»Kein jemals begangener Akt der Grausamkeit,
dem nicht eine verborgene Schwäche zugrunde liegt«
Alfred Adler
Die Katze lag fast verhungert im Stiegenhaus. Auf Drängen der Nachbarn wurde in der Wohnung ihrer Besitzerin, einer bekannten Prostituierten, Nachschau gehalten. Die Polizeibeamten konnten die Frau, welche sonst regelmäßigen Kontakt mit den Anwohnern unterhielt und jetzt schon seit über einer Woche nicht mehr gesehen worden war, nicht finden. Die zahlreichen Befragungen führten zu einem Verdächtigen. Die Spur ließ sich bis zu einem Stammfreier, dem 48-jährigen Ernst K., zurückverfolgen. Bei der Untersuchung seiner Wohnung konnten diverse Utensilien für perverse Sexspiele, Pornofilme und vereinzelte Blutspuren gefunden werden. Nach längerem Abstreiten legte Ernst K. plötzlich entschlossen ein Geständnis ab.
Er habe vor einer Woche die ihm bestens bekannte und vertraute Prostituierte aufgesucht und mit in seine Wohnung genommen. Seinen fetischistischen und masochistischen Tendenzen folgend, habe er sich Frauenkleidung angezogen und die Prostituierte gebeten, ihn streng zu fesseln und zu schlagen. Als es nach längerem Bemühen fast zum Höhepunkt gekommen sei, habe die Prostituierte eine abfällige Bemerkung gemacht. Sie habe gemeint, dass er »es« ohnehin nicht schaffen werde und sie nicht so viel Zeit habe. Damit habe sie auf seine Erektions- und Orgasmusprobleme angespielt. Dies habe ihn gedemütigt und gekränkt, er habe in sich eine kalte Wut, einen immer mächtiger anschwellenden Hass gespürt. Zwischenzeitlich von den Fesseln befreit, habe er der Prostituierten mehrmals ins Gesicht geschlagen, sie gewürgt und dann mit einem Lederband erdrosselt.
Den Leichnam habe er in ein Leintuch gewickelt, diesen in den Nachtstunden in den Keller transportiert und überlegt, wie er ihn »entsorgen« könne. Mit einer Handkreissäge habe er der Toten Arme und Beine abgetrennt, die Leichenteile in Müllsäcke verpackt und sei schlafen gegangen. In der Früh habe er die Säcke in eine Kiste gelegt, diese auf einen Handschubkarren gehoben und sich auf den Weg gemacht. Er durchschritt, so ergab die Rekonstruktion, mehrere belebte Straßen und durchquerte mit seiner Leichenfracht eine durch den Morgenverkehr überfüllte Bahnhofshalle, begab sich auf einen Bahndamm, marschierte dort zwischen ein- und ausfahrenden Zügen noch eine halbe Stunde dahin, ehe er die Säcke mit den Leichenteilen in einem dichten Gebüsch ablegte. Er sei zwar pervers und masochistisch veranlagt, aber keinesfalls ein Sadist oder Leichenschänder. Er habe den Körper der Toten nur zerteilt, um sie unauffällig abtransportieren zu können.
Ernst K. begann nach der formalen Einvernahme zu erzählen: Seine Kindheit sei, das sage wohl jeder Mörder, nicht schön gewesen. Er habe eine uninteressierte, kalte und hartherzige, psychisch überforderte Mutter gehabt und sei vom jähzornigen Vater oft wegen Kleinigkeiten geschlagen worden. Zweimal habe man wegen der Wunden den Arzt aufsuchen müssen, man habe ihn am Kopf genäht, einmal habe er sogar einen Zahn verloren. In der Pflichtschule sei er von einer »furchtbaren« Klassenlehrerin geplagt worden und gegenüber den anderen Kindern benachteiligt gewesen. Wenn sie die Eltern herbestellt und sich bei diesen über sein Verhalten beschwert habe, hätten Vater und Mutter der Lehrerin geglaubt und ihn mit Schlägen bestraft. Er erinnere sich, wie er damals immer gedacht habe, die Lehrerin gehöre »abgemurkst«. Als er einige Jahre später gehört habe, dass sie »krepiert« sei, habe er sich richtig gefreut.
