KAPITEL 7

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Finale

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Finale

Am 7. Mai 1824 erlebte Beethovens Neunte ihre langerwartete Uraufführung. Es war ein merkwürdiges und in mancher Hinsicht tragisches Ereignis, wie sich der Orchestergeiger Joseph Böhm erinnerte:

Beethoven dirigierte selbst, d.h. er stand vor einem Dirigentenpulte und fuhr wie ein Wahnsinniger hin und her. Bald streckte er sich empor, bald kauerte er bis zur Erde, er schlug mit Händen und Füßen herum als wollte er allein die sämtlichen Instrumente spielen, den ganzen Chor singen. Die eigentliche Leitung war in Duports Hand, wir Musiker sahen bloß auf dessen Taktstock. Beethoven war so aufgeregt, daß er nichts sah, was um ihn vorging, daß er auf den Beifallssturm, den er freilich bei seiner Gehörschwäche kaum hören konnte, auch nicht einmal achtete. – Man mußte es ihm immer sagen, wenn es an der Zeit war, dem Publikum für den gespendeten Beifall zu danken, was Beethoven in linkischer Weise that.

Die neunte Sinfonie war mit einigem Abstand das kolossalste Orchesterwerk, das je komponiert wurde. Mit seinem langen Chorfinale samt vier Gesangssolisten ebnete es, wie bereits erwähnt, den Weg für die gewaltigen Chorsinfonien von Mahler rund sieben Jahrzehnte später. Es sollte außerdem Beethovens letzte Sinfonie sein, wenn auch nicht absichtlich.

Nach der Premiere der neunten Sinfonie – der Höhepunkt einer Reihe von Verwirrungen, beruflich, gesellschaftlich, häuslich und finanziell – folgte Beethoven seiner Gewohnheit und zog sich aufs Land zurück, diesmal nahe dem Wiener Vorort Baden. Angespornt vom Auftrag des Fürsten Galitzin 1822 kehrte er hier, nach einer Pause von fast eineinhalb Jahrzehnten, zu einer der intimsten und anspruchsvollsten Musizierarten zurück: dem Streichquartett. Beethovens letzte Beiträge zu diesem Genre, für dessen Entwicklung er selbst viel getan hatte, markieren den Gipfel seines schöpferischen Lebens. Sie entführen uns in bis dahin unbekannte Gebiete spiritueller Erfahrung, die über die Möglichkeiten der Analyse, sie zu erklären oder beschreiben, hinausgehen. Der Violinist Karl Holz, einer der engsten Freunde seiner letzten Jahre, lässt keinen Zweifel, dass Beethoven sich dessen völlig bewusst war. Für ihn war die Es-Dur-Kavatine des Quartettes B-Dur (Op. 130) die „Krone aller Quartettsätze“, schrieb Holz, „und sein Lieblingsstück. Er hat sie wirklich unter Thränen der Wehmuth komponirt […] und gestand mir, daß noch nie seine eigene Musik einen solchen Eindruck auf ihn hervorgebracht habe, und daß selbst das Zurückempfinden dieses Stückes, ihm immer neue Thränen koste“.

Zu dem Verlust seines Hörvermögens, dem ständigen „Sausen und Brausen“ in seinen Ohren (über das er erstmals 1800 klagte), und seinen chronischen Unterleibsbeschwerden kam nun eine weitere Pein in Form der Ophthalmie hinzu, einer schmerzhaften Augenentzündung. 1825 litt er an einer schweren und lebensbedrohlichen Krankheit, von der er durch eine strenge Diät und gänzliche Alkoholabstinenz (neben anderen Arzneien) gerettet wurde. Aus Baden, wohin er zur Erholung geschickt worden war, schrieb er an seinen Arzt und bewies wie so oft, dass seine Leiden ihn nicht seines Sinns für Humor beraubt hatten:

Für Seine Wohlgebohren

H. von Braunhofer

Professor der Arzneykunde etc.

am 13ten May

1825.

Dr. – Wie gehts Patient?

Pat. – Wir stecken in keiner guten Haut – noch immer sehr schwach, aufstoßen etc. […] ich speie ziemlich viel Blut aus, wahrscheinlich nur aus der Luftröhre, aus der Nase strömt es aber öfter, […] daß aber der Magen schrecklich geschwächt ist u. überhaupt meine ganze Natur dies leidet keinen Zweifel, bloß durch sich selbst, so viel ich meine Natur kenne, dürften meine Kräfte schwerlich wieder ersetzt werden. Dr. – ich werde helfen, bald Brownianer bald Stollianer seyn [zwei diametral entgegengesetzte Behandlungsarten]. Pat. – Es würde mir lieb seyn wieder mit einigen Kräften an meinem Schreibpult seyn zu können, erwägen sie dieses; – Finis.

