Bestien, Berserker, Götterwölfe

ein Werkstattbericht von Ian Rolf Hill (Teil 1)

Mit dieser Trilogie endet der große Krieg zwischen Fenris und Lykaon in einem gewaltigen Showdown. Danach wird sich vieles verändert haben. Oder anders formuliert: Die Karten werden neu verteilt sein.

Doch fangen wir von vorne an.

Seit nunmehr fünf Jahren tobt der Krieg der Götterwölfe innerhalb der Serie, und es ist schon ein seltsames Gefühl, sich von einigen der Figuren, die mich so lange Zeit begleitet haben, zu verabschieden. Auch wenn ich nicht gerade an einem Roman arbeitete, der diesen Handlungsstrang bediente, so waren die unterschiedlichen Akteure doch immer irgendwie präsent. Die neuen Charaktere, zu denen unter anderem Lykaon, Denise, Aleksandra, Lykke und Carnegra gehören, ebenso wie die alten Figuren, beispielsweise Fenris, Morgana Layton, Michail Chirianow oder auch Abe Douglas.

Dass der zweite Teil am 17. März 2020 erscheint, ist in doppelter Hinsicht bemerkenswert, denn auf den Tag genau vor fünf Jahren erschien mit Band 1914 »Arena der Werwölfe« mein allererster JOHN-SINCLAIR-Roman.

Außerdem startete mit diesem Roman der Handlungsstrang um Lykaon, auch wenn ich beim Schreiben noch nicht einmal ansatzweise ahnte, was sich daraus entwickeln würde. Zuallererst ist »Arena der Werwölfe« aber nicht mehr als ein Einzelroman, in dem Morganas Telefonat mit Sir James und die Erwähnung von Michail Chirianow und George Frambon zunächst nur als Hommage gedacht waren, beziehungsweise als Gag am Rande.

Doch schon in meinem zweiten Roman spielte eben jener George Frambon, den einige Leser vielleicht aus dem sensationellen Zweiteiler »Die Werwolf-Sippe« und »Lupinas Todfeind« kennen, eine tragende Rolle. Und mit ihm die silberne Axt. Schon damals war mir klar, dass hinter dieser Waffe ein Geheimnis stecken musste und dass sich dort etwas Größeres anbahnte.

Spätestens mit meinem dritten Roman stand fest: Hier entsteht ein eigener roter Faden, den ich nicht in ein paar Heften abhandeln kann und will. Nicht zuletzt deshalb, weil zu dieser Zeit auch der Täufer das erste Mal in Erscheinung trat und jeder von uns Co-Autoren einen eigenen Charakter mit einbringen sollte. Und schon kam es zu »Lykaons Erwachen«.

Und was Michail Chirianow betrifft, fand ich es schon als Leser damals sehr schade, dass dieser interessante Charakter später nie mehr auftauchte. Es ist ein Privileg, wenn man als Autor an der größten und erfolgreichsten Horrorserie der Welt mitwirken darf. Aber auch von Vorteil, denn man kann lieb gewonnene Figuren aufgreifen und weiterentwickeln.

Und da es um Werwölfe ging, war es nur logisch, dass auch Fenris und Morgana Layton mit von der Partie sein würden.

Schließlich wurde ich gefragt, ob ich aus dem Exposé zu »Blutfehde der Bestien« nicht einen Zweiteiler machen wollte, und so kam es nicht nur zur Geburtsstunde der Berserker im Sinclair-Universum, sondern auch der Mantikore.

Ich kannte die Bärenhäuter bereits aus diversen Büchern sowie dem Film »Der 13. Krieger«, der auf Michael Crichtons Roman »Die ihre Toten essen« beruhte, und war von der Idee eines Werbären schon seit meiner frühen Jugend fasziniert.

Bei der Recherche und der Entwicklung »meiner« Berserker war mir jedoch vor allem Wolf-Dieter Storls Buch »Der Bär – Krafttiger der Schamanen und Heiler« eine große Hilfe.

Und auch in diesem Fall war mir klar, dass die Berserker zu interessant waren, um sie in einem Roman zu verheizen. Aber dazu später mehr.

Während meiner Recherche bin ich übrigens auf einen sehr interessanten Mythos über die Shasta-Indianer in Kalifornien gestoßen, die ich nicht minder spannend fand als die Berserker-Mythologie. Da es meiner Meinung nach aber genug Werbären bei Sinclair gab, habe ich aus dem Shasta-Mythos kurzerhand eine Novelle gemacht, die unter dem Titel »Bärenjagd« im Arunya-Verlag erschienen ist.

