Das 19. Jahrhundert war, besonders in Europa und Nordamerika, eine Epoche des beispiellosen Wandels, unweigerlich durchzogen von Kriegen und Revolutionen fast jeglicher Art und auf jeder Gesellschaftsebene. Der anhaltende Fortschritt der Industriellen Revolution, weit davon entfernt, Armut zu beseitigen, brachte einer sich ständig ausdehnenden Mittelschicht neuen Wohlstand. Fabriken breiteten sich in ganz Europa aus, überschritten bald das Angebot an einheimischen Rohstoffen und verstärkten den Impuls zur Kolonisation. Das Britische Weltreich vergrößerte seine Herrschaftsgebiete extrem, Afrika wurde von Großbritannien und anderen europäischen Kolonisten zerstückelt, und trotz wachsenden Unbehagens lief der Sklavenhandel weiter. Beunruhigt durch die europäische Expansionspolitik versuchten China und Japan, den Westen gänzlich auszuschließen. Doch der Imperialismus schritt innerhalb Europas schnell voran, am stärksten während der Napoleonischen Kriege (1799–1815), mit dem Nebeneffekt, in Ländern von Italien bis Russland einen glühenden Nationalismus zu entfachen, der für das Jahrhundert als Ganzes charakteristisch werden sollte.
Wissenschaft und Technik erweiterten wie im vorhergehenden Jahrhundert das menschliche Wissen in einem nie da gewesenen Ausmaß. Als Joseph Lalande 1801 seinen Katalog von 47 390 Sternen veröffentlichte, kündigte er ein Jahrhundert astronomischer Entdeckung an, sowohl wörtlich als auch bildlich.
Die Landwirtschaft, die man neben den Errungenschaften der Industriellen Revolution leicht aus dem Blick verliert, erlebte ihre eigenen Revolutionen mit Züchtungsversuchen, die zu höheren Ernteerträgen und stämmigeren Tieren führten. Cyrus McCormick erfand seine Mähmaschine in Amerika und leitete ein neues Zeitalter der mechanischen Ernte ein.
Wie man in solchen unruhigen Zeiten erwarten könnte, war das Jahrhundert reich an Philosophen, obwohl die Ideen, die die größten Auswirkungen hatten und haben, aus anderen Bereichen kamen. Philosophisch besetzten die Deutschen die Schlüsselstellen, so wie die Franzosen im vorangegangenen Jahrhundert. Die großen Namen der Beethoven-Zeit waren Hegel (1770–1831) und Schopenhauer (1788–1860), beide beschäftigten sich auf die eine oder andere Weise viel mit Musik. Hegel argumentierte, dass das Bewusstsein und die Welt der äußeren Objekte untrennbare Aspekte eines Ganzen waren und dass die Wahrheit nur durch einen dialektischen Prozess von Widerspruch und Lösung ermittelbar sei – eine durch und durch rationalistische Idee mit deutlichen Parallelen im Konzept der Sonatensatzform (siehe Glossar). Schopenhauer vertrat eine pessimistischere Auffassung (und eine, die den Anliegen der Romantiker mehr entsprach), nach der der irrationale Wille als herrschendes Prinzip unserer Wahrnehmung gesehen wird, dominiert von einem endlosen Kreislauf aus Verlangen und Enttäuschung, aus dem die ästhetische Betrachtung der einzige Ausweg sei. Sein Denken sollte einen starken Einfluss auf Wagner und Nietzsche haben, die die etablierten Konzepte der christlichen Moral ablehnten. Nietzsche verkündete „Gott ist tot“ und postulierte das Ideal des „Übermenschen“, der seinen selbstgeschaffenen Willen den Schwachen und Wertlosen aufzwingt. Diese Sichtweise entsprach ganz der gigantischen Natur des romantischen Egos, das durch die Kontrollgewalt der Industriellen Revolution und die Menge wissenschaftlicher Entdeckungen dem Menschen eine noch stärkere Beherrschung seiner Umwelt gewährte.
