Man nennt aber einen Menschen böse, nicht darum, weil er Handlungen
ausübt, welche böse (gesetzwidrig) sind; sondern weil diese so
beschaffen sind, dass sie auf böse Maximen in ihm schließen lassen.
Immanuel Kant
Eine der spannendsten, bis heute heiß umstrittenen Fragen ist jene, ob es den Mord oder überhaupt das Verbrechen ohne Motiv gibt. Literaten und Philosophen haben sich mit dieser Frage viel mehr beschäftigt als Kriminologen und Psychiater, etwa Friedrich Nietzsche in Der Wanderer und sein Schatten (1880) oder Max Frisch in Graf Öderland (1951, 1975). Die Hauptfigur in Albert Camus’ Roman Der Fremde tötet ohne jegliches Motiv einen Mann. Camus sieht in dessen Verbrechen einen Aufschrei gegen die Leere des Lebens. Die Kulturschaffenden rücken die Sinnlosigkeit des Daseins und das überhandnehmende Gefühl der Entfremdung in den Mittelpunkt. Wenn das Leben keinen Sinn hat, braucht das Verbrechen keine Erklärung – es geschieht einfach. Der englische Dichter Samuel Taylor Coleridge hat in seinem Roman The Rime of the Ancient Mariner eine solche Einstellung zum Verbrechen auf grandiose Weise beschrieben. Ein alter Seefahrer erschießt mutwillig einen edlen Albatros. Die Hauptsünde sieht der Autor nicht im Verbrechen, sondern in der zugrunde liegenden inneren Leere.
Bei berühmten Kriminalfällen wurde von fehlendem Motiv gesprochen. Das Bedürfnis nach einem Motiv ist aber bei allen Akteuren eines Kriminalfalles extrem hoch. Der Täter sagt: »Das wahr ich nicht, ich hatte ja kein Motiv«. Die Kriminalisten folgen dem Grundsatz: »Keine Tat ohne Motiv«. Die Anklage braucht unbedingt ein Motiv und die Verteidigung führt die angebliche Motivlosigkeit als De- oder Exkulpationsgrund an. Die Medien wollen ein Motiv, ganz nach dem Grundsatz: »Motive liefern die schönsten Storys«. Selbst die Öffentlichkeit giert geradezu nach den Motiven der Täter. Als etwa vor Jahren ein Kriminalfilm mit dem Titel Mord ohne Motiv angekündigt wurde, lautete der Kommentar: »Man will uns natürlich bluffen, wir werden darauf nicht hereinfallen, ein motivloses Verbrechen gibt es nicht«.
Tatsächlich wird in der Diskussion häufig das Motiv mit der Ursache verwechselt. Auch müsste es korrekt lauten, dass manche Taten nicht motivlos sind, sondern kein Motiv erkennen lassen. Bei genauer Analyse motivisch unklarer Delikte findet man jedoch fast immer Ursachen, wenngleich diese oft trivial anmuten oder diagnostisch nicht zu fassen sind. Oft lassen sich bei den Tätern symptomarme Störungen wie Borderline oder wahnhafte Entwicklungen feststellen, immer häufiger auch narzisstische Spannungszustände. Manchmal handelt es sich um sogenannte Prodromal- bzw. Initialdelikte, also um Verbrechen, bei denen die Tat der psychischen Krankheit wie ein Wetterleuchten vorausgeht oder deren erstes und bislang einziges Symptom ist. In ganz seltenen Fällen findet man Dämmerzustände in Form eines dreamy states oder sogenannte »limbische psychotische Triggerreaktionen«, bei denen die Täter psychisch völlig normal wirken und eine komplexe Tat im Zustand der Zurechnungsunfähigkeit begehen.
Tatsache ist, dass in jüngster Zeit die Straftaten immer motivarmer werden. Selbst bei grauenhaften Verbrechen findet man oft nur geringfügige Ursachen und bagatellhafte Motive. Dies wird mit der erhöhten Kränkbarkeit der sich nach außen »cool« gebenden Gesellschaft und mit erheblichen Aggressionsstau gerade bei jungen Erwachsenen erklärt. Vielleicht, so ist zu befürchten, liegt das Motiv der unerklärlichen Gewalttätigkeit heutiger Jugendlicher im übersteigerten Sensation Seeking, im suchtartigen Streben nach Abwechslung und neuen Erlebnissen, was nichts anderes heißt, als dass das Böse dazu dient, ein optimaleres Erregungsniveau zu erreichen oder – anders gesagt – das Leben und die Wirklichkeit durch eine außergewöhnliche Tat überhaupt einmal zu spüren.