Der böse Ruhm: School Shootings und Co.

»Der Mensch, der nicht geachtet ist, bringt um.«

Antoine de Saint-Exupéry

Mittwoch, 11. März 2009, Winnenden bei Stuttgart. In der beschaulichen schwäbischen Kleinstadt, deren bislang wenig bekannter Name an diesem Tag um die Welt gehen sollte, bekleidet sich der 17-jährige Schüler Tim K. mit einem Bundeswehr-Tarnanzug, entnimmt der Waffensammlung seines Vaters eine Pistole der Marke Beretta, begibt sich in die Albertville-Realschule, die er 2007 abgeschlossen hatte, geht mit entsicherter Waffe durch die Gänge, dringt in die Klassenzimmer ein und beginnt zu feuern. Er tötet acht Schülerinnen, einen Schüler und drei Lehrerinnen. Nach dem ersten Teil der Bluttat zieht sich der Täter über das nahe gelegene Krankenhaus zurück, wo er eine unbeteiligte Person erschießt. Mit Tim K.s Flucht über die psychiatrische Klinik Winnenden berühren sich gleichsam, welcher Zufall, zwei der bedeutsamsten deutschen Mord-Dramen: Hier war der Massenmörder Ernst Wagner, der im Jahr 1913 bei einem Amoklauf 14 Personen getötet hatte, 25 Jahre lang bis zu seinem Tod untergebracht gewesen.

Tim K. bringt einen Autofahrer mit dessen Pkw in seine Gewalt, lässt den Lenker aber laufen und fährt in das 40 Kilometer entfernte Wendlingen, wo er in einem Autohaus zwei Passanten tötet und zwei Polizisten verletzt. Nachdem er selbst von einem Projektil in die Beine getroffen wird, richtet er die Waffe gegen sich selbst und erschießt sich.

Angehörige, Freunde und Bekannte bezeichneten Tim K. als einen nie sonderlich auffällig gewordenen Schüler. Er galt als »netter und guter Junge«, der aus einem wohlhabenden Elternhaus stammte und unter behüteten Verhältnissen aufwuchs. Früher war er beim Musikverein gewesen und hatte als Tischtennisspieler ein hohes Niveau erreicht. Der Vater, Mitglied im örtlichen Schützenverein, nahm ihn mit auf den Schießplatz und machte ihn mit Waffen vertraut. Manche Mitschüler beschrieben ihn teilweise als frustriert und zurückhaltend, andere erlebten ihn als unnahbar und etwas arrogant. Er habe wenige Freunde gehabt, sei kaum auf Partys gegangen und habe sich in letzter Zeit mehr und mehr zurückgezogen. Er sei stundenlang vor seinem Computer gesessen und habe gespielt, meist Ego-Shooter-Spiele, oder er habe mit einem Softgewehr im Keller herumgeballert. Zuletzt seien selbst Eltern und Schwester kaum mehr an den abgekapselten, enttäuscht wirkenden Jugendlichen herangekommen. Im Jahr 2008 stand er wegen Depressionen in ambulanter psychologischer Betreuung. Trotz dieser Auffälligkeiten fand aber niemand für die monströse Tat eine auch nur annähernd nachvollziehbare Erklärung.

Die Tat des Tim K. ist kein Einzelfall, sondern reiht sich nach ihrem Ablauf und dem Bild des Täters geradezu nahtlos in eine Reihe ähnlicher Dramen, mit denen sich die Gesellschaft seit gut 20 Jahren ohnmächtig konfrontiert sieht, ein:

Am 24. März 1998 lösen in einer Schule in Jonesboro, Arkansas, ein 11- und ein 13-jähriger Schüler falschen Feueralarm aus und richten mit Jagdgewehren unter den Flüchtenden ein Blutbad an. Sie erschießen aus dem Hinterhalt vier Mädchen und eine Lehrerin.

Am 20. April 1999 stürmen zwei Schüler, der 18-jährige Eric Harris und der 17-jährige Dylan Klebold, die Columbine Highschool in Littleton, Colorado, erschießen zwölf Schüler im Alter von 14 bis 18 Jahren und einen Lehrer, verletzen 24 weitere Personen und nehmen sich dann selbst das Leben.

