15.

A m nächsten Tag verabschiedete Joanna sich gegen zwölf Uhr von Kira und machte sich auf den Weg in die Stadt. Zur Abwechslung arbeitete ihr Hirn auf Hochtouren. Joanna war aufgeregt. Schlimmer als ein kleines Kind kurz vor Weihnachten. Sie war kurz vor dem Durchdrehen.

Dass Kira sie am Liebsten begleitet hätte, machte die Sache nicht einfacher. Im Gegenteil. Wie sollte Joanna es einrichten, Kira eine kleine Überraschung zu bereiten, wenn Kira im Grunde die ganze Zeit um sie herum war und sie seit gestern auch noch mit Argusaugen beobachtete?

Joanna seufzte auf.

Kira war süß. Kira war aber auch anhänglich, was Joanna grundsätzlich sehr gerne mochte. Aber just an diesem Tag … wäre etwas weniger Anhänglichkeit nicht schlecht gewesen.

Joanna hackte eine Nummer in ihr Handy und drückte auf die grüne Taste. Verstärkt durch die Freisprecheinrichtung klang das Tuten wie Hammerschläge. Joannas Herz raste.

»Abraham.«, meldete sich die freundliche Stimme von Kiras Mutter.

»Hallo Frau Abraham. Joanna Junghans hier. Ich wollte nur mal fragen, wie lange Sie noch ungefähr brauchen.«

»Wir sind in einer halben Stunde bei Ihnen.«

»Super. Ich freue mich. Hat alles gut geklappt?«

»Du sollst doch beim Fahren nicht telefonieren!«, hörte Joanna eine ältere Frau schimpfen und musste grinsen.

»Gib mir schon endlich das Telefon.«

Es war zu hören, dass die zwei Frauen um das Handy kämpften. Grinsend schüttelte Joanna den Kopf. Das Temperament der Abrahams war ihr dank Kira durchaus bekannt, aber gleich zwei von der Sorte … Herrje. Sie war froh, nicht mit im Auto zu sitzen.

»Hallo Joanna.«, erklang nach kurzer Zeit die Stimme einer älteren Frau.

»Hier ist Johanna Abraham, Kiras Großmutter.«

Die ältere Dame plapperte und plauderte und breitete während der nächsten Minuten gefühlt ihr halbes Leben vor Joanna aus. Im Hintergrund hörte Joanna Kiras Mutter stöhnen.

»Hör schon auf, Joanna so voll zu labern.«, schimpfte Kiras Mutter, doch davon ließ sich die Großmutter nicht beirren.

Sie redete einfach weiter. Ohne Punkt und Komma. Joanna lächelte vor sich hin. Was für eine Familie. Die Abrahams waren so ganz anders als Joannas Familie. Sie waren hitzig und übermütig und ließen sich gegenseitig nicht so gerne zu Wort kommen. Jeder hatte etwas zu sagen und wenn man reden wollte, dann redete man eben, egal, ob die Konventionen es erlaubten, oder eben auch nicht. Auf den ersten Blick wirkte es, als passten die Familienmitglieder nicht zusammen, doch dieser Schein war falsch. Kira, ihre Mutter und ihre Großmutter hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Wenn es darauf ankam, würden sie füreinander auch durchs Feuer gehen. Und danach würden die Fetzen fliegen.

»Meine Tochter sagt, dass ich jetzt auflegen soll. Wir sehen uns ja sowieso gleich. Bis dann.«

Es klickte in der Leitung. Joanna atmete auf. Die eintretende Ruhe tat ihr gut. Wenigstens noch einen Augenblick für sich sein, bevor sie ihrer zukünftigen Schwiegermutter gegenüber trat.

Lässig lenkte sie ihr Auto in eine freie Parklücke vor einer Jugendstilvilla und stieg aus. Das Schild neben der Eingangstür war so neu, dass es in der Sonne glänzte. Joanna war stolz. Und voller Vorfreude.

