3.

W ie seit mindestens einer Woche jeden Tag durchforstete Kira das Internet nach Jobs, die interessant für sie sein könnten. Als Sozialarbeiterin wollte sie unter keinen Umständen mehr arbeiten. Etwas anderes hatte sie jedoch nicht gelernt.

Gut bezahlte Jobs wuchsen abgesehen davon auch nicht gerade auf Bäumen.

»Tja, Puckilein, was schlägst du vor? Was sollen wir machen? Du könntest auch langsam mal ein bisschen zum Lebensunterhalt beitragen.«

Mit erhobenem Zeigefinger wedelte Kira in die Richtung, in der sie ihre brummende Mitbewohnerin vermutete.

»Frau Thomas ist echt gut. Selbst wenn ich eine Umschulung bekommen sollte, reicht das Geld hinten und vorne nicht.«

Seit ein paar Tagen war Kira in einer Facebook-Gruppe angemeldet, in der Firmen nach neuen Angestellten suchen konnten. Kira öffnete die Seite und überflog die aktuellen Stellenausschreibungen. Lediglich zwei Anzeigen waren so gestaltet, dass Kira sich vorstellen hätte können, eine Bewerbung zu schreiben.

»Okay. Puckimaus, wer nicht wagt, der nicht verliert. Also … gut. Wollen wir mal.«

Kira hackte einen kurzen Text ins Messenger-Fenster und schickte die Nachricht ab, bevor sie es sich doch noch anders überlegen konnte. Auf eine Antwort musste sie nicht sehr lange warten. Genauso sah es auch bei der anderen Anzeige aus. Fünf Minuten nachdem sie ihre Anfrage abgeschickt hatte, traf bereits eine Rückmeldung ein. Weitere zwei Stunden später war klar, womit Kira in Zukunft ihr Geld verdienen würde.

»Na, dann schauen wir mal, ob ich diesen Spagat hinbekomme. Könnte spannend werden.«

Kira nahm ihr Handy in die Hand und wählte die Nummer ihrer persönlichen Beraterin.

»Hallo Frau Thomas, Kira Abraham hier. Ich wollte nur mitteilen, dass ich ab kommenden Montag abgemeldet bin.«

»Das klingt ja hervorragend. Möchten Sie mir sagen, wo Sie eine Stelle gefunden haben?«

»Im Internet.«

Mehr wollte Kira nicht preisgeben, da es ihr doch ein bisschen peinlich war. Außerdem wusste sie noch gar nicht, ob sie es hinbekommen würde. Sie hatte sogar ein bisschen Respekt vor sich selbst.

»Dann wünsche ich Ihnen alles Gute. Und … Frau Abraham, scheuen Sie sich nicht, auf uns zuzukommen. Okay?«

»Das werde ich machen. Dankeschön. Ihnen auch alles Gute.«

Kira drückte den roten Button, stand auf und zog Jacke und Schuhe über.

»Tschüss, Puckimaus, bis später!«, rief sie von der Tür und lief los.

Sie galoppierte die Treppe hinunter und ging hinaus auf die Straße. Die milde Luft roch nach Frühling. Mehrmals tief ein und ausatmend hielt Kira ihr Gesicht der Sonne entgegen. Die Sonne kitzelte sie an der Nase. Kira fühlte sich wohl. Endlich hatte sie eine Perspektive, wenn auch nicht die allerbeste. Aber solange der Job ihr Geld einbrachte, war alles in Ordnung.

»Mama! Ich habe einen neuen Job!«, rief sie ins Telefon.

»Zwei sogar!«

»Das ist doch wunderbar! Ich freue mich für dich, Schatz! Als was wirst du arbeiten?«

»Als Chatmoderatorin.«

»Damit kann man Geld verdienen?«

»Äh. Ja. Na klar.«

»Was … ist das für ein Chat?«, fragte ihre Mutter alarmiert.

