I hr Vater hatte Joanna untersagt, den Familienbetrieb noch einmal zu betreten. Deswegen hatte Joanna sich am Montag ordnungsgemäß krank gemeldet. Fünf Tage hatte sie auf die Kündigung warten müssen, dann lag sie im Briefkasten.
Eine fristlose Kündigung. Von ihrem Vater.
Das erschütterte Joanna dann doch so sehr, dass sie mehrere Tage lang nicht in der Lage war, irgendetwas zu tun. Nur für die Runden, die sie mit ihrem Hund Murphy drehen musste, verließ sie die Wohnung. Die restliche Zeit verbrachte sie einfach im Bett und kuschelte mit Murphy. Der kleine Hund gab ihr all das, was sie so sehr vermisste. Nähe, Wärme, Zuneigung und Liebe. Mit ihm zu kuscheln tat Joanna gut.
Am Wochenende nach jenem verhängnisvollen Sonntag drückte jemand so lange hartnäckig auf den Klingelknopf, dass Joanna das Klingeln nicht länger ignorieren konnte. Ohne jeglichen Antrieb stand sie auf und latschte zur Tür.
»Ja!«, knurrte sie in die Gegensprechanlage.
»Verdammt! Jo! Mach endlich auf!«
Joanna drückte auf den Türöffner und öffnete die Wohnungstür. Dann zog sie sich wieder ins Schlafzimmer zurück und zog die Bettdecke bis zum Kinn.
»Meine Fresse! Bei dir stinkt es abscheulich!«, schimpfte Felix während er in den großzügigen Flur stapfte.
»Wo steckst du eigentlich?«
»Im Schlafzimmer.«, wimmerte Joanna.
Von der schwachen Stimme seiner Schwester alarmiert, lief Felix eilig durch den Flur. Joanna saß im Dunklen. Statt das Licht anzumachen, ging Felix zum Fenster und zog den Rollladen hoch. Dann riss er das Fenster auf. Vögel zwitscherten. Es roch nach Frühling. Sogar die Sonne schien.
»Wann hast du das letzte Mal gelüftet?«, fragte Felix.
Joanna zuckte mit den Schultern.
»Mit dem Hund gehst du aber schon raus, oder?«
»Natürlich.«
So natürlich war das nicht. Felix schüttelte den Kopf. Was er sehen und riechen musste, schockierte ihn sichtlich. So kannte er seine Schwester nicht. Normalerweise war Joanna voller Energie und stand ihren Mann. Das hier war mehr als er ertragen konnte.
Wortlos ging er an ihr vorbei und riss im großzügigen Wohnzimmer, im kleinen Zimmer, in den Bädern und in der Küche die Fenster auf. Dann kehrte er zurück und baute sich mit in die Seiten gestemmten Händen vor dem Bett auf.
»Ich lasse nicht zu, dass du dich so hängen lässt. Du stehst jetzt auf und gehst unter die Dusche. Wenn du fertig bist, nehmen wir den Hund und gehen zusammen etwas essen. Und dann schauen wir zusammen weiter.«
»Papa hat mir gekündigt.«
»Das weiß ich.«
»Fristlos!«
»Das … wusste ich nicht.«
Felix riss die Augen weit auf. Fassungslos stand er vor seiner Schwester und suchte nach Worten.
»Das ist wieder so typisch.«, regte er sich auf.
»Der Alte ist ein unverbesserliches und ignorantes Arschloch!«
»Du arbeitest noch für ihn.«
»Das … äh … ist etwas ganz Anderes.«
»Wollen wir zwei uns selbständig machen?«, fragte Joanna einfach so ins Blaue.
»Das klappt nicht. Dafür wird Vater schon sorgen. Denk dran, er hat überall seine Leute sitzen. Wir werden keine Ausschreibungen gewinnen. Jedenfalls nicht hier in der Stadt.«
»Wusste ich es doch, dass du nicht die Eier hast.«
»Hey. Hör auf, auf mir herum zu hacken. Ich kann nichts dafür. Außerdem bin ich … ach, vergiss es. Geh bitte einfach duschen. Okay?«
Grummelnd erhob Joanna sich und schlurfte an ihrem Bruder vorbei ohne ihn eines Blickes zu würdigen.
Felix Erschütterung saß so tief, dass der junge Mann eine Weile brauchte, um sich zu sortieren.
Dass es Joanna nach ihrem Outing und dem Verlust des Arbeitsplatzes nicht gut ging, konnte er sich denken, aber eigentlich kannte er seine Schwester anders und dafür hatte er sie immer bewundert. Im Grunde gab es nichts, was sie aus der Ruhe hätte bringen können. Egal, wie stark der Gegenwind auch war, sie fand immer einen Weg, was in seinen Augen daran lag, dass sie mutig und stark war. Und die Älteste von vier Geschwistern. Felix war der Jüngste, zudem der einzige Junge. Das hatte ihm manches erleichtert. Zwar hatte er auch mit den hohen Erwartungen seiner Eltern zu kämpfen, doch die Erwartungen an Joanna waren viel höher.
Eigentlich hätte Felix schon vor Tagen bei seiner Schwester vorbeischauen wollen, doch das Arbeitspensum war so enorm, dass er nach Feierabend nur noch nach Hause und ins Bett wollte. Je intensiver er sich damit auseinandersetzte, desto klarer wurde ihm, dass eine Absicht hinter den plötzlich angestiegenen Anforderungen an ihn steckte. Sein Vater wollte nicht, dass er sich um Joanna kümmerte. Klaus wollte, dass Joanna strauchelte und reumütig mit einem zukünftigen Ehemann in den Schoß des elterlichen Hauses zurückkehrte.
In diesem Punkt war Felix sich allerdings sicher, selbst wenn Joanna nur noch trockenes Brot und Wasser blieben, diesen Schritt würde sie niemals machen. Lieber gab sie alles auf und verließ die Stadt oder sogar das Land, um woanders ganz neu anzufangen. Das passte sehr viel besser zu ihr. Wahrscheinlich brauchte sie nur ein bisschen Zeit, um ihre Wunden zu lecken. Dann würde sie wieder auferstehen. Wie ein Phönix aus der Asche.
An diesem Gedanken wollte Felix festhalten. Sonst würde er das, was er in Joannas Wohnung zu sehen bekam, nicht aushalten.
Felix zog das Bett ab, stopfte die Bettwäsche in die Waschmaschine in der Küche und hängte die Zudecken aus dem Fenster. Dann öffnete er den großen Schwebetürenschrank und holte neue Bettwäsche heraus. Joanna hatte ein großes Bett. Zwei mal zwei Meter. Das Spannbetttuch über die große Matratze zu ziehen, war nicht einfach. Felix mühte sich ab. Immer, wenn er eine Ecke hatte, hüpfte eine andere Ecke wieder heraus. Mit Schwung schmiss er sich auf die Matratze und drückte mit Füßen und Händen die Ecken herunter.
»Hey, Murphy. Lass das!«, jaulte er.
