Das Schild am Tor verbirgt sich hinter Efeuranken und Flechten, der Name darauf – Oyster Shore – klingt wie ein Flüstern aus der Vergangenheit.
Das Tor hängt schief in den Angeln und wird fast von hüfthohen Gräsern überwuchert. Wilder Kerbel schäumt wie Gischt an den dahinterliegenden Weg. Die Maklerin hatte recht: Hier würde man nie ein Haus vermuten. Für mich ist das perfekt, denn was ich jetzt brauche, ist ein vergessener Ort und ein Ort zum Vergessen. Ich bin schon zweimal an dieser zugewucherten Einfahrt vorbeigefahren und wäre es wohl auch ein drittes Mal, wenn ich nicht durch das Laub einen Blick auf glitzerndes Wasser erhascht hätte. Das Glück hat mich hierher geführt.
»Sie haben Ihr Ziel erreicht«, reißt mich das Navi aus meinen Gedanken. »Bitte wenden!«
Erschrocken trete ich auf die Bremse und stemme mich gegen das Lenkrad. Ich bin nicht die weite Strecke gefahren, um kurz vor dem Ziel im Graben zu landen. Meine Wasserflasche rollt in den Fußraum. Breakspear, der auf dem Rücksitz gedöst hat, bellt vorwurfsvoll.
»Tut mir leid, Breaky«, sage ich und bücke mich nach der Flasche. Ich bin schon zu weit vom Tor entfernt, um zurückzusetzen. Die Straßen hier sind so extrem schmal, dass ich lieber nach einer Stelle zum Wenden Ausschau halte. »Es dauert nicht mehr lang, dann können wir einen schönen Spaziergang machen.«
Wenn Hunde sprechen könnten, würde Breakspear wohl sagen: »Jaja«, und zwar in dem resignierten Tonfall, den meine Nichte Ellie immer anschlägt, wenn Erwachsene etwas Langweiliges sagen. Wenn Hunde Smartphones hätten, würde Breaky wohl seinen Freunden Nachrichten mit Klagen über sein verrücktes Frauchen schicken, das ihn von interessant riechenden Bürgersteigen und seinem geliebten Garten mit den sorgfältig vergrabenen Knochen weggezerrt hat. Sieben Stunden Fahrt sind, trotz längerer Gassipausen, ein Fall für den Tierschutz, würde er klagen, und zwar in genau demselben Ton, den Ellie anschlug, als ihre Eltern einen Familienurlaub in Cornwall buchten. »Kein Handyempfang und unterirdisches WLAN«, hatte sie gejammert. »Wie soll das nur werden?«
»Himmlisch. Vielleicht sollten wir unsere Handys und Computer zu Hause lassen? Den Urlaub als Digital Detox nutzen?«, hatte ihre Mutter, meine große Schwester Marina, gekontert.
Ellie war blass geworden. Sie klebte förmlich an ihrem Handy und brauchte die sozialen Medien so dringend wie Sauerstoff.
Marina arbeitet in der Notaufnahme eines Londoner Krankenhauses und muss sich täglich um Wichtigeres kümmern als um jammernde Teenager, die in den Ferien kein Tiktok nutzen können. Ellie, die genau wusste, wann es genug war, hatte sich alles weitere verkniffen. Abgesehen davon genoss sie insgeheim jede einzelne Minute ihrer von Salz und Wind geprägten Ferien in Cornwall – genau wie Marina und ich früher. Wir wuchsen zwar in London auf, lebten aber praktisch für die Sommer im Cottage unserer Großeltern, das nur einen Steinwurf vom Readymoney Cove entfernt lag. Auf den Holzböden knirschte der Sand, weil wir ständig zum Strand liefen, unsere Haare waren von Sonne und Salz gebleicht und unsere Gesichter voller Sommersprossen.
Als ich an diesem Morgen Richtung Westen fuhr, spürte ich, wie es mir mit jeder zurückgelegten Meile leichter ums Herz wurde. Beim Überqueren der Tamar Bridge fiel eine riesige Last von mir ab, stürzte von der Brücke in die Tiefe und versank im Schlamm des Flussbetts. Ich fühlte mich so leicht wie schon lange nicht mehr. Das Leben, in das ich wie eine Schlafwandlerin geraten war, lag hinter mir, und ich war wieder in Cornwall. Ich durfte wieder Lowenna Scott sein. Mein kornischer Name und meine kornischen Wurzeln banden mich an dieses magische Fleckchen Erde. Ich war zu Hause.
