11 .

D as habe ich mitbekommen. Hat dir gefallen, was du gesehen hast?«

»Na ja. War schon ganz okay.«

Joanna kniff die Augen zusammen und schickte gefühlt tausend giftige Pfeile in Kiras Richtung. Kira duckte sich und lachte schelmisch.

Joanna drehte sich in Richtung des Verlagshauses, um sich zu vergewissern, dass niemand mehr von Kira und ihr Notiz nahm. Dann legte sie beide Arme um Kira und zog sie fest an sich.

»Ah. Danach habe ich mich die ganze Zeit gesehnt.«, brummte sie zärtlich.

Als Kiras Lippen auf ihre trafen, war es, als öffnete sich eine Tür zu einer anderen Welt. Joanna ließ sich fallen. Und Kira hielt sie. Ganz fest. Solange bis Murphy es nicht mehr aushielt und die Aufmerksamkeit der zwei Frauen einforderte. Stundenlang war er geduldig gewesen und harrte auf dem Kissen neben Joannas Stuhl aus. Viel zu lange für seinen Geschmack. Obwohl Joanna ihn mehrfach ermahnte, sprang er immer wieder an Kira oder ihr hoch und bellte lautstark.

»Du hast ja recht, mein Süßer. Es ist Zeit für eine große Runde.«

Joanna streichelte über den Rücken des jungen Rüden. Dann nahm sie Kiras Hand in ihre. Zu dritt liefen sie los. Mitten in der Stadt einen Park zu finden, war nicht einfach. Also mussten sie sich damit abfinden, dass ihr Weg an der Straße entlang führen würde. Sie waren noch keine fünfhundert Meter gelaufen, als der Himmel seine Schleusen öffnete und den lang ersehnten Regen schickte. Murphy klappte die Ohren um und rannte zwischen Joanna und Kira. Die drei legten einen ordentlichen Zahn zu, doch selbst das brachte nichts. Innerhalb weniger Minuten waren die zwei Frauen und der kleine Hund komplett durchnässt.

»Zum Hotel?«, rief Kira und schlug die entsprechende Richtung ein.

»Ganz schön nass heute, was?«, fragte die junge Frau an der Rezeption freundlich.

Der Anblick der zwei Frauen und des kleinen Hundes zauberte ein Lächeln auf ihre Lippen.

»Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen einen zusätzlichen Satz Handtücher geben.«, sagte sie und kniff ein Auge zu.

Joanna schnappte Murphy und hob ihn hoch. Dass sein Fell so roch wie sonst, wenn er in den Tümpel gesprungen war, machte schon nichts mehr aus. Außerdem konnte der Kleine ja nichts dafür, dass er so einen interessanten Geruch ausdünstete.

Endlich im Zimmer angekommen ging Joanna direkt ins Badezimmer und setzte den kleinen Murphy in die Wanne. Wie immer versuchte der junge Hund, sich zur Wehr zu setzen. Joanna blieb hart.

»Vergiss es, mein Schatz. So kommst du ganz bestimmt nicht ins Bett. Erst baden. Dann schauen wir weiter.«

Kira nutzte die Gelegenheit. Sie zog die nassen Sachen aus und schmiss sie in eine Ecke. Nackt ging sie zu ihrem Koffer und holte Kerzen, Knabbersachen, Obst und den Sekt heraus. Die Kerzen verteilte sie im ganzen Zimmer und zündete sie an. Es dauerte eine ganze Weile, bis Joanna so weit fertig war, dass Murphys Fell wie ein frisch gepuderte Babypopo roch. Oder wenigstens fast.

Kira zitterte am ganzen Körper. Ihr war so kalt, dass ihre Muskeln nicht mehr recht gehorchen wollten. Außerdem war sie bleiernd müde. Die Gefahr, dass sie einschlief, stieg von Minute zu Minute. Es war klar, dass die letzten Wochen irgendwann ihren Tribut fordern würden, doch warum ausgerechnet an diesem Abend?

