I ch glaube, es hakt.«, jammerte Kira. »Das kann doch nicht sein.« Wie war das möglich? »Verdammt!«
Kira gingen die Augen über. Sie sah nur noch rot.
Um ganz sicher zu gehen, dass sie nicht doch aus Versehen schielte, kniff sie die Augen ganz fest zu und hielt sie eine Weile geschlossen. Dann öffnete sie ganz vorsichtig das linke Auge. Und dann das rechte. Sie sah immer noch rot.
»Wie kann das sein?«
Frustriert brüllte sie »Scheiße!«, doch das brachte sie auch nicht weiter. Ihr Konto war … leer und bis zum nächsten Zahltag vergingen noch zehn Tage. Zehn elendig lange Tage.
Zweihundertvierzig Stunden, von denen sie mit ganz viel Glück achtzig schlafend zubringen durfte. Die restlichen hundertsechzig Stunden musste sie das Elend im wachen Zustand ertragen. Wach. Und hungrig.
Kira hatte keine Ahnung, was diesen Monat wieder los war. Dabei hatte doch alles so gut angefangen. Der Betrag unter dem Strich war nicht ganz schlecht. Doch dann … kamen die Abbuchungen: Miete, Nebenkosten, Internet und Telefon, Handy und andere Fixkosten. Essen musste sie natürlich auch. Außerdem … war sie Raucherin. Ein Laster, das sie sich im Moment eigentlich gar nicht leisten konnte.
Ohne Elan ging Kira zur Kochnische und überlegte, ob sie es sich wirklich antun und den Küchenschrank öffnen sollte. Der Schrank war nicht groß. Eher ein Schränkchen. Auf einer Fläche, die nicht viel größer als eine mobile Toilette war, waren ein Minikühlschrank, ein Herd mit zwei Kochplatten, von denen nur eine funktionierte, und ein Spülbecken mit Abtropffläche untergebracht. Kira besaß nicht viele Küchenutensilien. Zwei Töpfe, eine Pfanne und gerade so viele Teller, Gläser und Besteck, dass es für sie und einen Gast reichte. Nur Kaffeebecher hatte sie mehr als zwei. Kira liebte Kaffee. Sie war ein richtiger Kaffeejunkie.
Die Kaffeemaschine stand auf einem Hängeregal, ihre Lebensmittel hatte Kira in ihrem Kleiderschrank untergebracht. Das war zwar nicht die Optimallösung, aber immerhin besser als gar nichts.
Wohnen war teuer geworden. Vor allem in den letzten Jahren und das Wohnklo mit Kochnische, das Kira bewohnte, war in jedem Fall besser als unter einer Brücke schlafen zu müssen.
Kira kannte auch andere Zeiten. Bessere. Aber auch noch schlechtere. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, als sie kurz nach der Ausbildung nicht wusste, wohin mit sich. Sie war abgestürzt, aber sie kämpfte sich wieder hoch. Mit Ausdauer, Kraft und Mut.
Besonders schwer fielen Kira die Erinnerungen an die Zeiten, in denen es ihr gut ging und sie alles hatte. Um nichts hatte sie sich sorgen müssen. Sie hatte einen gut bezahlten Job und bewohnte ein Haus nicht weit vom Meer entfernt. Doch das war schon eine Weile her.
Fortuna hatte kein Einsehen mit ihr. Seit jener Zeit machte das Glück einen großen Bogen um sie.
Kira stöhnte schmerzerfüllt auf.
»Ich muss mir etwas einfallen lassen. So kann das doch nicht weitergehen.«
Sie war es leid, ständig am Limit leben zu müssen und bereits am fünfzehnten nicht mehr zu wissen, wo sie das Geld für die zweite Monatshälfte hernehmen sollte.
Ein Plan musste her und das möglichst schnell.
Kiras Magen rumorte. Sie hatte Hunger. Mit dem Mut einer Verzweifelten tappte sie zum zweitürigen Kleiderschrank und machte ihn auf.
