Wie Sie sich erinnern, haben Sie in Teil I erfahren, dass das Wort Technik vom griechischen Wort „techne“ kommt, was Kunst bedeutet. Wir brauchen definitiv viele Techniken und wir müssen ihre Anwendung beherrschen. Aber obwohl Übung bekanntlich den Meister macht, müssen wir auch wissen, dass das Üben selbst eine Kunst ist. Wir benutzen Techniken nicht nur, um etwas anderes herzustellen, sondern auch die Art und Weise, in der wir eine Technik anwenden, ist eine Kunst. Es ist diese künstlerische Anwendung von Techniken, die zur Harmonie führen wird, ganz gleich, in welchem Stadium man sich befindet, und die Reise zum Vergnügen werden lässt. Es gehört viel Übung dazu, eine gute Technik zu entwickeln, und man braucht Technik, um gut zu üben.

 

 

 

Jedes Problem, egal, ob es beim Pferd oder beim Menschen liegt, wird sich in den Zügeln äußern, wenn mit Zügeln geritten wird.

 

 

Vorbedingungen

Voraussetzungen für die Übungen:

 

·Sie verstehen das Beutetier-/Raubtierdilemma und haben viele Strategien, um es zu überwinden.

·Sie kennen den Unterschied zwischen einem Pferd, das emotional reagiert, und einem Pferd, das denkt, und Sie haben viele Strategien, um ein Pferd von einer negativen emotionalen Reaktion zum Denken zu bringen und in einen positiven Gemütszustand zu versetzen.

·Sie können ohne Zaum Schritt, Trab und Galopp reiten und fühlen sich dabei wohl.

·Sie können mit Ihrem Pferd alle grundlegenden Übungen zum Weichen ohne Gebrauch der Zügel ausführen (vorwärts, rückwärts, Hinterhand/Vorhand und seitwärts).

·Sie können Ihr Pferd dieselben Übungen frei in einem 25-Meter-Roundpen ausführen lassen und haben erreicht, dass Ihr Pferd sich zu Ihnen hingezogen fühlt.

·Sie wissen, wie Sie Ihre Hilfen in Phasen aufteilen. Am Anfang steht ein Gedanke und am Ende ein klarer Abschluss.

·Sie kennen den Unterschied im Timing Ihrer Hilfen, je nachdem, ob Sie etwas lehren, etwas festigen (sensibilisieren), um es zu verfeinern, oder etwas durchsetzen („ein Machtwort sprechen“).

 

Herzlichen Glückwunsch! Lassen Sie uns jetzt anfangen! Lassen Sie uns zuerst unser Spielfeld anschauen – unsere weiße Leinwand der Möglichkeiten.

 

Partnerschaft: „Es kümmert die Pferde nicht, wie viel Sie wissen, bis sie wissen, wie sehr Sie sich kümmern.“ Wir beweisen, dass wir uns kümmern, indem wir:

·im Auge behalten, was Pferden wichtig ist: Sicherheit, Wohlbefinden, Spiel und Nahrung – in dieser Reihenfolge.

·mindestens so viel Zeit ohne Anforderungen mit dem Pferd verbringen wie mit Anforderungen.

·regelmäßig alle Ausrüstungsgegenstände des Pferdes hinsichtlich ihrer Passform überprüfen.

·nicht vergessen, dass wir es sind, die seine Welt betreten, um es ungefährdet in die unsere zu bringen.

·nicht vergessen, dass Pferde Tiere sind, die gern frei und in Gesellschaft anderer Pferde sind.

·nicht vergessen, dass Pferde einen ganz anderen Zeitsinn haben als wir. Ihnen ist das Konzept von festen Terminen fremd.

 

 

Abbildung 6:

Das „Spielfeld“, das Ihre Grundlage bildet, wird ständig größer und steht für die Harmonie innerhalb der Partnerschaft.

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Kommunikation: Wir lernen ihre Sprache und treten mit ihnen in den Dialog. Wir hören ihnen genauso zu, wie sie uns zuhören sollen. Es geht nicht darum, dass ein Individuum einem anderen sagt, was es tun soll. Das wäre Diktat. Wir erweitern unsere kommunikativen Fähigkeiten unserem Pferd gegenüber, indem wir sicherstellen, dass:

·es keine Angst hat vor einer Haltung oder einem Werkzeug, das wir zur Verständigung benutzen.

·unsere Absicht und unsere Konzentration unserer Körpersprache vorausgeht.

·unsere Körpersprache unsere Absicht widerspiegelt.

·wir unsere Hilfen konsequent in berechenbare Phasen unterteilen.

·wir so leise wie möglich und so klar wie nötig sprechen.

·wir immer alles konsequent zu Ende führen und nie ein Pferd mit dem Gedanken verlassen:
„Was sollte das denn heißen?“

·wir Konsequenz und Kreativität benutzen, um dem Pferd zu helfen, uns zu verstehen.

·wir mit Leichtigkeit aufhören – und nicht eine starke Hilfe im Raum stehen lassen. Falls wir eine starke Hilfe benötigen, wiederholen wir die gleiche Aufgabe, um dem Pferd die Gelegenheit zu geben, dasselbe mit leichten Hilfen zu tun.

 

Führung: Führung basiert auf gegenseitigem Respekt und gegenseitigem Vertrauen. Ein wahrer Führer ist klar und leidenschaftlich, dabei unemotional und vertrauenswürdig. Wir zeigen unserem Pferd, dass wir gute Führer sind, indem wir:

·alles aus Sicht des Pferdes betrachten.

·alles mit dem Pferd tun, anstatt es ihm anzutun.

·ihm zeigen, was es tun kann, anstatt, was es nicht kann.

·ihm folgen können.

·kein Versprechen unserem Pferd gegenüber brechen.

·es dazu bringen, Dinge zu tun, die es selbst nicht für möglich gehalten hätte, und dabei seinen Stolz und sein Gefühl der Geborgenheit bewahren.

·es würdevoll behandeln.

 

 

 

„Spiel ist der freie Entdeckergeist, das Tun und Sein aus reiner Freude. (Es) bedeutet, uns selbst von willkürlichen Beschränkungen zu befreien und unser Aktionsfeld zu vergrößern. Unser Spiel nährt den Reichtum der Antworten und verbessert die Anpassungsfähigkeit. Spiel macht es möglich, dass wir unsere Kapazitäten und sogar unsere Identität neu gestalten, sodass sie auf unvorhersehbare Weise angewendet werden können.“

Stephen Nachmanovitch

 

 

 

Leichtigkeit: Leichtigkeit bedeutet nicht nur körperliche Leichtigkeit, sondern auch Leichtherzigkeit. Unsere Beziehung gründet sich auf Spiel und Neugier. Wir zeigen unserem Pferd, dass wir uns der Leichtigkeit verpflichtet fühlen, indem wir nicht vergessen, dass:

 

·wir nicht üben, um zur Kunst zu gelangen. Üben IST eine Kunst.

·wir nichts persönlich nehmen. Unser Pferd tut uns nichts an.
Es ist in unserer Gegenwart einfach nur ein perfektes Pferd.

·wir dies tun, weil wir Pferde lieben.

·Frustrationen einfach nur Probleme sind, die wir noch nicht gelöst haben.

·wir unserem Pferd einen Grund geben müssen, warum es mit uns zusammen sein möchte.

·wir der Hauptgrund sind, warum unser Pferd unter Umständen sein Leben nicht genießt, außer wenn wir uns sehr anstrengen, nicht dieser Grund zu sein.

·wir keinen wertvollen Augenblick mit einem Pferd damit verschwenden sollten, enttäuscht zu sein – und stattdessen neugierig werden.

·wir uns um unser eigenes physisches und emotionales Gleichgewicht kümmern.

·wir uns fragen sollten, warum wir tun, was wir tun, wenn es uns keinen Spaß macht.

 

Es ist Ihre Aufgabe, Ihre Entwicklung zu analysieren. Erinnern Sie sich, welche Lektionen die größten Verbesserungen in Ihrer Reiterei herbeigeführt haben. Halten Sie diese stets präsent in Ihrem Gedächtnis und in Ihrem Herzen, und halten Sie immer Ausschau nach Anzeichen dafür, dass Sie sie wiederholen müssen – sonst müssen Sie diese Lektionen wieder und wieder neu lernen.

Es gehört zur natürlichen Entwicklung dazu, dass wir unsere Grundlage vertiefen und erweitern müssen, wenn wir an unsere Grenzen stoßen. Ich halte immer die Augen offen für Grundlagenprobleme, an denen gearbeitet werden muss. Ich freue mich, wenn ich diese finde, denn das bedeutet, dass ich eine Gelegenheit habe, sie zu verbessern, und ich habe dafür viele Werkzeuge und Strategien. Jene Probleme, die nicht zu einem Grundlagenproblem zurückverfolgt werden können, sind die wirklich großen Probleme! Denken Sie daran: Wenn wir feststellen, dass wir die Grenzen unseres Spielfeldes überschritten haben, wollen wir zwei Dinge: Wir wollen wissen, wie wir wieder zurück in die „Sicherheitszone“ kommen, und wir wollen auch wissen, welche Grenze wir hinausschieben können, damit wir uns weiterentwickeln. Wenn Sie diese Grenzen nicht finden, dann entwickeln Sie sich auch nicht. Der Schlüssel ist, so vorzugehen, dass Sie und Ihr Pferd sich sicher und befähigt fühlen. Seien Sie sich daher Ihrer Grenzen stets bewusst. Und wenn Sie an eine stoßen, entscheiden Sie: Entweder Sie kehren um oder Sie bauen denjenigen Teil Ihrer Grundlagen aus, dessen Grenze Sie soeben überschritten haben. Es ist Teil Ihrer Reise, zu wissen, wann Sie was tun müssen! Ich habe festgestellt, dass mein Spielfeld (meine Grundlage) sich verkleinert, wenn ich nicht ständig aktiv an seiner Erweiterung arbeite.

 

 

Beurteilen Sie Ihr Pferd und seine Bewegungen

Bevor wir mit den eigentlichen Übungen anfangen, gehen Sie zu Ihrem Pferd und beobachten Sie es.

Wenn wir den Bewegungsmechanismus unseres Pferdes beeinflussen wollen, dann ist es sehr wichtig zu wissen, wie er jetzt aussieht. Wo ist unser Anfangspunkt? Wenn wir irgendwohin wollen, müssen wir nicht nur erkennen können, wann wir angekommen sind, sondern wir müssen auch wissen, wo unser Ausgangspunkt ist. Ich kann Ihnen eine perfekte Wegbeschreibung zu meinem Haus aus Richtung New York geben, aber wenn Sie von Texas her kommen, dann wird sie Ihnen nicht viel helfen, Ihr Ziel zu erreichen!

 

Wir könnten übersehen, was unser Pferd wirklich anbietet, wenn wir eine Brille tragen, die die Vergangenheit widerspiegelt.

Übung 1: Beurteilen Sie Ihr Pferd

Gehen Sie zu Ihrem Pferd und beobachten Sie es, aber stellen Sie sich dabei vor, ich hätte Sie in einen Stall geschickt, um ein Pferd für mich anzuschauen und mir zu berichten, was Sie gesehen haben. Denken Sie daran, dass es hier ums BEOBACHTEN geht, nicht ums Richten! Und jetzt kommt das Schwerste daran: Ich möchte, dass Sie so tun, als ob Sie das Pferd noch nie gesehen hätten. Wir könnten übersehen, was unser Pferd wirklich anbietet, wenn wir eine Brille tragen, die die Vergangenheit widerspiegelt. Nehmen Sie sich nicht zu viel Zeit (höchstens 15 Minuten). Sie können es sich leichter machen, indem Sie einige Pferde beobachten, die Sie wirklich noch nie zuvor gesehen haben!

 

Schauen Sie zum Beispiel, wie Sie das Folgende beschreiben würden:

 

·Die Grundeinstellung – das Gefühl, das Ihnen das Pferd vermittelt, wenn Sie mit ihm spielen (selbstbewusst, ängstlich, mutig, lieb, freundlich, aufsässig, verwirrt und so weiter). Denken Sie daran, dass es primäre „Persönlichkeitstypen“ bei Pferden gibt (verspielt, introvertiert und andere) und dass jede „Persönlichkeit“ Momente haben kann, die vom Gefühl der Sicherheit (Selbstbewusstsein, Denken) oder der Angst (instinktive Reaktionen) geprägt sind.
Versuchen Sie so gut wie möglich einzuschätzen, was Sie im Augenblick sehen.

·Welche Gangqualität bietet das Pferd Ihnen in der Regel an? Hierfür können Sie die folgenden Eigenschaften bewerten, die auf dem in Teil I „Was ist Dressur?“ beschriebenen allgemeinen Eindruck basieren:

·Freiheit und Regelmäßigkeit der Gänge

·Energie, Aktivität der Hinterhand, entspannte Wirbelsäule

·Aufmerksamkeit, Selbstvertrauen

·Leichtigkeit der Vorhand, Zwanglosigkeit der Bewegungen

·Gefühl am Seil

·Klarheit der Kommunikation

·Antwortbereitschaft

·Wie sehen die Gänge aus? Kümmern Sie sich nicht um die richtigen Fachausdrücke, beschreiben Sie einfach nur, was Sie sehen (federnd, stechend, flüssig, elastisch, flach). Erkennen Sie, wie viel Sie schon wissen!

·Worüber können Sie sich mit diesem Pferd verständigen? Wenn es gerade wenig Energie aufwendet – was passiert dann, wenn Sie mehr Energie fordern? Wenn es unaufmerksam ist – was passiert, wenn Sie es dazu auffordern, sich zu konzentrieren? Experimentieren Sie einfach. Sie trainieren nicht und werden nicht geprüft, Sie sammeln lediglich Informationen.

·Wann gleicht seine Haltung am meisten der eines Dressurpferdes? Wann ist sie am weitesten von unserer Zielvorstellung entfernt?

·Welche Teile seines Körpers bewegen sich am zwanglosesten? Welche scheinen fest oder verspannt?

·Befinden sich die Hinterbeine länger unter dem Körper oder schieben sie länger nach hinten raus? Wie verändert sich das in Relation zur aufgewendeten Energie?

 

Ich habe festgestellt, dass Schüler des Natural Horsemanship leicht den mentalen/emotionalen Zustand ihres Pferdes beschreiben können, aber Schwierigkeiten mit der Beschreibung des physischen Zustands haben. Stellen Sie sich der Herausforderung, den Körper Ihres Pferdes zu beschreiben. Kümmern Sie sich wieder nicht um Fachausdrücke, üben Sie nur das Beobachten und verbessern Sie Ihre Auffassungsgabe und Ihr Urteilsvermögen.

TIPP: Wenn Ihnen diese Übung schwerfällt, bitten Sie einen Freund, ein zweites Pferd zu holen. Oder lassen Sie jemand anders Ihr Pferd bewegen, damit Sie es und dazu noch ein anderes Pferd von draußen beobachten können. Manchmal ist es leichter, wenn man eine Vergleichsmöglichkeit hat (welches Pferd bewegt sich freier, welches wirkt ausbalancierter? und so weiter).

Nachdem Sie jetzt diese kurze Zeit mit dem Pferd verbracht haben, stellen Sie sich vor, wir würden telefonieren, und Sie müssten mir das Pferd so präzise und so umfassend wie möglich beschreiben. Vielleicht haben Sie einen Freund, der Sie anruft und Ihnen die zuvor aufgeführten Fragen stellt – das kann Spaß machen. Der Anrufer sollte Sie jedes Mal darauf hinweisen, wenn Sie einen Bezug zur Vergangenheit herstellen („Er war heute fleißiger als sonst“), indem er sagt: „Aber wie kannst du das wissen, wenn du das Pferd noch nie zuvor gesehen hast?“ Üben Sie auch, sich knapp und präzise auszudrücken (stellen Sie sich vor, das Gespräch kostet Sie zehn Euro pro Minute). Beobachten Sie Ihr Pferd vom Boden und vom Sattel aus. Notieren Sie Ihre Erkenntnisse.

Bewahren Sie die Liste auf und wiederholen Sie diese Übung ab und zu. Tun Sie dabei jedes Mal so, als hätten Sie das Pferd noch nie zuvor gesehen. Es kann sehr interessant sein, wenn Sie die neue Liste mit der allerersten Liste vergleichen.

