KAPITEL ACHTZEHN – VERRAT

Vignette

Sie erwachte mit einem Gefühl des Friedens, das sie schon lange nicht mehr gespürt hatte. Einige Augenblicke blieb Amicia mit geschlossenen Augen liegen und schmiegte sich näher an Lucifer, der tief und fest neben ihr schlief.

Doch die kleine Blase des Glücks, in der sie sich in diesem Moment befand, musste zerspringen. In der Hölle herrschte immer noch tiefe Nacht, nur konnte Amicia nicht sagen, wie lange diese noch andauerte.

So vorsichtig wie möglich erhob sie sich. Hunderte Worte brannten in ihrer Kehle, doch konnte sie keines davon nach außen dringen lassen. Für einen Moment blickte sie auf seine schlafende Gestalt hinab. Sie sehnte sich nach einem Abschiedskuss, doch würde dieser ihn vielleicht wecken.

Leise knarzte das Bett unter ihr, als sie aufstand. Mitten in der Bewegung erstarrte sie, doch Lucifer bewegte sich nicht. So schnell sie konnte, schlüpfte Amicia zurück in ihr Kleid und sammelte ihre anderen Sachen zusammen.

Auf nackten Sohlen schlich sie zu dem Regal, in dem der Morgenstern lag. Ihre Hände zitterten, als sie den Splitter hervorholte. Auch beim zweiten Mal durchzuckte die himmlische Energie sie wie ein warmer, alles umschließender Funke.

Sorgsam barg sie den Morgenstern an ihrer Brust und verschwand so leise wie möglich aus dem Zimmer. Im Flur blieb Amicia einen Moment stehen und blickte sich um. Es war still um sie herum, jedoch war sie sich immer noch bewusst, dass sie beobachtet wurde.

Es hatte keinen Sinn, sich etwas vorzumachen. Lucifer würde sofort wissen, was sie getan hatte. An ihrer Schuld würde es keinerlei Zweifel geben.

Mehrmals schüttelte sie den Kopf, versuchte die Schuldgefühle zu vertreiben und eilte dann den Gang entlang. Auch wenn sie jetzt eigentlich verschwinden sollte, wollte sie das nicht ohne ihre Tasche tun.

In ihrem Zimmer angekommen sperrte sie die Tür hinter sich ab und zog sich, so schnell sie konnte, um. Die ganze Zeit pochte ihr Herz viel zu schnell in ihrer Brust und ihr Atem ging abgehackt.

Das Adrenalin rauschte durch ihre Adern, als sie die Tasche über die Schulter warf, in der der Morgenstern sicher verstaut war. Nun musste sie es nur noch bis zu den Portalen und raus aus der Hölle schaffen.

Ihre Schritte hallten von den Wänden wider, als sie die unendlich lange Wendeltreppe hinuntereilte. Weiter und immer weiter, bis sie sich endlich in der Halle voller Spiegel wiederfand.

Mitten in der Bewegung erstarrte Amicia. Von allen Seiten blickte sie sich selbst entgegen. In ihrem Gesicht zeichneten sich ganz klar Zweifel und Scham ab. Ihre Wangen waren noch von ihrer Nacht mit Lucifer gerötet und auf ihren Armen und auf ihrem Hals zeigten sich die Male der Lust.

Die Tasche rutschte ihr von den Schultern. Sosehr sie es auch wollte, Amicia konnte keinen weiteren Muskeln bewegen. War dies der Sinn dieses seltsamen Raumes, dass man auf einmal mit sich selbst konfrontiert war?

Beschämt schlug Amicia die Hände vors Gesicht. Sie hatte jemanden verraten, belügen und betrügen müssen, nur um ihren vorherigen Betrug wiedergutzumachen. War dies wirklich der richtige Weg, um wieder Teil des Himmels zu werden?

Mit fahrigen Fingern kramte sie den Brief aus ihrer Tasche hervor. Inzwischen hatte sie ihn so oft geöffnet, dass das dicke Papier schon ganz zerrissen war. Erneut las sie die Zeilen, sprach sie laut vor sich hin.

Das hier war alles, was sie sich in den letzten sechs Jahrhunderten erhofft hatte. Sosehr sie auch verbittert war, sosehr die Wut auch an manchen Tagen in ihr brannte, sie wollte nach Hause zurückkehren. Die Pforten der Goldenen Stadt durchqueren und wieder den Wind unter ihren Flügen spüren.