Als ich als Kind meine Granny May in Cornwall besuchte und die Geschichten aus ihrer eigenen kornischen Kindheit hörte, verliebte ich mich in die Vorstellung, an einem Ort zu leben, wo die eigene Familie genauso zum Landstrich gehörte wie die kreischenden Möwen und die rauschenden Wellen. In London kannte niemand die Familie Scott. Wir wohnten in unserer Doppelhaushälfte in einer anonymen Straße in Harrow, die von Autos und staubigen Platanen gesäumt war, und wenn wir über Nacht verschwunden wären, hätte es wohl keiner unserer Nachbarn bemerkt. Meiner Mutter gefiel das. Sie meinte, es gäbe nichts Schlimmeres als Nachbarn, die alles von einem wüssten. Aber Granny May widersprach ihr immer. Sie war stolz darauf, dass schon seit Urzeiten Penwurthies in Trevellan lebten, deren Blut auch in meinen Adern floss. Ihre Namen standen auf dem Kriegerdenkmal am Hafen. Im Grunde sei es ein Zeichen ihrer tiefen Liebe zu Grandpa Bill gewesen, dass sie sich zwanzig Meilen weiter nach Fowey habe entführen lassen!
»Hast du Trevellan nicht manchmal besucht?«, hatte Marina einmal gefragt.
»Aber natürlich, Liebes, aber es war eben nicht mehr mein Zuhause, verstehst du? Das war hier bei Grandad, und außerdem hat deine Mum mich auf Trab gehalten.«
»Aber jetzt, wo Mum erwachsen ist, könntest du doch wieder in Trevellan wohnen. Sie hätte bestimmt nichts dagegen«, hatte ich gesagt. Meine Mum war schon richtig alt, mindestens dreißig, deshalb musste Granny May nicht mehr auf sie aufpassen. Im Gegenteil, je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass unsere Mutter Granny überhaupt nicht mehr brauchte. Mummy blieb nie mehr als ein paar Tage, wenn sie uns bei unseren Großeltern absetzte, und abgeholt wurden wir immer von Daddy, weil er es liebte, im Sand zu buddeln, in dem winzigen Cottage zu wohnen und die köstlichen Pasteten zu essen, die laut meiner Mutter dick machten.
Meine Großmutter hatte sehr über meinen Vorschlag lachen müssen, so, als hätte ich einen Witz gemacht. Dabei hatte ich das völlig ernst gemeint.
»Da hast du recht, mein Vögelchen. Ich denke oft, dass der Storch das falsche Baby bei uns abgeworfen hat. Deine Mum ist ein richtiges Stadtkind.«
Marina und ich nickten, obwohl wir nicht an den Storch glaubten. Mummy mochte Geschäfte, belebte Straßen und Restaurants. Daddy war zwar eher ein Landmensch, doch da er immer machte, was Mummy wollte, wohnten wir in der Stadt. So zeigte man wohl seine Liebe, hatte ich gedacht: Man machte, was der andere wollte, und nicht das, was einen selbst glücklich machte. Schließlich hatte Granny May für Grandad den Ort verlassen, den sie liebte, und Daddy war wegen Mum in der Stadt geblieben. Diese Lektion hatte ich mir eingeprägt, was, wie sich herausstellte, für mich nicht gut war.
»Möchtest du eines Tages nach Trevellan zurück?«, hatte Marina gefragt.
Granny May sah immer etwas wehmütig aus, wenn sie sich an das Zuhause ihrer Kindheit erinnerte. Sie erzählte Geschichten von Geistern im Moor und von Schmugglern, die durch die engen Gassen schlichen. Meine Lieblingsgeschichte handelte von dem Mädchen, das vor langer, langer Zeit ertrunken war, und dessen Gegenwart Granny May angeblich immer dann spürte, wenn Nebel aufzog. Wir wollten unbedingt wissen, wer sie war und wo sie ertrunken war, aber Granny May wusste es nicht. Vielleicht war sie gar nicht ertrunken, sondern die Kobolde hatten sie entführt? Vielleicht war sie durch die Zeit gefallen und konnte nicht mehr zurück? Granny warnte uns, dass es in Cornwall viele Orte gab, an denen man, wenn man nicht aufpasste, einfach verschwinden konnte. Zwischen großen Steinen, bei alten Kreuzen oder am Wassersaum beim Wechsel von Ebbe und Flut. Entsprach das der Wahrheit oder war das nur eine ihrer Geschichten? Schwer zu sagen, wenn man unter Dachbalken schlief, die aus den Wracks gesunkener Schiffe stammten, und das Meer leise unter dem Schlafzimmerfenster rauschte. Ob wahr oder nicht, diese Geschichten jagten Marina und mir immer wohlige Schauer über den Rücken, und wir liebten sie!
»Vielleicht gehe ich wieder nach Trevellan zurück, wenn ich alt bin? Also älter als jetzt, meine ich«, erklärte Granny May. »Aber nun ist Fowey mein Zuhause, und Grandad würde nicht umziehen wollen, nicht für alles Geld der Welt. Außerdem lebt in Trevellan niemand mehr aus meiner Familie. Ich bin die letzte der Penwurthies. Nur noch ich und die alte Familienkiste sind übrig geblieben.«
Granny May hielt nicht nur die alten Geschichten lebendig, sondern bewahrte auch Familienandenken in einer alten Holzkiste auf. An verregneten Tagen, wenn die ganze Welt tropfte, durften wir in ihren Schätzen wühlen und erfanden unsere eigenen Geschichten und Spiele.