Weil er nicht schwimmen konnte, sei er von vielen Mitschülern gehänselt worden. Als ihn einmal ein paar Mädchen fragten, ob er sie retten würde, wenn sie ins Wasser fielen, habe er gesagt: »Ich würde euch noch die Geldtasche herausziehen und den Schmuck abnehmen und dann absaufen lassen, wie alle Weiber.« Oft sei er wegen Kleinigkeiten jähzornig und aggressiv geworden. Als ihn während seiner Ausbildungszeit zwei andere Lehrlinge spaßeshalber gefragt hätten, ob er mit seiner hübschen Schwester schlafe, habe er einen starken Ast geholt und auf die beiden eingeschlagen. Damals sei es zur ersten Anzeige gekommen. Ein anderes Mal sei er in einem Geschäft langsam bedient worden und habe deshalb die Verkäuferin gefragt, ob sie beim Geschlechtsverkehr auch so langsam sei. Als ihn die Frau zurechtwies, habe er das intensive Bedürfnis verspürt, sie zu erwürgen.
Er fühle sich sexuell nicht normal veranlagt. Dies habe sicher mit den Quälereien, die er im Elternhaus erlitten habe, zu tun. Seit damals spüre er in sich kein Gefühl und keine Erregung. Während der Pubertät sei ihm seine starke Neigung nach weiblicher Kleidung, insbesondere nach Stöckelschuhen und Damenwäsche, aufgefallen. Er habe geträumt, eine Nutte zu sein und immer nur in Seidenstrümpfen und Lackstiefeln herumzustolzieren. Beim Geschlechtsverkehr sei er oft ausgerastet, vor allem, wenn die Partnerin nicht liebevoll gewesen sei oder ihn zur Eile gedrängt habe. Er habe ältere Frauen, meist Prostituierte, bevorzugt, da diese nicht so hektisch agiert und ihm Zeit gelassen hätten. Da habe er sich ein wenig geborgen gefühlt und manchmal von sich erzählt. Schon in der Kindheit sei in ihm oft ein tödlicher Hass entstanden: damals auf die Eltern, später auf Lehrpersonen, dann auf Kollegen und völlig Unbeteiligte. Der Hass sei besonders intensiv geworden, wenn man ihn kritisiert oder in irgendeiner Form benachteiligt habe. Er raste dann völlig aus und halte sich deshalb für einen gefährlichen Menschen, eine Zeitbombe.
Die Tötung der Prostituierten sei zufällig erfolgt. Diese sei ihm vertraut gewesen und er habe sie gemocht. Er sei nach der Arbeit nach Hause gegangen, habe auf dem Weg zwei Bier getrunken, habe daheim den Fernseher eingeschaltet und gerade eine Szene gesehen, in welcher eine Frau in einer gefüllten Badewanne erwürgt oder erdrosselt wurde. Er habe bemerkt, wie ihn dies ungeheuer errege, habe sich sofort Geschlechtsverkehr gewünscht und auf der Straße die Prostituierte geholt. Schon beim Beginn der sexuellen Handlungen seien in ihm aggressive Vorstellungen, Bilder von Würgen, Blut und Niedermachen emporgekommen. Die Prostituierte habe ihn im Gegensatz zu ihrem sonstigen Verhalten lieblos, so richtig »geschäftig«, behandelt und zur Eile gedrängt. Als sie dann eine »blöde Bemerkung« gemacht habe, sei in ihm ein intensiver Wunsch entstanden, sie zu töten. Wörtlich führt er aus: »Da dachte ich an den Film, schlug ihr in die Fresse und begann sie zu würgen, bis sie sich nicht mehr rührte … Durch das Würgen wurde ich erst recht erregt, ließ von ihr ab, stellte mich neben sie hin, schaute sie an und habe onaniert. Es hat nur kurz gedauert, bis ich einen Orgasmus hatte, worüber ich mich selbst gewundert habe. Ich sah dann den Gürtel liegen und verspürte plötzlich Lust, diesen um ihren Hals zu legen und richtig zusammenzuziehen. Ich kann nicht erklären, warum ich dieses unbändige Verlangen hatte, es war einfach so. Natürlich dachte ich auch daran, dass sie mich, wenn sie noch lebte, verpfeifen könnte und ich wollte sichergehen, dass sie tot ist …«
