D as erste Telefonat öffnete die Tür für viele weitere. Jeden Abend trafen Joanna und Kira sich telefonisch. Nach und nach bauten die zwei Frauen eine Art eigene Welt um sich herum auf. Eine Welt, in der es keine räumliche Distanz gab. Eine Welt, in der alles einfach und schön war.
Von Mal zu Mal wurden die Telefonate intensiver und gingen weiter unter die Haut. Kira wollte nicht mehr darauf verzichten, Joanna zu hören. Joanna wollte nicht mehr darauf verzichten, Kira zu hören. Kira gehörte nun zu Joannas Leben und Joanna zu Kiras.
Zwischen den zwei Frauen war ein unsichtbares Band entstanden. Ein Band, das sie immer näher zueinander führte.
»Ich kann es kaum noch erwarten, dich endlich live zu sehen.«, rückte Kira eine knappe Woche vor dem geplanten Admin-Treffen mit der Wahrheit heraus.
»Geht mir genauso. Ich habe aber auch ein bisschen Angst. Was ist, wenn ich dir nicht gefalle? Oder wenn wir uns doch nicht so gut verstehen? Wir müssen immerhin ein ganzes Wochenende miteinander klarkommen.«
»Bereust du, dass du darum gebeten hast, dein Zimmer mit mir teilen zu dürfen?«
»Auf keinen Fall. Aber … findest du es nicht komisch? Wir vertrauen uns unsere tiefsten Geheimnisse an, obwohl wir uns im Grunde gar nicht kennen. Wir flirten sogar miteinander.«
Kira lachte leise. Es gefiel ihr, dass Joannas Gedanken sich fast eins zu eins mit den ihren glichen. Kira hatte auch Angst. Allerdings hatte sie nicht vor, sich die Vorfreude vermiesen zu lassen. Sie wollte Joanna endlich persönlich kennenlernen. Sie wollte ihr endlich in die Augen schauen können. Sie wollte ihren Duft in sich aufsaugen.
Sie wollte.
So Vieles, was sie wollte. Hoffentlich hatte die Realität ein Einsehen und sorgte dafür, dass es wirklich so schön werden würde, wie Kira und Joanna es sich ausmalten.
Seit ihrem ersten Telefonat fünf Wochen zuvor, verbrachten Joanna und Kira jede Nacht miteinander. Am Telefon. Auf Nebensächlichkeiten wie Schlaf verzichteten sie nahezu gänzlich. Kein Wunder also, dass die Augenringe immer dunkler und tiefer wurden. Allerdings störte das auch niemanden.
»Süße … weißt du, was ich jetzt gerne tun würde?«, fragte Joanna so unvermittelt, dass sie selbst erschrak.
»Sag es mir bitte.«
»Es ist so ein schöner Abend heute. Ich sitze auf meiner Terrasse und du bist nicht hier bei mir. Dabei möchte ich dich doch so gerne bei mir haben. Verstehst du? Ich meine … Allmählich habe ich das Gefühl, dass ich mich wie ein liebeskranker Teenager benehme. Aber ich kann nicht anders. Das machst alles du mit mir.«
»Oh … «
»Wenn du jetzt hier wärst. Hach, wäre das schön. Dann würde ich mich an dich kuscheln und mit dir zusammen die Sterne anschauen.«
»Das wäre wirklich schön.«
»Ich würde deinem Herzschlag lauschen. Jeder Herzschlag würde mich beruhigen. Und gleichzeitig dafür sorgen, dass ich immer nervöser werde. Ich möchte doch so gerne deine Nähe spüren.«
Joannas Worte berührten Kira an mehreren Stellen gleichzeitig. Ihr wurde heiß und kalt. Ihr Herz fing an zu rasen. Das Herz hatte es auf einmal so eilig, dass Kira kaum noch mit dem Luft holen hinterher kam.
»Ich wäre auch gerne bei dir.«, krächzte sie.
