V or ihrem Elternhaus in der Marienstraße saß Joanna in ihrem Sportflitzer und stierte durch die Windschutzscheibe. Seit Tagen herrschte Weltuntergangsstimmung. Es kübelte wie aus Eimern. Über den Zeitraum mehrerer Wochen war es der Sonne nur in ganz seltenen Momenten geglückt, sich einen Weg durch dicke dunkle Wolken zu bahnen. Das eintönige Grau in Grau schlug Joanna zunehmend aufs Gemüt. Außerdem stand wieder mal ein Termin zum Mittagessen bei ihren Eltern an. Und worauf dieser Termin hinauslaufen würde, konnte Joanna sich lebhaft vorstellen.
Seufzend beugte Joanna sich vor und legte den Kopf auf den Lenker. Sie versuchte, den unausweichlichen Moment so lange wie möglich herauszuzögern. Ihr Elternhaus war … sehr speziell. Für Joannas Geschmack zumindest.
Die Zahlen der digitalen Uhr im Auto wechselten viel schneller als Joanna lieb war. In spätestens vier Minuten musste sie vor der Haustür stehen, sonst durfte sie sich wieder eine Predigt über Pünktlichkeit und ihren vermeintlich leichtfertigen Umgang mit anderer Leute Lebenszeit anhören. Dabei war Joanna so gut wie nie unpünktlich. Sie hasste Unpünktlichkeit. Allerdings hatten ihre Eltern ein etwas anderes Verständnis von Pünktlichkeit.
Pünktlich war für sie nur, wer bereits zehn Minuten vor dem eigentlichen Termin eintraf.
Joanna zählte die Sekunden herunter. Neunundfünfzig, achtundfünfzig, siebenundfünfzig, ein letzter Blick in den Spiegel, dreiundvierzig, zweiundvierzig, ein paar aufmüpfige Härchen ihrer Augenbrauen in die richtige Richtung lenken, einunddreißig, dreißig, neunundzwanzig, mit zwei Fingern die Mundwinkel ein Stück höher schieben, achtzehn, siebzehn, tief durchatmen, fünf, vier, drei, zwei, eins. Vorbei. Was Joanna wollte, interessierte ihre Eltern herzlich wenig.
Joanna ergriff ihre Umhängetasche und den Blumenstrauß, den sie auf dem Weg noch schnell in der Friedhofsgärtnerei abgeholt hatte.
Ihre Mutter konnte sich für bunte Blumen begeistern. Eine der wenigen Vorlieben, die sie mit ihrer Tochter verband.
Eigentlich hätte Joanna noch die Falten aus der Hose streichen wollen, doch dafür war es entschieden zu nass. Mit Schwung pfefferte Joanna die Fahrertür zu und rannte durch den strömenden Regen. Erst vor der Haustür stoppte sie und schüttelte sich. Das Wasser rann in Sturzbächen an ihren Haaren und Wangen herunter und tropfte auf den Boden. Joanna hatte die Vorahnung, dass sie locker jedem begossenen Pudel Konkurrenz machen konnte.
Apropos Pudel. Ein sanftes Lächeln umspielte Joannas Lippen. So wie immer, wenn sie an die süßen Knopfaugen ihres Welpen dachte. Im nächsten Moment verfinsterte sich ihr Gesichtsausdruck wieder. Ihre Eltern konnten Tiere nicht leiden. Deswegen hatte sie den Kleinen bei einem Nachbarn untergebracht. Das war zwar nicht die Optimallösung, aber alles war besser, als ihn mitzubringen, oder allein daheim zu lassen.
Der Kleine war zuckersüß. Kaum groß genug, dass er die Beinchen auf die offene Klappe der Spülmaschine stellen konnte. Joannas Herz legte einen kleinen Hüpfer ein. Trotz Dauerregens und Wind zog Wärme in Joannas Herz. Den Kleinen bei sich aufzunehmen war die beste Entscheidung ihres Lebens gewesen.
Auch wenn es sie nervte, wenn sie mit ihm durch den Regen laufen musste, bereute sie es keine Sekunde, dass er nun zu ihrem Leben gehörte. So gut wie alles hatte sich verändert, seit er zu ihr gehörte. Statt auszugehen, blieb sie lieber daheim, statt teure Markenklamotten auszuführen, trat sie die letzte Runde vor dem Schlafengehen lieber in ausgebeulten Jogginghosen und bequemen Wandertretern an.
Mittlerweile kam Joanna sich sogar verkleidet vor, wenn sie sich in ihre Ausgehklamotten zwängte.
»Dann mal los.«, machte sie sich selbst Mut und hoffte insgeheim, dass eines ihrer Geschwister sich während der letzten zwei Wochen einen kleinen Fehler erlaubt hatte.
Einen Fehler, auf dem die Eltern nun in Ruhe herumreiten konnten. Dann ließen sie Joanna wenigstens in Ruhe. Die Stimme ihrer Mutter hämmerte sogar in ihren Erinnerungen eisern auf Joanna ein. Sie konnte es hören. Jedes einzelne Wort. Und dann noch der missbilligende Blick aus ihren eisblauen Augen.
Für immer ins Gedächtnis gebrannt.
Um all das, was ihr Herz so schwer machte, zu verbannen, schüttelte Joanna sich erneut. Und dann noch einmal. Dann rief sie sich das herrliche Bild, das ihr kleiner Welpe so oft bot, in Erinnerung. Und schon konnte sie wieder lächeln. Fast schon fröhlich drückte sie den Klingelknopf. Ein tiefer Gong ertönte. Warm und einladend. Doch der Schein täuschte. Es gab jede Menge Bezeichnungen, die auf Joannas Elternhaus zutrafen. Warm und einladend gehörten nicht dazu.
Joannas Vater war Architekt. Man sollte ja eigentlich meinen, dass Menschen, die Häuser für andere entwarfen, einen besonders geschulten Blick fürs Detail hatten. Oder wenigstens für Ästhetik und Gemütlichkeit. In seinem Fall traf das eher nicht zu. Der Bau, in dem Joanna aufgewachsen war, hatte so gar nichts heimeliges. Eckig, kantig und kalt war das Haus. Viel Glas, viel Metall, wenig Holz. Sogar die Einrichtung war kalt und kantig. Fliesenböden, steril weiße Möbel, ein weißes Ledersofa, auf dem man sich an kühlen Tagen den Hintern abfror.
