D ie ersten zwei oder drei Wochen gestalteten sich nicht so einfach. Kira stellte mit dem Chaos, dass sie um sich herum verbreitete, Joannas Leben auf den Kopf. Und ihre Wohnung. Es kam zu Reibereien und Streitigkeiten.
Joanna und Kira waren sehr verschieden. In vielerlei Hinsicht. Joanna brauchte Klarheit und Struktur. Kira hingegen konnte besonders gut denken, wenn um sie herum eine gewisse Unordnung herrschte, was Joanna regelmäßig an ihre Grenzen brachte.
Wäre Kira nicht so … süß gewesen, hätte Joanna sehr schnell an einer Chance gezweifelt. Doch Kira war eben … süß. Sehr süß sogar. Und sie hatte eine Engelsgeduld, was vor allem dann eine Wohltat war, wenn Joanna in Hektik verfiel, oder sich mit ihrer Ungeduld selbst im Wege stand.
Nach anfänglicher Skepsis begegneten Joannas liebste Nachbarn Hans und Anneliese Lindner Kira offen und freundeten sich sogar mit ihr an.
Je mehr Zeit Joanna und Kira miteinander verbrachten, desto entspannter wurde ihr Umgang miteinander. Sie lernten, sich und ihre Macken anzunehmen und begannen, ihre Vorteile daraus zu ziehen.
Joanna lernte, entspannter mit sich selbst umzugehen. Sie flitzte sogar regelmäßig nackt durch die Wohnung und genoss es zunehmend, wenn Kiras Blicke ihr folgten, oder Kira sie zärtlich streichelte. Doch zu mehr … war sie immer noch nicht bereit.
Es gab Tage, an denen sie stundenlang vor dem Rechner saß, ohne etwas zu tun. Sie vermisste ihren Job als Architektin. Die Aufgaben als Chatmoderatorin erfüllten sie nicht annähernd so sehr mit Freude, wie sie es sich erhofft hatte. Sie wurde unzufrieden. Und suchte nach Lösungen. Doch … außer die Stadt, oder gar das Land zu verlassen, fiel ihr nicht viel ein.
Eines Morgens, Joanna hatte wieder so einen Tag, während Kira unermüdlich ihrer Arbeit nachging, klingelte das Telefon.
»Das ist Felix!«, rief Kira.
Joanna erhob sich und wackelte zum Telefon.
»Was gibt es denn, Bruderherz?«, sagte sie liebevoll.
»Mama ist tot!«
»Was? Oh nein! Wie … «
Joanna sackte in sich zusammen. Das Telefon fiel zu Boden. Kira sprang auf. Und rannte zu Joanna. Zärtlich legte sie ihren Arm um Joanna und zog sie an sich. Mit der freien Hand ergriff sie das Telefon.
»Was ist passiert?«, rief sie ins Mikrophon.
»Unsere Mutter ist gestorben.«
»Ach … Das tut mir leid, Felix. Wie konnte das passieren?«
»Sie hatte ein Magengeschwür.«
»Aber daran stirbt man doch nicht.«
»Bei der OP ist aus Versehen die Schlagader verletzt worden, was erst viel später einem jungen Pfleger auf Station aufgefallen ist. Da war es aber schon zu spät. Die Ärzte konnten nichts mehr machen.«
Felix Stimme klang erstickt. Obwohl Klaus und Erika Junghans keine einfachen Menschen waren, so waren sie doch Joannas und Felix Eltern.
»Wir fahren sofort zu Vater!«, keuchte Joanna.
»Lieber nicht. Aber wenn ich darf, würde ich nachher gerne vorbeikommen.«
»Sofort. Du weißt, dass du immer willkommen bist.«
Es klickte in der Leitung. Felix war weg. Kira legte das Telefon zur Seite und zog Joanna ganz eng an sich. Ohne Pause streichelte sie über den zitternden Körper. Joanna weinte, wobei nicht ganz klar war, ob sie ausschließlich den Verlust ihrer Mutter beweinte. Vielleicht beweinte sie auch ein kleines bisschen sich selbst. Sich und ihre verlorene Familie.
