5.

J e länger Kira als Moderatorin in den zwei so grundverschiedenen Chats aktiv war, desto schwerer fiel es ihr, den Anforderungen gerecht zu werden. Als sie aus Versehen »Keine Nacktbilder in den offenen Chat stellen.« ins offene Chatfenster des christlichen Chats gestellt hatte, hielt sie diesen Fauxpas für einen einmaligen Fehlschuss, der sich jedoch wiederholte.

Nicht nur einmal war ihr sogar passiert, dass sie im Flirtchat eine biblische Diskussion starten wollte. Gerade noch rechtzeitig bemerkte sie ihre Fehler und drückte auf Löschen.

Wenn sie die Jobs behalten wollte, konnte es so nicht weitergehen. Ein Plan musste her. Auch wenn der zeitliche Aufwand dadurch größer wurde, musste sie ihre Arbeit anders koordinieren. Allerdings neigte Kira zu Chaos. Sich zu koordinieren, gehörte nicht gerade zu ihren Stärken.

Deswegen verschob sie ihr Vorhaben auf einen anderen Tag. Wie so oft.

Sie chattete und flirtete und kam sich dabei vor als würde sie einen Spagat zwischen verschiedenen Welten machen. Doch im Grunde waren die Themen nahezu identisch. Im Flirtchat nur ein bisschen offenherziger als im christlichen Chat. Die Menschen fühlten sich einsam und suchten ein Gegenüber, mit dem sie zumindest einigermaßen glücklich sein konnten.

Jeder suchte nach ein bisschen Farbe in dieser mitunter ziemlich farblosen Welt. Kira konnte es verstehen, auch wenn sie selbst nicht direkt auf der Suche war.

»Hast du heute Abend etwas vor?«, fragte eine Chatkollegin aus dem Flirtchat über ein privates Fenster an.

Kiras Augenbraue zuckte.

»Ich hätte mal wieder richtig Lust, um die Häuser zu ziehen. Bist du dabei?«

Ach, warum eigentlich nicht? Kira kam sowieso so selten raus. Freunde hatte sie auch keine. Außer zu ihrer Mutter und ihrer Großmutter pflegte sie im Grunde keine sozialen Kontakte.

»Was möchtest du machen?«, hackte sie in die Tastatur.

»Keine Ahnung. Aber ich denke, dass eine Kneipentour ganz cool wäre. So richtig schön versacken. Und dann schwanken wir heim.«

»Jo. Sag an, wann und wo?«

Ihre Kollegin nannte Zeit und Ort, die Kira hektisch auf dem Rücken ihrer Hand notierte. Dann meldete sie sich für den Rest des Tages ab.

Ihr Bauch kündigte Hunger an. Ihr Körper verlangte nach einer Dusche. Außerdem war Kira bleiern müde. Schon seit Stunden saß sie am Computer. Sie hatte keine Lust mehr.

In Jogginghosen und Tanktop flitzte sie barfuß die Treppe hinunter und riss den Briefkasten auf. Ein Brief von ihrem christlichen Arbeitgeber.

Kiras Augen strahlten. Der erste Lohnzettel seit einer halben Ewigkeit. Mit klopfendem Herzen riss Kira den Umschlag auf. Und staunte nicht schlecht als ihr nicht nur der Lohnzettel entgegen flatterte.

»Einladung zum Admin-Treffen.«, stand da.

Ein Admin-Treffen bedeutete viele Menschen auf einen Haufen. Bereits mit wenigen Menschen überfordert, wurde Kira heiß und kalt. Ihre Wangen wurden bleich.

Hastig überflog sie die Einladung und erbleichte noch etwas mehr. Ihre Anwesenheit war nicht nur erwünscht.

»Oh nein. Oh nein. Oh nein.«, jammerte Kira und suchte verzweifelt nach einer guten Ausrede, doch egal, wie sehr sie das Hirn auch anstrengte, es kam ihr nichts Passendes in den Sinn.

Langsam latschte sie die Treppe wieder hinauf.

»Tja, Puckimaus, da wirst du wohl mal ein paar Tage ohne mich auskommen müssen.«, erklärte sie ihrer brummenden Mitbewohnerin.

Die Fliege machte das, was man von ihr erwartete. Brummend schwirrte sie um Kiras Kopf.