Aber zurück zur Trilogie. Vielleicht gibt es ja den einen oder anderen, der nicht alle Romane gelesen hat oder mit diesem Dreiteiler zum ersten Mal mit Lykaon, Fenris und den Berserkern konfrontiert wird. Daher möchte ich die Gelegenheit nutzen, einzelne Aspekte und Charaktere näher zu beleuchten. Der Stammleser bekommt hier die Möglichkeit, sich einige Dinge wieder ins Gedächtnis zu rufen und Revue passieren zu lassen. Und wer weiß? Vielleicht hat die eine oder der andere dabei auch ein kleines Aha-Erlebnis. Vorweg sei gesagt, dass es viele Figuren gibt, die durch den Zyklus eine Entwicklung erlebt haben, die in dieser Form nicht von mir geplant war.

Zu guter Letzt noch eine kleine Spoiler-Warnung. Wer noch nicht alle Bände des Zyklus kennt (eine Gesamtliste findet sich am Ende des Artikels im nächsten Heft), der sollte an dieser Stelle nicht weiterlesen. Es sei denn, es ist ihm egal, dass er gespoilert wird (soll’s ja auch geben).

Boris Baranov und die »Wolfsnacht«

In Band 1668 »Wolfsnacht« trat zum ersten Mal eine neue Spezies von Werwölfen auf den Plan. Sie hatte augenscheinlich nichts mit der damaligen Herrin der Werwölfe, Morgana Layton, oder dem Götterwolf Fenris zu tun, denn die Sippe der Baranovs zeichnete sich dadurch aus, dass sie sich zu jeder Tages- und Nachtzeit, innerhalb einer Sekunde, von einem Menschen in eine reißende Bestie verwandeln konnten.

Darüber hinaus unterschieden sich die Baranovs von den herkömmlichen Werwölfen dadurch, dass sie den Keim des Werwolfs nicht durch einen Biss weitergeben konnten. Sie mussten sich auf »herkömmliche« Weise fortpflanzen, was sie zu tun gedachten, indem sie Frauen entführten, um sich mit ihnen zu paaren.

John und Suko gelang es schließlich, die gesamte Sippe zu vernichten. Der Patriarch Boris Baranov, ein kräftiger Mann mit wallender weißer Mähne, schnitt sich die Kehle durch und stürzte eine Treppe hinunter, wobei er sich das Genick brach.

Danach hörte und las man nie wieder etwas von dieser Werwolf-Art. Und das fand ich schade!

Zumal ich mir damals die Frage stellte, ob ein Werwolf tatsächlich durch einen profanen Genickbruch zu töten war. Für mich lag die Antwort auf der Hand: natürlich nicht.

Schließlich könnte man dann jeden Werwolf mit gewöhnlichen Projektilen töten, indem man die Halswirbelsäule trifft. Bei einer vollautomatischen Waffe nicht unbedingt ein Kunststück.

Zunächst aber beschloss ich, diese besondere Werwolf-Spezies in meinem ersten Roman »Arena der Werwölfe« dem Leser wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Der Roman »Wolfsnacht« spielte in England, die Baranovs aber stammten aus Bulgarien, von wo sie jedoch vertrieben wurden. Da sie dringend um Nachwuchs bemüht waren, schien es nicht mehr allzu viele zu geben. Wenn aber eine Sippe geflohen war, so konnte dies auch einer zweiten geglückt sein. Von dieser Annahme ausgehend, erschuf ich die Petrovas, bestehend aus dem Vater Kubrat, seinen beiden Söhnen Bogoris und Petko, der Tochter Kalina und der Mutter Vasilena.

Übrigens suche ich oft Namen heraus, die eine für den Roman wichtige Bedeutung haben. So ist Kubrat ein alter bulgarischer Vorname, der aus dem Alttürkischen stammt und »Wolf« bedeutet.

Am Ende des Romans stellte sich heraus, dass die Petrovas keineswegs auf sich allein gestellt waren, sondern von einer Kreatur der Finsternis protegiert wurden, einem jener Urdämonen, die entstanden sind, als Luzifer von dem Erzengel Michael in die Hölle verbannt wurde. Die Kreaturen der Finsternis wandeln seit Äonen unter den Menschen und haben sich angepasst, indem sie eine menschliche Identität angenommen haben. Auch das wird später noch von Bedeutung sein.