»Seid vorsichtig mit den Sachen«, warnte sie uns immer, »meine Mutter hat diese Kiste ihr ganzes Leben lang wie einen Augapfel gehütet, und als sie starb, musste ich ihr versprechen, dass ich gut darauf aufpassen würde.«
Als wir nachfragten, warum, zuckte Granny nur die Achseln.
»Wenn ich das wüsste! Die Kiste war immer unter der Treppe versteckt, und meine Mutter ging jedes Mal in die Luft, wenn man sich ihr auch nur näherte!«
»Sind die Sachen viel wert?«, fragte Marina in der Hoffnung, einen Schatz gefunden zu haben.
»Du bist wirklich die Tochter deiner Mutter! Tut mir leid, Vögelchen, aber diese Sachen haben höchstens ideellen Wert«, erwiderte Granny. »Ich erinnere mich nur, dass ein Mann sie bei uns abgab, als ich noch sehr klein war. Ich machte die Tür auf, weil Ma das Baby stillte …«
»War das Baby dein Bruder, der im Krieg gestorben ist?«, unterbrach ich sie.
Wir kannten die Geschichte vom tapferen Onkel, der in seiner Spitfire abgeschossen wurde. Großonkel Eddie war ein Held. Hätte er überlebt, dann würde es noch mehr Penwurthies geben. Granny sagte auch immer, wenn Eddie überlebt hätte, wäre ihr Vater vielleicht nicht so unglücklich gewesen. Marrick Penwurthys düstere Stimmungen waren im ganzen Ort berüchtigt gewesen, und alle hatten sich vor ihm gefürchtet.
»Genau, Wenna, Gott sei seiner Seele gnädig. Jedenfalls war der Besucher damals ein vornehm gekleideter Mann, ein Gentleman, wie wir früher gesagt haben, und so jemanden hatte ich noch nie in unserem Haus gesehen. Er hatte einen Gehstock aus Ebenholz, mit silbernem Knauf, auf den er sich stützen musste, und seine dunklen Haare hatten graue Strähnen, dabei war er gar nicht alt. Wahrscheinlich nicht älter als mein Pa. Ich bemerkte, dass seine Augen sehr traurig aussahen. Ich war noch ganz klein, aber damals dachte ich, dass er der traurigste Mensch auf der ganzen Welt sein musste.«
»Was wollte er denn?« Da ich ein Fan von Fünf Freunde und der Schwarzen Sieben war, gefiel mir das Geheimnisvolle der Geschichte. Hätte ich es doch nur rausfinden können, was dahintersteckte!
»Er wollte meinen Vater sprechen und nannte ihn beim Vornamen, als würde er ihn gut kennen. Ich staunte, schließlich war Pa ein einfacher Fischer. Woher sollte er einen Gentleman kennen? Natürlich hätte ich keinem Fremden die Tür öffnen dürfen«, fügte sie schnell hinzu, »aber damals war das noch was anderes. Da kannte jeder jeden, und es gab noch eine Polizeistation im Dorf.«
»Wer war er denn?«, fragte Marina.
»Das weiß nur Gott«, erwiderte Granny May achselzuckend. »Niemand hat es mir je verraten. Damals hieß es, Kinder sollten nur gesehen, aber nicht gehört werden.«
Marina und ich verstanden den Wink mit dem Zaunpfahl und fragten nicht weiter nach. Granny May fuhr mit ihrer Geschichte fort. Sie blickte in die Ferne, als wäre sie wieder sieben Jahre alt und zurück im Haus ihrer Kindheit.
»Mein Pa war draußen auf dem Meer, und meine Ma wollte die Tür zuknallen, als sie den Besucher sah. Sie war wütend, doch er flehte sie an, die Kiste zu nehmen, die er mitgebracht hatte. Er meinte, damit könnten wir unser Glück machen. Ma fauchte wie eine Katze und wollte ihn nicht ins Haus lassen. Sie hatte ziemlich Temperament, meine Mum. Mit Elizabeth Penwurthy legte sich niemand an!«
»Anscheinend bin ich ihr ähnlich«, bemerkte Marina und warf ihre dunklen Locken zurück. »Mum sagt auch immer, ich hätte Temperament.«
»Das muss nicht unbedingt etwas Gutes sein«, wies Granny sie zurecht. Aber weder Marina noch ich glaubten ihr. Marinas Temperament erfüllte mich mit Ehrfurcht, und ich wünschte, ich hätte auch wenigstens ein bisschen davon. Schon als Kind gab ich viel zu schnell um des lieben Friedens willen nach und stellte meine eigenen Bedürfnisse zurück.
»Jedenfalls schickte Ma den Mann weg, und ich sah ihn nie wieder«, schloss Granny. »Sie schob die Kiste unter die Treppe, und dort blieb sie. Hin und wieder wagten Eddie und ich einen Blick hinein, aber wenn Ma uns dabei erwischte, konnten wir was erleben.«
»Was hat denn dein Dad gesagt? War er auch wütend?«, fragte ich. Urgroßvater Marrick war eine finstere Gestalt, einerseits ein Kriegsheld, andererseits jemand, vor dem man sich fürchtete.