»Dann komm her. Setz dich in den Zug. Ich hole dich am Bahnhof ab. Und dann machen wir es uns schön.«
»Aber … ich kann nicht einfach … so losfahren. Ich kenne dich nicht.«
»Doch. Du kennst mich. Du kennst meine Stimme und weißt mehr über mich als jeder andere Mensch.«
»Ich habe nicht den Mut. Bitte lass uns die Zeit bis zum nächsten Wochenende noch irgendwie überstehen.«
»Ich möchte dich gerne küssen. Deine weichen Lippen auf meinen fühlen.«
Joannas Stimme war so voller Wärme und Sehnsucht. Und sie war nah. Ganz nah an Kiras Ohr.
»Fühlst du es auch, Süße?«
»Meinst du das Kribbeln im Bauch? Das spüre ich die ganze Zeit. Ich kann es kaum noch aushalten.«
Die Worte wurden immer klarer. Und direkter. Obwohl Joanna sich in solchen Dingen bis jetzt immer als etwas verklemmt wahrgenommen hatte, fiel es ihr ganz leicht, Kira zu sagen, was sie dachte und fühlte. Und wonach sie sich sehnte. Unklarheiten gab es keine.
Sie wollte, dass die Gefühle, die sie für Kira entwickelte, noch tiefer gingen.
Sie wollte, dass Kira das Gleiche für sie empfand.
Sie wollte mit Kira schlafen.
Und Kira … wollte es auch. Mehr als alles andere. Ihr Herz verlangte nach Joanna, wie es noch nie nach einem Menschen verlangt hatte. Ihr Körper sehnte sich nach Joannas Berührungen. Nach ihrer Nähe, Wärme und Liebe. Noch eine Woche.
Dann … dann endlich … war es soweit.
Um das Gespräch auf unverfänglicheres Terrain zu lenken, wechselte Kira das Thema.
»Ich war heute Klamotten kaufen.«, erzählte sie.
»Und? Was hast du gekauft?«
Joanna leckte sich hörbar über die Lippen.
»Jeans.«
»Du hast abgenommen?«
»Nicht ganz zehn Kilo. Aber die Jeans rutschen schon.«
»Wow. Hut ab. Ich habe auch ein bisschen abgenommen. Wie viel … sage ich dir aber nicht.«
»Du bist fies. Ich habe es dir doch auch gesagt.«
Joanna lachte leise. Wie weicher Regen im Hochsommer rieselten die Worte in Kiras Herz.
»Ich habe noch was gekauft. Einen neuen BH. Das war ein bisschen komisch.«
»Warum?«
»Weil die Verkäuferin mir an die Brüste gefasst hat.«
Joanna schluckte.
»Du gehst nie wieder alleine einen BH kaufen. Verstanden?«
»Aber warum denn nicht?«, neckte Kira.
»Weil … ach. Mist. Warte mal einen Augenblick. Ich bin gleich wieder da.«
Mit den Fingerspitzen trommelte Kira auf ihre Oberschenkel. Das Warten zog sich eine Weile hin.
»Wo warst du denn?«, fragte Kira als Joanna endlich wieder am Telefon war.
»Ich war kurz auf der Toilette. Äh … Ich musste mich … das ist mir jetzt schon ein bisschen peinlich, aber ich musste mich wirklich trocken legen.«
»Uff.«
Kira schluckte. Dann schluckte sie noch einmal. Ihr wurde ganz komisch.
»Warum musstest du mich … äh, ich meine natürlich dich … trocken legen?«
»Das erzähle ich dir, wenn wir uns endlich haben. Ein ganzes Wochenende mit dir. Ich freue mich so.«
»Wir müssen aber auch arbeiten. … Ich freue mich auch. Sehr.«
»Was macht eigentlich dein anderer Job?«, fragte Joanna in der Hoffnung, endlich wieder Ruhe in ihr Herz zu bekommen. Und in ihren Unterleib.