Der kleine Hund hielt das, was Felix veranstaltete, offensichtlich für ein lustiges Spiel, bei dem er unbedingt dabei sein wollte. Bellend hüpfte er um Felix herum und schlabberte dem jungen Mann mit seiner weichen Zunge über die Wangen und die Stirn. Felix schob schnell die Hände vors Gesicht. Und schwupp. War das Spannbetttuch wieder ab.
»Was ist denn das für ein Scheiß?«
Felix schimpfte vor sich hin, doch dann … fühlte er sich animiert und kugelte mit Murphy übers Bett.
Als Joanna nach einer Weile zurückkam, konnte sie nicht verhindern, in schallendes Gelächter auszubrechen.
»Oh, mein Gott! Seid ihr süß!«, rief sie und lachte herzhaft.
Das erste Mal seit einer Woche.
Felix richtete sich auf. Seine Wangen waren ganz rot, die Haare flogen in alle Richtungen. Murphy war sofort wieder bei ihm.
»Wie bekommst du das nur hin, dein Bett zu beziehen? Gibt es da irgendeinen Trick?«
»Ein anderes Betttuch. Das ist ein bisschen zu klein.«
»Und warum schmeißt du es dann nicht weg?«
Joanna zuckte mit den Schultern.
»Keine Ahnung.«
Nur mit Slip und BH bekleidet ging Joanna zum Kleiderschrank und zog ein anderes Betttuch heraus. Mit Felix Hilfe versuchte sie, es über die Matratze zu ziehen. Murphy kam ihnen immer wieder in die Quere. Mal hüpfte er zu Felix und riss ihm die Ecke aus der Hand. Mal hechtete er auf Joanna zu. Es dauerte eine Weile, bis das Laken endlich auf der Matratze war.
Felix und Joanna klatschten ab und sahen einander an. Erst jetzt fiel dem jüngsten Junghans-Sprössling auf, dass seine ältere Schwester fast nackt war.
»Äh … «, sagte er und deutete auf sie.
Joanna schaute an sich herunter. Grinsend zuckte sie mit den Schultern.
»So schlimm?«, neckte sie.
»Nicht schlimm. Für dein Alter siehst du echt noch gut aus.«
Es klatschte. Felix lachte. Joanna kicherte.
»Ich freue mich, dass es dir ein bisschen besser geht.«, sagte Felix und lächelte zärtlich.
»Das liegt nur an dir. Danke, dass du da bist.«
»Tut mir leid, dass ich es erst heute schaffe. Eigentlich wollte ich schon viel früher kommen, aber Vater hat mich so mit Arbeit eingedeckt, dass ich keinen Tag vor neun aus der Firma gekommen bin.«
Felix wirkte ehrlich zerknirscht.
»Schön, dass du da bist.«, wiederholte Joanna.
Immer noch in BH und Slip ging sie zum Fenster und holte die Bettdecken herein. Dreimal musste sie anfangen, um die Decken zu beziehen, weil jedes Mal kurz bevor sie fertig war, Murphy im Bettbezug saß.
Erst als Felix ihn mit beiden Händen festhielt, herrschte Ruhe und Joanna konnte in Ruhe die verhasste Arbeit vollenden.
Als alles soweit fertig war, dass die Wohnung nicht mehr roch als wäre sie seit Monaten nicht gelüftet worden, zog Joanna Jeans, Shirt und ihr Lieblingshemd an. Mit der Lederjacke über der Schulter ging sie in den Flur und schlüpfte in ihre Lieblingsschuhe.
Das war das Signal. Mit freudigem Bellen hüpfte Murphy heran und umrundete sein Frauchen. Sein Schwanz wackelte munter. Felix beugte sich zu dem jungen Hund, streichelte seinen Hals und legte ihm das Geschirr an.
»Ich kann verstehen, dass du Murphy so lieb hast.«, erklärte Felix als er an der Seite seiner Schwester durch den Park lief.
»Er ist wirklich cool.«
»Oh ja. Das ist er.«
»Ist dir eigentlich schon mal aufgefallen, dass die Frauen dir hinterher schauen?«
»Echt?«
Joanna blickte sich um.
»Ich sehe nichts.«
»Weil du schon immer ein bisschen kurzsichtig warst.«
»Du bist ein Arsch.«
»Ich weiß.«
Felix lachte. Doch dann … wurde er ernst. Sehr ernst.
»Versprich mir, dass du aufhörst, dich so hängen zu lassen. Der Alte darf dich nicht klein kriegen.«
»Ich weiß. Was sagt eigentlich Mutter?«
Felix zuckte mit den Schultern.
»Es wird halt so sein wie immer. Er sagt und sie nickt es ab. Mutter hatte doch noch nie einen eigenen Willen.«
»Da ist was dran.«
Nachdenklich wiegte Joanna mit dem Kopf. Nachzuvollziehen, warum ihre Mutter sich nicht gegen ihren cholerischen, egozentrischen und selbstverliebten Mann zur Wehr setzte, fiel Joanna so unendlich schwer. Erika Junghans nahm hin, dass ihre Tochter mit der Familie brach. Und alles nur, um weiterhin so zu tun, als wäre alles ganz normal. Joanna konnte sich sogar vorstellen, dass sie den Nachbarn, Freunden, Bekannten und anderen Familienmitgliedern eine Geschichte auftischte, die endlos weit hergeholt war.
»Meinst du, Mutter sagt offen, warum ich nicht mehr bei Familienfeiern dabei bin?«, fragte sie.
»Kann ich mir nicht vorstellen, ehrlich gesagt. Sie wird erzählen, dass du verhindert bist. Oder dass du dich entschieden hast, im Ausland Karriere zu machen.«
Genau so etwas hatte Joanna geahnt. Die Familie musste funktionieren. Den schönen, bunten Schein aufrecht halten, immer schön so tun als ob, egal wie sehr es im Gebälk auch knarrte.
Joanna atmete erleichtert auf. Wenigstens musste sie nun nicht mehr so tun als ob. Keiner kümmerte sich mehr um sie. Sie konnte tun, was sie wollte. Das erste Mal in ihrem Leben.
Ein Lächeln erhellte Joannas Lippen.
»Ganz ehrlich, ich bin froh, dass ich mich geoutet habe.«, sagte sie fröhlich.
»Das hat mir zwar Ärger eingebracht, aber auch Ruhe.«
»Stimmt. Du musst morgen nicht am Mittagstisch sitzen und artig lächeln. Ein bisschen beneide ich dich schon.
»Denk dran, Felix, mein Angebot steht. Zu zweit könnten wir es schaffen.«
»Davon bin ich überzeugt. Aber … ich kann nicht. Wenn ich auch noch gehe, dann ist der Alte fertig. Und die Mädels auch. Du weißt ganz genau, warum wir als Firma noch so weit oben stehen. Ohne dich wird es sowieso schon schwieriger. Wenn ich nun auch noch aufhöre, dann ist die Katastrophe perfekt.«
Nachdenklich wackelte Joanna mit dem Kopf. Sie wollte nicht gerne zugeben, dass Felix recht hatte.
»Ich werde wohl sowieso etwas ganz Anderes machen.«
Felix fuhr herum und griff nach ihrem Arm.
