Kapitel 26

Madalyn

Juni 1914
Oyster Shore

Nicht bewegen! Ich bin noch nicht fertig!«

Madalyns Stift huschte über das Papier. Ihr Blick flog immer wieder zu ihrem Modell, das sich aufs Bett stützte, der sonnengebräunte Arm ein goldener Kontrast zu den weißen Laken, die sie erst kurz zuvor abgeschüttelt hatte, um sich wieder ihrer Zeichnung zu widmen. Oh, es war perfekt, einfach perfekt! Das Licht fiel genau richtig, um seine langen Wimpern und die Schatten zu betonen, die sein schönes Gesicht prägten. Der Stoff, der sich um seine Beine schlang, verhüllte nur ansatzweise die Muskeln und Sehnen seines starken Körpers und ließ auf männliche Kraft und Stärke schließen. Sie musste sich beeilen, denn gleich würde sich das Licht verlagern oder Ned würde die Geduld verlieren und sie wieder ins Bett ziehen. Doch wenn sie diesen Augenblick mit ihrem Stift festhalten konnte, dann würde etwas Wunderbares von diesem herrlichen goldenen Sommer verewigt werden, das wusste Madalyn.

»Deine Zunge lugt schon wieder zwischen deinen Lippen hervor«, bemerkte Ned. »Glaubst du, Michelangelo hat das auch gemacht, als er seinen David modellierte?«

»Das Modell für den David hat nicht so herumgezappelt wie du«, konterte Madalyn und schraffierte die Mulde an seiner Hüfte und den Schatten der schlanken Flanke. Ihr stockte der Atem, so makellos war sein Körper. Die Künstlerin in Madalyn – und nicht die Frau, die Ned Carew wahnsinnig liebte – dachte, dass Michelangelo für so ein Modell wohl getötet hätte.

»Vielleicht doch«, sagte Ned und reckte sich gähnend. »Und vielleicht ist der arme David deshalb nicht so ganz gelungen. Der Künstler hat sich gerächt.«

»Wenn du nicht stillhältst, räche ich mich auch«, erwiderte sie und drohte ihm mit dem Stift. »Und wenn ich eine berühmte Künstlerin bin und diese Skizze im Louvre hängt, wird es dir leidtun, nicht mal fünf Minuten stillgehalten zu haben.«

Ned lachte. »Was glaubst du wohl, wieso ich das Laken bis zum Bauch gezogen habe? Ich weiß doch, wie grausam Künstler sein können. Sieh dich doch an, du sitzt da drüben, viel zu weit weg von mir. Komm wieder her!«

Madalyn geriet in Versuchung. Ihre Liebe und Sehnsucht nach Ned Carew drückte sich sicher in ihrem Bild aus, zeugte von ihrem Verlangen, und jeder, der diese Studie betrachtete, wüsste eindeutig, dass der Künstler diesen jungen Mann abgöttisch liebte. Ihn anbetete. Nur für ihn lebte. Selbst während Madalyn ihn zeichnete, musste sie gegen den Drang ankämpfen, ihre Arbeit beiseitezuschieben, sich zu Ned zu legen, mit ihren Fingerspitzen und Lippen die Muskeln und Sehnen seines goldenen Körpers nachzufahren und ihre Hände in seinen dichten Haaren zu vergraben, während er sie in die Arme nahm und sein Mund den ihren suchte

In diesem Sommer hatten Ned und sie himmlisches Glück entdeckt, und das alte Messingbett unter den Dachsparren des Bootshauses war ihr ganz persönliches Paradies geworden. Dort besiegelten sie ihr Versprechen von jenem Nachmittag im Mai, als sie das Flussbett verließ und entdeckte, dass Ned Carew am Ufer auf sie wartete. Dort fanden sie eine Seligkeit, die sie nie für möglich gehalten hatten. Ned bedeutete ihr alles. Er war ihr Leben, und nun, da sie ihn wieder gefunden hatte, konnte sie sich nicht vorstellen, jemals von ihm getrennt zu sein. Genauso gut hätte sie dann aufhören können zu atmen.