Alles, was sie dafür tun musste, war, durch diese Halle zu gehen und den Morgenstern aus der Hölle zu bringen. Doch immer noch wollte ihr Körper ihr nicht gehorchen. Zu groß war die Schuld, die sie wie eine Kette an Ort und Stelle hielt.

In den letzten Wochen hatte sie mehr Freundlichkeit und Zuneigung von Lucifer und seinem Gefolge erfahren als in all den Jahren auf der Erde von den Menschen. In diesen Tagen hatte sie mehr von dem Zusammenhalt erlebt, den sie sich immer gewünscht hatte, als jemals im Himmel.

Hier war sie nicht einer von vielen gewesen, hier war sie Amicia.

Hektisch schüttelte sie den Kopf und versuchte diese Gedanken aus ihrem Kopf zu vertreiben. Nun war sie schon so weit gekommen und doch konnte sie sich nicht dazu bringen, den letzten Schritt zu gehen.

Tief atmete Amicia durch. Dies war das einzige Geräusch um sie herum, ansonsten war da nur Grabesstille. Sie musste sich klarmachen, dass diese Gefühle, die sie verspürte, nicht echt waren. Die Kameradschaft und Freundschaft, die sie verspürte, konnten nicht echt sein, denn sie selbst hatte nie ihr wahres Gesicht gezeigt.

Im Himmel wusste jeder, wer Amicia war, und auch sie kannte dort alles und jeden. Es war ihr Zuhause, der Ort ihrer Geburt. Dort lag ihr wahres Ich begraben.

Ein letztes Mal holte sie tief Luft und schulterte ihre Tasche. Um ihr eigenes Spiegelbild nicht länger ertragen zu müssen, kniff sie die Augen zusammen und tastete sich blind durch den Raum.

Zögernd setzte sie einen Fuß vor den anderen, die Hände suchend vor sich ausgestreckt. Endlich konnte sie die Tür spüren und verließ diesen schrecklichen Raum, der ihr Innerstes nach außen kehrte.

***

Ein Hauch von Schwefel lag in der Luft, als sie endlich in den kleinen Hof mit den Portalen trat. In der Dunkelheit wirkte alles schwarz und weiß, es dauerte einen Moment, bis sie die richtige Tafel gefunden hatte.

Amicia musste nicht lange überlegen, wohin sie gehen sollte. Eigentlich gab es nur einen Ort, der so etwas Ähnliches wie Sicherheit versprach. Zurück nach Berlin, wo ihre ganze Reise begonnen hatte.

Das Portal war sogar noch schwärzer als die Nacht um sie herum. Ohne zu zögern, aber mit geschlossen Augen, trat sie hindurch. Für einen Moment konnte sie gar nichts hören, dann umfingen sie die gewohnten Geräusche der Stadt.

Es stank nach Urin, Alkohol und schalem Zigarettenrauch. Das Portal hatte sie in eine dunkle Ecke der Stadt gebracht, eine einfach kahle Wand unter einer Brücke, die über und über mit Graffiti beschmiert war. Im Halbdunkel versuchte Amicia zu erkennen, wo genau sich das Portal und die dazugehörigen Symbole befanden, doch sie konnte keines entdecken.

Seufzend wandte sie sich ab und trat unter der Brücke hervor. Nach einigen Metern erkannte sie, dass sie sich in der Nähe vom Bahnhof Zoo befand. Obwohl es hier sogar spät nachts noch von Menschen wimmelte, schien niemand bemerkt zu haben, dass sie eben aus einer Mauer getreten war.

***

Erst als die ersten Sonnenstrahlen bereits den Himmel aufhellten, kam sie endlich bei ihrer alten Wohnung an. Sie besaß immer noch den Schlüssel, da sie diese theoretisch noch für einen Monat gemietet hatte. Der Vermieter hatte sie vorher nicht aus dem Vertrag entlassen wollen.

Die übliche Leere und Stille empfingen sie. Hier wartete niemand auf sie, es gab keine Kunstwerke oder Bücherregale. Nur Amicias eigene traurige Präsenz. Ihr altes Bett stand immer noch in der Ecke, mit schwachen Gliedern ließ Amicia sich darauf fallen.