»Ein paar Minuten nur.«, wisperte sie und klappte die Augendeckel zu.

Als Joanna eine Weile später splitternackt und frisch geduscht mit Murphy aus dem Bad kam, fiel ihr Blick auf die Kerzen. Ihr Herz schlug schneller. Jede Zelle in ihrem Körper freute sich an dem, was sie sah. Noch nie … hatte sich jemand so für sie ins Zeug gelegt.

»Süße.«, sagte sie zärtlich und hauchte einen sanften Kuss auf Kiras nackte Schulter.

»Süße.«

Da Kira keine Anstalten machte, aufwachen zu wollen, legte Joanna sich zu ihr ins Bett und kuschelte sich an sie. Joannas Körper war warm. Kiras war eiskalt. Joanna zog die Decke über ihren eigenen und Kiras nackten Körper und versuchte, zu entspannen. Doch das war leichter gesagt als getan. Kira zitterte und bebte so sehr, dass es in Joannas Augen ein Wunder war, dass sie einschlafen konnte.

»Murphy. Komm her!«, sagte Joanna und klopfte auf den Platz neben sich.

»Du wärmst Kiras Bauch und ich wärme ihren Rücken. So bekommen wir sie bestimmt ganz schnell wieder warm.«

Das Zimmer war nur von Kerzen erhellt. Joanna schloss die Augen und schmiegte sich an Kiras nackten Körper. Dass ihre Hände nicht still halten konnten, schob sie einzig darauf, dass Kira so sehr fror. Sich selbst und die Welt um sich herum vergessend streichelte Joanna über Kiras nackte Haut.

»Mhmmm … «, brummelte Kira nach einer Weile.

»Kannst du bitte nie wieder aufhören, so schöne Sachen zu machen?«

»Du bist ja wach.«, stellte Joanna folgerichtig fest.

»Etwa die ganze Zeit schon?«

»Mir ist so arschkalt. Wie soll ich denn da schlafen können?«

Kira drehte sich zu Joanna um und schaute ihr tief in die Augen.

»Weißt du, es war so schön, wie ihr euch an mich gekuschelt habt. Da musste ich einfach so tun, als ob ich schlafe. Schlimm?«

»Quatsch. Komm, steh auf. Wenn du noch länger so liegen bleibst, wirst du krank.«

»Jetzt klingst du wie meine Mutter.«

»Ürks.«

Wie eine Mutter klingen, war das Letzte, was Joanna wollte.

»Kannst du das bitte noch mal machen?«

»Was denn?«, fragte Joanna verständnislos.

»Na, das, was du gerade gemacht hast.«

»Äh … Was genau meinst du?«

»Na das.«

Vorsichtig griff Kira nach Joannas Hand und führte sie zu ihrer Brust.

»Ach soooo. Na klar. Aber erst gehst du duschen. Oder möchtest du baden? Ich kann dir Wasser einlassen.«

»Ich würde gerne baden. Aber nur, wenn du mitkommst.«

»Eigentlich habe ich gerade erst geduscht. Aber … Ach, was solls.«

Kira stand auf, wodurch ihr nackter Körper Joannas Blicken ausgeliefert war. Joannas lüsterne Blicke tasteten Kiras Körper ab. An den Brüsten verweilten sie ein bisschen, bis sie über ihren Bauch weiter nach unten glitten. Dass Kira vollständig rasiert war, gefiel Joanna.

Ihr Atem beschleunigte sich. Unbewusst leckte sie sich über die Lippen.

»Gefällt dir, was du siehst?«, fragte Kira, machte auf dem Absatz kehrt und ging ins Bad, ohne auf Joannas Reaktion zu warten.

Joanna schüttelte sich und versuchte sich unter Kontrolle zu bringen. Hatte sie Kira gerade tatsächlich so angeschaut, als wollte sie sie mit Haut und Haaren verschlingen? Das war doch nicht sie. Sie war doch schüchtern. Und brav. Und ganz bestimmt nicht geil.