Nach Geralds schockierendem Antrag hatte Madalyn davor zurückgeschreckt, wieder zu Ned zu gehen, weil sie ihm keinen Ärger bescheren wollte. Sie erinnerte sich noch daran, wie rachsüchtig Gerald in ihrer Kindheit gewesen war, und wie sehr er es gehasst hatte, etwas zu verlieren, das er als sein Eigentum betrachtete. Natürlich war sie nie die Seine gewesen und würde es auch nie sein, aber jetzt waren sie keine Kinder mehr, und wenn Gerald den Verdacht bekam, dass sie etwas für Ned empfand, konnten die Folgen katastrophal sein. Sie hoffte nur, Geralds aberwitziger Vorschlag war einem Übermaß an Alkohol geschuldet und kein ernstzunehmender Plan. Seitdem war er nicht mehr darauf zurückgekommen, aber es standen weitere gesellschaftliche Zusammenkünfte auf Vyvyan Court an, und Madalyn befürchtete, dass Gerald auf Zeit spielte. Ihre Mutter jedenfalls schien zuversichtlich und hatte sich angewöhnt, nachmittags zum Tee zu Lady Snowe zu fahren. Madalyn vermutete, dass sie einen Plan schmiedete, und ihr graute vor dieser Vorstellung.

Sie schwor sich, lieber ins Wasser zu gehen, als Gerald zu heiraten. Er hatte etwas an sich, das sie unerklärlicherweise beunruhigte. Wie in seiner Kindheit wirkte er immer noch so, als würde er auf etwas lauern, und seine Anwesenheit bescherte ihr Unbehagen, obwohl er sich ihr gegenüber wie ein Gentleman verhielt. Er schickte ihr Orchideen aus dem Wintergarten von Oyster House, doch ihr wurde übel von dem durchdringenden Geruch. Und wenn er in Oyster House vorsprach, angeblich, um sich nach Lady Constances Zustand zu erkundigen, waren seine Besuche beherrscht von peinlichen Schweigepausen. Dann dachte Madalyn, während sie Tee einschenkte und die perfekte Gastgeberin spielte, immer wieder an Neds Kuss und träumte davon, wie ihr Leben sein würde, wenn sie ihrem Herzen folgen dürfte.

»Was ist denn bloß los mit dir, Madalyn?«, fragte ihre Mutter gereizt und nahm einen Strauß Lilien, ein weiteres Geschenk von Gerald, das Madalyn auf die Veranda verbannt hatte, weil der Geruch sie an den Tod erinnerte. »Ist dir nicht klar, was eine Verbindung mit den Snowes für uns bedeuten würde? Es wäre die Lösung für all unsere Probleme, und etwas Besseres könnten wir uns gar nicht wünschen.« Mit gequälter Miene gab sie den Strauß an Tilly weiter. »Sie brauchen Wasser, und dann kommen sie auf den Kaminsims im Salon. Mr. Snowe soll sehen, dass wir dankbar für seine Aufmerksamkeiten sind.«

Aber Madalyn war nicht dankbar, nicht im Geringsten, und ganz gleich, wie viele Bemerkungen ihre Mutter über eine Heirat machte, sie war entschlossen, Gerald unter allen Umständen aus dem Weg zu gehen. Als sie eines Morgens am Fluss spazieren ging – allerdings nicht Richtung Bootshaus, weil sie sonst vor Wehmut und Sehnsucht vergangen wäre –, überlegte sie, ob sie sich nicht ins Wasser stürzen sollte, um wieder eine Lungenentzündung zu bekommen. Bis sie sich davon erholt hätte, wäre Gerald längst in Oxford und dann wäre sie sicher vor seinen unwillkommenen Aufmerksamkeiten und den Machenschaften ihrer Familien. Das war schon ein ziemlich dramatischer Plan, doch manchmal fühlte sich Madalyn wie einer der Schmetterlinge, die aufgespießt hinter Glas die Gänge von Vyvyan Court schmückten: gefangen, bewundert, leblos. Sie war nur ein Ding. Eine Handelsware. Eine Trophäe. Interessierte es denn niemanden, was sie wollte? War sie denn niemandem als Mensch wichtig?

