit sein, für die Wahrheit zu zahlen. Mit Zeit, Daten oder Geld.
Faktenchecks und die Verifizierung von Informationen müssen zu wertvollen Alltagsfähigkeiten werden, auch wenn sie zeitintensiv sind. Die Leiterin der Jugendredaktion des spendenfinanzierten Medienunternehmens Correctiv, Hatice Kahraman, sieht darin eine mediale Grundkompetenz. Sie bildet junge Menschen zwischen 13 und 18 Jahren darin aus, wahre Quellen von falschen zu unterscheiden, wenn sie Social Media nutzen: «Uns ist wichtig, dass es so einfach wie möglich und Teil ihrer Lebenswelt ist», erklärt sie im Interview. Das sollte eigentlich ein obligatorisches Training in vielen Schulfächern werden. Denn besonders das generelle Wissen um Faktenchecks wirkt. Dr. Sabrina Heike Kessler von der Universität Zürich erklärt die Gründe: «Die Forschung zeigt, dass eine sogenannte vorherige ‹Impfung gegen Fehlinformationen› noch effektiver ist als die Bekämpfung der Fehlwahrnehmung im Nachhinein. Bei dieser ‹Impfung› geht es darum, Menschen die Risiken von verbreiteten Fehlinformationen vor Augen zu führen und gleichzeitig eine präventive Widerlegung vorzunehmen. Dies verbessert dann auch ganz allgemein deren Kompetenz, Fehlinformationen zu erkennen.»
Daneben werden auch schon seit einigen Jahren Algorithmen entwickelt, die insbesondere dabei helfen, Fake News zu erkennen. Zukünftig könnten solche Algorithmen auch gefakte Instagram-Posts, synthetische Bilder oder Videos kenntlich machen. Allein, es wäre gegen die wirtschaftlichen Interessen der Anbieter von Social-Media-Plattformen. Sie leben von Werbung. Und die lässt sich nur verkaufen, wenn sich möglichst viele Menschen möglichst lange auf der Plattform aufhalten und dabei maximal viele Inhalte konsumieren. Schon heute ist es den Plattformbetreibern meist egal, ob Inhalte wahr oder ungefährlich sind – und auch in Zukunft werden sie sich mit Händen und Füßen gegen Maßnahmen wehren, die Inhalte unattraktiver machen könnten. Aber müssen nicht Creator bei fast allen Plattformen angeben, ob ihre Inhalte generative, künstliche Intelligenz beinhalten? Das geschieht allerdings nicht unbedingt, um Fakes zu minimieren – es ist für die Betreiber auch praktisch, weil so menschengemachte Inhalte leichter herausgefiltert werden können. Und die werden gebraucht, um Algorithmen zu trainieren. Ob und in welcher Form die Information «KI inside» an uns Nutzer/-innen weitergegeben wird, ist meist offen.
Social Media und Werbung sind damit die wichtigsten Treiber für die Überflutung unserer Medienwelt mit synthetischen Inhalten. Wenn Algorithmen gegen die Flut eingesetzt werden, dürfte dies entweder auf Druck der Gesetzgeber nach zähen Verhandlungen mit Technologiekonzernen geschehen. Oder wir finden es als Teil des Betriebssystems in unseren Geräten.
Wir werden uns also hauptsächlich selbst helfen müssen. Je einfacher eine Botschaft wirkt, je gefälliger, desto lauter sollten unsere Alarmglocken klingeln. In Taiwan, das ständig mit der Sorge chinesischer Einflussnahme lebt, sind solche Warnglocken normal. Menschen werden auf Dorfplätzen, in Schulen oder Bibliotheken regelmäßig darüber informiert, wie Desinformation erkannt werden kann. In einer Ära, in der uns generative Inhalte täglich laufend begegnen und die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion zusehends verschwimmen, brauchen wir alle ein grundlegendes Verständnis dafür, wie Medieninhalte generiert und manipuliert werden können. Dazu gehören auch Kenntnisse über Algorithmen und wie sie unser Verhalten und unsere Wahrnehmung beeinflussen können. Und wir müssen uns im Hinterfragen von Inhalten üben. Was sind die Quellen? Welche Absichten stehen dahinter? Wem nützt die Art der Information am meisten? Solche Fragen müssen zur Gewohnheit werden.
Ein kritischer Blick hilft dabei, eine versteckte Agenda zu erkennen. Außerdem müssen wir uns alle ein Repertoire an vertrauenswürdigen Ressourcen aufbauen: Das können beispielsweise Qualitätsmedien sein, die sich durch transparente Berichterstattung und einen nachprüfbaren ethischen Rahmen auszeichnen. Bei den meisten etablierten Medien gibt es Dokumentare oder Faktencheckerinnen, die akribisch Quellen und Belege suchen. Ein Teil deiner Strategie kann ein Abo sein für ein Medium, dessen Redaktion du besonders vertraust und bei der eine Journalistin fair dafür bezahlt wird, echte Arbeitszeit in das Prüfen von Fakten zu stecken. Das können Spenden oder Mitgliedsbeiträge für Organisationen sein, die im Dienste der Gemeinschaft Fakten prüfen. Nutzende profitieren dabei nicht nur von der Expertise ausgebildeter Fachleute, beispielsweise in der Recherche oder dem Factchecking, sondern auch von der Tatsache, dass Medien unter starker Beobachtung – auch untereinander – stehen. Verlagshäuser haben viel zu verlieren, wenn sie gegen diese Regeln verstoßen.
Du bezahlst aber auch dafür, dass andere Menschen ihre Zeit und ihre Gedanken investieren, um herauszuarbeiten, was relevant ist. Denn nicht nur die Korrektheit ist ein Vorteil von Qualitätsmedien – sie helfen auch bei der Auswahl von Relevantem, weil sie eine Vielzahl unnötiger Informationen weglassen, die uns durch die Inhaltsflut permanent zugespült werden. Selbstverständlich kommt auf Medienhäuser damit eine noch höhere Verantwortung zu als heute schon. Denn auch sie werden zukünftig unter stärkerer Beobachtung sein und unnachgiebig für fehlende Fakten oder schlechte Recherche bestraft.
Rasmus Kleis Nielsen und MacKenzie F. Common vom Reuters Institute for the Study of Journalism, einer Denkfabrik an der Universität Oxford, haben für einen Report an die United Nations zusammengefasst, was ihrer Meinung nach besonders gegen die Verbreitung von Falsch- und Fehlinformation hilft: Faktenchecks, Medienkompetenz und die Kennzeichnung von Inhalten. Während wir alle dazu aufgerufen sind, Medieninhalte zu überprüfen und uns selbst immer weiter zu Medienexperten auszubilden, sehen die beiden Forscher auch Verantwortung bei der Politik: «Regierungen, die gegen Desinformation vorgehen wollen, sind gut aufgestellt (…) wenn sie Transparenzberichte in Auftrag geben, dokumentieren, wer sich an bewährten Verfahren beteiligt (und wer nicht), und wenn sie unabhängige Fakten-Überprüfung, Medienkompetenz und Nachrichtenmedien direkt oder indirekt finanziell unterstützen.»