Mit den Fingerspitzen strich sie über das glänzende Schild. Eine Welle der Zärtlichkeit überrollte sie. Joanna fühlte sich glücklich.

Aus welcher Richtung die Abrahams wohl kamen? Joanna blickte nach rechts. Und dann nach links.

Es dauerte ungefähr zwölf Minuten und sechsunddreißig Sekunden, bis ein Lieferwagen einer Autoverleihfirma um die Ecke rauschte. Joanna straffte die Schultern. Nun war es also soweit.

Sicherheitshalber überprüfte sie ihr Spiegelbild im glänzenden schwarzen Lack ihres Autos, das sie zuvor extra noch durch die Waschanlage gefahren hatte.

Blazer, Bluse und Jeans saßen perfekt und auch ihr Haar sah ausnahmsweise mal so aus, wie sie es sich vorstellte. Joanna schenkte sich ein Lächeln.

Kiras Mutter musste ein paar Mal korrigieren, bis der Lieferwagen endlich in der Parklücke stand. Kaum war der Motor aus, gingen die Türen auf und zwei Frauen stiegen aus. Joanna schluckte das Bedürfnis, sich vor lauter Aufregung zu übergeben, hinunter und ging mit einem offenen Lächeln auf den Lippen auf die zwei Frauen zu. Joanna streckte die Hand aus, um sie Kiras Großmutter zu reichen, hing jedoch, ehe sie sich versah mit dem Gesicht zwischen zwei üppigen Brüsten.

»Ich freue mich so sehr, dich kennenzulernen.«, flötete Kiras Großmutter, während sie Joanna so sehr herzte, dass diese kaum noch Luft bekam.

»Jetzt lass die Arme doch mal los. Schau sie dir doch mal an. Ihr Gesicht ist schon ganz blau.«

»Blödsinn. Du willst sie doch nur für dich haben.«

In ihrem Willen, sie ganz fest an sich zu drücken, entwickelte Kiras Großmutter eine beeindruckende Kraft. Wieder und wieder streichelte die Hand der älteren Dame über Joannas Rücken.

»Mutter!«, schimpfte Kiras Mutter.

»Ist ja schon gut.«, brummte die ältere Frau und gab Joanna endlich wieder frei.

»Hallo Joanna. Ich freue mich auch, dich kennenzulernen. Ich darf doch du sagen, oder?«

»Mann, Miriam, mach nicht so einen Aufstand. Das ist deine zukünftige Schwiegertochter. Natürlich darfst du du sagen. Ist doch so, oder?«

Joanna nickte mechanisch. Mehr war nicht möglich, da sie nun zwischen den Brüsten von Miriam Abraham hing.

Was für eine Familie.

Als Miriam sie endlich wieder frei gegeben hatte, standen die drei Frauen nebeneinander vor der Jugendstilvilla. Die zwei Abraham-Frauen inspizierten das glänzende Schild.

»Hier wohnt ihr also. Sehr schick.«

Johanna Abraham setzte sich in Bewegung und stiefelte zielstrebig auf den Eingang zu.

»Das stimmt so nicht ganz. Wir wohnen auf der anderen Seite der Stadt. Hier haben ich nur eine Wohnung angemietet, die wir als Büro nutzen werden.«

»Kira hat gar nicht gesagt, dass ihr euch selbständig machen wollt.«

»Kira weiß es auch erst seit gestern. Allerdings denkt sie, dass nur ich mich selbständig mache. Es soll eine kleine Überraschung sein.«

»Oha. Das klingt spannend. Kira und Joanna Abraham. Architektur- und Immobilienbüro. Wow. Das klingt so schön. Kira wird umfallen vor Freude. Aber warum treffen wir uns hier und nicht bei euch Zuhause?«

»Weil ich etwas mit euch besprechen möchte, von dem ich nicht will, dass Kira es gleich mitbekommt.«

»Oho. Lauter kleine Geheimnisse, was? Das klingt spannend. Worauf warten wir noch?«

Kiras Großmutter zückte das Handy und machte ein Foto des neuen Firmenschildes. Dann drehte sie sich zu Joanna und Miriam um und rollte sichtlich genervt mit den Augen.