Die Tasche rutschte von ihrer Schulter und krachte auf den Boden. Müde fiel Amicia auf die Matratze zurück und legte sich den Arm über die Augen. Das Adrenalin flaute langsam wieder ab und nun wollte sie einfach nur noch schlafen.

Doch daran konnte sie jetzt nicht denken. Sogar durch den Stoff der Tasche spürte sie die Energie des Morgensterns. Und auch wenn sie nicht daran glaubte, dass Lucifer ihr etwas antun würde, konnte doch niemand sagen, ob er sie nicht suchen würde.

Sosehr sie auch etwas Ruhe brauchte, sie musste es jetzt endgültig zu Ende bringen. Mit neu gefasstem Mut sprang sie wieder vom Bett auf. Es war schrecklich stickig im Raum, seit Wochen hatte hier niemand mehr durchgelüftet. Schnell riss Amicia die Fenster auf und ließ frische Luft herein.

Einen Moment lehnte sie sich auf den Rahmen und blickte in die langsam erwachende Stadt vor sich. Nichts hatte sich hier geändert, seitdem sie gegangen war. Niemand da unten hatte auch nur eine Ahnung, was nun geschehen würde.

Genauso wenig wie sie selbst. Sie hatte ihre Bescheinigung, ihre Sicherheit und trotzdem war da immer noch dieser Funke Zweifel, der einfach nicht erlöschen wollte.

Langsam drehte sie sich einmal um sich selbst, um das Zimmer, das früher einmal ihr Zuhause gewesen war, zu betrachten. Nichts hatte sie jemals an Berlin gebunden, dies war eine Stadt wie jede andere. Sie war einfach nur hier, weil es für sie passte.

Erneut blickte sie aus dem Fenster. In ihrer ganzen Zeit hier hatte sie nie mehr von der Stadt gesehen als seine hässlichen Ecken. Sie hatte sich auch nicht dafür interessiert. Berlin war einfach nur ein Ort gewesen.

Etwas hatte sich jedoch in Paris und Rom geändert. Auf einmal hatte sie die Welt um sich herum gespürt, die Stadt wahrgenommen und sich sogar dort amüsiert.

Sie war nicht länger nur eine Zuschauerin gewesen, hatte am Leben teilgenommen. In all ihren einsamen Jahren auf der Erde hatte sie sich nie als Teil ebendieser gefühlt, bis sie erst Lilith und dann Lucifer getroffen hatte.

Verzweifelt schlug sie die Hände vors Gesicht. Das alles war nur eine Ablenkung von der wahren Angst, die sie verspürte. Sie hatte nun mehrere Wochen mit Lucifer verbracht und der Tag, an dem er den Himmel angreifen würde, rückte immer näher. Trotzdem hatte er sich nicht auf einen Kampf vorbereitet.

Sie konnte es nicht auf seine Probleme mit den Generälen oder ein zu großes Ego schieben. Immerhin hatte Lucifer den Morgenstern einfach in seinem Zimmer herumliegen lassen. Wenn dies kein sehr komplizierter Plan war, um den Verdacht von sich abzulenken, dann interessierte er sich tatsächlich kaum für den Splitter.

Dessen Energie kitzelte in ihrem Nacken. Leise vor sich hin fluchend holte Amicia ihn hervor und betrachtete diese allmächtige Waffe. Auf den ersten Blick sah sie wirklich nicht gefährlich aus, sondern irgendwie schön.

Einige Male drehte die Gefallene ihn in ihrer Hand, betrachtete ihn genau von allen Seiten. Das Licht brach sich in den Bruchstellen und warf verschiedenfarbiges Licht durch den Raum.

Dieses winzige, unscheinbare Ding behielt die Macht inne, das ganze Universum, so wie es war, für immer zu verändern oder sogar auszulöschen. Und nun hielt Amicia es in den Händen und wusste nicht so genau, was sie damit anfangen sollte.

Sie musste ihren Zweifel loswerden, so viel war sicher. Denn ansonsten wäre sie nicht in der Lage, den Morgenstern an die Engel weiterzugeben.

Sorgsam versteckte sie die wertvolle Waffe hinter ihrem Bett, dann setzte sie sich im Schneidersitz darauf. Unruhig pochte das Herz in ihrer Brust, als sie im Geiste immer und immer wieder Faniells Namen rief.