Joanna schüttelte sich erneut. Die Tür zum Bad war verschlossen, weshalb sie nicht sah, dass Kira grinsend dahinter stand und sie durchs Schlüsselloch beobachtete. Sie sah auch nicht das Grinsen, das sich um Kiras Mundwinkel ausbreitete. Kira fühlte sich gut. Wenn sie Joannas Blicke nicht gänzlich falsch interpretierte, dann hatte sich das Fitnessprogramm der letzten Wochen auf jeden Fall ausgezahlt. Die Quälerei und Plackerei war also nicht umsonst gewesen. Wenigstens was.

Kira verließ ihren Platz am Schlüsselloch erst als sie merkte, dass Joanna bereit war, ins Bad zu kommen. Hektisch schaltete Kira das Wasser an und goss reichhaltig Duschgel in die Wanne. Dann schwang sie sich auf den Wannenrand und glitt vorsichtig ins dampfende Wasser.

»Aua! Heiß!«, quiekte sie und zog den Zeh zurück.

Joanna riss die Badtür auf. Wie erstarrt blieb sie stehen. So gerne hätte sie ein Bild gemacht, aber selbst ein technisch einwandfreies Bild würde das, was sie in diesem Moment empfand, niemals widerspiegeln.

Kira saß auf dem Wannenrand. Um sie herum war heißer Dampf, der ihren Körper wie eine durchscheinende Hülle bedeckte.

»Du könntest den Sekt und die Gläser holen.«, sagte Kira und Joanna ging. Rückwärts wieder aus dem Bad heraus. Als sie mit der Sektflasche und zwei Gläsern zurückkam, saß Kira bereits in der Wanne. Um sie herum Schaumberge, die ihren Körper bis knapp unterhalb der Brüste bedeckten. Joanna schnappte nach Luft. Die üppige Oberweite, die Kira im Angebot hatte, gefiel ihr.

Als sie der Meinung war, Kira würde bereits schlafen, war es ihr leicht gefallen, sich nackt an sie zu kuscheln. Sich mit ihrer Nacktheit dem offenen Blick zu stellen, war alles andere als ein Kinderspiel. Joannas Körper war weit entfernt von perfekt. Sie hatte Dehnungsstreifen am Bauch, die Brüste beugten sich zunehmend der Schwerkraft und an Po und Oberschenkeln hatten die letzten Jahre deutliche Spuren von Orangenhaut hinterlassen. Nein. Perfekt ging anders. Aber was sollte sie tun. Mittlerweile war es sowieso zu spät. Kira hatte sie ins Visier genommen und betrachtete sie aus zusammengekniffenen Augen.

Eine Spur zu hektisch schwang sie sich auf den Wannenrand und rutschte ins dampfende Wasser. Sie schoss wieder hoch. Und jaulte auf.

Das Wasser war so elend heiß. Nicht zu ertragen.

»Schuldichung.«, murmelte Kira abwesend und drehte das kalte Wasser auf.

Ihr Blick war auf Joanna geheftet. Gedankenverloren hob sie die Hand aus dem nicht mehr ganz so heißen Wasser und strich sich durchs feuchte Haar. Eine Geste, die Joanna erst zum Sabbern und dann zum Lachen brachte. Eine große Portion Schaum schaukelte auf den feuchten Strähnen.

»Du machst mich fertig.«, hauchte Joanna als sie sich einigermaßen beruhigt hatte.

»Warum?«, fragte Kira mit unschuldigem Gesichtsausdruck.

»Ich mache doch gar nichts.«

»Doch.«, erklärte Joanna mit Nachdruck.

»Du bringst mich um den Verstand.«

»Etwas anderes wollte ich auch … «

Blubb. Blubb. Blubb. Kira war untergetaucht.