»Was ist jetzt?«, fragte sie.

»Sorry. Moment.«

Joanna kramte den Schlüssel aus ihrer Umhängetasche. Als sie ihn ins Schloss schieben wollte, zitterten ihre Hände. Der Schlüssel fiel hinunter.

»Ach, Mädchen. Lass mich mal machen. Du bist ja viel zu aufgeregt.«

Kiras Großmutter übernahm die Regie und schloss die Haustür auf. Sie konnte es kaum erwarten, die Räume zu betreten. Schon von außen wirkte die Jugendstilvilla sehr imposant, aber als sie im großzügigen Flur mit den hohen Wänden und dem Stuck an den Decken stand, verschlug es ihr für einen Augenblick die Sprache.

Neugierig wanderte sie durch die noch sehr spärlich eingerichteten Büroräume.

»Ein hervorragender Ort für kreatives Arbeiten.«, erklärte sie nach einer Weile.

»So viel Sonne. Herrlich. Aber … worüber wolltest du mit uns sprechen?«

Joanna lotste die zwei Abraham-Frauen an einen Schreibtisch, auf dem ein Modell stand. Sie schaltete den Computer an und loggte sich ein. Dann begann sie zu sprechen.

»Ich weiß, wie sehr Kira euch vermisst. Für sie ist es sehr schwierig, so weit von euch weg zu sein. Deswegen habe ich mir überlegt … «

Joannas Hand zitterte immer noch. Trotzdem schaffte sie es irgendwie, das Dokument zu öffnen, das sie während der letzten Tage so oft angeschaut hatte.

»Was ist das?«, fragte Kiras Mutter.

»Ein Grundstück. Ich habe es vor ein paar Wochen erworben. Eigentlich wollte ich dort mit Kira und Murphy leben, aber … wir können aus unserem Haus nicht weg.«

»Und was hat das mit uns zu tun?«

»Na ja. Ich habe mich gefragt, ob ihr … Ich meine, was hält euch denn in eurer Stadt?«

»Nichts. Eigentlich. Wir sind nicht sehr verwurzelt.«

Joanna atmete mehrmals ein und aus. Sie griff nach dem Modell und hielt es so, dass es von allen Seiten gut einsehbar war.

»Dieses Haus möchte ich gerne auf dem Grundstück bauen.«

Miriam und Johanna Abraham betrachteten das Modell und ließen sich anhand Joannas Entwürfe erklären, wie das Haus, der Garten und der Pool aussehen sollten.

»Das würde Kira bestimmt gefallen. Sie mag es, draußen zu sein.«

»Genau da ist der Haken. Wir können aus unserer Wohnung nicht weg. Das haben wir gestern gemerkt. Und da kommt ihr ins Spiel. Habt ihr nicht Lust, das Haus zu mieten?«

»Aber … Joanna. Woher sollen wir so viel Geld nehmen?«, fragten die Abraham-Frauen wie aus einem Mund.

»Was zahlt ihr für eure Wohnungen?«

Miriam nannte zwei Preise.

»Mehr Miete werde ich auch nicht verlangen. Ihr hättet Platz und könntet den Garten zumindest zum Teil nach euren Vorstellungen gestalten. Wäre das nicht was?«

Miriam und Johanna sahen sich an. Johannas Augen funkelten.

»Wo müssen wir unterschreiben?«, fragte sie ganz spontan.

Als die drei Frauen eine dreiviertel Stunde später das Büro verließen, war alles unter Dach und Fach. Die Verträge lagen sicher verstaut im Safe. Vor der Tür zogen Miriam und Johanna Joanna gleichzeitig in ihre Arme.