In der psychiatrischen Untersuchung wurden bei Ernst K. eine breit gefächerte sexuelle Perversion, eine schwere Persönlichkeitsstörung mit hochgradiger Impulsivität und narzisstischen Spannungszuständen festgestellt. Seine sadistischen Fantasien zeigten zuletzt eindeutig Progredienz. In der FBI-Typologie der Sexualmörder wurde er dem desorganisierten Typus zugeordnet. Seine Sexualstörungen betrafen die sexuelle Orientierung und die Sexualpräferenz. Neben erheblichen Orgasmusverzögerungen und zunehmenden sadistischen und sadomasochistischen Tendenzen dominierte bei ihm ein fetischistischer Transvestitismus, welcher sich vom einfachen Fetischismus dadurch unterscheidet, dass Fetischgegenstände oder Kleidung nicht nur getragen werden, sondern den Anschein erwecken sollen, dass es sich um eine Person des anderen Geschlechts handelt. Typischerweise hat er über Jahre hinweg in seiner Freizeit, großteils unbemerkt, mehr als einen weiblichen Gegenstand getragen und sich mehr oder minder vollständig mit Kleidern, Perücke und Make-up ausgestattet. Wie es für fetischistischen Transvestitismus charakteristisch ist, waren sexuelle Erregung und Verlangen stark an das Tragen der Kleidung und an dieses Outfit gebunden. Diesbezüglich entwickelte er ein nahezu süchtiges Verhalten mit einem destruktiven Verlauf: Er war in seinem sexuellen Erleben zunehmend eingeengt und auf das Fetischistische und Sadistische festgelegt, wodurch die Hinwendung zur Anonymität mit Ausschluss echter Partnerschaften eingetreten ist. Es kam zu einer Progredienz der Perversion mit Steigerung der Frequenz der perversen Handlungen und dem Ausbleiben der Befriedigung ohne dieses Sexualverhalten. Die mangelnde Befriedigung führte zum Ausbau der Fantasie und Praxis, zur ständigen Steigerung, zur Unterdrückung der dranghaften inneren Unruhe und zu einem sucht- und rauschartigen Agieren, das hintergründig sicher Art und Heftigkeit der Tat des Ernst K. mit erklären kann.
Der bei Ernst K. ebenso vorhandene Sadomasochismus ist als Ausdruck einer auf den anderen gerichteten, sexualisierten Aggressivität, die sich triebhaft äußert und orgastisch entlädt, zu verstehen. Der Sadismus, welcher sich bei Ernst K. auch nach der Verurteilung zu 20 Jahren Haft weiter in furchtbaren Sexualfantasien zeigte, ist als lustvoller Zerstörungstrieb zu interpretieren. Daneben zielen sadistische Intentionen auf die Bemächtigung des Sexualpartners, auf eine totale Verfügungsbereitschaft und das völlige Aufgeben seiner Eigenständigkeit ab. Die Dominanz über die Prostituierte schlug in Hass um, als das Opfer seinen sich lange hinziehenden sadomasochistischen Praktiken verbalen Widerstand entgegensetzte. Ernst K. sah sich, so wie in der Kindheit, zurückgewiesen und enttäuscht. Wenn man einem Menschen jene Zuwendung vorenthält, die er als Kind so gerne gehabt hätte, reagiert er später mit bösem Hass und manchmal mit tödlicher Wut.
Neben den Sexualstörungen darf man im Fall des Ernst K. aber auch sein Sozialverhalten nicht unberücksichtigt lassen, da die zum Bösen führenden Emotionen oft aus Vereinsamung resultieren. Die Instabilität seiner sozialen Kontakte entspringt starken, aggressiv abgewehrten Bindungsängsten, welche mit der emotional gestörten Mutterbeziehung zu tun haben. Beziehungen konfrontieren ihn mit seinen Abhängigkeits- und Autonomieproblemen und haben deswegen eine aggressive Tönung, nahezu den Charakter einer »Kampfbeziehung« bekommen. Die Unreife seiner Sexualität äußert sich bei ihm in perversen sexuellen Verhaltensweisen, unter welchen der Fetischismus und der Transvestitismus sowie der Sadismus dominieren. Stabilere sexuelle Beziehungen sind ihm wegen des Einfließens hassvoll-aggressiver Impulse, die schwer kontrollierbar sind, nie gelungen. Die Tötungshandlung hat sich als abrupter Durchbruch der sexualisierten Aggressionsimpulse manifestiert, sie war nicht ritualisiert und wenig festgelegt. Da es sich beim Opfer um eine Prostituierte gehandelt hat, kann man von einem beliebigen und auswechselbaren Partner ausgehen. Ebenso war der Auslöser eher geringfügig, aber in Anbetracht der Kränkbarkeit des großen, enttäuschten Kindes, welches der Mörder teilweise noch war, nicht zufällig. Die Analyse der Mutterbeziehung des Ernst K. zeigte ganz klar, dass er das Bild von der Mutter in einen guten und einen bösen Teil gespalten hat. Seine früh auftretenden Ängste, Konflikte und Impulse führten zu permanenten narzisstischen Spannungen und zu einer durchgehenden Angst vor wirklichen emotionalen Kontakten.