Als Felix zwei Stunden später mit ihnen auf dem Sofa saß, wurde Kira sich des ganzen Ausmaßes erst so richtig bewusst. Joanna war unerwünscht. Daran änderte auch der Tod der Mutter nichts. Ihre Anwesenheit bei der Beerdigung war ausgeschlossen.
Das zu hören, versetzte Kira einen Stich ins Herz. Sogar Stunden später, als sie in Kiras Arm im Bett lag, weinte Joanna immer noch. Sie war so voller Trauer und Enttäuschung, dass sie sich nicht beruhigen konnte. Kira hatte Mitleid, doch wusste sie nicht, wie sie ihr helfen hätte können. Die Situation war verfahren. Joannas Vater war ein harter und verbohrter Mann.
Es gab nichts, was Kira dem hätte entgegensetzen können.
Am Tag der Beerdigung gingen Kira und Joanna trotzdem zum Friedhof. Während Joannas Geschwister mit ihren Familien in der ersten Reihe saßen, hielt Joanna sich im Hintergrund und nahm in der letzten Reihe Platz. Kira setzte sich zu ihr.
Sie streichelte pausenlos Joannas Bein und reichte ihr mehrere Taschentücher. Die Tränen rannen über Joannas Wangen. Und trotzdem hielt Joanna sich tapfer. Sie saß die ganze Zeit mit gestreckten Schultern und stolzem Blick. Ihr Vater hatte sie einmal gebrochen. Ein weiteres Mal würde es ihm nicht gelingen. Denn nun hatte sie Kira an ihrer Seite.
Kira, die Chaoskönigin.
Kira, die immer so gerne das letzte Wort behielt.
Kira, die sich Fisch nicht für Fleisch verkaufen ließ.
Kira, der es immer wieder gelang, ein Lächeln in Joannas Augen zu zaubern.
Kira, der Wirbelwind.
Kira, der Joannas Herz gehörte.
Joanna drückte Kiras Hand und lehnte sich Halt suchend an sie. Die Trauerrede war eine einzige Farce. Joanna glaubte, der Pastor spräche von einem gänzlich anderen Menschen. Das, wovon er sprach, kannte Joanna nicht.
Eine lange Prozession folgte dem Sarg und dem engsten Familienbund der Junghansens.
Auch diesmal hielt Joanna sich mit Kira im Hintergrund. Sie wollte nicht für ein Affront sorgen. Nur deshalb hielt sie sich zurück, obwohl ihr Herz ihr etwas anderes sagte.
Sie wollte keinen Streit mit ihrem Vater. Nicht zu diesem Zeitpunkt. Ein anderes Mal. Ein anderes Mal war sie stark genug.
Kira und sie lauschten an eine dicke Zeder gelehnt den Worten des Pastors. Schließlich wurde der Sarg von Joannas Mutter in die Erde gelassen. Die Trauergäste erwiesen ihr die letzte Ehre und warfen weiße Blümchen auf den Sarg. Joanna hielt sich immer noch im Hintergrund. Erst, als die meisten Trauergäste schon auf dem Weg zum Auto waren, wagte sie sich hinter dem dicken Stamm der Zeder hervor und ging auf das verwaiste Grab zu. Kira an ihrer Hand. Ein Blümchen in der anderen. Vor dem offenen Grab blieb sie stehen und blickte nach unten. Ihre Augen blickten ausdruckslos.
»Schade, Mama, ich hätte dich gerne lebend wiedergesehen. Aber du wolltest es ja nicht anders. Das ist übrigens Kira, meine zukünftige Frau. Du würdest sie lieben. Und ich … ich liebe sie auch.«
Joanna schmiss ihr Blümchen auf die vielen anderen Blumen. Dann drehte sie sich um. Und ging.
Kira stand immer noch vor dem Grab und umklammerte ihr Blümchen mit beiden Händen. Dann schmiss sie es zu den anderen.
»Ich verspreche Ihnen, dass ich auf Ihre Tochter aufpassen werde. Ich verspreche Ihnen, dass ich sie lieben und immer für sie da sein werde.«
Kira nickte. Und ging dann ebenfalls. Den gleichen Weg zurück, den sie mit Joanna gekommen war. Erst am Auto holte sie Joanna ein.