Mit aller Macht konzentrierte sie sich auf den Engel. Wenn Faniell sie wirklich beobachtete, dann musste er ihre Rufe hören.

»Amiciell!« Der Engel tauchte aus dem Nichts vor ihr auf, ein besorgter Gesichtsausdruck verzerrte sein Gesicht. »Du bist wieder da.«

Sie löste sich aus dem Schneidersitz und stand auf. Ihre zittrigen Hände versteckte sie hinter ihrem Rücken. »Ja, das bin ich wohl.«

Zum ersten Mal berührte Faniell sie. Seine Hände wanderten über ihren Körper, genauso wie sein Blick, so, als würde er nach Verletzungen suchen. »Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht. Wie geht es dir?«

Vor seinem plötzlichen Gefühlsausbruch zuckte sie kurz zurück. »Mir geht es gut, soweit man das sagen kann. Wieso bist du so besorgt?«

»Wie kannst du das fragen?« Seine großen, warmen Hände legten sich auf ihre Schultern. »Du warst in der Hölle. Du hast dich im wahrsten Sinne des Wortes in die Höhle des Löwen begeben, ohne auch nur zu zögern. Damit bist du mutiger als die meisten von uns.«

Sein Kompliment trieb die Röte auf ihre Wangen. Unsicher senkte Amicia den Blick und dachte einen Moment über seine Worte nach. Ein winziges Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. »So schlimm war es gar nicht.«

»Du kannst wirklich sehr stolz auf dich sein. Wie ist es da unten?«

Einige Augenblicke überlegte sie, es war schwer, die Hölle in Worte zu fassen. »Anders als erwartet, so viel ist sicher.«

»Hast du die armen Seelen gesehen, die dort gefangen gehalten werden?« Sein Blick bohrte sich in ihren.

»Nein, ich habe keine Seele getroffen, nur ein paar Dämonen. Aber ich konnte einen guten Blick auf den Höllenschlund werfen, er ist wirklich …«

»Grauenerregend«, beendete Faniell ihren Satz. »Von allen Schöpfungen unseres Herrn ist dies wohl die abartigste. Der einzige schwarze Fleck auf einem sonst goldenen Bild.«

So würde Amicia es nicht bezeichnen. Tatsächlich strahlte die Hölle eine gewisse kaum zu fassende Schönheit aus, die sie unglaublich faszinierte. Doch das konnte sie dem anderen Engel ganz sicher nicht sagen.

»Ich bewundere dich, dass du es so lange mit Lucifer, diesem Inbegriff des Bösen, ausgehalten hast«, fuhr Faniell fort und riss sie aus ihren Erinnerungen.

»So schwer war es gar nicht«, murmelte sie leise.

»Spiel das nicht herunter, Amiciell. Du warst nicht die Erste, die wir mit dieser Aufgabe betraut haben, doch keiner von ihnen ist zu uns zurückgekehrt.« Trauer schwängerte seine Stimme und für einen Moment musste er die Augen schließen.

»Das hast du mir noch gar nicht erzählt.« Da war wieder der Zweifel, diesmal so laut wie ein Gong, der direkt neben ihrem Ohr schlug.

»Aus einem guten Grund. Vor dir lag bereits eine sehr schwere Aufgabe und ich wollte dich nicht auch noch verschrecken. All das war schon schlimm genug, da solltest du nicht auch noch mit der Tatsache konfrontiert werden, dass andere gescheitert sind.«

Etwas an seinen Worten ließ sie ein Stück zurückweichen. Nicht ein einziges Mal hatte Lucifer von anderen gesprochen, die zu ihm gekommen waren und nach dem Morgenstern gesucht hatten. »Was ist mit ihnen geschehen?«

Mit einem verschlossenen Gesichtsausdruck schüttelte Faniell die Augen. »Das ist nicht bekannt. Bisher ist keiner zurückgekehrt.«

Mit gesenktem Kopf trat Amicia noch einen Schritt zurück und schlang die Arme um sich selbst. Das ergab einfach keinen Sinn. Entweder belog Faniell sie oder Lucifer und langsam wusste Amicia nicht mehr, wem sie eigentlich trauen konnte.