Im Sexualmord vereinigen sich zwei Ausformungen des Bösen: die gewalttätige Sexualität und die Tötung eines Menschen. Er stellt eine Kombination von sexuellem Übergriff und Mord dar und beinhaltet eine sexuelle Komponente sowie eine Aggression, die schlussendlich zum Tod des Opfers führt. Neben dem Mord weist die Tat entweder auf einen offenkundigen sexuellen Angriff wie eine Vergewaltigung oder aber auf eine sexuelle Symbolhandlung hin. Diese kann sich beispielsweise in der Nacktheit des Opfers, einer sexualisierten Positionierung des Körpers, dem Nachweis von Samenflüssigkeit auf oder neben der Leiche sowie der Schändung der Genitalorgane äußern. Manchmal handelt es sich um sogenannte Deckungsmorde, durch welche die Opfer einer vorausgehenden Vergewaltigung zum endgültigen Schweigen gebracht werden sollen. Hier spielen sadistische Triebe und sexuelle Tötungslust keine Rolle.
In Deutschland ist wie im übrigen Europa dieses schwerste aller Sexualdelikte, das in seiner Art und Wirkung dem Bösen oft sehr nahe kommt, tendenziell rückläufig. Während in den frühen 1970er- und 1980er-Jahren weit über 60, meist auch über 80 Sexualmorde pro Jahr polizeilich registriert wurden, liegen die Zahlen trotz Einbeziehung der neuen Bundesländer in die Gesamtstatistik seit Anfang der 1990er-Jahre deutlich unter 40 Fällen pro Jahr. Auch in den USA zeigt sich ein ähnlicher Trend. Von den dort durch Jugendliche verübten Morden zwischen den Jahren 2000 und 2005 konnte nur ein Prozent auf sexuelle Motive zurückgeführt werden. In Österreich werden pro Jahr zwei bis acht Sexualmorde verübt, von denen sich drei Viertel aufklären lassen.
Der weltberühmte Profiler Robert Ressler teilt die von ihm untersuchten Sexualmörder in organisierte und desorganisierte Täter ein:
Täter vom organisierten Typus stammen oft aus guten familiären Verhältnissen, sind in Mittelschichtfamilien aufgewachsen, haben keine körperlichen und sexuellen Traumatisierungen erlebt und keine frühen Verhaltensauffälligkeiten gezeigt. Sie weisen meist eine gute Bildung auf, haben sich beruflich etabliert und leben in aufrechten Partnerbeziehungen. Hinter dieser unauffälligen, bürgerlichen Fassade verstecken sich allerdings grauenhafte sadistische Fantasien, denen die Betroffenen in suchtartiger Weise nachhängen. Dies führt zu erheblichen Spannungszuständen, welche sich nicht selten in psychosomatischen Störungen, etwa in Kopfschmerzen, äußern.
Der organisierte Sexualmörder plant seine Tat genau. Er kundet die für den Überfall in Frage kommenden Örtlichkeiten und den angestrebten Fluchtweg aus, spioniert nach geeigneten Opfern, bedenkt mit der ihm eigenen Vorsicht mögliche Zwischenfälle und entfaltet sein ganzes logistisches Talent. Die Opfer sind meist unbekannte Personen, die ihn durch irgendeinen Schlüsselreiz ansprechen. Der Überfall erfolgt lautlos und in einer Art, dass das Opfer keine Chance hat. Für den organisierten Täter ist die Kontrolle über die Situation fast so wichtig wie jene über das Opfer. Auch die Tat wird keinesfalls überhastet durchgeführt, sondern meist geradezu zelebriert.
Sexualmörder vom organisierten Typ, welche dem Bild des Serienkillers in Roman und Film entsprechen, hinterlassen kaum Spuren. Die Ergreifungschancen sind, wie man sich denken kann, gering. In vielen Fällen fallen sie aber ihrer eigenen Selbstüberschätzung und Abgehobenheit zum Opfer. Wenn sie sich allzu sicher und allzu mächtig fühlen, begehen sie den entscheidenden Fehler. Beunruhigend ist aber die Erkenntnis, dass weltweit mehr als hundert nicht ergriffene Serienmörder frei herumlaufen. Das Böse bewegt sich unter uns.
