D em lustigen und entspannten Wochenende mit Kiras Familie folgten Tage, Wochen und Monate voller Stress. Die Hochzeit wollte vorbereitet werden. Außerdem musste das neue Büro noch eingerichtet werden. Die ersten Kunden ließen auch nicht lange auf sich warten. Dass Joanna die gesamte Konkurrenz, inklusive ihres Vaters und des Architekten, der sie abgelehnt hatte als sie auf der Suche nach einem Job war, ausstechen und das Neubauprojekt auf der anderen Seite der Stadt für sich erobern konnte, trug maßgeblich dazu bei, dass bereits die ersten Arbeitstage von Erfolg begleitet wurden.
Die Tage zogen nur so an Kira und Joanna vorbei. Kaum von der Arbeit Zuhause, krachten sie ins Bett und waren kaum noch in der Lage, auch nur mit den Zehen zu wackeln.
»Hast du eigentlich schon etwas zum Anziehen für die Hochzeit?«, fragte Kira eines Abends.
»Klar. Du nicht?«
»Doch. Doch. Ich werde einfach nackt gehen. Ist doch okay, oder?«
»Hör auf. Mach mich jetzt nicht scharf. Ich muss doch noch … «
Joanna stockte und schlug sich innerlich die Hand vor den Mund.
Hatte sie sich doch um ein Haar verraten und ihr letztes großes Geheimnis ausgeplaudert.
»Was musst du noch?«
»Aufs Klo. Ich muss aufs Klo.«
»Na dann … aber los. Ich habe nämlich keine Lust, deine Pfütze aufzuwischen.«
»Ha. Ha. Ha. Du mich auch.«
Joanna machte sich davon und verschwand im Bad. Dort blieb sie sehr viel länger als eigentlich nötig. Als sie zurückkam, lächelte sie zufrieden. Wieder einen großen Schritt geschafft., dachte sie und kuschelte sich an Kira.
»Ich brauche morgen ein paar Stunden frei. Anneliese hat versprochen, mit mir auf Klamottensuche zu gehen.«
»Okay. Ausnahmsweise. Aber nicht, dass mir das zur Gewohnheit wird.«
Drohend wackelte Joanna mit dem Zeigefinger. Doch dann stürzte sie sich lachend auf Kira.
Dass Murphy in dieser Nacht bei den Lindners schlafen durfte, sorgte dafür, dass Kitzeln in Streicheln überging und das Lachen in Seufzen und Stöhnen.
D ie Pfarrerin stand mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen vor dem Altar.
Rechts und links in der Mitte des großen Kirchenschiffs öffneten sich die Türen.
Zwei Frauen traten ein. Die eine auf der linken Seite, die andere kam von rechts. An der Seite der Frau mit den dunkleren Haaren ging eine andere Frau, die ein bisschen so aussah wie sie selbst. Nur älter. Zweifellos ihre Mutter.
Die hellhaarige Frau wurde von einem Mann mit gütigem Gesichtsausdruck begleitet. Er sah nicht aus wie seine Tochter, was die Pfarrerin überraschte. Doch fehlte ihr die Zeit, sich darüber Gedanken zu machen.
Im Mittelgang begegneten Joanna und Kira sich und strahlten sich an.
»Du siehst wunderschön aus.«, flüsterte Kira.
»Du raubst mir den Atem.«
Der ältere Mann und die ältere Frau hielten sich strickt an ihre Anweisungen und begleiteten Kira und Joanna bis zum Altar. Der ältere Mann umarmte erst Joanna und dann Kira.
»Behandle sie gut.«, hauchte er.
Dann zog er sich zurück. Die ältere Frau tat es ihm gleich.
»Und wehe, wenn du nicht gut bist zu ihr. Dann lernst du mich kennen.«
Joanna nickte mechanisch, heftete ihren Blick allerdings auf Kira. Kira sah so schön aus. Jeder in der vollen Kirche musste das sehen. Die schönste Frau auf Erden war die Frau, die ihr heute das Ja-Wort geben würde. IHRE Frau.
Die Pfarrerin führte routiniert durch die Trauung. Sie flocht Episoden aus Kiras und Joannas Leben ein und sprach über die zwei wie eine alte Freundin. So herzlich und warm. Es war schön, ihr zuzuhören. Das, was die Pfarrerin erzählte, sorgte für den einen oder anderen Lacher, vor allem, als sie das Thema auf Pucki, die leider verstorbene Stubenfliege lenkte. Ab und zu mussten sich die Leute in den Reihen allerdings auch über die Augen wischen, weil das, was die Pfarrerin sagte, sie so sehr berührte.