»Äh … Nun ja. Der Job ist speziell.«
»Du hast mir nie erzählt, was du eigentlich machst.«
»Das ist nicht schlimm.«
»Doch. Ist es. Für mich. Sag es mir bitte.«
»Okay. Aber auf deine Gefahr. Ich moderiere noch einen anderen Chat.«
»Das hast du mir schon erzählt. Lass dir doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen.«
»Grmbl. Ich schreibe für einen Flirtchat.«
»Flirtchat?«, fragte Joanna, doch da hatte Kira schon aufgelegt. Die Leitung tutete.
Verwirrt starrte Joanna das Telefon an. Sie brauchte ein paar Minuten, um zu realisieren, dass Kira das Gespräch absichtlich unterbrochen hatte. Das wollte Joanna nicht auf sich sitzen lassen. Hektisch klickte sie Kiras Namen an und wählte die Nummer.
»Flirtchat?«, fragte sie, als Kira das Gespräch annahm, erneut.
»Genau das. Bist du jetzt entsetzt?«
»Eher überrascht. Was musst du da machen? Und die Leute? Was schreiben die so?«
Kira fing an zu erzählen. Am Anfang hatte sie das Gefühl, dass die Worte nicht so richtig den Weg über ihre Lippen finden wollten, doch nach und nach entspannte sie sich. Joanna schien sie wirklich nicht zu verurteilen. Das tat ihr gut.
»Ich muss ja von irgendwas meine Miete bezahlen. Außerdem muss ich ein bisschen Geld sparen. Ich möchte demnächst umziehen.«
»Wo willst du denn hinziehen?«
»Das wird die Zukunft zeigen.«
Mehr ließ Kira sich nicht herauslocken. Trotzdem ahnte Joanna worauf sie anspielte. Ihr wurde ganz warm ums Herz. Ihr Bauch zwickte. Die Furcht vor dem ersten Treffen mit Kira steigerte sich noch ein bisschen mehr. Genauso wie die Hoffnung, dass Kira der Mensch sein könnte, der sie glücklich machte.
Wenn Kira in der Realität ähnlich war, wie sie sich am Telefon gab, standen die Chancen gar nicht so schlecht. Joanna war drauf und dran, sich in sie zu verlieben. Daran änderte auch Kiras Eröffnung, den zweiten Teil ihres Gehalts als Moderatorin eines Flirtchats zu verdienen, nichts. Joanna war angefixt. Kira müsste sich schon als absoluten Reinfall entpuppen, um daran noch etwas zu verändern.
»Hör mal.«, sagte Joanna und hielt ihr Handy mit einem Lächeln im Gesicht an Murphys Mund.
Der kleine Hund lag, das Köpfchen ganz eng an Joannas Bein, eingekuschelt auf dem Sofa und schnarchte zufrieden.
»Ist das Murphy?«, fragte Kira mit einer Zärtlichkeit in der Stimme, die Joanna beinahe zu lautem Jubeln verführt hätte. Kira mochte Murphy. Das war doch ein Grund zum Jubeln, oder?
Gerade noch im richtigen Moment bremste sie sich. Es wäre ein Jammer gewesen, wenn sie Murphy im Überschwang ihrer Glücksgefühle geweckt hätte.
»Klingt das süß, wenn er schnarcht.«
»Unterschätze es nicht. Wenn er doof liegt, schnarcht er lauter als ein alter Seebär. Versprochen.«
»Ich freue mich so, den Kleinen kennenzulernen.«
»Hoffentlich freust du dich auch ein bisschen auf mich.«
»Ich kann dir nicht sagen, wie sehr ich mich freue. Für das, was ich empfinde, hat nämlich noch niemand Worte erfunden.«
Joanna legte ihre Hand auf die Stelle zwischen ihren Brüsten unter der ihr Herz schlug. Das Herz schlug kräftig. Und ziemlich schnell. Joanna musste sich beruhigen. Und ihre Atmung unter Kontrolle bringen. Sonst rastete das Herz womöglich noch aus vor lauter Aufregung und Vorfreude.