Dann fügt er hinzu: „Die letzte Medizin nahm ich nur einmal, u. habe sie verlohren.“ Es war typisch für Beethoven als Patient, den Rat seiner Ärzte zu suchen und ihn dann weiter nicht zu befolgen. Als er an sein Schreibpult zurückkehrte, war seine erste Komposition der „Heilige Dankgesang“ (siehe Zwischenspiel VI).

Nach der Fertigstellung seines letzten Quartetts, Op. 135, wandte er seine Gedanken wieder dem Orchester zu. Zum Zeitpunkt seines Todes hatte er bereits wesentliche Skizzen für eine zehnte Sinfonie gemacht, die wohl vollendet worden wäre, hätte es nicht ein Ereignis einige Kilometer von Wien entfernt gegeben. Am 30. Juli 1826 in einer Burgruine in der Nähe von Baden hatte Karl, jetzt 19 Jahre alt, sich in den Kopf geschossen. Er wurde bei vollem Bewusstsein gefunden und zur nahen Wohnung seiner Mutter gebracht. Er war ein bekanntermaßen schlechter Schütze, aber sich selbst in den Kopf zu schießen und nicht einmal das Bewusstsein zu verlieren, legt nicht so sehr eine schlechte Absicht nahe als vielmehr eine sehr deutliche Botschaft an seinen Onkel. Die Tatsache, dass er in die Obhut seiner Mutter gegeben wurde statt in Beethovens, war sicher kein reiner Zufall. Als er vom örtlichen Magistrat gefragt wurde, was ihn zu dieser Verzweiflungstat getrieben habe, war seine Antwort unmissverständlich: Sein Onkel habe ihn zu sehr „sekirt“ (gequält), „die Gefangenschaft bei Beethoven“ habe ihn veranlasst. Beethoven versuchte, den Vorfall zu vertuschen, aber es war zu spät; und Karl hatte die Genugtuung (falls er wirklich so empfand), seinen Onkel praktisch über Nacht altern zu sehen. Von da an sah Beethoven aus wie ein alter Mann, fühlte sich auch so und beschrieb sich selbst oft als solchen, obwohl er erst 55 Jahre alt war, als sich der Zwischenfall ereignete. Er mag schockiert gewesen sein, und auch schuldbewusst. Aber außer kleineren Verbesserungen fuhr er fort, Karl und Johanna wie früher zu behandeln. Es war daher eine große Erleichterung für alle Betroffenen (obwohl Beethoven es ungern zugeben wollte), als Karl seine Absicht, sich zum Militär zu melden, verkündete. Dort würde er streng beaufsichtigt werden und wäre endlich frei von den endlosen Streitereien seiner Mutter und seines Onkels.

In der Zwischenzeit, während das Haar lang genug wuchs, um seine Verletzung zu kaschieren, reisten Karl und sein Onkel nach Gneixendorf auf Einladung von Beethovens Bruder Johann und seiner Frau Therese, mit denen seine Beziehungen nie einfach gewesen waren. Dort komponierte Beethoven sein letztes Quartett, Op. 135 F-Dur, und ein neues Finale für das B-Dur-Quartett, Op. 130, um die umstrittene „Große Fuge“ zu ersetzen. Die Heiterkeit in diesen letzten Stücken hatte jedoch kein wesentliches Pendant in seinen persönlichen Beziehungen. Trotz des letzten großen Versöhnungsversuchs stritten er und sein Bruder sich häufig; Therese mischte sich oft ein, während Karl mit jedem zankte. Nach einer besonders bitteren Auseinandersetzung über Johanns letzten Willen reisten Beethoven und Karl am 1. Dezember überstürzt nach Wien ab.

Mit den Worten von Andreas Wawruch, Beethovens letztem behandelnden Arzt:

Der December war rauh, naßkalt und frostig, Beethovens Bekleidung nichts weniger als der unfreundlichen Jahreszeit angemessen und doch trieb ihn eine innere Unruhe, eine düstere Unglücksahnung fort. Er war bemüßigt, in einem Dorfwirtshause zu übernachten, worin er außer dem elenden Obdach nur ein ungeheiztes Zimmer ohne Winterfenster antraf. Gegen Mitternacht empfand er den ersten erschütternden Fieberfrost, einen trockenen, kurzen Husten von einem heftigen Durste und Seitenstechen begleitet. Mit dem Eintritte der Fieberhitze trank er ein Paar Maß eiskalten Wassers und sehnte sich in seinem hilflosen Zustande nach dem ersten Lichtstrahl des Tages. Matt und krank ließ er sich auf den Leiterwagen laden und langte endlich kraftlos und erschöpft in Wien an.