Schwere Schritte kamen näher. Vorsichtshalber versuchte Joanna doch noch, die Hose glatt zu streichen. Gott sei Dank hatte ihr Welpe schwarzes Fell. So sah man seine Haare auf Joannas schwarzer Hose wenigstens nicht.
»Guten Tag, Joanna.«, sagte ihr Vater und trat einen Schritt zur Seite um sie hereinzulassen.
Keine Umarmung. Kein Wort, das in irgendeiner Weise auf die Liebe ihres Vaters hätte hindeuten können.
»Guten Tag, Vater.«, antwortete Joanna im gleichen Stil und trat an ihm vorbei ins Trockene.
Obwohl Joannas Mutter während der letzten Jahre nicht ein einziges Mal den Kochlöffel selbst geschwungen hatte, kam sie aus der Küche.
»Hallo Joanna.«, sagte sie und kam rasch näher.
»Wie siehst du denn aus? Bist du in eine Regentonne gefallen?«
Es kostete Joanna alle Mühe, nicht allzu genervt mit den Augen zu rollen. Auch das zynische Lachen, das ihr bereits auf den Lippen lag, drückte sie zur Seite.
»Hier, Mutter. Für dich.«
»Oh. Die sind aber schön.«, sagte Joannas Mutter, obwohl die Blumen hinter dem Papier gar nicht sichtbar waren.
Nun gelang es Joanna nicht mehr, ihre Augen unter Kontrolle zu behalten. Joanna wandte sich ab.
»Sind die Anderen schon da?«, fragte sie.
»Heute wollen wir nur mit dir essen.«, gab Joannas Mutter zurück.
»Nur mit mir? Aber … warum denn das?«, fragte Joanna voller Panik in der Stimme.
Das Bedürfnis, ganz schnell zu flüchten, wurde immer drängender.
»Freu dich doch. So haben wir mal Zeit, uns ganz in Ruhe zu unterhalten.«
Ganz in Ruhe unterhalten. Joanna wusste ganz genau, was das zu bedeuten hatte. Eine Runde Smalltalk, aber spätestens, wenn das Hauptgericht vorüber war, würden die Eltern schon auspacken. Und dann ging es rund.
»Nur wir drei?«, kiekste Joanna.
Ihre ohnehin nicht sehr laute Stimme war noch leiser geworden. Joanna fühlte sich unendlich wackelig und schwach. Sie drohte, die Bodenhaftung zu verlieren. Joanna war der Verzweiflung nah. Sehr nah sogar.
»Natürlich. Ist doch auch mal schön. Nur du und wir zwei. Ohne deine Geschwister und ohne die Kinder.«
Joannas Mutter hakte sich bei ihrer Tochter ein. Anscheinend wollte sie auf diese Weise Verbundenheit demonstrieren. Eine Verbundenheit, die es nie gegeben hatte und in Momenten wie diesen schon gar nicht.
»Komm zu Tisch, Joanna. Rieke hat ein äußerst schmackhaftes Essen vorbereitet.«
Rieke. War ja klar, dass ihre Mutter niemals selbst den Kochlöffel schwingen würde. Joanna rollte mit den Augen. Nicht, dass sie Riekes Essen nicht mochte. Rieke kochte toll. Und abwechslungsreich. Solange sie keinen Rosenkohl servierte. Oder Innereien. Kaninchen und Lamm mochte Joanna auch nicht. Ansonsten war sie für so gut wie alles offen. Außerdem liebte Joanna Essen. Vor allem gutes Essen. Es nervte sie nur, dass ihre Mutter, seit ihr Vater vor mehr als dreißig Jahren den Durchbruch schaffte, nicht mehr in der Küche stand. Außer, um Anweisungen zu geben.
Für kein Geld der Welt würde Joanna mit Rieke tauschen wollen.
»Hallo Joanna!«, schallte es von der Tür.
Ein Lächeln breitete sich in Joannas Gesicht aus. Rieke war das krasse Gegenteil von Joannas Mutter. Die zwei Frauen waren zwar ungefähr im gleichen Alter, doch lagen Welten zwischen ihnen. Erika Junghans war groß und schlank. Rieke dagegen war klein, vielleicht einen Meter zweiundfünfzig, wenn nicht sogar noch kleiner. Dafür war sie gemütlich. Sie selbst bezeichnete sich als pummelig.
Joannas Mutter war immer gut gekleidet. Die Frisur saß grundsätzlich immer so perfekt, als wäre Erika gerade erst beim Friseur gewesen. Rieke hingegen nannte turbulenten Wildwuchs ihr eigen. So gut wie immer, wenn Joanna sie traf, sah Rieke aus, wie frisch aus dem Bett gefallen. Erika Junghans hatte immer ein kühles, abschätziges Lächeln aufgelegt. Rieke lächelte nicht die ganze Zeit, dafür war es, wenn sie einem dann mal ein Lächeln schenkte, auch wirklich ehrlich. Wenn Rieke lachte, ging die Sonne auf. Wenn Erika lachte … würde Joanna ihr gerne einen Oskar überreichen, so filmreif war dieses Lachen.
Rieke hieß eigentlich Friederike. Doch diesen Namen hasste sie wie die Pest.
Rieke stellte eine dampfende Schüssel auf den Tisch und eine Platte mit Fleisch daneben. Statt in die Küche zurückzukehren, umrundete sie den Tisch und streckte beide Arme nach Joanna aus.
»Kleines!«, jauchzte sie.
»Wie schön, dich zu sehen. Geht es dir gut? Schlank bist du geworden. Bekommst du sonst nichts Anständiges zum Essen? Iss dich nur richtig satt. Ich habe extra eines deiner Lieblingsessen gekocht. Du isst doch hoffentlich Entenbraten, oder?«
Joanna nickte. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen. Normalerweise konnte Joanna es nicht leiden, wenn jemand ohne Punkt und Komma auf sie ein blubberte, aber bei Rieke störte sie nicht mal das. Rieke war eben einfach... Rieke. Ein Original.
Joanna hatte mehr Angst, dass der liebenswerten, pummeligen Küchenchefin etwas passierte, als dass sie Angst um ihre Mutter hatte. Komisch, oder? Aber so war es nun mal.