»Aber du bist mit Herz und Seele Architektin.«
»Na und? Ich kann auch etwas Anderes mit Herz und Seele machen. Oder traust du mir das nicht zu?«
»Doch. Natürlich. Ich traue dir so gut wie alles zu. Trotzdem bist du die Beste. Und das weißt du auch.«
»Mich kotzt das alles so an!«, schimpfte Joanna.
Ihr Herz schmerzte. Sie war gerne Teil des Familienbetriebs gewesen und hatte sich mit Herzblut in die Arbeit geschmissen. Sie hatte sich angestrengt. Ihre Entwürfe hatten hart umkämpfte Ausschreibungen gewinnen können. Ursprünglich hätte sie die Firma in zwei oder drei Jahren übernehmen sollen.
»Hätte ich noch warten sollen?«
»Keine Ahnung. Vielleicht. Nein.«
Felix legte seinen Arm um seine ältere Schwester. Dass Joanna so zerbrochen war, schmerzte ihn so sehr, dass es ihn innerlich zu zerreißen drohte.
»Du weißt doch schon so lange, dass Frauen reizvoller für dich sind. So viele Jahre, in denen du dich selbst verleugnen musstest. Ich finde es gut, dass du endlich aus dir herausgekommen bist.«
»Mit welchem Effekt? Dass Vater mich aus der Firma wirft und mich enterbt.«
Joanna lachte frustriert auf.
»Dafür bist du endlich frei. Außerdem … und das kann ich dir versichern … hast du einen ordentlichen Orkan durch die Familie geschickt.«
»Okay. Das ist immerhin etwas. Bist du mir böse, wenn wir das Thema wechseln? Ich kann nicht mehr.«
Zusammen mit Felix und Murphy stürmte Joanna über die Wiese. Vor einem italienischen Restaurant auf der anderen Seite des Parks blieben sie stehen und studierten die Speisekarte.
»Hast du Bock auf italienisch?«
»Klar. Warum nicht?«
Die drei nahmen einen Tisch in der Sonne ein. Trotz der Sonne war es nicht besonders warm, was Joanna jedoch nicht davon abhielt, ihre Jacke auszuziehen und auf den Boden zu legen. Sie hielt die Hand auf Augenhöhe ihres Hundes und deutete auf die Jacke.
»Murphy! Körbchen!«
Der junge Hund schaute Joanna mit großen Augen an. Dann versuchte er, an Felix hoch zu hüpfen.
»Murphy! Körbchen!«
Joanna blieb hart.
»Wuff.«
Der Hund drehte sich mehrmals auf Joannas Lederjacke im Kreis. Dann ließ er sich stöhnend und ächzend nieder. Alle paar Minuten hob er den Kopf um nachzuschauen, ob es nicht doch eine Möglichkeit gab, das Körbchen zu verlassen.
»Murphy! Körbchen!«
Der junge Hund seufzte genervt. Als der Kellner das Essen brachte, war er nicht mehr zu halten. Winselnd sprang er auf und versuchte, ein Nüdelchen zu ergattern.
Joanna hatte alle Hände voll zu tun, damit Murphy den Stuhl, an dem sie seine Leine befestigt hatte, nicht hinter sich her zerrte.
»Schluss jetzt!«, schimpfte sie und deutete auf ihre Jacke.
»Wuff.«, jammerte der junge Hund leidend und schaute sie aus seinen kugelrunden großen dunklen Augen an.
Sein Blick war herzzerreißend. Felix war kurz vor einem Lachanfall. Ein Blick auf seine Schwester zeigte ihm, dass er sich zusammenreißen sollte. Joanna sah nicht so aus, als ob sie in diesem Punkt Spaß verstand. Also schluckte Felix das Lachen wieder hinunter.
»Guten Appetit.«, nuschelte er und schob ein Stück Pizza in den Mund.
Joanna drehte ihre Spaghetti ein. Ein paar Nudeln, die von der Soße verschont worden waren, schob sie zur Seite.
Nachdem Felix und sie fertig waren, hielt sie eine der langen Nudeln unter den Tisch. Murphy schnappte danach und hatte die Spaghetti mit einem Biss verschlungen. Er schmatzte zufrieden.
Zwei Stunden später verabschiedete Felix sich vor Joannas Wohnung, rang seiner Schwester aber das Versprechen ab, dass sie sich nicht hängen ließ. Als er ging, hatte er das Gefühl, dass vielleicht doch irgendwie alles gut werden würde, selbst wenn es im Moment nicht so sehr danach aussah.
D en Sonntag gab Joanna sich, um sich dem Schmerz noch einmal so richtig hinzugeben. Sie weinte. Und raffte sich nur auf, um mit Murphy vor die Tür zu gehen.
Montag war ein neuer Tag. Erholt sprang sie aus dem Bett und drehte eine großzügige Runde mit Murphy. Danach machte sie Kaffee und schwang sich an den Laptop. Architekten gab es einige in der Stadt. Das wäre ja wohl gelacht.
Mit Zettel und Stift in der Hand wählte sie die Nummer eines Architekturbüros, von dem sie eine besonders hohe Meinung hatte. Für dieses Büro arbeiten zu dürfen, würde ihr sicher gut tun. Ihr Vater würde vor Wut platzen.
»Joanna Junghans.«, meldete sie sich.
Die Assistentin leitete sie direkt an ihren Chef weiter. Joanna straffte die Schultern und setzte sich aufrecht hin.
»Joanna Junghans.«, sagte sie erneut.
Der Architekt wirkte erfreut. Er lud sie bereits für den Nachmittag zu einem Gespräch in sein Büro ein.
»Na da schau einer guck an. Das war ja viel leichter als gedacht.«
Joanna grinste vor sich hin.
In aller Ruhe suchte sie ihre Unterlagen zusammen. Dann machte sie sich auf den Weg, um die Mittagsrunde mit ihrem Hund zu drehen. Mit roten Wangen kehrte sie glücklich und voller Vorfreude zurück.
Nach einem spärlichen Mittagessen unterzog sie sich ausführlicher Körperpflege. Ausnahmsweise duschte sie nicht nur, sondern genehmigte sich sogar ein Bad. Während sie mit den Füßen platschte und Schaumberge jagte, ging sie im Kopf das Gespräch mit ihrem – hoffentlich – zukünftigen Chef durch. Ihre Referenzen waren erstklassig. Ihre Anstellung ein Gewinn für jedes Architekturbüro mit klarer Ausrichtung nach oben. Joanna konnte sich nicht vorstellen, dass es in der Stadt und der näheren Umgebung auch nur einen Architekten gab, der es sich entgehen ließ, sie unter Vertrag zu nehmen. So einfach würde es ihr Vater nicht haben.
Gut gelaunt putzte sie nach einem ausgiebigen Bad die Zähne und machte ihre Haare. Dann noch ein leichtes Make-up aufgelegt und die richtigen Klamotten ausgewählt und schon war sie fertig.
»Kann ich so gehen?«, fragte sie ihren schwanzwedelnden Vierbeiner und drehte sich vor ihm um die eigene Achse.
Murphy tiefes Schnauben interpretierten Joanna als Zustimmung.
