K ira keuchte wie ein altes Walross, dabei war sie gerade erst hundert Meter von ihrer Haustür entfernt. Sie hatte Seitenstechen und fühlte sich einmal mehr wie eine alte Schachtel. Der Wunsch zurückzukehren und sich statt der Joggingrunde lieber eine Runde aufs Sofa zu legen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, war so groß, dass sie alle Anstrengung aufbringen musste, um nicht sofort auf dem Absatz kehrt zu machen.
Das Leben war so ein verdammt gemeines Arschloch. Andere konnten in sich hinein stopfen, wonach ihnen der Sinn stand. Kira nahm schon zu, wenn sie ein Stück Schokolade nur im überfüllten Ladenregal anschaute.
»Verdammt!«, keuchte Kira nach Luft schnappend.
Jede einzelne Zigarette, die sie im Lauf der letzten Jahre geraucht hatte, kam ihr in den Sinn. Sie konnte nicht nachvollziehen, wie es sein konnte, dass so viele ehemalige Raucher sich nach dem Aufhören dem Sport so verschrieben, dass sie nun sogar locker einen Marathon laufen konnten. Von einem Marathon war Kira nur noch etwas mehr als zweiundvierzig Kilometer entfernt. Wenn sie sich ganz sehr bemühte, würde sie es schaffen. Irgendwann. Jeden Tag hundert Meter, dann würde sie gut eineinviertel Jahre brauchen. Immerhin.
Kira lachte trocken auf. Ein Husten schüttelte ihren Oberkörper. Sicherheitshalber klammerte sie sich mit beiden Händen an einem Laternenpfahl fest.
Ein Mann, der bestimmt mindestens fünfzehn Jahre älter war als sie selbst, joggte ganz entspannt an ihr vorbei. Er keuchte nicht mal. Kira war fasziniert. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie dem Mann hinterher.
»Warten Sie!«, rief sie.
Der Mann drehte sich zu ihr um.
»Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«, fragte er freundlich und trat auf der Stelle.
»Wie bekommen Sie das hin?«, fragte Kira immer noch außer Puste.
»Das Laufen, meinen Sie?«
Kira nickte.
»Einfach anfangen. Und nicht aufgeben. Langsam anfangen und jeden Tag ein paar Meter mehr.«
»Ich bin jetzt schon fix und alle, ehrlich gesagt.«
»Das ist doch am Anfang ganz normal. Niemand wird als Marathonläufer geboren. Geben Sie nicht auf. Heute sind es hundert Meter, morgen zweihundert. Und so weiter. Sie werden merken, dass es immer leichter geht und Sie nicht mehr ständig das Gefühl haben, dass Ihnen Ihre Lunge gleich um die Ohren fliegt.«
Die Worte des Mannes ermutigten Kira so sehr, dass sie sich nicht mehr ganz so schlecht fühlte. Sie schickte ein dankbares Lächeln in die Richtung, in die der Mann weiterlief. Dann drehte sie sich um und lief los. Sie keuchte. Und röchelte. Aber sie schaffte weitere hundert Meter. Und dann noch mal hundert. Dann war allerdings Schluss. Mehr ging beim besten Willen nicht.
Kira gönnte sich eine Pause auf einer Parkbank. Sie legte die Füße hoch und versuchte zu Atem zu kommen. Das Atmen fiel ihr noch ein bisschen schwer. Trotzdem griff sie in die Tasche ihrer dünnen Jacke und holte Zigaretten und Feuerzeug heraus. Kira schloss die Augen und seufzte zufrieden auf. So ließ es sich aushalten. Einen Platz in der Sonne. Und eine Zigarette. Viel mehr brauchte Kira nicht, um glücklich zu sein. Ihre Gedanken drifteten ab. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen.
Ob Joanna wohl auch so mit dem Gewicht kämpfte wie sie selbst? Kira konnte es sich nicht vorstellen. Ihrer Meinung nach waren Johannas stark gebaut, so wie ihre Großmutter. Aber eine Joanna … Joanna klang so … sportlich. Athletisch. Oder zumindest schlank.