Anekdoten von Kiras und Joannas Kennenlernen zum Beispiel. Oder wie sie herausfanden, dass sie mehr verband. Oder wie sehr sie sich aufeinander freuten, sich fanden und fast wieder verloren.
»Die Liebe von Joanna und Kira ist … fast ein bisschen kitschig.«, sagte die Pfarrerin.
»Wie in einer Liebesschnulze. Findet ihr nicht auch?«
Die Leute lachten. Kira und Joanna sahen einander tief in die Augen.
Ganz hinten, am Ende der Kirche lehnte ein älterer Mann an einem Pfeiler. Er blickte stur geradeaus. Dass ihm Tränen über die Wangen rannen, ignorierte er. Er fühlte sich unendlich einsam.
Als er die dunkelblonde Frau mit dem für ihn fremden Mann gesehen hatte, war sein Herz gebrochen. Erneut. Das Schlimmste war jedoch, dass er selbst Schuld an seinem ganz persönlichen Drama war. Weil er ein verbohrter alter Knochen war, der keine Bereitschaft zeigte, auf seine Tochter zuzugehen.
Jedes Wort, das die Pfarrerin sagte, schnitt eine weitere Kerbe in sein Herz. Er wollte gehen, doch sein Sohn hielt ihn zurück.
»Du bleibst.«, ordnete Felix an.
»Denk an das Versprechen, das du mir gegeben hast.«
»Okay. Okay. Aber warum hat sie nicht wenigstens dich gefragt?«
»Weil ich nicht ihr Vater bin.«
»Aber der da vorne ist auch nicht ihr Vater.«
»Hans Lindner ist mehr Vater für Jo als du, Dad.«
»Ich weiß. Und das bricht mir das Herz.«
»Dann geh endlich auf Jo zu.«
»Hiermit erkläre ich euch zu Frau und Frau.«, sagte die Pfarrerin.
Bei dem darauf folgenden Kuss begann das Herz von Klaus Junghans schneller zu schlagen.
Die Liebe seiner Tochter für die andere Frau war so unübersehbar. Und auch wie die andere Frau seine Joanna anschaute. Das war Liebe.
Und endlich verstand er. Kein Mann auf dieser Welt hätte seiner Joanna das geben können, was diese Kira Abraham ihr gab.
Klaus Junghans verbarg sich hinter seinem Pfeiler und beobachtete Joanna und Kira aus sicherer Entfernung.
»Wir freuen uns, euch alle zu einem kleinen Sektempfang einladen zu dürfen.«, hörte er seine Tochter und notierte sich hektisch die genannte Adresse im Telefon.
Dort würde er hin fahren. Und dann … auf seine Tochter zugehen. Hoffentlich war sie nicht so verbohrt wie er selbst.
»Was ist das für eine Adresse?«, hörte er die Frau seiner Tochter fragen.
»Das ist ein Geheimnis, mein Schatz. Mein letztes Geheimnis.«
D as geschmückte Brautauto bildete den Anfang einer langen Schlange. Der Weg führte durch die Stadt. Bis zu einem Neubaugebiet.
»Was ist das hier?«, fragte Kira.
»Lass dich überraschen.«
Rechts und links der Toreinfahrt standen Miriam und Johanna Abraham und lotsten die Autofahrer, so dass jeder ein Plätzchen fand.
»Was machen Mutter und Großmutter hier?«, fragte Kira mit in Falten gelegter Stirn.
»Das ist noch ein Geheimnis.«, gab Joanna zurück und stieg, kaum, dass das Auto stand, aus und ging zur anderen Seite.
Mit perfekter Verbeugung öffnete sie die Tür, reichte ihrer Frau die Hand und ließ sie aussteigen.
Mit ihr an ihrer Seite ging sie auf das im mediterranen Stil gehaltene Haus zu. Erst vor einem großen Tisch neben dem Pool blieb sie stehen. Kira schaute sich mit großen Augen um.
»Wow. Was für ein schöner Ort. Wenn der Garten fertig ist, … oh, mein Gott, wie schön. Ganz ehrlich, Schatz. Ein bisschen beneide ich die Leute, die hier wohnen werden, schon.«
»Warum beneidest du uns?«, fragte Miriam, die wie zufällig an Joanna und Kira vorbeikam.
