Wir zogen los: Marco, Marthe und ich. Zu Fuß. Den letzten Meldungen zufolge standen die Demonstranten inzwischen vor dem Palast der Republik, in dem Honecker und seine Gäste speisten. Ich musste fast rennen, um mit den beiden Schritt halten zu können. Längs der Straße gingen die Laternen an, und hinter den erleuchteten Fenstern der Wohnungen sah man Leute bei Tisch oder vor dem Fernseher sitzen.
Schon von Weitem hörten wir den Lärm der aufgebrachten Menschenmenge. Und kaum sahen wir sie, waren wir auch schon mittendrin. Beim Palast der Republik waren Sperren errichtet worden, aber in den Straßen und der angrenzenden Grünanlage standen Hunderte, wenn nicht gar Tausende. Ohne Transparente, weil sie sich spontan zusammengeschlossen hatten. Laute Buh-Rufe und Pfiffe erklangen. Marco drängte sich nach vorn, und ich folgte ihm, denn plötzlich hatte ich das Bedürfnis, alles zu sehen, was sich tat, und Teil des Geschehens zu sein.
Auf der Terrasse des Gebäudes standen Männer in Zivil und beobachteten die Menge, und im abgesperrten Bereich gingen Polizisten und Stasi-Leute umher. Sie wirkten verunsichert. Vermutlich hätten sie gern durchgegriffen, kurzen Prozess mit den Demonstranten gemacht, aber das trauten sie sich nicht.
»Gorbi, hilf uns!« Ein mehrstimmiger Ruf hinter uns. Er wurde von anderen übernommen und ertönte immer lauter. Die Männer auf der Terrasse schauten über die Schulter. Aber Gorbatschow – falls er die Rufe überhaupt hörte – ließ sich nicht blicken.
Ein Filmteam kämpfte sich nach vorn, und plötzlich war die Kamera auf uns gerichtet. Spontan hob ich die Hand und machte das V-Zeichen. Der Kameramann schwenkte von der Menge auf die nervösen Bewacher und versuchte, näher heranzukommen, wurde aber von mehreren Stasi-Leuten abgedrängt. Dass deren Aufmerksamkeit abgelenkt war, machte sich ein junger Demonstrant zunutze und drang auf das abgesperrte Gelände vor. Aber sie fingen ihn rasch ab, hatten ihn gepackt, noch ehe er drei Meter weit gekommen war, und drehten ihm die Arme auf den Rücken. Wieder laute Buh-Rufe. Marco neben mir pfiff schrill auf den Fingern.
»Sta-si raus! Sta-si raus! Sta-si raus!«, schrie ich zusammen mit ein paar Umstehenden, während der Junge von den Männern grob mitgezerrt wurde. Immer mehr Leute stimmten ein, wie aus einer Kehle klang es, laut und wütend. Wieder hob ich die Hand zum Siegeszeichen: »Sta-si raus! Sta-si raus!« Ich dachte an den Mann mit seinem kalten Blick und den tückischen Fragen. Ich dachte an Gudrun. Und schrie, so laut ich nur konnte: »Sta-si raus! Sta-si raus!«
Zwischen unsere Rufe schallte plötzlich eine Megafonstimme. Verzerrt, aber warnend war zu hören, man würde es nicht dulden, dass wir die Feier störten.
Vorn wurde jetzt geschubst; man schob uns zurück, immer weiter weg vom Palast der Republik, wie einen Riesenkörper, der sich ob seiner Masse kaum wehren kann.
»Sie wollen uns aus dem Zentrum herausdrängen!«, rief Marco mir zu.
Uns blieb nichts anderes übrig, als uns mit dem Strom treiben zu lassen, wobei wir weiterhin »Freiheit! Freiheit! Gorbi! Gorbi!« skandierten. Marthe neben mir blieb stumm, sie wirkte wie erstarrt, schien kaum zu begreifen, was da vor sich ging.
An den Fenstern der Häuser, die wir passierten, standen jetzt Leute, die nun, da das Geschehen sich unmittelbar vor ihrer Nase abspielte, ihre Plätze am Tisch oder vor dem Fernseher verlassen hatten. Viele rissen die Fenster auf und schrien ebenfalls nach Freiheit und nach Gorbi.
Ich sah einen Mann mit großer Kamera am Straßenrand und einen zweiten mit einem langen Mikrofon.
»Wir sind das Volk!«, schrie ich dem Mann mit dem Mikro zu. Und schon stimmten die anderen um mich herum ein. »Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!«, klang es von allen Seiten. Ich fasste nach Marcos und Marthes Händen und riss sie in die Höhe. Wie Sieger eines Sportwettkampfs. »Wir sind das Volk!« Und endlich löste sich Marthes Erstarrung. Sie lächelte mir zu, und dann kam es, wenn auch tonlos, von ihren Lippen: »Wir sind das Volk!«
Auf einmal waren sie da. Polizisten und Soldaten. Sie kamen auf die Menge der Demonstranten vor uns zu, die Arme untergehakt. Hinter ihnen tauchten Militärfahrzeuge auf. Dem Aussehen nach Schneeräumer. Aber es waren Menschenräumer. Ein schriller Schrei. Ich fuhr herum und sah, dass mehrere Polizisten eine Frau gepackt hatten und sie mitzerrten, über den Boden schleiften, auf sie einschlugen. Protestgeschrei ringsum. Ein einzelner Mann löste sich aus der Menge, um der Frau zu helfen, wurde aber mit Gummiknüppeln daran gehindert.