»Ich wusste es von Anfang an, dass du ein Volltreffer bist. Das müssen wir Kira gleich erzählen.«

»Überhaupt nichts werdet ihr erzählen. Ich möchte, dass ihr am Tag vor unserer Hochzeit einzieht. Sie darf erst an unserer Hochzeit erfahren, dass ihr in unserer Nähe lebt.«

»Aber ihr heiratet doch schon in einem halben Jahr. Wie soll das gehen?«

»Das lasst mal meine Sorge sein. Für Wunder bin ich zuständig.«

Joanna ließ sich herzen. Sie genoss die Nähe, die die zwei älteren Damen ihr gaben und freute sich auf den einen Tag … in einem halben Jahr.

E in bisschen schlechtes Gewissen verspürte Joanna schon. Kira ging so offen mit ihr um und sie selbst … trug das eine oder andere Geheimnis mit sich herum. Selbst, wenn diese Geheimnisse ausschließlich dazu gedacht waren, Kira glücklich zu machen, fragte Joanna sich durchaus, ob es gut war, sie so hinterrücks zu überfallen.

Es war davon auszugehen, dass Kira in ausgebeulter Jogginghose, oder wie sie es nannte Hausaufenthaltshose, auf dem Sofa hing, den Laptop auf dem Schoß und Murphy dicht an sich gekuschelt. Deshalb entschied Joanna sich, als sie endlich im Auto saß, um, Kiras Mutter und ihre Großmutter im Schlepptau, nach Hause zu fahren, Kiras Nummer zu wählen. Viermal musste sie es versuchen, bis Kira endlich abnahm.

»Sag mal, wo treibst du dich denn rum?«, flötete sie liebevoll.

»Ich war duschen. Was gibt es denn so Wichtiges?«

»Ich wollte dich nur vorwarnen. Ich werde Besuch mitbringen.«

»Besuch?«, kiekste Kira.

Kira drehte sich unüberhörbar um und ließ ihre prüfenden Blicke durch die Wohnung gleiten. Sie stöhnte gequält, was Joanna zu einem Lächeln verführte.

»Ach du … Scheibenkleister. Wann seid ihr da?«

»In ungefähr fünfzehn Minuten. Wenn es dir lieber ist, mache ich noch eine kleine Stadtrundfahrt mit ihnen.«

»Neee. Neee. Passt schon. Ich schmeiße einfach alles in den Kleiderschrank.«

»Tu das. Bis gleich, mein Schatz.«

In ihrer Aufregung vergaß Kira, das Gespräch zu beenden. So konnte Joanna mithören, wie sie durch die Wohnung hetzte und alle paar Sekunden das Wort »Besuch« vor sich hin brabbelte. Murphy schien ihr zu folgen. Sein Hecheln war deutlich hörbar. Joanna schlug die Hand vor den Mund. Trotzdem brach sie in schallendes Gelächter aus. Kira war einfach herrlich, vor allem, wenn sie sich unbeobachtet fühlte.

Joanna gondelte gemächlich durch die Stadt, immer darauf bedacht, die Abraham-Frauen nicht an einer Ampel oder unübersichtlichen Stelle zu verlieren. Trotzdem kamen sie viel schneller als geplant in der Straße, in der Joanna mit Kira und Murphy lebte, an. Mit Handzeichen gab Joanna den Abraham-Frauen zu verstehen, dass sie sich einen freien Platz zum Parken suchen sollten. Sie selbst lenkte ihr Auto auf den für sie reservierten Parkplatz.

Dann sprang sie vom Fahrersitz und wartete vor ihrem Haus auf Miriam und Johanna. In Joannas Gesicht breitete sich ein Lächeln aus. Sie mochte Miriam und Johanna und freute sich auf ein lustiges Wochenende mit den Beiden. Aber noch viel mehr freute sie sich auf Kiras Gesicht.

»Na, hier wohnt es sich aber sicher auch nicht schlecht.«, stellte Johanna fest.