»Ein christlicher Chat und … ein … «

»Und … ein … Kira! Sag schon!«

»Ein Flirtchat!«

»So ein Erotik-Zeugs?«

»Ja, Mama, auch so Erotik-Zeugs.«

Kiras Mutter schwieg eine Weile.

»Mama, bist du mir böse?«

»Natürlich nicht. Du bist erwachsen. Solange du dich damit gut fühlst, ist doch alles in Ordnung. Frag lieber nicht, womit ich teilweise unser Geld verdient habe.«

Kiras Mutter lachte leise. Kira verzog den Mund.

»Okay. Mama, ich glaube, so genau will ich es gar nicht wissen.«

Mutter und Tochter lachten zusammen.

»Ich hab dich lieb, mein Schatz.«, sagte Kiras Mutter sanft.

»Ich dich auch. Bis bald, Mama.«

»Kira, warte, du kommst doch am Wochenende vorbei, oder?«

»Klar.«

»Gut. Deine Großmutter wird auch da sein.«

»Oma sollten wir vielleicht lieber nicht sagen, was ich arbeite.«

Kira hörte ihre Mutter leise kichern.

»Unterschätze deine Großmutter nicht. Sie weiß auch, dass die kleinen Kinder nicht vom Storch gebracht werden. Also, bis Samstag dann.«

Um eine Vorstellung zu bekommen, wie es in Chatrooms, in denen die Chats ganz klar auf ein Thema hinzielten, zuging, wählte Kira sich nach ihrem Spaziergang in der Sonne anonym in einem Portal an, für das sie nicht arbeiten würde.

Ein kurzer Blick auf die Liste der Chatter genügte und Kira hatte einen ersten Eindruck. Im Verhältnis waren mehr Männer als Frauen aktiv. Das konnte interessant werden. Eine Weile las Kira einfach nur mit, doch dann ploppte ein privates Chatfenster auf.

Kira begann zu lesen.

Ein zweites Chatfenster ploppte auf. Dann ein drittes und ein viertes. Kira kam kaum noch hinterher.

Interessant war, dass nicht nur Männer privaten Kontakt suchten. Die Nachrichten der Frauen waren anders. Die Frauen schrieben subtiler. Suchten einen Punkt, an dem sie ansetzen konnten. Allmählich bekam Kira einen Überblick. Im Grunde war die Sache nicht sonderlich schwer. Lesen, nachdenken, antworten. Ab und zu Fotos in sehr eindeutigen Posen ignorieren. Auf den ersten Blick kam das Gehalt für diesen Job auf dem Silbertablett daher. Genau so einen Job brauchte Kira. Als sie sich, gefühlt Stunden später, ausloggte, war es schon dunkel. Kira war ehrlich überrascht, wie leicht es war, beim Chatten die Zeit zu vergessen.

»Was meinst du, Puckimaus, glauben die Leute echt, dass sie auf so einer Plattform die Liebe finden?«

Kira konnte es kaum glauben.

Aber anscheinend … funktionierte das System. Chaträume auf speziellen Flirtseiten schossen empor wie Pilze. In einer zunehmend digitalen Umgebung wurde es immer schwerer, den einen Menschen zu finden, mit dem man den Rest des Lebens gemeinsam bestreiten wollte. Den Menschen, mit dem man die Höhen und Tiefen des Lebens gemeinsam meisterte und nach einer Durststrecke aufstieg wie ein Phönix aus der Asche.

Mühsam stand Kira auf und streckte sich. Ihre Knochen knackten. Die Muskeln schmerzten. Ächzend stolperte Kira zur Toilette. Herzhaft gähnend ließ sie es laufen. Sie dachte daran, wie sehr sie selbst mitunter auf der Suche gewesen war. Aber das … war schon eine Weile her.