Beantworten Sie dann die folgenden Fragen so präzise, wie es für dieses Pferd möglich ist:

1.„Was ist die positive Eigenschaft, die ich gern erhalten würde?“

2.„Wenn _____________ nur besser wäre, dann würde sich wohl alles verbessern.“

3.„Wie würde mein Pferd diese Fragen in Bezug auf mich beantworten?“ „Ich bin froh darüber, dass mein Mensch _________________“, und „wenn mein Mensch nur _________________ verändern würde, dann würde sich wohl alles verbessern.“

 

Rufen Sie sich die folgenden Inhalte aus Teil I ins Gedächtnis:

 

·Ihr Traumbild vom Dressurreiten.

·Sie haben bereits viele Faktoren erkannt, die Sie von diesem Bild entfernen, und Sie spielen, um sie loszuwerden.

·Sie haben bereits viele Faktoren erkannt, die Sie diesem Bild näherbringen, und Sie spielen, um sie zu erhalten und zu verbessern.

·Das Grundverständnis des Zusammenspiels von Entspannung, Energie und Balance.

·Die grundlegende Erkenntnis, dass es mentale, emotionale und physische Versammlung gibt.

·Das umfassendste Bild dessen, was wir auf der bewegungsmechanischen Ebene suchen, in Bezug auf die Hinterbeine und darauf, wie die Oberlinie deren Untertreten beeinflusst.

·Was Ihr Pferd Ihnen hinsichtlich dieser bewegungsmechanischen Überlegungen momentan anbietet.

·Sie brauchen ein Pferd mit einer guten Grundlage, damit die folgenden Übungen angemessen und erfolgreich sind.

 

Dies sind bereits sehr viele Informationen! Der Schlüssel zum Fortschritt besteht darin, sich dieser Punkte bewusst zu werden und zu bleiben. Ohne dieses Bewusstsein versuchen Sie sich in bestimmte Richtungen zu bewegen, ohne zu wissen, wo Sie starten.

 

Bevor Sie mit einer dieser Übungen beginnen, überprüfen Sie, ob Sie und Ihr Pferd klar zwischen diesen drei Modi unterscheiden können:

100 Prozent folgen (Sie folgen dem, was Ihr Pferd auf physischer, mentaler und emotionaler Ebene anbietet).

100 Prozent führen (Ihr Pferd folgt Ihren Vorschlägen physisch, mental und emotional).

100 Prozent abschalten von der Übung (völlige Entspannung, Stecker ziehen, Spiel vorbei!).

 

 

Der „Sweet Spot“: Entspannung, Energie und Balance

Abbildung 7:

Den „Sweet Spot“ haben Sie dann erreicht, wenn Sie die richtige Kombination von Entspannung, Energie und Balance für die Lektion gefunden haben, die Sie gerade reiten. Der „Sweet Spot“ steht für die Harmonie innerhalb des Körpers.

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Wenn ich den Traum vom Dressurreiten in drei Worten beschreiben müsste, dann wären diese: Entspannung, Energie und Balance. Es ist nicht nur ein Bild, sondern auch etwas Dynamisches: Haltung und Bewegungen des Pferdes erscheinen gleichbleibend, sind aber dennoch veränderlich. Lernen wir zuerst, wie wir uns mit dem Pferd über jeden dieser drei Themenbereiche verständigen können. Danach werden wir lernen, wie man die Balance einsetzen kann, um Entspannung hervorzurufen, die wiederum nervöse Energie in Kraft umwandelt, was letztendlich zu einem allgemeinen Gleichgewichtszustand führt. Überlegen Sie einen Moment, welche konkreten Beispiele Ihnen einfallen, wie jeder dieser Bereiche die jeweils anderen positiv beeinflussen kann.

Wir werden jeden Bereich für sich trainieren und wir werden feststellen, dass die Pferde sie von sich aus miteinander kombinieren, wenn sie dazu bereit sind. Das ist ein Thema, das immer wieder bei allen Übungen zur Sprache kommen wird. Jedes Mal, wenn es mehr als eine Anforderung gibt, die das Pferd gleichzeitig in einer Lektion erfüllen soll (zum Beispiel ein bestimmtes Energielevel in einer bestimmten Haltung oder Balance), dann müssen wir:

 

Alles beginnt und endet mit Entspannung. Der Schlüssel ist, dass Sie mit Ihrem Pferd darüber kommunizieren können und ihm somit jederzeit, überall Entspannung signalisieren können, ganz egal, was Sie gerade tun.

 

1.diese Anforderungen und die Verständigung darüber einzeln üben.

2.Übergänge zwischen den verschiedenen Anforderungen üben, damit das Pferd lernt, sie miteinander zu kombinieren.

3.dem Pferd erlauben, sie in dem Maß miteinander zu kombinieren, in dem es dazu in der Lage ist, und es dafür loben, wenn es dies tut.

 

Am Beispiel der folgenden Übungen: Zu Beginn verlangen Sie Entspannung, aber das Pferd verliert dabei vielleicht alle Energie; oder Sie verlangen viel Energie, aber dabei gehen Balance und Entspannung verloren. Wenn das Pferd die Übungen erst verstanden hat, können Sie einen großen Energieeinsatz verlangen und gleich anschließend zur Entspannung übergehen. Wenn das Pferd sich entspannt, versuchen Sie wieder zu einem höheren Energielevel überzugehen. Wenn Ihr Pferd leicht von einem zum anderen übergehen kann, werden Sie feststellen, dass es sich energisch bewegen und dabei trotzdem entspannt bleiben kann, und wenn es entspannt ist, kann es noch immer energisch antworten.

Dies ist ein sehr effektives Prinzip, das in Ihrem Pferd Vertrauen und Einsatzbereitschaft weckt, Ihre Chancen auf Leichtigkeit erhöht und während der ganzen Ausbildungszeit angewendet werden kann.

Entspannung

Es ist Absicht, dass die ersten Übungen nach unserer Beurteilung des Pferdes Entspannungsübungen sind. Alles beginnt und endet mit Entspannung. Entspannung ist nicht das Gleiche wie das Fehlen von Energie. Ich beziehe mich hier auf die innere Ruhe, die Sportler finden, wenn sie „in Topform“ sind. Es gibt Grade der Entspannung, die über „nicht verspannt“ hinausgehen. Sie haben vielleicht schon einmal den Unterschied erlebt zwischen unruhig, ruhig und tief entspannt – wie nach einer Massage. Der Schlüssel ist, dass Sie mit Ihrem Pferd darüber kommunizieren können und ihm somit jederzeit, überall Entspannung signalisieren können, ganz egal, was Sie gerade tun. Stellen Sie sich vor, Sie sind dabei, eine Aufgabe zu lernen, und sind sich nicht sicher, ob Sie es richtig machen. Wenn der Lehrer Sie anschaut und sagt: „Das ist toll, machen Sie weiter“, dann atmen Sie vielleicht auf und fahren erleichtert mit Ihrer Arbeit fort, weil Sie wissen, dass Sie auf dem richtigen Weg sind. Oder stellen Sie sich vor, dass Sie gestresst und nervös sind und ein Freund kommt vorbei, legt seine Hand auf Ihre Schulter und sagt: „Atme tief durch, du weißt, dass du es gut machst.“ Dann werden Sie seufzen und sagen: „Oh, danke! Ich habe gar nicht gemerkt, wie angespannt ich war!“ Stellen Sie sich vor, Sie könnten dasselbe für Ihr Pferd tun. Das ist möglich!

 

Hierfür sind mehrere Dinge erforderlich:

 

·dass Sie entspannt sind.

·dass Sie Ihrem Pferd Ihre Absicht bezüglich der Entspannung mitteilen können.

·dass Sie konsequent sein können, wenn Ihr Pferd Sie nicht versteht.

·dass Sie die tatsächlichen Gründe diagnostizieren können, warum das Pferd sich nicht entspannen kann.

 

Wie Sie sich vorstellen können, ist es unmöglich, ein Pferd zur Entspannung zu zwingen. Wir können Entspannung nicht verlangen. Aber wir können dem Pferd zeigen, dass es bedingungslos geliebt wird, völlig in Sicherheit und absolut perfekt ist. Das Ziel ist, dem Pferd sagen zu können: „Du bist so perfekt, ich liebe dich so sehr!“ Wenn mein Pferd das „hört“, dann schmilzt es dahin und „lächelt“, und es fühlt sich auch entsprechend.

 

Hier ist mein Bild dazu:

Mein Pferd läuft frei in einem Roundpen von 30 Metern Durchmesser und macht schnelle Richtungswechsel im Galopp. Ich kann jederzeit denken: „Oh, du bist so perfekt!“ Ich kann sogar zu ihm hinrennen, und weil es meine Absicht erkennt, schmilzt es zum Anhalten, oder es kommt sogar zu mir, um sich seine Liebesbezeugung abzuholen! Oder ich kann im Sattel intensiv Übergänge trainieren oder Übungen reiten, die ein hohes Energielevel erfordern, und mittendrin kann ich denken: „Du bist so perfekt! Das Spiel ist zu Ende!“ Dann kann ich seinen Hals streicheln, und ehe ich den Satz zu Ende gedacht habe, ist es dahingeschmolzen, ohne verbleibende Spannung.

 

Das lässt sich verfeinern. Stellen Sie sich dasselbe Pferd im Roundpen vor, das wunderbare Arbeit leistet, aber dabei etwas unruhig wird. Während der Übung kann ich dann denken: „Alles in Ordnung“, und es entspannt sich und lässt sich los. Damit habe ich lediglich unnötige Spannung aufgelöst, aber die Energie erhalten. Oder das Pferd, das ich gerade reite, verspannt sich während der Übergänge im Rücken und ist vielleicht ein wenig klaustrophobisch. Ich kann mit der Hand seinen Hals berühren und denken: „Du machst das toll“, und es atmet durch und lässt sich los, sodass sich die Spannung auflöst, die vielleicht das Einzige war, was die Übung erschwert hatte.

 

Energie + Entspannung = Kraft

 

Wo fängt das an? Es beginnt mit Techniken zur Desensibilisierung, die dem Pferd helfen, bedeutungslose rhythmische Bewegungen zu erkennen (im Unterschied zu taktmäßigem Druck, der eine Bedeutung besitzt). Es ist das, was Parelli das „Freundlichkeitsspiel“ nennt. Mein Ziel ist aber nicht nur Toleranz, sondern ich möchte meinem Pferd damit zu verstehen geben können, dass es sich wirklich entspannen kann. Ihm muss klar sein, dass dies bedeutet, dass der Druck weg ist und nichts weiter von ihm erwartet wird. Im nächsten Schritt trainiere ich Übergänge: Kann ich „den Stecker ziehen“, sodass mein Pferd jederzeit und an jedem Ort dahinschmilzt und sich jegliche Restspannung auflöst, ganz gleich, was ich unmittelbar vorher gemacht habe?

 

 

 

Es gibt einen Unterschied zwischen einem aktiven Anhalten und dem Hineinschmelzen in die Entspannung, bis keine Bewegung mehr übrig ist. Auf der DVD wird gezeigt, wie es aussieht, wenn ein Pferd in das Halten hineinschmilzt.

 

 

 

Wenn Sie auch nur das Gefühl haben, dass Ihr Pferd nervös wird – können Sie dann Ihre Absicht ändern und Ihr Pferd so weit entspannen lassen, dass es anhält?

Noch bevor Sie das tun, müssen Sie Ihre generelle Wirkung auf das Pferd einschätzen. Wie wird es von Ihrer bloßen Gegenwart beeinflusst? In der Medizin sagt man: „Zunächst keinen Schaden anrichten.“ Bei Pferden sollten wir sagen: „Zunächst soll man keinen Einfluss haben.“ Es gibt eine Übung, um festzustellen, ob man seinem Pferd wirklich neutral begegnen kann.

Übung 2: Der unsichtbare Mensch

Am Seil:

1.Schicken Sie Ihr Pferd auf einen Zirkel.

2.Wenn es auf der Zirkellinie geht, versuchen Sie, sich ihm zu nähern, bis Sie neben ihm sind und sich gemeinsam mit ihm bewegen.

3.Gehen Sie am Seil entlang wieder hinaus, bis Sie in der Mitte des Zirkels angekommen sind.

 

Das Ziel ist, dass Ihr Pferd auf der ursprünglichen Zirkellinie bleibt. SIE sind derjenige, der sich ihm nähert und sich von ihm entfernt. Sie wollen Ihren Einfluss messen. Können Sie sich so bewegen, dass die Bewegungen Ihres Pferdes nicht durch Beunruhigung oder ein Missverständnis unterbrochen werden? Wenn sie Druck empfinden, weichen Pferde entweder aus oder sie werden langsamer. Versuchen Sie sich mit neutraler Energie und Absicht zu bewegen. Hier geht es darum, sich selbst so zu verändern, dass man von seinem Pferd nicht wahrgenommen wird, und nicht darum, das Pferd zu korrigieren.

Wenn allein Ihre Anwesenheit ausreicht, um Ihr Pferd zu beunruhigen und zum Ausweichen zu bringen, dann werden Sie immer dagegen ankämpfen müssen, weil Ihre Neutralposition sich für das Pferd wie Druck anfühlt. Wenn Ihre Anwesenheit Ihr Pferd dazu bringt, dichtzumachen, dann werden Sie immer gegen diese Tatsache ankämpfen müssen, weil Ihre Neutralposition Ihr Pferd dazu bringt, anzuhalten.

Wenn Sie auf Ihr Pferd zugehen können, ohne seinen Bewegungsablauf zu stören, versuchen Sie als Nächstes, es im Laufen überall am Körper mit Ihrer Hand zu berühren. Wenn bereits Ihre bloße Berührung seine Bewegungen unterbricht, dann können Sie sich vorstellen, welche Wirkung Sie auf Ihr Pferd haben, wenn Sie oben sitzen! Man kann diese Übung nicht wirklich im Sattel machen (es sei denn, Sie sind mein Freund Sasha, der Zirkusartist, der durch die Luft fliegen und ohne Sattel und Zaumzeug auf ein Pferd aufspringen und wieder abspringen kann!), aber das Prinzip gilt auch hier. Sie müssen sich einen Moment Zeit nehmen, um zu beobachten, was für eine Wirkung Ihre bloße Anwesenheit auf Ihr Pferd hat.

Je besser Sie Ihrem Pferd einfach nur folgen können, ohne Einfluss zu nehmen, desto klarer wird das Pferd erkennen, wenn Sie Einfluss nehmen wollen. Dies wird in den Übungen für Energie und die aktive Neutralposition wieder aufgegriffen werden.