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Beethovens Neffe Karl

Zuhause angekommen, blieb Beethoven mit einer schweren Erkältung im Bett. Drei Tage vergingen allerdings, bevor Karl es für angebracht hielt, ärztliche Hilfe zu rufen. Wawruch traf ein und war zutiefst beunruhigt:

Ich traf Beethoven mit den bedenklichen Symptomen einer Lungenentzündung behaftet an, sein Gesicht glühte, er spuckte Blut, die Respiration drohte mit Erstickungsgefahr und der schmerzhafte Seitenstich gestattete nur eine quälende Rückenlage. Ein streng entzündungswidriges Heilverfahren schaffte bald die erwünschte Linderung, seine Natur siegte und befreite ihn durch eine glückliche Krise von der augenscheinlichen Todesgefahr.

Am fünften Tag konnte er sich aufsetzen und sprechen, am siebten war er einigermaßen auf den Beinen und konnte wieder lesen und schreiben. Doch die Besserung währte nur kurz. Als Wawruch am nächsten Tag kam, erschrak er:

Beim Morgenbesuche fand ich ihn verstört, am ganzen Körper gelbsüchtig; ein schreckbarer Brechdurchfall drohte ihn die verflossene Nacht zu tödten. Ein heftiger Zorn, ein tiefes Leiden über erlittenen Undank und unverdiente Kränkung [vermutlich durch Karl] veranlaßte die mächtige Explosion. Zitternd und bebend krümmte er sich vor Schmerzen, die in der Leber und in den Gedärmen wütheten, und seine bisher nur mäßig aufgedunsenen Füße waren mächtig geschwollen. – Von diesem Zeitpunkte an entwickelte sich die Wassersucht, die Urinaussonderung wurde sparsamer, die Leber bot deutliche Spuren von harten Knoten, die Gelbsucht stieg. […] Doch rückte die Krankheit mit Riesenschritten vorwärts. Schon in der 3ten Woche stellten sich nächtliche Erstickungszufälle ein; das enorme Volum der Wasseransammlung forderte schnelle Hülfe, und ich fand mich bemüßigt den Bauchstich vorzuschlagen, um dadurch der plötzlichen Berstungsgefahr vorzubeugen. Die Flüssigkeit betrug 25 Pfund, doch der Nachfluß gewiß fünfmal soviel.

Eine Unvorsichtigkeit, die den Wundverband Nachts löste, vermuthlich um alles enthaltene Wasser schnell zu entfernen, hätte beinahe die Freude des Besserbefindens ganz verleidet. Eine heftige rothlaufartige Entzündung stellte sich ein und wies die ersten Brandspuren, doch das sorgfältigste Trockenhalten der Wundlippen setzte dem Uebel bald Schranken. Zum Glück waren die folgenden drei Operationen ohne die geringsten Anstände.

In ihrem letzten gemeinsamen Monat, bevor Karl ins Militär eintrat, war Beethoven fast ausschließlich bettlägerig, und Karl war einen Großteil dieser Zeit an seiner Seite. Die alten Streitereien, Verdächtigungen und Vorwürfe schienen letztendlich beigelegt zu sein, obwohl Beethovens fixe Idee von Johannas schädlichem Einfluss blieb. Nachdem Karl gegangen war, um am 2. Januar 1827 zu seinem Regiment zu stoßen, verschlimmerte sich Beethovens Zustand drastisch. Schnell war klar, dass er schwerstkrank war.

Schindler schreibt Ende Februar an Moscheles: „Wie es sich jetzt schon zeigt, so wird aus der Wassersucht eine Abzehrung, denn er ist jetzt schon nur Haut und Knochen. Allein seine Constitution wird noch sehr lange diesem entsetzlichen Ende widerstehen.“ In seinen späten Jahren war Beethoven weniger gesellig; doch besonders nach seiner „wilden“ Phase 1812–13 genoss er es, Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu sein. Nun, da er schwerer krank war als je zuvor in seinem Leben, war seine Laune düster, und seine Widerstandskraft wurde durch eine von ihm wahrgenommene allgemeine Vernachlässigung schwächer. Schindler schrieb zu der Zeit:

Was ihn noch sehr kränkt, ist, daß sich hier gar Niemand um ihn bekümmert; und wirklich ist diese Theilnahmslosigkeit höchst auffallend. Früherer Zeit ist man in Equipagen vorgefahren, wenn er nur unpäßlich war, jetzt ist er ganz vergessen, als hätte er gar nie in Wien gelebt.