Hingegen ist der Sexualmörder vom desorganisierten Typ meist in einem gewalttätigen, instabilen Milieu groß geworden, ist oft Opfer physischer oder sexueller Gewalt geworden, hat frühe Verhaltensstörungen gezeigt und wurde schon in jungen Jahren erstmals delinquent. In vielen Fällen hat er die Schule abgebrochen und keine Berufsausbildung gemacht, sein Bindungsverhalten ist sehr instabil, meist lebt er allein. Seine Persönlichkeitsstruktur ist durch Gehemmtheit und hohe Empfindsamkeit geprägt, auf Zurückweisung und Kritik reagiert er mit Spannung und Aggressivität. Die Tat wird von ihm nie geplant. Die Opfer stammen meist aus dem Bekanntenkreis. Bei der tödlichen Episode handelt es sich um eine emotional aufgeheizte, spannungsreiche Situation unter Bekannten. Sehr oft fallen dabei kränkende Worte oder abwertende Gesten. Der Täter wird dann von seinen Aggressionen übermannt, die Tötungshandlung bricht in Art eines Dammbruches durch. Noch in hochgradig erregtem Zustand tätigt er sexuelle Übergriffe, in vielen Fällen am bereits toten Opfer. Seine plötzliche Macht genießt er bis zum Exzess. Sein Verhalten scheint ihm selbst als fremd und als etwas, das nichts mit seiner Person und seinen Wünschen zu tun hat. Naturgemäß sind die Entdeckungschancen in einem solchen Fall viel höher.
Bei allen Sexualdelikten, besonders auch bei den Sexualtötungen vom desorganisierten Typ, sind die Täter ähnlich wie bei den Körperverletzungen häufig berauscht. Der Einfluss von Alkohol steigert allgemein die sexuelle Aggression. Je nach Sexualdelikt werden in verschiedensten Studien unterschiedliche Zahlen genannt, wonach zwischen 38 und 63 Prozent der Täter zur Tatzeit unter Alkoholeinfluss standen. Dem Konsum von Alkohol kommt somit die Rolle eines wesentlichen Risikofaktors für sexuelle Straftaten zu. Neben Angstreduktion und sozialer Enthemmung schränkt Alkohol die kognitive Reizverarbeitung, das Beachten längerfristiger Konsequenzen und auch die Empathie für das Opfer stark ein.
Bei den klassischen sexuellen Serienmördern lässt sich, wie so oft in der Kriminalität, ein Wechselspiel von biologischen, soziologischen und entwicklungsgeschichtlichen Faktoren beobachten. Bei mehreren Untersuchungen wurden überdurchschnittlich hohe Raten an kindlichen Hirnschädigungen und Hirnanomalien, besonders im Bereich des rechten Temporallappens, gefunden. Die dadurch hervorgerufenen Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen betreffen die Sexualitätskontrolle, die Gemütsresonanz und das Sozialverhalten. Man kann aber nicht annehmen, dass solche unspezifische Faktoren auch das Auftreten sadistischer Fantasien begünstigen.
Fast immer kann man bei Serienmördern spezifische Schlüsselerlebnisse und Initialreize beobachten. Die Täter berichten von solch prägenden Erlebnissen, etwa, dass sie als Kinder bei einer Tierschlachtung zugeschaut haben oder Zeuge wurden, wie ihr Lieblingshaustier von einem Lkw überrollt worden ist. Auch Züchtigungen von Kindern, Gewalttätigkeit gegenüber der Mutter oder eigene Missbrauchserlebnisse können solche Ereignisse belegen. Stephan Harbort, welcher sich besonders mit der Psychologie von Serienmördern befasst hat, weist darauf hin, dass solche Tötungsakte wesentliche Elemente dieser Schlüsselreize widerspiegeln können, etwa, wenn jungen weiblichen Opfern das Messer wie beim Abstechen von Schweinen seitlich in den Hals gestoßen wird oder sie wie beim Schlachten von Tieren ausgeweidet werden.
Harbort hat bei Serienmördern, welche von sadistischen Gewaltfantasien getrieben werden, einen spezifischen Entwicklungs- und Handlungszyklus, der durch sieben Verlaufsphasen geprägt sei, beschrieben. Dieser gibt bemerkenswerte Einblicke in das innere Leben, in die Gedanken und Gefühlswelt der in so vielen Romanen und Filmen beschriebenen heutigen Personifikationen des Bösen, des Sexualmörders:
In der Prägungsphase werden Schlüsselreize erlebt, zunächst aber noch nicht als Bestandteil der eigenen Sexualität empfunden. Vielmehr wirken diese auf der Gefühlsebene auf diffuse Art, nämlich »irgendwie erregend«, merkwürdig angenehm oder im Sinne eines komischen Gefühls. Nach längerer Zeit setzt die Entwicklungsphase ein, in der die Prägungserlebnisse gedanklich nacherlebt und in der Fantasie ausgestaltet werden. In spielerischen Fantasien werden sie wiederholt, später durch instrumentelle Masturbation verfestigt und schließlich zu Gewaltfantasien ausgestaltet. In dieser Phase werden andere sexuelle Stimuli entweder bewusst ausgeblendet oder nicht mehr wahrgenommen.