»Oh Mann. Dreh doch mal die Zeit ein bisschen vor.«, jammerte sie.
»Rate mal, was ich dauernd versuche. Ich bekomme es nicht hin. Immer, wenn man will, dass die Zeit schnell vergeht, schleicht sie langsamer als eine Schnecke. Wenn man die Zeit gerne anhalten möchte, holt sie alles raus, was sie vorher verschlafen hat, und vergeht viel zu schnell.«
»Gemein. Echt.«
W ährend der nächsten Tage fanden Kira und Joanna heraus, dass die lange Zeit des Wartens und aufeinander Freuens sich einfacher gestalten ließ, wenn man so viel Zeit wie möglich miteinander verbrachte. Kira und Joanna wurden kreativ. Sie telefonierten, schrieben sich liebevolle Nachrichten und verbrachten den Großteil des Tages irgendwie miteinander.
»Nur noch einmal schlafen.«, stellte Kira am Donnerstag Abend fest.
»Oh, mein Gott. Ich drehe gleich durch.«
Und so war es auch. Joanna war am Anschlag. So kurz vor dem Ziel bekam sie Nervenflattern. Besonders schlimm war es beim Packen gewesen. Einen halben Tag verbrachte Joanna vor ihrem Kleiderschrank stehend. Was sollte sie einpacken? Worauf fuhr Kira ab? Womit konnte sie sie so richtig von den Socken holen?
Nicht nur einmal hatte Joanna sich gefragt, ob sie Kira überhaupt gefallen würde. Joanna kannte Kiras Geschmack nicht. Wenigstens hatte sie es geschafft, ein paar Kilos abzunehmen. Das tat ihr gut, auch, wenn es ihr sehr schwer gefallen war, den süßen Verlockungen zu widerstehen, die sich überall im Küchenschrank, im Wohnzimmerschrank und im Nachtschränkchen verborgen hielten. Sogar im Bad war ihr ein Schokoriegel in die Hand gerutscht.
»Joanna Junghans, du bist unmöglich!«, hatte sie sich selbst geschimpft.
»Du, Süße, ich muss dir was sagen.«, rückte Joanna nach einer Weile miteinander Schweigens heraus.
»Ja?«, fragte Kira atemlos und hielt die Luft an.
»Ich freue mich auf dich.«
»Und ich mich erst.«, jauchzte Kira.
»Wuff.«, kommentierte Murphy während er schwanzwedelnd vor seinem Frauchen stand.
»Was sagt Murphy?«
»Er sagt, dass er sich auch freut, dich kennenzulernen.«
»Heißt das, er kommt mit?«
»Jupp. Ging nicht anders. Mein Bruder ist krank geworden und kann ihn nicht betreuen. Meine Nachbarn sind im Urlaub. Woanders kann ich ihn nicht unterbringen. Also wird er wohl mitkommen.«
»Cool. Ich freue mich. Riesig. Murphy, ich knuddle dich ganz lange.«
»Hey. Und was ist mit mir?«
»Dich werde ich nicht mehr loslassen.«
»Versprichst du mir das?«
»Ja.«
»Dann ist alles gut.«
Kira lächelte still in sich hinein und wünschte sich nichts mehr, als Joanna nie wieder loslassen zu müssen. Doch das Wochenende würde viel zu kurz sein. Das war ihr bereits zu diesem Zeitpunkt klar. Klarer als der Himmel in einer von Mond und Sternen hell erleuchteten Nacht.
Obwohl Kira am nächsten Morgen schon um vier Uhr das Haus verlassen musste, war sie nicht bereit, die Vernunft siegen zu lassen und das Telefonat mit Joanna nach kurzer Zeit abzubrechen.