»Los, fort!« Marco packte mich am Arm, und wir rannten in eine Seitenstraße, Marthe dicht hinter uns. »Sie wollen uns auseinandertreiben!« Marco war kurz stehen geblieben. »Wir müssen zusehen, dass wir beieinanderbleiben und irgendwie wieder Anschluss an die große Gruppe finden.«
Plötzlich ein Knall. Ohrenbetäubend laut. Instinktiv duckte ich mich. War das ein Schuss gewesen?
Ein roter Lichtfächer am Himmel. Dann ein grüner. Feuerwerksraketen. Herzlichen Glückwunsch, DDR!
Wir liefen weiter, ohne dem Schauspiel einen Blick zu gönnen, bogen erneut ab und hörten den Slogan »Freiheit! Freiheit!« wieder lauter.
»Dort!«, rief ich und deutete auf eine Gruppe Demonstranten. Aber kaum hatten wir sie erreicht, mussten wir feststellen, dass auch sie von der Masse abgetrennt waren. Gab es überhaupt noch eine Masse? Oder war es den Einsatzkräften gelungen, die Demo zu sprengen? Ich drängte mich in die Mitte, weg vom Zugriff der Polizisten und Soldaten. Aber das würde wenig nützen, ich sah, dass ein Stück weiter Räumfahrzeuge bereitstanden, und auch hier bildeten die Soldaten Ketten, um uns den Weg abzuschneiden. Aus den Slogans wurden Schimpfwörter und Flüche. Plötzlich eine Stimme hinter mir, lauter als alle anderen: »Keine Gewalt!«
»Keine Gewalt!«, rief Marthe wieder, die Hand zum V-Zeichen erhoben. Es war das erste Mal, dass sie den Mund auftat. Ihr Ruf wurde zu einem neuen Slogan: »Keine Gewalt! Keine Gewalt!«, schallte es um uns herum.
Ein Aufschrei. Wieder wurde jemand weggeschleift. Diesmal ein Mann. Er versuchte sich zu wehren, brauchte die Arme aber, um seinen Kopf zu schützen, weil sie mit Schlagstöcken auf ihn eindroschen. Ein paar andere, die ihm zu Hilfe eilten, wurden weggestoßen. »Keine Gewalt!«, schrie ich aus voller Kehle, obwohl mir mittlerweile der Hals vom Schreien wehtat.
Der Mann hatte sich losreißen können und war wieder bei uns, wurde in die Mitte genommen, vor einem neuerlichen Zugriff geschützt. »Keine Gewalt! Keine Gewalt!«, tönte es rhythmisch und immer lauter. Unsere Widersacher zögerten – sollten sie härtere Mittel anwenden?
Auf einmal setzte sich jemand auf den Boden. Sein Nebenmann ebenfalls. Und dessen Nebenfrau, und so weiter. Es dauerte nicht lange, und alle – auch wir – saßen auf dem Boden, ohne dass unser Sprechchor an Kraft verlor.
In einiger Entfernung standen mehrere Männer in Offiziersuniform und beratschlagten. Dann erklang eine Megafonstimme von einem Militärlastwagen: »… krächz … fordern Sie auf … krächz … sofort abzuziehen und …« Der Rest ging in unseren »Keine Gewalt«-Rufen unter.
Abziehen? Wir ließen uns doch nicht einfach verjagen!
»Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!« Ich schrie mich heiser. Sie mussten uns zuhören! Denn wir waren das Volk! Wir!
Marthe drückte meine Hand. Ich sah sie lächelnd an. Gemeinsam waren wir stark.
Schon eine geraume Weile saßen wir da und riefen ununterbrochen unsere Slogans. Immer dringlicher klang die Blechstimme. Aber weder schwiegen wir, noch rührten wir uns von der Stelle. Plötzlich ein Stoß, und ich kippte zur Seite. Irgendein Hitzkopf stürmte auf die Reihe der Soldaten zu.
»Keine Gewalt!«, rief ich ihm nach. Weil er nicht hörte, sprang ich auf und lief hinterher. Die Bilder vom Platz des Himmlischen Friedens zuckten durch meinen Kopf.
»Sybille, zurück!« Ich hörte Marthes Ruf, dachte aber nicht daran umzukehren. Noch ehe der Mann die Soldaten erreicht hatte, bekam ich ihn am Ärmel zu fassen.
»Keine Gewalt!«, stieß ich hervor. »Gib ihnen keinen Anlass! Wenn sie Waffen einsetzen, ziehen wir den Kürzeren. Dann ist es mit dem Protest vorbei!«
Er zögerte.
»Wir sind ihnen überlegen. Setz das nicht aufs Spiel!«
Inzwischen war ein zweiter Mann aufgestanden. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass die Polizisten, die uns am nächsten standen, ihre Schlagstöcke zückten.