Stöhnend blies Kira den Rauch in die Luft und drehte den Kopf erst nach rechts und dann nach links. Sollte sie es wirklich probieren? Oder doch lieber nach Hause gehen?
Kira spuckte den Rest ihrer Zigarette auf den Boden und stampfte darauf. Dann stand sie auf und lief in entgegengesetzte Richtung ihres Hauses.
Gute dreihundert Meter schaffte sie noch. Bis zur nächsten Bushaltestelle. Dann kehrte sie um und lief langsam zurück. Vor ihrem Haus angekommen, war sie schon fast wieder ganz fit. Allerdings nur fast. Kira schleppte sich die Treppe hinauf und riss die Wohnungstür auf.
Drohend hob sie den Zeigefinger.
»Wehe, du lachst mich aus!«, drohte sie ihrer leeren Wohnung.
Die Stubenfliege brummte. Im Gegensatz zu Kira war Puck anscheinend ziemlich ausgeruht. Munter flog sie um Kira herum. Es machte fast ein bisschen den Anschein, als würde sie Kira auslachen.
»Ich habe dir doch gesagt … Ach … stimmt ja. Du hast ja kaum Hirn.«
Mit den Händen zeigte sie auf ihre beiden Ohren.
»Zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus.«
Obwohl ihr erster Versuch, dem Bauchspeck zu Leibe zu rücken, nur halb erfolgreich war, war Kira ganz zufrieden mit sich selbst. Gut gelaunt kickte sie die Schuhe in eine Ecke und schlüpfte aus Jacke, Hose und Socken. So wie sie war, ging sie in die Küche und holte sich ein großes Glas Wasser. Ihr Magen knurrte. Das erste Mal seit langem hatte sie die Wahl Gemüse oder lieber etwas Deftiges zu sich zu nehmen. Kira schickte einen verächtlichen Blick in Richtung der Gemüseschüssel. Karotten, Brokkoli und Blumenkohl ragten aus der Schüssel. In der Mitte thronte ein Kohlrabi. Im Kühlschrank wartete ein riesiges Schnitzel. Kira war hin und her gerissen. Schnitzel wäre genau das Richtige für sie, doch Kira riss sich zusammen und machte sich stattdessen einen bunten Gemüseteller.
Mit dem Teller in der Hand setzte Kira sich aufs Sofa und schlug die Beine unter. Dass sie nackt war, störte Kira nicht. Solange sie nur chattete und nicht aus Versehen ihre Kamera aktivierte, war es kein Problem, dass sie nichts anhatte.
Mit der einen Hand führte Kira die Maus. In der anderen Hand hielt sie ein Stück Blumenkohl. Das Gemüse knackte zwischen ihren Zähnen.
Die Sonne bahnte sich ihren Weg zwischen den Häusern auf der gegenüberliegenden Straßenseite und schob sich zwischen der Baumkrone der großen Linde hindurch. Sie schickte ihre Strahlen in Kiras Wohnung und kitzelte Kira an der Nase. Kira drehte den Kopf.
»Die Fenster sollte ich auch mal wieder putzen.«, ächzte sie und schaute sich in ihrer Wohnung um.
»Nicht nur die Fenster.«
Sofa, Tisch und Boden lagen voller Klamotten, Kissen, Decken und Papieren. Ein heilloses Durcheinander.
»Ich kann von Glück reden, dass ich nur die Stubenfliege als Mitbewohnerin habe.«, stellte Kira lachend fest.
»Es hätten auch Würmer, Kakerlaken und Asseln sein können.«
Kiras Lachen klang trocken.
»Was würde Joanna wohl davon halten, wenn sie wüsste, wie ich hause?«, fragte sie laut.
Irgendwie war ihr ihr eigenes Chaos, das ihr sonst eigentlich nichts ausmachte, plötzlich furchtbar peinlich. Ohne weiter nachzudenken, schob sie Teller und Laptop weit von sich und stand auf. Dann tappte sie ins Bad, um die Putzsachen aus einem Schränkchen hinter der Tür zu holen.
