Bier geht immer
Eines frühen Herbstabends Ende der Zwanzigerjahre – das Speiserestaurant Herrmann Rabandt hatte wegen Renovierungsarbeiten geschlossen – fuhr das junge Ehepaar John im Fahrstuhl in das inzwischen in der gesamten Stadt bekannte und beliebte Funkturmrestaurant hoch. Es war das erste und letzte Mal, dass sie sich diesen Luxus leisteten; Georg, so hatte er es Lisa verkündet, wollte noch einmal prassen, bevor sie bis auf den letzten Blutstropfen sparen mussten.
Neugierig darauf, wozu diese eiserne Disziplin nötig sein würde, saß Lisa ihm am Tisch gegenüber. Doch fragte sie nichts. Sie kannte ihren Schorsch; er spielte mal wieder eines seiner Spielchen mit ihr. Sie durfte es ihm nicht verderben.
Erst nachdem sie großzügig gegessen und getrunken hatten – Georg hatte die Preise auf der Speisekarte einfach übersehen –, verriet er ihr, was er vorhatte: Er wollte sein eigenes Restaurant aufmachen.
»Wozu ewig für andere arbeiten?«, fragte er, zärtlich, wenn auch ein wenig aufgeregt, ihre Hand streichelnd. »Wäre es nicht besser, uns selbstständig zu machen? Wir ergänzen uns doch so ideal – ich zapfe, du servierst. Natürlich denke ich an kein großes Speiselokal – eine Bierkneipe, das wär’s! Mit Rollmöpsen, Bockwurst, Buletten, illustrierten Gurken und einem lieben, netten, in der ganzen Gegend beliebten Wirtsehepaar. Haben wir uns darin erst mal festgesetzt, können die Zeiten so schlecht werden, wie sie wollen, Bier geht immer.«
Lisa, am Fenster sitzend, ihr Glas mit dem Rest Rotwein in der Hand, sah auf die riesige Stadt mit ihren zahllosen, mal hell leuchtenden, mal nicht ganz so hellen Lichtern hinunter. War es der Wein oder Georgs Plan? Irgendwie fühlte sie sich an jenem Abend »erhoben«. Das kleine Mädchen aus Thale, nun war es schon seit Langem Hauptstädterin, berlinerte inzwischen sogar ab und zu. Und wo arbeitete sie? In der Nähe von Messegelände und Funkturm – dort, wo die Welt sich traf! An ihrer Seite ein wahrhaft lieber und guter Mann, standfest und zuverlässig; ein Ritter Bodo, der sie lange verfolgt und belagert hatte, aber nie abstürzen würde. Warum sollte es nicht weiter bergauf gehen? Wirtin im eigenen Lokal! Das war doch was.
Nur kurz stiegen Zweifel in ihr auf. Sie würden einen Kredit aufnehmen müssen, ganz egal wie viel sie zuvor angespart hatten. Und wenn sie den dann irgendwann nicht mehr zurückzahlen konnten? Das Leben war erbarmungslos; wer vom Schrank sprang und niemanden hatte, der ihn auffing, konnte sich, wenn er Pech hatte, das Genick brechen.
Andererseits: Wer alles nur düster sah, vertrieb die Sonne. War in Zerbst denn nicht auch alles gut gegangen? War ja Mutters eigene Schuld, dass sie alles verloren hatte. Wäre sie nicht übermütig geworden, hätte sie die Inflationszeit ohne größere Verluste überstanden. Georg hatte recht: Bier ging immer. In schlechten Zeiten wurde oft sogar noch mehr getrunken als in guten. Traurig, aber wahr. Und wollte sie denn ein ganzes Leben lang Serviererin bleiben, nur weil sie nichts anderes gelernt hatte? War doch besser, auf eigene Rechnung von Tisch zu Tisch zu flitzen. Im Alter bekamen Serviererinnen oft schlimme Krampfadern, als Wirtin konnte sie, wenn der Laden gut lief, ein junges Mädchen einstellen und die eigenen Beine schonen.
Mutig prostete sie Georg zu. »Das machen wir! Darauf den letzten Schluck.« Und einander zulächelnd wie zwei Verschwörer tranken sie ihr Glas leer. Sie waren jung, sie waren unternehmungslustig; sie hätten die Welt aus den Angeln heben mögen.
Mark auf Mark wurde beiseitegelegt. Kein Kinobesuch mehr, keine Kleidungsstücke, die nicht unbedingt nötig waren, keine Segelfahrten auf dem Müggelsee. Georgs Boot, das nun schon lange Lisa hieß, musste verkauft werden. Ein Opfer, das ihnen schwerer fiel als alles andere. Doch: Entweder – oder! Mit Halbherzigkeiten erreichten sie nichts.
Nahmen sie Urlaub, dann nur um in anderen Restaurants für erkrankte oder urlaubende Kollegen einzuspringen. An Herrmann Rabandts Schließtagen schlüpfte Georg in ein Eisbärenfell, um sich darin mit Berlinbesuchern oder Kindern fotografieren zu lassen. Im Hintergrund der Funkturm. Für jedes Foto zahlte der Fotograf Provision.