Im nächsten Roman »Werwolf-Vendetta« trat Kubrats Bruder Stanomir in Erscheinung. Gemeinsam mit zwei weiteren Kreaturen der Finsternis versuchte er, die oben erwähnte silberne Axt zu stehlen, was ihm aber nicht gelang.

Als Nächstes erschien Band 1932. Dort kam nicht nur Michail Chirianow zu seinem langersehnten zweiten Auftritt, auch Boris Baranov tauchte wieder auf. Er schloss einen Pakt mit einem Mann namens Egeas Demeter, dem Geschäftsführer des Ölkonzerns Lykos Oil (nomen est omen).

Wie sich herausstellte, hatte Boris Baranov seinen Tod nur vorgetäuscht, um in Ruhe an der Rückkehr seines alten Meisters zu arbeiten, dem Götterwolf Lykaon, dem Todfeind von Fenris. Und so kam es in einer Höhle auf der Halbinsel Peloponnes schließlich zu »Lykaons Erwachen«.

Auch wenn er eigentlich schon die ganze Zeit über da war, denn Lykaon und Egeas Demeter waren ein und dieselbe Person. Die Kreatur, die in der Höhle erwachte, war nichts weiter als eine Chimäre, die Lykaons Platz eingenommen hatte, damit Fenris nicht auf seinen alten Feind aufmerksam wurde, denn noch fühlte Lykaon sich nicht stark genug, gegen den Götterwolf der nordischen Mythologie anzutreten. Deshalb schloss er sich einer Vereinigung von Dämonen an, den Dunklen Eminenzen, die von dem ominösen Täufer angeführt wurden. Boris Baranov blieb als seine rechte Hand fortan an seiner Seite.

Doch wer oder was ist eigentlich dieser Lykaon?

Lykaon – König von Arkadien

Tatsächlich ist Lykaon eine Gestalt aus der griechischen Geschichte, beziehungsweise der griechischen Mythologie. Arkadien bezeichnet eine Region im Zentrum der Halbinsel Peloponnes. Schon damals war er ein recht grausamer Herrscher, der bei einem Festbankett zu Ehren des Göttervaters Zeus diesem Menschenfleisch servierte. Daraufhin verwandelte Zeus Lykaon in einen Wolf. So entstand der Begriff Lykanthropie. So weit also die Mythologie.

Für Sinclair habe ich sie ein wenig verändert und angepasst. So existierte Lykaon schon lange vor den Menschen, denn wie wir wissen, stammt die Wolfsmagie aus der Urzeit.

Dort haben Lykaon und Fenris um die Vorherrschaft gerungen. Lykaon unterlag und wurde von seinem Bruder Fenris mit magischen Fesseln gebannt.

Luzifer aber erkannte Lykaons Potenzial und befreite ihn, indem er ihm menschliche Gestalt verlieh. So wurde er zum König von Arkadien. Doch sein Blutdurst und seine Grausamkeit waren ungebrochen. Er wurde zum Kannibalen, der Zeus tatsächlich Menschenfleisch servierte. Aber Zeus brauchte Lykaon nicht erst in einen Wolf zu verwandeln, er war ja schon einer. Und so riss er ihm lediglich die menschliche Maske vom Gesicht. Fenris witterte, dass sein alter Feind zurückgekehrt war, und forderte ihn erneut heraus. Lykaon erlag abermals und wurde in einen steinernen Sarkophag verbannt.

Allerdings war es Lykaon in der Zwischenzeit gelungen, weitere Kreaturen der Finsternis um sich zu scharen, hauptsächlich Dämonen, die später in der griechischen Mythologie wieder auftauchten: Harpyien, Chimären, ja sogar ein Januskopf gehörte zu seiner Gefolgschaft. Sie befreiten Lykaon und legten stattdessen eine Chimäre in den Sarkophag.

Lykaon nahm abermals die Identität eines Menschen an und floh in die neue Welt, als diese gerade erst von den Europäern entdeckt worden war. Geschwächt und einem Großteil seiner Macht beraubt, irrte er durch die Jahrhunderte. Er wusste, dass er planvoll und vorsichtig sein musste, damit Fenris ihn nicht fand. Und so begann er zunächst langsam, über die Jahrhunderte hinweg, seine irdische Macht zu mehren, indem er Geschäfte abschloss, Beziehungen knüpfte und schließlich nach Europa zurückkehrte, um Lykos Oil zu gründen. Allein mit Magie würde er Fenris nicht besiegen, das wusste er. Aber er war ein Dämon, und so spielte Zeit für ihn keine Rolle.