In der Verselbstständigungsphase entwickelt sich eine eigene Erlebniswelt ritualisierten abnormen Sexualverhaltens, das sich in Form einer Paraphilie, einer krankhaften Abweichung der sexuellen Ausrichtung, äußert. Dies unterminiert auf der anderen Seite aber das Selbstwertgefühl, ruft Versagensgefühle wach und das Bedürfnis, die eigene Persönlichkeit in »normal« und »krank« oder in »gut« und »böse« aufzuspalten. Die Tierquälereien oder sodomitischen Akte werden vom Betroffenen als fremd, abstoßend, unheimlich, zwanghaft, aber auch als lustvoll erlebt. In übersteigerten Fantasien schießen die Triebe gleichsam über und umfassen dann erstmals die Tötung eines Menschen. Dabei geht es weniger um Sexualität, sondern um Macht und Kontrolle, um Lustgewinn aus der Hilflosigkeit und Ohnmacht des Opfers. Durch das dabei immer stärker werdende triumphale Allmachtsgefühl gegenüber dem völlig beherrschten Opfer wird die reale Welt durch Omnipotenz-Vorstellungen ersetzt, was aber auch dazu führt, dass sich die Täter absondern und in ihrer eigenen Welt leben. Nach außen hin gelten sie deshalb als Sonderlinge und Eigenbrötler.
Die Probierphase wird vom Verlangen, die Fantasien in die Tat umzusetzen, beherrscht. Andere sexuelle Handlungen verlieren im Laufe der Jahre an Reiz und haben immer weniger Bedeutung. Der Wunsch, die Fantasien in der Tat selbst zu erleben, wird dominanter. Es werden Probe- und Vorbereitungshandlungen getroffen, indem nach geeigneten Tatorten und potenziellen Opfern gesucht wird. Meist kommt es dann zu Probehandlungen durch erste Überfälle, aber noch nicht zur finalen Tötung. In nicht seltenen Fällen werden mehrere Anläufe absolviert, wovon die hohe Rate an versuchten Vergewaltigungen, sexuellen Nötigungen und Körperverletzungen bei später gefassten Sexualmördern zeugt.
In der Umsetzungsphase ist es schließlich so weit, es kommt zum ersten Tötungsakt. Dieser stellt nichts anderes dar als eine äußerste Steigerung des fantasierten Wunsches, das sexuelle Verlangen voll auszuleben und alles machen zu können.
In der anschließenden Vertiefungsphase zeigen sich die Täter einerseits erleichtert, andererseits schockiert und betroffen. Es herrscht in ihnen ein zwiespältiges Gefühl aus Schuldvorwürfen und erotisierenden Reflexionen vor. Dazu tritt die Angst vor baldiger Entdeckung. Dieser Neuorientierungsprozess bewirkt, dass die nächste Tat erst in längerem Abstand, durchschnittlich nach gut zwei Jahren, folgt.
Das Weiterwirken der Tötungsfantasien und deren Intensivierung stehen am Anfang der Wiederholungsphase. Das Nacherleben der Tat in der Vorstellungswelt genügt nun nicht mehr, es hat sich verbraucht, die Faszination stumpft ab, der Genuss muss in der Realität wiederholt werden. Während dieser Zeit mit ihren vielfältigen emotionalen Reflexionen führen Versagenserlebnisse wie berufliche Zurücksetzungen oder private Kränkungen zu einer Beschleunigung des Prozesses. Die Tötungshemmung wird durch die Wiederholung reduziert, der Täter gewöhnt sich schneller an die Tat, seine Fantasien befriedigen immer weniger. In dieser Spirale der Gewalt werden die Abstände zwischen den Taten kürzer. Sofern der Täter nicht entdeckt wird, übersteigert er sich in narzisstische Größenideen und träumt von seiner Unangreifbarkeit. Dies wird ihm dann meist zum Verhängnis, er wird unvorsichtiger, er macht den entscheidenden Fehler.