Natürlich durfte gerade jetzt kein Kind kommen. Sonst hätte Lisa ja nicht mehr mitverdienen können. Auch verursachte ein Kind Kosten. Jeder Kinderwunsch musste auf später verschoben werden. Georg hielt sich zurück und Lisa durfte nicht weniger tapfer sein; Kondome waren mit Georgs Glauben nicht zu vereinbaren.
Im Frühjahr 1929 war es dann endlich so weit: Das Grundkapital zur Erlangung eines Kredits war angespart! Sie durften sich umschauen, wo ein Lokal zur Veräußerung anstand. Einzige Bedingung: Ihre Bierquelle musste in einer gut frequentierten und nicht allzu weit von ihrer Wohnung entfernten Gegend liegen.
Georg suchte lange und eines Tages lachte ihm das Glück. An der Ecke Prenzlauer Allee/Raumerstraße stieß er auf eine Kneipe, wie sie berlinerischer nicht sein konnte. Zum Starken Gottfried hieß sie und gehörte dem ehemaligen Meisterringer Blanck, der es sich auf seine alten Tage in seinem Pankower Schrebergarten bequem machen wollte.
Georg opferte drei Urlaubstage, um zu überprüfen, wie gut oder weniger gut diese Eckkneipe ging, und war am Ende überzeugt, auf eine Goldader gestoßen zu sein.
»Ein Glücksfall!«, schwärmte er Lisa vor. »Die Straßenbahn hält fast vor der Tür, zur S‑Bahn sind’s nur fünf Minuten und gleich gegenüber liegen Hufeland-Krankenhaus, Bezirksamt und Standesamt. Diese Ecke, Lisaken, hat auf uns gewartet.«
Er küsste sie ab und lachte glücklich. »Aber natürlich werden wir uns dort nicht Bierquelle nennen. Das ist ja überhaupt nicht originell. Zum Ersten Ehestandsschoppen werden wir heißen. Vormittags dürfen die frisch getrauten Ehepaare mitsamt ihren Trauzeugen und sonstigen Gästen bei uns ihren ersten Ehestandsschoppen trinken, nachmittags kommen die Besucher aus dem Krankenhaus und abends ist der halbe Prenzlauer Berg bei uns zu Gast. Denn das steht fest, wer einmal da war, kommt wieder. Und warum? Weil der Wirt ein so gemütlicher Dicker und die Wirtin eine so liebe, hübsche Schlanke ist.«
Zum Ersten Ehestandsschoppen? Das klang wirklich originell. So hieß keine zweite Kneipe in der Stadt. Und von der Wohnung in der Pappelallee lag Georgs Entdeckung nur zehn, höchstens fünfzehn Minuten Fußweg weit entfernt? Besser ging’s nicht. Wozu noch lange zögern? Wer sich in Marsch setzen will, muss irgendwann den ersten Schritt tun.
Herrmann Rabandt sah den bei allen Kollegen und Gästen beliebten Zapfer und die nicht minder geschätzte Serviererin nur sehr ungern gehen. Und auch Georg fiel der Abschied schwer. Elf Jahre hatte er beim Rabandt hinter der Theke gestanden und dem Restaurant ein Gesicht gegeben, viele Gäste waren vor allem seinetwegen gekommen.
Es gab ein kleines, von Herrmann Rabandt spendiertes Abschiedsfest im Kreise der Kollegen, am Tag danach begannen im Ersten Ehestandsschoppen die Renovierungsarbeiten.
Georg wollte alles selber machen. Wozu teures Geld für Handwerker rausschmeißen? Er zog seine älteste Hose und sein ältestes Hemd an und krempelte unternehmungslustig pfeifend die Ärmel hoch. Und dann schnappte er sich Pinsel und Farbeimer und tauchte alle Wände in freundliche, helle Farben. Lisa kümmerte sich um neue Gardinen und putzte die Theke, bis die Sonne vor Neid erblasste. Ins Hinterzimmer kam ein französischer Billardtisch, wie es sich für eine Berliner Kneipe gehörte, für die Beschilderung über Tür und Fenster sorgte die Brauerei. Der berühmte Schultheiß mit dem Krug in der Hand begrüßte die eintretenden Gäste, unter dem Namen der Brauerei stand in kleiner, fast zierlicher Schrift Zum Ersten Ehestandsschoppen. So hatte Georg es bestellt. »Klein und fein«, so seine Überzeugung, »fällt mehr auf als groß und protzig.«
Am Tag vor der Neueröffnung standen Wirt und Wirtin vor der im Sonnenschein glänzenden, braunroten Beschilderung und strahlten sich an. »Na, meine Kleene? Wat sagste nu?«
Lisa sagte gar nichts, lachte nur. Wie würde alles werden? Hatten sie mit dieser Kneipe wirklich den Hauptgewinn gezogen?
