Schnell gehe ich in Deckung. Kein Zweifel, dort oben stehen Bille und Paul!
Das allein ist ja nicht schlimm, aber schlimm ist, dass sie lachen und sich innig umarmen.
Mir wird schwarz vor Augen.
Dieser Mistkerl!
Diese blöde Kuh!
Was soll ich jetzt bloß machen? Zum Glück entdecken sie mich nicht. Sie scheinen andere Menschen gar nicht wahrzunehmen, so vertieft sind sie. Sie treten an die Balustrade und schauen aufs Wasser.
Ich spitze die Ohren.
»Du hast mir wirklich die Augen geöffnet«, höre ich Paul sagen. »Dafür möchte ich dir danken.«
»Aber das habe ich doch gern getan. Ich bin ja so froh, dass du es eingesehen hast. Jetzt wird alles gut!«
»O ja«, sagt Paul. »Ich werde alles dafür tun.«
Gemeinsam flanieren sie weiter.
Bingo! Heißt das, dass Paul seinen Irrtum eingesehen hat? Dann kann ich bald nach Hause!
Bille hat ihn dazu gebracht, seine Fehler zu erkennen. Sie ist die passende Frau für ihn!
Als ich kurz darauf die Treppe zur Promenade hochschleiche, merke ich, dass mir Tränen über die Wangen laufen.
Ich weiß nicht, ob mir das alles so recht ist.
Aber ich habe ja gar keine Wahl.
Ein paar Leute schauen mich komisch an, also reiße ich mich zusammen und gehe geschäftig Richtung Innenstadt.
Dreh jetzt nicht durch, Cosima, ermahne ich mich. Du bist da in etwas hineingeraten, was du gar nicht wolltest. Aber nun wird alles wieder gut, du kehrst nach Hause zurück, und alles wird so sein wie vorher. Die Erinnerung an Paul wird dich noch ein paar Tage begleiten, aber von Tag zu Tag mehr verblassen. Irgendwann dann wirst du gar nicht mehr an ihn denken ...
Diese Sätze rede ich mir ein, während ich zur Straßenbahn laufe, um nach Hause zu fahren.
Aber gegen die Tränen kann ich trotzdem nichts tun.
In der Villa verkrieche ich mich in mein Zimmer, lege mich ins Bett und weine die ganze Zeit weiter. Murmel kommt irgendwann zu mir hoch und fragt mich, ob sie mir helfen kann, aber mir kann keiner helfen. Ich bin so traurig!
»Nun sag schon, was mit dir ist, Cosima«, fordert sie, nachdem sie eine Weile an meinem Bett gesessen und mir den Rücken gestreichelt hat.
»Die Sache ist die ...«, schniefe ich, während der Kloß in meinem Hals wieder zu wachsen beginnt.
»Was ist hier los?« Bille steckt den Kopf durch die Tür. »Warum warst du schon wieder nicht beim Training? Es kommen immer mehr Anfragen. Wir werden die nächsten Wochen schwer beschäftigt sein, Cosima.«
»Also, äh ...« Ich finde keine Worte. »Äh, also es ist so ...«
»Mensch, Cosima, jetzt rede doch mal Klartext«, meint Murmel. »Statt ständig um den heißen Brei herumzureden. Also, was ist los?«
»Tatsache ist, dass ich bald nicht mehr hier sein werde.« Nun ist es raus.
»Warum?«, fragen beide gleichzeitig.
»Verreist du?«, will Murmel wissen.
»Indirekt.«
»Und wann kommst du wieder?«
»Das kann ich noch nicht sagen. Es kann dauern. Es ist gut möglich, dass ich ... dass ich gar nicht mehr zurückkomme.« Der Kloß in meinem Hals wird immer größer.
»Aber das geht doch nicht.« Murmel starrt mich entgeistert an. »Spinnst du? Das kannst du doch nicht machen. Du hast das mit der Frauenbewegung doch ins Rollen gebracht. Ohne dich läuft das nicht.«
»Quatsch, es läuft sehr gut ohne mich.«
»Warum willst du denn gehen?«, will Bille jetzt wissen und sieht mich so merkwürdig an.
»Ich muss einfach.« Es wäre zu kompliziert, alles zu erklären. Sie würden es ja doch nicht glauben. Ich meine, wenn ich jetzt mit Frau Nasila und ihren Codes und dem Höhlenbewohner anfange, werde ich in die Klapsmühle eingewiesen.
Bei der Vorstellung, Paul mit einer anderen Frau zu sehen, wird mir ganz anders, da kann ich froh sein, dass ich bald nicht mehr hier bin.
Aber ich kann den beiden einfach nicht die Wahrheit sagen.
»Du musst letztendlich selber wissen, was du tust«, sagt Bille leicht angesäuert. »Aber ich finde es nicht gut, dass du gehen willst. Gerade jetzt, wo alles so toll anläuft!«
»Freust du dich denn nicht, dass ich gehe?«, frage ich spitz.
»Natürlich nicht. Was soll denn das?«
»Du wirst dich schon trösten. Du kannst ja Paul fragen, ob er dir dabei hilft.«
Jetzt wird Bille knallrot. »Wie kommst du denn jetzt auf Paul?«
»Ach, nur so.« Ich richte mich auf. »Ich hab euch Turteltauben an der Alster gesehen«, zische ich leise.
Murmel stemmt die Hände in die Hüften. »Ich verstehe überhaupt nichts mehr.«
»Das ist nicht das, wonach es aussieht.« Bille wird dunkelrot.
Heidewitzka! Diesen Scheißsatz gab es 1954 also auch schon!
»Spar dir das«, sage ich zynisch und schnäuze mich.
Murmel ist die Erste, die sich wieder fasst. Sie meint, es wäre nun Zeit für ein alkoholisches Getränk. »Während du dich jetzt frischmachst, Cosima, werde ich den Barschrank plündern und uns einen schönen Whisky servieren.«
Ich könnte nun wirklich einen guten Schluck gebrauchen.
»Ich habe eine bessere Idee«, erklärt Bille und flitzt in ihr Zimmer.
Kurz darauf kommt sie mit einer Flasche Frauengold zurück.
»Das muss jetzt sein, wir drehen sonst alle durch. Gleich geht es uns besser!«
Weil mich heute nichts mehr erschüttern kann, nehme ich das Glas, das sie mir reicht, und kippe den Inhalt auf ex hinunter. Langsam ist mir alles egal.
Das Zeug wirkt schnell, und schon nach kürzester Zeit fühle ich mich wie im Rausch: frei, beschwingt und unglaublich entspannt.
»Siehst du«, triumphiert Bille. »Frauengold ist phantastisch.«