11. Lena
M eine Fresse. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass wir ausgerechnet auf der gleichen Insel gelandet sind wie Fiona Regan. Das ist doch … Scheiße.
Wir saßen im gleichen Flugzeug. Und sogar im Transferbus saßen wir nur wenige Reihen voneinander entfernt.
Das Hotel, in dem Fiona Regan und ihre Freundin Julia eingecheckt haben, ist nur zwei Stops von unserem entfernt. Warum kann nicht wenigstens dieser Kelch an mir vorübergehen?
Es fällt mir so unendlich schwer, Kim ruhig zu halten. Ständig schaut sie sich um und hofft, dass Fiona Regan irgendwo um die Ecke biegt, aber bis jetzt hatten wir Gott sei Dank Glück. Oder besser ich. Kim läuft rum, wie ein Trauerkloß.
»Was hältst du davon, wenn wir morgen einen Ausflug machen?«, murmle ich über eine Infobroschüre gebeugt.
»Die vermieten hier Roller und Motorräder.«
»Roller? Klingt gut. Ich liebe Roller fahren.«
Kim ist so aus dem Häuschen, dass sie zu zappeln beginnt. Ich schaue meine Freundin an und schüttle innerlich den Kopf. Kim ist wirklich nicht mehr zu helfen. Sie ist so vernarrt in Fiona Regan, dass es mir mitunter Angst macht.
Mindestens genauso schlimm ist, dass sie keine Ruhe findet. Liegen wir am Pool oder am Strand, zappelt sie die ganze Zeit und schaut sich um. Sitzen wir beim Essen … das gleiche Spiel. Es ist kaum auszuhalten. Sie quält sich so sehr. Ich hoffe, dass ein Tag außerhalb der Hotelanlage ihr hilft, ein bisschen Abstand zu bekommen.
Kim schlüpft in ihre Klamotten und ist schon an der Tür, bevor ich in der Lage bin, meinen Namen auszusprechen. Unglaublich. Wenigstens ist sie mal für fünf Minuten bereit, nicht über unsere Lehrerin zu reden. Während der letzten drei Tage hat sie so viel über Fiona Regan gesprochen, dass ich den Namen nicht mehr hören kann.
Ich meine … ich finde die Regan ja auch gut, vor allem für eine Lehrerin. Aber … das, was Kim treibt, geht weit über bloße Vernarrtheit hinaus. In meinen Augen ist Kim von ihr besessen.
Oder einfach so verknallt, dass sie nicht mehr klar denken kann. Wobei ich mich frage, wo da der Unterschied ist.
Hektisch ziehe ich meine dünne Hose an und schlüpfe in die Flip-Flops.
Gemächlich schlendern Kim und ich durch das weitläufige Gelände. Bis zur Hotelrezeption sind es ungefähr hundert Meter. Oder zweihundert. Im Entfernungen Einschätzen war ich noch nie besonders gut. Nach siebeneinhalb Minuten – solange braucht Kim, um ihre Zigarette zu rauchen – stehen wir vor der Rezeption. Eine eifrige Dame mit freundlichem Lächeln steuert auf uns zu.
»Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragt sie.
»Töff.«, blubbert Kim.
Die Frau schenkt uns einen Blick, der klar ausdrückt, was sie in diesem Moment vermutlich denkt.
»Wir möchten für morgen gerne zwei Roller buchen.«, erkläre ich der freundlichen Dame mit dem verständnislosen Blick.
Nicht mal ganz fünfzehn Minuten später sind die Verträge unterschrieben und Kim und ich gehen Richtung Pool. Kim redet die ganze Zeit. Ohne Punkt und Komma. Nicht einmal höre ich den Namen Fiona Regan. Wenn das nicht ein Grund zur Hoffnung ist.
V or lauter Aufregung und Vorfreude haben wir letzte Nacht kaum ein Auge zugemacht. Ich habe vielleicht zwei Stunden geschlafen. Kim vermutlich noch weniger. Sie hat sich die ganze Zeit mit Plänen der Küste auseinandergesetzt. Ihre Suche galt entlegenen Buchten und einsamen Strandabschnitten. So, wie sie trotz tiefer Augenringe, strahlt, ist sie fündig geworden. Diese Frage kann ich mir also schenken.