War Beethoven auch niedergeschlagen, so war er doch keinesfalls verzweifelt. Er sprach wiederholt davon, nach England zu gehen, sobald er wieder gesund war (er hatte zahlreiche Einladungen u.a. von der Philharmonischen Gesellschaft in London), und war nun mit dem Rechnen beschäftigt, wie er während der Reise möglichst kostengünstig leben könnte. Für jemand so Unerfahrenen in Auslandsreisen wie ihn war dies eine erhebliche Entwicklung. Er wusste schon lange von Haydns Erfolgen in Großbritannien und sah keinen Grund, warum es ihm nicht ebenso ergehen sollte. In der Zwischenzeit lenkte er sich, wenn er allein war, mit Lesen ab – vor allem die alten Griechen (eine lebenslange Begeisterung) und die Romane von Sir Walter Scott, an denen er großes Gefallen hatte.

Am 8. März 1827 wurde der junge Pianist Ferdinand von Hiller, damals erst 15 Jahre alt, aber später ein bedeutender Künstler, von seinem Lehrer Hummel gebracht, um den Meister zu treffen. Hiller war schon vorgewarnt worden, dass Beethovens Erscheinung fast Entsetzen bei seinen Besuchern hervorrief, und war erleichtert, dass die Wirklichkeit weniger erschreckend war:

Durch ein geräumiges Vorzimmer, in welchem hohe Schränke dicke, zusammengeschnürte Packen von Musikalien trugen, kamen wir (wie pochte mir das Herz!) in Beethovens Wohnzimmer und waren nicht wenig erstaunt, den Meister, dem Anscheine nach ganz behaglich am Fenster sitzend zu finden. Er trug einen langen, grauen, im Momente gänzlich geöffneten Schlafrock und hohe, bis an die Knie reichende Stiefel. Abgemagert von der bösen Krankheit, erschien er mir, als er aufstand, von hoher Statur, er war nicht rasirt, sein volles, halb graues Haar fiel ungeordnet über die Schläfen. Der Ausdruck seiner Züge wurde sehr freundlich und hell, als er Hummels ansichtig wurde, und er schien sich außerordentlich auf ihn zu freuen. Die beiden Männer umarmten einander aufs Herzlichste; Hummel stellte mich vor. Beethoven bezeigte sich durchaus gütig und ich durfte mich ans Fenster ihm gegenüber setzen.

Vom verbitterten und paranoiden, fast verrückten Menschen gab es keine Spur. Beethoven zeigte echtes Interesse an seinem jungen Gast und behandelte ihn mit großer Achtung und Würde.

Am 13. März nahm Hummel Hiller abermals mit zu Beethoven. Der Junge war von der Veränderung schockiert. „Er lag zu Bette, schien starke Schmerzen zu haben und stöhnte zuweilen tief auf, trotzdem sprach er viel und lebhaft.“ Unter anderem klagte er, dass er keine Ehefrau hatte, und äußerte seinen Neid auf Hummel, dessen Gattin er bewunderte. Seit ihrem letzten Besuch bei ihm war ihm ein Bild des bescheidenen Geburtshauses von Haydn geschenkt worden. Es hing nun an der Wand neben seinem Bett. In diesen dunklen Tagen war es ihm zu einem wertvollen Besitz geworden. „Es hat mir eine kindische Freude gemacht“, sagte er, „die Wiege eines so großen Mannes!“ Jegliche Ressentiments seines ehemaligen Lehrers waren nun lange vergessen. Das größte Geschenk seiner letzten Monate war ihm jedoch vom Harfenmacher Johann Stumpff aus London geschickt worden: Samuel Arnolds Gesamtausgabe der Werke Händels in 40 Bänden. Dies besiegelte seine Überzeugung, dass Händel der größte aller Komponisten war. Er schrieb Stumpff, um ihm zu danken:

Sehr werther Freund!