Ned schon, doch der war für sie genauso unerreichbar wie die Segelboote am Horizont. Seine Liebe zu ihr würde ihn nur unglücklich machen, und lieber zerbrach Madalyn selbst, als ihm Kummer zu bereiten. Sie wusste, dass Ned auf sie wartete, und wollte auf gar keinen Fall, dass er dachte, sie hätte ihn verlassen. Schon mehrfach hatte sie einen Brief angefangen, in dem sie ihm ihr Herz ausschüttete, doch hatte sie niemanden, den sie damit beauftragen konnte, ihn zum Bootshaus zu bringen. Tilly stand loyal zu Constance, und die anderen Dienstboten würden schrecklichen Ärger bekommen, wenn man sie ertappte. Vielleicht war es doch das Beste, wenn Ned glaubte, sein Kuss und seine innigen Worte würden ihr nichts bedeuten und sie hätte sich von ihm abgewandt. Wenigstens wäre es das Sicherste für ihn.

In der Kirche hatte sie Ned aus dem Augenwinkel gesehen, doch als sie nach dem Gottesdienst an ihm vorbei ging, hatten sich ihre Blicke nur ganz kurz getroffen. In den Tiefen seiner veilchenblauen Augen hatte sie tausend Botschaften gelesen, darunter Traurigkeit, Verwirrung und Liebe. Und es hatte sie ihre gesamte Willenskraft gekostet, einfach weiter den Gang hinunterzugehen und ins Freie zu treten. Gerald ging mehrere Schritte hinter seinen Eltern, und sein Blick bohrte sich in ihren Rücken. Sie umklammerte ihr Gesangbuch und betete zu Gott, dass er ihre wahren Gefühle nicht durchschimmern ließ. Beschütze Ned, flehte sie, während der Chauffeur der Snowes ihr in den Wagen half, halte Gerald von ihm fern.

Es war die reinste Folter zu wissen, dass Ned nur ein paar Minuten zu Fuß von Oyster House entfernt war. Jeden Morgen stand Madalyn auf und ging über den Rasen zum Fluss. Sie sah zu, wie er vorüber floss und beneidete ihn darum, dass er noch kurz zuvor bei Ned gewesen war. Einmal, als das rosige Lächeln der Morgenröte sich über der Welt ausbreitete, sah sie Ned vorbeirudern, und der Drang, das Fenster aufzureißen und seinen Namen zu rufen, war so stark, dass sie sich den Mund zuhalten musste, bis das Boot mit Ned außer Sichtweite war. Dabei hatte sie stumme Tränen vergossen, die über ihre Wangen geströmt und ihr durch die Finger getropft waren. Sie hatte sich gezwungen, tief durchzuatmen, sich das Gesicht zu waschen und sich zum Frühstück mit Constance zu gesellen. Doch hatte sie keinen Bissen herunterbekommen und so elend ausgesehen, dass Constance keine Einwände erhob, als sie sich mit Kopfschmerzen zurückzog. Danach konnte sie, während ihre Mutter Rosecraddick Manor besuchte, ungestört von Ned träumen, sein Gesicht wieder und wieder zeichnen und weinen, bis sie wirklich Kopfschmerzen bekam.

Im Gegensatz zu Madalyns Gemütszustand war der Juni 1914 hell und heiter. Der Himmel strahlte in einem pudrigen Blau, und die grünen Wiesen und Weiden Cornwalls strotzten von Fingerhut und Gänseblümchen. Wie betäubt vor Elend sah Madalyn kaum etwas von der Schönheit, während sie sich um ihre Mutter kümmerte und zu endlosen Essen und Gartenpartys begab. Die Veranstaltungen schienen nahtlos ineinander überzugehen; die anwesenden Männer redeten nur vom Krieg, und soweit Madalyn hörte, nahmen die Spannungen in Europa mit jedem Tag zu. Auf dem Kontinent wurden Truppen mobilisiert, und dem Kaiser war offenbar nicht zu trauen, doch auf ihrem kleinen Fleckchen Erde in Cornwall verging das Leben in einem anmutigen Reigen aus gesellschaftlichen Verpflichtungen und sonnigen Nachmittagen auf der Terrasse von Oyster House. Die Drohung eines Krieges wirkte wie eine Geschichte aus einer anderen Welt.