»Ich glaube, sie hat sich nicht getraut, ihm davon zu erzählen. Pa redete nicht gern von der Vergangenheit, und Ma hat wohl gelernt, dass man ihn besser nicht aufregt. Seine Wutanfälle waren schrecklich. Wir schlichen nur auf Zehenspitzen um ihn herum«, erklärte Granny May. »Er war ein sehr zorniger Mann.«
Marina runzelte die Stirn. »Wieso denn?«
»Ach, Schatz, das ist schwer zu sagen. Der Krieg hatte ihn verändert, zumindest hörte ich das immer. Er hat schreckliche Dinge erlebt, über die er nie hinwegkam. Er hat gesehen, wie sein bester Schulfreund getötet wurde – Mums Bruder. Könnt ihr euch vorstellen, wie das für ihn gewesen sein muss? Der Erste Weltkrieg war einfach furchtbar.«
Nein, das konnten wir uns nicht vorstellen. Aus der Schule kannten wir zwar die künstlichen Mohnblumen, die man sich am Gedenktag ansteckte, aber der Erste Weltkrieg war für uns ganz weit weg. Ein seltsamer Gedanke, dass Granny Mays Vater gekämpft hatte! Für meine Schwester und mich war das eine weitere Geschichte, seltsam fern.
»Viele der Männer, die aus dem Krieg zurückkehrten, befanden sich in einem schrecklichen Zustand. Manche hatten einen Arm oder ein Bein verloren, oder sie hatten andere schwere Verletzungen. Aber diese waren vielleicht sogar leichter zu ertragen als die seelischen Wunden, die viele andere, wie mein Vater, davongetragen hatten. Damals nannte man so etwas Trichtertrauma, und bei meinem armen, alten Dad war es ziemlich schlimm. Wenn er einen seiner Anfälle hatte, mussten wir uns alle verstecken. Vermutlich traute Mum sich nicht, von dem Besucher und der Kiste zu erzählen, aus Angst, er würde fuchsteufelswild.«
»Aber du hast doch gesagt, mit der Kiste hättet ihr euer Glück machen können«, bemerkte ich.
»Wahrscheinlich habe ich mir das nur eingebildet, Lowenna«, erwiderte Granny lächelnd. »Kinder haben eine lebhafte Phantasie – wie du selbst sehr gut weißt.«
Ich erfand für mein Leben gern Geschichten und notierte sie in meinen Heften, aber noch nie hatte ich mir etwas ausgedacht, das so aufregend war wie Grannys Geschichten. Sie war äußerst einfallsreich und hielt uns oft stundenlang in Bann. Rückblickend kommt mir oft der Gedanke, sie hätte Schriftstellerin werden sollen.
»Vielleicht ist eine Schatzkarte darin versteckt?«, sagte Marina hoffnungsvoll, doch Granny verdrehte nur die Augen.
»Nein, nichts dergleichen. Nur ein paar Zeichnungen und alte Fotos. Mum hat im Laufe der Jahre selbst ein paar Sachen hineingelegt, Fotos und Knöpfe und so weiter, und ihr werdet das wohl auch tun. Obwohl es unsere gesammelten Familienandenken sind, werden sie eines Tages völlig bedeutungslos sein. Wenn ich nicht mehr da bin, wird eure Mum sie vermutlich wegwerfen.«
»Das lassen wir nicht zu«, versicherte Marina.
»Na, dann viel Glück damit«, erwiderte Granny May.
»Aber wer war denn der Mann?«, beharrte ich.
Granny May wuschelte mir durchs Haar. »Keine Ahnung, Liebes. Ich habe ihn nur dieses eine Mal gesehen, und das ganz kurz. Vermutlich war er ein Offizier, der mit Pa in Frankreich gekämpft hat. Denn er war ein feiner Pinkel. Das ist ein altmodisches Wort für ›vornehmer Herr‹. Aber eine Schatzkarte gab es nicht. Dabei hätten wir weiß Gott Geld gebrauchen können. Wir waren ziemlich knapp dran, als Pa nicht mehr fischen konnte.«
Dann folgte unweigerlich der Teil der Geschichte, in dem Granny uns über Schuhe mit Löchern in den Sohlen, über geflickte Kleider und das Fehlen eines Fernsehers erzählte. Damit wollte sie uns die Lehre erteilen, dass Marina und ich dankbar sein konnten für unsere guten Schuhe und unsere schönen Möbel. Doch wir hörten kaum noch zu, weil es nicht das Geringste mit unserer Welt zu tun hatte. Viel interessanter erschien uns die Frage, ob die Kiste uns Glück bringen könnte. Jedenfalls war sie unsere ganz persönliche Schatzkiste geworden. Marina und ich leerten sie immer wieder auf dem Teppich vor dem Kamin aus und begutachteten den Inhalt. Am meisten liebten wir die bunten, vom Meer glatt geschliffenen Glasscherben, die in einem kleinen Samtbeutel aufbewahrt wurden, der einst pechschwarz gewesen, nun aber verschlissen war. Für uns waren die Scherben Edelsteine, die wir ins Licht hielten und auf dem Teppich arrangierten.