Welch großes Vergnügen [ist] mir die Uebersendung der Werke von Händel, die Sie mir sogar zum Geschenk machten, für mich ein Königlich Geschenk! dies vermag meine Feder nicht zu beschreiben! Man hat es sogar hier in die Zeitung gebracht, welches ich Ihnen hier mittheile. Leider liege ich schon seit dem 3ten December bis jetzt an der Wassersucht darnieder. Sie können denken, in welche Lage mich dieses bringt! Ich lebe gewöhnlich nur von dem Ertrage meiner Geisteswerke, alles für mich und meinen Carl, davon zu schaffen. Leider seit dritthalb Monaten war ich nicht im Stande eine Note zu schreiben. Mein Gehalt beträgt nur soviel daß ich davon den halbjährigen Wohnungszins bestreiten kann, dann bleiben noch einige hundert Gulden Wiener Währung übrig! Bedenken Sie noch daß sich das Ende meiner Krankheit noch gar nicht bestimmen läßt und es endlich wird möglich gleich in vollen Segeln auf dem Pegasus durch die Lüfte zu segeln! Arzt, Chirurgus, alles muß bezahlt werden. –

Ich erinnere mich recht wohl daß die Philharmonische Gesellschaft vor mehreren Jahren ein Concert zu meinem Besten geben wollte. Es wäre für mich ein Glück wenn sie diesen Vorsatz fassen wollte, ich würde vielleicht aus aller meiner bevorstehenden Noth, doch gerettet werden können. Ich schreibe deswegen an Herrn S[mart]. Und können Sie, werther Freund! etwas zu diesem Zwecke beitragen, so bitte ich Sie nur sich mit Herrn S. zu vereinigen. Auch an Moscheles wird deßhalb geschrieben, und in Vereinigung aller meiner Freunde glaube ich doch daß sich in dieser Sache etwas für mich wird thun lassen. Rücksichtlich der Händelschen Werke für S. Kaiserliche Hoheit Erzherzog Rudolph kann ich bis jetzt noch nichts gewiß sagen. Ich werde aber in wenig Tagen an ihn schreiben und darauf aufmerksam machen.

Indem ich Ihnen nochmals danke für Ihr herrliches Geschenk, so bitte ich noch mit mir zu befehlen, wo ich Ihnen hier in etwas dienen kann, thue ich’s von Herzen gern. – Meine Ihnen hier geschilderte Lage lege ich Ihnen hier nochmals an Ihr menschenfreundliches Herz und indem ich Ihnen alles Schöne und Gute wünsche, empfehle ich mich Ihnen bestens.

Hochachtungsvoll

Ihr Beethoven.

Wien den 8 ten Februar 1827

Die Philharmonische Gesellschaft, die von seinen Umständen erfuhr, schickte ihm umgehend die damals beträchtliche Summe von 100 £ als Geschenk. In seinem letzten datierten Brief schrieb Beethoven an Moscheles:

Wien den 18. März. 1827.

Mein lieber guter Moscheles

Mit welchen Gefühlen ich Ihren Brief vom 1. März durchlesen, kann ich gar nicht mit Worten schildern. Der Edelmuth der philharmonischen Gesellschaft, mit welchem man meiner Bitte beynahe zuvor kam, hat mich in das Innerste meiner Seele gerührt. – Ich ersuche Sie daher lieber Moscheles, das Organ zu seyn, durch welches ich meinen innigsten, herzlichsten Dank für die besondere Theilnahme und Unterstützung an die philh. Gesellschaft gelangen lasse. […]

Möge der Himmel mir nur recht bald wieder meine Gesundheit schenken, und ich werde den edelmüthigen Engländern beweisen, wie sehr ich ihre Theilnahme an meinem traurigen Schicksale zu würdigen wissen werde.

Ihr edles Benehmen wird mir unvergeßlich bleiben, so wie ich noch insbesondere Sir Smart und Hrn Stumpf meinen Dank nächstens nachtragen werde.

Leben Sie recht wohl! Mit den freundschaftlichsten Gesinnungen verharre ich Ihr Sie hochschätzender Freund Ludwig van Beethoven

Über die üblichen Leiden seiner Krankheit hinaus stand Beethoven vier Bauchoperationen aus, die ihm nur vorübergehende Erleichterung brachten. Als sich der März dem Ende zuneigte, bestand für seine Freunde, unter ihnen Anton Schindler, kaum ein Zweifel, dass auch Beethoven seinem Ende nahe war:

Seine Auflösung geht mit Riesenschritten, und es ist nur ein Wunsch unser aller, ihn bald von diesen schrecklichen Leiden erlöset zu sehn. Nichts anders bleibt mehr übrig. Seit 8 Tagen liegt er schon beynahe wie todt, nur manchen Augenblick rafft er seine letzten Kräfte zusammen, und fragt nach etwas oder verlangt etwas. Sein Zustand ist schrecklich […]. Er befindet sich fortwährend in einem dumpfen Dahinbrüten, hängt den Kopf auf die Brust, und sieht starr stundenlang auf einen Fleck. Kennt die besten Bekannten selten, als, man sagt ihm, wer vor ihm steht. Kurz es ist schauderhaft, wenn man dieses sieht.