Dann aber geschah etwas, was ihn zwang, seine Pläne zu forcieren. Der Täufer erschien und machte ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte: Er versprach ihm die Macht eines Erzdämons!

Dummerweise bekamen Fenris und sein Alpha-Weibchen Morgana Layton Wind davon und verbündeten sich kurzentschlossen mit John Sinclair. Als sie ihn stellten, war es jedoch zu spät: Lykaon stand unter dem Schutz des Täufers und war für Fenris zunächst unangreifbar geworden.

Lykaon als Dunkle Eminenz

Insgesamt sieben Dämonen musste der ominöse Täufer um sich scharen, um seine Pläne zu verwirklichen, in denen John Sinclair und sein silbernes Kreuz eine zentrale Rolle spielten. Eine von Lykaons ersten Amtshandlungen war die Erweckung der Dämonin Corinfelia auf der walisischen Insel Ynys Gwrach (walisisch für Hexe).

Das gelang ihm auch, denn der Täufer hatte die Fähigkeit, seine Diener gegen das silberne Kreuz des Geisterjägers zu immunisieren. Diese Immunität war allerdings nicht von Dauer und reichte lediglich bis zum nächsten Neumond. Und da er Lykaon noch benötigte, immunisierte der Täufer zuerst dessen Diener Boris Baranov, um Corinfelia zu erwecken.

Berauscht von diesem Gefühl der Macht, erlag Baranov dem Wahnsinn und wähnte sich mächtiger als Lykaon. Mehr noch, er wollte dessen Platz an der Seite des Täufers einnehmen, und versuchte, seinen ehemaligen Herrn zu töten. Das bekam ihm schlecht, denn der Täufer hatte Baranov zwar gegen die weiße Magie des Kreuzes immunisiert, aber nicht gegen den Todesschrei Corinfelias, die Baranov kurzerhand tötete.

Aber auch Corinfelia war keine lange Existenz beschieden, denn sie legte sich mit dem Falschen an: Asmodis, dem Teufel. Er vernichtete Corinfelia und torpedierte dadurch die Pläne der Großen Mutter Lilith, eine Spionin der Hölle bei den Dunklen Eminenzen einzuschleusen.

Dem Täufer aber fehlte dadurch eine Dämonin, und so rekrutierte Lykaon eine seiner treuesten Dienerinnen, um das Vakuum zu füllen: die Harpyie Okypete.

Deren Feuerprobe war der Diebstahl der silbernen Axt, denn nur mit ihr würde Lykaon seinen Bruder Fenris endlich besiegen und töten können. Leider fand der in die Jahre gekommene Pater George Frambon dabei den Tod.

Harpyien, Mantikore und Sirenen – Das Bestiarium des Lykaon

Lykaon hatte im Laufe seiner Existenz eine Menge Gelegenheiten, Kinder zu zeugen. Nachdem ihn Fenris jedoch ein zweites Mal besiegt hatte, verkümmerte diese Fähigkeit. Nur in seltenen Fällen gelang es ihm, eigene Kinder zu zeugen. Das war fatal, denn seine Sippen waren im Laufe der Jahrhunderte versprengt und an den Rand der Ausrottung gebracht worden.

Zum Glück war Lykaon der Sohn von Phorkys, dem Vater der Ungeheuer, ebenfalls eine bekannte Größe in der griechischen Mythologie und Mitglied der Dunklen Eminenzen.

Und so konnte Lykaon auf die Unterstützung der Harpyien zählen, von denen es laut der griechischen Mythologie wenigstens vier geben sollte: Aello, Kelaino, Okypete und Podargo.

Harpyien sind geflügelte Sturmdämoninnen, die Feuer spucken können. Aello und Kelaino wurden jedoch schon während »Lykaons Erwachen« von Fenris und seinen Verbündeten vernichtet, ebenso wie der Januskopf, eine Art männlicher Medusa, mit der es John Sinclair schon zu Beginn seiner Karriere zu tun bekam.