»Aber das alles spielt jetzt keine Rolle mehr«, sprach der Engel unbeirrt weiter. Er schien nicht einmal zu bemerken, welcher Sturm der Gefühle in Amicia herrschte. »Nun hast du es geschafft und der Morgenstern kann gerade noch rechtzeitig in den Himmel zurückkehren. Wir alle sind stolz auf dich und freuen uns, dass du bald wieder bei uns sein wirst.«

Sie reagierte kaum auf seine Worte. Viel zu sehr war sie eingenommen von ihrer eigenen Panik und dem Misstrauen. Immer mehr zweifelte sie an ihrer eigenen Entscheidung, an der Möglichkeit, dass etwas nicht stimmte.

»Amiciell, was ist los mit dir?« Faniells Stimme war mit Sorge geschwängert. »Du hast Zweifel.«

Sie musste es nicht bestätigen oder verneinen, er konnte es genau in ihrem Blick ablesen.

»Es tut mir leid, ich kann es nicht verhindern.«

»Dafür musst du dich nicht entschuldigen«, beschwor er sie leise. »Dafür musst du dich nicht schämen, Zweifel ist mehr als nur verständlich. Du standest dem Höllenfürsten persönlich gegenüber und sosehr wir es auch anders wollen, Lucifer ist Verführung pur. Nicht nur für die Menschen, sondern auch für uns. Aber was auch immer er dir erzählt hat, es waren alles Lügen. Er hat sein Netz um dich gesponnen, doch du kannst dem widerstehen.«

Mit aller Kraft klammerte sie sich an seine Worte. Lucifer, der Verführer. Lucifer, der Lügner. Lucifer, die Verkörperung der Sünde. Er schlich sich in den Kopf seiner Opfer und ließ sie alles Schlimme der Welt sehen.

»Du wurdest für diesen Auftrag ausgewählt, weil dich etwas von allen anderen Gefallenen unterscheidet«, sprach Faniell weiter.

Hoffnungsvoll blickte sie zu ihm, hing atemlos an seinen Lippen.

»Denn du besitzt einen starken Glauben, stärker als jeder, der uns jemals untergekommen ist. Nach all den Jahrhunderten konnten wir immer noch deine Gebete vernehmen. Immer noch spüren, wie stark der Himmel in deinem Inneren war. Niemals hast du aufgehört zu glauben. Nichts kann das Vertrauen in deinen Herrn brechen.«

Sie klammerte sich an seine Worte und versuchte sich an ihren Glauben zu erinnern. Hinter ihren geschlossenen Lidern erlebte sie noch einmal die vielen Jahrhunderte voller Einsamkeit, Verzweiflung und Hass. Doch so schlimm es an manchen Tagen auch gewesen war, damit hatte Faniell recht: Niemals hatte sie ihren Glauben verloren.

»Willst du denn deine Flügel nicht zurückbekommen?«, murmelte Faniell mit sanfter Stimme. »Den Wind wieder in deinen Federn spüren, die Welt unter dir sehen? Durch die Pforten in die Goldene Stadt treten und dort durch die Straßen streifen? Wir haben dich vermisst, Amiciell, nimm deinen Platz wieder ein!«

Eine einzelne Träne rann ihre Wange hinunter, heiß und brennend. Nach Hause zu kommen, das war alles, was sie sich jemals gewünscht hatte. Und ihr Zuhause war der Himmel, kein anderer Ort in diesem Universum.

Tief und zittrig holte Amicia Luft und versuchte sich wieder zu fangen. Mit steifen Gliedern trat sie zum Bett und holte den Morgenstern hervor. Für Zweifel war keine Zeit mehr, kein Platz. Ihre Entscheidung hatte sie schon getroffen, als sie Lilith um Hilfe gebeten hatte.

Ruckartig drückte sie dem Engel den Morgenstern in die Hand. »Hier habt ihr ihn.«

Für einen Moment betrachtete Faniell ihn – in seinen Augen blitzte ein mächtiger Triumph auf, zusammen mit noch etwas anderem, etwas Düsterem – dann wandte er sich wieder Amicia zu. »Ich danke dir dafür. Wir alle tun das.«

Ausdruckslos nickte sie. Immer noch schlug ihr Herz viel zu schnell in ihrer Brust. Ihre Finger zitterten so sehr, dass sie diese hinter ihrem Rücken verstecken musste.

