Ich wache auf, weil es raschelt. Es hört nicht auf zu rascheln. Dazu eine Frauenstimme, die immer wieder sagt: »Ich hatte ihn doch hier hingelegt. Wie kann er weg sein?«
Ich blinzle mit dem rechten Auge, dann blinzle ich mit dem linken Auge. Schließlich öffne ich beide Augen und sehe verschwommen eine Stuckdecke, in deren Mitte ein Kronleuchter hängt, dessen Prismen eine Reinigung gut vertragen hätten. Mir ist schwindelig.
»Vielleicht liegt er unter dem Laptop«, sagt die Stimme und kommt näher. Schnell schließe ich meine Augen wieder.
»Cosima, sind Sie wach?«
Nein.
»Cosima, Cosima!«
Ich mache die Augen wieder auf – und erstarre.
Vor mir steht Frau Nasila in einem schwarzen, wallenden Gewand. Um ihren Hals baumelt eine dicke Bernsteinkette.
»Na endlich«, sagt sie. »Sie haben vielleicht einen tiefen Schlaf. Ist alles in Ordnung? Können Sie aufstehen?«
»Geben Sie mir noch eine Minute«, krächze ich. Noch immer dreht sich alles.
»Willkommen zurück im Jahr 2010.« Frau Nasila strahlt, sie freut sich ehrlich, mich zu sehen. »Es gibt nur ein klitzekleines Problem.«
»Was denn?«, frage ich leicht benommen. »Was finden Sie denn heute nicht?«
»Nein, mit Ihnen gibt es ein Problem. Sie haben alles falsch gemacht.«
Das ist ja eine freundliche Begrüßung in der Gegenwart. Jedenfalls bin ich jetzt hellwach. »Und was bitte hab ich falsch gemacht? Ich habe doch meinen Auftrag erfüllt.«
»Eben nicht«, jammert Frau Nasila. »Ich wollte Ihnen noch eine Nachricht zukommen lassen, aber der Zettel mit den Codes ist schon wieder weg. Ich werde noch verrückt.«
»Vielleicht sollten Sie sich einen anderen Beruf suchen. Einen, bei dem man nicht ständig Codes braucht. Sie könnten in einer Bäckerei arbeiten oder so«, schlage ich vor.
»Unfug. Ich finde die Codes ja irgendwann.«
»In meinem Fall aber zu spät.«
»Das ist ja das Dilemma.«
»Und was hab ich nun falsch gemacht.«
»Meine Güte, das sollten Sie eigentlich wissen«, klagt Frau Nasila und wirbelt auf der Suche nach den Codes durch das ganze Zimmer. Dabei weht ihr schwarzes Gewand wie eine Gardine im Wind. Sie erinnert mich an einen Vampir. Außerdem rieche ich ihr Parfum: Patchouli. Das war doch in den Achtzigern total angesagt, oder? Aber offenbar gibt es Leute, die es auch heutzutage noch schätzen.
Frau Nasila setzt sich nun zu mir, und ich stelle fest, dass ich wieder auf ihrem Sofa liege. Ich trage auch die Kleidung, die ich vor meiner Reise anhatte.
»Sie waren doch beauftragt, Paul Müller zu bekehren und ihm eine Frau zur Seite zu stellen«, sagt Frau Nasila.
»Das haben Sie mir aber so nicht geschrieben. Sie haben geschrieben, dass ...«
»Ja, ja, ja. Das weiß ich auch. Da ist was schiefgelaufen. Ich habe Auftragsdetails verwechselt. Ich wollte Sie noch darüber informieren, aber der Abreisetag war schon gekommen. Und mein Bote hatte sich den Fuß verknackst. Es kam eins zum anderen, verstehen Sie?«
»Nein, ehrlich gesagt verstehe ich überhaupt nichts mehr. Was heißt das jetzt genau?«
Sie hebt theatralisch beide Hände. »Sie müssen wieder zurück!«
»Aber Bille hat doch ...«
»Nein, nein, nein. Das stimmt so alles nicht. Nichts stimmt. Hätten Sie doch bloß ein wenig Menschenkenntnis, dann hätten Sie es gemerkt.«
»Entschuldigen Sie bitte, Frau Nasila, aber sind Sie nicht auch der Meinung, dass ich in der letzten Zeit einiges auszustehen hatte? Nur so ein kleines bisschen?«
»Wieso, es hat Ihnen doch gefallen, oder etwa nicht?«, verteidigt sie sich unschuldig. »Sie haben doch eine Menge erreicht. Jetzt müssen Sie nur noch den Rest erledigen.«
»Welchen Rest?«
»Na, das mit Paul. Sobald ich den richtigen Code habe, werde ich Sie zurückbeamen.«
»Moment mal, so einfach geht das nicht«, protestiere ich und will mich hochstemmen. Doch meine Arme sind zu schwach.