Am 26. April 2002 tötet der 19-jährige, ein Jahr zuvor von der Schule verwiesene Robert Steinhäuser am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt zwölf Lehrer, die Schulsekretärin, zwei Schüler und einen Polizisten, ehe er sich selbst erschießt.

Am 21. März 2005 tötet der 16-jährige indianerstämmige Schüler Jeff Weise in Red Lake, Minnesota, seinen Großvater und dessen Lebensgefährtin, den Schulwärter, die Lehrerin und fünf Mitschüler, die meisten durch Kopfschuss aus nächster Nähe. Als Weise während des Amoklaufs von einem Mädchen nach dem Motiv gefragt wurde, antwortete er: »Bum, bum, bum, und dann kein Geschrei mehr«. Im Internet hatte er sich unter dem Pseudonym »Todesengel« als Anhänger der nationalsozialistischen Rassenlehre und Bewunderer Adolf Hitlers geoutet.

Am 20. November 2006 schoss der mit vier Gewehren, einer Pistole und mehreren Rauchbomben bewaffnete 18-jährige Sebastian B. in der Geschwister-Scholl-Realschule in Emsdetten um sich, verletzte 27 Menschen und richtete sich dann selbst. Der ehemalige Schüler hatte schulische Probleme und sich im Internet beklagt, dass er über Jahre hinweg von Mitschülern gemobbt worden sei. Seine Tat hatte er im Netz angekündigt: »Bevor ich gehe, werde ich euch einen Denkzettel verpassen, damit mich nie wieder ein Mensch vergisst!«

Am 16. April 2007 erschoss der aus Südkorea stammende 23-jährige Anglistik-Student Cho Seung-Hui, der sich zuvor wegen selektiven Mutismus’ in psychiatrischer Behandlung befunden hatte und jahrelang gemobbt worden war, an der Technischen Universität von Virginia 32 Menschen und verletzte mindestens 26 weitere. Anschließend tötete er sich selbst. In einem an NBC geschickten Manifest begründete er seine Tat mit seinem Hass gegen Reiche.

Am 7. November 2007 erschießt der 18 Jahre alte Schüler Pekka-Eric Auvinen, der die Tat zuvor in einem Video im Internet angekündigt hatte, im finnischen Schulzentrum in Jokela acht Personen, darunter die Schuldirektorin, ehe er sich suizidierte.

Am 23. September 2008 tötete der 22-jährige Berufsschüler Matti Juhani Saari in der westfinnischen Kleinstadt Kauhajoki neun Schüler, einen Lehrer und sich selbst. Noch am Vortag war er von der Polizei wegen Besitzes von Gewaltvideos befragt worden. Zwei Stunden vor der Tat präsentierte er sich mit Waffen auf YouTube und nannte als Hobbys Computer, Waffen, Sex und Bier.

Am 5. November 2009 schoss der Major und Militärpsychiater Nidal Malik Hasan in Fort Hood/Texas auf Truppenangehörige der US-Army, welche sich gerade auf einen Einsatz in Afghanistan vorbereiteten. Er tötete 13 Soldaten und verwundete 32 weitere zum Teil sehr schwer. Der Täter überlebte den Anschlag, zog sich aber beim Schusswechsel eine Querschnittslähmung zu.

Am 20. Juli 2012 verübte der 24-jährige Student James Holmes ein Attentat auf ein Kino in Colorado, in welchem die mitternächtliche Vorprämiere eines Batman-Films stattfand. 12 Kinobesucher wurden getötet, 70 weitere verletzt. Holmes, welcher unmittelbar nach der Tat festgenommen werden konnte, entging der Todesstrafe, weil er sich zuvor wegen Schizophrenie in psychiatrischer Behandlung befunden hatte, wird aber lebenslang verwahrt.

Am 14. Dezember 2012 tötete der 20-jährige Adam Lanza in der Kleinstadt Newtown, Connecticut zuerst daheim seine Mutter, fuhr hierauf an deren Arbeitsplatz, die Sandy-Hook-Primarschule. Dort erschoß er 20 Erstklässler und 6 Angestellte, ehe er sich suizidierte. Ein Motiv für die Wahnsinnstat konnte nie gefunden werden.