Rieke drückte Joanna fest an sich. Die missbilligenden Blicke aus der Richtung ihrer Chefin ignorierte sie. So wie sie es immer machte, wenn Erikas Unmut sie traf.
Rieke wusste ganz genau, dass Erika sich glücklich schätzte, sie im Haus zu haben. Deswegen konnte Rieke sich auch einiges erlauben, was jedem anderen schon längst die Kündigung eingebracht hätte.
Rieke und Erika waren ganz sicher keine Freundinnen, aber Rieke hatte gelernt, Erika so zu nehmen, wie sie war. Erika wusste es halt einfach nicht besser. Deswegen drückte Rieke auch immer mal wieder ein Auge zu, wenn Erika der Gaul durchging oder sie vor lauter Arroganz kaum noch normal sprechen konnte.
Zärtlich strich Rieke über Joannas Rücken.
»Du bist wirklich schmal geworden.«, stellte sie fest als sie die jüngere Frau wieder losließ.
»Geht es dir nicht gut?«
»Doch. Doch.«, beeilte Joanna sich mit Seitenblick auf ihre Mutter zu erwidern.
»Mir geht es sogar sehr gut.«
»Das freut mich, Kleines.«
Rieke wandte sich um, um zu gehen. Ihr Blick verfinsterte sich. Sie sah ihrer Chefin ganz genau an, dass diese nicht ihrer Meinung war, was Joannas Figur betraf.
Für Erika Junghans sah nur gut aus, wer so dünn war, dass er ohne Probleme durch den schmalen Spalt unter einer Tür kriechen konnte.
Rieke tischte auf. Knödel, Fleisch, Soße, Rotkohl und … Rosenkohl. Joanna hasste Rosenkohl, aber der älteren Dame zuliebe ließ sie sich sogar zwei Kugeln auf den Teller legen.
Wenn sie beim Kauen aufs Luftholen verzichtete, konnte sie die Kugeln vielleicht schlucken, ohne den Geschmack zu sehr wahrnehmen zu müssen.
Allerdings genügte es schon, den Rosenkohl anschauen zu müssen. Wie Hasenköttel. Nur größer. Und nicht ganz so dunkel.
»Für Joanna bitte nicht so viel. Sie hat sowieso schon wieder zugelegt.«, grummelte Joannas Mutter mit Seitenblick auf den Bauch ihrer Tochter.
Rieke nickte, wandte sich um und zwinkerte Joanna zu.
Nimm sie nicht so ernst., sagte ihr Blick.
Dass Joanna mit den Tränen kämpfte, berührte die ältere Frau so sehr, dass sie ernsthaft mit sich rang. Das Bedürfnis, die Schüssel mit der Soße zu nehmen und über Erikas Kopf einfach umzudrehen, war so groß, dass Rieke sich kaum noch bremsen konnte. Rieke war auf hundertachtzig.
Ohne sich ihren inneren Aufruhr anmerken zu lassen, verteilte sie zwei Knödel und reichlich Kraut und Fleisch auf Joannas Teller. Dann ergriff sie die Soße und goss. Um die Knödel, das Kraut und das Fleisch bildete sich ein See. So, wie Joanna es mochte.
»Ich denke, das reicht jetzt.«, zischte Erika.
Rieke nickte und schenkte Erika ein falsches Lächeln. Dann ging sie in die Küche. Die Teller von Erika und Klaus ignorierte sie.
Vorsichtig schloss Rieke die Tür, obwohl sie sie viel lieber zu geschmissen hätte. Sie verstand Erika einfach nicht. Ständig beschwerte ihre Chefin sich, weil ihre älteste Tochter sich so selten blicken ließ und grundsätzlich überredet werden musste, damit sie überhaupt ab und zu auftauchte. Dann war sie endlich mal da und was machte Erika? Sie konnte es einfach nicht lassen an Joanna herum zu mäkeln. Immer fand sie etwas, was ihr nicht passte. Meistens hatte es mit Joannas Äußerem zu tun. Dabei sah Joanna doch gut aus. Sie war vielleicht nicht so schlank wie ihre Mutter und ihre zwei jüngeren Schwestern. Dafür hatte sie wunderschöne leuchtende Augen. Und ein Lächeln, das jeden innerhalb kürzester Zeit schwach machte.
Außerdem war Joanna eine intelligente und starke Frau, die ganz genau wusste, was sie wollte und was sie vom Leben erwartete. Sie ging mit offenen Augen durch die Welt und bekam mit, was um sie herum passierte und wie es den Menschen in ihrer Nähe ging. Ihrem aufmerksamen Blick entging nichts. Das unterschied sie von den anderen Mitgliedern der Familie Junghans und machte sie zu etwas ganz Besonderem.
Einen einzigen Punkt gab es, in dem Rieke die Meinung von Joannas Eltern vertrat. Wie konnte es sein, dass Joanna schon fast Mitte vierzig war und immer noch allein durchs Leben ging? Was war nur los mit den Männern? Joanna war doch attraktiv. Gut. Nicht bildhübsch, aber trotzdem attraktiv. Hübsch … konnten viele. Attraktiv nur die wenigsten. Allerdings verstanden die meisten Menschen den Unterschied nicht und verwechselten attraktiv mit hübsch.
Rieke lehnte sich kopfschüttelnd an die Tür. Dann öffnete sie die Tür wieder und trat in den breiten Flur. Hier konnte sie es sich auf dem Sofa gemütlich machen und in aller Ruhe lauschen. Kein Wort würde ihr verborgen bleiben, solange sie auf dem Sofa im Flur saß. Schon als Erika und Klaus sie darüber unterrichteten, dass Joanna an diesem Sonntag ohne ihre Geschwister und deren Familien zum Essen kommen würde, ahnte Rieke, dass es sich bei diesem Essen nicht einfach nur um gemeinsame Nahrungsaufnahme handelte.
Erika und Klaus führten etwas im Schilde. Riekes Antennen waren fein genug, um zu wissen, worum es ging.
Gute fünfzehn Minuten vergingen, ohne dass etwas passierte. Doch dann …
»Wann stellst du ihn endlich vor?«, fragte Erika.
»Wen?«, hakte Joanna hüstelnd nach.