»Wünsch mir Glück, mein kleiner Schatz.«
»Wuff.«
Joanna bückte sich und hielt ihrem Hund ein Leckerli hin.
»Ich bin gleich wieder da.«, sagte sie.
»Sei schön brav. Und nicht bellen, okay? Wenn ich wieder zurück bin, machen wir eine große Runde. Das verspreche ich dir.«
Dafür, dass Joanna zu einem wichtigen, womöglich sogar zukunftsweisenden, Gespräch unterwegs war, war sie doch ziemlich entspannt. Fröhlich pfiff sie vor sich hin. Ein bisschen laut. Ein bisschen schief. Aber sie pfiff. Das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit.
Das Architekturbüro von Frederik Winkler war nicht weit weg. Deswegen entschied Joanna, das Auto stehen zu lassen und zu Fuß zu gehen.
Frische Luft und Sonnenschein klarten das Gehirn und verhalfen Joannas Gemüt zu neuer Ruhe. Joanna schwenkte die Tasche vor und zurück. Ihre Schritte waren voller Energie. Sie freute sich ehrlich.
»Guten Tag.«, sagte sie freundlich als sie das Architekturbüro betrat.
Die Frau am Empfangstresen lächelte ihr entgegen.
»Sie müssen Joanna Junghans sein.«, sagte sie freundlich.
»Der Chef kommt gleich. Kann ich Ihnen in der Zwischenzeit einen Kaffee anbieten?«
Das Lächeln der Frau erwidernd nickte Joanna und nahm in einem der bequemen Bistrostühle Platz. Mit ihrer Mappe in der Hand wartete sie ab. Es dauerte länger als erwartet. Frederik Winkler ließ sich Zeit, aber das beunruhigte Joanna nicht besonders. Sie kannte es von sich selbst. Manchmal musste unbedingt noch etwas fertig gemacht werden, bevor man sich einem neuen Thema widmen konnte.
Als Frederik Winkler endlich auftauchte, stand Joanna auf und schickte ein offenes Lächeln in seine Richtung.
»Guten Tag, Frau Junghans. Kommen Sie bitte mit.«, sagte der Mann mit dem schütteren Kopfhaar.
Seine Stimme klang eine Spur zu neutral um als freudig gewertet zu werden. Joannas Herz klopfte schneller.
»Nehmen Sie doch bitte Platz.«
Frederik Winkler deutete auf einen der Besucherstühle seinem Arbeitsplatz gegenüber.
Joanna tat wie geheißen und blickte sich in aller Ruhe in dem Büro um. Es sah so ganz anders aus als das Büro ihres Vaters. Viel weniger kalt und steril. Der Architekt selbst wirkte auch ganz anders. Mit Jeans und lässigem Poloshirt gekleidet wirkte er viel entspannter als Joannas Vater, der grundsätzlich ziemlich hoch geknöpft auftrat. Hoch geknöpft. Und zugeknöpft.
»Ich habe gerade mit Ihrem Vater telefoniert.«, begann Frederik Brinkmann ohne lange um den heißen Brei herumzureden.
»Oh.«
Für ein paar Sekunden setzte Joannas Herzschlag aus. Unangenehme Hitze verwandelte das Blut in ihren Adern in Lava. Gefühlt zumindest. Joanna wurde blass.
»Sie können sich vermutlich denken, was er wollte.«
Joanna nickte. Und senkte den Kopf.
»Ich habe so eine leise Ahnung.«
»Das dachte ich mir. Was haben Sie dazu zu sagen?«
Wozu denn bitte? Joannas Kopf fuhr hoch. Sie starrte ihr Gegenüber verwundert an.
»Äh … Ich fürchte, ich weiß nicht genau, wovon Sie sprechen.«
»Wie auch immer. Wir legen hier großen Wert auf Offenheit und Ehrlichkeit. Die Kunden müssen sich auf uns verlassen können. Wir müssen uns aufeinander verlassen können.«
Da Frederik Winkler ihr voll aus dem Herzen sprach, nickte Joanna bekräftigend. Allerdings hatte sie nicht den Hauch einer Ahnung, warum er diese Selbstverständlichkeit so besonders betonte.
»Frau Junghans, ich will ganz ehrlich mit Ihnen sein. Sie einzustellen birgt ein gewisses Risiko für mich.«
»Aber warum denn das?«
Erbost sprang Joanna auf.
»Was hat der Al … äh … ich meine, was hat mein Vater Ihnen erzählt?«
»Sie wissen es wirklich nicht?«
Joanna schüttelte den Kopf. Um sich vor ihrem hoffentlich zukünftigen Chef nicht als unprofessionell zu disqualifizieren, nahm sie sich zusammen und setzte sich wieder hin, obwohl sie viel lieber herumgelaufen wäre.
»Gehe ich richtig in der Annahme, dass sie von Unstimmigkeiten in den Abrechnungen nichts wissen?«
Genau so war es. Joanna hatte keine Ahnung, wovon ihr Gegenüber sprach.
»Es tut mir leid, Frau Junghans, aber unter diesen Voraussetzungen kann ich nicht mit Ihnen zusammenarbeiten. Sehen Sie bitte von künftigen Bewerbungen ab.«
Das … war doch … die … Höhe.
Joanna konnte es nicht fassen. Dass ihr Vater sie schlecht machen würde, hatte sie einkalkuliert, aber gleich … so? Die Erde in ihrer Stadt war verbrannt. Das realisierte sie schlagartig.
Obwohl ihr sämtliche Gesichtszüge entglitten und die Augenlider vor lauter Anspannung zu zucken begannen, erhob sie sich und hielt Frederik Winkler die Hand hin um sich zu verabschieden.
»Sie machen einen großen Fehler, aber das wissen Sie vermutlich.«
Frederik Winkler reagierte nicht. Er blieb einfach sitzen und schaute ihr hinterher wie sie hoch erhobenen Hauptes sein Büro verließ, die Mappe mit ihren Entwürfen unter den Arm geklemmt. Nichts an ihrer Haltung deutete auf den seelischen Aufruhr hin, der in ihr herrschte. Sie hätte große Lust, schnurstracks zu ihrem Vater zu fahren und ihn zur Rede zu stellen. Aber das … ließ eine Joanna Junghans sich ganz sicher nicht anmerken.
»Auf Wiedersehen.«, sagte sie beim Vorbeigehen zu der freundlichen Frau hinter dem Empfangstresen.
Dann war sie zur Tür draußen. Und lehnte sich an die Wand. Ihre Augen brannten. Ihr war nach Weinen zumute, doch diesen Triumph gönnte sie ihrem Vater nicht. Ganz sicher nicht. Sie war Joanna Junghans. Das sagte doch schon alles.
Eine Frau wie sie ließ sich von nichts und niemandem klein kriegen.
»Dann eben nicht.«, sagte sie mit rauer Stimme und ballte die Hand zur Faust.
»Dann mache ich eben doch was anderes. Nur was?«
Nun, ein bisschen Zeit blieb ihr schon, um sich mit ihrer beruflichen Zukunft auseinanderzusetzen. Ihr Vater würde es jedenfalls nicht schaffen, sie zu zerstören. Diesmal nicht.
