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Ehrlich währt am längsten

Ich erwachte so benommen, wie man eben ist, wenn man mitten am Tag schläft, aber nach einer Dusche und ein paar Dehnübungen zog ich mit Bär los, um Lebensmittel zu besorgen, auch das versprochene Steak.

Auf dem Rückweg zum Motel machten wir einen Umweg über Eddies Autowerkstatt. Es war inzwischen später Nachmittag, aber die großen Schiebetüren standen noch weit offen.

Der Mustang wartete draußen vor der Werkstatt hinter einem Honda SUV und einem Chevy Pickup, die beide bei Zusammenstößen was abgekriegt hatten. Drinnen arbeiteten Eddie und ein anderer Typ an einem Ford Super Duty. Wenn der Mustang erst an dritter Stelle kam, dürfte es noch eine Weile dauern, ehe ich ihn wiederhatte.

Als ich hineinspähte, sah ich, dass Eddie immerhin schon das ganze zerbrochene Glas entfernt hatte. Der linke Vorderreifen war platt. Ich ging in die Hocke, um mir den Radkranz anzusehen, der sich gelockert hatte. In der Fahrertür war zudem eine Kerbe.

Bär stieß ein kurzes Wuff aus: Eddie war aus der Werkstatt gekommen und stand hinter uns.

»Die Fenster da sind aber nicht bei einer Landung im Graben kaputtgegangen, stimmt’s? Jemand hat auf Sie geschossen.«

Ich stand auf. »Wohl wahr.«

»Wieso haben Sie mich belogen? Das mag ich gar nicht. Gibt mir das Gefühl, ich sollte nicht an diesem Wagen arbeiten, wenn irgendwelche Chicago-Mobster hinter Ihnen her sind.«

»Ja, Lügen erweist sich fast immer als unbeholfene Lösung. Das Problem ist, ich bin hier fremd und weiß nicht, wem ich trauen kann. Ich hab keine Ahnung, wer auf mich geschossen hat, und ich weiß auch nicht warum. Und was das mit dem Belügen angeht – woher weiß ich denn, mit wem Sie reden, wenn ich Ihnen die Wahrheit sage?«

Er nickte widerwillig. »Wenn Sie ’n Gewaltverbrechen begangen hätten, würd ich es dem Sheriff sagen, auf sicher, aber wenn nicht, behalt ich’s für mich. Sie brauchen’s mir nicht zu glauben, aber das ist Tatsache. Jetzt kommt die Probe. Warum sind Sie in Ellsworth?«

Eddie hockte sich auf einen herumliegenden Kotflügel; ich setzte mich aufs Heck des Mustangs, Bär vor mir, wachsam unter Fremden.

»Also der Amoklauf beim Tallgrass-Forum vor vier Jahren«, setzte ich an.

»Was haben Sie denn damit zu tun? Schreiben Sie etwa auch ein Buch? Wir hatten schon an die acht Leute hier, die ganz wild auf Gruselstorys waren und Lokalkolorit für ’n Buch ­suchten.«

»Nein, ich schreib kein Buch. Sondern hier geht es um Lydia Zamir. Haben Sie die Nachrichtenmeldungen gesehen? Wissen Sie, dass sie in Chicago auf der Straße lebte?«

»Yeah, wir haben es alle mitgekriegt, als die Story kam. Wie konnte bloß in so einer großen Stadt niemand ’n Bett für sie haben?«

»Ihre – na ja, man kann wohl sagen, ihre Schwiegermutter, also die Mutter ihres ermordeten Freundes –, die hat ihr eine Wohnung besorgt, aber sie kam immer weniger mit dem Alltag klar. Das Trauma. Sie hat nach und nach die Verbindung zur Außenwelt verloren. Aufgehört zu sprechen. Ist auf die Straße gezogen. Weggelaufen. Ich hab sie halbtot in einem Loch in der Erde entdeckt. Dann war sie weg, und ich wollte sie finden, sichergehen, dass sie durchkommt. Und ich wollte außerdem rauskriegen, wieso eine große Chicagoer Anwaltskanzlei Artie Mortons Verteidigung geführt hat.

Jemand hat den Gesetzeshütern in Salina gesteckt, dass ich komme, und ich bin ziemlich sicher, das waren diese Anwälte, aber kann mir nicht vorstellen, dass die auf mich schießen oder jemanden dafür anheuern, auf mich zu schießen. Irgendwer denkt, ich weiß was oder hab was, aber ich hab keinen Schimmer, was genau.

Und dann – ich komm also angeschlagen hier nach Ellsworth und denke, wenn ich der Frau im Tales of a Traveler und Ihnen auf die Nase binde, dass auf mich geschossen wurde, dann erzählen Sie das weiter, und die Kunde erreicht am Ende die Leute, die hinter mir her sind. Ich bin hier draußen auf mich gestellt und schutzlos. Meine Waffe liegt in Chicago. Und meine einzige Verteidigung ist dieser Hund hier, der hat mir heute Morgen schon das Leben gerettet, aber gegen eine Kugel kann er nicht viel ausrichten.«

Eddie ließ sich meine Geschichte durch den Kopf gehen. »Wieso riskieren Sie überhaupt Ihren Hals bei der Sache? Sie sind doch kein Cop, oder?«

»Ich bin Privatdetektivin. Ich suche einen Mörder, der hundert Meter von Lydia Zamirs Versteck zwei Menschen umgebracht hat. Einer dieser Toten war lose mit meiner Patentochter liiert. Ich erwarte nicht, dass Lydia den Killer identifiziert, denn sie redet nicht mit mir oder sonst wem. Aber wenn er denkt, dass sie ihn gesehen hat, dann ist sie schon wieder in großer Gefahr.