Am 2. Dezember 2015 ermordete das Ehepaar Tashfeen Malik und Syed Rizwan Farook bei einer Jahresabschlussfeier in San Bernardino 14 Beamte in jener Behörde in der Farook arbeitete.

Am 12. Juni 2016 eröffnete der 29-jährige Omar Mateen, ein US-Bürger afghanischer Abstammung in einem überwiegend von LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender) aufgesuchten Nachtclub das Feuer. Er tötete 49 Besucher und verletzte 53 teilweise schwer. Der Attentäter, welcher nach eigenen Angaben mit der Terrororganisation IS sympathisierte, kam beim Polizeieinsatz ums Leben.

Am 5. November 2017 erschoss der schwarz gekleidete, 26-jährige Devin Patrick Kelley, ein ehemaliger Angehöriger der Air Force, bei einem Gottesdienst in Sutherland Springs, Texas 26 Personen und verletzte 24 weitere. Auf der Verfolgungsjagd verunglückte der Täter, er wurde laut Polizei mit zwei Kopfschüssen aufgefunden. Es konnte nie geklärt werden, ob er sich diese selbst zugefügt hatte.

Wo liegen die Wurzeln dieser neuzeitlichen Geißel der gutbürgerlichen Gesellschaft? Welche Umstände treiben einen meist in wohlhabenden familiären Verhältnissen lebenden Jugendlichen an, wenn er sich zum Herrn über Leben und Tod aufschwingt, mit unglaublicher Kälte junge Menschen erschießt, ehe er sich selbst zur Strecke bringt?

Die äußeren Fakten sind rasch aufgezählt: Lebensgeschichte, Beziehungsmuster, soziale Umstände und Verhalten der jungen Amokläufer und Massakristen weisen große Ähnlichkeiten auf. Meist handelt es sich um unauffällig lebende, als zurückhaltend und einzelgängerisch geltende Individuen, in deren Familien keineswegs die sonst angeschuldigten dissozialen Strukturen und Verwahrlosungstendenzen anzutreffen sind. »Das wirklich Abnormale an diesen Tätern und ihrem Milieu ist das Normale«, schreiben die Profiler. Sie sind häufig von guter Intelligenz, haben jedoch im täglichen Leben irgendwo versagt, gelten aber bei näherer Betrachtung als emotional isoliert und kontaktarm.

Die Täter orientieren sich bei Kleidung und Vorgehensweise an ihren Vorgängern, posieren mit den Waffen im Internet und wählen nicht selten Jahrestage vorangegangener Taten aus. Sie verwenden immer Schusswaffen, zu denen sie meist leichten Zugang haben. Schul-Amokläufer handeln fast immer allein und geben in ihren oft über das Internet veröffentlichten Botschaften einer oder mehreren Personen Schuld an ihrem Versagen. Zuerst töten sie Menschen, die sie kennen, also die »Schuldigen«, in weiterer Folge aber auch Unbekannte. Bei den Opfern handelt es sich zu je einem Drittel um Schüler, Schulpersonal und unbeteiligte Personen. In den letzten Jahren enden die Amokläufe meist mit dem Suizid des Täters.

Der Tatort Schule wird deswegen gewählt, weil er in dieser Lebensphase nahezu zwangsläufig der »Ort der größten Kränkung« ist. In der Schule hat der Täter reale oder fantasierte Benachteiligungen besonders gespürt, in der Schule war er möglicherweise Hänseleien und Mobbing ausgesetzt, in der Schule hat er Gleichaltrige als zurückweisend und überlegen erlebt. Die Schule ist aber auch jener Ort, an welchem sich die heile Welt besonders repräsentiert und an welchem man die tiefsten Wunden anrichten kann: am hoffnungsvollen Nachwuchs, am Stolz der Familien, an der Zukunft unserer Gesellschaft. Kein Ort ist symbolträchtiger für die vom Täter so sehr gehasste und vielleicht auch gefürchtete heile Welt.