Obwohl Kira eigentlich keine Lust mehr hatte, loggte sie sich auf der Seite des christlichen Chats ein. Der rote Umschlag, der den Eingang von privaten Nachrichten ankündigte, blinkte.

Kiras Neugier siegte über die Unlust. Also klickte Kira den Umschlag an und überflog die in der Nachricht enthaltenen Informationen. Für die Planung des Treffens gab es ab sofort einen speziellen Raum nur für Administratoren und Moderatoren. Kira loggte sich ein. In diesem Chatraum ging es noch munterer zu als in allen anderen Chatrooms, die Kira kannte. Im Sekundentakt flatterten neue Nachrichten herein. Kira kam mit dem Lesen kaum hinterher.

Es wurde geplant und viel gelacht. Kira fühlte sich wohl in diesem virtuellen Raum. Versteckt hinter ihrem Laptop war sie sicher. Doch was würde sein, wenn sie ihren Kollegen in sechs Wochen gegenüberstand? Würde sie den Erwartungen stand halten können? Schon jetzt ging Kira der Arsch auf Grundeis. Dabei hatte sie nichts zu verlieren. Sie war angestellt worden, um einen guten Job zu machen und nicht, um jemandem zu gefallen. Trotzdem …

Ein kurzer Blick auf ihr Bankkonto ließ ihr Herz höher schlagen. So viel Geld hatte sie sehr, sehr lange nicht auf ihrem Konto gesehen. In ihr reifte eine Idee.

Statt sich wie ursprünglich gedacht, zwei Stündchen hinzulegen, sprang sie unter die Dusche und schlüpfte anschließend in ihre Lieblingsjeans und ein locker sitzendes Oberteil.

An der Tür warf sie ihrer Stubenfliege einen Luftkuss zu. Dann war sie weg. Von der Innenstadt trennten Kira ungefähr zwei bis drei Kilometer. Einen ganz kurzen Moment überlegte Kira, doch dann entschied sie sich, zu laufen. Mit einer Zigarette in der Hand setzte sie sich in Bewegung. Neben der breiten Hauptstraße laufen, war zwar nicht gerade das, was Kira gefiel, aber für ihren Plan, bis zum Admin-Treffen ein paar Pfunde zu verlieren, war es unabdingbar, dass sie darauf verzichtete, mit dem Bus zu fahren. Kira war nicht bewusst gewesen, dass zwei bis drei Kilometer etwas Anderes waren als zwei bis dreihundert Meter. Sie keuchte wie ein altes Walross. Mit jedem Schritt wurden ihre Beine schwerer. Kira stöhnte und ächzte. Das Atmen fiel ihr schwer, doch statt sich einzig aufs Laufen zu konzentrieren, holte sie eine weitere Zigarette aus der Packung und steckte sie an. An einer Ampel blieb sie stehen und blickte stur geradeaus. Zu schade, dass die Strecke nicht kürzer wurde, wenn man nur lange genug in die richtige Richtung starrte.

Kira kämpfte sich von Ampel zu Ampel und als sie endlich in der Innenstadt angekommen war, war ihr die Lust aufs Einkaufen vergangen. Viel lieber als in das Sportgeschäft zu gehen und Klamotten zu kaufen, hätte sie sich in ein Café gesetzt und ein fettes Stück Käsekuchen verdrückt. Mit heißer Schokolade. Oh ja, genau danach stand ihr der Sinn. Kira kämpfte gegen das Bedürfnis, zum gemütlichen Teil des Tages überzugehen an. Im Sportgeschäft angekommen, studierte sie erst die Angebote, ging dann aber in die Abteilung, in der Laufsachen angeboten wurden. Nach einer halben Stunde stand ihre Entscheidung fest. Zweihundert Euro blätterte sie für die Sachen hin, die sie wahrscheinlich sowieso nie wieder tragen würde. Egal. Ihrem Gewissen tat es gut.

Es war an der Zeit, dass sie ihrem Bauchspeck zu Leibe rückte.

»Kann ich noch etwas für Sie tun?«, fragte die Verkäuferin.

»Aktuell haben wir Hula Hoop Reifen im Angebot. Und Bauchtrainer.«

Kira verzog die Lippen zu einem schmalen Grinsen. Schon in der Schule hatte sie sich beim Training mit dem Hula Hoop Reifen angestellt wie Hein Doof.

»Nein danke. Ich habe alles.«, erklärte sie und verließ bester Laune das Sportgeschäft.

Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass noch genügend Zeit blieb, bis zu ihrem Termin mit ihrer Kollegin aus dem Flirtchat. Kira steuerte auf direktem Weg einen Eisstand an.

»Ein großes Softeis mit Nüssen bitte.«, orderte sie und strahlte wie ein Honigkuchenpferd.

Mit der eisigen Waffel in der Hand hockte sie sich auf eine Bank in der Sonne und schleckte entspannt das Vanilleeis. Das Eis hatte eine cremige Konsistenz. Es schmeckte hervorragend.

Das letzte Stück ihrer Waffel bot Kira einer Möwe an, die um ein Haar ihren Finger mitgenommen hätte. Immer noch genügend Zeit. Erneut steuerte Kira den Eisstand an. Dieses Mal bestellte sie eine große Portion Schokoladen-Softeis. Wieder mit Nüssen.

Kira fühlte sich großartig. Als sie eine gute Stunde später am vereinbarten Treffpunkt aufschlug, war sie pappsatt. Aber zufrieden.

»Hey Kira! Schön, dich zu sehen!«, rief eine junge Frau schon von Weitem.

Mit einem freudigen Lächeln auf den Lippen drehte Kira sich um. Erleichterung machte sich in Kira breit. Ihre Kollegin hatte auch ein paar Pfunde zu viel um die Hüften. Aber sie hatte ein hübsches Gesicht und ausdrucksstarke Augen. Außerdem hatte sie ein einnehmendes Lächeln.

»Hey. Ich bin Kira.«, sagte Kira freundlich.

»Katja.«, antwortete die Andere.

»Ich freue mich, dich kennenzulernen.«

Katja trat auf Kira zu und zog sie in ihre Arme. Kira wurde ganz warm ums Herz. Es war schon eine ganze Weile her, dass sie jemand in den Arm genommen hatte, der nicht ihrer Familie angehörte. Zu ihrer eigenen Überraschung saugte Kira Katjas Berührung auf.

»Und jetzt? Wo sollen wir hingehen?«, fragte sie als Katja sich von ihr löste.

»Also ich hätte Bock auf ein Bierchen.«

»Ratskeller?«

»Jupp. Topp Location. Auf geht’s.«

Wie selbstverständlich hakte Katja sich bei Kira ein, so dass sie wie alte Freundinnen durch die Stadt flanierten.

»Warst du shoppen?«, fragte Katja neugierig und deutete auf Kiras Einkaufstüte.

»Ja. Ich muss etwas für meine Gesundheit tun. Mein Bauch wird immer fetter.«

»Wem sagst du das?«, erwiderte Katja und tätschelte lachend die Wölbung um ihren Bauchnabel herum.

Kira fiel in ihr Lachen ein. Es war angenehm, mit Katja zu lachen. Katja hatte ein so einnehmendes Lachen, dass Kira unbedingt mehr davon wollte. Deswegen erzählte sie von ihrer Shopping-Aktion im Sportgeschäft.

»Stell dir vor, die wollte mir einen Hula Hoop Reifen andrehen.«

Katja fing an zu gackern.

»Ürks. Ich hasse dieses Hula-Zeugs.«

»Ich auch. Ich kann das einfach nicht, dabei sollte man meinen, dass der Reifen sich an meinem Bauch festhält. Leider tut er das nicht.«

»Hör auf. Bitte. Ich kann nicht mehr. Kopfkino aus. Bitte. Bitte.«

Katja jammerte. Gleichzeitig lachte sie. Diese Kombination animierte Kira zu weiteren lustigen Geschichten.

»Stell dir vor, meine Großmutter hat früher für eine Erotik-Hotline gearbeitet.«

»Echt jetzt? Wie geil!«

Katja konnte sich kaum noch halten vor Lachen. Sie fing an, mit den Händen zu fuchteln, wodurch sie ihrem Bierglas einen sanften Kick verpasste. Der Kick hätte ausgereicht, um das halbvolle Glas durch die halbe Kneipe zu kicken – wäre Kiras Reaktionsvermögen nicht so stark ausgeprägt. Kira umklammerte das Glas. Erst als Katja sich einigermaßen beruhigt hatte, reichte sie ihr das Glas. Katja nahm einen großen Schluck.

»Du bist echt cool.«, sagte sie nach einer Weile.