Übung 3: Am Seil oder frei in das Anhalten hineinschmelzen

Üben Sie, jederzeit auf Ihr Pferd zugehen und es umarmen zu können. Anfangs läuft es vielleicht noch vor Ihnen weg und entspannt sich erst, nachdem Sie es eine Weile mit Ihren Händen berührt und gestreichelt haben. Bald wird es sich schon bei Ihrer ersten Berührung entspannen, noch ein bisschen später erkennt es Ihre Absicht bereits, wenn Sie noch ein paar Meter entfernt sind, und dann wird es nicht mehr lange dauern, bis es erkennt, wenn Sie nur daran denken, es zu umarmen. Der Schlüssel ist, nicht Ihre Technik anzuwenden, sondern Ihre Absicht zu verkörpern. Ich denke oder sage: „Du bist so wunderschön. Ich möchte dich nur streicheln, während du dich ausruhst!“ Wenn ich diese Absicht habe, dann macht mein Körper automatisch den Rest. Die Worte laut auszusprechen hilft, weil das Pferd unsere Atmung spürt. Sprechen ist dem Ausatmen sehr ähnlich und Pferde lieben es, wenn wir ausatmen. Beutetiere mögen das Gefühl nicht, wenn ein Raubtier seinen Atem anhält. Sie sollten wirklich fühlen, dass das Pferd perfekt ist und es dies auch sofort erfahren muss! Dies ist eine erstaunlich wirkungsvolle Übung, und ich habe erlebt, dass sie eine starke positive Anziehungskraft entwickelt. Binnen kurzer Zeit brauchen Sie nur noch zu denken: „Du bist so wunderschön“, und Ihr Pferd kommt zu Ihnen und sagt: „Ja, ich weiß. Lass es mich einfacher für dich machen, mich zu streicheln!“

 

 

 

Denken Sie daran, beharrlich zu bleiben, wenn Ihr Pferd diese Übung nicht sofort versteht. Halten Sie einen gleichmäßigen Takt und probieren Sie verschiedene Dinge aus, um Entspannung zu demonstrieren: Gähnen, selbst eine entspanntere Haltung einnehmen und den Blick senken. Sie müssen vielleicht die Intensität abschwächen oder Sie müssen sich in einem bestimmten Rhythmus zurückziehen und wieder annähern. Unter Umständen müssen Sie sich langsamer annähern, aber geben Sie Ihre Absicht nicht auf, bis Ihr Pferd Sie versteht. Sie wollen ja nicht, dass Folgendes passiert: Sie gehen zu ihm hin, Ihr Pferd erschrickt und Sie hören daraufhin auf, während es sich denkt: „Ich weiß nicht, was das sollte, aber wenn ich Angst bekomme, scheint es aufzuhören!“ Stellen Sie sich vor, Sie hätten ein Kind, das sich gerade am anderen Ende des Zimmers befindet. Sie denken daran, wie sehr Sie es lieben und dass Sie es in den Arm nehmen möchten. Stellen Sie sich vor, wie Sie mit diesem Gedanken aufstehen und die Arme ausbreiten, aber Ihr Kind sieht angsterfüllt aus und fängt an wegzulaufen. Sicher ist Ihnen klar, wie wichtig es jetzt wäre, beharrlich zu bleiben und ihm zu sagen, dass Sie es nur in den Arm nehmen wollten. Wenn ich denke: „Ich habe dich lieb“, und mein Pferd läuft davon, dann bleibe ich beharrlich. Manchmal sieht es so aus und fühlt sich auch so an, als ob man das Pferd jagen würde, aber tun Sie, was immer möglich ist, damit Sie es am Ende streicheln können, sodass es sich denkt: „Oh, wovor hatte ich eigentlich Angst gehabt? Sie wollte mich nur streicheln!“

 

 

 

Der Schlüssel ist, nicht Ihre Technik anzuwenden, sondern Ihre Absicht zu verkörpern.

Übung 4: Unter dem Reiter ins Halten hineinschmelzen

Das oben beschriebene Prinzip gilt auch beim Reiten. Sie müssen jederzeit in der Lage sein, den Stecker zu ziehen und Ihr Pferd zur vollkommenen Entspannung zu bringen. Gemeint ist keine Vollbremsung, sondern echte Entspannung. Man übt das, indem man seine eigene Energie zu einem beliebigen Zeitpunkt vollkommen sinken lässt und sein Pferd streichelt, bis es ins Halten hineinschmilzt. Wenn es dies nicht versteht, hilft man ihm, indem man zu einer seitlichen Biegung übergeht. Achten Sie aber immer auf die Qualität des Haltens. Vergessen Sie nicht, dass Sie lernen wollen, sich mit Ihrem Pferd über Entspannung zu verständigen. Bloße Kontrolle über das Pferd ist hoffentlich zu diesem Zeitpunkt kein Thema mehr. Das Pferd soll sich in seinem ganzen Körper entspannen. Sie möchten ein so tiefes Verständnis erreichen, dass Sie zu jedem Zeitpunkt, mitten in der intensivsten Arbeit, die Übung beenden können, indem Sie denken: „Du bist so perfekt!“, worauf das Pferd dahinschmelzen kann, ohne irgendwelche Restspannung.

 

 

 

Seitliche Biegung: Seitliche Biegung bedeutet, dass man einen Zügel benutzt, um das Pferd aufzufordern, seitlich nachzugeben, das heißt, mir eine Seite seines Körpers zu geben. Meine Absicht ist doppelter Natur: Erstens möchte ich dem Pferd das Weiterlaufen etwas erschweren, um ihm deutlich zu machen, dass ich gar nichts mehr von ihm erwarte. Zweitens muss das Pferd in seinem ganzen Körper seitlich nachgeben, um dieser Aufforderung wirklich zu folgen. Zu Anfang kann sich dies schrecklich und mechanisch anfühlen, wenn das Pferd noch nicht herausgefunden hat, wie es sich loslassen soll. Doch am Ende ist das eine Aktion, die ungemein zur Geschmeidigkeit beiträgt. Der Schlüssel ist, die Entspannung anzustreben und nicht nur an ein „seitliches Herumziehen des Halses“ zu denken. Das wäre weit von dem entfernt, was ich beschreibe. Am Ende braucht man nur damit zu beginnen, sich zu entspannen, und man fühlt, wie sich das Pferd im ganzen Körper entspannt. Es ist kein aktives Abbremsen, sondern vielmehr der Hinweis: „Beeil dich, gar nichts zu tun.“

 

 

 

Sowohl am Seil als auch beim Reiten ist es wichtig, so lange weiterzumachen, bis keine Bewegung mehr im Pferd übrig ist. Später kann man das dann verfeinern. Wenn Sie an „entspannen“ denken, wird Ihr Pferd das so unmittelbar fühlen, dass es sich entspannen kann, ohne seine Bewegung zu unterbrechen (denken Sie darüber einen Moment lang nach). Vergessen Sie nicht, dass es hierbei letzten Endes nicht darum geht, leblos zu werden, sondern es geht um Gelassenheit. Sie sollten sich jederzeit vergewissern können, dass Gelassenheit vorhanden ist, indem Sie prüfen, ob Sie 100 Prozent Entspannung ohne Bewegung bekommen – irgendwann können Sie dann Entspannung innerhalb der Bewegung bekommen. Das ist die Art der Entspannung, die Kampfsportler trainieren. Da Wohlbefinden für Pferde so wichtig ist, kommt es für das Pferd einer Bestätigung gleich, wenn Sie sich auch nur für einen Moment entspannen. Durch jedes Halsstreicheln und Ausatmen können Sie einen enormen Einfluss ausüben (siehe Kasten). Wenn Ihr Pferd auf etwas, das Sie verlangen, ängstlich oder mit Aufregung reagiert, können Sie denken: „Ach du meine Güte, es tut mir so leid, dass dich das beunruhigt – du kannst dich entspannen.“ So wird es für Ihr Pferd nur noch klarer erkennbar sein, wenn Sie dann tatsächlich etwas von ihm verlangen!

 

 

 

Motivatoren für Pferde sind (in dieser Reihenfolge):

·Sicherheit

·Wohlbefinden

·Spiel

·Nahrung

 

Sobald unsere Pferde sich bei uns sicher fühlen, können wir Wohlbefinden als einen Motivator auf dieselbe Weise einsetzen wie ein Leckerli und überschwängliches Lob beim Hundetraining. Nahrung ist ein größerer Motivator für Raubtiere. Das Bedeutendste, was wir für Pferde tun können, ist, den Druck wegzunehmen. Unser Nachgeben muss für das Pferd eine Bedeutung haben, damit wir Anspannung wirklich auflösen können.

 

 

 

Es ist wichtig, dass sich unsere Kommunikation über die Entspannung die Waage hält mit der Kommunikation darüber, dass das Pferd aktiv sein soll. Ich habe viele Pferde getroffen, die sich nicht sicher waren, wann sie sich entspannen konnten und wann sie aktiv sein mussten. Das Ergebnis ist, dass sie weder das eine noch das andere waren. Eines der ersten Pferde, mit dem ich dieses Training gemacht habe, war ein Grand-Prix-Dressurpferd, das ich in der Vergangenheit als faul bezeichnet hätte. Ich fand heraus, dass er zwar ganz ruhig und bombensicher war, es jedoch sehr viele Momente gab, in denen er nicht so recht wusste, ob er sich entspannen durfte (wahrscheinlich, weil er sein Leben lang aufgefordert worden war, mehr zu geben, als er von sich aus anbot). Ich erkannte das schließlich und half ihm, all die Momente zu erkennen, in denen es ihm erlaubt war, nichts zu tun. Anschließend fing er an, von sich aus mit viel Selbstbewusstsein mehr Energie anzubieten. Das war eine Lernerfahrung, die mir bei der Arbeit mit vielen Schülern und Pferden außerordentlich viel geholfen hat.

 

 

 

Ich sehe so oft, dass Schüler ein tolles Ergebnis mit ihrem Pferd erzielen, aber dann einfach weitermachen, oder sie halten vielleicht an und denken darüber nach. Wenn ich sie frage, wie es sich anfühlte, sagen sie: „Wow, das war toll!“, und ich bin erstaunt, weil sie das nicht ausgestrahlt hatten. Dann frage ich: „Fühlt dein Pferd auch, dass das toll war? Fühlt dein Pferd, dass du es toll findest?“ Es ist so wichtig, nicht bei der Anwendung dieser Technik stecken zu bleiben. Sie müssen diese Anerkennung fühlen und verkörpern. Noch wichtiger ist, dass Ihr Pferd sie fühlt. Tun Sie alles, was nötig ist, damit diese Anerkennung bei Ihrem Pferd ankommt.

 

 

 

Entscheidende Punkte:

 

1.Wir lernen, uns über Entspannung zu verständigen.

2.Wir müssen bereits eine sehr gute Grundlage geschaffen haben, sonst gibt es zu viele Gründe, warum das Pferd sich nicht vollkommen entspannen kann.

3.Es gibt einen Unterschied zwischen aktivem Anhalten und Dahinschmelzen, bis keine Bewegung mehr übrig ist.

4.Dies wird zu einer Möglichkeit, unserem Pferd mitzuteilen, wenn es auf dem richtigen Weg ist.

5.Dies wird jegliche Restspannung auflösen, die während der aktiven Übungen auftaucht.

6.Diese Technik wird zum Rettungsboot, das es uns erlaubt, ein höheres Energielevel zu fordern, in dem Wissen, dass wir auch wieder davon herunterkommen können.

7.Achten Sie darauf, dass das Pferd sich während dieser Kommunikation loslässt und nicht einfach dasteht und sie erduldet.

 

Lesen Sie den nächsten Abschnitt über Energie, bevor Sie die Entspannungsübungen mit Ihrem Pferd machen.

Energie

Sie müssen in der Lage sein, sich mit Ihrem Pferd über Energie zu verständigen. Wie gut funktioniert Ihr Gaspedal? Es geht ein bisschen um Geschwindigkeit, aber im Grunde ist es die Drehzahl, auf die es uns ankommt. Fühlt Ihr Pferd sich an wie ein Sattelschlepper, der aus dem Stand einen Berg hinauffährt, oder gleicht es eher einem Sportwagen, der mit heulendem Motor bereitsteht? Steht es still und springt plötzlich an, um dann zu stottern? Können Sie Ihrem Pferd mitteilen, welches Energielevel Sie sich vorstellen? Wie viele „Gänge“ hat Ihr Pferd?

Manchmal verwechseln Schüler Energie mit Impulsivität. Wenn Pferde impulsiv sind oder auf negative Weise emotional, dann ist ihre Lebensenergie aufgedreht, aber nicht auf positive Weise. Manche Pferde, vor allem solche, die für den Dressur- oder Springsport gezogen sind, können positiv emotional sein und sich mit großer Energie in einem perfekten, schwungvollen Gleichgewicht befinden. Umgekehrt haben Sie vielleicht schon erlebt, dass Pferde negativ emotional sein können. Aber wenn sie eher ein introvertiertes Temperament besitzen, mögen sie völlig reglos dastehen und dennoch innerlich kurz vor dem Explodieren sein. Energie ist also nur Energie. Wir wollen, dass alles daran positiv ist, gleichgültig, ob es sich um ein hohes oder niedriges Energielevel handelt. Wir wollen, dass unsere Pferde gelassen bleiben und mitdenken, aber wenn wir ihnen alles Leben nehmen, müssen wir uns fragen: „Wo soll die Begeisterung herkommen? Wo soll die Brillanz herkommen?“

 

Wir wollen, dass unsere Pferde gelassen bleiben und mitdenken, aber wenn wir ihnen alles Leben nehmen, müssen wir uns fragen: Wo soll die Begeisterung herkommen? Wo soll die Brillanz herkommen?

 

Wir müssen in der Lage sein, unseren Pferden mitzuteilen, wann sie die Energie an- und ausschalten sollen, und es muss uns auch gelingen, dann sofort zu 100 Prozent Entspannung zurückzukehren. Wenn wir die „natürlichen“ Grundlagenübungen durchgehen, nehmen es die Schüler oft nicht so genau mit dem Energielevel, solange das Vorwärtsgehen und Anhalten klappt. Anfangs kann es helfen, das Pferd wählen zu lassen, wo es sich wohlfühlt, damit es seine eigene Balance findet. Aber es kommt der Zeitpunkt, an dem wir ein anderes Energielevel wählen wollen, als es uns anbietet, manchmal mehr, manchmal weniger. Und wir wollen dies entspannt und mit Freude schaffen.

 

Hier ist mein Bild:

Ich stelle mir das Energielevel vor, das ich erreichen möchte. Wenn mein Pferd entspannt ist, nehme ich Haltung an und verkörpere mein Bild der Energie. Dabei fühle ich die Energie, die ich haben möchte, und aktiviere meine Bauch- und Rückenmuskulatur. Das Pferd sieht und fühlt dies und bewegt sich fast sofort mit der Energie, die ich mir vorstelle. Man beschreibt das oft mit den Worten: „Das Pferd ist vor dem Schenkel.“ Auf einem hohen Energielevel fühlt es sich kraftvoll, aber nicht impulsiv an. Ich kann jederzeit „den Stecker ziehen“ und denken: „Du bist so perfekt!“, und das Pferd schmilzt in den völligen Stillstand hinein, ohne irgendwelche Restspannung oder Angst.

 

 

 

„Vor dem Schenkel“

Dieser Ausdruck steht für das Gefühl, dass das Pferd Sie vorwärtsträgt. Man kann auch sagen: „Sie haben mehr Pferd vor sich.“ Das beschreibt ebenfalls das, was wir spüren, wenn ein Pferd losgelassen ist und aktiv vorwärtsgeht. Es ist nicht zu verwechseln mit dem „Mit-Ihnen-Davonlaufen“ oder „extremer Vorhandaktion“. Wenn ein Pferd wirklich vor dem Schenkel ist, findet eine andere Bewegungsmechanik statt; es lässt sich leichter sitzen, wegen seiner engagierten Hinterbeine, die durch seinen schwingenden Rücken hindurchschieben. Im Gegensatz dazu hat man auf einem Pferd, das hinter dem Schenkel ist, den Eindruck, dass man auf etwas sitzt, das nur auf und ab stampft. Die Energie des Hinterbeins bleibt in der Hinterhand, sodass die Vorhand nicht getragen wird. Hält das Pferd seinen Rücken ganz still, dann ist es vielleicht etwas einfacher zu sitzen, aber sobald man „mehr“ haben will, wird der Gang wieder hart. „Vor dem Schenkel“ hat weniger mit Impulsivität zu tun, sondern eher mit einem wachen Geist und einem dynamischen Umsetzen der Energie in der Bewegungsmechanik. Wenn Sie es fühlen, werden Sie es erkennen!

 

 

 

Beim Reiten muss ich die Energie aus meiner Bauch- und Rückenmuskulatur durch meinen Sitz in das Pferd fließen lassen. Am Seil mache ich es genauso. Während ich Haltung annehme, denke ich: „Bereit?“, dann erzeuge ich Energie in meiner Bauch- und Rückenmuskulatur (die erste Phase einer Hilfe, die Traumhilfe) und schicke sie nach vorn. Die zweite Phase ist: Ich erinnere mich daran, dass ich ein unterstützendes Werkzeug habe. Die dritte Phase ist: Ich aktiviere das Werkzeug. Und die letzte Phase ist: Energie hinter der Schulter des Pferdes hinzufügen, um es vorwärtszuschicken.