»Es gibt keine andere Möglichkeit«, erklärt Frau Nasila. »Sie müssen zurück.«
»Ich könnte auch einfach aufstehen und gehen«, drohe ich.
»Eben nicht. Versuchen Sie es mal.«
Demonstrativ will ich vom Sofa hüpfen, aber es geht nicht. Meine Beine und Arme sind wie gelähmt.
»Was ist das?«, kreische ich panisch.
»Nichts Schlimmes. Das geht wieder vorbei.« Frau Nasila steht auf und sucht weiter nach dem Code.
Ich robbe verzweifelt auf dem Sofa hin und her. »Das ist Freiheitsberaubung!«, schimpfe ich. »Augenblicklich werden Sie dafür sorgen, dass ...«
»Ich hab ihn!«, ruft sie glücklich. »Sind Sie bereit? Ich schicke Ihnen dann wieder den Boten mit den nötigen Informationen.«
»Nein, warten Sie!«
Doch Frau Nasila hört schon gar nicht mehr zu, sondern murmelt etwas vor sich hin. Einige Sekunden später wird mir ganz kalt und dann ganz warm. Ich fühle mich wie in einer bunten Spirale, die sich ganz schnell dreht. Schneller und immer schneller. So muss es für Astronauten sein, die zum Mond fliegen.
***
Als ich die Augen wieder öffne, seufzt eine Frauenstimme: »Langsam habe ich keine Lust mehr.«
Aber es ist nicht Frau Nasila, sondern eine exotische Frau, die so wunderschön ist, dass ich fast geblendet bin. Sie trägt eine Art Toga mit einem goldenen Gürtel. Sie hat einen olivenfarbenen Teint, und ihre langen, lackschwarzen Haare fallen über ihre Schultern wie Seide. Ich bin beeindruckt.
Sie kommt näher. »Willkommen. Schon wieder ein neues Gesicht. Darf ich fragen, was Euch zu uns führt?«
»Äh ...« Euch? Himmel, wo bin ich denn jetzt gelandet? Was hat Frau Nasila denn nun wieder verzapft? Die Frau gehört weggesperrt.
Aber eins steht fest: Ich bin hier nicht im Hamburg von 1954 gelandet. Ich bin irgendwo anders. Und ich bin verzweifelt. Ich will zurück, ins Jahr 2010 oder von mir aus auch ins Jahr 1954!
Ich sehe mich um: Der riesengroße Saal ist recht spartanisch, aber kostbar eingerichtet. Der Boden ist aus Marmor, an den Wänden hängen mächtige Eisenhalterungen, in denen Fackeln stecken, und überall stehen Teller mit Obst herum sowie einige Karaffen mit Wein oder Wasser.
Was ich hier soll, ist mir ein Rätsel. Ich will zu Paul! Schlagartig wird mir klar, wie sehr ich ihn vermisse und wie viel er mir bedeutet!
»Euer Bad ist eingelassen, Herrin.« Eine andere, recht kleine und unscheinbare Frau betritt den Saal. Auch sie trägt eine Toga, und sie verbeugt sich mehrfach vor meiner seltsamen Gastgeberin.
»Kommt mit mir, dann könnt Ihr berichten«, sagt die fremde Schönheit und schnippt mit den Fingern. »Einen Becher Rebsaft für unseren Gast«, befiehlt sie der Dienerin.
»Sehr wohl, Herrin.«
Anschließend folge ich der Frau durch mehrere Gänge, bis wir in einem riesengroßen Badezimmer stehen. Eine Wanne ist in den Boden eingelassen. Als ich sehe, womit das Becken gefüllt ist, fällt es mir wie Schuppen von den Augen.
»Eselsmilch ist gut für die Haut«, sagt Kleopatra und steigt in das Becken mit der weißen, warmen Flüssigkeit. »Sie wird dann weich wie Samt. Ihr werdet schon sehen. Legt ab und steigt zu mir herab. Oder esst ein paar Trauben, greift nur zu, Ihr seid mein Gast.«
»Okidoki«, sage ich, warum auch immer. Ich habe noch nie Okidoki gesagt. Wahrscheinlich werde ich langsam irre. Ja, ist es denn ein Wunder?