Zum Eröffnungsfest sparten sie nicht mit Papierschlangen, Lampions und Papiermonden. Es gab Freibier, Schnaps, Bockwürste und Buletten, und Glückwünsche hagelten von allen Seiten auf die jungen Wirtsleute nieder. In solch unsicheren Zeiten ein Sprung in die Selbstständigkeit? Alle Achtung, dazu gehörte Mut.
Georg winkte nur grinsend ab. »Ach was, keine Sorgen! Bier geht immer.« – Ein Spruch, der ihm, wie Lisa fand, ein wenig zu oft über die Lippen kam. Traute Georg seinem eigenen Optimismus nicht?
Aber nein, alles ging gut. Das neue, noch so junge Wirtsehepaar war bald sehr beliebt in der Gegend. Wie hätte es auch anders sein sollen? Ein ewig sonnig lächelnder, dicker Glatzkopf, der in seinem hellbraunen Zapferjäckchen hinter der Theke stand, als fände er allein in der Aufheiterung seiner Gäste sein Lebensglück, und eine wieselflinke, sehr freundliche Wirtin, wie sollten die beim Publikum nicht ankommen? Nicht lange und Lisa und Georg gehörten zum Kiez, als wären sie am Prenzlauer Berg aufgewachsen.
Eine glückliche Zeit. Georg zapfte, Lisa bediente. Und lagen sie nach ihrem harten Arbeitstag endlich im Bett, beglückwünschte Georg sich jedes Mal für sein »goldenes Händchen«. Hatte er nicht alles richtig gemacht? Er hatte!
Oder hätte er ahnen können, dass es im Oktober dieses ihres ersten Jahres als selbstständiges Wirtsehepaar an der New Yorker Börse einen »Schwarzen Freitag« geben würde – einen Börsenkrach, der in eine Weltwirtschaftskrise mit zuvor nie gekannter hoher Arbeitslosigkeit münden würde? Nicht einmal die Weltökonomen hatten diese Katastrophe vorausgesehen, den Zapfer Georg John traf keine Schuld.
Bier geht immer? Ja, aber was, wenn der Wirt sich irgendwann weigern muss, seine Gäste weiter auf Kredit trinken zu lassen? Mit den Schulden, die andere bei ihm haben, kann kein Wirt seine Rechnungen begleichen. Schreibt er aber nicht mehr an, bleiben die Gäste weg. Und das vielleicht für immer, weil sein »Misstrauen« sie beleidigt oder sie ihm ein mangelndes Verständnis für ihre Situation unterstellen.
Und andere, wohlhabendere Gäste? Der Prenzlauer Berg war nicht Charlottenburg; hier lebten nicht so viele gut situierte Bürger, denen ihre Rücklagen gestatteten, nicht auf die Mark schauen zu müssen. Bei Lisa und Georg verkehrten größtenteils kleine Gewerbetreibende, Handwerker, Arbeiter und Angestellte. Und an jeder Straßenecke gab es eine Konkurrenzkneipe, die nicht mehr in ihren Anfängen steckte und großzügiger auf Kredit trinken lassen konnte – eben weil der eigene Kredit längst abgezahlt war.
Und keinerlei Aussicht auf Besserung der Wirtschaftslage. Die Arbeitslosenzahlen stiegen und stiegen. Zwar ging Bier noch immer, Bockwürste, Buletten, Rollmöpse und Gurken aber verkniff sich so mancher Gast lieber. Bis er irgendwann auch auf das Bier verzichtete und ganz wegblieb. Und so manch einer, der statt seiner kam, war nicht gern gesehen.
Hinter dem Hufeland-Krankenhaus, direkt vor einem riesigen Gasometer, lag das Obdachlosenasyl der Stadt. Ein hohes, lang gestrecktes, rotes Backsteingebäude, in ganz Berlin nur »die Palme« genannt, da im Eingangsbereich eine große Topfpalme die Menschen begrüßte, denen in diesen Notzeiten nichts anderes übrig blieb, als Abend für Abend hier Zuflucht zu suchen. Heruntergekommene, vom Hunger gezeichnete Gestalten waren es, die durch die ganze Stadt gewandert kamen, in der Hoffnung, in der »Palme« aufgenommen zu werden. Doch so riesig das Gebäude war, nicht allen Zufluchtsuchenden konnte Unterschlupf gewährt werden. Wer zu spät kam, erhielt ein Schüsselchen Suppe und eine Scheibe Brot in die Hand gedrückt und musste wieder gehen.
Jeden Abend überquerten viele Abgewiesene die Prenzlauer Allee, standen vor dem Ersten Ehestandsschoppen und blinzelten durch die Fensterscheiben. Gesichter, die Georgs und Lisas Mitleid erweckten, und so machten sie anfangs den Fehler, den einen oder anderen Obdachlosen zu sich hereinzuwinken und ein Bier, ein Glas Fassbrause, eine Bockwurst oder Bulette vor ihn hinzustellen. Was sich bald herumsprach. Bald linsten immer mehr »Palmenbrüder« zu ihnen hinein. Sie mussten befürchten, dass die abgerissenen Gestalten ihnen die letzten zahlenden Gäste vergraulten. Auch war das Ganze finanziell nicht zu stemmen. Zwei, drei verschenkte Biere oder Buletten am Tag waren zu verkraften, zwei-, dreihundert hätten den Ruin bedeutet. So wandten sie sich zukünftig ab, wenn wieder Obdachlose durch die Fensterscheiben zu ihnen hereinspähten. Wer überleben wollte, musste Härte zeigen, auch wenn es wehtat.