Während das Beispiel des Ernst K. eher dem unorganisierten Typus zuzuordnen ist, aber auch Züge des organisierten Täters zeigt, ist einer der berühmtesten Fälle der Kriminalgeschichte klarer zu qualifizieren:
Es sind dies die Taten des Edmund Emil Kemper, Jahrgang 1948, des sogenannten »Co-Ed-Killers«. Seine Mordserie, eine der spektakulärsten in der an großen Verbrechen nicht armen amerikanischen Kriminalgeschichte, ereignete sich in den Jahren 1972/73 in Kalifornien. Der ohne Vater zusammen mit seinen beiden Schwestern bei der Mutter aufwachsende Knabe fiel schon in der Kindheit durch Tierquälereien, welche bis zur Zerstückelung von Katzen reichten, und durch rituelle Todesspiele mit seiner älteren Schwester Susan auf. Somit zeigte der von düsteren Gedanken und sadistischen Fantasien geplagte Junge offensichtlich eine jener kindlichen Verhaltensweisen, die neben Brandlegungen und hartnäckigem Schulschwänzen als prognostisch ungünstiger Faktor für sich später einstellende Persönlichkeitsstörungen gilt. Der junge Ed wurde von seiner mit der Erziehung überforderten Mutter zu seinen auf einer entlegenen Farm lebenden Großeltern väterlicherseits gebracht. Als ihm seine Großmutter nicht gestattete, seinen Großvater aufs Feld hinaus zu begleiten, erschoss sie der damals 14-Jährige und stach anschließend mit einem Küchenmesser voll Hass auf die Tote ein. Beim Polizeiverhör sagte er dazu: »Ich wollte bloß wissen, was es für ein Gefühl ist, Grandma zu erschießen.« Den zurückkehrenden Großvater streckte er, um ihm – wie er sagte – den Anblick seiner toten Frau zu ersparen, ebenfalls nieder und ließ dessen Leiche auf dem Hof liegen.
Die den kindlichen Täter begutachtenden Psychologen stellten die nicht sonderlich dramatische und wenig aussagende Diagnose einer »gehemmt-aggressiven Persönlichkeitsstörung«, veranlassten aber immerhin die Unterbringung in einer geschlossenen Klinik für psychisch kranke Straftäter. Entgegen dem Rat der psychiatrischen Gutachter wurde er von dort sieben Jahre später, inzwischen 150 Kilogramm schwer und zwei Meter groß, als scheinbar geheilt entlassen. Unter der Obhut seiner Mutter lebte er in der Folge von Gelegenheitsjobs, ehe er eine Festanstellung beim Straßenbauamt in Santa Cruz bekam. Wie es bei vielen Serienmördern typisch ist, fuhr er oft stundenlang mit seinem Auto ziellos auf Straßen und Highways herum. Auf der Suche nach geeigneten Opfern nahm er immer wieder junge Anhalterinnen mit.
Es sollte sich als äußerst verhängnisvoll erweisen, dass die Gefährlichkeit des scheinbar nachgereiften, hochintelligenten, in der Anstalt sogar als Gehilfe des Psychologen tätigen Mannes unterschätzt worden war. Im Mai 1972 erstach er zwei 18-jährige Tramperinnen, schaffte ihre Leichen ins Haus seiner Mutter, schnitt ihnen die Organe heraus und hielt auf einer Polaroidkamera fest, wie er mit den Leichenteilen spielte. Die abgeschnittenen Köpfe warf er in eine Schlucht, die Leichenreste verscharrte er in den Bergen von Santa Cruz.
Vier Monate später erstickte Kemper eine 15-jährige Schülerin, verging sich am Leichnam des Mädchens und zerstückelte ihn zu Hause. Wie sehr der nach außen hin offensichtlich angepasste Mörder selbst professionelle Psychiater täuschen konnte und wie stark seine manipulative Kraft gewesen sein muss, zeigt sich in folgender Nebenepisode: Zu einem Zeitpunkt, als der Kopf der getöteten Aiko Koo noch im Kofferraum seines Pkw lag, wurde Kemper von einem Psychiater zu Hause zur Begutachtung aufgesucht. Dieser stellte nach einer Routineuntersuchung fest, dass von Kemper keinerlei Gefahr mehr ausgehe, und gab den Behörden die Empfehlung, auf weitere Betreuungs- und Kontrollmaßnahmen zu verzichten.
Die Serie böser Taten ging aber weiter: Im Januar 1973 zwang Kemper eine Studentin in den Kofferraum seines Wagens, erschoss sie, transportierte den Leichnam zum Haus seiner Mutter, wo er die Tote penetrierte und anschließend zerlegte.
Nachdem die jungen Frauen in Santa Cruz, wo Angst und Entsetzen herrschte, aufgefordert wurden, sich von niemandem außer von deklarierten Universitätsangehörigen mitnehmen zu lassen, beschaffte sich Kemper über seine Mutter einen Universitätsaufkleber. Mit dieser vertrauenerweckenden Autokennzeichnung gelang es ihm, zwei weitere Frauen in seine Gewalt zu bringen. Er tötete sie auf ähnlich sadistische Weise wie die früheren Opfer.