Ein ganz besonderer Gegenstand erschien uns aber wirklich wertvoll: ein emaillierter Schmuckkamm in Form eines blauen Vogels, der ein glühend rotes Auge, leuchtend blaue Federn und grausam wirkende, goldene Klauen hatte. Zwar war die Emaille an einigen Stellen abgesprungen und dem Kamm fehlten ein paar Zähne, doch wer auch immer ihn sich ins Haar stecken durfte, fühlte sich wie eine Prinzessin und durfte an diesem Tag über die Spiele bestimmen. Oft fiel Marina diese Rolle zu, und mir blieb nur die Nebenrolle.
Wahre Schätze waren für uns auch die Postkarten und Fotos. Eines zeigte ein Herrenhaus, das wie ein Schloss aussah, und ein anderes ein elegantes weißes Haus, auf dessen Terrasse zwei kleine Jungen und ein Mädchen posierten. Einer der Jungen trug einen Matrosenanzug und blickte finster in die Kamera, während der andere wie ein Schmuddelkind aussah – zumindest behauptete das Granny, die sich über seine nackten Füße mokierte. Das kleine Mädchen trug ein wunderschönes weißes Kleid und einen weißen Hut, doch sie wirkte, als wollte sie sich diesen am liebsten vom Kopf reißen und zertrampeln. Ich stellte mir gerne vor, die drei hätten, kaum dass das Fotos geschossen war, lachend und kreischend die Flucht ergriffen, um irgendwo zu spielen. Marina und ich erfanden Namen für sie und inszenierten detaillierte Szenen, wobei eine von uns dann das kleine Mädchen sein durfte, das wir Prinzessin Clementine nannten, weil Grandad Bill so gerne Clementinenmarmelade mochte. Die Jungen tauften wir Henry und Joe. Sie gerieten ständig in Schwierigkeiten und wurden von Clementine gerettet, die die Klügste der drei war.
Wir fragten uns, wer sie wohl gewesen waren, doch Granny May behauptete, sie wüsste es nicht. Vielleicht Freunde ihrer Mutter? Zur Jahrhundertwende, auf die der Stil der Kleider schließen ließ, war Elizabeth Penwurthy ein kleines Mädchen gewesen, doch auf der Rückseite des Fotos standen keine Namen, nur eine kaum lesbare Kritzelei mit Bleistift, die aussah wie ein Vers. Es gab auch keine Angaben, wer das Foto gemacht hatte, und Granny May kannte das Haus nicht.
»Der Fluss könnte der St. Wyllow in der Nähe von Trevellan sein«, vermutete sie. »Aber ich weiß, dass das Herrenhaus auf der Postkarte Vyvyan Court ist. Viele von uns Penwurthies haben dort gearbeitet, eine Weile auch meine Mutter. Es hat lange Jahre leer gestanden, da die Familie, der es gehörte, starb, und die amerikanischen Soldaten, die es beschlagnahmt hatten, nach dem Krieg nach Hause zurückkehrten.«
Wenn meine Schwester und ich keine Lust mehr auf Prinzessin Clementine und ihre Vasallen hatten, spielten wir mit Murmeln aus der Kiste oder erfanden Geschichten über den gut aussehenden Uniformierten auf dem Foto, bei dem es sich laut Granny um ihren Furcht einflößenden Vater handelte, als er noch jung und fröhlich gewesen war.
»Pa hatte Glück, dass er aus dem Krieg zurückkehrte«, erklärte sie. »Vielen seiner Freunde war das nicht vergönnt. Als sie sich meldeten, waren sie noch halbwüchsige Jungen, und sie hatten keine Ahnung, was sie erwartete. Keiner von Pas Brüdern kehrte zurück, und das brach meiner Großmutter das Herz. Es hieß, sie wäre vor Kummer gestorben.«
Das war eine traurige Erzählung, die in ein Geschichtsbuch gehörte, aber unsere Aufmerksamkeit genauso wenig fesselte wie das Taschenbuch mit den Eselsohren, das nach Schimmel roch und mit Zahlen vollgekritzelt war. Viel lieber war uns das alte Skizzenbuch mit den vergilbten Seiten, das mit Zeichnungen von einem sehr gut aussehenden jungen Mann und von Ansichten eines baumgesäumten Ufers gefüllt war. Der junge Mann hatte dichte, helle Haare, hochgekrempelte Hemdsärmel und schaute in ein Buch oder in die Ferne. Eine Skizze zeigte ihn, wie er auf einem Ponton saß, mit einem Notizbuch auf dem Schoß und einem Stift in der Hand. Auf einer anderen lag er mit nacktem Oberkörper auf einem Bett. Unter der Zeichnung stand in geschwungener Handschrift N. OS. 1914.