Am Anfang flatterten tausende Schmetterlinge, doch sobald der Alltag Einzug hielt, wurde es schwierig. Kira war einfach kein Mensch für echte Beziehungen. Sie war nicht oberflächlich. Im Gegenteil. Kira war gutmütig. Und liebevoll. Das wurde mitunter schamlos ausgenutzt. Darauf hatte Kira keine Lust mehr. Solange Liebe nur dazu da war, einen anderen auszunutzen, wollte Kira lieber weiter als Single durchs Leben gehen.

Kira hielt sich nicht für einen unglücklichen Single. Schließlich hatte sie sich ganz bewusst für diesen Weg entschieden. Früher … war es anders gewesen. Als sie noch jung war, brauchte sie immer möglichst viele Menschen um sich herum. Sie liebte es, Mittelpunkt des Geschehens zu sein. Je älter sie wurde, desto mehr erkannte sie, dass es nicht darauf ankam, viele Bekanntschaften zu haben. Einen oder zwei Freunde würde schon reichen. Aber selbst das war Kira mittlerweile zu mühsam. Kira war faul geworden. Sie war es leid, sich ständig den Arsch für andere aufzureißen, die sich, wenn es darauf ankamen, doch wieder nur als Egoisten entpuppten, die sich ausschließlich um sich selbst drehten und nicht mitbekamen, was um sie herum passierte. So ein Ego-Karussell war schon eine coole Sache. Es drehte sich schön im Kreis. Immer um sich selbst. Fand keinen Anfang und kein Ende.

Und genau das wollte Kira eben nicht. Nicht mehr.

Sollte sie sich jemals noch einmal auf einen anderen Menschen einlassen, dann musste es sich um ein ganz besonderes Exemplar handeln, das es wert war, dass Kira ihm ihr Herz schenkte. Dieser Mensch musste bereit sein, nicht nur auf das zu schauen, was Kira zu geben hatte. Er musste bereit sein, ihr Herz zu erkennen und sie auch dann noch zu lieben, wenn sie sich wie eine Kratzbürste benahm und auf ihren rechtmäßigen Platz auf dem Thron beharrte.

Mit einer Schüssel Haferflocken hockte Kira sich aufs Sofa und schaltete den Fernseher ein. Eine Liebesschmonzette. Kira überlegte, ob sie weiter schalten sollte, entschied sich dann jedoch dagegen. Ein bisschen Gefühl … war schon okay.

Kira litt mit den Protagonisten, die sich selbst im Weg standen und sich das Leben schwer machten. Dabei könnte es doch so einfach sein. Aber so war Hollywood halt. Eine Portion Drama und am Schluss fanden sie doch zueinander. Das unterschied einen Kassenschlager auf der Leinwand vom echten Leben.

Im echten Leben wollten die Frauen lieber Männer oder Frauen haben, die nicht gut für sie waren. Den Egoisten jagten sie in Scharen hinterher und die Gutmütigen, die Menschen mit Herz, blieben allein. Weil sie vielleicht nicht ganz so hübsch waren. Weil sie Ecken und Kanten hatten und diese auch zeigten. Weil sie Narben davongetragen hatten. Sichtbare und unsichtbare.

Weil Herz und Seele schon viel hatten aushalten müssen. Weil der Schmerz es trotzdem nicht schaffte, diese Menschen kleinzukriegen.

Kira war so ein Mensch. Auch wenn sie selbst es manchmal anders sah.

K ira trug Kartoffeln und Soße ins Wohnzimmer und stellte beide Schüsseln vorsichtig auf dem viel zu niedrigen Wohnzimmertisch ab. Ihre Großmutter saß auf dem Sofa und holte tief Luft. Ihr seliges Lächeln ließ ihr runzeliges Gesicht erstrahlen. Sie hüstelte leise.

»Das riecht sehr gut.«, sagte sie mit ihrer tiefen und sanften Großmutterstimme.

»Sag deiner Großmutter, dass sie sich bedienen soll!«, schallte es aus der Küche.

Großmutter und Enkelin sahen einander an.

»Willst du dich nicht zu mir setzen?«, fragte die alte Dame mit dem silbrig weißen Haar.