Trotz der Niederlage setzte Joanna sich gut gelaunt in Bewegung und lief nach Hause. Alle paar Schritte blieb sie stehen und reckte ihr Gesicht der Sonne entgegen.
Dieser Tag war viel zu schön, um sich vom Gegenwind umwerfen zu lassen. Voller Energie ging sie davon. Dass Frederik Winkler mit seiner Assistentin am Fenster stand und ihr hinterher schaute, bekam sie nicht mit.
»Was meinen Sie, Annika?«, fragte Frederik Winkler seine Angestellte.
»Ich weiß es nicht. Auf mich wirkt sie nicht wie jemand, der mehrere Millionen Euro unterschlagen hat. Sie wirkt sehr selbstsicher.«
Annika Bischoff wandte sich ihrem Chef zu.
»Sind Sie sich wirklich sicher, dass an der Geschichte etwas dran ist?«
»Ich weiß es nicht. Aber warum sollte der alte Junghans mich anlügen? Es geht immerhin um seine Tochter.«
»Eben drum. Es könnte doch immerhin sein, dass die zwei private Probleme haben. Oder etwa nicht? Vielleicht will er seine Tochter auch nicht als Konkurrenz haben. Möglich wäre das doch, oder? Ich kenne einige Projekte von Joanna Junghans. Sie ist wirklich gut.«
»Ich weiß. Deswegen hätte ich auch gerne mit ihr gearbeitet. Aber wir können es uns nicht leisten, dass sie uns in Misskredit bringt. Verstehen Sie?«
»Natürlich verstehe ich Sie. Wenn Sie wollen, kann ich mich ja mal umhören.«
»Das wäre eine feine Sache. Vielen Dank.«
Joanna schlenderte durch den Park. Das erste Mal seit Jahren nahm sie sich die Zeit, sich einfach auf eine Bank zu setzen und ein Eis zu essen. Eine Horde Kinder rannte lärmend an ihr vorbei. Joanna lächelte.
Erst als sie das Gefühl hatte, genügend Sonne getankt zu haben, kehrte sie nach Hause zurück. Murphy begrüßte sie so freudig, dass es Joanna ganz warm wurde ums Herz. Sie bückte sich zu ihrem Welpen und zog ihn in ihre Arme. Dem kleinen Hund war anscheinend nicht nach Kuscheln zumute. Er leckte über Joannas Wange und drückte ein feuchtes Küsschen auf ihre Lippen.
»Brrrr. Du riechst wie eine Fischdose.«, schimpfte Joanna liebevoll.
»Komm, mein Kleiner, wir gehen eine Runde spielen.«
Das Haus, in dem Joanna ihre großzügige Wohnung bewohnte, lag nicht weit vom Wald entfernt. Joanna liebte es, mit Murphy durch den Wald zu streifen. Sie mochte den Geruch der Bäume. Aber noch mehr mochte sie zu sehen, wie glücklich Murphy war, wenn er über Moos und Ästchen rennen durfte, oder sich hinter Büschen und in Gräben versteckte. Nur dass er zu gerne in den nach Abwasser stinkenden Tümpel hüpfte und danach selbst wie ein Abflussrohr roch, mochte sie nicht so gerne. Aber das gehörte wohl dazu, wenn man Besitzerin eines lebenslustigen Welpen war, der nur Flausen im Kopf hatte.
Joanna rannte mit Murphy um die Wette, doch gegen den fidelen Vierbeiner hatte sie keine Chance. Wie gut, dass das, was Joanna und Murphy in der Welpenschule gelernt hatten, Wirkung zeigte. Egal, wie weit der Kleine sich entfernte, ein schriller Pfiff genügte und er kehrte zurück. Oder blieb zumindest stehen.
Meistens.
Außer er witterte einen Hasen. Oder ein Eichhörnchen. Mäuse fand er auch toll. Und den stinkenden Tümpel.
Genau darauf steuerte Murphy zu. Joanna stieß einen schrillen Pfiff aus. Der Tümpel kam immer näher. Ein weiterer Pfiff peitschte durch den Wald. Murphy bremste kurz ab und drehte sich zu Joanna um. Dann blickte er zu dem Tümpel und … rannte weiter. Joanna pfiff noch einmal und rief seinen Namen. Es platschte. Joanna raufte sich die Haare.
»Du verrückter kleiner Kerl!«, rief sie als sie endlich ebenfalls beim Tümpel ankam.
Freudig bellend wälzte Murphy sich im Matsch. Er hatte einen Heidenspaß. Er. Joanna eher nicht so.
»Ich könnte dich gerade … «, schimpfte sie.
Murphy ließ sich von seinem aufgebrachten Frauchen nicht weiter beeindrucken. Er hatte eine Mission. Und die erfüllte er voller Inbrunst.
Er quietschte und bellte. Wasser spritzte in alle Richtungen. Stinkendes, schmutziges Wasser.
»Ich bin so blöd!«, schimpfte Joanna lautstark mit sich selbst als sie an sich herunterschaute.
»Warum habe ich mich nicht umgezogen?«
Das war eine Frage, die wahrscheinlich nur sie selbst beantworten konnte. Die edle Bürokleidung war nicht mehr ganz so mausgrau wie zuvor. Lauter dunkelbraune Flecken zierten Jacke und Hose. Joanna stöhnte frustriert.
»Murphy! Es reicht jetzt!«, schimpfte sie.
»Komm raus!«
Anscheinend hatte der Hund selbst genug von seinem stinkenden Schlammbad. Entgegen Joannas Erwartung gab er sein Spiel bereits nach der ersten Anweisung auf und kam aus dem Wasser. Natürlich musste er sich ordentlich schütteln. Eine dunkelbraune Fontäne schoss in alle Richtungen. Wie nicht anders zu erwarten traf sie auch Joanna. Mit voller Wucht.
»Du bist ein Ferkel!«, schimpfte Joanna, doch ihr Lächeln war so voller Liebe, dass jeder im Umkreis mehrerer hundert Meter mitbekommen würde, wie sehr ihr Hund zu ihr gehörte und wie sehr sie es brauchte, dass er an ihrer Seite war.
Murphy bedeutete ganz viel Liebe, Zuneigung und Spaß. Und feuchte Hundeküsse. Aber auch Verantwortung. Joanna war gezwungen, sich immer wieder aufzuraffen, selbst wenn ihr nach Liegenbleiben zumute war. Murphy sorgte dafür, dass Joanna mehrmals am Tag frische Luft inhalierte und ihrem Vitamin-D-Spiegel Gutes tat.
Murphy hatte Joanna mindestens genauso viel zu geben, wie sie ihm. Wenn nicht sogar noch mehr. Der kleine Hund liebte sie. Einfach so. Er hinterfragte nicht. Er kannte keine Unsicherheiten. Er liebte sie einfach. Vorbehaltlos. Für ihn gab es nur das Gute in ihr. Er ließ sich nicht von falschen Behauptungen lenken. Für ihn galt nur das, was sein kleines Hundeherz wahrnahm. Alles andere war nicht sein Thema.