»Mit dem Wald im Hintergrund. Sehr schön, wirklich.«

Miriam und Johanna zeigten sich ehrlich beeindruckt. Joanna grinste siegessicher. Die Herzen der zwei Frauen hatte sie im Sturm erobert. Das war ja viel leichter als gedacht. Wenn sie dann auch noch irgendwann ihr zukünftiges Haus sahen … Joanna freute sich auf diesen Moment. Wie sie es allerdings bewerkstelligen sollte, dass das Haus bis in einem halben Jahr fix und fertig war, stand noch in den Sternen. In den Sternen, die Joanna für Kira und ihre Familie vom Himmel holen wollte.

Seit Kira in Joannas Leben getreten war, war alles so anders. Viel schöner. Und wärmer. Allerdings auch chaotischer und unorganisierter. Doch damit ließ es sich hervorragend leben, wie Joanna immer wieder erstaunt feststellte.

»Dann wollen wir mal.«, sagte Joanna sanft und schloss die Tür auf.

Kaum im Haus wurde die Tür der Lindners aufgerissen. Joanna grinste. Das war so typisch für Anneliese Lindner. Bestimmt hatte sie schon eine ganze Weile hinter dem Türspion auf der Lauer gelegen und nun war ihr Moment gekommen.

»Hallo Joanna. Ich wollte nur mal fragen … Oh, du hast ja Besuch.«

»Hallo Anneliese. Darf ich dir Johanna und Miriam vorstellen?«

»Lassen Sie mich raten … «

Anneliese kniff die Augen zusammen. Dann huschte ein Lächeln über ihre Lippen. Ihre Augen leuchteten.

»Sie müssen Kiras Mutter und Sie ihre Großmutter sein. Ich freue mich außerordentlich Sie kennenzulernen.«

Das offene Lächeln von Anneliese Lindner wurde sofort erwidert.

»Ich freue mich … «

Kiras Mutter kassierte einen sanften Klaps.

»Entschuldigung, Mutter. Wir … wir freuen uns auch.«

Es folgte ein kurzes Gespräch über das aktuell sehr schöne Wetter und die Pläne fürs Wochenende. Dann endlich war Annelieses Neugier so weit befriedigt, dass Joanna und die Abraham-Frauen entlassen waren.

»Wegen Anneliese Lindner könnt ihr nicht ausziehen, stimmts?«, fragte Miriam und zwinkerte Joanna an.

Joanna nickte.

»Und wegen ihrem Mann. Anneliese und Hans sind die besten Nachbarn, die man sich nur wünschen kann. Solange sie hier wohnen, können wir nicht weg.«

»Das kann ich nachvollziehen. Sie scheinen sehr sympathisch zu sein.«

»Oh ja. Das sind sie.«

Vor der Wohnungstür angekommen, blieb Joanna einen Augenblick stehen.

»Herzlich willkommen in unserem Zuhause.«, sagte sie förmlich und schloss die Tür auf.

Ein schwarzes Fellmonster schoss auf Joanna und die Gäste zu. Murphy wedelte mit dem Schwanz und ließ sich ausgiebig von seinem Frauchen begrüßen. Doch dann … wandte er seine Aufmerksamkeit den Gästen zu und sprang erst an Miriam hoch und dann an Johanna. Rücksicht? Kannte er nicht.

Er war schließlich der Hund und damit der König des Hauses. Und natürlich erwartete er auch, dass er entsprechend gehuldigt wurde.

Von Murphys Bellen angelockt, bog Kira um die Ecke und blieb … wie angewurzelt stehen.

»Mama … «, hauchte sie.

»Oma.«

Mit der einen Hand fächelte Kira sich Luft zu, mit der anderen hielt sie sich an dem Sideboard im Flur fest. Sie traute ihren Augen kaum.

»Was … macht ihr denn hier?«

Und an Joanna gewandt, fragte sie:

»Habe ich deswegen gestern so viel Bolognese-Soße vorgekocht? Und so viel eingekauft?«

»Schuldig. In allen Anklagepunkten.«, gab Joanna lachend zurück.

Langsam ging sie auf Kira zu und legte beide Arme um sie.

»Möchtest du unsere Gäste nicht langsam mal begrüßen?«, neckte sie und stupste ihr zärtlich auf die Nase.