Und dann wurde Lisa doch noch schwanger. Auf ihr eigenes Drängen hin. Sie hatte es nicht länger ausgehalten. Wie lange wollte ihr guter, dicker Schorsch sich denn noch in Enthaltsamkeit üben? Bis die Zeiten besser geworden waren? Bis dahin konnte sie eine alte Frau sein. Er hatte doch früher immer davon geschwärmt, irgendwann eine ganze Wagenladung voller Kinder durch die Stadt kutschieren zu wollen. Junge Mütter, so hieß es, bekämen die schönsten und gesündesten Kinder.
In einer schwachen Stunde näherte sie sich ihm so fordernd, dass er nicht lange widerstehen konnte, und im Sommer 1932 – die Wirtschaftskrise hatte ihren Höhepunkt erreicht, allein in Berlin wurden sechshunderttausend Arbeitslose, in ganz Deutschland sechs Millionen gezählt – kam Robert auf die Welt, Georgs ganzer Stolz, sein Robby. Den Namen hatte er ausgesucht. Robert John, so würden bedeutende Rechtsanwälte, berühmte Filmschauspieler oder Reichskanzler heißen, schwärmte er jedem vor, der vor seine Theke trat. Und das eine oder andere davon, dafür lege er seine Hand ins Feuer, würde sein Robby ganz bestimmt werden.
Es wurde aber – Robert, ein ruhiges, stilles Kind, war noch kein halbes Jahr alt – ein ganz anderer Reichskanzler, einer, der mit Vornamen Adolf hieß. Seine Partei, eine Ansammlung von Leuten, über die Georg gern Witze riss, war von Wahl zu Wahl stärker geworden. Und es war oft gewählt worden in den vergangenen Jahren; immer wieder neue Regierungen hatten einander abgelöst, keine war mit der Krise fertig geworden. Sollte dieser österreichische Weltkriegsgefreite, der so gern große Töne spuckte, doch mal zeigen, was er konnte, hörte Lisa ihre Gäste immer öfter reden. Darunter auch solche, von denen sie wusste, dass sie eigentlich gar keine Nazis waren.
Ein Sinneswandel, der ihr Sorgen machte. Sie mochte die Braunhemden nicht. Ihre vielen Aufmärsche mit Musikgedröhn und aufpeitschenden Reden waren ihr zuwider. Wer Leuten nachlief, die allen alles versprachen, so ihre Überzeugung, hatte zu wenig Grips im Kopf. Nur seltsam, dass sich darunter auch viele berühmte Männer und Frauen befanden, von denen es hieß, dass sie klug waren.
Besondere Sorgen machte ihr die Judenfeindlichkeit der neuen Machthaber. Ihr Nachbar, der kleine, witzige, ewig optimistische Schneidermeister Max Rosenzweig, einer ihrer treuesten und liebsten Stammgäste, war Jude. Musste er diese Leute nicht fürchten?
Maxe Rosenzweigs Werkstatt, zu der auch eine kleine Wohnung gehörte, lag im Treppenhaus gleich gegenüber. Seine genauso kleine, nichtjüdische Frau Hete und er brauchten sich am Abend nicht erst lange »ausgehfein« zu machen. In Filzlatschen klopften sie, ohne erst die Straße betreten zu müssen, an der Hintertür, und dann saßen sie am Stammtisch, als wären sie aus ihrer Werkstatt nur in ihre Wohnstube hinübergewechselt.
Hete Rosenzweig, pausbäckig und gern vielsagend schmunzelnd, war eine Art Schuttabladeplatz für alle Sorgen und Nöte der Hausbewohner. »Kinder, die Welt is nu mal, wie se is«, tröstete sie die Nachbarn gern. »Wir müssen das Beste draus machen.« Maxe, klein, aber stramm, mit lustigem runden Gesicht und Stoppelfrisur, nannte den neuen Reichskanzler Hitler seit jeher nur den Herrn Adoof. Wenn er begann: »Der Herr Adoof hat mal wieder einen sehr schönen Wörterbrei produziert«, kicherten alle schon im Voraus, weil sie wussten, dass gleich wieder ein sehr bemerkenswertes, aber keineswegs frei erfundenes Hitler-Zitat folgen würde. Der Witz lag allein in der Betonung. Seit dieser »Herr Adoof« an der Macht war, sah Maxe sich allerdings jedes Mal erst lange um, bevor er ihn parodierte.