Sonst von so vielen oberflächlichen Menschen umgeben, tat es Joanna gut, jemanden an ihrer Seite zu haben, der sie mit ganzem Herzen liebte. Und ihr diese Liebe auch zeigte. Im Moment mit sehr eindeutigen stinkenden Flecken auf ihrer Kleidung.
»Ist jetzt auch schon egal.«
Joanna bückte sich und herzte ihren stinkenden Hund, der seine Zunge voller Freude über ihr Gesicht jagte.
»Ich hab dich auch lieb, mein Kleiner. Komm, lass uns gehen. Die Badewanne wartet.«
»Hallo, Frau Junghans!«, rief der freundliche ältere Nachbar schon von Weitem.
»Ist der Kleine wieder in den Tümpel gefallen?«
Joanna hob die Hand und winkte dem älteren Mann.
»Nicht ganz. Er hat einen Hechtsprung gemacht.«
»Das kann ich mir vorstellen.«
Lachend kam der Nachbar näher. Er rümpfte die Nase.
»Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, aber Sie und Ihr Hund stinken wie ein Abflussrohr.«
Joanna fiel in das Lachen ihres Nachbarn ein. Sie mochte den älteren Mann.
»Wie kommt es eigentlich, dass Sie unter der Woche daheim sind?«, fragte er interessiert.
Joannas Blick verfinsterte sich.
»Ich bin arbeitslos.«
»Wie bitte? Hatten Sie nicht gesagt, dass Sie bei Ihrem Vater angestellt sind?«
»So war es auch. Bis vor kurzem.«
»Ich will nicht neugierig sein … aber wenn Sie reden möchten … «
»Danke.«, sagte Joanna leise.
Abwartend schaute der ältere Mann sie an. Sein Blick war nachdenklich. Es war ihm anzusehen, dass er nicht nachvollziehen konnte, warum Joanna ihren Job verloren hatte.
Murphy dauerte es anscheinend zu lang. Ungeduldig sprang er an dem älteren Mann hoch.
»Na, mein Kleiner, dann hoffen wir mal, dass dein Frauchen bald wieder einen Job hat. Dann können wir beide wieder um die Häuser ziehen und mit den hübschen Mädels flirten.«
Wer Joannas Nachbarn nicht kannte, hätte ihn für einen Luftikus, der das Leben nicht ernst nahm, halten können. Aber so war Herr Lindner ganz und gar nicht. Seit seiner Jugend liebte er ein und dieselbe Frau und als sie ihn endlich erhörte, war er der glücklichste Mann auf der Welt. So war es bis heute. Nicht einen Tag war er von seiner Frau getrennt. Heimlich bewunderte Joanna Herrn Lindner und seine Frau. Und beneidete die Zwei auch ein bisschen für das Glück, das sich schon so lange an ihre Seite heftete.
Grinsend schob Herr Lindner die Hand in die Hosentasche. Wie immer, seit Murphy im Haus lebte, hatte der ältere Mann ein kleines Leckerli in der Tasche, das er Murphy unter die Nase hielt.
Freudig wedelte Murphy mit dem Schwanz.
»Ich bin mir ganz sicher, dass dein Frauchen bald wieder Arbeit hat. Wer lässt sich eine so tolle Frau schon entgehen?«
Dann bückte Herr Lindner sich und redete leiser. Trotzdem verstand Joanna jedes Wort.
»Ich wünschte, ich hätte so eine Tochter wie deine Joanna.«
Die Worte berührten Joanna so sehr, dass sie schniefen musste.
»Und ich wünschte, ich hätte so einen Vater wie Sie.«, wisperte sie.
Herr Lindner fuhr herum. Er lächelte sanft.
»Täuschen Sie sich nicht. Ich bin kein einfacher Mensch.«
»Ich auch nicht.«
Die zwei unterschiedlichen Menschen lächelten einander an.
»Es wird alles gut. Vertrauen Sie immer darauf.«
Joanna wusste selbst nicht so genau, was passiert war. Auf einmal wollten die Worte sprudeln.
»Das Problem ist, dass ich mich vor meinen Eltern geoutet habe.«
»Und warum ist das ein Problem? Es ist doch ganz egal, wen Sie lieben. Hauptsache, Sie sind glücklich.«
»Das sagen SIE. Meine Eltern sehen das anders. Mein Vater hat mir fristlos gekündigt.«
»Was für ein … miserabler Vater.«
»Ich hatte vorhin ein Vorstellungsgespräch. Der Architekt hat gesagt, dass mein Vater behauptet hätte, ich würde mehrere Millionen Euro unterschlagen.«
»Was? Das ist doch die … Höhe! Geben Sie mir die Adresse Ihres Vaters. Ich fahre vorbei und mache ihn fertig.«
Joannas Nachbar war so erbost, dass er laut wurde. Alarmiert riss seine Frau das Küchenfenster auf.
»Hans?«, schallte ihre Stimme.
»Was ist los?«
Hans Lindner hob den Kopf und grinste seine Frau an.
»Lauscht du etwa schon wieder?«, rief er.
»Wo denkst du hin? Ich würde doch niemals lauschen!«
Amüsiert hob Joanna ebenfalls den Kopf. Murphy senkte den Kopf. Irgendwelchen komischen Umständen war es zu verdanken, dass ein paar Leckerlis aus dem Fenster direkt vor seine Füße fielen.
»Sagt ihr mir freiwillig, was hier los ist, oder muss ich erst runter kommen?«
»Der alte Junghans hat seiner Tochter fristlos gekündigt!«, schimpfte Hans Lindner.
Seine Frau riss die Augen weit auf.
»Das ist nicht euer Ernst! Was für ein Vollidiot! Komm, Mädchen, komm mit hoch! Dann kannst du uns alles in Ruhe erzählen. Und bring den Kleinen mit.«
Anneliese machte eine kleine Pause. Dann rief sie:
»Pronto!«
Das war anscheinend ihr letztes Wort. Schwungvoll knallte Anneliese Lindner das Fenster wieder zu.
»Sie haben gehört, was meine Frau gesagt hat und was meine Frau sagt, ist Gesetz. Das gilt ab heute auch für Sie.«
Hans Lindner schmunzelte.
»Aber … «
»Keine Widerrede. Einer Anneliese Lindner widerspricht man nicht. Das sollten Sie sich merken.«
»Wenn es so ist … Komm, Murphy.«
Wie eine kleine schwarze Lawine fiel Murphy über die saubere Wohnung der Lindners her.
»Oh, hallo. Du stinkst ja fürchterlich!«, rief Anneliese Lindner und rümpfte die Nase.
»Du wolltest es doch nicht anders!«, konterte ihr Mann.
Wie ein kleines, bockiges Kind streckte Anneliese die Zunge heraus.