Auf allen Vieren kroch Kira über den Boden und schrubbte jeden Winkel. Solange bis sie das Gefühl hatte, dass ihre Wohnung in neuem Glanz erstrahlte.
Dann erst hockte sie sich wieder hin und wählte den Chatraum fürs Admin-Treffen. Joanna war schon da.
Kiras Lippen zuckten.
»Hallo Schönheit.«, tippte sie und schickte es ab.
»Sorry, aber ich glaube, du hast dich im Fenster geirrt. Ich bin keine Schönheit.«
»Doch, das bist du.«
»Und woher willst du das wissen? Du hast mich doch noch nie gesehen.«
»Na und? Joanna, ich bin ganz sicher, dass du wunderschön bist. Du strahlst etwas aus, was mir gefällt. Ich spüre das. In jedem Wort, das du schreibst.«
Kira wusste nicht, wie sehr ihre Worte Joanna berührten. Sie konnte es nicht wissen. Sie konnte auch nicht wissen, dass Joanna errötete.
»Bist du noch da?«, fragte sie weil Joanna eine Weile nicht antwortete.
»Ja. Kira … danke. Ich muss dir etwas erzählen. Ich war heute das erste Mal in meinem Leben joggen.«
Kira lachte laut auf.
»Ich auch. Ich will nämlich unbedingt ein paar Kilos abnehmen.«
»Ich will nicht nur, ich muss. Mein Bauch schiebt sich voraus.«
»Was hältst du von einer Challenge?«
»Kommt ganz darauf an. Was genau meinst du?«
Joanna wartete auf eine Antwort, doch diese Antwort blieb Kira ihr schuldig. Es dauerte eine ganze Weile, bis Kira sich wieder meldete.
»Sorry, ich komme mit dem Schreiben nicht mehr hinterher. Ist es okay, wenn ich erst meinen anderen Job fertig mache und wir dann … telefonieren?«
Telefonieren?
Joanna schluckte und räusperte sich. Wie auf Bestellung klang ihre Stimme so als hätte sie gerade eben einen Frosch verschluckt. Sie räusperte sich noch einmal und guckte aus zusammengekniffenen Augen auf den Monitor. Die zwölf Buchstaben verschwanden vor ihren Augen. Statt Telefonieren stand dort auf einmal Fonitieren. Oder so ähnlich. Beim nächsten Blick verschwanden die Buchstaben fast vollständig. Dafür tanzte das Fragezeichen vor Joannas Augen. Joanna rieb sich über die Stirn.
»Ich weiß nicht.«, schrieb sie ehrlich.
»Ach komm schon. Raff dich auf. Was hast du zu verlieren?«
Einen schönen Traum., hätte Joanna am Liebsten geschrien, doch dann hätten vermutlich die Lindners geklingelt und gefragt, ob sie noch ganz dicht war.
»Ich bin nur ein bisschen unsicher.«
»Na und? Ich bin doch auch unsicher. Zusammen kriegen wir das schon hin. Okay?«
»Na gut. Schreib mir nachher einfach deine Nummer. Dann rufe ich dich vielleicht später an.«
»Ha. Ha. Ha. Du rufst ja doch nicht an. Wenn, dann gibst du mir deine Nummer. Bitte.«
Joanna rang mit sich, doch dann … tippten ihre Finger einfach ihre Nummer ins Chatfenster.
»Danke. Bis später dann.«
Kiras Verabschiedung folgte noch ein Küsschen und dann war Kira wieder mal verschwunden.
Joanna sollte es nur recht sein. Sie hatte mehr als genug zu tun. Ihr Chef wollte ein Interview mit einer Musikerin, das noch vorbereitet werden wollte.
Joanna öffnete ein neues Dokument und … saß mindestens eine Stunde einfach nur da und starrte Löcher in die Luft. Ihr wollte nichts einfallen, dabei mochte sie die Musikerin eigentlich ganz gern, beziehungsweise ihre Musik. Trotzdem konnte sie sich nicht konzentrieren. Ständig drifteten ihre Gedanken ab. Sämtliche Fragen, die ihr einfielen, hatten irgendwie mit Kira zu tun.