Rieke wäre am Liebsten aufgesprungen, um Joanna zur Hilfe zu eilen, doch das gehörte sich nicht. Dass sich heimliches Lauschen auch nicht gehörte, ignorierte Rieke hingegen. Schließlich war sie ein Teil des Haushalts. Da stand es ihr doch zu, mitzubekommen, was die einzelnen Familienmitglieder beschäftigte. Oder etwa nicht? Doch. Ganz klar. Um sich selbst zu bestätigen, nickte Rieke.
»Na, den Kerl, dem dein Herz gehört. Du hast doch jemanden, oder?«
»Äh … n … natürlich.«
Rieke schlug sich die Hand vor den Kopf. Joanna tat ihr unendlich leid. Die junge Frau war so ein liebenswerter Mensch. Sie hatte es nicht verdient, zum Lügen gezwungen zu werden.
»Siehst du, Erika. Habe ich es doch gesagt. Sie hat jemanden und will ihn nur nicht vorstellen. Trotzdem … Joanna, meinst du nicht, dass es langsam an der Zeit ist, dass wir ihn mal kennenlernen?«
»Bald. Vater. Bald werde ich ihn euch vorstellen.«, sagte Joanna so selbstbewusst, dass Rieke tatsächlich an den Wahrheitsgehalt ihrer Worte glaubte.
»Er ist ein bisschen schüchtern, müsst ihr wissen.«
»Na gut. Aber nächsten Sonntag bringst du ihn mit.«
»Nächsten Sonntag schon? Nun gut, wenn ihr meint.«
Der Rest des Mittagessens verlief erstaunlicherweise ziemlich ruhig. Ohne die üblichen Versuche von Klaus und Erika, ihre Tochter unter die Haube zu bringen.
Kurz nach dem Mittagessen verabschiedete Joanna sich und stürzte durch den Regen davon.
Rieke stand am Küchenfenster und blickte der jüngeren Frau hinterher. Ihre Stirn hatte sie in Falten gelegt. Sie hatte ein komisches Gefühl im Bauch und hoffte inständig, dass alles gut gehen würde.
G enau eine Woche später stand sie wieder am Küchenfenster und schaute beim Kartoffelschälen hinaus. Es regnete. So wie eigentlich immer in der letzten Zeit. Der Norden zeigte sich wieder von seiner allerbesten Seite. Rieke hatte die Schnauze gestrichen voll.
Erst trafen Joannas Schwestern Sabine und Kathrin mit ihren Familien ein, dann Joannas Bruder Felix mit seiner Freundin. Von Joannas Auto war weit und breit nichts zu sehen.
Dafür wehten aufgeregte Stimmen in die Küche.
»Hier ist ein Teller zu viel!«, hörte Rieke Kathrin rufen.
»Stellt euch vor … eure Schwester bringt heute ihren Zukünftigen mit.«
»Jo hat einen Freund? Davon wusste ich ja gar nichts.«
»Wird ja auch langsam Zeit. Für Kinder wird es langsam ganz schön knapp. Jo tut immer so, als hätte sie keine biologische Uhr.«
»Mama, was ist eine biologische Uhr?«, quäkte Kathrins aufgeweckte Tochter.
»Das erklärt dir der Papa ganz in Ruhe. Wenn du alt genug bist.«
Rieke musste grinsen. Die Familie Junghans war so verklemmt, dass sie sich fragte, wie es sein konnte, dass trotzdem immer wieder Kinder nachkamen.
Der laute Motor eines Autos, das mit einem etwas zu fest geratenen Tritt aufs Gaspedal gequält wurde, heulte auf.
»Das muss Joanna sein.«, wisperte Rieke und schaute aus dem Fenster.
Wie immer sprang die junge Frau voller Energie aus dem Auto. Je näher sie dem Haus jedoch kam, desto mehr verflüchtigte sich die Energie. Diesmal blieb sie neben dem Auto stehen und öffnete die Beifahrertür.
»Komisch.«, flüsterte Rieke.
»Sollte nicht normalerweise der Mann der Frau die Tür öffnen?«
Rieke schüttelte den Kopf und wandte sich ab, um ihre Kartoffeln zum Kochen zu bringen.
»Komm, mein Süßer. Lass uns gehen.«, hörte sie Joannas sanfte Stimme durchs offene Fenster wehen.
Gespannt wie ein Flitzebogen konnte Rieke es kaum aushalten, nicht schauen zu können. Aber das Essen war noch nicht fertig und wenn sie sich nicht sputete, würde sie wohl harte Kartoffeln und rohes Fleisch auftischen.
Joanna ging aufs Haus zu. Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit beschleunigte sie sogar ihren Schritt. Vor der Tür blieb sie stehen und streichelte ihrem Liebsten über den zotteligen Kopf.
»Das wird schon.«, wisperte sie zaghaft.
Sie war hin und her gerissen. Sollte sie nicht doch lieber wieder gehen? Wenn ihre Eltern erkannten, um wen es sich bei ihrem Liebsten handelte, würden sie ausrasten vor nicht vorhandener Begeisterung. Das sonntägliche Familienessen würde ein jähes Ende erleiden und das hatte Rieke, die sich immer so viel Mühe gab und die Familie mit ihren Kochkünsten verwöhnte, definitiv nicht verdient.
Einen Fuß hatte Joanna schon nach hinten geschoben, um rückwärts die Treppe wieder hinunterzugehen. Doch dann … gab sie sich einen Ruck und drückte den Klingelknopf. Der Gong ertönte.
Joanna hielt die Luft an.
Die Tür wurde so schnell aufgerissen, dass es Joanna so vorkam, als hätte die halbe Familie direkt dahinter auf sie gewartet.
»Hallo Schatz!«, rief Joannas Mutter überschwänglich.
»Guten Morgen, meine Große!«, rief ihr Vater.
Erika Junghans zog ihre Tochter in ihre Arme, gefühlt das erste Mal seit einer Ewigkeit. Als Joanna noch im Kindergarten war, hatte sie sich mal einen Zahn ausgeschlagen. Ihre Mutter hatte sie abgeholt und war mit ihr in die Zahnklinik gefahren. Das weinende Kind saß auf ihrem Schoß, ganz eng an ihre Brust gedrückt. Die Mutter hatte sie gewiegt, wie einen Säugling, und ihr beruhigend zugeredet.
Das war das letzte Mal gewesen, dass Joanna einen Hauch Wärme von ihr bekam. In Erikas Augen war es an der Zeit, dass Joanna allmählich erwachsen wurde. Mit fünf Jahren.