»Du bist unmöglich.«
»Ich liebe dich auch.«
Es musste schön sein, einen Menschen an seiner Seite zu haben, der einen vorbehaltlos liebte. Außer Felix kannte Joanna niemanden, der sie einfach so lieben würde. Jedenfalls nicht, ohne Gegenleistung zu verlangen. Das, was sich zwischen den Eheleuten Lindner abspielte, erheiterte sie zunehmend. Trotzdem war es ihr peinlich, dass der Gestank, den Murphy und sie selbst aussandten, so übel war, dass Anneliese die Nase zuhalten musste. Ein leichtes Würgen konnte sie trotz aller Versuche kaum unterdrücken.
»War er wieder im Pool?«, fragte Anneliese.
»Leider ja. Seid mir nicht böse, aber ich glaube, ich möchte erst mal duschen gehen. Und der Kleine braucht auch dringend eine Badewanne.«
»Aber danach kommen Sie sofort zu uns.«
»Jawoll.«, gab Joanna grinsend zurück, schnappte ihren Hund am Geschirr und versuchte, mit ihm die Wohnung zu verlassen, bevor er überall seine würzige Duftmarke hinterließ.
»Komm schon, Murph!«
Der Kleine sträubte sich und stemmte sich dagegen. Die Wohnung der Lindners war viel zu interessant, um einfach wieder zu gehen. Außerdem roch es hier nach einem leckeren Mittagessen. Und Murphy hatte Hunger. Wie immer. Sein Frauchen begriff einfach nicht, dass Trockenfutter auf Dauer nicht besonders befriedigend war. Wiener Würstchen schmeckten viel besser. Oder Käse. Gurken waren auch noch okay. Aber immer nur Trockenfutter. Das nervte.
Murphy schleckte sich über die Lippen und gab ein Seufzen von sich. Er drehte sich im Kreis.
»NEIN!«, kreischte Joanna, doch es war bereits zu spät.
Zufrieden brummend wälzte Murphy sich im Flur. Auf dem kuscheligen, champagnerfarbenen Teppich.
Joanna raufte sich die Haare. Sie war mit ihrer Geduld am Ende.
»Komm, Murphy! Es reicht jetzt!«, schimpfte sie.
Murphy kugelte noch ein paar Mal über den Teppich, stand dann aber auf und schüttelte sich. Gott sei Dank war wenigstens das Fell trocken. Schlimm genug, dass nun alles nach ihm roch. Oder besser stank.
»Ich komme natürlich für die Kosten der Reinigung auf.«, sagte Joanna und versuchte, durch die Tür zu entwischen, doch Anneliese hielt sie auf.
»Vergessen Sie es. Sie haben momentan genug Ärger an der Backe. Außerdem ist es gar nicht so schlimm.«, erklärte sie mühsam ein Naserümpfen unterdrückend.
»Wir erwarten Murphy und Sie in einer Stunde. Und bringen Sie ordentlichen Hunger mit.«
Damit war Joanna entlassen.
»So, du Schlitzohr. Und nun zu dir.«, meckerte Joanna als sie endlich die Tür zu ihrer eigenen Wohnung hinter sich geschlossen hatte.
»Du bist ein Monster.«
»Wuff!«, war die einzige Antwort, die Murphy einfiel.
Der junge Hund steuerte direkt in die Küche und hockte sich vor seinen leeren Napf.
»Vergiss es, du Ungetüm. Erst gehen wir baden.«
Sie packte das strampelnde Tier und hockte es in die Badewanne. Murphy versuchte, zu entwischen, doch sämtliche Fluchtwege waren versperrt.
»Gib es auf. Jetzt wird gebadet.«
Joanna schaltete das Wasser ein und wartete, bis es die richtige Temperatur hatte. Dann hielt sie den Duschkopf über ihren Hund. Am Po fing sie an und arbeitete sich langsam nach oben vor.
Das Wasser, das in den Abfluss lief, war dunkelbraun. Dafür nahm Murphys Fell langsam wieder die eigentliche Farbe an. Joanna schäumte ihren motzenden Hund großzügig mit Hundeshampoo ein, was Murphy nicht gefiel. Ständig versuchte der Kleine, ihr zu entwischen, doch Joanna blieb hart.
»Entweder, du lässt dich jetzt einseifen, oder ich gehe nachher allein zu den Lindners. Überlege es dir.«
Mit einem Mal hielt Murphy ganz still. Wahrscheinlich dachte er gerade an die Leckereien, die Hans und Anneliese Lindner ihm so gerne gaben. Die älteren Leute mochten Murphy. Und Joanna … mochten sie auch.
Joanna freute sich ehrlich auf das Mittagessen mit den Lindners. Freudig schrubbte sie Murphys Fell. Der Hund schaute sie komisch an. Es war noch nie vorgekommen, dass sein Frauchen in Klamotten mit ihm in die Wanne kam.
»Da schaust du, was?«
Joanna spürte eine ganz spezielle Lockerheit. Trotz der Tiefschläge der letzten Zeit fühlte sie sich das erste Mal wieder richtig gut.
Sie würde alles schaffen, wenn sie sich nur auf ihre Fähigkeiten besann.
Smalltalk mit irgendwelchen Nachbarn gehörte eigentlich nicht dazu, aber die Lindners waren schließlich nicht irgendwelche Nachbarn. Die Lindners waren die Leute, zu denen Murphy immer ging, wenn Joanna längere Zeit aus dem Haus war. Sympathische Leute mit dem Herzen am rechten Fleck.
Nicht ganz eine Stunde später roch Murphy nicht mehr nach Kloake. Er sah auch wieder richtig gut aus. Vom Baden war sein Fell zwar noch etwas struppig, doch das störte ihn nicht. Joanna auch nicht.
Auch sein Frauchen roch wieder gut. Sie trug ihre Lieblingsjeans und eine locker sitzende Hemdbluse. Auf diese Weise versuchte sie, den Rettungsring um den Bauchnabel herum zu kaschieren.
»Sehe ich einigermaßen gut aus?«, fragte sie ihren vierbeinigen Mitbewohner.
Murphy hob den Kopf und schnupperte. Mit einem deutlichen »Wuff.« gab er seine Zustimmung. Joanna streichelte zärtlich über seinen Rücken.
»Na, dann komm, mein kleiner Schatz. Die Lindners warten bestimmt schon auf uns.«
An der Wohnungstür nahm sie Murphy auf den Arm und trug ihn, wie immer, hinunter. Murphy schmiegte sich an sie. Sein kleines Herz klopfte direkt neben ihrem. Joanna schluckte und drückte den Hund etwas fester. Die Liebe dieses Tieres war ihrer Meinung nach viel mehr als sie verdiente.
Vor der Tür der Lindners setzte sie ihn wieder ab. Klingeln musste sie nicht, da Murphys aufgeregtes Hecheln im gesamten Haus gut zu hören war.
Lächelnd öffnete Anneliese Lindner die Tür. Murphy stürzte ungebremst an ihr vorbei. Auf dem Teppich im Flur machte er halt, um sich zu strecken. Dann hetzte er weiter. Direkt in die Küche.
»Schön, dass ihr da seid.«, sagte Anneliese Lindner freudig und kniff ein Auge zu.
»Kommen Sie doch herein.«
Als sie nach einer kurzen Wohnungsführung am Esstisch saßen, wagte Anneliese Lindner einen Vorstoß.
