In den Kronen der alten Eichen rauschte der Wind. Ingrid Nyström stand an den Runenstein gelehnt und hatte die Augen für einen Moment geschlossen. Die trockenen Blätter auf dem Boden raschelten, das blau-weiß gestreifte Absperrband, das um die mächtigen, knotigen Stämme gezogen worden war, surrte. Der Humusboden hatte einen dunklen, fast fleischigen Geruch, der sie an Trüffelsalami erinnerte. Die Innenflächen ihrer Hände nahmen die raue Oberfläche des Felsaltares wahr. Wie eine natürliche Batterie schien er die Wärme des Sommers gespeichert zu haben und gab sie an diesem frischen Herbstmorgen großzügig wieder ab. Ihre Gedanken streiften die Erinnerung an ein Kinderbuch, irgendetwas mit Mäusen und Farben. Blinzelnd öffnete sie wieder die Augen. Die Lichtung löste sich in helle und dunkle Flecken und Tupfer auf, kreischend grelle Farbtöne und schwarzblaue Schatten. Dieses Mal eher Kirchner oder Munch als Manet oder Degas. Sie zwinkerte, bis die Welt Form und Farbe wiederfand. Mithilfe des Steins, der ihr Halt gab, drehte sie sich mehrmals um die eigene Achse. Eine Ballerina in Zeitlupe. Selbstversunken. Gleichzeitig waren die Schleusen ihrer Sinne geöffnet. Sie glich die Fotos und Tatortskizzen, die Örkenrud und seine Leute angefertigt hatten, mit dem Jetzt und Hier ab. Dazwischen schnitt sie die Bilder ihrer eigenen Erinnerung. Sechs Tage lag ihr Besuch zurück. Sieben, acht Meter südöstlich von ihrem Standpunkt am Stein entfernt war sie über die Lichtung gegangen, hatte eine Gestalt auf der Anhöhe bemerkt, gewinkt, einen weiteren Schritt getan und war dann in die von dünnen Ästen und Blättern getarnte Senke gefallen. Nun war die Grube von neongelben Markierungsfähnchen umgeben, ebenso wie ihr Zwilling, der ihr in bemerkenswerter Symmetrie auf der anderen Seite des Steins gegenüberlag. Wenn man sich den Eichenkreis als Ziffernblatt vorstellte, auf dem der am nördlichsten stehende Baum als Zwölf diente, lagen die Löcher bei zwei und acht Uhr. Beide waren etwa gleich weit von der nächststehenden Eiche entfernt, etwa zweieinhalb, drei Meter, und diese beiden Bäume waren die mit Abstand kleinsten der Runde. Nyström wandte sich dem größten Baum zu. Bei einer Tierhorde hätte man wohl vom Alphamännchen gesprochen. Der Stamm war hoch, die weit verzweigte Krone ausladend und majestätisch. Der Baum sah aus, als könnte ihm keine Kraft der Welt etwas anhaben, was natürlich Blödsinn war, dazu brauchte es nicht mehr als eine Motorsäge oder winzige Schädlinge wie den Gemeinen Frostspanner. Dies war der Baum, an den Viktor gefesselt worden war, bevor man ihm die Kehle durchtrennt hatte. Zweieinhalb Meter vor ihm hatte der Leichnam von Viktor gelegen. Nyström humpelte zu der Stelle. Der Waldboden, den die Spurensicherung in einem Radius von fünf Metern von Blättern befreit hatte, wies einen dunklen Fleck von einem halben Meter Durchmesser auf. Sie hätte sich gern hingekniet, ihr versehrter Körper ließ das jedoch nicht zu. Doch auch im Stehen bildete sie sich ein, den metallischen Geruch von Blut wahrzunehmen. Aus der furchtbaren Kopfwunde des Jungen musste es in Mengen ausgetreten und im Boden eingesickert sein. Nyström ging auf die große Eiche zu. Zu ihren Füßen war der Boden schwarz. Viktors Aorta war glatt durchschnitten worden. Sie lehnte sich an den Stamm. Die raue Rinde drückte sich