Am 23. März in einem besonders lichten Moment bat er um seine Feder und schrieb mühsam seine letzten Worte – einen Nachtrag zu seinem Testament, in dem er festlegt, dass im Falle von Karls Tod das ganze Vermögen seines Nachlasses an seine Schwägerin Johanna van Beethoven gehen soll. Endlich hatte er seinen Frieden mit der „Königin der Nacht“ gemacht. Nun war der Moment gekommen, als Beethoven, der Mann, der dem Schicksal in den Rachen gegriffen hatte, sich absolut sicher war, dass sein lebenslanger Kampf fast vorüber war. Er wandte sich an die Freunde, die um sein Bett standen, und überraschte sie mit einem lateinischen Spruch: „Plaudite amici, finita est comoedia“ („Applaus, Freunde, die Komödie ist beendet“). Bald danach verlor er das Bewusstsein und fiel ins Koma. Aber immer noch hing er am Leben. Zwei Tage vergingen. Der Morgen des 26. März brach stürmisch an, und das wechselhafte, winterliche Wetter dauerte den ganzen Tag an. Der Rest der Geschichte wird von dem Komponisten Anselm Hüttenbrenner, einem engen Freund Schuberts, erzählt:

In den letzten Lebensaugenblicken Beethovens war außer der Frau v. Beethoven und mir Niemand im Sterbezimmer anwesend. Nachdem Beethoven von 3 Uhr Nachmittag an, da ich zu ihm kam, bis nach 5 Uhr röchelnd im Todeskampf bewußtlos dagelegen war, fuhr ein von einem heftigen Donnerschlag begleiteter Blitz hernieder, und erleuchtete grell das Sterbezimmer (vor Beethovens Wohnhause lag Schnee). – Nach diesem unerwarteten Naturereignisse, das mich gewaltig frappirte, öffnete Beethoven die Augen, erhob die rechte Hand, und blickte mit geballter Faust mehrere Secunden lang in die Höhe mit sehr ernster drohender Miene, als wollte er sagen: „Ich trotze euch feindlichen Mächten! Weichet von mir! Gott ist mit mir!“ […] Als er die erhobene Hand wieder aufs Bett niedersinken ließ, schlossen sich seine Augen zur Hälfte. Meine rechte Hand lag unter seinem Haupte, meine Linke ruhte auf seiner Brust. Kein Athemzug, kein Herzschlag mehr! Des großen Tonmeisters Genius entfloh aus dieser Trugwelt ins Reich der Wahrheit! – Ich drückte dem Entschlafenen die halbgeöffneten Augen zu, küßte dieselben, dann auch Stirn, Mund und Hände. – Frau v. Beethoven schnitt auf mein Ersuchen eine Haarlocke vom Haupt des Dahingeschiedenen, und übergab sie mir zum heiligen Angedenken an Beethovens letzte Stunde.

Mehr als drei Jahrzehnte zuvor waren die Straßen Wiens beinahe wie ausgestorben gewesen, als der Leichnam des 35-jährigen Mozart im Regen zu einem anonymen Grab transportiert wurde. Nun, am 29. März 1827, waren sie mit geschätzt 20.000 Trauernden gefüllt, die dem Manne, der fast allgemein als bedeutendster Komponist seiner Zeit geachtet wurde, die letzte Ehre erweisen wollten. Er war ein Mann, dessen Leben, wie wir gesehen haben, fast ständig von Leiden – körperlich, psychisch und emotional – heimgesucht worden war, aber auch ein Mann, dessen letztlich unbeugsame Lebenslust ihren einzigartigen Ausdruck in seiner Musik gefunden hatte. Seine Kunst umschlang das gesamte Leben und die Erfahrung der ganzen Menschheit; es ist kein Zufall, dass der letzte Satz seiner letzten Sinfonie eine Vertonung von Schillers Ode an die Freude ist. Seine Hauptmelodie, nun die Europahymne, bleibt bis heute das Berühmteste, das er je schrieb.

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Friedrich von Schiller (1759–1805), Dichter der Ode an die Freude