»Wann musst du eigentlich morgen los?«
»Um vier Uhr.«
»Ach du Scheiße. Süße, ich freue mich, wenn ich dich morgen endlich im Arm halten darf.«
»Ich freue mich auch.«, gab Kira gähnend zurück, doch das hörte Joanna schon nicht mehr.
Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit, mit Kiras Stimme im Ohr einzuschlafen, hatte sie aufgelegt, damit Kira wenigstens noch ein bisschen Schlaf abbekam. Sie selbst würde kein Auge zumachen. Das wusste sie bereits jetzt.
Viel zu groß war die Aufregung.
Joannas Handy brummte. Eine Nachricht von Kira. In Joannas Augen zeichnete sich liebevolles Lächeln ab.
»Ich kann nicht schlafen, wenn ich dein Atmen nicht höre.«, schrieb Kira.
Joanna tippte Kiras Namen ein und drückte auf den grünen Telefonhörer.
»Okay. Dann nehme ich dich jetzt mit ins Bett. Aber dann schaust du, dass du ganz schnell schläfst. Versprich mir das.«
»Ich werde nicht schlafen können. Ich bin hellwach. Ehrlich.«
Kira gähnte herzhaft.
»Genau. Hellwach also.«
Joannas warmes Lachen umschmeichelte Kiras Ohren und wärmte ihr Herz.
Als Kira das letzte Mal auf die Uhr schaute, war es kurz nach eins. Joannas Atem ging gleichmäßig und ruhig. Tiefer Friede zog in Kiras Herz. Nur noch ein paar Stunden. Dann würden die Masken fallen. Kira wälzte sich unruhig hin und her. Die Frage, ob sie Joanna gefallen würde, trieb sie um und verhinderte, dass sie einschlafen konnte. Sie döste immer wieder ein, schreckte aber nach ein paar Minuten wieder hoch, weil sie glaubte, den Wecker gehört zu haben. Als er um halb vier wirklich klingelte, stand Kira im Bett. Eine gute halbe Stunde zuvor war sie erst eingeschlafen.
Kira griff nach ihrem Handy und schaltete das nervige Klingeln aus. Dann bettete sie den Kopf wieder im Kissen. Um beim nächsten Klingeln fünf Minuten später wieder hoch zu schießen. Keine Chance. Wenn sie den Zug erwischen wollte, musste sie aufstehen. Sie hatte absichtlich den sehr frühen Zug gewählt, um auch ganz sicher früher als Joanna am Ort des Admin-Treffens zu sein.
Bleiernd müde, aber bester Laune stand Kira auf, putzte die Zähne und fuhr sich einmal kurz durch die Haare. Dann nahm sie den Koffer und den Rucksack und rannte los.
Der Zug war voller als Kira gedacht hatte. Wie gut, dass sie das Geld für eine Platzkarte investiert hatte. Ihr Platz am Fenster war frei. Seufzend ließ Kira sich fallen und streckte die Beine weit von sich. Der Zug verließ überpünktlich den Bahnhof. Häuser, Brücken, Bäume, Büsche, Straßen, Autos und Busse rasten an Kira vorbei. Das monotone Wackeln des Zuges lullte Kira ein. Kira fielen die Augen zu.
Als das Handy in ihrer Tasche vibrierte, öffnete sie schläfrig die Augen, war aber zu faul, um aufs Handy zu schauen. Das Handy vibrierte wieder. Mehrmals nacheinander.
Kira brummelte in den Bart, den sie nicht hatte und griff gähnend nach dem Handy. Zehn neue Nachrichten. Alle von Joanna. Kira lächelte breit.
»Ich hoffe, du hast nicht verschlafen.«, stand da.