in ihren Rücken, kein unangenehmes Gefühl. Aber sie war auch nicht gefesselt. Der Junge dagegen musste Todesängste ausgestanden haben. Was sie zu einer Überlegung führte, über die sie im Team lange diskutiert hatten. In welcher Reihenfolge hatten die Geschehnisse auf der Lichtung ihren Lauf genommen? Sie schloss erneut die Augen, lauschte dem Blätterrauschen. Irgendwann mischten sich aus der Ferne die Stimmen junger Menschen hinein. Ein Flüstern zunächst, ein ausgelassenes Lachen. Ein Kichern, ein hysterischer Schrei. Neckende Worte, ein rhythmisches Stöhnen. Gesungene Liedzeilen, ein rezitierter Vers. Aus dem Nichts ein gellender Schuss, der zwischen den mächtigen Bäumen hallte. Emils Körper sackte in sich zusammen. Eins der Mädchen kreischte panisch auf. Und dann? Der Angreifer näherte sich. Er hatte aus hundertvierzig Metern Entfernung gefeuert, die Schussposition war zweifelsfrei identifiziert worden. Nun eilte er auf die Lichtung zu. Wie reagierten die anderen drei? Flohen sie? Froren ihre Bewegungen unter dem Schock ein? Wehrten sie sich? Die Spurenlage, die Örkenruds Leute gesichert hatten, war zu wenig konkret, um Antworten zu liefern. Fakt war, dass der Angreifer Viktor überwältigt und an den Baum gefesselt hatte, wo der Junge durch einen Messerschnitt getötet worden war. Den Zeitpunkt hatte die Obduktion nicht genau bestimmen können, dazu war vor dem Auffinden der beiden Leichname zu viel Zeit vergangen. Ann-Vivika Kimsel hatte sich schließlich auf maximal eine Stunde festgelegt, die zwischen den beiden Todeszeitpunkten vergangen war, es konnte sich aber ebenso gut nur um einige Minuten handeln. Aber was war mit den beiden Mädchen geschehen? War ihnen die Flucht gelungen? Zumindest einer von ihnen, zumindest Mathilda? Und wer hatte den Abzug des Gewehrs betätigt? Der passionierte Jäger Pär Ahlström oder der Lehrer Mikkael Bergfors, dessen Fingerabdrücke sich ebenfalls auf der großkalibrigen Waffe befanden? War es gar denkbar, dass beide gemeinsam agiert hatten? Ein von langer Hand geplantes Mord- und Missbrauchskomplott? Nyström erschauderte bei dem Gedanken. Auf dem Smartphone von Bergfors hatten sie nichts gefunden, was auf eine Verbindung der Männer hinwies. Aber das musste natürlich nichts heißen. Sie war lange genug leitende Kriminalpolizistin, um zu wissen, dass es keine Grausamkeit gab, zu der Menschen nicht im Stande waren. Homo homini lupus, sie hatte diese altrömische Weisheit ihr Leben lang verachtet, weil sie ihrer christlich-humanistischen Weltsicht diametral entgegenstand. Bis sie selbst einen Menschen hingerichtet hatte. Was spielte es für eine Rolle, dass es sich dabei um den Mörder ihrer Schwiegertochter gehandelt hatte? Ja, der Mensch konnte seinen Mitmenschen gegenüber zum Wolf werden, wenn die Umstände stimmten. Ahlström und Bergfors, zwei gewissenlose Männer, die sich zu einem perfide inszenierten Katz-und-Maus-Spiel im nächtlichen Wald verschworen hatten, zur gemeinsamen Jagd, zu Vergewaltigung und Mord? Gab es irgendeinen Hinweis in der Ermittlung, der ein solches Szenario kategorisch ausschloss? Ihr fiel nichts ein. Sie öffnete die Augen wieder. Mit einer enthemmten jugendlichen Feier und einem Kopfschuss hatte es begonnen, danach wurde das Geschehen zunehmend unscharf. Als Emil von dem Projektil getroffen worden war, musste Viktor in