 

 

 

Energie ist ein Gefühl in unserem Inneren, ein Brodeln von Energie in unserer Körpermitte, ein innerer Motor, der auf Touren gebracht wird, was sich dann in unserem Körper ausdrückt. Stellen Sie sich da, wo Sie gerade sitzen, vor, dass Sie gleich aus Ihrem Stuhl aufstehen werden, ohne den Hund aufzuwecken, der zu Ihren Füßen schläft. Jetzt stellen Sie sich vor, dass Sie und zehn andere Leute aufstehen werden, sobald ich „Los!“ sage, und der Erste, der steht, bekommt eine Million Euro, aber Sie dürfen nicht loslegen, bis ich es sage! Noch bevor Sie tatsächlich aufstehen, fühlen Sie den Unterschied. Ich möchte meinem Pferd diesen Unterschied mitteilen können.

 

 

 

Wir wollen unser Pferd für die Verständigung über Energie sensibilisieren. Daher wollen wir nachgeben, sobald wir fühlen, dass das Pferd seinen größtmöglichen Energieeinsatz aufbietet.

 

Wir wollen unsere Pferde für die Verständigung über Energie sensibilisieren. Daher wollen wir nachgeben, sobald wir fühlen, dass das Pferd seinen größtmöglichen Energieeinsatz aufbietet. Ich teste also mein Gaspedal, indem ich erst denke: „Funktioniert mein Gaspedal?“, und es dann ausprobiere. Danach sage ich dem Pferd: „Danke, ich wollte nur wissen, ob es funktioniert.“ Das erzeugt im Pferd den Wunsch sich anzustrengen, denn im Moment der größten Anstrengung gebe ich sofort nach. Im Moment möchte ich noch nicht, dass es denkt, es müsste die Energie aufrechterhalten. Wenn das betreffende Pferd ein niedriges Energielevel bevorzugt und glaubt, dass es das, worum wir es bitten, durchhalten soll, wird es den „Energiespargang“ einschalten. Es ist für das Pferd von Vorteil, sich so wenig wie möglich anzustrengen, damit es gegebenenfalls längere Zeit durchhalten kann. Haben wir ein Pferd, das sich auf einem hohen Energielevel aufregt, und wir verlangen von ihm, dieses aufrechtzuerhalten, dann wird es ihm mit jedem Schritt schwerer fallen, zur Entspannung zurückzukehren. Wir kontrollieren, ob wir uns über Energie verständigen können, indem wir testen, ob wir sie an- und wieder abstellen können. Wir steigern damit die Bereitschaft und die Freude unseres Pferdes, sich richtig anzustrengen. Später wird es dann auch bereit sein, sein Engagement länger durchzuhalten. Interessanterweise habe ich mit dieser Trainingsmethode schon seit Langem kein Pferd mehr getroffen, das ich als „faul“ bezeichnen würde.

Es folgt eine Übung, um Ihr Pferd für die Kommunikation über Energie zu sensibilisieren. In dieser Übung nehme ich den Moment unter die Lupe, in dem Sie Ihr Pferd um eine Antwort bitten. Die Abstimmung zwischen Ihnen und Ihrem Pferd funktioniert am Ende sehr fein und dauert nur einen Sekundenbruchteil. Lesen Sie dies, verstehen Sie die Absicht dahinter und vertrauen Sie dann Ihrem Gefühl. Verlangen Sie nur Energie von Ihrem Pferd, wenn es entspannt ist. Es ist leicht, ein Pferd auf Touren zu bringen. Aber die Antriebskraft ist hier oft Ängstlichkeit und nicht Verständnis, und das Ergebnis ist Verspannung. Pferde dazu zu bringen, ihre Hufe schnell zu bewegen, ist wirklich kein Kunststück. Die Kunst besteht in der Verständigung darüber, Energie aus der Entspannung zu entwickeln und daraus wieder zur Entspannung zurückzukehren. Wenn Sie immer sicherstellen, dass Sie in der Lage sind, nach der Energie zur Entspannung zurückzukehren, dann können Sie die Bandbreite des Energielevels ausdehnen, ohne dass Ihr Pferd dabei impulsiv wird! Das Pferd wird bald lernen, mit hoher Energie und dabei entspannt und gelassen vorwärtszugehen (was gleichbedeutend mit Kraft ist). Umgekehrt wird es sich völlig entspannen können und trotzdem bereit sein, jederzeit mit hoher Energie wieder anzutreten. Schließlich werden Sie sich mit Ihrem Pferd über ein ganzes Spektrum von Energielevels verständigen können.

Bald wird Ihr Pferd sich gegenüber der Anfrage für Energie öffnen. Wenn sein erster Gedanke ist: „Klar, wie viel willst du?“, dann wird es auch bereit sein, dieses Energielevel im Rahmen seiner körperlichen Möglichkeiten durchzuhalten. Pferde sind wunderbar. Wenn wir sie darauf vorbereiten, etwas willig auszuprobieren, dann bieten sie bald an, es auch länger zu tun. Wenn wir ihnen aber das Gefühl geben, dass sie etwas ewig weitermachen müssen, dann fangen sie an, Energie zu sparen. Dressur fordert dem Pferd letzten Endes einen gewissen Kraftaufwand ab. Kraft ist Energie gepaart mit Entspannung. Lassen Sie uns von vornherein etablieren, dass Energie etwas ist, das wir begrüßen, und etwas, auf das unser Pferd stolz sein kann, wenn es uns dies anbietet.

 

Pferde dazu zu bringen, ihre Hufe schnell zu bewegen, ist wirklich kein Kunststück. Die Kunst besteht in der Verständigung darüber, Energie aus der Entspannung zu entwickeln und daraus wieder zur Entspannung zurückzukehren.

Übung 5: Energie – am Seil

1.Beginnen Sie mit Entspannung.

2.Stellen Sie sich die Energie vor, die Sie erzielen möchten.

3.Nehmen Sie Haltung an: „Feeeeertig?“ Sorgen Sie bitte dafür, dass Ihr Pferd weiß, dass Sie ihm etwas mitteilen möchten: Versäumen Sie dies, dann überrumpeln Sie das Pferd oder Sie tricksen es aus. Wie entspannt kann es dann noch sein, wenn es nicht darauf vorbereitet ist, wann die hohe Energie kommt?

4.Schicken Sie die Energie. Beginnen Sie mit Ihrem Körper und fahren Sie mit Hilfsmitteln fort, wenn Sie deutlicher werden müssen.

5.Das Pferd antwortet. Geben Sie im Moment der größten Anstrengung nach und lassen Sie es gewähren
(folgen Sie der Bewegung – stellen Sie sie nicht ab und bitten Sie Ihr Pferd auch nicht, weiter durchzuhalten).
Timing ist äußerst wichtig, wenn wir so konkret werden. Wenn Schüler ihre Pferde schicken, sehe ich oft Folgendes:
Das Pferd gibt alles, der Schüler analysiert und denkt: „Ja, das war’s.“ Aber in dem Augenblick, wo der Schüler nachgibt, hat das Pferd schon angefangen, langsamer zu werden. Die Rückmeldung erfolgt also in dem Moment, in dem das Pferd weniger tut, anstatt dann, wenn es sich am meisten anstrengt. Sie müssen den Druck genau dann wegnehmen, wenn Sie fühlen, dass das Pferd den größten Einsatz bringt.

6.Überprüfen Sie, ob Sie und Ihr Pferd noch immer entspannt sind. Direkt auf das Nachgeben in Schritt 5 können wir die Kommunikation über Entspannung folgen lassen, um unser Pferd zur Ausgangsbasis zurückzubringen.

7.Danken Sie Ihrem Pferd für seine Mühe.

8.Fragen Sie sich: „Haben diese 100 Prozent der Energie entsprochen, die ich mir vorgestellt hatte?“
Wie viel Prozent waren es genau? Wenn Sie sich diese Frage stellen und zu dem Schluss kommen: „Ich weiß nicht“, dann lautet die Antwort: „Nein.“

9.Falls „Ja“, na großartig! Das Spiel ist zu Ende! Streicheln Sie Ihr Pferd! Sie werden es ganz sicher merken, wenn Sie 100 Prozent bekommen. Sie müssen dieses Spiel mit dem klaren Ziel spielen, 100 Prozent zu bekommen. Spielen Sie nicht mit der Einstellung, dass Ihr Pferd es nicht schaffen könnte („Na ja, das war ja schon ganz gut für deine Verhältnisse“, sagt dem Pferd nur, dass Sie nicht an seine Fähigkeiten glauben). Wenn Sie nicht daran glauben, dass es für Ihr Pferd möglich ist, Ihr Bild zu 100 Prozent umzusetzen, dann wählen Sie ein anderes Bild, das es zu 100 Prozent erfolgreich umsetzen kann! Das ist es, was sehr gute Führungsqualitäten ausmacht.

10.Falls „Nein“, sagen Sie: „Danke schön für die … Prozent, aber lass uns das noch mal machen, weil ich weiß, dass du das kannst!“

11.Wiederholen Sie den beschriebenen Ablauf, bis es der erste Gedanke Ihres Pferdes ist, 100 Prozent zu geben. Wiederholen Sie die Übung aber nicht genau in derselben Weise. (Wenn Sie immer dasselbe tun, werden Sie auch immer dasselbe Resultat bekommen.) Fragen Sie sich jedes Mal, wie Sie sich Ihrem Pferd gegenüber noch klarer ausdrücken können, um ihm zu helfen, erfolgreich zu sein. Das kann folgende Formen annehmen:

 

·Auswerten, ob Sie Ihre Kommunikation konsequent zu Ende verfolgt haben.

·Eine motivierendere Methode finden, um Ihr Pferd zur Umsetzung Ihres Wunsches zu bewegen (nicht unbedingt stärker, aber vielleicht zielgerichteter, mit deutlicherer Absicht oder auch nur anders).

·Die Körpersprache ändern – vielleicht müssen Sie mit Ihrem Pferd mitgehen („Lass es uns machen“, anstatt: „Du machst das jetzt“).

·Es dem Pferd erleichtern, erfolgreich zu sein (längeres Seil, das Seil loslassen, die Bande verlassen …).

 

100 Prozent sind unverwechselbar. Wenn Sie sich nicht sicher sind, dann waren es keine 100 Prozent. Hören Sie nicht auf, bevor Sie die 100 Prozent erreicht haben. Wenn Sie Ihr Bild für unfair oder unmöglich halten, dann ändern Sie es. Es geht hierbei um die Klarheit der Kommunikation und darum, Ihrem Pferd zu helfen, sich kraftvoll zu fühlen! Probieren Sie es! Seien Sie jetzt noch nicht zu wählerisch damit, wie die Energie sich äußert. Wenn Sie große Energie verlangen und das Pferd bockt oder spielt, dann dürfen Sie nicht vergessen, dass Sie es darum gebeten haben! Energie ist unabhängig von der Gangart. Lassen Sie sich also von der Gangart nicht täuschen. Pferde können im Schritt 100 Prozent losgelassen sein, und umgekehrt kann sich ein Pferd selbst im Galopp so anfühlen, als ob die Handbremse angezogen wäre. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das Sich-Öffnen gegenüber der Energie. Es ist ganz normal, dass Pferde, die ein niedriges Energielevel bevorzugen, sich erst einmal freibocken, springen oder herumtoben müssen, wenn Sie eine große Anstrengung verlangen. Manche Pferde denken, sie haben einen Fehler gemacht, wenn sie viel Energie geben. Lassen Sie diese Pferde wissen, dass Sie das wirklich wollen und dass es gut ist!! In der Dressur wollen wir, dass die Pferde frei und rund gehen, ihren Rücken benutzen und eine große Schwebephase in ihren Gängen haben. Das überschwängliche Spielen kann ihnen helfen, dies alles in ihrem Körper zu finden. Benutzen Sie Entspannung, um sie wieder zur Ruhe zu bringen. Hüten Sie sich davor, die Bewegung einfach abzustellen (außer wenn es gefährlich wird) oder dem Pferd das Gefühl zu geben, einen Fehler gemacht zu haben. Wenn ein Pferd hinten ausschlägt, denkt es noch nicht vorwärts und kann ihre Anweisung schwer umsetzen. Geben Sie Ihrem Pferd viel Raum und stellen Sie sicher, dass das, was Sie von ihm verlangen, in diesem Moment und unter den gegebenen Umständen für Sie beide tatsächlich machbar ist.

Disharmonie lebt in dem Raum zwischen dem, was Sie anfordern, und dem, was Sie bekommen. Stellen Sie sich vor, dass Sie bei jedem Tritt Ihres Pferdes „Ja, ja, ja!“ denken können anstatt: „Das ist ganz okay, fast, so ungefähr.“ Vielleicht sind Sie der Meinung, dass das zu kritisch gedacht ist oder zu anstrengend. Der Schlüssel liegt in der Wahl Ihres Bildes. Ich kann ein sehr undifferenziertes Bild wählen: „Lass uns einfach über das Feld traben, so schnell oder langsam, wie du willst, ungefähr Richtung Norden.“ In dem Fall werde ich nicht eingreifen, wenn mein Pferd genau dies tut. Pferde wollen nur wissen, was sie tun sollen. Es ist unsere Aufgabe, ihnen das so klar wie möglich zu vermitteln.

 

 

 

Das Raumschiff

Hier ist ein interessanter Vergleich dafür, wie das Nachgeben/Gewährenlassen in dieser Übung aussehen sollte: Stellen Sie sich vor, Sie sind in einem Raumschiff. Die Tür öffnet sich und Sie schicken Ihr Pferd hinaus ins Weltall. Beim Durchschreiten der Tür strengt es sich an. Aber einmal in Bewegung versetzt, fliegt ein Gegenstand (oder Pferd) im Weltall so lange weiter, bis er von außen gestoppt wird (weil es im All keine Reibung gibt). Sie haben Ihr Pferd freigelassen. Es fühlt sich nicht angetrieben. Es fühlt sich nicht festgehalten. Es sollte sich so fühlen, als ob Sie gerade verschwunden wären und es in keiner Weise beeinflussen (wie ein Passagier). Wenn ein Pferd sich der Energie öffnet, dann wird es sich auf diese Weise frei fühlen. Diese Art der freien Vorwärtsbewegung ist sehr wichtig für die Entwicklung Ihres Pferdes zu einem gymnastizierten und glücklichen Athleten.

In dieser Übung werden Sie dem Pferd folgen, ihm mehr Seil geben, mit ihm mitrennen und es sogar loslassen – was immer notwendig ist, um es nicht zu behindern. Je mehr Sie jetzt „verschwinden“ können, mit desto mehr Selbstvertrauen wird das Pferd seine Energie steigern, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Energie mit Entspannung gepaart sein wird (Kraft), und desto besser wird es Sie verstehen, wenn Sie sich ihm über die Entspannung und das Hineinschmelzen ins Halten mitteilen.

 

Übung 6: Energie – Reiten

Diese Energieübung beim Reiten funktioniert genauso wie die Übung am Seil. Ich überprüfe zuerst, ob mein Pferd entspannt ist. Dann nehme ich Haltung an, stelle mir die Energie vor, fühle die Energie, schicke die Energie durch meinen Sitz und bleibe, wenn nötig, beharrlich und unterstütze meine Aufforderung. Im Augenblick der größten Anstrengung gebe ich nach/folge/lasse gewähren. Ich mache Platz, dann schmelze ich ins Halten hinein, bevor mein Pferd denkt, es müsste so weitermachen. Ich warte und überprüfe, ob es sich vollkommen entspannen kann.

 

Einige Überlegungen während des Reitens:

·Während Sie Ihr Pferd gewähren lassen, müssen Sie sportlich genug sein, um alles mitzumachen, was es Ihnen anbietet.
Tun Sie alles, um bei ihm zu bleiben und ihm das Gefühl von Freiheit zu geben. Seien Sie je nach Pferd vorsichtig, was Sie verlangen! Wenn Sie glauben, dass sich bei Ihrem Pferd ein hohes Energielevel zunächst in einem Bocksprung äußern wird, Sie aber nicht glauben, dass Sie diesen aussitzen können, dann bitten Sie nicht darum! Wenn Sie davon ausgehen, dass Sie oben bleiben, dann müssen Sie in einer sportlichen Haltung sitzen, um mitgehen zu können und zu sagen: „Danke für all diese Energie!“ Versuchen Sie zu unterscheiden zwischen spielerischem Übermut, der sich in einem großen rollenden Buckler äußert, und widersetzlichem Bocken, bei dem Ihr Pferd die Energie noch nicht losgelassen nach vorn fließen lässt, sondern rodeoartige Sprünge vollführt.

