DAS 18. JAHRHUNDERT

Der geschichtliche Kontext

Überblick

Das 18. Jahrhundert wurde zu Recht „das Jahrhundert der Revolutionen“ genannt (obwohl auch das 19. Jahrhundert gleichen Anspruch auf diesen Titel hat), dessen nachhaltigste landwirtschaftlicher, industrieller und wissenschaftlicher Natur waren, nicht militärischer oder politischer. Das menschliche Wissen wurde in einem nie dagewesenen Maße ausgedehnt, mit Auswirkungen auf das tägliche Leben, die letzten Endes die kurzlebigen Entscheidungen von Regierungen und Herrschern außer Kraft setzten. Kriege griffen, wie gewöhnlich, um sich, davon fünf mit der größten Auswirkung: der Spanische und der Österreichische Erbfolgekrieg, der Siebenjährige Krieg sowie die Amerikanische und die Französische Revolution. Trotz der sich sammelnden Welle der Demokratie gediehen absolute Monarchien weiterhin in vielen Teilen der Erde. Preußen und Russland (letzteres ironischerweise unter der geborenen Preußin Katharina der Großen) wurden Weltmächte; die französische Macht bröckelte unter der zunehmend ungeschickten Herrschaft von Ludwig XV. und Ludwig XVI.; das britische Empire dehnte sich aus, am stärksten in Indien; und Amerika wurde ein ernst zu nehmender Akteur auf der internationalen Bühne der Politik. Wichtiger als jeder bewaffnete Aufstand oder Eroberungsfeldzug war die Entstehung einer immer mächtigeren und unabhängigeren Mittelschicht. Mehr als jedes vorhergehende Jahrhundert war das 18. ein Jahrhundert des Handels.

Der Welthandel war ein unmittelbarer Nutznießer der Verbesserungen in Transport und Kommunikation, die den wissenschaftlichen und technologischen Fortschritten aller Nationen zu verdanken waren. Bis zur Mitte des Jahrhunderts wurden Rohstoffe, oft zum gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nachteil der Exportländer, aus Ländern weltweit importiert. Europa hingegen profitierte immens, indem es ein breites Angebot an Gütern exportierte, wobei sich Geldinstitute – Banken, Börsen, Versicherungsunternehmen etc. – entwickelten. Statt Bargeld wurden zunehmend Schecks genutzt, und die Verbreitung von Papiergeld erhöhte die Beträge, die ein Reisender leicht mit sich führen konnte. Für die neue Klasse der Wohlhabenden wurde das Einkaufen ebenso Zeitvertreib wie Geschäft.

Unter vielen medizinischen Fortschritten, die die Lebensqualität wesentlich verbesserten, war die Entdeckung der Impfung gegen Pocken der wichtigste – aber nicht bevor 1719 eine Epidemie 14.000 Opfer allein in Paris forderte. Eine unvorhergesehene Folge des Mittelschicht-Wohlstands und des erhöhten öffentlichen und persönlichen Hygienestandards war ein Anstieg der Bevölkerung, der die Lebensmittelversorgung zu überholen drohte. Auch wenn viele in der Tat hungern mussten, geschahen in dieser Epoche mehr Verbesserungen in den Ackerbau-Methoden als in früheren Jahrhunderten. Agrikultur wurde ein wichtiger Wirtschaftszweig, da die Nachfrage an Nahrungsmitteln und Wolle stieg.

Von allen Revolutionen des 18. Jahrhunderts hatte keine weiter reichende Folgen als die Industrielle Revolution. Entstanden in Großbritannien im mittleren Drittel des Jahrhunderts, verdankt sie ihren anfänglichen Anstoß der Erfindung der Dampfmaschine, die zunächst als Mittel zur Entwässerung von Minen genutzt, aber bald in Fabriken eingesetzt wurde. Mit der nie dagewesenen Verbreitung neuer Maschinen, die die Geschwindigkeit und Leistung der Produktion enorm steigerten, wurde England als „Werkstatt der Welt“ bekannt und florierte dementsprechend. Diese Revolution erreichte bald andere Länder, verlagerte das Machtgewicht vom adeligen Landbesitzer auf den industriellen Kapitalisten und schuf eine große städtische (und zunehmend stimmgewaltige) Arbeiterklasse.