Sie drehte sich um die eigene Achse, so dass ihr Po aus dem Wasser ragte. Joanna blieb die Luft weg. Das Atmen fiel ihr schwer, was sich nicht ausschließlich auf die extrem hohe Luftfeuchtigkeit im Bad schieben ließ.

Sie wusste ganz genau, dass es, sollte sie wollen, in dieser Nacht passieren würde. Doch genau das war das Problem. Joanna war sich nicht sicher, ob sie schon bereit war. Sie kannte Kira doch eigentlich gar nicht. Aber irgendwie eben doch. Während der letzten Wochen hatten sie sich auf einer Ebene kennengelernt, die andere Leute oft erst nach Monaten oder gar Jahren erreichten. Kira zog sie an. Das war nicht zu verleugnen. Eine gute Minute hielt Kira es unter Wasser aus. Dann tauchte sie wieder auf. Das Wasser rann über ihre Haare und die nassen Schultern.

»Komm doch rein.«, sagte sie und streckte die Hand aus, um sie Joanna zu reichen.

Joanna war bewegungsunfähig. Sie konnte nicht mal mehr den Mund aufmachen, um etwas zu sagen. Sie starrte einfach. Mit weit aufgerissenen Augen. Kiras nackten Körper an.

Von Kiras Brüsten war Gott sei Dank nur der obere Ansatz zu sehen. Der Rest lag unter Schaumbergen verborgen.

»Komm. Ich helfe dir.«, sagte Kira sanft und stand auf.

Eine echte Hilfe war das nicht. Im Gegenteil. Joannas Beine fingen an zu schlottern, so aufgeregt war sie. Die Mischung aus Schaum und Wasser rann über Kiras nackte Haut. Joanna wusste nicht mehr, wohin sie als erstes schauen sollte. Hilflos hob sie die Schultern.

»Soll ich dich in die Wanne heben? Oder bekommst du es alleine hin?«, neckte Kira selbstbewusst.

»Äh. Also … Ich denke, ich schaffe das schon.«

Kira rutschte zur Seite, so dass Joanna genügend Platz hatte, um sich gemütlich in der Wanne niederzulassen. Joanna fühlte sich überfordert. Gleichzeitig kam sie sich vor wie ein Kleinkind. Das konnte doch alles gar nicht wahr sein. Sie war eine gestandene Frau. Auf dem besten Weg, die fünfzig zu erreichen. Und dann benahm sie sich so … so … so eigenwillig.

Joanna biss die Zähne zusammen und hob das rechte Bein an. Dass sie dadurch den Weg für Kiras Blicke freimachte, war ihr durchaus bewusst. Allerdings gab es keine andere Möglichkeit. Auf einen Satz einfach in die Wanne springen, ging ja wohl schlecht.

Durch ihre Masse würde sie das Wasser so zur Seite drücken, dass es unweigerlich über den Wannenrand auf den Boden platschen würde.

Nie im Leben würde Joanna vor sich selbst zugeben, dass Kiras heiße Blicke sie anmachten. So weit kam es noch.

Während sie mit einem Bein im Wasser und dem anderen außerhalb der Wanne stand, überlegte Joanna verzweifelt, wie sie sich hinsetzen sollte. Mit dem Rücken zu Kira? Oder doch lieber so, dass sie sich anschauen konnten? Verdammt. Warum war denn alles auf einmal so kompliziert? Dass es sinnlos war, sich den Kopf zu zerbrechen, wurde Joanna in dem Moment klar, in dem sie sich einfach ins Wasser fallen ließ und mit dem Rücken zu Kira landete.

Kira lachte leise. Doch dann verstummte sie. Schweigend legte sie ihre Hände um Joannas Bauch und streichelte sanft die nackte Haut. Joanna hätte sich gerne entspannt, doch dafür war Kira ihr viel zu nahe. Ihre nackten Brüste glitten über Joannas Rücken. Joanna hielt die Luft an. Zu atmen wagte sie nicht. Selbst wenn die Berührung noch so unbewusst war, löste sie einen Sturm in Joanna aus.