Das Fach, in dem sie ihre Lebensmittel aufbewahrte, war nie besonders überladen, aber die Übersichtlichkeit, die ihr in diesem Moment entgegen schlug, war für Kira kaum zu ertragen.
Nur noch ein paar Tütensuppen, etwas Brot, Kaffeepulver, eine Milch und Haferflocken.
Besonders abwechslungsreich, oder gar reichhaltig, war das Angebot zwar nicht, aber immerhin würde sie nicht verhungern.
Kira war eine genügsame Frau. Sie brauchte nicht viel zum Glücklichsein. Jeder andere an ihrer Stelle wäre vermutlich verzweifelt. Kira … nicht.
Sie zog Haferflocken, Kakao-Pulver und Milch aus dem Schrank und kehrte zur Kochnische zurück. Während sie Haferflocken, Kakao-Pulver und Milch in eine Schüssel schüttete, überlegte sie, wie sie die nächsten Tage so zubringen konnte, dass der finanzielle Mangel ihr Gemüt nicht allzu sehr belastete.
Ein Minütchen ließ Kira die Haferflocken einweichen, bevor sie die Schüssel nahm und sich damit auf ihr Schlafsofa verkrümelte.
Kauend schaute Kira sich um. Ihr Ein-Zimmer-Apartment war nicht groß, vielleicht fünfundzwanzig Quadratmeter. Besonders schön war es bei ihrem Einzug auch nicht gewesen. Kira verfügte jedoch über die herausragend ausgeprägte Fähigkeit, auch aus Nichts viel herauszuholen. Mit ein paar Rollen Tapete und zwei Eimern Farbe war sie den grauen Wänden zu Leibe gerückt. Die vergilbten Tapeten ihres Vormieters hatte sie von den Wänden gewaschen, was ein mühsames Unterfangen war, da die Wände nicht bereit waren, die Tapeten so einfach loszulassen. Teilweise rissen die Papierfetzen nur in Stückchen, die nicht größer waren als eine Zwei-Euro-Münze, ab. Aber Kira hatte sich durchgebissen. Und nach ein paar Tagen durfte sie sich als Siegerin über die grauen Wände ihrer Bleibe selbst feiern.
Ein Lächeln umspielte Kiras Lippen. Als sie mit in die Seiten gestemmten Händen die Wände ohne die ranzige Tapete bestaunte, war sie vor Stolz beinahe geplatzt. Sie hatte sich groß gefühlt. Groß und stark. Und unbesiegbar.
Zwei Tage hatte sie der Wand Zeit zum Atmen gegeben, dann verklebte sie ihre dünne Tapete. Weitere zwei Tage später rückte sie den Wänden mit einem hellen Ockerton unten und weiß oben zu Leibe. Es hatte sich gelohnt, wie Kira zufrieden feststellen durfte. Das Raumangebot des Apartments war zwar immer noch sehr überschaubar, aber dank des Anstrichs wirkte es viel offener, freundlicher und geräumiger als zuvor.
Kira fühlte sich wohl in ihren vier Wänden. Zwischen dem ersten und dem fünfzehnten. Danach … knabberte sie schon ziemlich und wusste manchmal nicht, womit sie ihren immer hungrigen Bauch so weit zufriedenstellen sollte, damit er endlich das Knurren unterließ.
Obwohl Kiras Essensplan ab dem fünfzehnten ziemlich spärlich ausfiel, konnte sie sich nicht als schlank bezeichnen. Sie war stolze Besitzerin eines Rettungsrings, der sich über- und unterhalb ihres Bauchnabels deutlich abzeichnete. Doch damit konnte Kira gut leben.
Sie mochte sich. Gerade, weil sie eben nicht perfekt war. Aber sie war eine Kämpferin. Eine Kriegerin ihres eigenen Lebens.
Egal, wie tief Kira unten war, sie kam immer wieder auf die Füße. Manchmal dauerte es eben einfach seine Zeit. Dieses Mal zum Beispiel.