Beide Rosenzweigs nahmen den neuen Reichskanzler nicht sehr ernst. Der Judenhass, den er überall verbreitete, erschien ihnen viel zu abwegig. Wer so primitiv und ungeschminkt log, wer sollte dem denn glauben? Ein paar Monate lang, so Hete und Max, würde diese Witzfigur ihre Hasstiraden in die Welt hinausposaunen dürfen, dann werde auch der Dümmste eingesehen haben, dass allein mit Getöse und Geschimpfe die Welt nicht zu retten sei.
Lisa hätte ihren Optimismus gern geteilt, doch erschien ihr dieser Mann mit dem stechenden Blick und der Haarsträhne im Gesicht, der viel zu oft seine friedlichen Absichten beteuerte, sehr gefährlich. Wenn sie, was selten war, am Schließtag mal mit Georg im Kino saß und in den Wochenschau-Berichten den neuen Reichskanzler reden hörte, wurde ihr jedes Mal ganz klamm ums Herz. Warum jubelten dem nur so viele zu? Und wieso kreischten ausgerechnet viele Frauen so begeistert auf, wenn er im Auto an ihnen vorüberfuhr? Dieser Hitler war doch nun wirklich kein Clark Gable, Willy Fritsch oder Hans Albers.
Mit Georg konnte sie über ihre Bedenken nicht sprechen. Er betrachtete, was in der Welt der Politik vor sich ging, nur voller Unverständnis: Warum vertrugen die verschiedenen Parteien sich denn nicht? Sie waren doch alle Deutsche. Und hatten die Herren Politiker denn keine anderen Sorgen? Er, Georg John, hatte andere Sorgen: Der Kredit, an dem sie noch immer abzahlten! Zwar hatte die Krise ihren Höhepunkt längst überschritten, auch hieß es, der neue Reichskanzler wolle jedem eine Arbeit zuweisen, indem er staatlich geförderte Aufbauprojekte wie den Ausbau der Autobahn in Angriff nahm. Doch so rasch würde das ja wohl nicht gehen und also die Einnahmen, wenn überhaupt, nur sehr langsam steigen. Sie aber mussten Monat für Monat ihre Banküberweisungen tätigen.
Immer öfter musste Lisa ihn an seine eigenen Worte erinnern: »Was befürchtest du denn? Du weißt doch: Bier geht immer! Wichtig ist doch nur, dass kein neuer Krieg kommt.«
Beschwörungen, die nicht viel nutzten: Georg hatte sich verändert. Seine Zweifel und Ängste waren ihm vom Gesicht abzulesen. Zwar nickte er brav, wenn sie ihm Mut einimpfen wollte, die Unruhe in ihm aber beseitigte sie damit nicht. Immer besorgter, immer gedankenverlorener blickte er. Redeten seine Gäste mit ihm, hörte er oft gar nicht zu. Und dann stellte Lisa eines Tages ein immer stärker werdendes Zittern seiner Hände und Zucken seiner Augenlider fest. Und sie bekam Angst. »Aber Schorsch!«, redete sie auf ihn ein. »Warum machst du dir nur so viele unnütze Gedanken? Wir haben uns und wir haben Robby. Wir sind glücklich. Was willst du mehr?«
Er nickte auch dazu, lächelte und kippte rasch einen Schnaps hinter. Und dann in rascher Folge einen zweiten und dritten. Lisas Sorgen wurden so schlimm, sie nahmen ihr die Luft.
Und als hätte der Teufel es so gewollt, musste sie in dieser Zeit kurz nacheinander noch mit zwei weiteren bösen Schicksalsschlägen fertig werden: Zuerst starb der Bruder – eine seltene Blutkrankheit hatte den noch so jungen Mann ereilt –, dann, nur drei Monate später, die Mutter.
Wie viel Kraft musste sie aufbringen, um damit fertig zu werden! Wie schwer fiel es ihr, trotz allem die freundliche, flinke Wirtin zu bleiben! Und wie wenig konnte Georg ihr in dieser Zeit eine Stütze sein! Als er, am Zapfhahn stehend, von Lotte Gerbers Tod erfuhr, weinte er so hemmungslos, dass viele Gäste glaubten, nicht ihre, sondern seine Mutter sei gestorben.
Lisa, die ihm, aus dem Krankenhaus kommend, diese Nachricht zugeflüstert und selbst schon viel geweint hatte, erschrak. So herzzerreißend hatte sie noch niemanden schluchzen sehen, erst recht keinen Mann.
Eine schlimme Zeit. Erst der noch so junge, hoffnungsvolle Heinz, jetzt die Mutter, die Lisa so oft den Weg gewiesen und ihr Mut gemacht hatte. Verluste, über die sie nur schwer hinwegkam. Und dazu nun auch noch Georg. Er litt so sehr unter diesen beiden Todesfällen, dass Lisa sich in ihrem eigenen Schmerz oft nicht entsprechend gewürdigt fühlte. Immer öfter musste sie sich ermahnen, nicht ungeduldig mit ihm zu werden.