Zwei Wochen nach ihrer Ankunft in Oyster House wurden die Damen Trelyon zu einem Mittagessen auf Rosecraddick Manor eingeladen. Lady Constance sprach schon seit Tagen von kaum etwas anderem, aber Madalyn konnte sich nichts Schlimmeres vorstellen. Eingeschnürt in ein weißes Spitzenkleid und mit einem Hut, der mit einer Nadel auf ihrer Hochsteckfrisur befestigt war, hatte sie jetzt schon das Gefühl, kurz vor einem Zusammenbruch zu stehen. Ihr Korsett war so eng, dass sie kaum Luft bekam, und ihr dröhnte der Schädel.

»Mama, ich muss mich ausruhen«, sagte sie, und nachdem Constance prüfend die Hand auf die Stirn ihrer Tochter gelegt hatte, bekam sie die Erlaubnis.

»Du bist sehr heiß, mein Schatz. Hoffentlich hast du dich nicht erkältet, weil du abends immer noch lange draußen sitzt. Die kühle Luft kann sehr gefährlich sein.«

Madalyn hatte es sich angewöhnt, in der Dämmerung zu beobachten, wie die rote Sonne hinter den Bäumen versank. Sie wusste, Ned würde ebenfalls den Sonnenuntergang betrachten und die Szene mit seinen Worten festhalten, so wie sie es mit ihrem Pinsel tat. Sie fühlte sich ihm näher, wenn der Himmel von Rosa und Orange übergossen wurde und die Sonne unterging. Denn am nächsten Morgen würde sie wieder aufgehen, ein neuer Tag würde anbrechen und damit die Möglichkeit aufschimmern, dass sie einen Blick auf Ned erhaschen konnte.

»Vielleicht sollten wir beide hierbleiben. Du legst dich hin, und ich kümmere mich um dich, was meinst du?«, fuhr Constance widerstrebend fort. »Du wirkst ziemlich blass.«

Madalyn, die sich danach sehnte, ein paar Stunden im Schatten mit ihrem Skizzenbuch zu verbringen, dachte angestrengt nach.

»Nein, mach dir keine Sorgen, Mama, ich brauche nur ein bisschen Ruhe. Morgen früh zur Kirche wird es mir schon wieder besser gehen.«

Constance, die darauf brannte, loszufahren, erlaubte Madalyn, im Haus zu bleiben, und wies Tilly an, ihr eine Tasse Pfefferminztee zu bringen. In dem Wissen, dass ihre Mutter den gesamten Nachmittag wegbleiben würde, lag Madalyn auf ihrem Bett, betrachtete die Vorhänge, die sich im Wind blähten, und hörte zu, wie Tilly unten mit Timmy lachte, dem ungeschickten, aber gutwilligen Diener. Als die beiden einen Spaziergang miteinander machten, glühte Madalyn geradezu vor Neid, weil die Romanze ihrer Dienerin so umkompliziert war. Wieso hatte sie keine freie Wahl? Wieso konnte sie nicht mit dem Mann zusammensein, den sie liebte? Wieso war sie hier eine Gefangene? Warum wurde sie dafür bestraft, dass ihr Vater nicht mit Geld umgehen konnte und sie nicht erben durfte? An alldem hatte sie keine Schuld. Es war so ungerecht!

In diesem Augenblick hatte Madalyn genug. Die Schlafzimmertür war nicht abgeschlossen. Niemand achtete auf sie. Es stand ihr frei, ihr Skizzenbuch zu nehmen, das Haus zu verlassen und zu gehen, wohin sie wollte. Sollte sie zufällig am Bootshaus landen, war das eben so. Sie hatte es satt, den Regeln der anderen zu folgen. Was war aus dem kleinen Mädchen geworden, das auf Bäume kletterte und im Fluss schwamm? Dem Mädchen, das Gerald herausgefordert hatte, das versucht hatte, im Fluss zu schwimmen, und ein Erbstück ins Wasser geworfen hatte? Wie enttäuscht wäre dieses kleine Mädchen doch, wenn es die feige, fügsame Frau sähe, die sie geworden war.