Erika gab ihre Tochter wieder frei und schaute an ihr vorbei.
»Wo ist er denn nun? Hast du ihn doch nicht mitgebracht?«
»Doch. Natürlich.«
Joanna bückte sich. Die Blicke ihrer Mutter folgten ihr. Dann … ein Aufschrei. Ein ziemlich lauter und schriller Aufschrei. Den man ihr ganz sicher drei Straßen weiter hervorragend zuordnen konnte.
»Das ist doch ein HUND!«, kreischte Erika.
»Richtig.«, gab Joanna ganz ruhig zurück.
»Ihr habt mir gesagt, dass ich den Mann an meiner Seite mitbringen soll. Und das ist er. Darf ich vorstellen? Das ist … «
Vom aufgebrachten Geschrei von Joannas Mutter aufgeschreckt, fing der kleine Welpe an zu winseln. Er jammerte und jaulte. Joanna bückte sich nach ihm und kraulte ihm liebevoll das Fell.
»Alles gut, mein Süßer. Beruhige dich. Sie ist nur ein bisschen aufgeregt, weil sie dich noch nicht kennt.«
»Du bist doch von allen guten Geistern verlassen!«
»So haben wir nicht gewettet, mein Fräulein.«
Joannas Eltern ereiferten sich so sehr, dass sie beide hochrot anliefen. Joanna wusste nicht recht, was sie tun sollte. Lachen? Und an ihnen vorbei ins Haus gehen? Oder doch lieber den Rückwärtsgang einlegen und nach Hause fahren? Nach Hause fahren wäre wahrscheinlich die geschickteste Option gewesen. Drei Wochen Funkstille, bis sich die Gemüter so weit beruhigt hätten, dass Joanna wieder normal mit ihren Eltern hätte reden können. Vielleicht.
»Hey Leute!«, hörte sie ihren Bruder rufen.
»Jo ist auf den Hund gekommen!«
»Ein Hund? Cool. Mama, ich will auch einen Hund.«
Lautes Trappeln mehrerer Kinderfüße kam immer näher. Joannas Eltern wurden unsanft zur Seite geschoben.
»Ist der aber süß!«
Vier Kinder hockten sich um Joanna und ihren Welpen herum auf den kalten Boden. Kathrins Älteste streckte die Hand aus.
»Das ist Murphy.«
»Wie Murphy´s Gesetz? Cooler Name.«
Joannas Bruder Felix bekam sich kaum noch ein vor Begeisterung. Erika und Klaus schauten pikiert. Die kleine rote Hundezunge leckte pausenlos über kleine Kinderhände.
Felix schob seine Eltern zur Seite und räumte den Weg für seine älteste Schwester frei. Er legte seinen Arm um Joanna und wisperte:
»Cool, dass du auf den Hund gekommen bist. Ist er der Mann an deiner Seite?«
Joanna nickte. Felix brach in schallendes Gelächter aus.
»Schade, dass ich das Gesicht von Mutter und Vater nicht gesehen habe.«
»Da hast du nicht viel verpasst. Sieh sie dir an. Sie sind jetzt noch ganz versteinert.«
»Du bist echt der Brüller, Schwesterchen. Einfach nur geil. Endlich ist hier mal was los.«
Joanna und Felix grinsten sich an.
»Komm, Murphy!«, rief sie.
Der kleine Hund zog die Zunge ein und hob den Kopf. Unschlüssig schaute er zwischen seinem Frauchen und den lustigen kleinen Menschen, die ihn so nett streichelten, hin und her. Es war offensichtlich, dass er sich nicht entscheiden konnte. Sollte er zu seinem Frauchen gehen? Oder doch lieber weiter die Hände der Kinder lecken?
Er entschied sich für sein Frauchen. Schließlich war die auch dafür zuständig, dass er sein Essen immer pünktlich bekam. Er erhob sich gemächlich, streckte sich und gähnte herzhaft. Dann tappte er an den Kindern und ihren, immer noch wie zu Stein erstarrten, Großeltern vorbei und schmiegte sich an Joannas Bein.
Als Rieke aus der Küche kam, spielte sich noch immer der Großteil des Geschehens im Flur ab. Felix und Joanna lehnten nebeneinander an der Wand. Die jüngsten Familienmitglieder stolperten durcheinander. Erika und Klaus … machten gar nichts. Sie standen einfach nur da und schauten doof.
Wo wohl der Freund von unserer Joanna steckt?, fragte Rieke sich.
Und dann sah sie das kleine schwarze Fellbündel. Rieke jauchzte verzückt. Sie liebte Hunde. Kleine schwarze Welpen ganz besonders. Sie bückte sich nach dem Welpen und streichelte sein weiches Fell.
»Du bist ja ein Süßer.«, flüsterte sie sanft.
»Schau nachher mal bei mir in der Küche vorbei. Ich habe eine Kleinigkeit für dich.«
Erst als Rieke sich aufrichtete, dämmerte es ihr.
»DAS ist der Mann an deiner Seite?«, fragte sie und konnte es nicht verhindern, dass das Kichern, das sich in ihrer Brust entwickelte, in einen herzhaften Lachanfall mündete. Deshalb also standen Erika und Klaus da wie bestellt und nicht abgeholt. Rieke gönnte es ihnen, vor allem, weil sie mitbekommen hatte, wie schön aufgesetzt sie Joanna begrüßten.
Diesen Dämpfer hatten sie definitiv verdient. Rieke empfand nicht das geringste Mitleid mit Joannas Eltern. Von den bösen Blicken von Klaus und Erika ließ sie sich nicht beeindrucken. Selbstbewusst ging Rieke auf Joanna und Felix zu und umarmte Joanna.
»Toller Kerl. Ich freue mich für dich.«, sagte sie herzlich.
Sie kniff ein Auge zusammen und zwinkerte Joanna zu. Joanna erwiderte ihr Lächeln.
»Das Essen wäre dann fast fertig. Wenn ich die Herrschaften zu Tisch bitten dürfte.«
Mit ausgestrecktem Arm deutete Rieke in Richtung Esszimmer und wartete, bis sich die Versammlung im Flur langsam auflöste. Erika und Klaus standen immer noch wie angewurzelt da und schickten ihren Kindern und Enkeln Blicke hinterher, die nicht gerade als besonders freundlich durchgingen.
»Erika? Klaus? Habt ihr keinen Hunger?«, fragte Rieke freundlich.