»Dein Mann ist lieb, aber schwach«, so hatte die Mutter sie ein ums andere Mal getröstet, wenn sie mit ihren Sorgen zu ihr gekommen war. »Deshalb passt ihr ja so gut zusammen. Weil du stark bist. In einer Ehe muss es immer einen geben, der die Zügel in der Hand hat. Streiten Mann und Frau, wer lenken darf, landet der Karren unweigerlich im Graben. Nimm ihm die Zügel aus der Hand, aber sieh zu, dass er’s nicht merkt.«
Die Mutter hatte ihr Leben gemeistert. Kriegerwitwe mit vier Kindern – und nie verzagt! Selbst der Verlust ihres bescheidenen Wohlstandes, den sie sich mit so viel Fleiß und Tatkraft erarbeitet hatte, hatte sie nicht umgeworfen. Erst der Krebs hatte sie besiegt. Die zweite Frau Braumeister unterlag derselben Krankheit wie die erste Frau Braumeister.
Die Mutter, das wusste Lisa, hätte ihr auch jetzt geraten, sich nicht unterkriegen zu lassen. Der Tod, so einer ihrer ständigen Sprüche, gehört zum Leben. »Es geht ja alles immer weiter – und das mal traurig und mal heiter.«
Ja, sie, Lisa, hatte ihren Robby und ihren Georg. Beide brauchten sie. Und bald würde noch jemand kommen, der sie brauchte, ein Junge oder Mädchen, sie durfte nicht im Selbstmitleid ertrinken.
Georg konnte sich nicht so zusammenreißen. Immer öfter zitterten ihm die Hände, zuckte er mit den Augenlidern und inzwischen auch mit den Mundwinkeln. Und manchmal wusste er für Sekunden nicht, wo er war.
Lisas einzige Hoffnung: Grit. Die Schwester, längst eine junge Frau, hatte im Kaufhaus Hermann Tietz am Alexanderplatz – seit der Arisierung Hertie – Verkäuferin gelernt und war noch immer dort angestellt. Nach dem Tod der Mutter aber wollte sie nicht länger bei dem zum zweiten Mal verwitweten, über die politischen Umstände und all das Leid, das ihm widerfahren war, trübsinnig gewordenen Stiefvater Braumeister bleiben. Kurz entschlossen bot Lisa ihr an, zu ihnen zu ziehen. Und das, obwohl die Einzimmerwohnung in der Pappelallee eigentlich viel zu klein für vier und erst recht für fünf Personen war.
Grit, in der Küche einquartiert und voll ihres quirligen Charmes, schaffte es, Georg hin und wieder so etwas wie frohe Zukunftsgedanken einzuimpfen. »Das Leben ist doch schön«, tröstete sie ihn gut gelaunt, wenn sie an den Schließtagen gemeinsam zu Abend aßen. »Stell dir doch nur mal vor, nächsten Sommer ist Olympiade, da kommt die halbe Welt nach Berlin. Wie wird da bei Hertie und auch bei euch die Kasse klingeln!«
Impfungen, die nicht lange wirkten. Stand Georg tags darauf hinter der Theke, sank er in seinen Dämmerzustand zurück. Um sich aufzumuntern, trank er. Machte Lisa ihm deshalb Vorwürfe, wiegelte er ab: »Das eine oder andere Gläschen macht mich doch nicht gleich zum Säufer.«
Im Jahr darauf, noch vor der Olympiade, zog Grit wieder bei ihnen aus. Zu fünft war es endgültig zu eng in der kleinen Einzimmerwohnung. Sie suchte sich was zur Untermiete, wurde fündig und bald darauf hatten auch Lisa und Georg Glück. Im ersten Stock der Raumerstraße 24, direkt an der Ecke zur Prenzlauer Allee, an der ihre Gastwirtschaft lag, war eine Zweizimmerwohnung freigeworden. Sie mieteten sie und endlich hatten sie mehr Platz für sich, und Lisa brauchte nur aus der Hintertür der Gaststätte zu treten und die paar Stufen zum ersten Stock hochzusteigen, um ihrem Neugeborenen die Brust zu geben oder ihn zu sich herunterzuholen. Es war wieder ein Junge geworden: Wolfgang, den alle nur Wölfchen riefen.
Doch hielt das Gefühl von Stolz und Freude nicht lange an. Schon nach wenigen Wochen ließ Georg sich von ihrem Etagennachbarn dazu überreden, ihm eines der beiden Zimmer für ein angemessenes »Abstandssalär« abzutreten. Mit dem Hauseigentümer habe er bereits gesprochen, für Johns würde die Miete billiger, für ihn etwas teurer.
Lisa wollte es nicht glauben. Wie hatten sie über das zweite Zimmer gejubelt – und nun »verschenkte« Georg es einfach?
Sie machte ihm Vorhaltungen, verlegen zuckte er die Achseln. »Aber was sollen wir denn mit zwei Zimmern? Wir sind doch nur zum Schlafen oben. Und die Kinderbetten? Die stellen wir einfach in die Küche. Wir brauchen da oben doch gar keine Küche, haben hier unten ja eine sehr viel größere. Und die niedrigere Miete kommt uns sehr zupass.«
Der Nachbar bekam das Zimmer, ein Durchbruch wurde gemacht und eine neue Trennwand eingezogen. Lisa beobachtete alles nur mit verständnislosem Kopfschütteln. Was war nur aus ihrem einst so lustigen, mutigen, optimistischen Georg geworden!