»Sie können sich sicher denken, dass ich ziemlich neugierig bin. Was ist passiert, dass Ihr Vater sie aus der Firma geschmissen hat?«
»Mann, Anneliese. Das habe ich dir doch schon erzählt.«
»Ich kann es trotzdem nicht glauben, bis ich es mit eigenen Ohren gehört habe. Ich will es nicht glauben.«
Joanna senkte den Kopf.
»Ich habe mich geoutet.«
»Heißt das, dass Sie Frauen bevorzugen?«
Joanna nickte zaghaft und wagte nicht, den Kopf zu heben. Zu erdrückend die Erfahrungen, die sie mit ihren Eltern hatte machen müssen. Anneliese machte sich lang und lehnte sich zu ihr herüber. Ihre warme, faltige Hand legte sie auf Joannas Hand und strich mit dem Daumen liebevoll über die zarte Haut der jüngeren Frau.
»Wie alt sind Sie?«
»Zweiundvierzig.«
»Eindeutig alt genug, um eigene Entscheidungen zu treffen. Es steht Ihrem Vater nicht zu, sich so aufzuspielen. Wie soll es jetzt weitergehen?«
Joanna zuckte mit den Schultern.
»Ich habe keine Ahnung. Wenn sich die Befürchtungen meines Bruders bewahrheiten, werde ich von hier bis Timbuktu keinen Job mehr als Architektin bekommen.«
Joanna schniefte.
»Und alles nur, weil Ihre Eltern nicht damit umgehen können, dass Sie Frauen bevorzugen. Ich verstehe das Problem ehrlich gesagt nicht. Hätten wir eine Tochter wie Sie, wir wären überglücklich und stolz wie Oskar. Wir würden ihre Freundin mit offenen Armen aufnehmen.«
Joanna musste ein paar Mal schniefen. Ihr kleiner Hund wusste die Situation für sich zu nutzen. Ehe Joanna reagieren konnte, ließ er sich eine weitere Handvoll Leckerlis schmecken.
»Können wir Ihnen irgendwie helfen?«, fragte Hans Lindner.
»Meinen Sie, es würde etwas bringen, wenn wir Ihrem Vater mal einen Besuch abstatten?«
Hans Lindner schob die Hemdsärmel ein Stück höher und ballte die Hand zur Faust. Joanna schüttelte den Kopf.
»Das denke ich ehrlich gesagt nicht. Er wird nur noch wütender. Das kann ich nicht gebrauchen.«
»Was ist mit Ihrer Mutter? Und Ihren Geschwistern?«
»Unterstehen alle Vaters Kontrolle.«
»Ganz toll. Ach, wissen Sie was, Joanna, uns ist der Kinderwunsch immer verwehrt geblieben. Wir könnten Sie adoptieren.«
Anneliese lachte.
»So ersparen wir uns ganz leicht die Brüll- Kotz- und in die Hosen-kack-Phase.«
Nun konnte Joanna nicht mehr anders. Sie musste lachen. Richtig herzhaft lachen sogar. Anneliese und Hans Lindner hatten die siebzig schon eine Weile überschritten. Trotzdem waren sie ziemlich munter und gingen mit der Zeit. Joanna erwischte sich dabei, dass sie sich tatsächlich ein bisschen wünschte, dass die Lindners sie adoptieren könnten. Es tat gut, mit jemandem am Tisch zu sitzen, der sie nicht verurteilte. Überhaupt … war das Mittagessen so ganz anders als sie es von den sonntäglichen Familienessen gewöhnt war. Es war so unverkrampft, so locker und entspannt. Das gefiel Joanna. Und tat ihrem geschundenen Herz gut.
»Gibt es etwas, was Sie gerne machen würden? Etwas, was Ihnen Spaß macht? Und worin Sie gut sind?«
»Ich war immer mit Leib und Seele Architektin. Ehrlich gesagt habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, was mir sonst noch Spaß machen würde.«
»Womit verbringen Sie Ihre Freizeit?«
»Entweder mache ich etwas mit Murphy, oder ich gehe joggen. Ab und zu chatte ich ein bisschen.«
»Wäre das nicht etwas, womit sich Geld verdienen ließe?«
»Als Moderatorin zum Beispiel. Große Chats haben doch immer solche Leute, die aufpassen, dass sich niemand daneben benimmt.«
Joanna hob den Kopf und schaute überrascht von Hans zu Anneliese und wieder zurück. Woher wussten die älteren Leute …?
»Ich finde die Idee gar nicht so schlecht.«, meinte Anneliese.
»Du … äh, ich meine Sie … könnten von überall ihrem Job nachgehen und müssten nicht mehr ständig in der Gegend herumfahren. Das wäre doch gut.«
Joanna musste zugeben, dass ihr die Vorstellung, in Zukunft von Zuhause aus zu arbeiten, ziemlich gut gefiel. Aber ob man als Chatmoderatorin genügend Geld verdienen konnte?
»Ich bin schon ehrenamtliche Chatmoderatorin. In einem christlichen Chat.«
»Na wunderbar. Dann haben Sie doch schon Erfahrung. Außerdem könnten Sie doch dort mal nachfragen, ob man Ihnen nicht sogar einen Vertrag anbieten möchte.«
Dass sie darauf nicht selbst gekommen war. Joanna klatschte sich mit der flachen Hand gegen die Stirn.
»Mann, bin ich blöd. Auf diese Idee hätte ich auch kommen können. Aber ich war so fixiert auf den Gedanken, weiterhin als Architektin zu arbeiten. Danke. Danke. Danke.«
»Nichts zu danken. Was halten Sie davon, wenn wir jetzt auf die neue Perspektive anstoßen?«
Hans stand auf, ging zum Küchenschrank und kam mit einer Flasche und drei Gläsern zurück.
Als Joanna sich gegen Abend von den Lindners verabschiedete, war ihr Gang nicht mehr ganz rund. Sie schwankte sogar ganz leicht. Von rechts nach links und wieder nach rechts.
Dummerweise musste sie noch mit Murphy vors Haus. Es fiel ihr schwer, den Weg nach draußen anzusteuern. Hans und Anneliese Lindner standen plötzlich an der Tür.
»Ach, weißt du was, wir kommen mit. Ein bisschen frische Luft wird uns auch nicht schaden.«
Die älteren Leute hielten sich gegenseitig fest, während Murphy sein Frauchen hinter sich her zerrte. Zu dritt stolperten Joanna und die Lindners hinter dem wirbeligen jungen Hund her.
Aus nur kurz ums Haus wurde ein längerer Spaziergang, was nicht nur daran lag, dass Murphy Lust zu laufen hatte. Mit einem im Tee lief es sich halt nicht ganz so gut. Joanna hatte das Gefühl, nur im Schneckentempo voranzukommen. Alle paar Schritte musste sie stehenbleiben und sich neu sortieren. Den Lindners ging es ähnlich.
An der Wohnungstür von Anneliese und Hans verabschiedete Joanna sich über eine weitere Stunde später. Anneliese zog ihre neu gewonnene Ersatztochter an sich.
»Schön, dass es dich gibt.«, sagte sie liebevoll.