In der Literatur war es das Jahrhundert des Romans, eingeleitet von Jane Austen und Sir Walter Scott in England sowie Goethe, Jean Paul (J. P. F. Richter) und dem fantasievollen E. T. A. Hoffmann (dessen kritische Schriften über Beethoven zu den scharfsinnigsten gehören, die je verfasst wurden) in Deutschland.
Die Architektur des 19. Jahrhunderts in Europa und Amerika spiegelte sowohl die romantische Besessenheit von der Vergangenheit als auch die Sorge der Industriellen um zweckmäßige und wirtschaftliche Bauweise wider. Öffentliche Gebäude tendierten fast das ganze Jahrhundert hindurch zu einem immer massiveren Prunk und zeigten einen großen Stileklektizismus von der fernen bis zur jüngsten Vergangenheit, oft innerhalb eines einzigen Gebäudes. Ein berühmtes Beispiel dafür ist der Westminster-Palast (besser bekannt als Parlamentsgebäude) in London.
Niemals verzeichnete eine Kunst größere Veränderungen in so verhältnismäßig kurzer Zeit wie die Musik im 19. Jahrhundert. Als das Jahrhundert begann, war Beethoven erst 29 Jahre alt, Schubert kaum drei. Haydn war im Alter von 67 immer noch auf der Höhe seiner Schaffenskraft. Am Ende des Jahrhunderts war Debussys revolutionäres Prélude à l’après-midi d’un faune, auch heute noch oft als „Beginn der modernen Musik“ angeführt, bereits sieben Jahre alt, und Schönberg (25 Jahre), Ives (ebenfalls 25), Bartók (18) und Strawinski (17) waren allesamt voll aktiv. In der Zwischenzeit erlebte man das Ende der klassischen Epoche und den Beginn der Romantik in den reifesten Werken von Beethoven und Schubert (dessen Sinfonien, Sonaten und Kammermusik die klassischen Formen zu bislang ungeahnten Ausmaßen erweiterten); die Harmonie durchlief beispiellose Verwandlungen, darunter die fortschrittliche Auflösung der traditionellen Tonalität durch Liszt, Wagner, Debussy, Mahler und Ives (zur Tonalität siehe Glossar); das Klavier erreichte den Höhepunkt seiner Entwicklung (maßgeblich vom Einfluss Beethovens und Liszts dominiert) und wurde zum beliebtesten Instrument weltweit; die Kunst der Instrumentierung wurde ein wichtiges Thema, nicht zuletzt dank Beethovens Sinfonien, Ouvertüren und Konzerten. Es gab eine bedeutende Verlagerung von der relativen „Objektivität“ der Klassik hin zu den intensiven Gefühlsäußerungen der Romantiker. Anschauliche „Programmmusik“ erreichte eine nie zuvor oder nachher gekannte Beliebtheit, und die Virtuosenverehrung wurde zu einem beherrschenden Element. Der spezialisierte (d.h. nicht komponierende) Interpret wurde zur Regel statt zur Ausnahme, und Musikschulen und Konservatorien wurden alltäglich.
Trotzdem wurde der Kontrapunkt, der bis dahin zu den am höchsten geschätzten Musikmerkmalen zählte, weitgehend nicht mehr genutzt (obwohl er eine wichtige Rolle in Beethovens Musik spielt, ebenso wie später in der Musik von Liszt, Bruckner, Wagner, Brahms und Richard Strauss). In den Werken von Schubert, Lanner, Weber und der Strauss-Familie wurde der Walzer zur beliebtesten Gattung des Jahrhunderts. Überhaupt polarisierten die Formen, von den Millionen Klavierminiaturen und „Charakterstücken“ bis zu den kolossalen Musikdramen Wagners, den ausgedehnten Sinfonien Bruckners und Mahlers und den verschwenderisch farbigen sinfonischen Werken von Richard Strauss.