»Entspanne dich. Ich will dir nichts Böses.«, flüsterte Kira.

Sie kam Joannas Ohrläppchen so nahe, dass Joanna den heißen Atem spürte.

»Kunststück. Du sagst das so leicht. Du hast allerdings auch nicht meine Brüste im Rücken.«

»Willst du lieber tauschen? Kein Problem.«

»Nein. Nein. Das ist schon okay.«, gab Joanna eilig zurück, ehe Kira wieder aus der Wanne steigen und sich nackt vor ihr aufbauen konnte. Noch einmal würde sie diesen Anblick nicht ertragen, wo sie doch jetzt schon so durch den Wind war.

Beim Chatten oder am Telefon war alles so einfach gewesen. Ohne Umschweife hatte sie Kira erzählt, was sie mit ihr machen wollte. Und so war es doch auch. Sie wollte all die schönen Dinge mit ihr machen. Aber sie hatte Angst. Eine Scheißangst sogar.

Joanna beneidete Kira um ihre lockere Art. Für sie schien das, was sie hier machten, ganz normal zu sein. Dass sie sich täuschte, war ihr nicht bewusst. Kira drohte ebenfalls durchzudrehen. Während der letzten Wochen und Tage, aber vor allem während der letzten Stunden hatte sie sich so hochgeschaukelt, dass die Sehnsucht nach Joanna und ihren Berührungen ihr regelrecht die Luft abdrückte. Trotzdem wagte sie nicht, die Initiative zu ergreifen. Joanna wirkte so unsicher auf sie. So fahrig und hektisch. Das zeigte ihr, dass sie sich bremsen musste. Bis Joanna so weit war.

Kira straffte die Schultern und griff nach den Sektgläsern. Eines der Gläser reichte sie Joanna.

Joanna kam sich komisch vor. Mit dem Rücken zu Kira zu sitzen, war irgendwie seltsam. Mit dem Glas in der Hand drehte Joanna sich mühsam in der Wanne um. Kira gegenüberzusitzen und ihr in die Augen schauen zu können, war viel besser. Außerdem war Kira ihr so nicht mehr so nahe.

»Bist du mir böse, wenn wir noch warten?«, fragte Joanna mit wackliger Stimme.

»Ich wollte nämlich eigentlich unbefleckt in die Ehe gehen.«

»Du willst die Katze im Sack heiraten?«, kiekste Kira ungläubig.

»Das war ein Scherz. Ein bisschen Zeit brauche ich allerdings wirklich noch. Ich bin noch nicht so weit.«

»K … Kein Problem.«, murmelte Kira und drehte gedankenverloren das Glas zwischen den Fingern.

Wie gerne würde sie jetzt so frieren wie vor dem Bad. Sie brauchte eine kalte Dusche. Anders würde sie die Nacht neben Joanna wohl nicht unbeschadet überstehen.

»Ich habe dich verletzt.«, stellte Joanna fest, doch Kira schüttelte vehement den Kopf.

Verletzt war auch nicht der richtige Ausdruck. Kira war nicht verletzt. Es war ganz anders. So, als wäre sie von vierzig Grad in einen eiskalten Regenschauer geraten, der jedoch bei Weitem nicht ausreichte, um ihren in Flammen stehenden Körper abzukühlen.

»Quatsch.«, flunkerte sie.

»Es ist alles in Ordnung.«

Das wiederum entsprach voll und ganz der Wahrheit. Solange Joanna nicht bereit war, würde Kira einen Teufel tun und sie anfassen. Ganz sicher nicht. Sie war doch kein triebgesteuertes Irgendwas. Sie war eine erwachsene Frau, die ihre Hormone unter Kontrolle hatte. Normalerweise. Nicht heute. Es fiel ihr sichtlich schwer, sich wieder auf die Reihe zu kriegen.