»Joanna hat uns aufs Eis geführt!«, schimpfte Klaus ungehalten.
»Sie hat einen Hund! Einen Hund! Ein schmutziges, zotteliges Vieh!«
»Schaltet doch mal einen Gang zurück. Habt ihr nicht gesehen, wie glücklich Joanna mit dem Kleinen ist?«
»WIR sind nicht glücklich!«
Anhand des schrillen Kreischens von Joannas Mutter ließ sich leicht erkennen, wie sehr sie sich wirklich aufregte. Rieke spürte, dass sie selbst einen Gang zurückschalten sollte, wenn sie ihren Job behalten wollte. Sich zu eindeutig für Joanna zu positionieren, könnte sie Kopf und Kragen kosten. Deswegen schluckte Rieke jede weitere Erwiderung herunter und ging schweigend an Erika und Klaus vorbei in die Küche.
Dort werkelte sie übermäßig laut mit Töpfen und Schüsseln. Als sie mit zwei großen Knödelschüsseln in den Flur zurückkam, waren Erika und Klaus weg. Tief durchatmend drückte Rieke den Türgriff mit dem Ellenbogen herunter und schob die Tür mit dem Fuß auf. Jedes Familienmitglied saß an seinem Platz. Die Kinder schnatterten aufgeregt und versuchten, sich gegenseitig zu übertreffen. Vorherrschendes Thema war der kleine Welpe ihrer Tante.
Die Erwachsenen unterhielten sich gedämpft. Sie erwähnten den jungen Hund mit keiner Silbe. Der Kleine wurde schlicht tot geschwiegen. So war es schon immer gewesen. Klaus und Erika erwarteten von ihren Nachkommen, das sie so funktionierten, wie sie es von ihnen erwarteten. Joannas jüngere Geschwister fügten sich ihrem Schicksal und gestalteten ihr Leben so, wie es ihnen von ihren Eltern als erstrebenswert vorgelebt wurde. Joanna hingegen … war schon immer etwas anders gewesen. Riekes Arbeitgeber hatten sie immer wenig schmeichelhaft als Träumerin betitelt. Joanna hatte das nie etwas ausgemacht. Auch heute schien sie ganz zufrieden mit sich und ihrer Welt zu sein. Wenn Rieke ihren Blick allerdings richtig deutete, führte die jüngere Frau jedoch etwas im Schilde. Die Frage war nur, womit sie vorhatte, die Bombe zum Platzen zu bringen.
»Fleisch und Beilagen kommen gleich.«, sagte Rieke und stellte die dampfenden Knödelschüsseln auf die Tische.
Klaus war für die Getränke zuständig. Geschäftig lief er an Rieke vorbei. Seine Körperhaltung und die verkniffene Mimik sendeten überdeutliche Signale. Rieke grinste in sich hinein. Es gefiel ihr, dass der bärbeißige alte Herr nicht sonderlich zufrieden mit der Sonntagsrunde war.
»Willst du dich nicht zu uns setzen?«, fragte Erika als Rieke die Beilagen und die Fleischplatten aufgetischt hatte.
»Du bist doch bestimmt genauso gespannt wie wir, was mein Fräulein Tochter zu sagen hat.«
Natürlich war Rieke gespannt. Sie liebte Joanna wie das eigene Kind, das sie nie hatte. Weil sie eben nicht so angepasst war. Sie machte ihr eigenes Ding und stand zu dem Weg, den sie eingeschlagen hatte.
Das Einzige, was sie mit dem Rest ihrer Familie verband, war die Anstellung in der väterlichen Firma. Sie machte einen ordentlichen Job, das wusste Rieke. Wäre Joanna nicht Teil des Familienunternehmens, würde dem Unternehmen das Herz fehlen. Joanna verkörperte das, was sonst keiner konnte. Sie war mit Herzblut bei der Sache und schaffte es mit Witz und Charme selbst anstrengende Kunden zu bezirzen. Die Kunden liebten Joanna. Sie vertrauten ihr. Ihre Vorschläge kamen gut an.
Rieke spürte ein Grummeln im Bauch. Ein unangenehmes Grummeln, das sie nicht recht zuordnen konnte. Deswegen schüttelte sie den Kopf und wandte sich ab. Joanna stand auf und folgte ihr. An der Tür hielt Joanna sie auf.
»Bitte bleib.«, wisperte die jüngere Frau.
»Ohne dich … schaffe ich das nicht.«
Das Grummeln in Riekes Bauch verstärkte sich. Ihr Bauch begann zu schmerzen. Trotzdem nickte sie und ließ sich von Joanna zu dem einzigen freien Stuhl begleiten. Rieke setzte sich und nahm das angebotene Weinglas dankend an. Dann wartete sie ab.
Einer nach dem anderen bediente sich. Als alle Teller gefüllt waren, erhob Klaus sich und faltete die Hände.
Joanna schob die Hände in ihren Schoß. Eine Hand ließ sie auf dem Oberschenkel liegen, mit der anderen griff sie unter den Tisch und kraulte ihren Hund hinter den Ohren. Der kleine Murphy schmatzte zufrieden.
Am Ende des locker drei Minuten dauernden Gebets sagte Klaus »Amen.« und setzte sich wieder hin. Ein mehrstimmiger Chor fiel in sein Amen ein. Erst dann griffen die Familienmitglieder der Familie Junghans zu. Die Gespräche blieben gedämpft, bis das Essen fast vorbei war. Joanna sprang auf. Ihre Gabel fiel auf den Teller. Rieke war die Einzige, die nicht erschrak. Schon die ganze Zeit hatte sie Joannas Unruhe gespürt. Die Unsicherheit der jüngeren Frau war für die sensible Köchin kaum zu ertragen gewesen.
»So geht das nicht!«, rief Joanna.
»Ich kann das nicht mehr.«
»Was kannst du nicht mehr?«, zischte Erika.
»Das hier! Das alles. Die ganze Scheinheiligkeit!«
»Joanna! Mäßige deine Stimme!«, schimpfte Klaus.
»Ich mäßige gar nichts mehr! Ihr wollt, dass ich einen Mann mitbringe. Das wird nie passieren! Hört ihr? Ich werde niemals einen Mann mitbringen!«
»Aber … warum denn nicht?«, jammerte Erika.