Doch trotz einer florierenden, immer wohlhabenderen Mittelschicht, die viel auf „gute Manieren“ und Vornehmheit gab, lebte die Mehrheit der Bevölkerung, in Europa und anderswo, weiterhin in Armut und starb früh an Krankheit oder Hunger. Die Bildung der Armen war gering, Analphabetismus und Kriminalität waren weit verbreitet, Kinderarbeit alltäglich und politische Vertretung generell nicht vorhanden. In der Alten und der Neuen Welt wurde die Sklaverei ungehindert fortgeführt, obwohl dies eine wachsende Zahl Europäer, besonders in Großbritannien, verabscheute. In Europa und anderen Teilen der Welt wurde die traditionell herrschende Klasse zunehmend bedroht. Von den zahlreichen Aufständen, die im 18. Jahrhundert ausbrachen, war die Amerikanische Revolution (1776–83) die erste von weltweiter Bedeutung. Aus ihr entstanden die neuen unabhängigen Vereinigten Staaten, ein Land mit beträchtlichen Ressourcen, dessen politische Überzeugungen, basierend auf freiheitlichen Grundsätzen sowie eindeutig festgelegt in seiner Unabhängigkeitserklärung und formalen Verfassung, unterdrückten Minderheiten andernorts als Vorbild dienten. Die Amerikanische Revolution ermutigte zweifellos die Unzufriedenen in Frankreich, deren eigene Revolution, ausgelöst durch den Sturm auf die Bastille im Juli 1789 und andauernd bis zu Napoleons Machtergreifung zehn Jahre später, die blutigste in der Geschichte werden sollte. Allein im Jahr 1793 während der berüchtigten Schreckensherrschaft wurden mehr als 18.000 Menschen öffentlich geköpft. In der Zwischenzeit war die Revolutionsregierung (eigentlich eine Folge von Regierungen) gleichzeitig im Krieg mit fast ganz Europa, das zu Recht fürchtete, dass die Revolution sich über Frankreichs Grenzen hinaus verbreiten könnte.

Wissenschaft und Technik

Das 18. Jahrhundert war ein wahres Fest der Erforschung und Entdeckung in Medizin, Mechanik, Physik, Chemie und vielen anderen Gebieten, darunter auch Waffentechnik. Wie auch in anderen Bereichen überflügelte der Einfallsreichtum zuweilen die Zweckmäßigkeit, wie bei dem vom Unglück verfolgten Ein-Mann-Handkurbel-U-Boot „Turtle“, das 1776 in den Tiefen vor der Ostküste Amerikas zu Wasser gelassen wurde. Nützlicher war Harrisons Schiffschronometer von 1735, das es Seeleuten ermöglichte, ihre genaue Position auf See zu bestimmen; gefährlicher war Wilkinsons Präzisionsbohrmaschine für Kanonenrohre von 1774 sowie Bushnells Erfindung des Torpedos 1777. Auf friedlicheren Gebieten fanden die Entdeckung und erste Nutzung der Elektrizität statt, vor allem durch Benjamin Franklin, Erfinder des Blitzableiters, und Alessandro Volta, der die elektrische Batterie erfand. Ebenso anerkannt war James Watt, dessen Verbesserung von Newcomens Dampfmaschine 1764 die Industrielle Revolution beschleunigte (der Begriff „Watt“ bezieht sich übrigens auf eine Leistungseinheit als auf etwas rein Elektrisches). Andere erwähnenswerte Erfindungen umfassen Claude Chappes Telegraf (eine mechanische Form des Signalmastes zur Übertragung kodierter Botschaften über lange Distanzen) und die hydraulische Presse.