»Ich will ja auch … mit dir … äh … schlafen. Aber … bitte gib mir einfach noch ein bisschen Zeit.«

»Kein Problem. Wirklich. Ich werde dich ganz bestimmt nicht drängen. Okay? Wir haben doch alle Zeit der Welt.«

Genaugenommen verblieben nur noch zwei Nächte. Was danach kam …, stand in den Sternen.

Kira würde nach Hause fahren.

Joanna würde auch nach Hause fahren.

Und schon trennten sie wieder viele hundert Kilometer. So blieben ihnen nur die Telefonate. Nicht besonders viel, wenn man sich so sehr nach jemandem sehnte.

Kira schluckte die Enttäuschung hinunter und lächelte Joanna liebevoll an. Das Schlimmste war nicht die Abfuhr an sich, sondern die Zweifel, die dadurch in ihr aufkamen. Gefiel sie Joanna vielleicht doch nicht? Hatte Joanna sich etwas anderes vorgestellt? Sie konnte es nicht wissen. Und das wurmte sie.

Ihre Augen begannen zu brennen. Sie schluckte. Mehrmals. Und gab sich alle Mühe, die aufkommenden Tränen hinunterzuschlucken, was alles andere als einfach war. Kiras Muskeln verkrampften sich so sehr, dass ihr Nacken zu schmerzen begann.

»Bitte rede mit mir.«, flehte Joanna verzweifelt.

Sie hatte sich so auf die Zeit mit Kira gefreut und jetzt drohte alles zum Fiasko zu werden. Das war allein ihre Schuld. Weil sie sich so anstellte. Dabei … war Kira doch … eine so wundervolle Frau. Sie küsste gut. Sah auch noch gut aus. Joannas Herz klopfte schneller. Aber die Angst war einfach größer.

Was würde passieren, wenn Kira herausfand, dass sie über so gut wie keine Erfahrung verfügte? Sie hatte keine Ahnung, was sie tun musste, um Kira glücklich zu machen. Wie sollte sie sie berühren? Vielleicht hätte sie sich erst Mal eine Frau aussuchen sollen, die ihr nichts bedeutete. Kira bedeutete ihr doch schon so viel. Sie war nicht nur drauf und dran, sich in sie zu verlieben. Dieser Punkt war schon vor Wochen überschritten. Sie hatte sich einfach so in Kira verliebt. In das, was Kira sagte. In ihre Stimme. In die Art, wie sie sich gab. Die vergangenen Stunden hatten zusätzlich ihren Teil dazu beigetragen. Wie sie sie während des Admin-Treffens die ganze Zeit verstohlen beobachtet hatte und schüchtern die Augen niederschlug, wenn sie erkannte, dass Joanna ihre Blicke nicht entgangen waren. Das war so süß gewesen.

Dann noch die Mühe, die Kira sich gegeben hatte, um diese erste Nacht zu einer unvergesslichen zu machen.

»Ich habe noch nie … «, platzte Joanna heraus, schlug sich dann aber vor Schreck die Hand vor den Mund.

»Ich bin noch Jungfrau.«

Alle möglichen Reaktionen hatte Joanna sich im Vorfeld ausgemalt. Geschockte Blicke. Verständnislosigkeit. Vielleicht sogar ein bisschen Mitleid. Sie hatte sich sogar vorgestellt, dass Kira einfach aufstehen und gehen würde. Auf das, was Kira machte, war sie nicht eingestellt.

Kira rutschte so weit es in der engen Wanne möglich war, auf sie zu und legte beide Arme um sie. Die Tränen waren versiegt. Kira war wieder ganz Kira. Klein und stark. Aber vor allem unglaublich liebevoll und zärtlich.

Sanft streichelte sie mit ihren vom heißen Wasser ganz runzeligen Fingern über Joannas Wange.