Klaus und die anderen Erwachsenen aus Joannas Familie blickten alarmiert in Joannas Richtung.
»Weil … ich mich niemals in einen Mann verlieben werde.«
»Aber … warum denn nicht?«
Joannas Eltern und Geschwister schauten sich ratlos an. Felix legte die Stirn in Falten. Mit zusammengekniffenen Augen dachte er nach.
»Sag bloß!«, rief er, sprang auf und ging zu seiner Schwester.
Schützend legte er den Arm um sie und flüsterte kaum hörbar:
»Wie heißt sie?«
»Ich habe niemanden.«
»Aber du stehst auf Frauen? Oder habe ich da gerade was falsch verstanden?«
Joanna nickte, woraufhin Felix sich vor sie stellte. Er konnte sich gut vorstellen, dass die Welle, die demnächst über seiner Schwester zusammenbrechen würde, zu groß für sie allein war. Schützend baute er sich zwischen ihr und dem Rest der Familie auf.
»Was wird hier eigentlich gespielt? Joanna, was ist los? Felix, setz dich wieder hin!«
»Ich bin lesbisch!«, brach es aus Joanna heraus.
Nach ihrer Eröffnung war es so leise im Raum, dass man ein Staubkörnchen hätte fallen hören können. Dann brach der Trubel jedoch los. Alle schrien durcheinander. Kathrins Jüngste fing an zu weinen. Der kleine Murphy winselte.
»Du bist keine verdammte Lesbe!«, schimpfte Klaus.
»Doch, Vater, das bin ich. Ich bin eine verdammte Lesbe!«, schoss Joanna zurück.
»Du bist nicht mehr meine Tochter!«
»Du wirst in der Hölle schmoren!«
»Solange du deine Füße unter meinem Tisch hast, bist du keine Lesbe! Verstanden?«
»Meine Füße sind nicht unter deinem Tisch!«
Mittlerweile war Joanna so aufgebracht, dass sie sich kaum noch bremsen konnte. Sie hatte die Schnauze gestrichen voll. Die Scheinheiligkeit ihres Elternhauses raubte ihr schon seit ihrer Kindheit den letzten Nerv. Seit sie aber wusste, dass Frauen das reizvollere Geschlecht für sie waren, wurde es immer schlimmer. Die Frömmigkeit und Verklemmtheit des elterlichen Hauses war immer unerträglicher geworden. Sie wollte nicht mehr. Sie wollte nicht einen Tag länger so tun als ob.
Als sie sich eine gute Stunde zuvor auf den Weg zu ihrem Elternhaus machte, traf sie ihre Entscheidung. Sie wollte zu sich stehen, egal, wie hoch der Preis war.
»Mutter, Vater, Joanna bevorzugt Frauen. Wo ist denn das Problem?«, fragte Felix lautstark.
Die Schwestern schauten pikiert in seine Richtung.
»Ich sage dir, was das Problem ist!«, schrie Klaus.
Erika sagte gar nichts mehr. Zusammengesunken hing sie auf ihren Platz. Auf einmal verspürte Rieke Mitleid für ihre Arbeitgeberin. Verzweifelt überlegte sie, ob sie Joanna zur Hilfe eilen sollte, oder Erika.
»Deine Schwester ist eine verdammte Lesbe. Sie wird in der Hölle schmoren! Gott will nicht, dass Männer Männer lieben und Frauen Frauen!«
»Wo steht das, Vater? Ich kenne keine Bibelstelle, die das belegt!«, keifte Joanna.
»Na und! Ich weiß, dass es so ist! Also, entweder, du suchst dir jetzt einen Mann, oder du bist nicht mehr meine Tochter!«
Joanna zuckte zusammen. Erika schluchzte auf. Felix ballte die Hände zu Fäusten.
»Dann ist es eben so. Ich werde mir ganz bestimmt keinen Mann suchen. Das kannst du vergessen. Komm, Murphy, wir gehen.«
Mit zitternden Händen legte Joanna ihrem Hund das Geschirr um und nahm ihn an die Leine.
»Ich hoffe, du weißt, was das heißt!«, schrie Klaus ihr hinterher.
»Was? Vater? Was heißt es denn?«
»Du wirst dir einen neuen Job suchen müssen. Wie du weißt, sind wir ein Familienunternehmen. Und du … gehörst ab sofort nicht mehr zur Familie!«
»Dann ist es eben so! Ich wünsche euch alles Gute!«, sagte Joanna und entfernte sich hoch erhobenen Hauptes.
Die Tür schloss sie ganz leise. Genauso leise zog sie ihre Schuhe und die Jacke an und verschwand mit ihrem Hund an der Leine. Joanna setzte sich ins Auto und ließ den Motor an. Ein paar hundert Meter fuhr sie, dann bremste sie, schaltete den Motor wieder aus und stieg aus dem Auto. Mit ihrem Hund an der Leine stapfte sie durch den Wald.
Joanna lief schnell. Nicht mal der kalte Wind und der mindestens genauso kalte Regen konnten ihr etwas anhaben. Das Wasser rann von ihren Haaren und platschte ihr gnadenlos ins Gesicht. Joanna interessierte es nicht. Nicht mehr. Es war egal, ob sie nass war oder trocken. Es war egal, wie sie aussah. Es war egal, wie sie sich kleidete. Ab heute.
Auch wenn sie wusste, dass ihr Leben sich grundlegend verändern würde, fühlte sich die anstehende Veränderung wie ein Befreiungsschlag an. Keine sonntäglichen Familienessen mehr, bei denen sie herausgeputzt erscheinen musste und doch immer wieder auf ihre Figur angesprochen wurde. Keine Fragen nach einem möglicherweise zukünftigen Ehemann mehr. Keine Verkuppelungsversuche mehr. Endlich frei.
Joanna stapfte weiter, dicht gefolgt von ihrem Hund Murphy. Obwohl der Kleine noch nicht lange an ihrer Seite war, fühlte Joanna sich mehr mit ihm verbunden wie mit jedem Menschen, der in den letzten fast fünfundvierzig Jahren ihren Weg kreuzte.
Außer Felix vielleicht. Ein Tränchen löste sich aus Joannas Augenwinkel und rann, begleitet von unzähligen Regentropfen, über ihre Wange. Felix war ihr von allen Familienmitgliedern der Liebste. Weil auch er ein bisschen anders war.