Aber Lykaon hatte noch mehr Asse im Ärmel. Darunter die Sirenen, Adler mit Frauenköpfen, die durch ihren Gesang Menschen und Werwölfe gleichermaßen in ihren Bann schlagen oder in den Wahnsinn treiben konnten. Lykaon gelang es sogar, aus ihren Haaren Kinderpuppen zu fertigen, die er auf seine Feinde ansetzte (siehe Band 1952 »Tödlich singt die Höllenbrut« und Band 1962 »Blutfehde der Bestien«). Die Sirenen treten in ihrer menschlichen Gestalt gerne als Kinder in Erscheinung. Der Grund dafür ist simpel, denn sie sind die Nachkommen der Harpyien.

Lykaons größter Trumpf im Kampf gegen Fenris und seine Werwölfe waren jedoch die Mantikore!

Mantikore sind gewaltige Monster, die äußerst schwer zu vernichten sind und über eine Reihe von Fähigkeiten verfügen, die sie zu den gefährlichsten Gegnern von John Sinclair machten. Dabei ist ihre Erscheinung schon furchteinflößend genug, um empfindliche Gemüter in die Flucht zu schlagen. Plinius (der Ältere) beschrieb die Mantikore wie folgt: »Das Ungeheuer habe drei Reihen kammartig ineinander greifender Zähne, Gesicht und Ohren eines Menschen, graublaue Augen, den Körper eines Löwen und einen Schwanz, der wie ein Skorpion Stacheln einbohrt, eine Stimme, die der Klangmischung einer Schalmei und Tuba gleicht, eine große Schnelligkeit und besondere Gier nach Menschenfleisch.« (vlg. Asma, Stephen T.; Monster, Mörder und Mutanten, Berlin 2009).

Ich habe mich weitestgehend an diese Darstellung gehalten. In anderen Quellen fand ich darüber hinaus die Fähigkeit, Stacheln aus dem gegabelten Schwanzende verschießen zu können. Lediglich die verheerende Wirkung des Mantikor-Gifts und ihre Fähigkeit, durch den Verzehr von Fleisch die Gestalt ihrer Opfer anzunehmen, entspringt meiner Fantasie.

Der Begriff Mantikor leitet sich laut Stephen T. Asma vom griechischen Wort für Menschenfresser ab. Annette und Reinhard Pohlke behaupten dagegen in ihrem Buch »Im Labyrinth des Minotaurus – Ungeheuer der Antike«, dass ihm der persische Begriff »marchichoras« zugrunde liegt, was ebenfalls Menschenfresser bedeutet.

»Das große Handbuch der Dämonen« von Helmut Werner beruft sich ebenfalls auf die persische Sprache. Dort ist die Rede vom »Mardkhora« = »Manntöter«.

Genauso uneins ist man sich übrigens über die Herkunft der Mantikore. Viele Quellen (einschließlich Plinius) sprechen von Indien, andere wiederum von Persien, Äthiopien oder allgemein nur vom Nahen und Mittleren Osten oder Südosteuropa, womit wir wieder bei Griechenland wären. Selbst in Spanien ist der Mantikor bekannt. Dort ist er, Werners Handbuch zufolge, ein Werwolf, der kleine Kinder frisst, womit sich wieder ein Kreis schließt!

Die Idee, den Mantikoren eine Mutter zu geben, kam mir schon sehr früh, kurz nach ihrem ersten Auftritt. Doch es sollte noch ein Weilchen dauern, bis diese Mutter in Erscheinung treten durfte: Erst nachdem der Täufer vernichtet wurde und nur wenigen Dunklen Eminenzen die Flucht gelang. Zu den Glücklichen gehörten unter anderem Lykaon und Phorkys, und damit schlug die Geburtsstunde der ersten dämonischen Familie im Sinclair-Universum.

Mutter der Monster und Vater der Ungeheuer – Familie geht über alles

Okypete, die dritte der Harpyien, überlebte den Untergang des Schwarzen Doms, jener schwarzmagischen Festung zwischen den Dimensionen, von der aus die Dunklen Eminenzen den Masterplan ihres Anführer ausführten, leider nicht.