»Darf ich wissen, warum? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es dir an Möglichkeiten gemangelt hat.«

»Ich wollte warten, bis ich dem einen besonderen Menschen begegne. Bitte gib mir noch ein bisschen Zeit.«

Kira schluckte.

»Bin ich dieser besondere Mensch?«, fragte sie mit bebender Stimme.

»Merkst du das nicht? Seit Wochen fühle ich mich so sehr zu dir hingezogen, dass ich das Gefühl habe, durchzudrehen. Du … ich weiß nicht, was ich sagen soll. Gibst du mir Zeit?«

Vor Aufregung und Freude hüpfte Kiras Herz. Sie geriet ganz außer Puste. Joanna öffnete ihr Herz. Für sie. Kira.

Kira fühlte sich … unbeschreiblich. Noch nie zuvor hatte sie sich so gefühlt. Sie würde warten. Und wie sie warten würde. Einen besseren Weg, Joanna zu beweisen, dass ihr Herz bei ihr gut aufgehoben war, gab es nicht. Ein bisschen schäbig, weil sie auf Joannas Bitte, ihr Zeit zu lassen, mit dicken Tränen reagiert hatte, fühlte sie sich jedoch auch. Sie ärgerte sich über sich selbst.

»Dass ich vorhin geweint habe, tut mir leid.«, wisperte sie peinlich berührt.

»Das muss dir doch nicht leid tun. Es ist meine Schuld. Ich hätte es dir schon viel früher sagen sollen. Aber am Telefon war alles so einfach, dass ich dachte … Na ja. Ich dachte halt, dass es einfacher ist. Ich bin ganz schön doof, oder?«

Kopfschüttelnd beugte Kira sich vor und hauchte einen sanften Kuss auf Joannas Lippen.

»Ich hätte mich auch nicht gleich getraut, es dir zu sagen.«

»Ist wieder alles gut zwischen uns?«, fragte Joanna mit unsicheren Wacklern in der Stimme und blickte Kira hoffnungsvoll an.

Kiras Blick war so voller Wärme und Zuneigung, dass Joannas Herz heftiger pochte als je zuvor.

»Dreh dich um.«, forderte Kira Joanna auf.

Joanna schluckte überfordert.

»Hab keine Angst. Ich möchte dich nur festhalten.«

»Ich habe keine Angst. Nicht vor dir. Ich sehne mich doch nach dir und deiner Nähe.«

Mittlerweile war Joanna mehr als froh, sich geöffnet und Kira ihr Geheimnis anvertraut zu haben. Kiras Blick war so voller Verständnis. Das tat Joanna gut.

Joanna griff nach den Wassergläsern, in denen der Sekt blubberte, und reichte eines an Kira weiter.

Die Gläser waren zu voll, um zu klirren. Kira und Joanna nahmen einen großen Schluck. Der nicht mehr ganz kalte Sekt kribbelte in ihrem Mund. Kira lachte leise.

»Kommst du jetzt zu mir?«, fragte sie.

»Erst, wenn du das Wasser ein bisschen wärmer machst.«, neckte Joanna und zwinkerte Kira zu.

Der Blick ging Kira durch und durch. Ihre Körpertemperatur stieg auch ohne heißes Wasser augenblicklich wieder an.

Diese Nacht würde sehr, sehr hart werden. Wahrscheinlich eine der härtesten Nächte ihres Lebens.

Kira und Joanna waren so darin vertieft, einander anzuschauen und sich näher kennenzulernen, dass sie erst mitbekamen, dass das Wasser abkühlte, wenn sie zu frieren begannen. Dreimal legten sie mit warmen Wasser nach, bis ihre Haut nach gut eineinhalb Stunden so runzelig war, dass sie locker mit dem Gesicht einer Französischen Bulldogge hätte mithalten können.

»Geh du zuerst raus.«, sagte Kira grinsend.