Sie wollte nicht länger die pflichtbewusste Tochter sein. Sie wollte nicht mehr unglücklich sein. Die einzigen Fesseln, die sie banden, waren in ihrem Kopf. Es stand Madalyn frei, mit Ned zusammen zu sein, wenn sie sich dafür entschied. Niemand konnte sie daran hindern – es sei denn, sie ließ es zu!

Wie in Trance entfernte sich Madalyn immer weiter von Oyster House und tauchte in den Wald. Ihre Füße schienen kaum den Boden zu berühren, als sie den Weg hinuntereilte. Es fühlte sich an, als würde sie sich selbst von außen beobachten: eine junge Frau, die mit gerafftem weißem Rock und wehenden roten Haaren zwischen den Bäumen hindurch rannte, und die schließlich die Stufen zum Boothaus hinaufstürmte und so heftig die Tür aufstieß, dass sie den jungen Mann am Fenster erschreckte.

»Es tut mir leid, Ned«, schluchzte Madalyn, »so leid!«

Ned rührte sich nicht. Er wirkte fast erschrocken, und in diesem Augenblick erkannte Madalyn, wie sehr auch er gelitten hatte, denn ihr Kuss hatte auch ihm alles bedeutet. Er hatte mutig seine Seele vor ihr ausgebreitet, und sie hatte ihm das Herz gebrochen, als sie einfach verschwand. Allein bei dem Gedanken brach es auch ihr wieder das Herz.

»Warum bist du nicht mehr gekommen?«, fragte Ned.

Sie ließ den Kopf hängen. »Ich hatte zu viel Angst.«

»Angst? Vor mir?« Ned klang entsetzt. »Weil ich dich geküsst habe? Habe ich dich erschreckt? Mein Gott, Maddy! Ich würde dir doch nie wehtun!«

»Nein! Aber doch nicht vor dir! Niemals!«

Sie rannte zu ihm, schlang ihre Arme um seinen Hals und drückte tausend Küsse auf sein Haar. Er roch wunderbar, nach Salz und warmer Erde, und nach seinem köstlichen Eigengeruch. Vor lauter Freude, wieder bei ihm zu sein, fing sie an zu weinen. Er war ihr Ein und Alles!

Ned nahm sie in seine Arme. Er zog sie auf seinen Schoß, wiegte sie sanft und murmelte ihr Koseworte zu, bis sie sich beruhigte. Dann griff er in seine Tasche und holte ein Taschentuch hervor. »Es ist sauber, ehrlich. Marricks Mutter kümmert sich immer noch gut um mich.«

Madalyn lachte unter Tränen und tupfte sich die Augen mit dem weichen Tuch ab. »Danke.«

»Ist mir ein Vergnügen«, erwiderte Ned und schüttelte dann den Kopf. »Nicht, dass es mir ein Vergnügen wäre, dich weinen zu sehen. Im Gegenteil, es bricht mir das Herz. Aber wovor hattest du denn Angst, Maddy? War ich zu aufdringlich?«

Da wusste sie, es gab nur einen Weg, ihn zu überzeugen, dass seine Befürchtungen ohne jede Grundlage waren. Sie legte ihre Hand an seine Wange, strich mit den Fingerspitzen über seine goldenen Bartstoppeln und küsste ihn mit einer Leidenschaft, die ihm alles über ihre Gefühle verriet. Als Ned ihren Kuss erwiderte, zögernd zuerst und dann mit zunehmender Intensität, verflog das Elend der vergangenen Tage, und Madalyn fragte sich, wie sie es überhaupt ausgehalten hatte, von ihm getrennt zu sein.