Solche Überlegungen und Motive findet man aber nicht nur beim School Shooter modernen Zuschnitts, sondern auch bei »normalen« Amokläufern. Die Psyche der Attentäter scheint instinktiv zu erfassen, wo sie die Menschen am meisten trifft. So ereignete sich auch einer der größten zivilen Massenmorde überhaupt an einer Schule, und zwar am 18. Mai 1927 in Bath, Michigan. Der Täter Andrew Kehoe, Mitglied des Schulkomitees, war über die zum Neubau des Schulgebäudes erhobene Grundsteuer, welche zu einem gerichtlichen Vollstreckungsbescheid gegen seine Farm führte, derart aufgebracht, dass er zunächst seine Frau tötete, daraufhin seine Farm in Brand steckte und mittels Zeitzünder beziehungsweise Dynamit das Schulgebäude in die Luft sprengte. Dabei verloren 37 Schüler der ersten bis sechsten Klasse ihr Leben. Während der einsetzenden Rettungsarbeiten fuhr er mit seinem Wagen, den er mit Metallteilen gefüllt hatte, vor, sprengte diesen in die Luft, wodurch vier weitere Personen und er selbst getötet wurden. Im unzerstörten Südteil der Schule wurden 230 Kilogramm nicht explodierten Dynamits gefunden.

Was aber geht in den jungen Amokläufern innerlich vor? Das wesentlichste Element in der Entwicklung zum modernen Amokschützen besteht in Resignation und verbittertem Rückzug. Amokläufer haben in ihrem jungen Leben viele Kränkungen mitgemacht. Sie sind viel empfindsamer und dünnhäutiger, als man dies hinter ihrer kontrollierten, ruhigen Fassade, ihrem »coolen« Auftreten vermuten würde. Sie haben das Gefühl, nicht ernst genommen und wenig geschätzt zu werden, sehen sich gegenüber Alterskollegen in einer unterlegenen Position, haben meist Kontaktprobleme und Ängste vor Beziehungen zu Mädchen. Sie können nicht gut über ihre Probleme sprechen und trauen sich nicht, jemandem von ihren Frustrationen Mitteilung zu machen. Wenn sie sich dann zurückziehen, haben sie erst recht keine Ansprache mehr, fühlen sich von ihren Mitmenschen im Stich gelassen und entwickeln einen Hass auf die scheinbar heile Welt. »Ihr habt diese Schlacht begonnen, nicht ich. Meine Handlungen sind ein Resultat eurer Welt, einer Welt, die mich nicht sein lassen will, wie ich bin«, hat der Attentäter von Emsdetten auf seiner Internetseite geschrieben.

In dieser Situation, die häufig von Depressionen begleitet ist, geschieht ein entscheidender Schritt: der Umstieg in die Welt der eigenen Fantasie. Dort werden die Demütigungen ausgestaltet, die Niederlagen erscheinen als noch schwerer, die Mitmenschen als rücksichtslos und egozentrisch, aus Selbstwertzweifeln wuchern Minderwertigkeitsgefühle, Versagensängste wandeln sich zum Gefühl des Scheiterns.

Im Zustand der Erniedrigung, der Demütigung, der fehlenden Zuwendung und der schmerzhaft vermissten Anerkennung entsteht der Gedanke, sich das alles nicht mehr gefallen zu lassen, sich zu wehren, ja sich zu rächen. Der Jugendliche will all jenen, die ihn gekränkt haben, das Unrecht ins Gesicht schreien, er will die Gesellschaft zwingen, auf ihn zu hören und ihn ernst zu nehmen, er will der Welt seinen Hass mitteilen, er will nicht mehr nichts sein. Die Fantasie steigert das Verlangen nach Rechtfertigung über das Gefühl der Überlegenheit bis hin zu jenem des machtvollen Herrschens. Einmal heraustreten aus dem Alltäglichen, einmal die lähmende Langeweile durchbrechen, einmal im Mittelpunkt stehen.

Ein maßgebender Faktor in dieser verhängnisvollen Entwicklung ist die Beheimatung des potenziellen Rächers in der virtuellen Welt. Dort findet er Vorbilder, dort hört er von Gleichaltrigen, die ein ähnliches Gefühlsdilemma aufweisen, dort findet er Interesse für seine Botschaft. Im großen Netz verlangt aber niemand von ihm, das zu tun, was er nicht kann: Gefühle zu zeigen und Emotionen zuzulassen.