Wie immer konnte Kira ihrer Großmutter keinen Wunsch abschlagen. Obwohl die ältere Dame, auch wie immer, ein bisschen eigenwillig roch, setzte Kira sich zu ihr.

»Geht es dir gut, meine Kleine?«, fragte die Großmutter.

»Klar. Und dir?«

»Für mein Alter geht es mir sehr gut, denke ich.«, brummelte die alte Frau.

»Die Knochen knacken ein bisschen. Manchmal will das Herz nicht mehr so richtig. Die Zuckerwerte sind auch etwas zu hoch. Aber... das haut eine Johanna Abraham doch nicht von den Füßen.«

Kiras Großmutter lachte. Trocken und kehlig.

Kiras Mutter betrat mit einem dampfenden Teller das Wohnzimmer. Auf dem Teller lagen genau drei Stück Fleisch. Zwei größere und ein ziemlich kleines.

Kira wusste ganz genau, was ihre Mutter vorhatte. Deswegen stand sie auf und nahm ihr den Teller aus der Hand. Sie stach mit der Gabel in das größte Schnitzel und legte es auf den Teller ihrer Großmutter. Das zweite große Schnitzel reichte sie ihrer Mutter und nahm sich selbst das kleinste. Dann brachte sie den leeren Teller in die Küche und stellte ihn ins Spülbecken. Als sie zurückkam und sich hinsetzen wollte, sah sie, dass die Schnitzel ihren Platz gewechselt hatten. Auf ihrem Teller lag nun das größte. Kira runzelte die Stirn.

»So haben wir aber nicht gewettet.«, grummelte sie.

»Entweder tauschen wir wieder, oder ich gehe. Und komme so schnell nicht wieder.«

»Nun mach mal einen Punkt. Ich weiß, dass du nicht mehr so viel zum Essen daheim hast. Also, iss dich satt.«

Da Kira den Ärger ihrer Mutter nicht auf sich ziehen wollte, lenkte sie ein und schnitt das Schnitzel fein säuberlich in zwei Hälften. Eine der Hälften spießte sie auf die Gabel und legte es auf dem Teller der Mutter ab. Sarah Abraham öffnete den Mund, um zu protestieren, doch als sie das Gesicht ihrer Tochter sah, schwieg sie lieber und akzeptierte deren Entscheidung. Wenn auch zähneknirschend.

Kiras Mutter hatte selbst nicht viel Geld. Sie war jung schwanger geworden und kämpfte sich mehr schlecht als recht durchs Leben. Kira sollte es einmal besser als sie haben. Für dieses Ziel gab sie ihr letztes Hemd. Kira dankte es ihr, in dem sie studierte und ihren Job als Sozialarbeiterin in der Jugendhilfe mit besonderem Engagement und Herzblut ausfüllte. Bis zu jenen verhängnisvollen Tagen knappe eineinhalb Jahre zuvor. Seitdem … war nichts mehr so wie zuvor.

Obwohl Kira sich selbst als Enttäuschung wahrnahm, machte ihre Mutter ihr nie Vorwürfe. Allerdings konnte sie sie finanziell auch nicht unterstützen, aber das hätte Kira auch nicht gewollt.

»Hat Kira dir eigentlich erzählt, dass sie einen neuen Job hat?«, fragte Sarah Abraham an ihre Mutter gerichtet.

Johanna Abraham schüttelte den Kopf. Ihr aufmerksamer Blick ruhte auf Kira. Die alten Augen blitzten wach.

»Ich arbeite ab sofort im Homeoffice.«

Dummerweise funktionierte das Gehör der alten Dame nicht mehr ganz so gut. Verwirrt runzelte Johanna die Stirn.

»Homoeffice? Ist das wieder so Lesbenzeugs?«, fragte sie neugierig.