E s dauerte eine Weile, bis nach dem Tod von Joannas Mutter wieder so etwas wie Normalität in Joannas und Kiras Leben einzog.
Kira fühlte sich wohl bei Joanna und Murphy. Joannas Wohnung war ein Traum. Mindestens fünfmal so groß, wie die Bude, die sie bis vor wenigen Wochen bewohnte. Trotzdem vermisste sie die paar Sachen, die sie ihr Eigen nannte. Und sie vermisste ihre Mutter. Und ihre Großmutter.
Als sie eines Abends von einer kleinen Runde mit Murphy zurückkehrte, war die Tür zum Schlafzimmer verschlossen. Joanna telefonierte. Sie redete ganz leise, so dass es auch nichts brachte, dass Kira ihr Ohr an die Tür quetschte.
»Vielen Dank. Bis dann. Ja. Natürlich hole ich Sie beide am Bahnhof ab. Nein. Kira weiß nichts davon. Ich freue mich auch.«
Dann stand Joanna auf. Kira stand immer noch wie vom Donner gerührt an der Tür und drückte ihr Ohr gegen das weiße Holz. Murphy hockte neben ihr und schaute sie verwirrt an.
»Hast du eine Ahnung, mit wem Jo über mich spricht?«, wisperte Kira in Murphys Richtung.
Der junge Hund schüttelte den Kopf, was allerdings nicht viel zu sagen hatte. Murphy schüttelte öfter einfach so den Kopf.
Kira legte die Stirn in Falten und versuchte herauszufinden, mit wem ihre Partnerin gesprochen hatte. Als Joanna die Tür aufriss, flog Kira ihr in die Arme.
»So. So. Du hast also gelauscht.«, neckte Joanna, doch dann wurde sie wieder ernst.
Sie fiel vor Kira auf die Knie.
»Meine Liebste. Seit ein paar Monaten erst kenne ich dich. Trotzdem bist du aus meinem Leben nicht wegzudenken. Ich liebe es, mit dir zusammen zu sein. Ich liebe es, dich an meiner Seite zu haben. Ich liebe es, neben dir einschlafen und aufwachen zu dürfen. Ich liebe dich.«
Joanna zog ein Schächtelchen aus ihrer Hosentasche und hielt es Kira mit zitternder Hand entgegen. Kira schaute von dem Schächtelchen in Joannas Augen und wieder zurück. Das, was sich vor ihr abspielte, sickerte nur ganz langsam in ihr Hirn, doch allmählich begann sie, zu begreifen.
Statt Joanna aufzuhelfen, sank sie neben sie auf den Boden.
»Ich möchte und kann keinen Tag mehr auf dich verzichten. Willst du meine Frau werden?«, fragte Joanna und wartete mit bebenden Lippen auf Kiras Antwort.
Kira konnte nicht antworten. Ihre Stimme war weg. Einfach so. Sie sah auch nichts mehr. Dafür fühlte sie umso mehr.
Sie wollte Joanna. Sie wollte sie so sehr. Mehr als alles andere wollte sie sie. Und Murphy … wollte sie auch.
»Bitte sag etwas.«, flehte Joanna.
»Wenigstens irgendwas.«
Kira schüttelte. Doch dann … nickte sie und wisperte ergriffen: »Ja.«
Joanna zog Kira in ihre Arme. Ihre Lippen suchten und fanden Kiras. Der Kuss war tief. Der Kuss war eine Einladung. Der Kuss beinhaltete alles, was Worte nicht zu sagen vermochten. Kira wollte zu ihr gehören. Für den Rest ihres Lebens.
Vorsichtig streifte Joanna den Ring über Kiras rechten Mittelfinger. Dann reichte sie Kira den zweiten Ring. Kiras Finger zitterten. Viermal musste sie neu ansetzen, bis es ihr endlich gelang, den Ring dort zu platzieren, wo er hingehörte.
Kiras und Joannas Hand verwoben sich miteinander. Die Ringe leuchteten und funkelten.
Wie die Augen der zwei Frauen.