·Stellen Sie sicher, dass Sie ins Halten hineinschmelzen/sich hineinentspannen können (siehe die Entspannungsübung), anstatt Ihr Pferd einfach auszubremsen oder eine aktive Parade zu benutzen. Was ich hier zu beschreiben versuche, fühlt sich an wie ein Nachgeben, nicht wie ein Anhalten. So wie ein Sportler, der die Ziellinie überquert hat oder wenn eine Auszeit ausgerufen wird. Wenn Sie Ihr Pferd stoppen, werden Sie ein Verhaltensschema schaffen, das aus Höhepunkten der Aktivität besteht, gefolgt vom Tritt aufs Bremspedal, und bald wird Ihr Pferd weder vorwärtsgehen noch sich entspannen wollen. Nicht: „Geh und dann halt an“, ist gefragt, sondern: „Würdest du gehen?“ (Pferd antwortet: „Ja.“) …
„Oh, danke, ich wollte nur mal sehen!“ Ihr Pferd muss sich vollkommen frei fühlen, sobald es den maximalen Einsatz bringt, und genau in diesem Moment wird ein guter Freund es am Rücken berühren und ihm sagen, wie perfekt es ist und dass es sich entspannen kann. Es ist die Entspannung, die die Energie beim nächsten Mal sogar noch besser durchkommen lässt.

 

 

 

Wenn ich vom „Unterstützen meiner Bitte“ oder vom „Beharrlich-Bleiben“ spreche, meine ich damit, dass ich mit einem Gedanken und der leisesten Andeutung beginne. Das ist die größte Hilfe, die ich im Idealfall anwenden möchten. Ich bilde meine Pferde gern so aus, dass ich sie noch reiten kann, wenn ich 100 Jahre alt bin und Arthrose habe, daher ist diese Hilfe sehr leicht! Reagiert das Pferd nicht sensibel auf die Bitte, dann vergrößere ich den motivierenden Druck so lange, bis es antwortet. (Wenn es gerade erst lernt, was es tun soll, dann nimmt der Druck in gleichmäßigen Intervallen langsam zu. Wenn ich etwas verstärke, das es schon versteht, dann steigt der Druck schnell an, nachdem ich sicher bin, dass es die Gelegenheit hatte, die leichte Anfrage zu fühlen.) Ich wiederhole dies so lange, bis zwei Dinge passieren. Erstens: Das Pferd antwortet so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Und zweitens: Wenn ich das nächste Mal nachfrage, folgt es meiner leisesten Bitte. Ich lasse nie eine starke Hilfe im Raum stehen. Ich tue mein Bestes, das Pferd mit einer erfolgreichen Ausführung der Lektion in Leichtigkeit zu entlassen. Das Parelli-Programm definiert und beschreibt die stufenweise Anwendung von Hilfen und deren Timing ganz ausgezeichnet.

 

 

 

Sobald Sie dies erreicht haben, können Sie den Erhalt des Energielevels in Ihr Spiel miteinbeziehen. Nehmen Sie sich Zeit, um diese Kommunikationsdynamik aufzubauen, und üben Sie nur das „Testen des Gaspedals“. Sie werden staunen, wie leicht Ihr Pferd bereit sein wird, das Energielevel immer länger aufrechtzuerhalten. (Sofern Sie in der Lage sind, Ihr Bild länger und länger aufrechtzuerhalten!) Denken Sie daran, dass die Kommunikation über Energie so gut etabliert sein muss, dass wir sehr kleine, unmittelbare Veränderungen vornehmen können. Das Pferd muss in der Lage sein, unsere Mitteilung auch während einer komplizierten Lektion wahrzunehmen.

 

 

 

Wir lernen, im Augenblick der größten Anstrengung nachzugeben. Bei allem, was wir mit unserem Pferd tun, müssen wir ihm beweisen, dass es immer eine Möglichkeit hat, etwaigen Druck abzubauen, dass es immer einen Ort gibt, an dem es Erleichterung findet. Später, wenn wir sofort die maximale Anstrengung vom Pferd bekommen, aber nicht unmittelbar nachgeben … können Sie sich vorstellen, dass das Pferd dann vielleicht denkt: „Hm, mein Mensch hat diese Anstrengung nicht bemerkt. Ich strenge mich noch offensichtlicher an, damit sogar mein Mensch es sehen/fühlen kann!“ Damit haben wir eine Situation geschaffen, in der das Pferd sich immer mehr anstrengt. Natürlich kommt das daher, dass wir in 80 Prozent der Fälle nur überprüfen, ob es dazu bereit wäre, und es nur in 20 Prozent der Fälle tatsächlich in Anspruch nehmen. Haben Sie schon mal Geld in einen Getränkeautomaten geworfen und nicht das bekommen, was man Ihnen schuldete? Haben Sie den Knopf dann mehrmals hintereinander gedrückt? Das ist der gleiche Gedanke: Wenn das Pferd sich anstrengt und weiß, dass es eine Belohnung (Nachgeben) verdient hat, aber es bekommt sie nicht, dann wird es seine Anstrengung noch einmal wiederholen, vielleicht stärker. Wenn wir es allerdings nie belohnen, dann wird es frustriert werden, und wenn wir es immer sofort belohnen, hat das möglicherweise zur Folge, dass wir eine Obergrenze für seine Leistungsbereitschaft etablieren. Die Balance zu halten ist das Geheimnis. Der andere Vorteil, den wir besitzen, ist die Tatsache, dass Pferde sich gern bewegen, und wenn wir es schaffen, dass sie sich in ihrer Bewegung frei fühlen, dann werden sie immer wieder Bewegung anbieten.

 

 

 

Jetzt können Sie mit Ihrem Pferd spielen gehen – mit Übungen zu Entspannung und Energie. Sie können ganz sicher 100 Prozent Ihres Bildes in dieser ersten Einheit erreichen. Versuchen Sie’s! Und wählen Sie Ihr Bild klug aus.

 

Beibehalten der Energie

Hier ist eine Übung zum Beibehalten der Energie. Ziel ist dabei, ein Energielevel festzulegen und dann eine aktive Neutralposition einzunehmen, um dieses Energielevel bis auf Weiteres beizubehalten. Es ist eine einfache Idee, die aber voller Konzentration bedarf.

Aktive Neutralposition: Die aktive Neutralposition ist ein sehr wichtiges Konzept. Man teilt seinem Pferd dadurch mit, dass es unverändert weitermachen soll. Es ist eine Stille, bei der die Energie und die Konzentration beibehalten werden. Ich führe es hier unter dem Kapitel Energie ein, aber das Konzept trifft auf alles zu, was man mit dem Pferd beibehalten will. Die aktive Neutralposition ist der Zustand, in dem man sich befindet, wenn man nichts ändern möchte; aber dennoch muss man vielleicht etwas tun, um das Pferd nicht zu stören (zum Beispiel auf solche Weise leichttraben, dass man das Tempo nicht verlangsamt). Man muss sich immer bewusst sein, in welchem Zustand man sich befindet:

 

·Entspannung: Energie auflösen

·Haltung annehmen: Mach dich bereit!

·Aktive Einwirkung: Eine Anforderung stellen und diese, wenn nötig, unterstützen/beharrlich verfolgen.

·Aktive Neutralposition: Innere Einstellung und Körpersprache lassen das Pferd gewähren.
Sie stören nicht beim Beibehalten des Geforderten.

 

Man kann beim Reiten in bestimmter Hinsicht in Neutralposition sein, während man in anderer Hinsicht das Pferd um etwas bittet. Man ist beispielsweise in der aktiven Neutralposition, um die gleiche Richtung beizubehalten, während man aktiv vorschlägt, die Gangart zu wechseln.

 

 

 

„Neutral“ und „aktiv neutral“ sind im Wesentlichen dasselbe. Ich verwende gern den Ausdruck aktiv neutral, um Schüler daran zu erinnern, dass wahrscheinlich etwas Aktives in ihnen passiert. Sie konzentrieren sich auf etwas oder machen eine Bewegung, auch wenn sie nur mit dem Pferd mitgehen, es sei denn, sie wollen, dass ihr Pferd einfach stillsteht. Am Seil oder im freien Spiel kann sich „neutral“ fast wie nichts anfühlen, aber sobald wir beim Reiten auf dem sich bewegenden Pferd sitzen, müssen wir etwas Sportliches tun, um zu verhindern, dass wir wie Stoffpuppen hinunterfallen. „Neutral“ und „aktiv neutral“ haben gemeinsam, dass wir nichts anderes möchten als das, was das Pferd anbietet. Wir sind weder am Drücken noch am Betteln, Wünschen oder Halten.

 

 

 

Die aktive Neutralposition ist ein sehr wichtiges Konzept. Man teilt seinem Pferd dadurch mit, dass es unverändert weitermachen soll. Es ist eine Stille, bei der die Energie und die Konzentration beibehalten werden.

 

Hier ist mein Bild dazu:

Ich kann meinem Pferd jedes Energieniveau anweisen, und solange ich mich auf diese Energie konzentriere, wird es das Gleiche tun und sie beibehalten. Ich werde nicht drücken, nicht halten oder mir irgendetwas anderes wünschen, da wir uns in vollkommener Harmonie befinden, auf genau dem Energieniveau, das ich mir vorstelle.

 

Bei dieser Übung geht es ebenso sehr darum, Ihr Konzentrationsvermögen zu verbessern, wie darum, dass Ihr Pferd etwas lernt. Diese bestimmte Form der Konzentration, die für diese Übung notwendig ist, wird Ihnen in vielen Bereichen Ihrer Reiterei helfen. Diese Übung kann am Seil oder unter dem Sattel gemacht werden. Ich beschreibe sie jetzt für das Reiten.

Übung 7: Aktiv neutral

1.Finden Sie einen Trab, der für Sie und Ihr Pferd schon auf Dauer angenehm ist. Wenn Sie ihn haben, überlegen Sie: Wo würde ich das Energielevel dieses Trabs auf einer Skala von 1 bis 10 einordnen (wobei 1 für fast keine Energie steht und 10 für die größte Energie, die Sie sich vorstellen können)? Die Zahl an sich spielt keine Rolle. Es gibt keinen richtigen oder falschen Wert. Die Zahl ist nur eine Bezugsgröße und muss für Sie nur in diesem Augenblick Sinn machen.

2.Prägen Sie sich ein, wie sich diese Energie anfühlt. Prägen Sie sich das Gefühl des ganzen Pferdekörpers ein.

3.Während Sie Ihre Runden drehen, fragen Sie sich nun: „Ist dies noch immer eine __? Stellen Sie sich diese Frage häufig (alle paar Tritte). Nehmen Sie es dabei sehr genau. Eine 4,5 ist keine 4. Dasselbe gilt auch für eine 3,75. Konzentrieren Sie sich nur darauf!

4.Wenn Sie die Frage mit „Ja“ beantworten können, vergewissern Sie sich, dass Sie sich in der Neutralposition befinden. Hat sich das Energieniveau jedoch verändert, müssen Sie etwas tun! Neutral bedeutet, dass Sie weder mit den Schenkeln treiben noch mit den Händen halten oder das Gefühl haben, dass Sie die Energie weitertragen müssen oder sich sogar wünschen, dass das Pferd anders wäre, als es ist. In Ihrem Körper wird Aktivität stattfinden und Sie werden mitgehen, aber auf eine Weise, die die Bewegung nährt.

5.Erhält Ihr Pferd das von Ihnen gewählte Energielevel aufrecht, toll! Sie haben es! Harmonie!

6.Ändert es das Energielevel, fordern Sie es zu einer Korrektur auf, und sobald Sie wieder das angestrebte Energielevel fühlen, kehren Sie zur aktiven Neutralposition zurück. Es gibt dabei ein paar Dinge zu beachten. Zunächst müssen Sie sich selbst überprüfen und sicherstellen, dass nicht Sie das Problem auslösen (vielleicht sind Sie hinter der Bewegung und das Pferd wird deshalb langsamer, oder vielleicht sind Sie nicht entspannt genug, wodurch das Pferd schneller wird). Suchen Sie immer nach der perfekt „neutralen“ Weise des Auf-dem-Pferd-Seins, die zu dem beiträgt, was Sie von Ihrem Pferd verlangen.

7.Entlassen Sie das Pferd aus der Übung, wenn Sie das Gefühl haben, dass es selbst die Verantwortung übernimmt, das angestrebte Ziel beizubehalten. Natürlich ist das höchste Ziel, dass das Pferd das von Ihnen anvisierte Energielevel ewig aufrechterhält. Aber in der Realität müssen wir dennoch alle Anstrengungen auf diesem Weg anerkennen.
Wenn das Pferd anfänglich nur vier Tritte, nachdem Sie zur Neutralposition übergegangen waren, etwas veränderte und es dann letztendlich zehn Tritte durchhält, sollte Ihnen das fürs Erste genügen. Wenn Ihr Pferd immer an einer bestimmten Stelle der Bahn langsamer geworden ist und das nun nicht mehr tut, dann seien Sie damit erst einmal zufrieden (machen Sie eine Pause, lassen Sie Ihr Pferd ausruhen). Denken Sie daran, jeden Erfolg anzuerkennen!

Sie können sich von einem Freund helfen lassen, der Ihnen folgende Fragen stellt, während Sie dieses Spiel spielen:
„Welches Energielevel willst du?“
„Hast du dieses Energielevel gerade?“
„Bist du in Neutralposition?“
„Ist es noch das gleiche Energielevel?“

 

Wir sollten immer nach der perfekt „neutralen“ Weise des Auf-dem-Pferd-Seins suchen, die zu dem beiträgt, was wir von unserem Pferd verlangen.

 

Eine Regel: Sie dürfen nur mit „Ja“ antworten. Wenn „Ja“ nicht zutrifft, dann dürfen Sie nicht „Nein“ sagen, sondern Sie müssen etwas tun, damit ein „Ja“ daraus wird. Streben Sie das „Ja“ an. Sie sollten nicht herumreiten und denken: „Das ist nicht das, was ich wollte … na gut.“ Weil Sie die vorangegangenen Übungen erfolgreich absolviert haben, können Sie nun die Veränderungen vornehmen, die Sie brauchen. Wenn Sie etwas verändern wollen und es klappt nicht, dann müssen Sie zu den vorherigen Entspannungs-/Energieübungen zurückkehren und die Antwortbereitschaft Ihres Pferdes verbessern!

 

Zusatztipp: Vielleicht machen Sie alles „perfekt“ und Ihr Pferd möchte trotzdem etwas verändern. Dann benutzen Sie ein wenig Psychologie. Schießen Sie beim Vornehmen der Veränderung über das Ziel hinaus. Hier ein Beispiel: Sie wollen das Energielevel 5. Wenn Sie in Neutralposition gehen, wird das Pferd vielleicht langsamer. Sobald Sie dies bemerken (warten Sie nicht, bis Sie bei einer 2 angelangt sind; wenn Sie es bei einer 4,5 bemerken, dann unternehmen Sie gleich etwas), zeigen Sie Ihrem Pferd, wie sich eine 6 oder 7 anfühlt, und dann lassen Sie es sich wieder bis zur 5 entspannen. Aber wenn es unter die 5 fällt, dann werden Sie sofort wieder aktiv. Das Pferd wird bald herausfinden, dass 5 das niedrigste Energielevel ist, bei dem es Sie noch in „Neutralposition“ halten kann! Das Gleiche trifft zu, wenn Sie ein Pferd haben, das sich aufzieht. Sobald Sie bemerken, dass es über eine 5 hinausgeht, fahren Sie es auf eine 3, 2, 1 oder 0 herunter oder was immer Sie brauchen, um dem Pferd Ihre Vorstellung klarzumachen. Dann erlauben Sie ihm, die Energie wieder bis zum anvisierten Niveau aufzubauen. Für dieses Pferd wird 5 der höchste Wert sein, den es haben darf, während Sie noch „neutral“ sind. Das Pferd hat sich am Prozess beteiligt und hat das Spiel gewonnen, indem es herausgefunden hat, welches Energieniveau seinen Menschen dazu bringt, auf angenehme Weise mit der Bewegung mitzugehen.