»Ich fahre jetzt los. Nur noch ein paar Stunden, dann darf ich dich endlich in den Arm schließen.«
Verwirrt schaute Kira auf die Uhr. Es war gerade mal sieben Uhr. Viel zu früh … Wieso fuhr Joanna schon so früh los? Na, wahrscheinlich hatte sie noch einen Termin mit einem der Leute aus der Redaktion, unter deren Dach der christliche Chat sein Zuhause gefunden hatte. Aufgrund des Schlafmangels arbeitete Kiras Hirn nicht richtig. Sonst wäre beim eins und eins Zusammenzählen vielleicht zwei herausgekommen. Aber so weit zu denken war im Moment nicht möglich. Also tippte Kira nur kurz ein, dass sie sich ebenfalls freute, steckte dann das Handy wieder weg und schloss die Augen. Sie musste durch halb Deutschland fahren. Und dreimal umsteigen.
Als der Zug endlich mit Kira an Bord auf den letzten Bahnhof von Kiras Reise zusteuerte, war Kira vor Aufregung so fertig, dass sie mindestens zwanzig Minuten zu früh zappelnd an der Zugtür stand und die Nase am schmutzigen Fenster platt drückte.
Bremsen quietschten, der Zug verlor an Tempo und wurde immer langsamer bis er schließlich zum Stehen kam. Kira drückte auf den Knopf. Die Tür ging auf.
Mit ihrem Koffer und dem Rucksack geriet Kira ins Straucheln und konnte nur mit Mühe verhindern, auf den Bahnsteig zu stürzen. So viele Menschen um sich herum. Kira war überfordert.
Unschlüssig, welche Richtung sie einschlagen sollte, lief sie einfach den Menschenmassen hinterher. Männer, Frauen und Kinder wurden von ihren Lieben in Empfang genommen und herzlich begrüßt. Alte Menschen lagen sich in den Armen. Junge Menschen lagen sich in den Armen. Kleine Kinder hüpften voller Freude um Koffer, Taschen und wartende Menschen herum. Kira fühlte sich verloren. Auf sie wartete niemand. Wie so gut wie immer.
»Ich bin gut angekommen.«, tippte sie in ihr Handy und schickte die Nachricht an ihre Mutter und ihre Großmutter.
Kiras Magen knurrte. Ihr Hals fühlte sich trocken an. Gleichzeitig regte sich ihre Blase. Was sollte sie als Erstes tun? Magen zufrieden stellen? Hals mit einem heißen Kaffee befriedigen? Oder doch lieber pinkeln gehen? Da die Toilettenräume näher waren als das nächste Kaffee, beschloss Kira das Naheliegende zu tun und ging die Treppe hinunter aufs Klo.
Ihr Handy vibrierte. Da sie davon ausging, dass nur ihre Mutter oder Großmutter für die Nachricht zuständig sein konnten, ignorierte sie das Handy, wusch die Hände und wollte wieder hinauf gehen. Diesmal klingelte ihr Handy und spielte die Melodie, die Kira Joanna zugeordnet hatte.
»Wo bist du?«, bellte Joanna ins Telefon.
Sie klang gestresst. Die Umgebungsgeräusche waren ziemlich laut.
»Auf der Toilette.«, gab Kira zurück.
»Und wo bist du?«
Statt einer Antwort klickte es in der Leitung. Kira versuchte kopfschüttelnd, Joanna zu erreichen, doch die Leitung war tot. Keine Verbindung möglich. Wie konnte das sein? Wo war Joanna? War ihr etwas passiert? Warum konzentrierte sie sich nicht aufs Autofahren? Schreckliche Bilder zuckten vor Kiras Auge. Kira schloss die Augen, doch die Bilder hefteten sich hartnäckig an ihre Seite. Bilder, die sie ganz schnell wieder verdrängen wollte. Bilder, die ihr Angst machten.
Mit zitternden Fingern hämmerte sie aufs Display und schickte ihre Nachricht ab. Die Nachricht kam nicht an. Das wurde ja immer komischer. Erneut wählte Kira Joannas Nummer. Nichts. Tote Hose.