»Morgen habe ich einen Termin bei Frau Thomas. Du weißt doch noch, wer Frau Thomas ist? Hey, schau mich nicht so an. Ich habe es dir mindestens dreimal erklärt. Das hast du nun davon, dass du mir nie zuhörst.«
Die Stubenfliege, der Kira einige Tage zuvor den Namen Puck verpasst hatte, flog um Kiras Kopf.
»Allmählich sollte ich mir echt Gedanken machen. Ich erkläre einer Stubenfliege, dass ich morgen einen Termin beim Arbeitsamt habe. Wie tief will ich eigentlich noch fallen?«
Obwohl Kira einen großen Teil der letzten Jahre allein verbracht hatte, nahm sie sich nicht als einsam wahr. Sie könnte ja. Wenn sie wollte. Aber sie wollte nicht. Meistens jedenfalls.
Zu oft hatten Menschen, die ihr wichtig waren, sie tief enttäuscht. Deswegen traf sie irgendwann die Entscheidung, dass es besser für sie war, die Herausforderungen, die das Leben an sie stellte, allein zu meistern. Keine Menschen, die ihr wichtig waren – keine Komplikationen.
Kira war nicht einsam. Wenn ihr danach war, ging sie raus und betrieb lockeren Small-Talk mit den Menschen, die ihren Weg kreuzten. Danach ging jeder wieder seinen Weg. So war es in Ordnung für Kira. Sie vermisste nichts. Außer vielleicht ab und zu mal ein bisschen körperliche Nähe. Aber auch damit konnte sie umgehen.
»Frau Thomas wird mir wieder erzählen, dass ich jeden Job annehmen muss.«, erklärte sie ihrer brummenden Untermieterin.
»So ist es jedes Mal.«
In Gedanken versunken schob Kira eine weitere Ladung Haferflocken in den Mund. Mittlerweile waren die Flocken so matschig, dass Kira sie auch hätte trinken können, doch selbst das machte ihr nichts aus.
»Frau Thomas ist eigentlich ganz nett. Manchmal regt sie mich aber auch auf. Bestimmt schlägt sie mir wieder einen Job vor, den ich sowieso nicht machen kann. Sie begreift einfach nicht, dass ich nicht so kann, wie ich vielleicht gerne würde.«
Um ihre Worte zu unterstreichen fuchtelte Kira mit dem Löffel durch die Luft.
»Solange sie mir keine Sperre verpasst, wird das schon. Keine Angst, kleine Puckimaus, verhungern musst du nicht.«
Mit einem trockenen Lachen schob Kira den Löffel in den Mund.
Nachdem sie den letzten Bissen hinuntergeschluckt hatte, stand sie auf, ging zum Spülbecken und spülte ihre Schüssel. Danach zog sie eine Schachtel aus dem Schrank und entnahm ihr eine Zigarette. Mit Zigarette und Feuer in der Hand blieb sie vor dem großen Druck eines Fotos, das sie Jahre zuvor selbst gemacht hatte, stehen und betrachtete das Bild. Ein Seufzen huschte über ihre Lippen. Im Grunde bedeutete Geld nichts für sie, doch ein paar schöne Urlaube hatte sie mit ihrem Verdienst schon finanzieren können. Bevor ihr Gedankenkarussell in eine Richtung drehen konnte, die ihr nicht gut tat, schüttelte Kira sich und ging weiter. Mit zwei Fingern schob sie die Zigarette zwischen die Lippen und griff mit beiden Händen nach der engen Tür, die auf ihren noch engeren Balkon führte. Die Tür hing ein bisschen wackelig in ihrer Verankerung. Kira musste höllisch aufpassen, damit sie sie nicht aus Versehen aus der Wand rupfte.
Kira schloss die Tür mit der gleichen Umsicht, mit der ihre Großmutter früher das gute Geschirr behandelt hatte. Mit einem leichten Schmunzeln um die Lippen holte Kira tief Luft und inhalierte den Duft des Frühlings. Ein paar Tage zuvor hatte es noch geschneit, doch heute zwitscherten die Vögel. Die Sonne stand hoch am Himmel und sandte ihre wärmenden Strahlen. Augenblicklich fühlte Kira sich besser.