»Euch? Häh? Wieso euch? Ich verstehe überhaupt nichts mehr. Kann mich bitte mal jemand aufklären?«
»Meinst du nicht, dass es dafür ein bisschen zu spät ist?«
Nachdenklich schloss Kira die Augen. Allmählich dämmerte es ihr.
»Wir stehen in unserem Garten und Mutter und Großmutter sind unsere Mieter?«, krächzte sie und fiel im nächsten Moment ihrer Frau um den Hals.
»Du bist unmöglich.«, tadelte sie liebevoll.
»Unmöglich süß und unmöglich liebenswert hoffentlich.«
»Natürlich. Und unmöglich sexy. Ich liebe dich.«
»Und ich dich. Sag mir, mein Schatz, ist meine Überraschung geglückt?«
Kira nickte. Immer wieder. Sogar als die meisten Gäste ein paar Minuten später eintrudelten, nickte sie noch.
Das hier war perfekt. Alles war perfekt. Das Haus war perfekt und wunderschön. Der Pool war perfekt. Der Garten war … noch nicht ganz perfekt. Er sah viel mehr aus wie eine Großbaustelle. Die Gäste waren perfekt.
Ihre Frau war perfekt. Ihre Liebe war perfekt.
Dieser Tag war … perfekt.
Fehlte eigentlich nur noch … eine Kleinigkeit.
Möglichst unauffällig drehte Kira den Kopf nach rechts und links. Sie suchte Felix. Wo steckte er nur?
Endlich erspähte sie den zerknautschten Lockenkopf. Ein Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus.
Als sie die ältere Ausgabe von Felix, Klaus Junghans, sah, lächelte sie noch mehr. Groß und breitschultrig war er. Und doch so unsicher. Das gefiel Kira. Es machte ihr Hoffnung. Anscheinend hatte ihr überfallartiger Besuch in seinem Büro tatsächlich dafür gesorgt, dass er nachzudenken begann. Sonst wäre er nicht hier gewesen.
Klaus Junghans lief an der Seite seines Sohnes, doch davon bekam Joanna nichts mit. Sie war ganz in ihr Gespräch mit Kiras Mutter und ihrer Großmutter und der sympathischen Pfarrerin vertieft.
Dass Kira sich kaum am Gespräch beteiligte und stattdessen die ganze Zeit in die gleiche Richtung schaute, irritierte sie erst nach einer Weile. Joanna drehte sich um. Sie riss die Augen weit auf. Und den Mund. Dummerweise ließ sie in diesem Moment auch ihr Sektglas los. Es klirrte. Kira bückte sich, um die Scherben aufzusammeln. Ein hellrotes Züngchen schlabberte über Kiras Hände. Und dann durch die Pfütze auf dem Boden.
»Murphy!«, schimpften Kira, Johanna und Miriam wie aus einem Munde.
»Du bist unmöglich!«
Joanna sagte nichts. Sie stand einfach da. Und konnte sich nicht bewegen. Wie fest zementiert.
»Was für eine schöne Trauung!«, rief Felix schon von Weitem.
Sein Vater straffte sichtbar die Schultern. Es war nicht zu übersehen, wie sehr er mit sich rang. Er biss die Zähne zusammen und ging an seinem Sohn vorbei. Hoch erhobenen Hauptes und mit forschen Schritten. Dass er damit nur seine Unsicherheit überspielen wollte, wussten nur Kira und Felix. Alle anderen, inklusive Joanna, zogen die Köpfe ein.
Klaus Junghans baute sich vor seiner Tochter auf.
»Hallo Joanna.«, sagte er selbstbewusst.
»Hast du kurz einen Augenblick Zeit für mich?«
»J … Ja. Nat … türlich.«
Joanna und ihr Vater entfernten sich ein paar Schritte. Kira folgte ihnen, blieb dann jedoch hinter einer Mauer stehen.
»Ich möchte dir gratulieren.«, hörte Kira Klaus Junghans sagen.
»Du hast dir eine sehr besondere Frau ausgesucht.«
»Das weiß ich, Vater. Um mir das zu sagen, hättest du nicht kommen müssen.«
»Ich wollte kommen. Ich wollte sehen, wie meine Tochter ihrer Frau das Ja-Wort gibt. Aber sag mir bitte, warum ausgerechnet sie?«
»Weil es einfach passt. Schon als ich das erste Mal mit ihr zu tun hatte, wusste ich es, dass ich nur sie möchte. Sie oder niemanden.«
Joannas Vater nickte. Er lächelte wohlwollend.