»Ich kann nicht. Meine Beine wackeln.«

Mit liebevollem Nachdruck löste Joanna Kiras Hand vom Sideboard und führte ihre Liebste zu den Gästen.

Kira sank in Miriams Arme und ließ sich festhalten. Als sie in den Armen ihrer Großmutter lag, beruhigte sich ihr hektischer Herzschlag allmählich wieder so weit, dass Kira wenigstens einigermaßen normal atmen konnte.

»Ich glaube es nicht. Du hast das alles hinter meinem Rücken geplant.«, schimpfte sie, als die vier Frauen eine Weile später auf der großen Dachterrasse in der Sonne saßen und ein Tässchen Kaffee genossen.

»Ich frage mich, was du noch so für Geheimnisse vor mir hast.«

Joanna wurde blass. Miriam verschluckte sich an dem Schluck Kaffee, den sie gerade hatte hinunterschlucken wollen. Johanna begegnete dem Blick ihrer Enkelin.

»Solange es schöne Geheimnisse sind, ist doch nichts dagegen einzuwenden, oder?«, stellte sie augenzwinkernd fest.

»Bevor du lange hier rum stehst und nichts zu tun hast, könntest du uns helfen.«, sagte Johanna nachdem die Kaffeetassen weitgehend leer waren.

»Wir haben ein paar Sachen im Auto, die gerne in eure Wohnung geräumt werden wollen.«

»Klar. Natürlich helfe ich euch.«

Kira schlüpfte in ihre Laufschuhe. Gefolgt von Miriam, Johanna und Joanna machte sie sich auf den Weg hinunter. Murphy kratzte an der Tür. Dass er zurück gelassen wurde, entsprach eindeutig nicht den Vorstellungen des Königs.

»Das sind ja … meine Sachen.«, krächzte Kira als sie die erste Lampe in die Hand gedrückt bekam.

»Schnellchecker. Wir haben mal eben deine Wohnung ausgeräumt. Du kannst uns nachher danken.«

Miriam grinste. Johanna lächelte schief. Und Kira stellte die Lampe ab und flog erst Joanna, dann ihrer Mutter und ihrer Großmutter um den Hals.

»Ihr seid so toll. Danke. Danke. Danke.«, jauchzte sie.

»Habt ihr Pucki, meine Stubenfliege, auch mitgebracht?«

»Schatz. Du musst jetzt sehr tapfer sein.«, fing Johanna an.

»Aber wir konnten deine Stubenfliege nur noch tot bergen.«

»Aber warum? Wie kann das sein?«, fragte Kira und wischte sich ein Tränchen aus dem Augenwinkel.

»Weil Stubenfliegen nicht älter als achtundzwanzig Tage werden.«

»Oh. Das ist natürlich … «

»Schau Süße, er hatte wenigstens ein schönes Leben mit dir.«

»Das stimmt allerdings.«

Kira lachte wieder.

»Habt ihr versucht, ihn wiederzubeleben?«

»Natürlich. Deine Mutter hat mit einem Ohrenstäbchen versucht, ihn wieder fit zu bekommen.«

»Mit einem was?«

Kira brach in Gelächter aus. Die Vorstellung, wie ihre Mutter vorsichtig auf den Bauch der Fliege gedrückt hatte, erheiterte sie zunehmend.

Gut gelaunt schnappte sie sich die Lampe und brachte sie in die Wohnung. An der Wohnungstür blieb Kira jedoch stehen und runzelte die Stirn. Wie viele Geheimnisse ihre Liebste wohl noch auf Lager hatte? Dass Joanna nicht immer mit offenen Karten spielte, war auf jeden Fall Grund genug, um sich Sorgen zu machen. Doch dann kam Kira in den Sinn, was ihre Großmutter gesagt hatte. Solange es schöne Geheimnisse waren …

… war doch alles gut.

So war es doch, oder?

Als der Lieferwagen nach einer Weile leer geräumt war, saß Kira mit ihrer alten und mit ihrer neuen Familie auf der Dachterrasse und genoss die letzten Strahlen der Sonne. Vor ihr stand ein dampfender Teller.