»Joanna!«, hörte sie von irgendwo weit entfernt rufen.
Sie drehte sich nicht um.
»Joanna! Wo bist du?«
Stur lief Joanna weiter.
Felix rannte kopflos durch den Wald. Nachdem sie den Mittagstisch so Hals über Kopf verlassen hatte, war er ihr hinterher gerannt. Er lief in die Richtung, in die sie gefahren war und als er ihr Auto am Straßenrand stehen sah, atmete er erleichtert auf. Dann begann seine Suche.
»Joanna!«
Felix kannte seine Schwester. Trotzdem war er sich nicht ganz sicher, zu was sie in einer extremen Ausnahmesituation in der Lage war. Während er ziellos durch den Wald irrte, überlegte er fieberhaft, was er seiner Schwester erzählen sollte. Die Situation herunterspielen, brachte rein gar nichts. Ausnahmslos jeder im Umfeld von Klaus Junghans wusste, wie unerbittlich Klaus sein konnte. Einmal eine Position eingenommen gab es nichts, was ihn umstimmen hätte können. Das wusste Felix. Und Joanna wusste es auch.
»Joanna!«, schrie er erneut.
»Wo steckst du?«
Statt seiner Schwester antwortete ihm munteres Bellen. Felix schlug die Richtung ein, in der er den jungen Hund vermutete.
Er fand Joanna auf einem nassen Baumstamm sitzend vor. Sie saß vornüber gebeugt und hielt den Kopf auf die Hände gestützt. Langsam ging Felix auf sie zu. Der kleine Murphy sprang um ihn herum.
»Na, Kleiner?«, sagte Felix sanft.
»Schau mal, ich habe dir was von Rieke mitgebracht.«
Felix ging in die Hocke und hielt dem schwarzen Minifellmonster eine besondere Leckerei aus Riekes Küche unter die Nase. Der Hund nahm die Leckerei ganz vorsichtig nur mit den Lippen an. Dann schmatzte er freudig und ließ sich von Felix hinter den Ohren kraulen.
»Darf ich mich zu dir setzen?«, fragte Joannas jüngerer Bruder.
»Ich kann dich vermutlich nicht abhalten.«
»Richtig.«
Felix und seine mehr als fünfzehn Jahre ältere Schwester saßen dicht nebeneinander auf dem Stamm und schwiegen zusammen. Die Ruhe war wohltuend. Nach einer Weile fragte Felix ganz vorsichtig:
»Wie fühlst du dich?«
Joanna drehte ihm ihr Gesicht zu und schenkte ihm ein Lächeln.
»Willst du die Wahrheit wissen?«, fragte sie.
Felix nickte.
»Ganz ehrlich, ich fühle mich wunderbar. Es war schon lange an der Zeit, diesen Schritt zu machen.«
»Und du stehst wirklich auf Frauen?«
»Ja. Absolut.«
Joannas Augen leuchteten.
»Kann ich verstehen. Ich finde Frauen auch reizvoller als Kerle.«
Lachend drückte Joanna ihrem jüngeren Bruder einen Kuss auf die Wange.
»Du bist unmöglich.«, wisperte sie.
»Und du bist dir sicher, dass es nicht nur eine Phase ist?«
»Ist es bei dir eine Phase?«
»Natürlich nicht. Ich weiß schon immer, dass ich Mädels … oh. Ich verstehe. Du weißt es auch schon länger.«
»Richtig. Genau genommen seit meinem fünfzehnten Geburtstag.«
»Wie ist ihr Name?«
»Hmh? Ich habe keine Freundin.«
»Das hast du schon mal gesagt. Ich meinte auch eher den Namen von dem Mädchen, in das du dich damals verliebt hast.«
»Ihr Name war Frau Berger.«
Felix hustete und röchelte. Dann prustete er los.
»Einen guten Geschmack hast du ja, das muss man dir lassen. In die Berger waren auch bei uns alle verknallt.«
Bruder und Schwester grinsten sich an.
»Du weißt hoffentlich, dass du mich nur anrufen musst, wenn du Hilfe brauchst, okay? Ich bin nur einen Anruf weit entfernt.«
»Danke.«, gab Joanna ehrlich ergriffen zurück.
»Ich hab dich lieb, Felix.«
»Ich dich auch. Was hast du jetzt vor?«
Joanna zuckte mit den Schultern.
»Wahrscheinlich gebe ich mir erst mal ein paar Tage Zeit und dann werde ich mich um einen neuen Job bemühen. Das sollte eigentlich nicht allzu schwer sein.«
»Jo, ich … äh … «
Felix stockte. Das, was er jetzt sagen musste, war ihm hochgradig peinlich. Es war noch nie vorgekommen, dass er sich so sehr für jemanden geschämt hatte, wie für seinen Vater.
»Stell es dir nicht so leicht vor. Vater wird dafür sorgen, dass du in keinem Architekturbüro in der näheren Umgebung einen Job finden wirst.«
Joanna fuhr hoch.
»Aber … woher weißt du denn das?«
»Das hat er gesagt, als du schon zur Tür draußen warst. Wenn Mutter ihn nicht beruhigt bekommt, könnte es wirklich schwierig werden.«
Joanna winkte ab.
»Nicht so schlimm. Ich weiß sowieso nicht genau, ob ich weiterhin als Architektin arbeiten will. Und für den Notfall könnte ich mich auch selbständig machen.«
Doch diese Idee verwarf Joanna bereits in dem Moment, in dem sie sie ausgesprochen hatte. Bei allem Ärger mit ihrem Vater wollte sie keine Konkurrenz für sein Unternehmen darstellen.
»Ich denke, dass ich etwas ganz Anderes machen werde.«
»Okay. Wie du meinst. Lass es mich wissen, wenn ich dir helfen kann.«
In stummer Übereinkunft standen Felix und Joanna auf und umarmten sich.
»Lass uns gehen.«, sagte Joanna sanft.
»Jo, darf ich dich was fragen?«, fragte Felix.
»Können wir beide uns bitte regelmäßig treffen?«
»Klar. Warum denn auch nicht?«
Felix und Joanna hakten sich ein und gingen über den matschigen Waldweg zurück. An Joannas Auto verabschiedete Felix sich und ging alleine weiter.
Joanna wartete, bis sie ihn nicht mehr sehen konnte. Dann startete sie den Motor und fuhr davon.