Ned strich ihr die feuchten Locken aus dem Gesicht und küsste ihr die Tränen von den Augen und den Wangen. »Kannst du mir sagen, was dich so verängstigt hat?«, fragte er. »Ich möchte nicht, dass wir Geheimnisse voreinander haben, Maddy. Nichts, was du sagst oder tust, kann je meine Gefühle zu dir ändern, das verspreche ich, denn ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr!«

»Ich liebe dich auch!«, schluchzte sie. »Deshalb bin ich dir ja ferngeblieben. Ich hatte Angst, dass du Ärger bekommst. Ich wollte Mama nicht im Stich lassen. Ich hatte Angst vor meinen Gefühlen. Aber vor dir hatte ich niemals Angst. Ich habe dich so vermisst, dass ich dachte, ich würde sterben. Ach Ned, es war unerträglich. Ich kann nicht ohne dich sein. Ich kann es einfach nicht!«

Mit einem Mal strömte alles aus ihr heraus, sie erzählte ihm alles. Ned hörte ihr zu, ohne sie zu unterbrechen, allerdings zuckte ein Muskel an seiner Wange, als sie ihm von Geralds Antrag erzählte. Als sie schließlich endete, kannte er ihre größten Ängste und ihre geheimsten Hoffnungen. Er wusste alles von ihr.

»Du darfst Gerald nicht heiraten, nur weil deine Mutter es will«, sagte Ned vorsichtig. »Eine Ehe ist mehr als nur Pflicht. Du musst doch ein Leben führen, das dir entspricht, das du dir wünschst. Sonst stirbst du innerlich. Sonst bist du nur noch eine Hülle.«

Wenn er es so ausdrückte, klang es so einfach.

»Aber Mama ist darauf angewiesen, Ned. Das habe ich immer gewusst. Gerald ist die Lösung für all ihre Sorgen!«

»Aber ist er auch die Lösung für deine?«

»Natürlich nicht!«, rief Madalyn aus. Sie war empört, dass er überhaupt fragte. »Mir graut vor ihm, und er könnte dir das Leben sehr schwer machen.«

»Gerry kann uns nicht schaden«, erwiderte Ned fest und drückte sie noch enger an sich. »Er ist ein Mensch, der von Neid und Groll zerfressen wird, aber er kann mir weder schaden noch dich zwingen, ihn zu heiraten. Es gibt keinen Grund, Angst vor ihm zu haben. Er kann nichts machen.«

Doch da war sich Madalyn nicht so sicher. »Er könnte St. John sagen, dass er dich entlassen soll.«

Ned zuckte die Achseln. »Na und? Was dann? Dann hätte er keinerlei Macht mehr. Ist doch viel besser für ihn, mich schwitzen zu lassen. Denn das will Gerry, der arme Kerl! Außerdem, wenn du mich heiraten willst, muss ich dir schon mehr bieten als einen Schuppen am Fluss. Also würde er mir einen Gefallen tun, wenn ich gekündigt würde.«

Madalyns Herz setzte kurz aus. War dies etwa ein Antrag? Anders als bei dem anderen Antrag sehnte sie sich danach, diese Worte noch mal zu hören. Ihre Antwort würde ein lautes Ja sein!

»Aber was würdest du denn ohne diesen Job machen?«

Ned küsste sie auf die Nasenspitze. »Das fragst du noch? Ich werde meinen Roman schreiben. Ich habe bereits mehrere Kapitel fertig, und die sind das Beste, was ich je zustande gebracht habe! Wirklich, Madalyn! Es liegt eine ganz besondere Magie darin, das sehe ich, und mit diesem Roman werden wir unser Glück machen. Weißt du auch, warum?«

Mitgerissen von seiner Begeisterung und Überzeugung lachte sie. »Nein! Warum?«

»Weil ich den Roman für dich schreibe! Es ist dein Roman, Maddy, es ist unsere Geschichte. Jedes Wort, das ich schreibe, rührt aus meinen Gefühlen zu dir. Du bist meine Muse. Du bist einfach alles für mich!«

Da erhob sich ihr Herz wie ein Heißluftballon, und mit einem Mal schimmerte die Welt voller Hoffnung. Wenn Madalyn bei Ned war, schien alles möglich.