Religion

Auf dem Gebiet der Religion kam es zu Neuerungen wie auch Oppressionen. Obwohl es in einigen Kreisen Zeichen zunehmender Toleranz gab – wie in England, wo in den 1730ern der Methodismus von John Wesley und 1772 die Shaker-Glaubensgemeinschaft gegründet wurden, und, eher überraschend, in Russland, wo Katharina die Große 1766 die Glaubensfreiheit gewährte –, blühte die religiöse Bigotterie weiter, besonders in den Beziehungen von Protestanten und Katholiken. Im Jahr 1731 wurden 20.000 Protestanten aus Salzburg vertrieben (von denen die meisten nach Amerika emigrierten), während der Jakobiten-Aufstand Mitte der 1740er, wie die brutalen anti-katholischen Gordon Riots 1780, die Grenzen der religiösen Toleranz in Großbritannien aufzeigte. Auch der Aufruf des deutschen Philosophen Moses Mendelssohn (Großvater des Komponisten Felix) 1781 für die bessere Behandlung der Juden war weder der erste noch der letzte. Wenn auch nicht so ausgedehnt wie im vorausgegangenen Jahrhundert, war der Aberglaube immer noch weit verbreitet unter den weniger gebildeten Klassen der westlichen Welt.

Ideen

Im Anschluss an die rationalistischen Tendenzen des 17. Jahrhunderts war das 18. Jahrhundert das Zeitalter der Aufklärung, eine der vielfältigsten Epochen in der Geschichte der westlichen Philosophie. Denker mit den unterschiedlichsten Ambitionen, beeinflusst von der Flut an wissenschaftlichen Entdeckungen, setzten immer größeren Glauben in die Vernunft als Weg zu Wahrheit und Naturrecht. Extrem kritisch gegenüber dem Status quo und der Religion feindlich gesinnt, die ihrer Meinung nach die Menschheit mit den Ketten des Aberglaubens knechtete, erreichten ihre Schriften ein großes Publikum und trugen unmittelbar zu den grundlegenden Idealen der Amerikanischen und Französischen Revolution bei. Obwohl die Bewegung hauptsächlich in Frankreich ansässig war, wo ihre wichtigsten Vertreter Diderot, Voltaire und Rousseau waren, zog sie auch andere wichtige Denker an, vor allem die Schotten David Hume und Adam Smith, den Amerikaner Thomas Paine und die Deutschen Immanuel Kant und Gotthold Ephraim Lessing. Besonders Voltaire und Rousseau verwendeten die Satire als mächtige politische Waffe, und Diderot war Herausgeber eines der größten wissenschaftlichen Werke, die je erschienen sind: die 28-bändige Encyclopédie, inspiriert von der englischen Encyclopedia, die Ephraim Chambers 1728 veröffentlicht hatte, mit 17 Bänden Text und 11 Bildbänden. Rousseaus Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen (1754) prangerte die dekadenten Auswirkungen der Zivilisation an und verkündete die Überlegenheit des „edlen Wilden“. Sein Gesellschaftsvertrag von 1762 betonte die Rechte der Menschen gegenüber der Staatsgewalt und ermahnte Menschen überall, alle Regierungen umzustürzen, die nicht den echten Willen der Bevölkerung vertraten. Beide Bücher gehören zu den einflussreichsten, die je geschrieben wurden. Adam Smith war ein Ökonom, dessen Hauptwerk Der Wohlstand der Nationen (1776) den revolutionären Schritt unternahm, Wohlstand in Bezug auf Arbeit zu definieren und Arbeitsteilung und freien Handel als wesentliche Bestandteile einer gerechten Gesellschaft zu befürworten. Humes bekanntestes philosophisches Werk, Ein Traktat über die menschliche Natur (1740), ist ein Angriff auf die hergebrachte Metaphysik und nimmt an, dass alles wahre Wissen in persönlicher Erfahrung liegt. Kant auf der anderen Seite argumentierte, dass richtiges Handeln nicht auf Gefühlen, Neigungen oder nur Erfahrung gründen kann, sondern nur auf einem Gesetz des Verstandes, dem sogenannten „kategorischen Imperativ“. Gegenstand von Thomas Paines berühmtem Buch Die Rechte des Menschen sind die Resultate der politischen Aufklärung.