Als er abermals nicht gefasst worden war, brachen beim Killer alle Dämme und es trat das ein, was man als »narzisstischen Höhenrausch« bezeichnen kann. Er hielt sich nicht nur für den Herrn über Leben und Tod, sondern war unter dem Eindruck der erfolglosen Fahndung immer mehr überzeugt, unfassbar und unangreifbar zu sein. Er steigerte sich immer mehr in seine Größenfantasien und wurde von einer geradezu hemmungslosen Mordlust getrieben. So plante er, sämtliche Mieter seines Wohnblockes zu erschießen, schritt aber stattdessen zur zentralen, zur unfassbarsten Tat: Er erschlug mit einem Zimmermannshammer seine schlafende Mutter, enthauptete sie und vergewaltigte den kopflosen Leichnam. An diesem konnten die Gerichtsmediziner feststellen, dass vom Täter der Kehlkopf herausgeschnitten worden war. Kemper begründete dies damit, dass ihn die Mutter all die Jahre genervt und angeschrien habe und er das »Organ der bösen Worte« vernichten wollte. Nach der Tötung seiner Mutter lud er deren Freundin zu einem »Überraschungsmenü« in die Wohnung ein, schlug sie nieder, erwürgte sie und hackte ihr schließlich den Kopf ab. Er legte sich dann neben den Leichnam in das Bett seiner Mutter und schlief mehrere Stunden. Am darauffolgenden Tag, einem Ostersonntag, stieg er in der Früh in seinen Wagen, fuhr wiederum ziellos durch die Gegend, rief von einer Telefonzelle die Polizei an, gestand die Morde und wartete, bis er von einem Streifenwagen abgeholt wurde.
Kemper wurde wegen achtfachen Mordes zu lebenslänglicher Haftstrafe ohne Möglichkeit der vorzeitigen Entlassung verurteilt und verbüßt die Strafe in der California State Medical Facility.
Kemper, welcher bereits während der ersten Unterbringung sämtliche verfügbaren Tests samt richtigen Antworten auswendig gelernt hatte, präsentierte sich als Musterhäftling und wurde – ähnlich wie Jack Unterweger – mit zahlreichen Privilegien bedacht. Die Intelligenztestung bescheinigte ihm einen weit überdurchschnittlichen IQ von 145. Da er schonungslos und sehr offen unter der Verwendung zahlreicher psychiatrischer Fachausdrücke über sein Empfinden und seine Taten sprach, wurde der als kriminalpsychologischer »Experte« geltende Kemper zu einem beliebten »Forschungsobjekt«. Unter anderem wurde er von Robert Ressler und vom FBI-Agenten John Douglas stundenlang interviewt. Offensichtlich dienten seine Person und seine Taten auch als Vorbild für den Film »Das Schweigen der Lämmer« beziehungsweise dessen Hauptfigur Hannibal Lecter.
In den Taten des Ed Kemper verdichten sich verschiedenste Komponenten des Bösen, von Unreife bis zu orgastischer Gewalttätigkeit und von Entwürdigung der Opfer bis zur Nekrophilie, der perversen Liebe zu Toten, reichend. Kempers Persönlichkeit zeigt alle Züge eines schwer psychopathischen Charakters, einer unglaublich intensiven sadistischen Energie und einer breit gefächerten sexuellen Perversität. Seine Gefährlichkeit resultierte aus dem Fundus an kaum je gedachten pervers-sadistischen Vorstellungen, aus seiner Bereitschaft, diese umzusetzen, aus der gerade suchtartigen Charakter annehmenden Mordlust, aus der äußeren Anpassungsfähigkeit und der starken manipulativen Kraft seiner Persönlichkeit. Die absolute Gefühlskälte und das Unvermögen, sich auch nur im Geringsten in die Opfer hineinzufühlen, komplettieren die Kombination des Bösen. Dabei litt Kemper aber an keiner psychischen Erkrankung im Sinne einer schizophrenen oder manisch-depressiven Störung. In diesem Fall wäre er wohl gar nicht zu solchen Taten fähig gewesen.
Als Kemper beim Verfahren gefragt wurde, welche Strafe er für seine Taten für angemessen hielt, antwortete er doppelsinnig: Einerseits bekennt er, dass er sich seines verbrecherischen Handelns bewusst ist und eine den Qualen seiner Opfer vergleichbare Strafe wünscht. Andererseits verbirgt sich hinter seinen Worten ein weiterer abnormer Wunsch, eine egozentrische Perversion, jene des Masochismus. Kempers Antwort lautete: »Tod durch Folter.«