Neue Ausdrucksformen gemeindlichen Lebens und Mischwirtschaft

Im Jahr 2004 zog die anglikanische Kirche in ihrem bahnbrechenden Bericht „Mission-shaped Church“20 eine Bilanz der Entwicklungen der vergangenen Jahre auf dem Gebiet der missionarischen Arbeit und der Gemeindepflanzungen. Der Bericht entwickelte eine neue Sprache, um die Bandbreite der Projekte zu beschreiben, die darauf abzielten, Gemeinden für diejenigen zu gründen, die außerhalb der Kirchen lebten: Sie wurden als „fresh expressions of church, neue Ausdrucksformen gemeindlichen Lebens“ bezeichnet. Indem sie diesen Bericht annahm und ihn empfahl, gab die anglikanische Kirche ihren Segen zu dieser neuen Welle der missionarischen Arbeit in unserer Gesellschaft. Vier Jahre später schon gab es tausende von neuen Ausdrucksformen gemeindlichen Lebens über das ganze Land verteilt, die versuchten, zu den Menschen, die nichts mit Kirche anfangen konnten, Kontakt aufzunehmen. Einige von ihnen sind große Projekte, denen ein oder mehrere bezahlte Pfarrer zur Verfügung stehen. Die meisten aber sind klein, auf einen Ort beschränkt und von den bereits vor Ort arbeitenden Pfarrern oder einem Team von Laien betreut. Die Kirchen haben ein breit angelegtes Trainingsprogramm entwickelt, um diejenigen mit dem nötigen Wissen auszustatten, die als Pioniere dazu berufen sind, solche neuen Gemeinschaften zu gründen. Die Anzahl und das Potenzial der Menschen, die auf diesem Gebiet Wissen und Erfahrungen gesammelt haben, steigen kontinuierlich (www.sharetheguide.org.uk). Die anglikanische Kirche hat die Leitung einer solchen Arbeit auch als neuen Schwerpunkt im Amt ordinierter Pfarrer erkannt und stellt in steigendem Maße finanzielle Mittel für diese Form der missionarischen Arbeit zur Verfügung (weitere Informationen: www.freshexpressions.org.uk).

Sowohl die anglikanische als auch die methodistische Kirche sowie andere Denominationen und Strömungen in England sehen es zunehmend als ihre missionarische Aufgabe an, in einer segensreichen Form der gesamten Gesellschaft Englands zu dienen. Dabei soll es allerdings einen zweifachen Fokus geben: Es soll einerseits auch weiterhin an traditionellen Gemeinden gebaut und gearbeitet werden für diejenigen, die in welcher Form auch immer einen kirchlichen Hintergrund haben. Andererseits sollen neue Ausdrucksformen gemeindlichen Lebens entstehen, um die zu erreichen, denen ein solcher Hintergrund fehlt. Zusammen bilden die traditionellen Gemeinden und die neuen Ausdrucksformen eine zunehmend breiter gefächerte „mixed economy“, eine Mischwirtschaft kirchlichen Lebens,21 die einer zunehmend diversifizierten Gesellschaft segensreich dienen kann. Die Sprache und die Konzepte der neuen Ausdrucksformen gemeindlichen Lebens, des Pionier-Pfarramtes22 und der Mischwirtschaft kirchlichen Lebens, werden immer häufiger auch von den Kirchen in anderen Teilen der Welt, die ähnliche Schwierigkeiten zu bewältigen haben, als hilfreich empfunden: in Australien, Neuseeland, Kanada, den Niederlanden, Deutschland und Skandinavien, und auch von anderen kirchlichen Strömungen und Traditionen innerhalb des Vereinigten Königreichs. Sicher, wir haben noch einen langen Weg vor uns: Wir müssen unsere Sache gut machen und dafür sorgen, dass diese Art der Arbeit überall Verbreitung findet. Aber es ist ein guter Anfang gemacht und die Früchte sind bereits sichtbar und beachtlich, sowohl, was die Anzahl der Menschen angeht, die wir dadurch erreichen, als auch, was die Entwicklung in Kirche und Gesellschaft betrifft.

20 Deutsch: Michael Herbst (Hg.), Mission bringt Gemeinde in Form, Neukirchener Verlagsgesellschaft, 2006.

21 Die Formulierung stammt von Rowan Williams, Erzbischof von Canterbury. Damit wird die Engführung auf wenige Formen gemeindlichen Lebens geöffnet für eine große Breite von Gemeindeformen. Einen guten Überblick bietet das vierte Kapitel von „Mission bringt Gemeinde in Form“.

22 Pioneer ministry ist eine neue Ausbildung der anglikanischen Kirche für Pfarrer. Sie werden ausgebildet für und vorbereitet auf Gemeindegründungen in unerreichten Vierteln oder Regionen, auf Zielgruppenarbeit unter unerreichten Milieus, Mentalitäten oder Lebenswelten wie z. B. Jugendkulturen, Bankern oder Muslimen.