Künste

Im 18. Jahrhundert entstand und entwickelte sich der moderne Roman mit den Werken von Daniel Defoe (Robinson Crusoe, Moll Flanders) und Samuel Richardson (Pamela, Clarissa). Vor allem war es jedoch ein Jahrhundert großer Dichter. Ab den 1770er-Jahren säten Goethe, Schiller und andere deutsche Dichter den Samen der romantischen Bewegung, die ihre musikalische Ausprägung im 19. Jahrhundert fand. Sie wurden chronologisch gefolgt von den Briten Blake, Wordsworth und Coleridge. Aber es war auch das Jahrhundert der großen philosophischen Satiriker, von denen die größten Voltaire (Candide), Swift (Gullivers Reisen) und Rousseau (siehe oben) waren. Satire war auch auffällig im Bereich der Malerei, wie im Werk von William Hogarth (A Rake’s Progress, dt.: Der Werdegang eines Wüstlings). Die bedeutenderen Maler und Bildhauer zählten zu den besten Porträtisten, die je lebten: David, Gainsborough, Reynolds, Chardin (der vorausschauend seine Aufmerksamkeit von den oberen Klassen weg, hin zur unteren Bourgeoisie und den Arbeiterklassen wendete), Goya (dessen düster apokalyptische Visionen im nächsten Jahrhundert entstanden) und Houdon, dessen Skulpturen von Voltaire, Jefferson und Washington fast unheimlich lebensecht wirken. Zu den größten Gelehrten und Literaten des Jahrhunderts gehörte Samuel Johnson, dessen monumentales Dictionary of the English Language (1755) das erste zusammengestellte Wörterbuch war. Auf dem Gebiet des Tanzes entstand im 18. Jahrhundert das moderne Ballett, mit seinem Zentrum, abermals, in Frankreich. Die einflussreichsten Persönlichkeiten waren die Ballerina Marie-Anne Camargo (die 1720 den bahnbrechenden Schritt wagte, die traditionellen fließenden, höfischen Kleider zu kürzen, um Füße und Beine offen zu zeigen), der Choreograf Jean-Georges Noverre (Mozart schrieb die Musik zu seinen Les Petits Riens) und der Komponist Jean-Philippe Rameau.

Architektur

Außer in den oberen Schichten der Gesellschaft änderte sich die Hausarchitektur im Europa des 18. Jahrhunderts relativ wenig. Öffentliche Gebäude und die Wohnsitze der Betuchten andererseits änderten sich auf beiden Seiten des Atlantiks gewaltig. Die feudalen und verzierten Gesten der Barockära wichen einfacheren Stilen, viele von ihnen stark beeinflusst von der anmutigen Majestät klassischer griechischer und römischer Modelle. Berühmte Beispiele sind das Weiße Haus und das Capitol-Gebäude in Washington D.C., „Monticello“, Thomas Jeffersons Haus in Virginia (von ihm selbst entworfen), und das Royal Crescent im englischen Bath. Mit der Ausdehnung neuer Städte infolge der Industriellen Revolution und der ständigen Erweiterung der Vereinigten Staaten lenkten Architekten und Stadtplaner ihre Aufmerksamkeit auf den Entwurf nicht nur von Gebäuden, sondern von Städten und Stadtzentren selbst. Das Gittermuster der Manhattan-Insel in New York ist das Ergebnis solcher Planung und wurde in vielen amerikanischen Städten wiederaufgegriffen. Hier hatten die Regelmäßigkeit und Symmetrie des klassizistischen Ansatzes einen rein praktischen Zweck: Mit diesem Schema konnten Städte unendlich in jede Richtung erweitert werden. Ein augenfälliges Merkmal der industriellen Architektur war insbesondere die Verwendung neuer Materialien wie Gusseisen.