»Nein du.«

»Vergiss es. Du zuerst.«

»Keine Chance.«

Joanna verschränkte die Arme vor der Brust und machte keine Anstalten aufzustehen. Na gut., dachte Kira sich und stand auf. Sie stieß mit der Stirn gegen Joannas Kopf, da Joanna sich im gleichen Moment aufgerichtet hatte.

»Autsch.«

»Aua.«

Jammernd rieben sich die zwei Frauen die Köpfe. Nass und tropfend standen sie sich gegenüber und schauten sich an. Die Temperatur im kleinen Badezimmer stieg innerhalb weniger Sekunden. Kira leckte sich über die Lippen. Joanna kullerten fast die Augen aus den Höhlen, so konzentriert starrte sie Kira an. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen, beugte sich vor und hauchte einen zarten Kuss auf Kiras Brust.

»Du hast wunderschöne Brüste. So voll. So weich. So … mhmmm … «

Joanna kam aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Kira stand wie erstarrt. Als sie kapierte, was Joanna vorhatte, war sie so in Aufruhr geraten, dass sie den Kuss gar nicht richtig hatte genießen können. Würde die Stelle, an der Joannas Lippen ihre Brust berührt hatten, nicht so unerträglich kribbeln, würde sie es wahrscheinlich selbst nicht glauben. Joanna hatte tatsächlich ihre Brust geküsst. Einfach so.

Ob es sich für sie wohl ähnlich gut angefühlt hatte, wie für Kira?

Bitte nicht stöhnen. Bitte nicht.

Kira biss sich auf die Unterlippe. Ihre Haut sandte so intensive Empfindungen durch ihren Körper, dass Kira kaum noch stehen konnte. Hektisch beugte sie sich vor und klammerte sich an der Stange, über der die Duschtücher hingen, fest. Mit einem Rest Würde stieg sie über den Wannenrand und wickelte sich hektisch ins Duschtuch. Erst als ihr vom Baden ganz runzeliger Körper so weit hinter dem Duschtuch versteckt war, dass Brüste, Po und Intimbereich nicht mehr zu sehen waren, wagte sie, sich umzudrehen.

Joanna stand immer noch in der Wanne. Wasser und Schaum rannen an ihr herunter. Sie hatte die Hände in die Seiten gestemmt und funkelte Kira an.

»Du … raubst mir den Atem.«, jammerte Joanna auf hohem Niveau.

»Ach. Tu ich das?«, neckte Kira lässig.

Nur ihre stark verdunkelten Augen verrieten, wie nervös und erhitzt sie wirklich war. Joannas blaue Augen schimmerten Türkis. Wie das Meer in der Südsee. Ein eindeutiges Indiz, dass ihr Körper und ihre Hormone drauf und dran waren, sich gegen ihren Kopf zu verbünden.

Joanna schloss die Augen und versuchte, sich zu fangen. Als sie nach einigen endlos langen Sekunden die Augen wieder aufschlug, stand Kira vor der Wanne und hielt das trockene Duschtuch so, dass sie Joanna darin einwickeln konnte.

»Komm.«, hauchte Kira sanft und nickte ihr zu.

Joanna folgte der Einladung und ließ sich von Kira einfangen. Kira umfing sie und hielt sie ganz fest in ihren Armen. Dann fing sie an, den nassen Körper trocken zu rubbeln. Ihre Augen tasteten Joanna ab.

Keine gute Idee. Gar keine gute Idee.

Kira wusste es. Trotzdem konnte sie nicht anders. Wenn sie Joanna schon nicht haben konnte, wollte sie sie wenigstens anschauen können. Das vermochte ihr niemand zu nehmen.

Diese Nacht würde eine Katastrophe werden. Kira sah sich schon stundenlang wach liegen. Die Frau neben sich anschauend und sie zärtlich streichelnd. Und Joanna würde so fest schlafen, dass sie von alledem nichts mitbekam.

Und am nächsten Morgen ...