N.? War das sein Name? Oder war das die Signatur des Künstlers? Wir hatten Granny May gefragt, aber die wusste es nicht, kannte auch den Künstler nicht, runzelte bei der Skizze mit dem Bett aber missbilligend die Stirn.
»Solche Dinge geraten im Laufe der Zeit in Vergessenheit, und das ist wohl auch gut so«, sagte sie entschieden, klappte das Skizzenbuch zu und legte es zurück in die Kiste. »Diese Zeichnungen haben irgendwann bestimmt etwas bedeutet, obwohl ich mir kaum vorstellen kann, was. Ich habe keine Ahnung, wer dieser schamlose junge Mann war. Aber ich glaube, das dargestellte Ufer könnte ein höher gelegener Abschnitt des Penhayes Estuary sein. Wisst ihr noch, wie wir nach Trevellan gefahren sind, Mädchen? Wir haben den Fluss mit der Autofähre überquert und im Pub zu Mittag gegessen.«
An diesen Tag habe ich glückliche Erinnerungen an Sonnenschein, Krabbensandwichs und heiße Plastikstühle, die an den nackten Beinen klebten. Aber wir besuchten Trevellan nur ein einziges Mal, da Granny May starb, als ich zehn war, und Grandpa Bill, der sie über alles geliebt hatte, nur wenig länger lebte. Ihr Cottage wurde verkauft, und unsere kornischen Sommerferien blieben für immer im Land unserer vergangenen Kindheit zurück.
Die Jahre vergingen, doch in meiner Phantasie blieb Cornwall ein magischer Ort, der mir noch mehr ans Herz wuchs, seit ich jedes Buch von Daphne du Maurier verschlang, das ich in die Finger bekommen konnte. Wann immer es mir möglich war, fuhr ich am Wochenende nach Fowey, um die Stätten meiner Kindheit zu besichtigen, doch von London nach Cornwall ist es weit, und David bevorzugte Stadt- oder Cluburlaube. Zwar sehnte ich mich nach salziger Luft, nach geschwungenen Sandbuchten und dem weiten Himmel, über den Wolken zogen, doch unterdrückte ich diese Sehnsucht und redete mir ein, es wäre wichtiger, mich auf meine Beziehung und meine Karriere zu konzentrieren. Ich hatte es verlernt, meinen Wünschen zu folgen.
Aber nun, als ich auf der Suche nach einem Platz zum Wenden durch die enge Straße mit der hohen Böschung fahre, glaube ich aus tiefstem Herzen, dass mich meine kornischen Wurzeln hierher zurückgeführt haben. Trevellan, der Ort, wo meine Vorfahren über Generationen lebten, ist nur drei Meilen von Oyster Shore entfernt, und ich bin hier umgeben von der Landschaft aus den Geschichten meiner Großmutter. Von außen betrachtet erscheint es unvernünftig, mein ganzes Leben an einen Ort zu verlagern, den ich noch nie gesehen habe, aber in meinem Herzen spüre ich den Sinn. Hier herrscht eine heilsame Stille. Es ist sicher. Ich kann mich erholen, und ich kann wieder schreiben. Es ist richtig, nach Cornwall zu kommen. Davon bin ich überzeugt.
Ein großer Geländewagen kommt auf mich zu. Da er wie ein Panzer wirkt und seine vielen Beulen auf zahlreiche Zusammenstöße mit Gattern und Trockenmauern schließen lassen, fühle ich mich genötigt, ihm so schnell wie möglich auszuweichen.
»Bitte wenden«, wiederholt das Navi beharrlich, während ich verzweifelt versuche, gleichzeitig den Wagen zu lenken und die Wasserflasche in die Hand zu bekommen, die immer noch im Fußraum herumrollt und zu platzen droht. Das ist so schwierig, wie es sich anhört, und bis es mir gelingt, schlingert mein Wagen gefährlich hin und her. Mit heftig klopfendem Herzen richte ich meine Aufmerksamkeit wieder aufs Fahren, und das keine Sekunde zu früh, denn der Geländewagen macht keinerlei Anstalten zu bremsen. Der Fahrer ist hinter seiner spiegelnden Sonnenbrille verborgen und scheint sich darauf zu konzentrieren, geradewegs auf mich zuzufahren. Ich werde noch vor meiner Ankunft zerquetscht werden. Nicht gerade der Neuanfang, auf den ich gehofft hatte.
»Bitte wenden!«, tönt das Navi.
»Ja, ja, ich weiß!«, fauche ich wütend. »Ich brauche einen Wendeplatz! Irgendwelche Vorschläge?«
Versunkene Sträßchen sind hübsch, zum Wenden oder Ausweichen aber ziemlich unpraktisch, wenn sich auf der einen Seite ein Graben und auf der anderen Seite eine Steinmauer befindet. Da ich diese Straße schon zweimal entlanggefahren bin, weiß ich, dass sie in etwa einer halben Meile breiter wird und sich zu einer Lichtung öffnet. Dort steht ein Wohnwagen, der von wunderschönen Holzskulpturen umgeben ist, doch zu meiner Erleichterung ist niemand erschienen, um mir wegen des Wendens Vorhaltungen zu machen.