Letztendlich war sie nur ein Bauernopfer, das seine Lebensenergie für den Erzdämon Abraxas, der sich unter der Kutte des Täufers verbarg, hergeben musste. Lykaon und Phorkys erkannten dagegen schnell, dass sie stärker waren als je zuvor. Das mochte daran liegen, dass es ihnen gelang, jeweils einen Splitter des Schwarzen Doms mitzunehmen. Fortan zogen sie an einem Strang. Aus mehrlei Gründen: Der Wichtigste und Ausschlaggebende war der, dass mir mein Kollege Timothy Stahl während des Schreibens der Täufer-Trilogie mitteilte, dass ich Phorkys gerne »entsorgen« könne, was ich allerdings nicht übers Herz brachte. Schon vorher hatte ich die Idee, aus Lykaon und Phorkys ein Team zu machen. Und mehr …

Doch bevor die beiden in der Gegenwart in Erscheinung traten, sollte John dem Vater der Ungeheuer in tiefster Vergangenheit wieder begegnen, lange bevor dieser den Chaosdrachen Nalzamur vom Schwarzen Tod bekam. Myxin und Kara schickten den Geisterjäger fünfzehntausend Jahre in die Vergangenheit, als die ersten Menschen sesshaft wurden. Unter anderem auf einer Insel, die über Landbrücken noch mit anderen Kontinenten verbunden war. Die Rede ist von Atlantis.

Zu dieser Zeit war Atlantis noch eine Brutstätte der Dämonen, unter anderem der Mantikore, Harpyien und Sirenen. Ursprünglich waren die Sirenen Fischweiber, Meerjungfrauen, die über eine starke Magie verfügten, mit der sie den Menschen gegen die Dämonen zur Seite standen.

Um das zu verhindern, ließ Phorkys von den Harpyien regelmäßig Sirenen entführen und entzog ihnen ihre Lebensenergie, die er gemeinsam mit seiner Tochter Carnegra zu einer apfelsinengroßen Kugel formte, dem Lebensatem der Sirenen. Mit diesem Lebensatem schwängerte er die Harpyien, die daraufhin die schrecklichen Adler mit Frauenköpfen gebaren, die monströsen Sirenen der griechischen Mythologie.

Carnegra aber war auch die Mutter der Mantikore, die sie gemeinsam mit ihrem Bruder Lykaon zeugte (Inzest ist eben nicht nur bei alten Adelsgeschlechtern ein beliebter Zeitvertreib). Durch einen Trick gelang es Carnegra, zusammen mit John Sinclair in unsere Gegenwart zu flüchten. Hier suchte und fand sie den mittlerweile wieder erwachten Lykaon sowie ihren Vater Phorkys, die sich gemeinsam in einem Frauenhaus in Bulgarien versteckt hatten. Fortan konnten Carnegra und Lykaon neue Mantikore zeugen, die bei dem »Sturm auf den Schwarzen Dom« aufgerieben worden waren.

Nachdem Morgana Layton das Frauenhaus ausfindig gemacht hatte und es zusammen mit Fenris, der Werwolfjägerin Aleksandra Jorgovanovic, Suko und John Sinclair stürmte, versteckten sich Carnegra, Lykaon und Phorkys in einer Höhle in den Rhodopen.

Lange blieb Lykaon allerdings nicht dort, schließlich hatte er noch weit mehr Dependancen auf der Welt. Und außerdem wollte er ja auch eine Armee auf die Beine stellen. Dies gelang ihm durch das Knowhow einer Gruppe von Wissenschaftlern, die bis heute im Verborgenen agiert. Sie klonten das Erbgut von Boris Baranov und züchteten für Lykaon eine Werwolf-Armee. Dies geschah in zwei Fabriken: Eine davon befand sich in der Mongolei, die anderen auf einer Insel, fünfzig Meilen vor der Westküste der Vereinigten Staaten von Amerika. Und hier sollte Lykaons neue Basis entstehen.

Lykaon aber hatte noch ein weiteres Eisen im Feuer. Er hatte in all den Jahren immer wieder versucht, Nachkommen zu zeugen und die Mütter von Kreaturen der Finsternis überwachen zu lassen. Als er erfuhr, dass eines dieser Kinder nicht nur überlebte, sondern sein dämonische Erbe mit Erreichen der Pubertät ausbrach, flog Lykaon nach Boston, um seine Tochter abzuholen.

Rotzfrech und unberechenbar – Lykaons Tochter

Ich muss zugeben, dass ich Denise ins Herz geschlossen habe.

Die Idee, Lykaon eine Tochter aus Fleisch und Blut zu geben, kam mir, als mir die Leserin Marlene Klein schrieb, dass sie den Plot mit den Klonen eigentlich nicht so toll finde und es doch interessanter wäre, wenn er richtige Söhne hätte.