Ihre Augen funkelten. Die Lippen bebten. Sie strahlte Kira an.

»Genau so habe ich mir dich vorgestellt. Obwohl … «

Mit zusammengekniffenen Augen schaute Katja Kira aufmerksam an.

»Ich muss ehrlich gestehen, dass ich gedacht habe, dass du dicker bist. Weil du dich immer als fett beschrieben hast. Ich hatte keine Vorstellung , wie attraktiv du wirklich bist.«

Katja senkte den Kopf.

Süß., dachte Kira.

Das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit regte sich in ihr der Wunsch, einen Menschen als Freundin zu gewinnen. Katja wäre der ideale Mensch, um sich freundschaftlich zu binden. Katja war intelligent, witzig und charmant. Sie hatte Humor, war aber auch zu tiefen Gesprächen in der Lage. Während der letzten Wochen waren Kira und Katja einander näher gekommen. Sie hatten sich schätzen gelernt. Dass sie sich nun gegenübersaßen und einander näher kennenlernten war eine Folge der Sympathie, die beide Frauen verband.

Katja blickte Kira tief in die Augen.

»Du gefällst mir.«, sagte sie ehrlich.

»Ich mag deine Augen. Ich mag dein Lächeln. Du bist eine tolle Frau mit einer Hammer Ausstrahlung.«

Kira spürte, dass sie errötete. So etwas Nettes hatte schon lange keiner mehr zu ihr gesagt, außer vielleicht ihrer Mutter und ihrer Großmutter. Schlug ihr Herz gerade einen Tick schneller? Kira lauschte tief in sich hinein. Dann schüttelte sie ein bisschen enttäuscht den Kopf. Kein schnellerer Herzschlag. Keine Schmetterlinge im Bauch. Schade eigentlich. Katja war eine tolle Frau. Jedes Mal, wenn sich ein privates Chatfenster mit ihrem Nick-Namen öffnete, freute Kira sich wie ein kleines Kind. Insgeheim hatte sie sich zumindest ein bisschen der Hoffnung hingegeben, dass daraus etwas entstehen könnte. Aber … dem war nicht so.

»Weißt du eigentlich, wie sehr ich mich freue, dich endlich persönlich treffen zu dürfen?«, fragte Katja und legte ihre Hand auf Kiras.

Kira fühlte sich wohl. Auf der einen Seite. Andererseits fühlte sie sich auch ein bisschen schlecht, weil sie Katjas Hoffnungen möglicherweise nährte. Sie hüstelte.

»Katja, ich muss dir etwas sagen. Ich bin nicht in dich verliebt.«

»Oh. Äh … Ach so.«

Katja brauchte ein paar Sekunden, um sich zu sammeln. Dann schickte sie ein Lächeln in Kiras Richtung.

»Mach dir keine Sorgen. Ich bin auch nicht in dich verliebt. Deswegen darf ich dir aber doch hoffentlich trotzdem Komplimente machen, oder?«

Kira zuckte mit den Schultern, da sie gänzlich ahnungslos war, was zwischenmenschliche Beziehungen betraf. Seit sie ihren letzten Job aufgegeben und sich für ein Leben ganz mit sich allein entschieden hatte, mied sie die Öffentlichkeit. Dass sie sich so spontan auf das Treffen mit Katja eingelassen hatte, war für sie selbst eine riesige Überraschung.

Erleichtert, dass Katja die Situation nicht dramatisierte, atmete Kira auf. Sie versuchte, sich wieder zu entspannen, was erstaunlicherweise ziemlich gut gelang. Katja tat ihr Möglichstes, um Kira in Gespräche zu verwickeln. Sie fand immer wieder Geschichten, mit denen sie Kira und sich selbst zum Lachen animierte.

Als Katja und Kira sich Stunden später voneinander verabschiedeten, wussten beide, dass sie eine Freundin gefunden hatten.

Katja zog Kira an sich und hauchte ein Küsschen auf ihre Stirn.

»Bis bald. Hoffentlich.«, wisperte sie und war, ehe Kira etwas erwidern konnte, in der Dunkelheit verschwunden.

Würde ihr kunterbunter dünner Schal nicht im Wind flattern, wüsste Kira nicht, welche Richtung Katja einschlug. Eine Weile blieb Kira noch stehen und schaute ihr nach. Dann ging sie ebenfalls. Zur Bushaltestelle.