Mit der Zigarette im Mund streckte sie beide Arme weit von sich. Innerlich jubelte sie. Endlich Frühling. Endlich wieder Sonne. Die Sonne war wie eine Art Lebenselixier für Kira. Lange graue Tage verabscheute sie. Die schlugen ihr aufs Gemüt. Aber sobald die Sonne wieder auftauchte, stieg Kiras Wohlbefinden sichtbar an.
Die Flamme aus dem Feuerzeug züngelte um die Zigarette. Kira atmete mehrmals tief ein. Diese Zigarette genoss sie ganz besonders.
Wie praktisch, dass sie sich erst einige Tage zuvor mit einer extra großen Ration eingedeckt hatte.
»Hach ja.«, murmelte Kira und schloss die Augen.
»Was erzähle ich denn morgen Frau Thomas?«
Kira war keine Schmarotzerin. Sie hasste es, finanziell abhängig zu sein. Doch im Moment … ging es nicht anders. So sah es jedenfalls aus.
Ihre letzte Anstellung hatte Kira an die Grenzen der Belastbarkeit geführt, beziehungsweise sogar darüber hinaus. Einige Federn hatte Kira lassen müssen. Federn, die, einmal weg, nicht einfach wieder nachwuchsen.
Kira nahm jeden Zug von ihrer Zigarette ganz bewusst wahr. Lippen ansetzen, einatmen, Rauch inhalieren, ausatmen. Bis nichts mehr übrig war und Kira den Zigarettenstummel im Aschenbecher entsorgte.
Wieder im Zimmer hockte Kira sich aufs Sofa und schlug die Beine unter. Die Suche nach beruflichen Perspektiven war nicht so einfach.
Kira war nicht mehr ganz taufrisch. Sie hatte im Leben schon so hart gearbeitet, dass ihr Körper erste Ermüdungsanzeichen zeigte. Ihre Knochen knackten, die Muskeln, Sehnen und Nerven schmerzten. Mit dem Durchschlafen haperte es auch. Außerdem hatte ihre Seele einen ordentlichen Schlag kassiert. Von diesem Schlag erholte sie sich nur langsam. Immer noch schreckte sie Nachts aus den Träumen und stand nass geschwitzt im Bett. Die Träume waren fast so schlimm wie die Realität damals.
»Schluss jetzt mit den trüben Gedanken!«, schimpfte Kira sich selbst.
»Was macht man, wenn man so gar keine Idee mehr hat? Genau. Man befragt Tante Google. Tante Google weiß doch immer so gut wie alles.«
Bevor sie in Trübsal verfallen konnte, machte sie sich lang und zog das Handy von der alten Reisetruhe, die ihr als Wohnzimmertisch diente.
Finanzielle Freiheit erlangen waren die Worte, die sie in die Suchmaschine eingab.
»Ha! Wusste ich es doch! Tante Google weiß Bescheid!«
Kira ballte die Hand zur Faust, öffnete die erste Seite und begann zu lesen.
»So viele Informationen! Wahnsinn! Das kann sich doch keine Sau merken!«
Um ihrem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, legte Kira das Handy zur Seite, stand auf und holte Papier und Stift.
Teilweise speicherte sie jedoch auch die Links einfach ab. Nach zwei drei Stunden hatte sie bereits eine ordentliche Sammlung zusammen.
G uten Morgen, Frau Abraham.«, sagte die Mitarbeiterin des Arbeitsamts und schickte ein unverbindliches Lächeln in Kiras Richtung.
Automatisch zog Kira den Kopf ein.
»Guten Morgen, Frau Thomas.«, gab sie zurück.
Auf die Frage nach ihrem Befinden ging sie sicherheitshalber nicht ein. Kira fühlte sich nicht gut. Aber auch nicht schlecht. Eben irgendwo dazwischen.