Joanna erhob sich und schlug mit der Gabel an ihr Weinglas.

»Heute haben wir etwas zu feiern.«, erklärte sie.

»Miriam und Johanna sind gut bei uns angekommen.«

»Das ist in der Tat ein Grund zu feiern.«, neckte Kira, der die Fahrkünste ihrer Mutter durchaus bekannt waren.

Und vor allem die Art, wie sie sich beim Fahren verhielt. Ganz bestimmt hatte sie ständig versucht, rechts zu überholen, und sich dann über die anderen Autofahrer aufgeregt, die ihren Plan durchkreuzten.

»Pffff … «, grunzte ihre Mutter.

»Ich kann fahren.«

»Es gibt allerdings noch einen weiteren Grund zu Feiern. Seit heute ist es offiziell. Unsere neue Firma, Joanna und Kira Abraham, Architektur- und Immobilienbüro ist offiziell eingetragen. Ab Montag können wir durchstarten.«

»Wie bitte?«

Kira verschluckte sich am Wein.

»Unsere Firma?«

»Logo. Oder hast du gedacht, ich habe Bock, mir allein den Arsch aufzureißen, während du faul daheim sitzt und behauptest, dass du Homeoffice machst? Du wirst schön arbeiten für dein Geld. Faul auf dem Sofa herumliegen war gestern. Ab jetzt geht es nur noch steil bergauf.«

»Aber ich bin doch gar keine Architektin. Und von Immobilien habe ich auch keine Ahnung.«

»Aber du kannst verkaufen. Alles andere wirst du lernen. Das verspreche ich dir.«

Das waren zu viele Informationen. Das Blut wich aus Kiras Gesicht. Kira wurde bleich.

»Du machst mich fertig.«, jammerte sie.

»Wuff.«, kommentierte Murphy, was in diesem Fall wohl so viel heißen sollte wie »Du mich auch.«.

»Okay. Noch mal langsam und zum Mitschreiben. Ich habe eine neue Firma eintragen lassen und da ich keine Lust habe, mir alleine den Arsch aufzureißen … «

»So viel habe ich verstanden. Aber was? Und wie? Und überhaupt.«

Johanna und Miriam lachten leise. Joanna kniete sich vor Kira. Sie blickte ihr tief in die Augen.

»Vertraust du mir?«, fragte sie.

Kira nickte schwach.

»Gut. Dann tu das auch dieses Mal. Wir werden es schaffen. Wir beide werden ein erfolgreiches Geschäft führen.«

»Und das weißt du woher?«

»Ich spüre es einfach.«

»Und warum Abraham?«

»Weil ich in einem halben Jahr Abraham heißen werde. Wenn du möchtest.«

Natürlich wollte Kira. Und wie sie wollte. Aber vor allem wollte sie Joanna. Nie wieder ziehen lassen müssen.

Selbst wenn Joanna ab und zu Geheimnisse vor ihr hatte, war Kira eines mehr als bewusst. Sie gehörten zusammen.

Weil sie sich liebten.

Alles andere war unwichtig.

»Dann bin ich also ab Montag offiziell ein Immobilienfuzzi? Ich fasse es nicht. Diese Typen hielt ich immer für besonders schmierig. Muss ich jetzt auch so sein?«

»Bitte nicht!«, riefen Joanna, Miriam und Johanna wie aus einem Munde.

»Wuff.«, machte Murphy und baute sich schwanzwedelnd vor Kira auf.

»Du bleibst einfach wie du bist und du wirst sehen, dass wir so richtig durch die Decke gehen werden. Nicht wegen dem, was ich mache, sondern weil du so authentisch bist. Dir würde selbst ich Scheiße abkaufen, wenn du behaupten würdest, es wäre Gold.«

Als Kira Stunden später in Joannas Armen lag, flüsterte sie:

»Du bist bekloppt.«

»Ich weiß. Ich liebe dich.«

»Sag ich ja. Bekloppt.«