»Wie kann man denn so bitte Geld verdienen?«

Kira und ihre Mutter schauten sich an. Sarah gurgelte. Kira kicherte. Johanna schaute verwundert von ihrer Tochter zu ihrer Enkelin. Schulterzuckend schob sie ein Stück Kartoffel zwischen die Zähne.

»Nicht Homoeffice. Homeoffice.«

»Kira arbeitet ab sofort von daheim aus.«

»Das ist doch … großartig. Aber du bist doch Sozialarbeiterin. Wie soll denn das gehen? Machst du Beratung oder so?«

»So etwas in der Art.«

»Kira arbeitet für einen Erotik-Chat!«, platzte Sarah Abraham heraus.

Kira entglitten die Gesichtszüge.

»So ein Zeug im Internet? Wo sich Leute treffen, um Sex zu haben? Meint ihr das?«

Mit dem Stück Kartoffel im Mund klang Johannas Stimme nicht ganz klar. Dafür waren ihre Augen umso klarer.

»Oh, nein.«

Kira schlug die Hände vors Gesicht. Sie hatte sich so sehr bemüht, die Fakten vor ihrer Großmutter zu verheimlichen und dann … das.

»Sehr interessant. Auf diese Weise kann man bestimmt gutes Geld verdienen. Als ich noch jung war und deine Mutter und ihre zwei Brüder durchbringen musste, habe ich … «

Die älteste Dame der Familie Abraham stockte einen Moment. Dann … breitete sich ein Lächeln in ihrem Gesicht aus. Das Lächeln ließ Johanna jünger erscheinen. Mindestens zwanzig Jahre, wenn nicht sogar noch mehr.

»Weißt du, Kleines, damals war alles noch ein bisschen anders. Wir hatten noch kein Handy. Und auch kein Internet. Aber auf der Suche nach Liebe und Sex waren die Männer und Frauen schon damals.«

Was wollte die ältere Dame damit andeuten? Kira legte die Stirn in Falten und versuchte die Erinnerungen ihrer Großmutter zu erahnen. Schmunzelnd legte die alte Frau ihre faltige Hand auf Kiras Knie.

»Ich musste sehr aufpassen, damit niemand etwas mitbekommen hat. Weißt du, Schatz, damals gab es noch keine Pornos im Internet, die jeder einfach anschauen konnte. Als ich jünger war, haben die Männer die heiße Leitung gewählt.«

Kira hielt sich die Ohren zu.

»Sag nicht, dass du … «

Johanna Abraham lachte auf.

»Damit hast du jetzt nicht gerechnet, was?«

Kira blickte pikiert von ihrer Mutter zu ihrer Großmutter. Sie konnte kaum glauben, was sie da hörte.

»Weißt du, dieses Gewerbe ist das älteste Gewerbe der Welt. Egal, wie viel Geld es mir gebracht hätte, meinen Körper hätte ich nie verkauft. Aber so bisschen ins Telefon säuseln, das habe ich gut hinbekommen. Und du schaffst das auch.«

Kira konnte sich nur schwer vorstellen, dass ihre alte Großmutter so locker mit allem umging. Sie nahm sich selbst nicht so ernst und erzählte lachend von einem Telefonat mit einem Mann. Der Mann schilderte ihr sein Leid. Er war chronisch unterfordert. Seine Frau und er hatten grundsätzlich verschiedene Vorstellungen. Er wollte es härter, sie eher soft. Das Geld für einen Besuch im Puff fehlte ihm jedoch. Also wählte er die Nummer der heißen Leitung. Und bekam Johanna Abraham ans Telefon.

Johanna hörte ihm zu. Eine ganze Stunde lang. Bis er eingeschlafen war. Einen Tag später rief der Mann wieder an. Genauso wie am übernächsten. Eine ganze Woche lang telefonierten sie miteinander. Als die nächste Telefonrechnung ihn erreichte, meldete er sich nicht mehr.

»Das war kein Verlust für die Menschheit.«, erklärte Kiras Großmutter lachend.