»Was du getan hast, Amiciell, ist kaum in Worte zu fassen. Nicht nur hast du den Himmel gerettet, sondern uns alle. Jede Schuld ist damit getilgt, glaube es mir.« Sorgsam wickelte Faniell den Morgenstern in ein Stück Stoff. »Nun werde ich diesen zurück an seinen Platz bringen.«

»Was ist mit mir?«

»Leider kann ich dich nicht einfach so mitnehmen wie den Morgenstern.« Faniell schenkte ihr ein Lächeln, das sicher charmant sein sollte, doch auf sie wirkte es nur gestellt. Unnatürlich. »Ich werde bald wiederkommen und dann kehrst du an meiner Seite in den Himmel zurück. Immerhin hast du das Wort eines Erzengels.«

Kurz zuckte ihr Blick zu ihrer Tasche, als sie sich wieder umdrehte, war der Engel bereits verschwunden. Amicia stieß eine lange Reihe Flüche aus, die jedem Menschen sicher einige Jahre in der Hölle beschert hätten.

Nun stand sie da, in ihrer einsamen Wohnung, allein. Der Morgenstern war zusammen mit ihrer einzigen Verbindung zum Himmel verschwunden und sie blieb zurück.

Gegen ihren Willen sackte sie mitten im Zimmer zusammen und barg den Kopf in ihren Händen. Zweifel und Hoffnung kämpften um die Vorherrschaft und drohten Amicia unter sich zu begraben.

Wieso zweifelte sie am Himmel? In ihrer ganzen Zeit hier unten war dies nicht einmal vorgekommen. Ihr Glaube war immer Teil ihres Selbst gewesen, kräftig und stark wie ein ruhiger Fluss. Erst seitdem sie Lucifer kannte, waren diese Zweifel erwacht.

Sie musste Lucifer hinter sich lassen. Faniell hatte sie niemals betrogen, er hatte immer nur die Wahrheit gesprochen und sie kannten sich länger, als sie auf dieser Erde war.

Er würde kommen und sie in den Himmel mitnehmen. Ihre Schuld war getilgt, die Welt vor dem Unheil bewahrt und Amicia konnte stolz auf sich sein.

Nun blieb ihr nichts anderes übrig, als zu warten. Doch was war ein Tag mehr, wenn man schon Jahrhunderte hinter sich gebracht hatte. Sie war bereit zu warten.

Doch leider erfasste sie viel zu schnell wieder die Unruhe. Sosehr sie es auch wollte, Amicia konnte einfach nicht still sitzen. Immer wieder huschte ihr Blick zum Fenster, wo die Sonne langsam über den Himmel wanderte. Der Tag schritt voran und mit ihm ihre Schuldgefühle.

Sicher waren in der Hölle inzwischen alle erwacht und man hatte bemerkt, dass sie verschwunden war. Zusammen mit dem Morgenstern. Lucifer würde nicht lange brauchen, um eins und eins zusammenzuzählen.

Tobte er in diesem Moment vor Wut oder hatte er bereits einen Plan gefasst, die Waffe zurückzuholen und sich an ihr zu rächen?

Doch sosehr sie es auch versuchte, sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass der Höllenfürst so etwas tun würde. Vielleicht hatte sie es sich nur eingebildet oder er hatte es so gewollt, doch sie konnte den Funken der Verbundenheit, den sie verspürt hatte, nicht vergessen.

Amicia war einfach verschwunden, wortlos und ohne Erklärung. Dabei hatte sie nicht nur Lucifer, sondern auch Lilith und Jakob verletzt. Besonders diese beiden hatten es nicht verdient, so von ihr ausgenutzt zu werden.

Während sie auf ihre Eskorte wartete, konnte Amicia auch etwas gegen ihr schlechtes Gewissen tun. Nicht weit von ihrer Wohnung gab es einen kleinen Laden. Dort würde sie alles besorgen, um die Briefe zu schreiben.

***

Lange starrte sie das weiße Stück Papier an und überlegte, wie sie alles am besten in Worte fassen konnte. Wie erklärte man jemandem, weshalb man ihn hintergangen und ausgenutzt hatte, ohne dass es falsch und gekünstelt rüberkam?