Die Scheinwerfer des Geländewagens blitzen auf. Will er mir damit freundlich signalisieren, dass er an den Rand fährt, damit ich mich an ihm vorbei quetschen kann? Oder ist das ein aggressives Geheimzeichen der Einheimischen für Aus dem Weg, du blöder Touri!? Bei dem Gedanken werde ich rebellisch. Ich habe das gleiche Recht wie er, diese Straße zu benutzen. Ich lass mich nicht mehr rumschubsen. Das habe ich ein für alle Male hinter mir!
»So, Breaky«, verkünde ich. »Ich werde standhalten, wie Russell Crowe in Gladiator. Und auf mein Zeichen bricht die Hölle los!«
Andererseits … vielleicht lieber doch nicht. Dieser Wagen wirkt ziemlich solide, und mein kleines Auto ist eine Blechkiste. Vielleicht sollte ich doch zurücksetzen. Will er das? Wie ich rasch lerne, herrscht auf kornischen Straßen das ziemlich gefährliche Gesetz des Entschlosseneren: Wer am längsten draufhält, zwingt den anderen, den Rückwärtsgang einzulegen. So ist es sehr einfach, Einheimische zu identifizieren, weil sie atemberaubend schnell zur nächsten Einbuchtung zurücksetzen. Mir hat heute schon ein zornesroter Jaguarfahrer den Finger gezeigt, ein Traktorfahrer fröhlich gewunken und eine alte Dame einen mitleidigen Blick zugeworfen, während sie geschickt eine halbe Meile rückwärtsfuhr, während ich noch panisch die Gangschaltung betätigte.
Touris, denken sie wohl verächtlich. Städter, können nicht mal rückwärtsfahren. Na, dann sollen sie doch mal in der Rushhour den Kreisverkehr an der Hangar Lane bewältigen! Oder sich am Terminal drei in Heathrow in den Zubringer einfädeln! Selbst hartgesottene Londoner Taxifahrer erbleichen angesichts der Verkehrsführung am Flughafen, aber ich schaffe das mit verbundenen Augen, weil ich David unzählige Male von seinen Geschäftsreisen abgeholt habe. Selbst er fand da nichts mehr zu mäkeln.
Piep! Piep! Blitz! Blitz!
Vierspurige Zubringer, Exfreunde mit Jetlag und tieffliegende Flugzeuge verschwinden. Zurück auf der Straße mit dem immer näherkommenden Geländewagen umklammere ich den Schaltknüppel und bemühe mich, den Rückwärtsgang zu finden. Das Getriebe knirscht. Ich gebe die Hoffnung auf, dass mein Lack unbeschädigt bleibt und setze in eine Lücke in der Mauer zurück.
Der Wagen hält neben mir, und der Fahrer kurbelt das Fenster herunter, schiebt sich die Sonnenbrille in die dichten, blonden Haare, lehnt sich heraus und strahlt mich an.
»Tag! Haben Sie sich verfahren?« Ich bin verblüfft über den australischen Akzent.
»Ich habe Sie schon ein paarmal vorbeifahren sehen. Wenn Sie nach Trevellan wollen, das ist in der anderen Richtung«, fügt er hinzu, als ich nicht antworte.
»Nein, alles gut, ich suche nur nach einem Platz zum Wenden«, sage ich, nachdem ich mich von dem Schock erholt habe, Bradley Coopers besser aussehendem Zwilling vor mir zu haben. »Aber trotzdem danke.«
»Leichter gesagt als getan, wie? Da hinten an meinem Wohnwagen ist genug Platz. Da könnten Sie wenden« Sein Grinsen wird noch breiter. »Ein weiteres Mal.«
Also bin ich wohl doch nicht unbemerkt geblieben.
»Tut mir leid«, erwidere ich. »Ich wusste nicht, dass jemand zu Hause ist.«
Er winkt abwehrend mit seiner braun gebrannten Hand. »Kein Problem. Das bin ich schon gewohnt. Sie wären überrascht, wie viele die Abzweigung nach Trevellan verpassen und hier landen. Ich erkläre ihnen immer, wie sie ins Dorf kommen – oder nach Vyvyan Court, wenn es ein schicker Wagen ist.«
»Wollen Sie damit sagen, mein Wagen ist nicht schick?«, frage ich mit ausdrucksloser Miene.
»Ah, britischer Humor, richtig?«
Wir betrachten mein altes Auto. Niemand würde einen zwölf Jahre alten Peugeot 207 als »schick« bezeichnen.
»Nein, nur so eine Vermutung«, entgegne ich. »Jedenfalls habe ich mich nicht verfahren, sondern nur meine Einfahrt verpasst.«
Ich überlege noch, ob ich ihm erzählen soll, dass ich im alten Bootshaus von Oyster Shore wohnen werde, da bricht Breakspear in wildes Bellen aus.