»Der hätte lieber mal mit seiner Frau sprechen sollen. Das wäre in jedem Fall besser gewesen.«

»Weißt du, ob er noch mit ihr zusammen ist?«

»Wenn sie die Rechnung gesehen hat, wohl eher nicht. Es ist davon auszugehen, dass er das halbe Vermögen für seine Telefonate mit mir ausgegeben hat.«

Johanna Abraham zuckte mit den Schultern.

»Bist du dir nicht manchmal komisch vorgekommen? Ich meine, wenn die Typen … na, du weißt schon.«

»Wenn sie abgespritzt haben? I wo. Ich musste es ja nicht sehen, gell?«

Johanna lachte. Herzhaft. Und warm.

»Mir war es im Grunde egal. Und das sollte es dir auch sein. Du musst nicht mit den Männern und Frauen schlafen. Wenn sie ihr Geld für diesen Flirtchat aus dem Fenster schmeißen wollen, bitteschön. Ihr Problem. Und solange dir das Geld die Miete und deinen Unterhalt bezahlt, ist doch alles in Ordnung, oder?«

Damit war das Thema erledigt. Man widmete sich Gesprächen übers Wetter und über den Dackel von Johannas Nachbarin Liselotte Wagner.

Johanna Abraham stand auf, streckte sich und wackelte mit wallendem Hinterteil durchs Wohnzimmer.

»So laufen die zwei immer nebeneinander her. Mit wackelnden Ärschen.«

Kira lachte so herzhaft wie schon lange nicht mehr. Als sie am Abend das Haus ihrer Mutter verließ, fühlte sie sich großartig, wofür nicht nur der leichte Schwips zuständig war.

K ira hatte nicht gedacht, dass es so anstrengend sein könnte, parallel zwei Chats zu bedienen. Alle paar Minuten switchte sie zwischen den Tabs hin und her und hatte dann ordentlich zu tun, um nachzulesen, was während der letzten Minuten passiert war.

Ihr Name war Muschelkuschlerin.

»Hey, Muschelkuschel. Hast du kurz Zeit?«

Kira klickte auf das Profil. Ein junger Mann strahlte ihr vom Profilfoto entgegen.

»Ja.«, schrieb sie zurück.

Während der nächsten Minuten ploppten ständig neue Nachrichtenfenster auf. Kira geriet in Stress.

Im Flirtchat ging es gerade um die Vorteile längerer Schwänze. Ein Thema, bei dem Kira nur bedingt mitreden konnte. Sie wechselte zum Chatfenster des christlichen Chats. Dort diskutierte man über eine Bibelstelle. Auch davon hatte Kira nicht wirklich Ahnung. Trotzdem las Kira mit.

Je länger und intensiver Kira sich mit den Chats befasste, desto entspannter und lockerer wurde sie. Sie schlug sogar selbst Themen vor oder regte Diskussionen an. Genau so, wie es von ihr verlangt wurde.

Kira fühlte sich immer sicherer. Immer, wenn ihr wieder jemand ein Nacktbild schickte, musste sie an ihre Großmutter denken. Dann sagte sie sich »Dieser Job bezahlt deine Miete.« und schon konnte sie dem Ganzen mit einem Lächeln begegnen.

Manchmal wurde sie auch von Frauen angeschrieben. Frauen, die unsicher waren, ob sie nun ausschließlich Frauen bevorzugten, oder doch eher bi waren. Frauen, die nicht genau wussten, wohin sie gehörten.

In diesen Fällen wurde Kira zur Beraterin. Zur anonymen Freundin. Die Fragen stellte und Raum gab, um in sich zu gehen.

Kira wurde zu der Freundin, die man sich wünschte, aber doch nicht bekommen konnte. Sie war einfach da. Sie war nah. Und doch weit genug weg, um sich nicht zufällig über den Weg zu laufen.

Kira hörte zu. Kira schwieg mit den Schreiberinnen. Kira hakte nach. Kira wertete nicht. Kira war einfach … Kira.