In der virtuellen Welt hat er aber auch gelernt, dass es auf rasche und im wahrsten Sinne des Wortes todsichere Lösungen ankommt, dass durch »Klick« jegliche Situation bereinigt wird und dass man ohne Gefühlsbeteiligung zerstören, erschießen und abknallen kann. Der Streit, ob Computerspiele eher den Aggressionsabbau fördern oder zur Nachahmung aggressiven Verhaltens anregen, ist nicht entschieden. Beide Theorien können überzeugende Argumente für sich verbuchen. Das Verhängnisvolle des virtuellen Spiels ist die Entpersönlichung des anderen, des Mitspielers, des Konkurrenten, des Gegners, des Opfers. Der zu vernichtende Gegner auf dem Bildschirm ist kein Mensch aus Fleisch und Blut, kein geliebtes Kind oder behütender Vater, kein Wesen mit Schicksal, keine Person. Die Vernichtung durch den Computer-Klick löst bei niemandem Tränen und Trauer aus, man braucht weder Empathie noch Mitleid. Und das ist das Verhängnisvolle: die spielerisch erlernte Entpersonifizierung des Nächsten, die durch den am Bildschirm tausendfach eingedrillten Reflex in Herz und Hirn übergeht.

School Shooter sind oft depressiv. Sie erleben ihre Situation als aussichtslos, kämpfen mit Motivationsproblemen, haben an nichts mehr Freude und sehen in ihrem Leben immer weniger Sinn. Männliche und weibliche Individuen reagieren unterschiedlich auf den Schleier der Depressivität, der ihr Leben überdeckt. Sie versuchen auf verschiedene Weise, sich aus der Umklammerung der melancholischen Gefühle zu befreien. Während das weibliche Geschlecht eher dazu neigt, frustrierende Erlebnisse gleichsam in sich hineinzufressen und mit der schlechten Stimmung selbst fertig zu werden, haben Männer das Bedürfnis, sich mit einem Schlag aus der bleiernen Umklammerung zu befreien und durch einen aggressiven Akt die Fesseln der Depression zu lösen. Depressionen haben deshalb beim potenziellen Amokläufer einen tatbegünstigenden Effekt.

Regelhaft bringt ein finaler Auslöser das mit Kränkungserlebnissen angefüllte Fass zum Überlaufen. Meist handelt es sich um schlechte Noten oder einen Schulverweis. Eine weitere Demütigung wird nicht mehr ertragen, das völlig unterminierte Selbstbewusstsein ist nicht bereit, auch noch diesen Tiefschlag einzustecken. Der Wunsch nach Genugtuung, nach Rache potenziert die eiskalte Wut gegen die scheinbar schuldige Welt. Das durch die Depressionen zermürbte Ich kann den verheerenden destruktiven Kräften keinen Widerstand mehr entgegensetzen, die Fantasien von Respekt, Rache und Ruhm obsiegen.

Wenn sich der Attentäter zur Tat entschlossen hat, kehrt bei ihm ähnlich wie beim Selbstmörder eine »Ruhe vor dem Sturm« ein. Diese wirkt auf die Umgebung trügerisch und wird als Ende der Krise und endlich erreichte Stabilisierung missdeutet. Im Kopf des zur Tat entschlossenen Amokläufers hat aber eine unheilvolle Klarheit Einzug gehalten. Die abgespaltenen Gefühle ermöglichen ihm kaltblütiges Denken und Planen. Amok und Massaker sind deswegen so verhängnisvoll, weil sie im Gegensatz zur Affekttat nicht einer momentanen Aufschaukelung der Gefühle, nicht der Hitze eines Streites und nicht einer überkochenden Eifersuchtsreaktion, sondern einem genauen Plan entspringen. Die Täter agieren nicht »blind vor Wut«, sondern gehen mit detaillierter Überlegung und im wahrsten Sinn des Wortes mit »todsicherer« Berechnung vor.