Dass es Kira ähnlich erging, ahnte Joanna nicht.
Während Joanna vor ihrem leeren Dokument hockte, saß Kira ein paar hundert Kilometer entfernt ebenfalls vor dem Laptop und versuchte, sich zu konzentrieren. Sie hatte nicht nur einen Job, sondern zwei. Und im Moment wurde sie keinem der Jobs so richtig gerecht, weil sie mehr damit zu tun hatte, mit Joanna zu flirten, als ihrer Arbeit nachzugehen. Zum Glück musste sie keine speziellen Nachweise erbringen. Sie musste nur da sein und gelegentlich Streitigkeiten lösen. Oder Themen vorschlagen.
Wenn Chatter oder Chatterinnen Hilfe suchten, musste sie da sein und lesen, was die einzelnen Leute auf dem Herzen hatten. Und genau da lag im Moment das Problem. Kira gingen die Anliegen der User am Arsch vorbei, was sonst so nicht der Fall war. Ihr Denken und Fühlen drehte sich einzig um Joanna.
Was Joanna wohl machte?
Was mochte sie?
Was mochte sie nicht?
Wie sah es aus, wenn sie lachte?
Oder wenn sie weinte?
Welche Augenfarbe hatte Joanna?
Wo wohnte Joanna überhaupt?
Wohnte sie weit weg?
Wie ihre Stimme wohl klang?
War sie in echt auch so, wie sie sich im Chat präsentierte?
Joanna.
Joanna.
Joanna.
Kira wusste nicht, wie ihr geschah. So etwas war ihr doch noch nie passiert. Jemanden so zu mögen. Jemanden, den sie nicht mal richtig kannte. Kiras Herzschlag setzte kurz aus.
»Okay. Okay. Ich gebe es ja schon auf.«, erklärte Kira ihrer Stubenfliege.
»Es ist vielleicht sogar etwas mehr als mögen. Bist du nun zufrieden?«
Die Stubenfliege ließ sich brummend neben Kira auf dem Sofa nieder und putzte sich die Flügel. Kira lachte leise auf.
»Du bist mir ja eine treue Gefährtin.«, grummelte sie.
»Du könntest mir ruhig mal ein bisschen helfen. Aber so was hast du vermutlich nicht auf Lager, was? Dein Job ist es, nervig zu sein.«
Mehr schlecht als recht stand Kira die Zeit, die sie als Moderatorin des Flirtchats aktiv sein musste, durch. So blieb es nicht aus, dass sie sich überpünktlich ausloggte und erleichtert aufatmete.
Die Aufregung und Vorfreude auf ihr Telefonat mit Joanna waren kaum noch auszuhalten. Wie immer, wenn Kira die Nerven durchgingen, fing sie an, an den Fingernägeln zu knibbeln. Eine lästige Angewohnheit, die sich jedoch nicht so leicht abgewöhnen ließ. Schließlich konnte Kira nicht eine nach der anderen rauchen. Das würde ihr ihre Lunge nicht verzeihen.
Noch zwei Stunden. Joanna hatte darum gebeten, erst dann zu telefonieren, wenn sie die letzte Runde mit ihrem Hund geschafft hatte. Zwei verdammt lange Stunden. Ganz kurz überlegte Kira, ob sie sich einfach über Joannas Wunsch hinwegsetzen sollte, doch das gehörte sich nicht. Außerdem wollte sie, dass Joanna ihr vertraute. Fehlender Respekt ihr gegenüber war wohl der falsche Ansatz, um ihr Vertrauen zu erlangen. Also musste Kira sich zusammenreißen, was so viel schwerer war als befürchtet.
Kira konnte nichts essen. Durst verspürte sie auch keinen. Schlafen konnte sie erst recht nicht, obwohl sie bleiern müde war. Ihre Nerven waren einfach bis zum Zerreißen angespannt. Kurz vor neun war sie fix und alle.