Ohne, dass sie sich selbst so richtig bewusst wurde, floss immer mehr von ihr selbst mit ein. Das ließ sich irgendwie nicht vermeiden.

»Hast du schon mal mit einer Frau geschlafen?«, fragte eine Chatterin, die ungefähr in Kiras Alter war.

Eine Weile überlegte Kira. Sollte sie sich offenbaren? Oder doch lieber nicht? Sie war hin und her gerissen. Zu Beginn ihrer Tätigkeit hatte sie einen Leitfaden bekommen, aber solche Fragen … beantwortete er nicht. Kira stand allein.

»Ja.«, schrieb sie, ohne lange zu überlegen.

Dann switchte sie zum christlichen Chat und stolperte in eine Diskussion über Liebe und Sex. Auf der einen Seite stand die Fraktion, die dafür stand, dass es keine gute Idee war die Katze, beziehungsweise den Kater im Sack zu heiraten. Auf der anderen Seite argumentierte das Lager derer, die der Meinung waren, dass es richtig war, unbefleckt in die Ehe zu gehen.

Das konnte interessant werden. Kiras Augenbraue zuckte. Amüsiert überflog sie die Kommentare verschiedener Chatteilnehmer und Teilnehmerinnen. Auch hier war erkennbar, wie einfach die Menschen doch tickten. Die Frauen vertraten gänzlich andere Ideale als die Männer, wobei sich nicht eindeutig ließ, welcher der Fraktionen ein höherer männlicher, oder ein höherer weiblicher Anteil angehörte.

Widerwillig löste Kira sich von diesem Chat und wechselte wieder auf die andere Seite.

Die Frau hatte sie mittlerweile zu getextet. Mindestens dreißig Zeilen warteten darauf, dass Kira sie las.

Ein weiteres Chatfenster ging auf.

»Wo bist du eigentlich?«, regte sich eine andere Chatmoderatorin auf.

»Es kann nicht sein, dass ich die ganze Arbeit mache und du dich irgendwo anders herum treibst. Hilf mir gefälligst.«

Kira schüttelte sich. Die andere Chatmoderatorin war anscheinend ziemlich im Stress. Kira wechselte in den offenen Chat. Nun wusste sie, warum ihre Kollegin sich so aufregte. Ein älterer Mann hatte mit einem sehr eindeutigen Foto einen Shitstorm losgetreten. Jede Menge anderer Bilder waren seinem gefolgt.

Hektisch tippte Kira mit großen Lettern eine Warnung in den offenen Raum und schickte sie ab.

Dann machte sie sich daran, die Bilder zu löschen.

»Danke.«, ploppte mehrmals in privaten Fenstern auf.

»Warum kapieren manche Idioten nicht, dass Nahaufnahmen gewisser Körperteile im offenen Chat verboten sind?«

Kira war genervt von so viel Ignoranz mancher Menschen. Es waren nicht nur die Männer, die immer wieder über Grenzen gingen. Die Frauen standen ihren männlichen Mit-Chattern in nichts nach.

Auch Brüste und andere weibliche Körperteile musste Kira löschen.

»Bist du noch da?«, fragte die Frau, die sie zuvor angeschrieben hatte.

Kira geriet in Hektik. Ihre Finger verknoteten sich. Außer Puste wischte Kira sich über die Stirn und wechselte unabsichtlich in den christlichen Chatraum.

»Keine Nacktbilder im offenen Chat!«, hackte sie in die Tastatur und schickte es ab.

Mit zusammengekniffenen Augen suchte Kira den Chat mit der Frau. Er war weg. Kira hatte keinen Überblick mehr. Doch dann … riss sie die Augen weit auf.

»Verdammte Scheiße!«, jammerte sie und versuchte verzweifelt, ihre Nachricht im christlichen Chat zu löschen. Doch die Nachricht blieb da. Mit dicken, fetten, roten Lettern.