Übung 8: Übergänge innerhalb einer Gangart

Wählen Sie unterschiedliche Energielevels. Nehmen Sie die Balance, die Entspannung und andere positive Eigenschaften des Pferdes bewusst wahr. Bei welchem Energielevel fühlt sich Ihr Pferd „am besten“ an? Behalten Sie im Hinterkopf, dass verschiedene Eigenschaften bei verschiedenen Energielevels zum Tragen kommen werden. Bei 4 ist Ihr Pferd vielleicht entspannt genug, um sich zu dehnen, aber bei 6 fühlt es sich aktiver und fleißiger an. Bei extrem hoher oder niedriger Energie hat Ihr Pferd möglicherweise Schwierigkeiten, sein Gleichgewicht zu halten, und es fällt vielleicht aus der Gangart aus. Nehmen Sie nur Notiz davon und spielen Sie damit.

Übung 9: Übergänge von der „besten“ Energie in einer Gangart zur „besten“ Energie in einer anderen Gangart

Während Sie sich in einer Gangart befinden, denken Sie an die nächste, dann überprüfen Sie, ob Sie noch immer im „besten“ Bereich der ersten Gangart sind. Wenn Sie Ihr „Bestes“ fühlen UND ein inneres Bild von der nächsten Gangart haben (das nur noch auf die Umsetzung wartet), dann gehen Sie zu ihr über und beobachten, wie viele Tritte vergehen, bevor Sie sagen können: „Ja, das ist mein inneres Bild.“ Sie müssen in der Lage sein, an die nächste Gangart zu denken, aber dabei weiterhin die gegenwärtige zu reiten. Ich nenne das die „Trennung von Gehirn und Hintern“. Irgendwann werden Sie das Gefühl bekommen, dass die nächste Gangart schon drinsteckt und nur darauf wartet, herausgelassen zu werden, und wenn Ihr Gefühl richtig ist, dann werden die Übergänge zwischen den Gangarten fließend verlaufen.

 

Sie können später nur das führen, dem Sie auch folgen können.

 

Diese Übungen erfordern eine hohe Konzentration. Sie werden nicht den vollen Nutzen bekommen, wenn Sie sich nicht voll konzentrieren. Falls Sie merken, dass Sie unkonzentriert werden, dann machen Sie eine Pause!

Wie Sie sehen, fordern wir die Konzentration auf das Energielevel, aber das Tempo und die Länge/Form der Tritte wird sich wahrscheinlich ebenfalls ändern. Hierbei handelt es sich eigentlich um verschiedene Dialoge. Wir können das Tempo ändern, während wir dieselbe Trittlänge beibehalten, und wir können die Trittlänge ändern, während wir dasselbe Tempo beibehalten. Beobachten Sie und folgen Sie dem, was Ihr Pferd anbietet, wenn Sie mit der Energie spielen, denn Sie können später nur das führen, dem Sie auch folgen können. Dies ist nur der Anfang! (Siehe den Essay über 9 + 1 Dialoge in Teil III.)

Balance

Das Pferd befindet sich in Balance, wenn sein Körper so positioniert ist, dass die Bewegungen am entspanntesten, effizientesten, freiesten und daher am kraftvollsten sind. Es handelt sich hier um ein athletisches Gleichgewicht. Stellen Sie sich einen Tennisspieler vor, der im Begriff ist, einen Aufschlag zu parieren. Er ist im Gleichgewicht, aber er steht nicht einfach nur da. Er nimmt eine dynamische Haltung ein, aus der er gleichermaßen nach links oder rechts, vorwärts- oder rückwärtsgehen kann. Das ist die Art von athletischer Balance, die wir mit unserem Pferd erreichen wollen. Aber genau wie der Tennisspieler vielleicht 100 Rückhandschläge hintereinander, gefolgt von 100 Vorhandschlägen hintereinander übt, so müssen wir auch einige konkrete Veränderungen des Gleichgewichts mit unserem Pferd üben, um herauszufinden, wo die Mitte ist.

 

 

 

Eine neue Schülerin kam zum Unterricht. Sie schickte ihr Pferd am Seil auf den Zirkel und innerhalb von zwei Runden fiel das Pferd hin. Ich dachte, es sei ein unglücklicher Ausrutscher. Sie schickte das Pferd wieder hinaus auf den Zirkel, und bald darauf wurde das Pferd erneut impulsiv, stolperte und fiel noch mal hin. Ich fragte sie, ob sie das Pferd schon reiten würde, und sie sagte: „Oh ja, aber er braucht viel Hilfe, um im Gleichgewicht zu bleiben.“ Da hatte sie sicherlich recht!

Meiner Meinung nach war das Letzte, was das Pferd brauchte, jemanden, der es ausbalancierte. Es musste herausfinden, wie es sich selbst helfen kann. Ich baute das auf, was ich als „Gerümpelzirkel“ bezeichne: Ich werfe wahllos diverse ungefährliche Gegenstände in ein Areal (zum Beispiel Verkehrshütchen, Plastikfässer, Stangen). Wenn dieses Areal noch dazu abschüssig ist, umso besser! Dann schicke ich das Pferd am Seil auf den Zirkel. Es darf sich seinen Weg und sein Tempo aussuchen. Es darf anhalten, langsamer gehen und den Weg nehmen, den es möchte.

Dieses Pferd schaute nicht hin. Es rannte hinaus auf die Zirkellinie und war schockiert, als ihm diese Gegenstände im Weg waren. Es benahm sich, als kämen die Gegenstände auf es zu, und es war hilflos. Es stolperte, strauchelte und scheute. Erst nach einer Weile fing das Pferd an zu denken und sich selbst zu helfen. Schließlich versammelte es sich mental, emotional und physisch genug, um sich in einem lebhaften Trab selbstbewusst seinen Pfad durch das Labyrinth zu bahnen. Am nächsten Tag gelang ihm das innerhalb von fünf Minuten. Die Schülerin ritt anschließend und sagte, ihr Pferd sei besser ausbalanciert gewesen als je zuvor.

Suchen Sie immer nach Wegen, die es dem Pferd erlauben, sich selbst zu helfen. Je mehr wir unser Pferd „beschützen“ oder es zusammenhalten, desto weniger ist es in der Lage, dies selbst zu tun. In der Dressur existiert viel Wissen darüber, wie wir dem Pferd „helfen“ können, sich auszubalancieren. In diesem Anfangsstadium der Dressur ist es äußerst wichtig zu erkennen, dass es manchmal unsere Versuche zu „helfen“ sind, die das Pferd letztendlich daran hindern, sein Bestmögliches zu erreichen.

 

 

 

Diese Art von athletischem Gleichgewicht lässt sich auf natürliche Weise schulen, indem wir unseren Pferden Gelegenheiten bieten, sich selbst auf die Probe zu stellen. Pferde, die Zugang zu unterschiedlichem Terrain und Untergründen haben, besitzen diese Gelegenheiten. Je weniger das Pferd seine Balance selbst findet, desto mehr werden Sie sie ihm vermitteln müssen. Ich werde zwar schreiben, wie Sie sich darüber verständigen können, aber Sie müssen immer nach Möglichkeiten suchen, Ihrem Pferd zu erlauben, seine Balance selbst zu finden (siehe Kasten).

Auch mit einem von Natur aus gut ausbalancierten Pferd wollen wir uns über Verschiebungen der Balance verständigen können, sei es seitwärts, um den Körper auszurichten, oder in Längsrichtung, um das Gewicht von vorn nach hinten zu verlagern.

 

·In seitlicher Ebene (rechts/links) können Pferde unausbalanciert sein, indem nicht alle vier Beine auf demselben Hufschlag gehen. Wir wollen in der Lage sein, die Beine in die richtige Spur zu bringen.

·Ebenfalls in seitlicher Ebene können Pferde zwar mit allen vier Beinen auf einem Hufschlag gehen, aber ihr Körper (Rippen oder Hals) ist schief. Wir wollen in der Lage sein, ihr Körpergewicht richtig zu verteilen.

·In Längsrichtung tragen Pferde von Natur aus mehr Gewicht auf der Vorhand. Wir wollen in der Lage sein, ihnen zu signalisieren, dass sie ihr Gewicht nach hinten verlagern sollen, was einige Lektionen erleichtert. Wir wollen ihnen auch mitteilen können, wann sie ihr Gewicht wieder nach vorn verlagern dürfen. Die Gewichtsverlagerung nach hinten erreichen wir, indem wir die Masse unseres Pferdes rückwärts auf die Hinterbeine verschieben, um den Hals oder die Schultern anzuheben.

 

 

Abbildung 10:

A:Einige Möglichkeiten, wie Ihr Pferd auf einem Zirkel falsch ausgerichtet sein kann.

B:Ein geradegerichtetes Pferd auf dem Zirkel.

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Abbildung 11:

Das Pferd verlagert sein Gewicht nach hinten-oben, um sich mehr auf der Hinterhand zu tragen. Die Pfeile zeigen, wohin das Gewicht geht. Bergaufbalance ist eine Kombination aus leichter werdender Vorhand und sich senkender und vermehrt unter den Körper tretender Hinterhand.

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Ausrichten der Hufe und des Pferdekörpers auf der Hufschlagfigur

Genau wie Menschen haben auch Pferde eine starke und eine schwache Seite. Sie neigen dazu, ihre Kruppe in Richtung des stärkeren Hinterbeins zu tragen. Das ist die Seite, auf der sie in der Regel steifer sind oder sich weniger gut biegen können. Auf dieser Seite fühlen sie sich schwerer in der Hand an, aber das hat nichts mit dem Maul zu tun. Es kann verwirrend sein, das Pferd zu analysieren und herauszufinden, wie man seinen Körper platzieren soll, um die richtige Ausrichtung zu erreichen. Schüler fragen sich oft: „Ist es das? Ist das richtig?“ Die folgenden Übungen für die Ausrichtung basieren auf zwei Prinzipien:

1.Ausrichtung bedeutet Gleichgewicht, und Gleichgewicht fühlt sich angenehm an.

2.Ausrichtung ist die Position zwischen allen schiefen Positionen.

 

Mit Übung 10 sollen Sie ein Gefühl für das Konzept der Grundausrichtung bekommen. Die Übungen 11, 12 und 13 konzentrieren sich auf verschiedene Aspekte dieses Gedankens.

Übung 10: Die Grundausrichtungsübung

Irgendwo zwischen der schiefen Position meines Pferdes und der dazu spiegelbildlichen Haltung befindet sich ein Ort des Ausgerichtetseins.

 

Irgendwo zwischen der schiefen Position meines Pferdes und der dazu spiegelbildlichen Haltung befindet sich ein Ort des Ausgerichtetseins. Diese Position wird sich insgesamt ausbalancierter anfühlen. Indem man die Hinterbeine besser ausrichtet, schafft man mehr Engagement und dadurch ein besseres Gleichgewicht auf der Längsachse. Ein ausbalanciertes Pferd kann sich mehr entspannen, was der Energie erlaubt, freier durch das Pferd hindurchzufließen. Es wird die Gelegenheit erhalten, diesen Ort des Ausgerichtetseins während des Nachgebens zu fühlen, was ihm die beste Chance zur Selbsthaltung bietet.

 

Nur mein Pferd weiß wirklich, wo dieser Ort liegt, obwohl ich vielleicht eine gute Vorstellung davon habe. Und im Verlauf der Arbeit werde ich natürlich von meinem Pferd lernen, was es braucht, um sich besser zu fühlen, sodass meine Vorstellung im Lauf der Zeit immer präziser wird.

 

Hier ist mein Bild:

Ich bewege mich mit meinem Pferd auf einem Zirkel. Am Seil positioniere ich mich irgendwo zwischen der Gurtlage und der Hinterhand. Ich fühle, dass mein Pferd sich bewegt, und ich folge ihm, obwohl wir zu 100 Prozent verbunden sind. Von meiner Position aus kann ich seinen ganzen Körper beobachten und fühlen. Ich beginne damit, steife und weiche Stellen seines Körpers zu registrieren. Dann beeinflusse ich die einzelnen Körperteile, indem ich überprüfe, ob ich sie durch meine Konzentration und gleichmäßigen Druck bewegen kann, wenn ich nahe beim Pferd bin, beziehungsweise mit rhythmischem Druck, wenn ich weiter weg bin. Ich kann jeden Körperteil auf dem Zirkel nach außen bewegen und ich kann die Schultern mithilfe des Seils nach innen dirigieren. Ich beeinflusse das Pferd so, dass es die Gelegenheit erhält, für einen kurzen Moment das Gegenteil seiner Schiefe zu erfahren. Ich möchte es fragen: „Wie fühlt sich das an?“ Ich wiederhole die Übung, bis ich Anzeichen dafür erkenne, dass es eine bessere Balance fühlen kann. Zeichen dafür, dass ein Pferd sich gerader fühlt, sind:

 

·Dehnen der Oberlinie

·Schnauben

·Lecken der Lippen

·Tiefere Atmung

·Freiere Bewegungen

·Gleichmäßigeres Tempo

·Gähnen

·„Schwingungen“ der Wirbelsäule

 

Wenn mein Pferd dieses verbesserte Gleichgewicht gefunden hat, dann lasse ich es völlig in Ruhe und erlaube ihm, die neuen Empfindungen zu erkunden, solange es darüber nachdenkt. Ich mache mich in diesen Momenten so gut wie möglich unsichtbar. Wenn ich das Pferd erinnere, kann das durch ein so geringfügiges Signal geschehen wie ein Blick auf einen bestimmten Körperteil, und irgendwann sucht es selbst nach diesem Gefühl und erforscht es auch selbst. Es konzentriert sich in positiver Weise auf sich selbst, da es über seinen eigenen Körper nachdenkt. Es ist ruhig, frei und voller Energie. Ich sehe wahrhaftig das Bild eines losgelassenen Pferdes. Es ist frei in seinem Geist, seinen Emotionen und seinem Körper.

Beim Reiten ist es dasselbe. Ich habe die Kommunikationsmöglichkeiten, die notwendig sind, um mein Pferd zum Ausprobieren verschiedener Positionen einzuladen: Kruppe nach rechts oder links, Schultern nach rechts oder links, Biegung nach rechts oder links, den Zirkel vergrößern oder verkleinern. Irgendwo zwischen diesen Stellungen finden wir gemeinsam das optimale Gleichgewicht, das gekennzeichnet ist durch Leichtigkeit, einen regelmäßigen Takt und Losgelassenheit. Mein Pferd wird anbieten, sich zu dehnen, wenn es sich dafür ausbalanciert genug fühlt. Ich weiß, dass es eine wertvolle Position ist, weil es in ihr im Gleichgewicht bleiben kann. Ich zwinge ihm diese Stellung aber nicht auf. Ich erlaube ihm, mit dem Hals in einer so hohen Aufrichtung zu experimentieren, wie es nötig ist, um die Balance zu finden.

 

Anfangs beeinflusse ich das Pferd, gebe dann nach, woraufhin es sich dehnen wird. Später beeinflusse ich das Pferd und es wird die Dehnung finden können, während der Druck anhält, anschließend gebe ich nach. Letztendlich erlangt es dadurch die Fähigkeit, jederzeit Freiheit innerhalb seines Körpers zu finden und sich völlig locker und „durchlässig“ zu fühlen, auch wenn es versammelt ist oder unter Druck steht.

Wir beeinflussen das Pferd in seitlicher Richtung (wir bewegen seinen Körper oder einen Teil davon auf irgendeine Art und Weise seitwärts), um eine Veränderung der Ausrichtung herbeizuführen, und das wirkt sich wiederum positiv auf die Längsachse aus. Dieses Prinzip allein kann helfen, einige der häufigsten Schwierigkeiten zu verhindern, denen Dressurschüler begegnen, wenn sie versuchen, das Pferd „vorwärts an das Gebiss heranzureiten“. Es ist ein häufiges Problem, dass Reiter bei dem Versuch, die gewünschte Haltung herzustellen, mit ihrem Pferd in einem Teufelskreis von gleichzeitig „vorn festhalten und hinten vorwärtsschieben“ stecken bleiben, bei dem die Hilfen miteinander kollidieren. Die folgenden Übungen werden dieses Problem verhindern.