seiner Nähe gestanden haben, denn die Forensiker hatten Spritzer mit Emils Blut auf der Maske und Kleidung des Klassenkameraden sicherstellen können. Die Wirkung der Großkalibermunition war derart heftig gewesen, dass Blut, Haare, Knochensplitter und Hirnmasse Emils sogar am Stamm der großen Eiche sichergestellt worden waren, zweieinhalb bis drei Meter vom Standpunkt des Jungen entfernt. Sie löste sich von dem Baum, an dem sie lehnte, und drehte sich ihm zu. Mit dem bloßen Auge war auf der schwieligen Rinde nichts Auffälliges zu erkennen. Sie fischte ihren Schlüsselbund aus der Umhängetasche. Daran befand sich eine kleine Klapplupe, die Anders ihr vor Ewigkeiten einmal geschenkt hatte, eine augenzwinkernde Sherlock-Holmes-Reminiszenz, mehr Talisman als Gebrauchsgegenstand. Und tatsächlich hatte sie das Ding in all den Jahren nie benutzt, jedenfalls wenn man davon absah, dass sie ihrem Enkel einmal den in der Tat beeindruckenden Vergrößerungseffekt vorgeführt hatte. Nun aber klappte sie die Lupe aus dem Lederfutteral, beugte sich vor und betrachtete den Stamm nun durch das geschliffene Glas. Dort! Ein feiner Blutspritzer auf Schulterhöhe, ganz weit auf der rechten Seite. Ein zweiter, direkt darüber. Sie orientierte sich mehr zur Mitte hin. Und entdeckte außer einer einsamen Ameise nichts. Quadratzentimeter für Quadratzentimeter. Das Morphin schweißte ihre Aufmerksamkeit am rauen Holz fest. Nach Minuten ein weiterer Blutspritzer, fein wie ein Bleistiftstrich. Auf Augenhöhe, allerdings war sie mittlerweile sehr weit links außen gelandet. Gleich darunter ein Knochensplitter, kaum größer als eine Wimper, der wie ein winziges Schrapnell in der Rinde steckte. Den größten Fund machte sie ohne Lupe, als sie kurz innehielt, um sich die Augen zu massieren. Ein Stückchen Kopfhaut, an dem mehrere Haare und Blut hingen. Es klebte in Höhe ihres Scheitels mittig am Stamm. Minuten später zwei weitere Funde, dieses Mal wieder Blutspritzer, beide in Hüfthöhe ganz links und rechts außen. Sie richtete den Oberkörper wieder auf. Ihr Körper war verspannt, die Gelenke pochten durch den Nebel der Opiate hindurch. Im Geiste verband sie die Fundorte auf der Rinde. Ironie des Schicksals: Für Stecknadeln und eine farbige Schnur hätte sie jetzt einiges gegeben. Doch wenn sie sich konzentrierte, formte die Linie sich auch vor ihrem inneren Auge. Trotzdem wollte sie auf Nummer sicher gehen. Sie nahm ihr Smartphone aus der Tasche, loggte sich in die Fallakte ein, öffnete das Material der Spurensicherung und wischte und tippte sich durch, bis sie fand, was sie suchte: die Fotos vom Eichenstamm, auf dem mithilfe von hellen Pfeilen die Fundorte Emils organischer Spuren markiert waren. Zehn Pfeile. Sie deckten sich zwar nur in drei Fällen mit ihren eigenen Funden, aber sie untermauerten umso eindringlicher die These, die in ihrem Kopf Gestalt angenommen hatte. Emils Blut und Gewebereste fanden sich überwiegend an den Außenseiten des Stamms und erst ab einer gewissen Höhe mittig. Die Spuren bildeten grob eine Silhouette ab: einen menschlichen Körper. Nyström spürte, wie sich die Haare auf ihren Unterarmen aufstellten. Ja, die Vierergruppe war überfallen worden. Aber vorher musste bereits etwas anderes geschehen sein. Warum sonst hätten Mathilda, Julia und Emil ihren Klassenkameraden an den Baum fesseln sollen?