»Bis dahin, also bis wir unser Glück machen, können wir durchbrennen«, fuhr Ned fort, küsste ihren Hals, das Grübchen an ihrem Schlüsselbein und die weiche Haut über ihrem Leibchen, bis sie dahinschmolz. »Ich habe einen Onkel in Australien, zu dem wir gehen könnten. Oder wie wär’s mit Amerika? Das ist ein Land voller Möglichkeiten. Oder sollen wir gleich zu den Sternen? Wohin du auch willst!«

Madalyn küsste ihn. »Mit dir würde ich überall hingehen.«

»Aber wir werden kein Geld haben«, warnte Ned sie, als sie kurz innehielt. »Schriftsteller sind bekannt dafür, dass sie in Dachkammern hausen und bettelarm sind.«

»Künstler müssen auch leiden, um groß zu werden«, erwiderte sie. »Vielleicht sollten wir nach Paris durchbrennen und uns eine Dachkammer suchen. Dort kann ich malen und du kannst schreiben.«

»Und wir können Crêpes essen, an der Seine spazieren gehen und am Eiffelturm Kaffee trinken«, verkündete Ned. »Wenn ich nicht schreibe, gebe ich Englischunterricht und bin Lehrer wie mein Vater. Was für ein Leben, Maddy! Wäre das nicht wunderbar?«

Er stand auf und wirbelte sie in seinen Armen herum. Lachend hingen sie ihrem Traum nach. Von nun an würden sie zusammen sein. Nichts würde mehr zwischen ihnen stehen. Ned nahm Madalyn auf den Arm und trug sie die schmale Treppe hinauf zum Schlafzimmer unter dem Dach. Als er sie auf das alte Messingbett legte, lächelte sie ihn an und staunte, dass sich solche Stärke mit solcher Zärtlichkeit und Schönheit verbinden konnte. Nichts wollte sie lieber, als Ned ganz nah zu sein und ihn zu lieben, bis es keine Sonnenuntergänge mehr gab und alle Sterne erloschen waren. Sie wollte ihn nie wieder loslassen. Nie wieder wollte sie ohne Ned Carew sein.

Den Rest des Nachmittags verbrachten sie unter dem Dach, hielten einander in den Armen, liebten sich und verloren sich in einer Welt des Fühlens und Staunens, in der es keine Worte mehr gab, sondern in der sie sich in einer ganz anderen Sprache verständigten. Als sie erzitterte und die Welt sich um sie drehte, wickelte Ned Madalyn sorgsam in seine Decke und kochte ihnen Tee, der aber kalt wurde, weil sie sich erneut liebten. Schließlich schlief Madalyn ein, erschöpft vor lauter Leidenschaft und Glück, und als sie die Augen wieder aufschlug, lag Ned auf einen Ellbogen gestützt neben ihr und betrachtete sie.

»Womit habe ich es nur verdient, dass all meine Träume wahr werden?«, flüsterte er, wickelte eine Strähne ihres Haars um seinen Finger und drückte sie an seine Lippen. »Wie konnte ich nur je ohne dich leben? Ich liebe dich so sehr, Maddy. Ich liebe dich mit jeder Faser meines Herzens, und das wird immer so sein!«

Da überkam Madalyn eine solche Welle der Liebe, dass sie keine Worte fand, sondern ihn nur küsste und ihren Körper sprechen ließ. Nur weil die Schatten länger wurden und der Abend nahte, verloren sie sich nicht noch einmal ineinander. Der Abschied war schmerzlich, doch als Ned sie am Ende des Weges küsste, hatte Madalyn die Sicherheit, dass ihre Trennung nur vorübergehend sein würde: Ned Carew war ihre andere Hälfte, der Hüter ihres Herzens, und nichts konnte sie voneinander fernhalten.

Danach verbrachten Madalyn und Ned so viel gestohlene Zeit miteinander, wie es ihnen möglich war, allerdings musste er arbeiten und sie immer häufiger ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen auf Vyvyan Court und Rosecraddick Manor nachkommen. Solche Veranstaltungen waren zwar immer noch die reinste Qual für sie, doch mit ihrem wundervollen Geheimnis ertrug sie voller Anmut jede einzelne Minute und schaffte es sogar, Gerald mit Höflichkeit zu begegnen, wenn sie ein Zusammentreffen nicht vermeiden konnte. Gerald hatte zwar nie wieder von Heirat gesprochen, aber er sorgte oft dafür, dass er beim Essen neben ihr saß, und Madalyn vermutete, dass auch ihre Mutter ihre Pläne nicht aufgegeben hatte. Nun, sollten Constance Trelyon und Mary Snowe Ränke schmieden, wie sie wollten! Madalyn und Ned hatten eigene Pläne für ihre Zukunft, und nach diesem Sommer würden sie heiraten und ein ganz neues Leben beginnen! Ned war überzeugt, Reverend Tullis würde ihnen wohlgesinnt sein, schon allein Matilda zuliebe. Er war zuversichtlich, dass sich alles fügen würde. Er würde eine Stelle als Lehrer und hoffentlich auch einen Verlag für sein Buch finden. Ihre Zukunft würde einfach herrlich werden!