 

So fängt man an:

 

Es ist vor allem wichtig, dass das Pferd im Halten auf leichtesten Druck in alle Richtungen ausgezeichnet nachgibt. Das muss sich mehr und mehr wie ein Tanz anfühlen und immer weniger, als ob man einen Karton voller Backsteine über einen Tisch schiebt!

 

 

 

Simulation:

Sie brauchen einen Pappkarton, einen Tisch, ein paar Backsteine (oder etwas von vergleichbarem Gewicht) und einen Ball (am besten aufblasbar, mit mindestens 25 Zentimetern Durchmesser).

 

1.Stellen Sie den Karton auf den Tisch und legen Sie die Backsteine (oder etwas anderes Schweres) hinein.

2.Signalisieren Sie dem Karton, sich zu bewegen (später fordern Sie ihn dazu auf, dann befehlen Sie es ihm, dann sorgen Sie dafür). Stellen Sie sich vor, der Karton wäre Ihr Pferd.

 

Es wird Ihnen hoffentlich klar sein, dass dies nicht ein Beispiel dafür ist, wie unser Pferd sich anfühlen soll, wenn wir ihm signalisieren, seine Körperteile zu bewegen!

 

1.Stellen Sie den leeren Karton auf den Tisch.

2.Signalisieren Sie dem Karton, sich zu bewegen (fordern Sie ihn dazu auf, befehlen Sie ihm, sorgen Sie dafür).

 

Das fühlt sich wahrscheinlich gar nicht so schlecht an, aber Sie werden wahrscheinlich feststellen, dass Sie nur das herausbekommen, was Sie vorher hineingesteckt haben.

 

1.Legen Sie den Ball auf den Tisch.

2.Signalisieren Sie dem Ball, sich zu bewegen (fordern Sie ihn dazu auf, befehlen Sie ihm, sorgen Sie dafür).

 

Sie haben hoffentlich bemerkt, dass Sie nur sehr wenig getan haben und der Ball sich sehr stark bewegt hat. So sollen sich auch unsere Pferde anfühlen!

 

Nun versuchen Sie Folgendes:

 

1.Legen Sie den Ball auf den Tisch.

2.Signalisieren Sie dem Ball, sich zu bewegen, aber bewegen Sie dazu nicht einmal Ihre Hand – versuchen Sie, nur Ihre Energie, Ihr Chi, aus Ihrer Körpermitte heraus zu verwenden. Wenn Sie nicht wissen, was ich damit meine, können Sie Ihre Hand auf den Ball legen und husten. Dann versuchen Sie, ob Sie die aus Ihrer Körpermitte kommende Energie anzapfen und durch Ihre Hand lenken können.

 

Wenn Sie mit Ihrem Pferd spielen, fragen Sie sich ab und zu mal: „Fühlt sich mein Pferd wie ein Karton voller Backsteine an oder wie ein leerer Karton oder wie ein Ball?“

 

Übung 11: Der „Whoosh“ (eine vorbereitende Übung) am Seil und unter dem Reiter

Um die Ausrichtung des Pferdes verändern zu können, müssen Sie in der Lage sein, seine Körperteile so leicht zu beeinflussen, dass Ihre „Korrektur“ keine eigenen, neuen Probleme hervorruft.

 

So wie viele Übungen baut auch diese auf drei Strategien auf:

 

1.Isolieren, trennen, neu zusammensetzen

2.Viel erwarten

3.Nachgeben beim ersten Anzeichen für Bemühungen seitens des Pferdes, um Vertrauen und Bereitwilligkeit aufzubauen

 

Phase 1 des „Whoosh“:

 

1.Überprüfen Sie, ob sich das Pferd beim Weichen aus dem Halten immer noch wie ein „Ball“ anfühlt.
Ich verwende gern das Wort „Whoosh“, um das Gefühl auszudrücken, nach dem ich suche. (Wenn ich von whooshähnlichem oder ballähnlichem Weichen schreibe, ist damit dasselbe gemeint.) Wenn Sie festgestellt haben, dass alles Weichen im Halten whooshähnlich (mit anderen Worten: losgelassen) vonstattengeht, dann probieren Sie, ob Sie dasselbe auch in der Bewegung erreichen können. Zum Beispiel:

2.Gehen Sie im Schritt, denken Sie an ein Weichen, fordern Sie Ihr Pferd dazu auf und erwarten Sie eine 100-prozentige Anstrengung und „Whoosh“-igkeit.

3.Wenn die bestmögliche Anstrengung erreicht ist, entspannen Sie sich und machen eine Denkpause.

4.Fleißiger Übergang zurück in den Schritt.

5.Wiederholen Sie dies, bis Ihr Pferd die Übergänge leicht beherrscht: Schritt – whoosh – entspannen – Schritt.

 

Jeder dieser Schritte ist wichtig!

 

Schritt 1 und 2: Gehen Sie im Schritt, denken Sie an ein Weichen, fordern Sie Ihr Pferd dazu auf und erwarten Sie eine 100-prozentige Anstrengung und „Whoosh“-igkeit. Benutzen Sie die Strategien Konsequenz, zeitliches Aufeinander-Abstimmen verschiedener Phasen und Denkpausen, damit Ihr Pferd lernt, Ihre Absichten vorauszuahnen und besser geistig mitzuarbeiten (siehe Abschnitt über Antizipation).

Schritt 3: Wenn die bestmögliche Anstrengung erreicht ist, entspannen Sie sich und machen eine Denkpause. Alles kommt von der Entspannung und kehrt zu dieser zurück. Die Denkpausen sollten lang genug sein, um Ihrem Pferd für seine Anstrengung zu danken und eventuelle Restspannungen aufzulösen.

Sie werden feststellen, dass das Pferd sich besser entspannt, wenn Sie ihm helfen, schneller erfolgreich zu sein. Ganz gleich, was für einen Druck Sie auch auf das Pferd ausüben, es wird immer etwas geben, was es tun kann, und einen Ort, an dem es Entspannung findet. Dieser Übergang ist genauso wichtig wie der Übergang in das Weichen.

Schritt 4: Fleißiger Übergang zurück in den Schritt. Überrumpeln Sie Ihr Pferd nicht, sondern erhöhen Sie Ihre Energie und vermitteln Sie ihm: „Toll, lass uns weitermachen!“

Schritt 5: Wiederholen Sie dies, bis Ihr Pferd die Übergänge leicht beherrscht: Schritt – whoosh – entspannen – Schritt. Legen Sie Wert auf die Leichtigkeit der Übergänge und darauf, dass Ihr Pferd sich selbst für jeden Übergang vorbereitet. Das ist das Gold!

 

Sie können die gerade beschriebene Übung aus dem Schritt oder dem Trab machen. Sie kann auch im Galopp ausgeführt werden, aber ich würde damit warten, bis Sie sie im Schritt und im Trab wirklich beherrschen. Die verschiedenen Arten des Weichens sollen sich flüssig anfühlen, weil das Pferd sie versteht und sie kommen sieht, sodass es sich physisch darauf vorbereiten kann.

 

Sind Sie in der Lage, die vorige Übung im Schritt und/oder Trab gut auszuführen, dann sind Sie bereit für Phase 2 des „Whoosh“:

1.Gehen Sie im Schritt.

2.Signalisieren Sie Ihrem Pferd, dass es weichen soll (erwarten Sie denselben 100-prozentigen Einsatz, der in Entspannung endet).

3.Sobald Ihr Pferd das Weichen anbietet (in Leichtigkeit, natürlich), unterbrechen Sie es einen Moment lang und lassen das Pferd für ein paar Tritte durch die halb ausgeführte Seitwärtsbewegung hindurch nach vorwärts-seitwärts weiterfließen. Dann beenden Sie die Übung mit einer entspannten Denkpause.

 

Mit anderen Worten könnte Ihr Bild beim Reiten so aussehen: „Gehe an der Bande entlang, weiche mit der Hinterhand um 90 Grad nach innen und mache eine Denkpause mit dem Gesicht zur Wand.“ Im nächsten Schritt wird diese Übung folgendermaßen aussehen: An der Bande entlangreiten, dem Pferd signalisieren, dass es mit der Hinterhand weichen soll (Ihr Pferd bietet es an wie ein Ball), die Hinterhand rollt weg und fühlt sich an, als ob sie ganz herumschwingen würde. Aber bei 45 Grad reiten Sie ein paar Tritte weiter an der Bande entlang und schließen die Übung mit Entspannung ab, bevor Ihr Pferd aufhört, sich anzustrengen.

Denken Sie daran, dass es nicht auf den genauen Winkel ankommt. Lassen Sie Ihren Winkelmesser in der Schublade. Es geht darum, dass Sie das Gefühl dafür bekommen, sich sofort zu entspannen, wenn das Pferd deutlich nachgibt. Es geht auch darum, dass das Pferd Schritt geht und dann weicht, sodass es irgendwann problemlos im Schritt weichen kann. Sie isolieren, trennen und setzen alles neu zusammen, wenn Sie und Ihr Pferd dazu bereit sind. Dann können Sie jede beliebige Haltung oder jeden Winkel beibehalten und das Ganze „Schulterherein“ beziehungsweise „Kruppeherein“ nennen.

 

Wenn Sie dies beherrschen und Ihr Pferd entspannt bleibt, dann können Sie zu Phase 3 des „Whoosh“ übergehen:

1.Gehen Sie im Schritt.

2.Signalisieren Sie Ihrem Pferd, dass es weichen soll.

3.Unterbrechen Sie das bereits teilweise ausgeführte Weichen in der Bewegung.

4.Übergang zurück zum Geradeausgehen.

 

Ihr Pferd wird sehr bald anbieten, auf Ihre leiseste Andeutung hin mit der Kruppe, den Schultern oder dem ganzen Körper seitwärtszugehen, und es wird ihm leichtfallen, da Sie ihm die Zeit gegeben haben, die Koordination dafür zu üben. So wird Ihr Pferd für diese Stellungen sensibilisiert, während Sie beide die Zeit haben, die entsprechende Koordination zu üben. Diese Übung bereitet Sie vor für die Mobilitätsübungen, die später besprochen werden. Mobilitätsübungen werden auch als Seitengänge bezeichnet. Jeder „offizielle“ Seitengang setzt sich zusammen aus:

 

·Biegung nach rechts, nach links oder keine Biegung

·Verschieben der Hüften nach rechts oder links

·Verschieben der Schultern nach rechts oder links

 

Sollte Ihr Pferd der Meinung sein, dass es nicht mit seitlich versetzter Hinterhand oder der Vorhand gehen kann, dann hat es recht und Sie müssen ihm glauben. Es zu zwingen, eine Stellung beizubehalten, die ihm zurzeit noch schwerfällt, könnte sein Selbstvertrauen und seine Leistungsbereitschaft verringern. Vielleicht liegt es an der Art Ihrer Hilfengebung oder an Ihrem Sitz, dass es anhält.

Wieder und wieder, jedes Mal wenn ich zwei oder mehr Eigenschaften miteinander kombinieren möchte (zum Beispiel einen Trab mit Biegung und der Vorhand innerhalb der Hufschlaglinie), übe ich sie erst einzeln und dann direkt aufeinanderfolgend, sodass sie fließend ineinander übergehen. Wenn ich die Eigenschaften immer dichter aufeinanderfolgen lasse, wird mein Pferd von sich aus anbieten, sie zu kombinieren.

So erhalten wir die Natürlichkeit bei dieser Übung – wir hören auf unsere Pferde und erlauben ihnen dadurch, aktiv an ihrem Training teilzunehmen, indem sie uns mitteilen, für was sie wann bereit sind.

Übung 12: Durch Weichenlassen die richtige Ausrichtung finden – am Seil und unter dem Reiter

Phase 1: „Wenn ich dir einen neuen Platz für deine ____ vorschlage, würdest du ihn ausprobieren?“

1.Gehen Sie mit Ihrem Pferd auf einem Zirkel und bleiben Sie nahe am Brustkorb. (Falls Sie reiten, schlage ich ebenfalls vor, nahe am Brustkorb zu bleiben!)

2.Beobachten Sie und fühlen Sie Ihr Pferd. Verschaffen Sie sich einen Eindruck davon, wo es in Bezug auf die Hufschlaglinie Ihrer Meinung nach schief ist.

3.Übergang vom Schritt zum Weichenlassen eines Körperteils.

4.Wenn das Pferd bestmöglichen Einsatz zeigt, entspannen Sie sich und legen eine Denkpause ein.

5.Reiten Sie einen Übergang zum Schritt auf dem Zirkel mit einem frischen, positiven Antritt.

6.Wiederholen Sie Schritte 1 bis 5, bis sich alles einfach, leicht und gelassen anfühlt.

 

Machen Sie die beschriebene Übung für jeden Körperteil. Lassen Sie die Schultern nach außen weichen, den Brustkorb, die Hinterhand, und bitten Sie schließlich das ganze Pferd, ohne viel Aufwand zu dem Zirkel auf einem Hufschlag zurückzukehren. In dieser Phase geht es darum:

·Übergänge zu üben.

·das Pferd für das Weichen und Ihre dazugehörige Körpersprache zu sensibilisieren.

·das Koordinationsvermögen zu fördern.

 

Das Übertreten wird anfangen, leicht und locker zu gelingen. Sie werden den bestmöglichen Einsatz so schnell fühlen, dass der Schritt (oder Trab) gar nicht unterbrochen wird. Zu diesem Zeitpunkt ist es wahrscheinlich, dass Ihr Pferd einige Anzeichen des Nachgebens gezeigt hat und Sie erste Momente des Sich-Loslassens in seinem Körper bemerkt haben.

 

Nun sind Sie bereit, damit zu spielen, während Sie die Bewegung fortführen. Die Übung sieht dann folgendermaßen aus:

 

Phase 2: „Denk an deine/deinen ____ (Name des Körperteils, der von der Linie abweicht).“

1.Gehen Sie mit Ihrem Pferd auf dem Zirkel mit einem starken inneren Bild von Geraderichtung. Sie müssen vielleicht parallel zum Pferd gehen und sich auf Ihrer eigenen Zirkellinie ausrichten, anstatt es anzuschauen.

2.Beobachten und fühlen Sie Ihr Pferd und verschaffen Sie sich einen Eindruck davon, wo es in Bezug auf die Hufschlaglinie Ihrer Meinung nach schief ist.

3.Stellen Sie sich die Momente vor, als Ihr Pferd während der ersten Übung nachgegeben hat, und stellen Sie sich vor, dass es dieses Nachgeben beibehält.

4.Gehen Sie zum Weichenlassen eines Körperteils über. Beim bestmöglichen Einsatz (den Ihr Pferd jetzt sofort zeigen wird), beenden Sie das Weichen und gehen weiter, indem Sie das innere Bild Ihres Zieles festhalten.

5.Spielen Sie damit, bis Sie feststellen, dass das Pferd nun an diesen Körperteil denkt und die neue Haltung schon länger beibehält.

 

Sobald das Pferd mir zeigt, dass es weichen kann, frage ich mich: „Kann es die Position auch aufrechterhalten?“, wobei ich nicht versuche, es dort zu fixieren. Ich will nur, dass das Pferd eine neue Art der Bewegung ausprobiert und mir zeigt, dass es seinen Körper erkundet.

 

Ich erlaube dem Pferd, dort zu sein, wo es sein möchte, aber sobald es schief wird,
zeige ich ihm das Gegenteil der Schiefe und gebe dann nach.

 

Akzeptieren Sie dieses Stadium und lassen Sie Ihr Pferd wissen, dass es auf dem richtigen Weg ist! In diesem Stadium denkt es sich vielleicht: „Warum fordert mich mein Mensch dauernd dazu auf, meine/meinen ____ zu bewegen?“ Es erscheint vielleicht etwas ärgerlich, weil es den Sinn noch nicht versteht. Aber es denkt jetzt über die Haltung und die Ausrichtung seiner Körperteile nach und beginnt so, seine Aufmerksamkeit auf seinen eigenen Körper zu richten, was notwendig ist, damit es sich an diesem Prozess beteiligt! In der nächsten Phase wird es anfangen, den Sinn der Übungen zu fühlen, und es wird Ihnen danken!