Darüber habe ich nachgedacht und kam zu dem Ergebnis, dass sie recht hatte. Die Idee war gut.

Da ich jedoch lieber eine Tochter hätte, wurde Denise geboren. Ihren ersten Auftritt hatte sie in Band 2069 »Lykaons Kinder«, in dem auch die oben genannte Insel zum ersten Mal erwähnt wurde. Dorthin brachte Lykaon seine Tochter, nachdem diese ihre eigene Mutter Margory getötet hatte. Ein erster Beweis dafür, wie brutal und skrupellos Denise sein konnte. Jedenfalls schien ihr der Tod der eigenen Mutter nicht besonders nahezugehen. Andererseits ist sie zur Hälfte Mensch und verletzlicher, als sie es selbst wahrhaben will.

Danach dauerte es ein Weilchen, bis Lykaon und seine Familie wieder in Erscheinung traten.

Erst im Zweiteiler Band 2114 und 2115 kamen sie wieder zum Zuge und fuhren einen nicht unerheblichen Sieg ein: Unter dem Einfluss eines Splitters des Schwarzen Doms tötete John Sinclair Morgana Layton! Anschließend gelang es Lykaon mit Hilfe der silbernen Axt, Fenris zu verwunden. Dabei kollabierte der Splitter und nahm Carnegra nicht nur ihre Zeugungsfähigkeit, sie musste auch ihre Kinder, die Mantikore, opfern, um zu überleben. Für Lykaon verlor sie dadurch jeglichen Wert. Bevor er sie jedoch töten konnte, ging Phorkys dazwischen.

All dies bekam auch Denise Curtis mit, die sich auf der Insel voller Monster und Werwolf-Klone entsetzlich langweilte. Für sie kam Carnegra gerade recht, und beide schlossen rasch Freundschaft.

Übrigens wurde in diesem Zweiteiler auch zum ersten Mal Denises Privatlehrerin Doktor Podargo erwähnt, was kaum jemand richtig mitbekommen zu haben schien. Aber vielleicht wurde ihre dezente Einführung auch durch die Ereignisse innerhalb des Zweiteilers überschattet.

Für Lykaon jedenfalls standen die Chancen nie besser, seinem Feind den Todesstoß zu versetzen … sofern er gewusst hätte, wo er sich verbarg, denn die Kolonie, die Morgana Layton für ihresgleichen in Alaska errichtet hatte, wurde nicht nur von Fenris’ Magie abgeschirmt, sondern auch von der des Götterbären Thor, dem die Berserker huldigen.

Zu dieser Zeit bekam Lykaon die Nachricht, dass er zwei weitere Kinder hatte: die Zwillinge Terry und Mason. Das Besondere an ihnen: Ihre Mutter war eine Kreatur der Finsternis. Und da die beiden männlichen Geschlechts waren, waren sie in Lykaons Augen viel wertvoller für die Aufrechterhaltung des Stammbaums als eine renitente Tochter. Gleichzeitig war es für ihn die passende Gelegenheit, sie loszuwerden. Gemeinsam mit der verhassten Carnegra.

Doch Denise und ihre Freundin drehten den Spieß um. Terry, Mason und ihre Mutter wurden vernichtet. Ein herber Rückschlag für Lykaon, der seine Tochter grausam bestrafte.

Hier zeigte sich bereits, dass die Beziehung zwischen Lykaon und seiner Tochter ziemlich kompliziert ist. Vor allem für Denise, die im Grunde ihres Herzens nichts anderes will als jedes andere Kind: Akzeptanz, Liebe und Bestätigung. Ironischerweise erhält sie diese am ehesten von Phorkys, denn selbst Carnegra wendet sich von ihr ab.

Als John Sinclair und seine Freunde mit einer Spezialeinheit Lykaons Insel erstürmen, wird dem Wolfsdämon klar, dass er nicht mehr länger zögern darf, um seinen alten Feind zu vernichten. Mit Hilfe seiner Familie und der Klon-Armee erobert er die Flammenden Steine in Mittelengland, wohin sich John Sinclairs Verbündete, die Atlanter Kara, Myxin, Sedonia und der Eiserne Engel zurückgezogen haben. Vor hier aus startet er das letzte Gefecht und holt zum Vernichtungsschlag gegen Fenris aus.

Fortsetzung folgt im nächsten Heft

 

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