In Ruhe zu frühstücken ist nicht so einfach, da Kim die ganze Zeit auf die Uhr schielt und zur Eile drängt. Na gut. Stürze ich den Kaffee eben hinunter, stopfe mir eine Scheibe Toast zwischen die Zähne und hoffe, dass wir spätestens zur Mittagszeit einen Stopp in einer netten kleinen Taverne einlegen.
»Können wir jetzt endlich los?«, fragt Kim als mein Kaffee leer ist und klingt für meinen Geschmack eindeutig eine Spur zu ungeduldig.
Ich nicke und verkneife mir jeglichen Kommentar.
Die Roller warten vor dem Hotel auf uns. Kim schwingt sich lässig auf den Sattel des leuchtend roten Rollers. Für mich bleibt der blaue.
Kim gibt Gas. Viel Gas. So viel, dass das Hinterrad des Rollers ein bisschen schlingert, doch nach wenigen Metern hat Kim das rote Gefährt im Griff. Ich folge ihr etwas langsamer. Immer darauf bedacht, nicht die Kontrolle zu verlieren.
Hinter dem Tor, das den Hotelbereich von der Straße trennt, biegt Kim ganz selbstverständlich nach links ab. Ich habe keine Ahnung, wohin sie will, aber sie wird es schon wissen. Hoffentlich.
Wenn ich nicht ausschließlich Kims Rücken bewundern will, muss ich einen Zahn zulegen. Kim fährt ziemlich schnell. Es kommt mir fast so vor, als ob sie ihren Frust an dem Roller unter ihrem Hintern auslässt. Dass ihr dabei entgeht, wie schön es hier eigentlich ist, scheint ihr nicht aufzufallen.
»Hey! Kim!«, schreie ich, als ich ungefähr auf gleicher Höhe bin.
Kim dreht sich zu mir um.
»Was?«
»Schau dich doch mal um. Hier ist es wunderschön.«
Wenigstens wird Kim etwas langsamer. Sie dreht den Kopf zur Seite.
»Schön. Komm, weiter!«
Eine gute halbe Stunde später biegt Kim von der Hauptstraße ab und biegt in eine schmalere Straße ein. Je länger wir diesem Weg folgen, desto schlechter wird der Belag. Nach wenigen Kilometern geht der Untergrund in eine Mischung aus Sand und Steinen über. Es wird immer schwieriger, die Roller zu lenken, ohne dabei Bekanntschaft mit dem Boden zu machen.
»Bist du dir sicher, dass wir hier noch richtig sind?«, rufe ich.
»Keine Ahnung!«
Na wunderbar. Dass Kims Augen trotz allem leuchten und sie vor Begeisterung laut lacht, bestätigt mich in meiner Vermutung, dass sie nicht mehr ganz richtig im Kopf sein kann.
Einige wenige hundert Meter später hält Kim an. Endlich.
Sie holt das Handy aus der Tasche und versucht, eine Internetverbindung herzustellen, doch leider gibt es am Arsch der Welt nicht mal Internet. War irgendwie auch klar.
»Mist!«, knurrt Kim und versucht, sich zu orientieren.
»Was denkst du? Umkehren? Oder weiterfahren?«
Ich zucke mit den Schultern und drehe mich einmal um die eigene Achse. Um uns herum ist nichts als Einöde. Wenn wir hier verunglücken, sind unsere Leichen verwest, bevor jemand mitbekommt, wo wir liegen. Keine schöne Vorstellung.
Eigentlich bin ich kein Schisser, aber das Abenteuer-Gen hat mich anscheinend gerade heute schmählich im Stich gelassen. Ich sehne mich nach unserem Pool. Außerdem habe ich Hunger. Durstig bin ich auch. Eine Taverne ist hier weit und breit nicht zu sehen. Kein Haus. Wohin man auch blickt. Nicht mal ein zerfallener Schuppen.
Wir sind echt am Arsch der Welt angekommen.
Über uns der Himmel. Unter uns kleinere und größere Felsbrocken und Sand.
Es wird immer heißer. Die Sonne brennt erbarmungslos vom Himmel. Uns rinnt der Schweiß übers Gesicht. Mein Shirt ist nass. Meine Hose auch. Ich ekle mich vor mir selbst.