»Was machen Ihre Bemühungen um einen neuen Arbeitsplatz?«
Da Kira nicht wusste, wie sie diese Frage beantworten sollte, zuckte sie mit den Schultern. Den Blick heftete sie auf die graue Platte des genauso grauen Schreibtischs. Kein Wunder, dass so viele Mitarbeiter dieses Amtes mit Gesichtern wie sieben Tage Regenwetter durch die Gänge schlurften. Bei so wenig Farbe in den Räumen würde Kira auch verzweifeln. Einer plötzlichen Eingebung folgend fragte Kira:
»Haben Sie nicht vielleicht einen Job für mich?«
»Hmh? Wie meinen Sie das?«
»Keine Ahnung. Wie Sie wissen, bin ich Sozialarbeiterin. Ich könnte doch zum Beispiel... keine Ahnung, vielleicht das Bewerbungstraining unterstützen.«
»Wenn wir in diesem Bereich aktuell Stellen frei hätten, hätte ich Sie informiert. Das können Sie mir glauben. Hätten Sie denn Lust, uns zu unterstützen?«
Lust? Wer fragte hier nach Lust? Kira brauchte ein festes Einkommen. Ein Einkommen, mit dem sie sich eine etwas größere Wohnung leisten konnte, aber vor allem ein Einkommen, das nicht schon in der Mitte des Monats aufgebraucht war.
Welchen Job sie machte, war für den Moment zweitrangig.
»Ich denke, dass ich ganz gut wäre in so einem Job.«
»Sie haben ja Erfahrung in der Jugendhilfe. Warum bewerben Sie sich nicht in einer Heimeinrichtung? Leute wie Sie werden doch immer gesucht.«
Leute wie Sie? Wie sich das schon anhörte. So, als wären die Leute, die in der Jugendhilfe arbeiteten, eine ganz besondere Spezies Mensch. Kleine grüne Männchen und Weibchen mit Empfangsantennen auf dem Kopf. Kira schüttelte sich.
»Jugendhilfe geht auf gar keinen Fall.«
»Und warum nicht?«, fragte Frau Thomas, während sie mit ihren perfekt manikürten Fingern etwas in die Tastatur hämmerte. Der Drucker rechts von ihr fing an zu brummen. Dann spuckte er die erste Seite aus.
Hat die meine Atteste nicht gelesen?, fragte Kira sich.
»Weil … ich kann einfach nicht.«
»Ich kann nicht … gibt es nicht. Das heißt: Ich will nicht.«
Unauffällig rollte Kira mit den Augen. Die Thomas hatte gut reden. Hätte sie auch nur einen Bruchteil von dem erlebt, was Kira erleben musste, würde sie sich ganz, ganz leise verhalten, oder heulend in einer Ecke hinter ihrem grauen Schreibtisch kauern.
»Sie kennen doch meine Geschichte.«, erklärte Kira ruhig, obwohl alles in ihr nach aufspringen und davon laufen schrie.
»Ach, Sie meinen wegen dem Messerangriff?«
Wegen des Messerangriffs., korrigierte Kira in Gedanken.
»Aber das ist doch schon eine ganze Weile her. Irgendwann müssen Sie wieder aufstehen.«
Die Stimme von Frau Thomas klang ganz weich, doch Kira blieb auf der Hut. Bei manchen Menschen bedeuteten weiche Nuancen in der Stimme das Gegenteil von Sanftheit. Kira war nicht scharf darauf, herauszufinden, was die feinen stimmlichen Unterschiede bei ihrer Beraterin zu bedeuten hatten. Sie saß auf der Seite der Bittsteller. Sie brauchte das Geld vom Arbeitsamt. Also musste sie immer schön freundlich lächeln und all das annehmen, was die Casemanager ihr vorschlugen.
»Ich kann Sie also nicht überzeugen?«
Kira schüttelte den Kopf.