Kira kämpfte mit den Tränen und wählte wieder und wieder Joannas Nummer.
Nicht im Toilettenraum zusammenzubrechen, kostete Kira alle Kraft, die sie noch hatte. Die Sorge um Joanna schnürte ihr die Kehle zu.
»Alles in Ordnung, junge Frau?«, fragte eine ältere Dame, die ihr schlohweißes Haar zu einem Dutt gebunden trug.
Neugierig kam sie näher. Ihr Blick war aufmerksam. Kira schüttelte den Kopf. Doch dann nickte sie schnell. Sie wollte keine Hilfe von einer älteren Dame. Wenn sie schon Hilfe benötigte, dann wenigstens von Joanna. Aber Joanna war ja nicht da. Wer konnte schon wissen, was passiert war. Kira war kurz vor dem Durchdrehen. Sie kämpfte sichtlich um Fassung.
»Wahrscheinlich der Kreislauf.«, murmelte Kira.
»Ich bin seit heute früh um vier auf den Beinen.«
»Haben Sie ausreichend getrunken?«
Kira nickte. Doch dann schüttelte sie den Kopf.
»Nur Kaffee.«
»Ihr jungen Leute macht euch kaputt, wenn ihr denkt, dass Kaffee allein ausreicht. Hier.«
Die ältere Frau zog eine volle Cola-Flasche aus ihrer Tasche und reichte sie Kira.
»Trinken Sie.«
Dankbar nahm Kira die Flasche an, schraubte den Deckel ab und trank mit gierigen Schlucken. Die ältere Dame schaute ihr dabei zu.
»Meine Freundin. Sie hat mich vorhin angerufen und plötzlich war das Gespräch weg. Ich kann sie nicht mehr erreichen. Was, wenn etwas passiert ist?«
Kira fühlte die warme Hand der älteren Frau auf ihrer Schulter.
»Wenn ich eines im Leben gelernt habe, dann, dass es meistens eine ganz simple Erklärung gibt. Ihre Freundin ist in Ordnung. Ganz bestimmt. Wenn Sie wüsste, wie sehr Sie wegen ihr leiden, würde sie sich ganz bestimmt große Sorgen machen.«
Der Blick der älteren Frau kreuzte sich mit Kiras. Kira versuchte sich an einem Lächeln. Irgendwie hatten ihr die Worte der Frau gut getan. Sie fühlte sich schon viel weniger schwach. Die Angst um Joanna hielt ihr Herz jedoch noch immer mit eiserner Faust umfangen. Kiras Hände zitterten. Unsicher lehnte sie sich an die kalte Wand. Ihr Blick aufs Handy war voller Sorge. Wieder und wieder wählte sie Joannas Nummer. Der Erfolg blieb gleich. Gleich null.
»Sind Sie wieder so weit in Ordnung, dass ich Sie allein lassen kann?«, fragte die ältere Frau und schaute Kira skeptisch an.
»Ich denke schon. Vielen Dank. Für die Cola. Für alles.«
Die ältere Dame machte eine wegwerfende Handbewegung.
»Das habe ich sehr gerne getan. Ich bin überzeugt, dass alles gut für Sie wird.«
Mit diesen Worten ließ sie Kira stehen und ging langsam die Treppe hinauf. In der Hälfte blieb sie stehen und drehte sich noch einmal um. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen.
Vielleicht konnte die Frau nachvollziehen, wie es Kira ging.
Vielleicht hatte sie selbst schon mal jemanden so schrecklich vermisst, dass sie kurz vor dem Durchdrehen war.
Vielleicht … erinnerte sie sich daran, wie es war, als sie in Kiras Alter war. Damals vor vielen, vielen Jahren.
Kira trank die Flasche leer und ging mit immer noch etwas wackeligen Knien die Treppe hinauf.