»Halten wir dich auf, Kumpel?«, fragt der Fahrer, worauf Breakspear freudig mit dem Schwanz wedelt und sich in dem Bestreben, den Fremden kennenzulernen, gegen seinen Gurt stemmt. So viel dazu, dass er mich beschützen soll, wenn ich allein in meinem neuen Haus bin. Da könnte ich mich ja noch besser auf das Navi verlassen, das mir vom Armaturenbrett aus Anweisungen erteilt.
»Bei der ersten Gelegenheit bitte wenden!«
»Meine Güte, das lässt aber auch nicht mit sich spaßen! Ich gehorche wohl besser.« Der Fahrer lacht. Die Nachmittagssonne lässt seine erstaunlich grünen Augen leuchten. Auf seiner gebräunten Gesichtshaut schimmert ein goldener Dreitagebart. Hellere Lachfältchen breiten sich um seine Augenwinkel aus und verschwinden in seiner dichten Mähne. »Ich quetsch mich vorbei. Sollte passen.«
»Sollte?«, wiederhole ich nervös, aber es ist zu spät, Bedenken anzumelden. Schon geht es vorwärts, und zwischen der schlammbespritzten Seite seines Wagens und dem glänzend schwarzen Lack meines Wagens sind nur wenige Zentimeter Platz. Beklommen halte ich die Luft an und ziehe sogar den Bauch ein, aber unsere Wagen berühren sich nicht. Erleichtert atme ich auf. Im Rückspiegel sehe ich, wie er fröhlich den Daumen reckt und dann Gas gibt. Ich fahre weiter die Straße entlang, froh, dass es keinen Crash gegeben hat. Von nun an werde ich an meiner Rücksetztechnik arbeiten – oder nur noch zu Fuß laufen. Das wäre vielleicht einfacher.
Als ich am Wohnwagen wende, bemerke ich Blumentöpfe mit Kräutern auf den Stufen und ein kleines Gemüsebeet daneben. Da ich den Bildhauer kennengelernt habe, schaue ich mir auch die Skulpturen genauer an. Da sind keine grob mit der Kettensäge bearbeiteten pilzförmigen Gebilde, sondern raffiniert geschnitzte Waldtiere, abstrakte Formen und sogar ein großes, sich aufbäumendes Pferd. Ein Künstler also? Oder ein Australier auf der Durchreise, der den Sommer über bleibt und so lange Gelegenheitsarbeiten verrichtet? Für einen Backpacker kommt er mir allerdings etwas zu alt vor. Ich würde sagen, dass er ein bisschen älter ist als ich. Anfang vierzig vielleicht? Nicht, dass mich das was anginge. Ich bin nicht hergekommen, um neue Leute kennenzulernen. Ganz im Gegenteil.
Zurück an der Zufahrt von Oyster Shore sehe ich einen holprigen Betonweg, der von halb verwelkten Blauglöckchen gesäumt ist. An vielen Stellen sind Baumwurzeln durch den Weg gebrochen, tiefgrünes Moos überwachst den Beton. Irgendwo zwischen den dichten Rhododendren und Azaleen muss das alte Haus stehen. Schon bald werde ich es zum ersten Mal richtig sehen und mein eher undeutliches Bild von der veralteten Website der Realität anpassen.
Kein Wunder, dass das Anwesen so schwer zu vermitteln war! Die tiefen Rillen und Schlaglöcher in der Auffahrt ermöglichen nur Fahrzeugen mit Allradantrieb den Zugang. Davids Cabrio hätte da keine Chance, selbst wenn er mich hier aufsuchen wollte. Wenn ich die rostige Kette hinter mir wieder über den Torpfosten lege und mein Auto auf dem Grundstück verstecke, wird niemand auch nur ahnen, dass Oyster Shore nun bewohnt ist.
Einfach perfekt. Vor lauter Aufregung läuft mir ein Schauer über den Rücken, denn dieser Ort ist alles, was ich mir erhofft habe – und noch mehr. Er ist ein romantisches Fleckchen Erde. Die in dem dunklen Wäldchen verschwindene Auffahrt erinnert an das geheimnisvolle Cornwall von Daphne du Maurier und das glitzernde Wasser an die endlosen Sommer in den Büchern von Enid Blyton.
Mein Wagen ruckelt über den Weg. Kaum bin ich um eine Kurve gebogen und damit außer Sichtweite der Straße, fahre ich an den Wegesrand, schalte den Motor aus und atme tief durch. Lowenna Scott hat ihr Ziel erreicht.
Ich springe aus dem Wagen, recke die Arme zum Himmel und drehe den Kopf nach links und rechts, um meinen steifen Nacken zu dehnen. Wie gut es sich anfühlt, den salzigen Wind auf meinen Wangen zu spüren und dem Vogelgezwitscher zu lauschen! Ich meine sogar, dass irgendwo Wellen rauschen, also kann das Meer nicht weit weg sein. Einfach perfekt!
»Breakspear«, sage ich und ziehe die hintere Tür auf. »Bist du bereit, unser neues Zuhause zu erkunden?«