»Stell dir das nur vor, Maddy!«, sagte er dann, wies er auf sein in Leder gebundenes Notizbuch, das mittlerweile zur Hälfte mit seiner schönen, geschwungenen Handschrift bedeckt war. »Mit diesem Buch könnten wir unser Glück machen.«

»Wir werden damit unser Glück machen«, erwiderte sie, weil sie von Neds Talent überzeugt war. Gerald, der sich immer als Autor aufspielte, aber tatsächlich kaum zu schreiben schien, würde kochen vor Zorn, wenn er wüsste, wie begabt Ned wirklich war. Das Wenige, das sie bereits gelesen hatte, war einfach wundervoll.

Als der Juni in den Juli überging, gönnten sich Ned und Madalyn immer noch möglichst viele gestohlene, köstliche Stunden zu zweit. Sobald sich Constance zu ihrem Mittagsschläfchen auf ihr Zimmer begab, schlich sich Madalyn zum Boosthaus. Dort picknickten sie im Wald, und manchmal ruderte Ned sie auf die Mitte des Flusses, wo sie sich auf den Rücken legten und die Wolken über ihnen beobachteten. Aber am schönsten war es, wenn sie sich in die Dachkammer zurückzogen und sich ihrer Leidenschaft hingaben. Wenn Madalyn danach in seinen Armen lag, las Ned ihr aus seinem Buch vor. Seine Worte entführten Madalyn in eine Welt, die ihr vertraut war, eine Welt, in der die Gezeiten wechselten, Vögel mit staksigen Beinen den Wassersaum absuchten und Liebende sich danach sehnten, zusammen zu sein. Neds Prosa war so schön, dass es fast wehtat, und Madalyn wandte oft den Kopf ab, damit Ned nicht die Tränen in ihren Augen sah. Wie würde die Geschichte für die Liebenden enden? Glücklich? Mit einer Heirat? Oder mit einer Trennung? Manchmal überkam sie die Angst, das Buch könnte ein Orakel sein und das Ende, das Ned wählte, würde auch ihr Schicksal besiegeln.

Allerdings hielt nicht nur Ned ihre goldenen Tage fest, denn Madalyn zeichnete mehr denn je, da ihre Liebe zu Ned die Tore zu ihrer Kreativität weit aufstieß. Sie spürte, dass ihre Werke reicher und reifer wurden, und das erfüllte sie mit großer Begeisterung. Sie sammelte Muscheln und Seescherben für ihre Stillleben, und sie zeichnete endlos Austerndiebe und Seeschwalben, doch am meisten liebte sie es, Ned auf Papier zu bannen – zumindest, wenn er stillhielt und sie nicht wieder ins Bett zog.

»Ich warne dich, Madalyn Trelyon! Ich weiß nicht, wie lange ich noch meine Finger von dir lassen kann! Leg auf der Stelle den Stift nieder – sonst komme ich dich holen!«

Damit streifte Ned das Laken von sich, sprang aus dem Bett und kam mit großen Schritten zum Fenster, wo sie über ihren Skizzenblock geneigt saß. Bei Anblick seines nackten Körpers war die Kunst sofort vergessen. Als er sie hochhob, schienen all ihre Befürchtungen zu verblassen, denn sobald Neds Roman fertig und der Sommer vorbei wäre, würden sie heiraten. Wenn sie erst einmal vor Gott verbunden waren, konnte niemand sie mehr trennen, und dann würde ihr gemeinsames Leben wahrhaft beginnen.

Sie konnte es kaum erwarten.