»Wie bitte?«, fragt Kleopatra.
»Äh ... Danke«, korrigiere ich mich.
»Also, ganz unter uns, ich weiß nicht, was hier in letzter Zeit los ist. Dauernd kommen Fremde mit irgendwelchen Orakeln. Dann taucht irgendwann so ein merkwürdiger Mann auf und verteilt Kuverts, und dann sind die Besucher mit einem Mal wieder verschwunden.«
»Welches Jahr schreiben wir eigentlich?« Nun bin ich neugierig.
Doch Kleopatra ist mit dem Kopf bereits tief in der Eselsmilch verschwunden. »Ich muss schön sein für meinen Mann«, sagt sie, als sie wieder auftaucht. »Auch wenn ich glaube, dass seine besten Jahre längst vorbei sind.« Kleopatra richtet sich auf und rückt ein wenig näher. »Früher, da hatten wir sehr viel Spaß miteinander, aber in letzter Zeit ... nun ja, er ... sein ... also, wie soll ich das erklären?« Ratlos sieht sie mich an.
»Er kriegt keinen mehr hoch?«, helfe ich und frage mich, ob wir hier gerade von Cäsar reden. Ich meine von dem Cäsar?!
Sie lacht los. »Jedenfalls vergnüge ich mich deshalb anderweitig.«
»Mit wem denn?«
»Ach, mit der Dienerschaft. Sie ist willig. Cäsar ahnt davon natürlich nichts«, kichert sie.
»Gut so. Sonst wäre wahrscheinlich Polen offen.«
»Wie bitte?«
»Ach, nichts. Seien Sie bloß vorsichtig.«
»Was sollte mir schon passieren?«
Hat die eine Ahnung! Wenn mich nicht alles täuscht, wird sie sich in ein paar Jahren umbringen! Es heißt, dass sie sich Viperngift in eine offene Wunde geträufelt hat. Das habe ich mal gelesen, als Philipp für ein Schulreferat recherchiert hat.
Eine Dienerin eilt herbei.
»Der seltsame Herr ist schon wieder da und wünscht die Königin zu sprechen«, erklärt sie.
»Schon wieder«, seufzt Kleopatra. »Was will er denn?«
»Er sagt, dass diese Frau fälschlich hier ist.«
»Na toll. Endlich hab ich mich mal gut unterhalten, und jetzt soll sie schon wieder gehen.« Kleopatra wirkt enttäuscht.
Ich aber bin aufgeregt, denn da kommt tatsächlich der Bote, den ich schon kenne.
»Ich bitte vielmals um Vergebung«, sagt er atemlos. »Aber mir ist ein Missgeschick passiert.«
»Ganz offenbar. Dies ist nämlich nicht das Jahr 1954«, sage ich und steige eilig aus der Wanne.
»Wie es Euch beliebt«, sagt Kleopatra stirnrunzelnd.
Die Dienerin hüllt mich in ein Laken, und als ich mich anziehe, spüre ich die Wirkung der Eselsmilch. Kleopatra hat recht: Meine Haut ist samtweich.
»Und für Euch habe ich erst mal dies hier.« Der Bote kniet sich an den Beckenrand und reicht Kleopatra ein kleines Döschen.
»Was ist das?«
»Viagra«, erklärt er. »Damit es mit Euch und Cäsar wieder besser klappt.«
»Oh«, freut sich Kleopatra und öffnet das Döschen. Dann winkt sie mir zum Abschied huldvoll zu. »Kommt wieder, wenn Ihr könnt, dann baden wir erneut zusammen.«
»Das mache ich gern.« Doch bevor ich Kleopatra die Hand reichen kann, schiebt mich der Bote nach draußen.
»Es ist mir wirklich sehr unangenehm«, sagt er und wird ganz rot im Gesicht. »Wie dumm von mir, die Bestimmungsorte zu vertauschen.«
»Kein Problem, es war sehr interessant. Und nun?«
»Nun geht es zurück. Dahin, wo Sie hingehören.« Er murmelt etwas vor sich hin, und wieder dreht sich alles. Ich gerate in den Schwindel der Spirale, gleißendes Licht umgibt mich, dann wird alles schwarz.