Und Georg trank weiter, trank immer mehr. Er stand ja von frühmorgens bis spät in der Nacht hinter der Theke, hatte die Schnäpse stets und ständig vor der Nase.
Immer eindringlicher redete Lisa ihm ins Gewissen, immer öfter bat sie ihn, zum Arzt zu gehen.
Er zeigte sich einsichtig, aber einen Arzt aufsuchen wollte er nicht. »Ich schaff das schon«, versprach er ihr, »muss mich nur ein wenig am Riemen reißen.«
Doch schaffte er es nicht. Kaum kehrte sie ihm den Rücken zu, kippte er einen hinter.
Erneut bat sie ihn, zum Arzt zu gehen. »Mir zuliebe.«
Er schämte sich, doch er blieb stur. »Aber Lisaken, was soll der mir denn verschreiben? Es gibt keine Pillen gegen Feigheit.«
Feigheit? Sah er sich so? Schwach und feige? Musste er sich immer wieder Mut antrinken?
Sie brauchte Hilfe und Hilfe kam. Georgs fromme Schwester Lucie, inzwischen nah an die fünfzig, aber noch immer unverheiratet und kein Geheimnis daraus machend, dass sie mit Männern nichts zu tun haben wollte, zog zu ihnen. Die hagere, fleißige Frau putzte, kochte, wusch die Wäsche und umsorgte den stillen Robert und das quirlige, wuselige Wölfchen. Sie liebte die Jungen und die Jungen liebten sie.
Eine Hilfe, die Lisa das Leben sehr erleichterte. Und hätte Georg jetzt nicht Zeit gehabt, sich zu schonen? Ehefrau und Schwester schmissen den Laden. Jede Untätigkeit aber versetzte ihn in Panik. Er brauchte seine Theke, brauchte das Gespräch mit den Gästen. Stand er aber an der Theke, trank er. Das Klischee vom Wirt, der sein bester Kunde war, Georg John bediente es.
Bis Lisa ihm eines Tages androhte, die Gaststube nicht mehr zu betreten, wenn er nicht baldigst zum Arzt ging. Sollten sie ihretwegen doch Pleite machen, sie konnte ja wieder als Serviererin arbeiten, um sich und die Kinder durchzubringen. Alles war besser als ein Mann, der sich zu Tode trank.
Widerwillig gab er nach und ließ zu, dass sie ihn begleitete. Der Arzt untersuchte ihn, sprach lange mit ihm und attestierte ihm am Ende eine böse Nervenkrankheit. Jeder Tropfen Alkohol, ab sofort sei er verboten. Bei Lebensgefahr.
Georg nickte nur zu allem. Diesen Schuss vor den Bug habe er gebraucht, sagte er auf dem Heimweg, von jetzt an würde er sein Leben wieder in den Griff bekommen.
Drei Tage hielt er Abstinenz, dann trank er mehr als zuvor. Es war, als hätte der Arzt einem Kaninchen verboten, von der Wiese zu naschen, auf die man es gesetzt hatte. Jeden Abend Bier zapfen und Schnaps einschenken, ohne selbst zuzulangen, das schaffte Georg nicht. Und die Gastwirtschaft ganz allein Lisa überlassen? Unmöglich. Bereits der Gedanke daran stürzte ihn in neue Panikattacken. Was sollte er denn tun den ganzen lieben, langen Tag lang? Spazieren gehen? Ja, wenn er noch sein Segelboot hätte! Seine Lisa hätte ihn vielleicht ablenken können.
Lisa tauchte ihre Worte in Honig, um ihn zu überreden, noch einmal zum Arzt zu gehen. Irgendwas musste doch geschehen.
»Willste mich loswerden?«, fuhr er sie an. »In die Klapsmühle stecken?«
»Aber nein«, flehte sie unter Tränen. »Ich will, dass dir geholfen wird. So geht das doch nicht weiter. Deine Krankheit richtet uns zugrunde. Denk doch auch mal an mich! Denk an die Kinder!«
Er wurde bleich und das Zittern seiner Hände und das Zucken in seinem Gesicht nahmen kein Ende. »Das sage ich dir«, flüsterte er vor sich hin, »wenn du mich irgendwohin einweisen lässt, komme ich da nie wieder raus.«
Erneut riss er sich einige Tage lang zusammen, dann stand eines Abends seine längst verstorbene Mutter vor der Theke. Mit düsterem Blick starrte sie ihn an, hob den Finger und drohte ihm. Ein Anblick, der Georg so erschreckte, dass er die Hände vors Gesicht schlug. Lisa musste ihn in die Arme nehmen, streicheln und trösten.
Ihre Angst wuchs ins Unermessliche. Gab es denn nichts, was sie tun konnte, um ihm zu helfen?