»Selbst, wenn Sie mir eine Sperrzeit aufbrummen würden. Bitte verstehen Sie doch, dass ich so einen Job nicht mehr machen kann.«
»Gibt es irgendwelche Alternativen? Berufsfelder, die Sie interessieren würden? Haben Sie schon einmal über eine Umschulung nachgedacht?«
Umschulung. Kiras Augenbrauen zuckten.
»Ehrlich gesagt, noch nicht.«
»Vielleicht sollten wir uns gedanklich mal damit auseinandersetzen, dass Sie Ihren Job wohl nie wieder aufnehmen werden. Dann wäre doch eine Umschulung eine gute Alternative.«
Kiras Herz klopfte schneller.
»Denken Sie wirklich, dass ich eine Chance habe, eine Umschulung zu bekommen?«
»Warum denn nicht? Sie sind eine intelligente Frau. Sie haben schon viel erlebt. Außerdem können Sie Ihr Problem mit ärztlichen Attesten belegen. Ich kann mir nicht vorstellen, warum eine Umschulung nicht möglich sein sollte.«
Das waren ja mal ganz andere Töne. Kira wagte kaum, ihren Ohren zu trauen. Für ihren Geschmack kam ihr die Thomas eine Spur zu weichgespült vor. Sonst war sie doch eher das krasse Gegenteil von weich. Kira beobachtete ihre Casemanagerin. Die Finger von Frau Thomas flogen förmlich über die Tastatur. Dann brummte und wackelte der Drucker erneut und spuckte ein paar Blätter aus.
»Sie haben nicht mehr allzu viel Zeit, Frau Abraham. In zwölf Wochen rutschen Sie aus dem Arbeitslosengeldbezug. Bis dahin sollte sich etwas getan haben, sonst geht das Drama von vorne los.«
»Kann ich nicht gleich hier bei Ihnen eine Umschulung beantragen?«
»Leider nicht. Sie haben schon genügend Jahre gearbeitet. In Ihrem Fall sind nicht wir für die berufliche Rehabilitation zuständig.«
»Wer denn dann?«
»Ihre Rentenversicherung.«
»Oh. Und wie mache ich das?«
»Rufen Sie einfach dort an. Die schicken Ihnen dann die entsprechenden Unterlagen.«
Ein paar Minuten später stand Kira vor der Tür von Frau Thomas und atmete mehrmals durch. So richtig konnte sie noch nicht fassen, dass sie mal wieder mit einem blauen Auge davongekommen war.
Fröhlich vor sich hin summend ging sie die Treppe hinunter und riss die Tür auf. Die Sonne lachte ihr förmlich entgegen. Warme Strahlen kitzelten Kiras Nase. Kira lachte leise.
Trotz Frau Thomas guter Laune lag ein schwieriger Termin hinter Kira. Kira war froh, dass sie draußen war. Gemächlich hielt sie die Flamme des Feuerzeug an die Zigarette und zündete sie an. Der erste Zug fühlte sich wie eine Befreiung an. Mit dem zweiten Zug fühlte sie Zufriedenheit in sich einkehren. Beim dritten Zug setzte Kira sich in Bewegung und lief los.
Obwohl sie durch die halbe Stadt musste, entschied Kira, zu Fuß zu gehen. Die wärmende Sonne tat so gut, dass es ihr komisch vorgekommen wäre, mit der Bahn zu fahren.
Kira lief ganz gemütlich. Sie war entspannt. Das erste Mal seit Monaten fühlte sie sich nicht getrieben. Die Sonne trug maßgeblich dazu bei, dass Kira sich allmählich besser zu fühlen begann. Das Problem ihrer in Schieflage geratenen Finanzen war zwar immer noch nicht beseitigt, doch … bei Sonnenschein war sogar das leichter zu ertragen. Die Sonne streichelte Kiras Wange und tat genau das, wofür sie da war. Sie wärmte. Kiras Herz. Und trocknete ihre Tränen, die sie während der letzten Monate so reichhaltig vergossen hatte.
Es ging aufwärts. Ganz bestimmt. So war es doch immer. Irgendwie ging es immer weiter. Selbst wenn Kira der Glaube daran fehlte.