»Wir fahren weiter!«, beschließt Kim und lässt den Motor wieder an.
Immer häufiger geraten unsere Hinterräder ins Schlingern. Selbst, wenn Kim es niemals zugeben würde, ist auch sie hungrig und durstig. Ihre Kraft lässt unübersehbar nach.
Maximal noch fünf Kilometer, dann drehe ich um.
Egal, was uns vielleicht am Ende des Weges erwartet.
Stur fährt Kim immer weiter. Über Feldsteine und sandigen Untergrund.
»Riechst du das?«, fragt sie als sie nach einer Weile wieder einmal anhält.
»Riecht es hier nicht nach Salz?«
Kim ist ganz aus dem Häuschen.
»Komm schon. Es ist bestimmt nicht mehr weit bis zum Wasser.«
Obwohl ich im Gegensatz zu meiner Freundin nichts Besonderes rieche, vermeide ich es, Kims Euphorie zu bremsen. Solange noch eine von uns an ein gutes Ende unserer Fahrt glaubt, besteht vielleicht eine einigermaßen realistische Chance.
Ich halte mich ganz nah an Kim.
Nach wenigen Kilometern stoppt Kim wieder. Ich brauche etwas länger, um zu realisieren.
Kim breitet die Arme aus. Der Schrei, den sie loslässt, kommt tief aus ihrem Bauch.
»Jihaaaaaaaa!«, schreit sie.
»Ich bin die Königin der Welt! Und du bist meine Prinzessin!«
Kim steigt vom Roller und zieht mich ebenfalls vom Sattel. Sie legt beide Arme um mich und drückt ihre Lippen auf meine.
Noch vor einigen Wochen hätte mein Herz sich überschlagen vor Freude. Doch mittlerweile hat es auch mein dummes Herz gerafft, dass Kim eine andere liebt und ich nie eine Chance haben werde.
Innerlich ruhig erwidere ich Kims Kuss.
Nachdem sie sich nach ein paar Sekunden wieder von mir gelöst und sich tausendmal für ihren Fauxpas entschuldigt hat, zückt sie das Handy, um das, was wir sehen, festzuhalten.
Wir stehen vor einem Ortsschild. Zwischen uns und dem Dörfchen direkt am Wasser befinden sich nur noch wenige hundert Meter. Ich atme erleichtert auf.
»Habe ich es nicht gesagt?«, ruft Kim begeistert.
Die letzten Meter legen wir im gemächlichen Tempo zurück und parken die Roller einfach am Straßenrand. Anscheinend stört das keinen, worauf mehrere andere Roller am Straßenrand hindeuten.
Die ersten Schritte zu Fuß fühle ich mich als hätte ich einen mehrtägigen Ritt hinter mir. Ich laufe breitbeinig. So muss sich ein Cowboy fühlen. Ganz bestimmt. Mir tut alles weh. Der Rücken, die Oberschenkel, der Arsch und sogar die Mumu.
Ich laufe wie auf rohen Eiern. Wenigstens schaut Kim ähnlich belämmert aus wie ich. Ihre Klamotten und ihr Gesicht sind von einer dünnen Staubschicht überzogen, wodurch ihre Augen dunkel schimmern. Sie reibt sich über die Stirn.
»Weißt du, was ich jetzt brauche?«, fragt sie grinsend.
»Ein kühles Blondes?«, hake ich nach.
Kim nickt. Langsam, wie zwei alte, gebrechliche Schachteln, schlurfen wir die Straße entlang. Kneipen liegen doch meistens ziemlich zentral, oder? So ist es bei uns jedenfalls. Außer ein paar älteren griechischen Männern in an den Knien ausgebeulten Latzhosen und karierten Hemden, begegnet uns niemand.
»Mir tut der Arsch weh, das glaubst du nicht.«, grummelt Kim und grinst schief.
»Außerdem bin ich am Verdursten. Hoffentlich kommt hier bald mal ne Kneipe.«
Ihre Worte in Gottes Gehörgang. Ich habe so einen Durst, dass mir die Zunge schon am Gaumen festklebt. Wahnsinn.