Mit dem ersten Schuss ist die entscheidende Grenze übersprungen. Der Täter kann dann gar nicht mehr zurück, es tritt für ihn auch gefühlsmäßig ein neuer, nie gekannter Zustand ein. Er erfährt das Gefühl der Wichtigkeit und kostet zum ersten Mal jenes der Mächtigkeit, der grandiosen Überlegenheit, der Einzigartigkeit. In einer Mischung aus narzisstischem Höhenrausch und Untergang erlebt er sich als gnadenloser Rächer, als unbesiegbare Kampfmaschine, als Herr über Leben und Tod. Diesen Zustand kann man mit nichts vergleichen, er ist nicht antizipierbar und deswegen auch nicht kalkulierbar. Während in der ersten Phase die Opfer, etwa ihm unsympathische Mitschüler oder herzlos scheinende Lehrer, gezielt ausgewählt werden, hat der weitere Verlauf den Charakter eines Anfalls. Der Amokläufer hat sämtliche kontrollierende Instanzen seines Ichs ausgeschaltet, er folgt einem aus dem destruktiven Potenzial zahlreicher Kränkungen resultierenden, auf dem Boden von Demütigungen gewachsenen, aus dem Bedürfnis nach Rache heraus geschriebenen Plan. Er befindet sich in einer unvergleichlichen Endzeitstimmung, in einem nicht gekannten Vernichtungsrausch – das Böse nimmt seinen Lauf.

Die modernen Amokläufe zeigen eine enge Verflechtung mit den Präsentationschancen über das Internet, das dem Täter die Möglichkeit eröffnet, seine so belastende Botschaft der Welt mitzuteilen und einmal für einige Stunden wichtig zu sein. Jugendliche Amokläufer bezeichnet man deswegen auch als Herostraten, als Verbrecher aus Ruhm- und Geltungssucht. Diese werden benannt nach Herostratos, welcher im Jahr 356 v. Chr. eines der sieben Weltwunder der Antike, den Artemis-Tempel in Ephesos, in Brand steckte. Sein Name sollte dadurch, so gestand er unter Folter, für alle Zeiten bekannt bleiben. Schon damals wurde offensichtlich der Nachahmungseffekt solcher Taten befürchtet, weshalb die Regierenden in Ephesos jedermann verboten haben, den Namen des Brandstifters noch einmal in den Mund zu nehmen. Diese altertümlichen Maßnahmen könnten vielleicht eine ungeahnte präventive Möglichkeit gegenüber den modernen Amokläufen darstellen. Würde, was im Medienzeitalter nicht einfach ist, nach jedem Amoklauf unmittelbar eine Informationssperre verhängt, entzöge man einem zentralen Motiv der Täter, nämlich der öffentlichen Darstellung, eine ganz entscheidende Wurzel.

Zahlreiche Terroristen und Selbstmordattentäter der heutigen Zeit, auch Schul-Amokläufer, weisen die Merkmale von Herostraten auf. John Hinckley, welcher die Schauspielerin Jodie Foster umschwärmte und vergeblich umwarb, wollte durch sein Attentat auf US-Präsident Ronald Reagan weltbekannt werden. Auch David Chapman, der den von ihm zutiefst verehrten John Lennon 1980 ermordet hatte, gab vor Gericht an, dass er einmal genauso berühmt sein wolle wie sein Vorbild. Ein 19-jähriger Australier, der 1980 einen prominenten Politiker töten wollte, begründete seinen Plan mit den Worten: »Mir ist klar geworden, dass ich mein ganzes Leben ein Niemand bleiben würde, wenn ich nicht etwas Außergewöhnliches tue«.

Diese böse Form des Heldentums schließt aber die Selbstvernichtung mit ein, da es für derart veranlagte Täter unmöglich wäre, auch die Demütigung und Schmach einer Verurteilung und Strafe zu ertragen. Die narzisstische Kränkung ist so tief, dass zu ihrer Wiedergutmachung selbst das Leben hergegeben wird. Durch den demonstrativen Suizid versucht der Amokläufer, der Gesellschaft, die ihn nicht verstanden hat, einen Spiegel vorzuhalten und sich an ihr zu rächen: »Seht her, durch eure Lieblosigkeit habt ihr mich in den Tod getrieben!« Psychoanalytisch betrachtet, zahlt der Herostrat durch die Selbsttötung den Preis für den bösen Ruhm und die Selbsterhöhung auf Kosten anderer. Gleichzeitig befriedigt er die (unbewussten) Selbstbestrafungsbedürfnisse, welche vielen bösen Taten zugrunde liegen.