»Ich freue mich für dich. Ehrlich.«
Er machte einen Schritt nach vorne, zögerte kurz und schaute seine Tochter unsicher an. Sie nickte unmerklich und öffnete ihre Arme.
Das erste Mal seit Joannas Kindheit waren Vater und Tochter einander so nahe. Sie umarmten sich.
Still. Und ohne Worte.
Ganz in sich versunken standen sie da, bis Felix seinem Vater auf die Schulter tippte und seine Schwester ebenfalls an sich zog.
»Herzlichen Glühstrumpf, Schwesterchen!«, jubelte Felix.
»Endlich haben wir dich erfolgreich unter die Haube gebracht!«
»Hör auf, deine Schwester zu ärgern, Felix. Manche Menschen brauchen eben länger, bis sie wissen, wohin ihr Schiffchen schippert.«
Dann wandte Klaus Junghans sich wieder an seine Tochter.
»Kannst du mir verzeihen, dass ich so ein riesiger Hornochse war? Kannst du mir verzeihen, dass ich so ein verbohrter alter Sack war? Kannst du mir verzeihen, dass ich dein ganzes Leben lang ein so schlechter Vater war? Kannst du mir … «
Joanna hob die Hand und schnitt ihm das Wort ab.
»Vergeben und vergessen.«, sagte sie und lächelte sanft.
Kira kaute vor Aufregung an den Fingernägeln, wovon auch ihre Mutter und ihre Großmutter sie nicht abhalten konnten. Sie starrte unentwegt in Joannas Richtung, konnte aber nicht hören, was besprochen wurde. Und das machte sie kirre.
»Mach dir keine Sorgen.«, sagte Kiras Mutter.
»Es ist doch alles in Ordnung. Sie sind sich weder an die Gurgel gegangen, noch haben sie sich gegenseitig angebrüllt. Also alles tutti.«
Kira wackelte mit dem Kopf. Es fiel ihr so unendlich schwer, abzuwarten und nichts tun zu können. Als Joanna mit ihrem Vater und ihrem Bruder auf sie zukam, beschleunigte sich ihr Herzschlag. Der Ausdruck in den Gesichtern von Joanna, Felix und Klaus waren neutral. Ohne jegliche Regung.
»Alles okay?«, fragte sie unsicher als Joanna sich zu ihr gesellte.
Joanna nickte und lächelte glücklich. Vor Erleichterung atmete Kira tief durch.
»Kannst du mir mal bitte sagen, wie Felix und mein Vater darauf gekommen sind, dass wir heute heiraten?«
»Das, mein Schatz, bleibt mein Geheimnis.«
Kira schloss die Lippen und warf einen imaginären Schlüssel weg.
Joanna lehnte sich an ihre Frau und inhalierte den so geliebten Duft. Ganz langsam beruhigte sie sich ein bisschen. Ihr Blick galt ihrem Vater, der sich angeregt mit Kiras Mutter unterhielt. Ihr Vater wirkte aufgeräumt und zufrieden. Es war schön, ihn so entspannt zu sehen. So kannte Joanna ihn gar nicht, doch anscheinend war es an der Zeit, dass auch der alte Knochen aufhörte zu knacken und sich stattdessen auf das konzentrierte, was das Leben lebenswert machte.
»Ich danke dir, mein Schatz.«, flüsterte Joanna und stahl sich einen Kuss von Kiras Lippen.
»Ich liebe dich so sehr. Bitte geh den Rest unseres Lebens mit mir.«
»Nichts lieber als das. Soll ich dir was sagen? Ich freue mich darauf.«
»Na, ihr zwei?«, fragte Kiras Großmutter hinter dem Rücken ihrer Enkelin.
Kira und Joanna fuhren herum. An ihrer Seite waren Hans und Anneliese Lindner. Die drei älteren Leute strahlten Joanna und Kira an.
»Woher wusste dein Vater von eurer Hochzeit?«, fragte Anneliese.
»Kira sagt, dass das ihr Geheimnis ist.«, gab Joanna zurück.
»Und solange es ein schönes Geheimnis ist, ist alles gut.«
Ende