Mehrmals setzte Amicia den Stift an, brachte jedoch keine Worte zu Papier. Ein einfaches »Entschuldigung« würde niemals alles beschreiben, doch wenn sie alles erklärte, dann würde dieser Brief unendlich lang werden.

***

Irgendwann, als es draußen schon dunkel wurde, hatte sie zumindest einen halbwegs guten Text zustande gebracht. Zufrieden war sie nicht, aber sie würde es auch sicher nicht besser hinbekommen.

Beinahe wortgenau kopierte sie den Brief, diesmal an Jakob gerichtet. Sie würde den Mann sehr vermissen, vor allem da klar war, dass sie ihn niemals wiedersehen würde. Er hatte sich entschlossen, dass sein Weg in die Hölle führen würde, und da hatte Amicia keinen Zutritt mehr.

Als Letztes blieb ihr nur noch der Brief an Lucifer. Bei diesem musste sie nicht lange überlegen. Es gab einfach keine Worte, um ihren Verrat zu beschreiben oder zu entschuldigen. So konnte sie nur ihre wahren Gefühle zu Papier bringen und schlicht Es tut mir leid schreiben.

Seufzend erhob Amicia sich und streckte ihre steifen Glieder.

Das Nachtleben war in Berlin vollends erwacht, als sie durch die beleuchteten Straßen zum nächsten Briefkasten ging. Sicher würden ihre Nachrichten erst ankommen, wenn sie schon nicht mehr auf dieser Erde war, doch in diesem Moment beruhigte das ihr schlechtes Gewissen.

Die Hände in die Jackentaschen geschoben schlenderte sie durch die Dunkelheit zurück in ihre Wohnung. Es fiel ihr schwer, den Kopf zu heben und die Welt um sich herum zu betrachten. Bisher hatte sie nicht gewusst, wie schlimm Abschiednehmen doch war.

Die einsame Stille ihres Wohnhauses empfing sie. Die Anonymität und Einsamkeit hatte sie einmal in dieses alte Haus gezogen, doch jetzt schreckte sie es ab. Es war nicht mehr klar und eindruckslos, es war traurig und bedrückend.

Erschrocken blieb sie stehen. Auf dem Boden vor ihrer Tür lag ein kleines Paket. Es war völlig unscheinbar, eingepackt in hellbraunes Papier, jedoch gab es keinen Aufkleber.

Das Paket war ganz sicher nicht von einem Paketdienst oder der Post gebracht worden. Jemand hatte es hier abgelegt und es konnte kein Zufall sein, dass es genau in diesem Moment passiert war.

Panisch blickte Amicia sich um, so, als würde gleich ein Angreifer hinter einer Ecke hervorspringen und sich auf sie stürzen. Doch außer ihr war da niemand, nur die entfernten Geräusche aus den Wohnungen.

So behutsam wie möglich nahm sie das Päckchen hoch und trug es in ihre Wohnung. Es war für seine Größe überraschend leicht, so, als wäre rein gar nichts darin. Mit wild klopfendem Herzen stellte sie es auf dem Bett ab.

Lange streunte Amicia durch das Zimmer, ihr Blick huschte immer wieder zwischen dem Päckchen und dem Fenster hin und her. Faniell war noch nicht wieder aufgetaucht und sie wurde immer unruhiger.

Irgendwann konnte sie ihre Neugierde nicht länger unterdrücken. So vorsichtig wie möglich öffnete sie das Päckchen – in der Annahme, dass es ihr um die Ohren fliegen würde.

Doch nichts geschah, als sie den Deckel abhob und hineinblickte. Es dauerte einen langen Moment, bis sie endlich verarbeitete, was sich dort drin befand.

Mit zittrigen Fingern und Tränen in den Augen hob sie die Feder hoch. Sogar im dumpfen Licht glänzte das Gold, genauso wie das satte Schwarz. Sie meinte sich einzubilden, dass das Lederband immer noch etwas von seiner Körperwärme ausstrahlte.

Unter der Feder befand sich ein einfach gefalteter Zettel. Amicia fürchtete sich vor den Worten, die dort auf sie warteten. Der Hass, der ihr nun entgegenschlagen würde. Und doch konnte nichts sie davon abhalten, sie zu lesen.

Du hättest einfach nur fragen müssen.
Dir hätte ich alles gegeben.
Lucifer