Wenige Nächte später, sie lagen bereits im Bett, fühlte Georg sich erneut von seiner Mutter bedrängt. Erst drohte sie ihm nur, dann hockte sie sich auf ihn, um ihn zu würgen. Voller Panik schlug er um sich und traf Lisa hart ins Gesicht. Danach weinte er wie ein kleines Kind.
Am Morgen darauf rief sie den Arzt an.
Die Nervenheilanstalt lag in Weißensee, dem Bezirk der Krankenhäuser und Friedhöfe, mit der Straßenbahn in zwanzig Minuten zu erreichen.
So oft sie konnte, besuchte Lisa Georg. Lucie stand dann hinter der Theke.
Anfangs erkannte Georg sie noch und fragte jedes Mal bestürzt: »Was ist nur los mit mir? Warum sehe ich solche Trugbilder? Werde ich langsam verrückt?«
»Aber nein!«, beruhigte sie ihn. »Das sind nur deine Nerven. Du hast dir viel zu lange viel zu viele Sorgen gemacht. Hier hast du deine Ruhe und den schönen Blick ins Grüne und auf den See. Da wirst du bald wieder richtig gesund.«
Es kam der Tag, an dem er ein paar Minuten brauchte, bis er begriff, wer ihm gegenübersaß. Mit verängstigter Geste zeigte er unter sein Bett. »Da, die hässlichen Zwerge, siehst du sie auch?«
Erschrocken schüttelte sie den Kopf, und da schrie er sie an: »Aber sie sind da! Sie laufen herum und lachen mich aus. Und nachts stechen sie mich. Sie haben so klitzekleine Messer, aber die sind sehr scharf und tun weh.«
Da konnte sie nicht mehr anders, sie brach in Tränen aus. Verwundert sah er sie an, bis er begriff, weshalb sie weinte. Und da liefen auch ihm die Tränen übers Gesicht.
Bessere und schlechtere Tage wechselten einander ab, doch musste sie damit rechnen, dass Georg sie irgendwann gar nicht mehr erkennen würde. Als der Tag heran war, sah er sie mit so fremden Augen an, dass es ihr kalt den Rücken herablief. »Aber Schorsch!«, rief sie und das aus Angst viel zu laut. »Ich bin’s doch – Lisa! Deine Lisa!«
Er versuchte zu lächeln und sagte leise: »Ja, natürlich: Lisa!« Doch verrieten seine Augen, dass er nicht wusste, was für eine Lisa da vor ihm saß und in welchem Verhältnis er zu ihr stand.
Sie sprach mit dem Arzt – und er machte ihr keinerlei Hoffnung. »Wenn er Sie nun endgültig nicht mehr erkennt, dann ist die Grenze wohl überschritten.«
Der sehr einfühlsame und sehr erfahrene Arzt sagte nicht, welche Grenze er meinte. Doch verstand sie sofort: Er sprach von der Grenze zum Wahnsinn.
An diesem Tag fuhr sie nicht gleich zu Lucie, Robby und Wölfchen zurück. Sie setzte sich am See auf eine Bank und starrte lange in das leise plätschernde Wasser zu ihren Füßen. Ihre schlimmsten Befürchtungen, sie waren eingetroffen! Von nun an war sie eine verheiratete und dennoch alleinstehende Frau mit zwei Kindern.
Dann wollte man sie nicht mehr zu ihm lassen. Er neige nun zu Tobsuchtsanfällen, bekam sie zu hören, stecke in der Zwangsjacke und verweigere jede Nahrung. Es wäre besser für sie, ihn als halbwegs gesunden Mann in Erinnerung zu behalten.
Zweimal ließ sie sich abweisen, beim dritten Mal beharrte sie darauf, Georg sehen zu dürfen. Mit ihrer Erinnerung müsse ja nur sie leben, niemand anderes, sagte sie.
Der Arzt war einverstanden, und zwei kräftige Pfleger brachten Georg in einen Raum, der durch eine große Glasscheibe vom Flur getrennt war. Klapperdürr war der einst so rundliche Mann geworden, mit bösen, kleinen, blutunterlaufenen Augen starrte er sie an. Seine Glatze war voller Schorf. Er hatte sich, wie die Pfleger sie zuvor informiert hatten, selbst so zugerichtet.
Ein Anblick, der ihr zusetzte. Wie bedauerte sie, auf dieser Begegnung bestanden zu haben. Vielleicht würde sie fortan, wenn sie an Georg dachte, ja tatsächlich nicht mehr den lebensfrohen, gemütlichen, dicken Schorsch vor sich sehen, sondern allein diesen ihr so fremden, mageren, glatzköpfigen Mann, dem der Speichel aus dem Mund lief.
Egal, wie schwer ihr das fiel, sie musste sich damit abfinden: Ihren Georg gab es nicht mehr. Zwar fuhr sie weiter nach Weißensee, doch nur, um vom Arzt zu erfahren, wie es Georg ging.
Es kam der Tag, an dem sie diesen Weg zum letzten Mal auf sich nahm. Es ging nur noch darum, die Kleidungsstücke abzuholen, in denen Georg in die Anstalt eingeliefert worden war. Der Patient Georg John war verstorben.