Der kleine Ort ist eigentlich total schön, aber dafür haben Kim und ich kein Auge. Wir folgen nur noch unseren Instinkten. Ein bequemer Stuhl, etwas zum Trinken und eine Kleinigkeit zum Essen.
Den nächsten älteren Herrn, dem wir begegnet, quatscht Kim an.
»Sag ihm, dass wir eine Kneipe suchen!«, jammere ich.
Obwohl Latein eine tote Sprache ist, versucht Kim es damit. Anscheinend sind zumindest ein paar Worte dem Griechischen ähnlich. Oder der ältere Herr erkennt einfach unsere Not. Ein Lächeln ziert seine Lippen. Er läuft los. Und wir folgen ihm. Selbst, wenn wir nicht wissen, wohin er will.
Vor einem unscheinbaren Häuschen hält er an.
»Dort findet ihr, was ihr sucht.«, sagt er.
Auf Deutsch.
Kim verzieht die Lippen. Es ist ihr anzusehen, dass sie sich ärgert. Sie hat sich so abgemüht und die letzten Fetzen Latein aus ihren Hirnwindungen gekramt und dann spricht der Typ Deutsch. Ist das denn die Möglichkeit? Ich spüre, wie das Lachen in meiner Brust gurgelt. Es bricht aus mir heraus. Ich gackere. Wie ein ganzes Hühner-Bataillon. Ich muss so sehr lachen, dass ich nicht mehr aufhören kann.
»Seid ihr über die Felder gekommen?«, fragt der Mann und wir nicken.
Der Mann schüttelt den Kopf.
»Das hättet ihr auch einfacher haben können. Direkt am Meer entlang führt auch ein Weg.«
Oh man. Wir sind so doof. Die Plackerei war total umsonst. Na klasse. Wahrscheinlich hocken in der Kneipe nur deutsche Touristen. Na, immerhin hatten wir, im Gegensatz zu den anderen Touristen, einen Hauch Abenteuer.
Merkt außer mir eigentlich noch jemand, dass ich mir die Situation selbst schön zu reden versuche? Wahrscheinlich nicht. Der ältere Grieche lacht immer noch über Kim und mich, während Kim damit beschäftigt ist, ihm zu danken.
Kim und ich schlurfen, immer noch breitbeinig, an dem Häuschen vorbei. Vor uns erstreckt sich die offene See. Tische und Stühle sind am Strand verteilt. Ist das schön hier.
Kim und ich hocken uns hin. Wir sind fast allein. Wider Erwarten keine deutschen Touristen. Auch keine Touristen aus anderen Ländern. Nur ein paar Einheimische sitzen an den Tischen und genießen ihre Pause.
»Kalimera.«, sagen wir freundlich.
Die fremden Menschen nicken uns zu und schauen uns neugierig an. Dann jedoch widmen sie sich wieder ihren Beschäftigungen.
Eine ältere Frau mit großen Brüsten bringt uns die Getränke. Vier Bier. Das erste Bier ist bereits innerhalb kürzester Zeit leer. Es scheint fast so, als ob es auf dem Weg vom Glas in den Mund verdunstet.
Kim und ich strecken die Beine aus. Das erste Mal an diesem Tag fühle ich mich richtig gut. Und auch Kim macht einen entspannten Eindruck. Entspannter jedenfalls als vor unserer Abfahrt.
»Hast du gesehen, wie schön es hier ist?«, fragt Kim ehrfürchtig.
Ihre Augen leuchten. Die dunklen Schatten, die in letzter Zeit so oft zu sehen waren, lösen sich allmählich in Luft auf.
Als die Besitzerin der Taverne ein Stück später zwei riesige Fischplatten und eine Schüssel voll Reisnudeln vor uns auf den Tisch stellt, gehen uns fast die Augen über. So viel zum Essen. Wo sollen wir das nur hin essen?
Wir sind noch nicht ganz satt, als die Gemächlichkeit dieses Ortes durch das Rattern von Motoren förmlich zerrissen wird.
»Wenn jetzt noch mehr Touristen kommen, …«
Kim stockt. Und starrt wie gebannt in die Richtung, aus der das Brummen der Motoren kommt. Ich kneife die Augen zusammen.
»Schei … benkleister!«, knurre ich ärgerlich.