Wenn Sie Ihr Pferd beeinflusst haben und daraufhin sehen, dass es sich dehnen möchte, müssen Sie ihm Freiraum geben. Verlängern Sie das Seil und geben Sie ihm das Gefühl, dass die Tür offen ist. Folgen Sie ihm, wo immer es hinwill, während es sich dehnt, auch wenn es den Zirkel verlässt. Wenn es „vergisst“, was es hier gerade tut, können Sie immer noch auf den Zirkel zurückkehren. Fängt Ihr Pferd an, mit gesenktem Kopf am Seil zu ziehen, und es fühlt sich respektlos an, dann unterbrechen Sie die Übung und fangen Sie von vorn an. Manchmal bohren Pferde abwärts und gehen, wohin sie wollen. Das ist nicht das, was wir erreichen möchten, und vielleicht ist gerade nicht die beste Zeit für diese Übung mit diesem Pferd. Aber wenn es sich anfühlt, als ob das Pferd losgelassen ist, dann erlauben Sie es ihm und folgen Sie ihm.

 

Phase 3: „Danke, dass du mich daran erinnert hast!“

Die letzte Phase ist erreicht, wenn Sie die Übung in einer Weise ausgeführt haben, dass Sie das Pferd seine Wahlmöglichkeiten fühlen lassen: seine schiefe Art zu gehen, das Gegenteil seiner Schiefe und alles, was dazwischenliegt. Es konnte genug Zeit in einer anderen Haltung verbringen. Es hatte die Gelegenheit zu erfahren, dass diese sich besser anfühlt, und es sucht sie. Wenn wir davon ausgehen, dass Balance sich angenehm anfühlt, dann macht es Sinn, dass das Pferd die Geraderichtung spüren kann und sie wählen wird. Ihre Erinnerungen werden subtiler (zum Beispiel den Körper des Pferdes anschauen oder Ihre Wirbelsäule strecken) und sie werden dankbar angenommen werden.

 

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Pferde sich nach dieser Erfahrung beim freien Spiel oder sogar auf der Koppel anders bewegen. In dieser Phase können sie nicht nur die geradegerichtete, losgelassene Haltung einnehmen und beibehalten, sondern sie können sie verkörpern. Diese Übung hat für manche Pferde aus den folgenden Gründen enorm tiefgreifende Auswirkungen:

 

·Das Pferd hat die Fähigkeit erlangt, Entspannung und Freiheit innerhalb seines Körpers zu finden, auch wenn Druck ausgeübt wird. Das gelingt ihm nun unabhängig davon, woher der Druck kommt (von der Umgebung, von konkreten Übungen, von der Intensität der Arbeit und so weiter).

·Sie verändert seine Beziehung zu Ihnen, weil Druck/Vorschläge Ihrerseits direkt zu einem Ort führten, an dem es sich in seinem eigenen Körper wohler fühlt. Sie werden sein liebster Masseur oder Yogalehrer.

·Ein Vorschlag von uns führt das Pferd zu Harmonie in seinem ganzen Körper.

 

Wenn wir davon ausgehen, dass Balance sich angenehm anfühlt, dann macht es Sinn, dass das Pferd die Geraderichtung fühlen kann und sie wählen wird.

 

Eine Überlegung:

Wenn Sie feststellen, dass Ihrem Pferd das Weichen schwerfällt, dann sind Sie vielleicht auf eine grundlegende Schiefe gestoßen. Unterscheiden Sie gewissenhaft zwischen Widerstand und Ungeschicklichkeit. Wenn es um die Haltung geht, fühlen sich selbst Verbesserungen zunächst verwirrend an.

Unterschätzen Sie nicht die Effektivität und die Raffinesse der Übungen zum Geraderichten/Nachgeben. Sie können über das Verschieben der Hüften und Schultern hinaus verfeinert und dafür benutzt werden, den Pferdekörper nach Spannungen zu durchsuchen. Pferde scheinen das wirklich zu lieben.

Übung 13: Massage in der Bewegung

1.Gehen Sie mit Ihrem Pferd mit und lassen Sie Ihre Hand an seinem Körper entlangwandern – überall vom Genick bis zum Schweif.

2.Fühlen Sie, wie unterschiedlich sich die Muskeln anfühlen.

3.Falls es eine Stelle gibt, die Verspannung zeigt, dann halten Sie den Druck, mit der Absicht, sie zu lösen.
Ich denke gewöhnlich: „Fühlst du das? Kannst du hier loslassen?“

 

Sie können fühlen, wie das Pferd unter Ihren Fingern dahinschmilzt. Wenn die Übung 10 sehr stark verfeinert wird, dann kann sie sich wie Übung 13 anfühlen. Werden Sie zum Lieblingsmasseur Ihres Pferdes! Egal, wo Sie es berühren oder wohin Sie Ihre Konzentration schicken, wird Ihr Pferd dann denken: „Oh, danke, dass du mich daran erinnert hast, mich dort zu entspannen!“

Die obige Übung soll das Pferd in der seitlichen Ebene beeinflussen, um eine Geraderichtung herzustellen, die sich langfristig auch auf die Längsachse auswirken wird. Als Nächstes werden wir versuchen, unser Pferd auf der Längsachse zu beeinflussen, um uns mit ihm darüber verständigen zu können, mehr Gewicht auf die Hinterhand zu bringen.

Gewicht auf der Hinterhand

Es gibt verschiedene Techniken, um mehr Gewicht auf die Hinterhand zu übertragen:

1.Indem man das Gewicht auf die Hinterbeine schiebt – durch Übergänge zwischen Rückwärtsrichten und Vorwärtsreiten.

2.Indem man den Hals aufrichtet, bis die Schultern sich ebenfalls heben.

3.Indem man die Schultern direkt anspricht und den Hals seine eigene Position finden lässt.

4.Indem man die Hinterbeine zum vermehrten Untertreten aktiviert, ohne schneller zu werden.
Der Rücken muss hierfür geschmeidig und frei von Verspannungen sein.

5.Durch gymnastizierende Aufgabenstellungen und Übergänge (die eigentliche Genialität der Dressur).

 

 

 

Nuno Oliveira: „Ist das Rückwärtstreten nur auf Wunsch des Menschen und ohne Hast zustande gekommen, ist es eine großartige Übung, die häufig zu wiederholen ist. Wie oft löst ein Rückwärtsrichten nicht unmittelbar die Schwierigkeiten bei einem Pferd auf den Schultern, das übermäßig auf der Hand liegt und auf ihr eingeschlafen ist.“

 

 

 

Die Techniken 1 bis 3 verschieben das Gewicht direkt von der Vorhand zur Hinterhand. Technik 4 wurde in unseren Energieübungen vorbereitet, indem wir ein Pferd geschaffen haben, das Energie aufwenden kann, ohne negative Anspannung in seinem Körper zu erzeugen. Die Techniken 1 bis 4 sind notwendige Komponenten der halben Parade. Technik 5 erfordert eine Kombination aus Kommunikation und der Weisheit zu wissen, wann welche Übung zu reiten ist. Wenn dies über einen längeren Zeitraum geschickt praktiziert wird, resultiert es darin, dass das Pferd mehr Gewicht mit der Hinterhand trägt. Ich werde hier auf die ersten drei Techniken eingehen. Die letzte wird später bei den Übungen zur Flexibilität, Beweglichkeit und Versammlung besprochen.

 

Hier ist mein Bild:

Mein Pferd befindet sich entweder neben mir, draußen auf einer Zirkellinie oder unter mir. Ich spiegle seine Haltung durch meine eigene wider. Es ist entspannt und frei. Ich nehme Haltung an, recke meine ganze Wirbelsäule in die Höhe und senke mein Steißbein ab. Mein Pferd spiegelt mich perfekt. Sein Hals und seine Schultern werden leichter, sodass in diesem Moment der Eindruck entsteht, es wäre gleichermaßen bereit, vorwärtszuschieben oder rückwärtszutreten. Jetzt kann ich meine Energie nach hinten senden und es wird rückwärtsgehen. Oder ich kann meine Energie nach vorn senden und es wird weiter vorwärtsgehen (als ob ich der Joystick bei einem Videospiel wäre). Wenn mein Pferd vorwärtsgeht, dann fühle ich seine Bereitschaft zurückzutreten, und wenn es rückwärtsgeht, fühle ich seine Bereitschaft vorwärtszugehen. Ich entspanne meine Haltung, wenn ich möchte, dass mein Pferd die seine ebenfalls entspannt. Ich respektiere die Fähigkeiten meines Pferdes und bin momentan nur an seiner willigen Mitarbeit interessiert. Ich bitte es, diese Haltung innerhalb der Grenzen seiner Fähigkeiten beizubehalten. Am Ende kann ich die versammelte Haltung in allen Gangarten und Übergängen beibehalten.

 

Sollte dieses Bild nicht funktionieren, können wir eine der oben erwähnten Techniken benutzen, um unser Pferd zur vermehrten Lastaufnahme mit der Hinterhand zu veranlassen.

Übung 14: Gewicht auf der Hinterhand – Übergänge zwischen vorwärts und rückwärts nutzen, um das Pferd für die Kommunikation über das Nach-hinten-Verlagern des Gewichts zu sensibilisieren.

Vergessen Sie nicht, dass diese Übung ausgeführt werden kann, wenn man neben dem Pferd hergeht, wenn es auf einem Zirkel um einen herumgeht oder auch vom Sattel aus. Die Idee ist dieselbe: Wir nutzen das Rückwärtsrichten ganz einfach, um unser Pferd für Dialoge über das Körpergewicht zu sensibilisieren. Später können wir uns mit ihm darüber verständigen, sein Gewicht nach hinten zu verlagern, während es vorwärtsgeht.

 

1.Gehen Sie mit Ihrem Pferd mit oder beobachten Sie es in Bewegung. Nehmen Sie dabei eine Neutralstellung ein. Sie können die Haltung Ihres Pferdes spiegeln. Worauf es ankommt, ist, dass Sie noch keine Habtachthaltung einnehmen oder Ihr Gewicht nach hinten verlagern. Auf diese Weise kann das Pferd den Unterschied besser erkennen.

2.Nehmen Sie Haltung an, richten Sie Ihren Oberkörper deutlich weiter hinten über Ihren Hüften aus und senken Sie Ihr Steißbein. Dann lassen Sie das Pferd rückwärtstreten. Diese Habtachthaltung ist derjenigen Haltung verwandt, die wir später brauchen, um die Versammlung beizubehalten. Das ist gut so, weil unser Pferd sich mit dem Gewicht auf der Hinterhand versammeln muss, um aus bewegungsmechanischer Sicht für alles bereit zu sein, was wir von ihm verlangen. Diese Bereitschaftshaltung ist die halbe Parade des Natural Horsemanship. Sie resultiert aus einer geistigen und körperlichen Bereitschaft.

3.Stellen Sie sich vor, dass Ihr Pferd aus dem Schritt, ohne zu zögern und ohne anzuhalten, zum Rückwärtsrichten übergeht. „Ohne zu zögern“ ist der Schlüssel. Anfangs werden Sie wahrscheinlich bemerken, dass Ihr Pferd auf die Vorhand fällt, anhält, rückwärtsgeht und dann sein Gewicht verlagert. Doch weil die Anforderung lautet, sofort zurückzutreten, wird es sich schon bald schneller durch eine Gewichtsverlagerung vorbereiten.

4.Unterstützen Sie Ihr Vorhaben, indem Sie früher mit kleineren Korrekturen eingreifen anstatt später mit größeren.
Bei dieser Übung würden Sie zur Unterstützung den Stick vor der Brust des Pferdes einsetzen. Sie können auch taktmäßige Bewegungen der Zügel verwenden (kein Druck auf das Maul, nur taktmäßiges Auf-und-ab-Bewegen der Hände mit losen Zügeln, um ein „Geräusch“ zu produzieren, das das Pferd zum Zurücktreten veranlasst). Versuchen Sie nichts zu tun, das es notwendig macht, Ihre Hand mehr zu schließen und aus dem Arm heraus zurückzuführen. Wir wollen sicherstellen, dass das Rückwärtsrichten nicht durch ein Ziehen am Zügel bewerkstelligt wird. Man würde zur Verstärkung dieser Übung also so lange keinen dauerhaften Druck mit dem Zügel oder einem um den Pferdehals gelegten Strick benutzen, bis man sich sicher ist, dass das Pferd es auch ohne könnte. Ich nehme gern den Stick, weil ich meine Arme nach vorn strecken muss, um ihn einzusetzen, auch wenn meine Energie nach rückwärts geht. Das hilft dabei, den menschlichen Reflex des Festhaltens und Ziehens zu unterbrechen. Ihre Arme können sich sehr weit nach vorn strecken, auch ohne dass Sie sich vornüberlehnen müssen!

5.Geben Sie nach, sobald Sie merken, dass Ihr Pferd sich anschickt zurückzutreten. Sie kennen sicher das Gefühl, dass Sie „sich auf das Rückwärtstreten vorbereiteten und Ihr Pferd war schon da“ – wie ein Tanzpartner. Denken Sie daran, dass es hier nicht um das Rückwärtsrichten geht, sondern um die Gewichtsverlagerung. Bleiben Sie also aufmerksam für alle Anzeichen, dass die Dinge sich in diese Richtung entwickeln. Am Ende wird diese Gewichtsverlagerung im Vorwärtsgehen passieren. Sie werden irgendwann das Gefühl haben zu wissen, dass Ihr Pferd leicht rückwärtsgehen wird, noch bevor es das tatsächlich getan hat.

6.Wiederholen Sie diese Übung, bis Sie sicher sind, dass Ihr Pferd vorbereitet war, weil es sein Gewicht noch vor dem Rückwärtstreten nach hinten verlagert hatte. Das ist das Ziel! Der ganze Zweck ist es, diese Übung auf so konsequente Weise aufzubauen, dass Ihr Pferd die Aufgabe versteht und für Ihre Körperhaltung sensibilisiert wird. Wenn Ihr Pferd an Ihrer Körpersprache erkennt, was als Nächstes passieren wird, dann wird es sich physisch selbst vorbereiten. Seien Sie konsequent, damit Ihr Pferd an den Punkt gelangen kann, wo es in der Lage ist, Ihren Satz zu Ende zu führen: „Mache dich bereit … wir werden r...“, und dann sagt Ihr Pferd: „Verstanden! … Wir gehen rückwärts … Ich bin schon da!“ Sie müssen Ihr Pferd vielleicht etwas fordern, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Vielleicht müssen Sie mehrere Übergänge an einer langen Seite reiten, bevor es genügend Anregungen bekommen hat, um eine neue Bewegung auszuprobieren: das Kruppesenken.

 

Wenn Sie und Ihr Pferd durch die Übergänge nach vorwärts und rückwärts hindurchtanzen können, dann entwickelt das Pferd die Fähigkeit, sein Gewicht auf die Hanken zu verschieben, während es ein aktives Hinterbein behält. Es hat dann gleichfalls gelernt, mit dem Hinterbein zu schieben, ohne sein Gewicht nach vorn zu werfen.

 

 

 

Die halbe Parade wird später im Abschnitt über „Versammlungsfähigkeit“ ausführlicher beschrieben. Dieser Fachbegriff aus der Dressur umschreibt eine Gruppe von Hilfen, die das Pferd wieder ins Gleichgewicht bringen. Es wird meist gelehrt, dass man für die halbe Parade die Hinterbeine des Pferdes aktivieren muss, während man kurz mit dem Kreuz und den Zügeln gegenhält. Die Zügel geben dann sofort nach, sobald das Gleichgewicht wiederhergestellt ist. Es ist eine Möglichkeit zu überprüfen, ob das Pferd bereit ist, die nächste Lektion auszuführen oder sich mehr zu versammeln. Was ich hier sagen will: Wenn wir das Gehirn des Pferdes ansprechen, indem wir denken: „Mach dich bereit!“, und diese Idee verkörpern, dann wird das Pferd spüren, dass wir unsere Neutralstellung verlassen, und es wird sich ebenfalls bereit machen. Jetzt können wir, wenn nötig, weitere Vorschläge bezüglich seiner Energie oder seines Gleichgewichts machen, und unser Pferd wird dafür in der Regel empfänglicher sein, als wenn wir nur Hilfen anwenden. Er wird genau wissen, wie es seinen Körper vorbereiten muss. Mehr zu diesem Thema erfahren Sie auch in Teil III im Essay über „Antizipation“.