Musik

Im 18. Jahrhundert erreichte das Barock seinen Höhepunkt in den Werken Bachs und Händels, und die klassische Epoche, die darauf folgte, erlebte ihre Blüte. Domenico Scarlatti war ein Zeitgenosse von Bach und Händel; doch seine Klaviersonaten, die seinen Namen lebendig hielten, waren so erstaunlich eigenständig und neuartig, dass er weit außerhalb der Haupttendenzen und -entwicklungen steht. In gewisser Hinsicht stehen seine Hauptwerke in Stimmung und Stil den Romantikern des 19. Jahrhunderts näher als den Kompositionen seiner eigenen Zeit. War das bestimmende Merkmal des Barockstils (oder genauer gesagt der Stilgruppe) eine Kombination aus Prunk und Kontrapunkt (siehe Glossar) mit einem hohen Maß an Verzierungen, stellt der klassische Stil eine Zeit dar, deren relative Einfachheit von Harmonie, Aufbau und Ausdrucksweise ganz im Einklang mit dem Aufstieg der Mittelschicht und der fortschreitenden Schwächung der Aristokratie stand. Die gelehrten, ausgeschmückten kontrapunktischen Gewebe des Barock machten der eher geradlinigen Struktur von Melodie und Begleitung Platz, Letztere oft einfache gebrochene Akkorde in einem Muster, das Alberti-Bass genannt wird (siehe Glossar); das grundlegende harmonische Vokabular wurde stark vereinfacht. Die meisten Musikstücke der Klassik (grob 1750–1820) stützen sich auf ein sparsames Gerüst aus vier oder fünf Grundakkorden (Dreiklang; siehe Glossar) und ziehen ihr Material aus zwei oder drei recht kurzen, eigenständigen Melodie-„Themen“, die häufig einfachen volksliedartigen Charakter haben. Nicht nur Themen, sondern auch Sätze neigten dazu, kürzer und geordneter als im Großteil der Barockmusik zu werden. Auch großangelegte Strukturen wurden im Allgemeinen klarer und symmetrischer und zeigten Parallelen mit der klassischen Architektur der alten Griechen und Römer. Zusammen mit einem etwas ritualisierten Formenansatz wird eher formell und „objektiver“ an den Gefühlsausdruck herangegangen. Es ist oft einfacher, den Umriss eines klassischen Themas zu beschreiben, als es mit einer bestimmten Stimmung zu assoziieren. Die vorherrschenden Werte sind Symmetrie, Ordnung, Feinheit und Anmut. Der bedeutendste Beitrag der klassischen Ära zur Musikgeschichte ist die Herausbildung der Sonatensatzform (siehe Glossar), die in den Werken Mozarts, Haydns und Beethovens kulminierte. Praktisch alle bedeutenden Werke der Klassik basieren darauf. Die Hauptgattungen der Zeit – Sonate, Streichquartett, Konzert und Sinfonie – sind eigentlich alle Sonaten und weichen nur in Größe und Art der gewählten Instrumentenbesetzung voneinander ab. Von dieser Entstehung hebt sich die parallele Entwicklung der Oper ab, die in der ersten Jahrhunderthälfte von Händel und Rameau dominiert wurde und in der zweiten von Mozart und Gluck (1714–1787). Weil er sich größtenteils auf die Oper beschränkte, wird Glucks Name oft übergangen, wenn allgemein von Klassik die Rede ist; und doch war er einer der Großen. Seine Größe liegt in der Qualität seiner Musik, aber seine dauerhafte Bedeutung entstammt seinen radikalen Reformen. Sie trugen viel zur Vereinfachung und Reinigung einer Kunst bei, die von belanglosen Konventionen überladen war, verkompliziert durch labyrinthische Liebeshandlungen und verunstaltet durch ein exzessives Augenmerk auf Virtuosität um ihrer selbst willen. Er entnahm seine Handlungen der klassischen griechischen Mythologie (Orfeo ed Euridice, Iphigénie en Aulide, Armide etc.), gestaltete die Musik nach den emotionalen und dramatischen Anforderungen seines Librettos, enthärtete den Unterschied zwischen Rezitativ und Arie (siehe Glossar), achtete penibel auf Feinheiten der Charakterentwicklung und erhöhte die Rolle des Chores (eine weitere Verneigung vor den klassischen Griechen). Mozart, obwohl er Opern hervorbrachte, die viele als die bedeutendsten überhaupt betrachten, war hier im Wesentlichen kein Erneuerer.