In den letzten zwei Tagen hab ich genau drei Leuten erzählt, warum ich hier bin – Franklin Alsop drüben in Black Wolf, Clara Digby vom alten Eisenbahnhotel in Tarshish und einem Anwalt namens Gabriel Ramirez. Vielleicht war jemand von den dreien genervt genug, um mich zurück nach Chicago zu ballern. Sie sind jetzt der Vierte, und Sie wissen, dass ich ein leichtes Ziel bin.«

Eddie grunzte. »Clara kenn ich. Zumindest kenn ich ihren Alten. Der war heute früh in der Stadt, um sich paar von Rufus McIlvies Hühnern anzugucken. Ich kann mir bei beiden nicht vorstellen, dass sie auf Sie ballern würden. Franklin – der will nur seine Ruhe, draußen auf der Nicodemus-Prärie, die er da hegt. Er ist mit meinem großen Bruder zur Schule gegangen und immer für Gewaltlosigkeit eingetreten. Martin Luther King, Gandhi, dauernd hat er von denen geredet. Bleibt nur der Anwalt.«

»Könnte sein«, stimmte ich aus Höflichkeit zu.

»Aber wenn die drei davon wissen, reden sie mit anderen. Franklin nicht – der hat seit dem Massaker dichtgemacht, aber Clara schwätzt gern mit allen Leuten, die in ihrem Hotel absteigen.«

Eddies Mitarbeiter kam raus, um ihm etwas zu dem Ford Pickup zu sagen, doch dann blieb er stehen und beäugte mich.

»Nacht, Rick«, sagte Eddie. »Gute Arbeit, das an der Heckklappe. Bis morgen.«

Als Rick wegging, sah ich, wie er mich rasch knipste und einen Text tippte. Na toll.

»Ich kenn die meisten Leute, die hier leben oder in der Gegend aufgewachsen sind«, sagte Eddie. »Diesen Coop kenn ich nicht, aber ich frag mich, ob er früher mal bei Cassie auf ihrer Clarina-Prärie gearbeitet hat. Die liegt gleich neben Franklins Nicodemus-Prärie – beide zusammen halten fast zweihundert Hektar, und das ist nicht immer ganz leicht.«

»Weil sie nicht genug Hilfe haben?«, fragte ich und dachte an Claras Geschichte.

»Weil irgendwer die landwirtschaftlich nutzen will.«

»Ich dachte, das Land hier ist alles Prärie.« Ich zeigte vage auf die Welt jenseits der Stadtgrenze von Ellsworth.

»Da müssen Sie schon Franklin oder Cassie fragen, oder die Schlaumeier drüben an der K-State, was genau ’ne Prärie ­ausmacht. Zum Teil hat es was damit zu tun, indigenen Pflanzen das Land ohne Eingriff zu überlassen. Nix mit Boden bestellen, pflügen, Herbizide da, Pestizide dort, so wie wir hier Nahrung anbauen für die Leute in Chicago.

Na ja, also Cassie fing irgendwann an, auf ihrer geerbten Familienfarm den Präriezustand wiederherzustellen, und in einem ziemlich frühen Stadium gab’s Gerüchte über so ’n Jungspund, der da aufgekreuzt ist und ihr ’n paar Sommer lang geholfen hat. Ein Wildfang, voller Wut, legte sich direkt mit doppelt so großen Kerlen an, wenn sie ihn bloß schief anguckten. Niemand wusste, wo er herkam, aber er war gut mit Tieren und hatte wohl auch ’n Händchen für Pflanzen. Cassie ist ’ne schräge Frau, nicht jedermanns Sache, wahrscheinlich genau die richtige Bezugsperson für so ’n wirren und wütenden Jungspund.«

»Und, ist Ihr Bruder mit ihr zur Schule gegangen?«, fragte ich.

Er grinste zögernd. »Meine Mutter. Cassie ist die Art Frau, die den Ruf hat, ’n bisschen verrückt zu sein, jedes Jahr noch bisschen verrückter, und die Leute gehen ihr aus dem Weg.«

Er nahm mich mit in den Büroverschlag seiner Werkstatt und wühlte in einem Aktenschrank nach einer Landkarte des County. Sie war alt, schon angerissen, wo die Falze oft auf- und zugeklappt worden waren, aber zur Orientierung viel besser als jede digitale.

Die Clarina-Prärie lag nördlich von Alsops Nicodemus-­Prärie. Sie war über eine andere Schotterstraße zu erreichen als die, auf der ich zu Alsops Land gefahren war. Natürlich hatte Alsop Cassie bestimmt schon von meinem Auftauchen berichtet, zumal es mit einem Kugelhagel geendet hatte.

Sollte eine Chicagoer Detektivin auf ihrem Land bei Alsop oder Cassie Mordlust auslösen, dann würde ich wohl auf einem Maisfeld in Kansas mein Leben aushauchen. Nein, auf einer Prärie in Kansas, ökologisch deutlich wertvoller. Sie würden meinen Leichnam in Kompost verwandeln und die Würmer sich an mir sättigen lassen, das war doch ein nobles Ende.

Eddie hatte eine alte Schrottkarre, die er mir lieh. »Wenn er Ihnen zerschossen wird, kaufen Sie ihn, und für Reparaturen zahlen Sie.«