»Lass das, Kumpel«, sagte der Mann energisch, packte den anderen an der Jacke, zog ihn mit und zwang ihn, sich wieder hinzusetzen. »Keine Gewalt, kapiert!«
Mit einem Mal stand ich da, ganz allein, zwischen den Demonstranten und den Polizisten und Soldaten. Kerzengerade. Aller Augen waren auf mich gerichtet. Langsam hob ich die Hand und spreizte die Finger zum V-Zeichen.
»Wir sind das Volk!«, rief ich laut, und die vielen anderen hinter mir stimmten ein. Ohne den Blick zu senken, ging ich langsam rückwärts.
»Hierher, Sybille!«
Ein paar Schritte noch, dann war ich wieder bei Marthe und Marco.
»Bist du verrückt geworden?«, zischte Marthe mir zu, als ich mich neben sie gesetzt hatte. Aber es klang nicht wütend, sondern eher stolz. Ich atmete tief durch und hatte einen Moment lang das Gefühl, ich wäre tatsächlich verrückt geworden. Jemand vor uns hielt ein brennendes Feuerzeug hoch. Sofort taten andere es ihm nach.
Wir stellten die Geduld der Sicherheitskräfte auf eine harte Probe. Sie konnten nicht dulden, dass wir einfach sitzen blieben. Immer wieder forderte die blecherne Megafonstimme uns zum Abzug auf.
Vergeblich.
Die Motoren der Räumfahrzeuge wurden angelassen. Langsam, nervenzerreißend langsam bewegten sie sich auf uns zu. Rechts und links davon bildeten die Soldaten und die Polizisten geschlossene Reihen, sodass wir nicht entkommen konnten. Ich hielt die Luft an, obwohl ich mir sicher war, dass sie uns nicht überrollen würden. Am Steuer dieser Fahrzeuge saßen schließlich auch Menschen. Berliner wie wir. Sie würden es nicht fertigbringen, harmlose Mitbürger zu überfahren.
»Keine Gewalt!«, schallte es nun wieder mit voller Lautstärke. Gleich würden die Räumer den Rand unserer Gruppe erreichen. In Peking hatten sie nicht gezögert …
Keiner von uns stand auf.
Immer näher kamen die brummenden Ungetüme.
Dann verloren angesichts der rollenden Bedrohung die Ersten die Nerven. Sie sprangen auf und wollten davonrennen, sich in Sicherheit bringen. Auf diesen Moment hatten die Einsatzkräfte nur gewartet. Sie lösten ihre Sperrketten, gingen mit erhobenen Schlagstöcken und Gummiknüppeln zum Angriff über. Jetzt rief niemand mehr »Keine Gewalt!«, stattdessen erklangen Schreie und Flüche. Chaos ringsum!
Auch ich war aufgesprungen. Fliehen war nicht drin. Was nun?
Man hatte uns eingekesselt und legte es offenbar darauf an, kleine Grüppchen oder Einzelpersonen zu isolieren.
Panisch sah ich mich um. Wo, verdammt noch mal, war Marco? »Siehst du Marco irgendwo?«, fragte ich Marthe, die neben mir stand. Ich registrierte noch, dass sie den Kopf schüttelte, dann wurde ich von hinten geschubst. Ich stolperte und fiel. Sah nur noch Beine, hastende Beine. Vergeblich versuchte ich, mich in dem Gedränge wieder aufzurichten. Plötzlich eine Hand an meiner Schulter. Eine grobe Männerhand. Sie riss mich hoch und zerrte meinen Arm nach hinten.
Mein Widersacher – ich konnte ihn nicht sehen – stieß mich vor sich her. Weg von den anderen. Ich schrie, so laut ich konnte. Trat nach hinten aus. Mein Fuß verfing sich, wo auch immer, und wieder stürzte ich. Kam hart am Boden auf. Sekundenlang war ich wie betäubt, dann schmeckte ich Blut und spürte einen stechenden Schmerz in der Schulter.
Wieder Beine um mich. Beine in Uniformhosen jetzt. Ich wurde hochgezerrt. Trat und schrie aus Leibeskräften. Versuchte mich loszureißen. Ein Schlag auf meinen Arm, der nächste an die Hüfte. Ich brüllte wie ein Tier. Eine Sekunde lang sah ich Marthe, die einem der Männer den Stock entreißen wollte.
Ich bekam einen Arm frei und wollte um mich schlagen, aber schon hatte er mich wieder im Griff und drehte mir die Arme auf den Rücken. Vor Schmerz schossen mir die Tränen in die Augen. Sekundenlang sah ich nicht mehr, was passierte, spürte es nur noch. Grobe Stöße, die mich vorwärtstrieben, Hände am Körper, ich wurde in die Höhe geschoben.
Und landete auf allen vieren. Auf der Ladefläche eines Militär-LKWs, stellte ich fest. Jemand half mir auf eine Holzbank.
Aus meiner Nase lief Blut. Ich versuchte, sie zuzuhalten, aber das Blut rann zwischen meinen Fingern hindurch.
Wo war Marthe? Und wo Marco?
Der Lastwagen fuhr an.