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Expeditionsvorbereitungen
Bob – November 2333
Am Rand von Eta Leporis
Die Spionagedrohnen waren mit verschiedenen Aufgaben betraut und würden eine Weile beschäftigt sein. Sie sollten nicht nur die Gespräche der Snarks belauschen, sondern auch biologische Untersuchungen sowie Erkundungen der Städte und der gesamten Infrastruktur durchführen. Die Skippys hatten die Drohnen mit einem Suchalgorithmus programmiert, der dabei helfen sollte, die Rohdaten auf möglichst effiziente Weise zu sammeln. Obwohl es eigentlich keinen Grund gab, ihnen zu misstrauen, hatte ich die Drohnen mit einer Hardwareüberwachung ausgestattet, auf die man nur mit den entsprechenden Zugangsprotokollen zugreifen konnte. Offenbar hatte Bills Paranoia auch meine Sicht auf das Bobiversum verändert.
In der Zwischenzeit gab es viel zu tun. Wir hatten genügend Eckdaten, um eine Alphaversion der Snark-Mannys zu produzieren, und ich wollte versuchen, Bridget in unser Team zu lotsen – zumindest als Beraterin, was die Snarkbiologie anbelangte.
Ich arbeitete gerade am Design des Mannys, als ich einen Ping von Bridget erhielt. Da wir im Allgemeinen nur wenig miteinander zu tun hatten, war das wahrscheinlich kein Zufall. Vermutlich hatte irgendwer irgendetwas zu irgendjemandem gesagt. Ich akzeptierte ihre Anfrage, und einen Moment später tauchte sie bei mir auf.
Bridget sah sich ein paar Millisekunden lang in meiner Bibliothek um. »Das gefällt mir. Howard hatte auch eine Zeit lang eine VR -Bibliothek, aber sie enthielt nicht so viele Bücher. Sind die alle echt?«
»Ja, bis zum letzten Komma«, erwiderte ich. »Ich plündere alle Datenbestände, die ich finden kann. Das BobNet enthält das gesammelte schriftliche Wissen der Menschen und Paven.«
Bridget nickte. »Es ist immer gut, ein Hobby zu haben.« Nach kurzem Zögern kam sie zum eigentlichen Grund ihres Besuchs. »Ich will an der Snark-Erkundungsmission teilnehmen.«
»Okay.«
»Ich meine, ich bin Biologin und habe viel Erfahrung mit … Moment, was hast du gesagt?«
Ich grinste sie an. »Um ehrlich zu sein, überlege ich schon seit Längerem, wie ich dich dazu überreden kann. Ich hatte vor, es mir leicht zu machen und mit Howard zu sprechen.«
»Ich fühle mich zwar gekränkt«, erwiderte sie, »aber Hauptsache, das Ergebnis stimmt. Wie ich sehe, arbeitest du an den Mannys. Wie kompliziert ist es, eine weibliche Version herzustellen?«
»Der snarkische Geschlechterdimorphismus ist minimal. Die Frauen haben etwas größere Köpfe, aber ansonsten unterscheiden sie sich vermutlich vor allem hinsichtlich ihrer Pheromone. Es sollte also keine große Sache sein.«
»Gut. Bill hat mir erzählt, dass du die Skippys mit den Untersuchungen beauftragt hast. Vertraust du ihnen denn?«
Ich hob eine Augenbraue. Bislang hatte ich geglaubt, dieses Thema wäre nur für die Bobs relevant. Dass sich nun auch eine Außenstehende über die Abweichungen besorgt zeigte, verlieh dem Problem jedoch zusätzliches Gewicht.
»Wieso fragst du, Bridget?«
»Tja, bislang skandieren sie zwar nicht: ›Einer von uns, einer von uns‹, oder irgendwas ähnlich Unheilverkündendes, aber sie sind einfach keine Bobs mehr. Es wäre weniger verstörend, wenn sie ihr Äußeres verändern würden, wie die Borg-Cosplayer, aber sie sehen immer noch wie Howard aus – oder wie eine aus einer Schote geschlüpfte Version von ihm.«
»Du hast also tatsächlich Die Körperfresser kommen gesehen?«
»Ich bin mit Howard verheiratet, Bob. Was glaubst du wohl, was wir an unseren gemeinsamen Filmabenden anschauen? Sturmhöhe ?«
Ich lachte, und sie lächelte mich an. Dabei wurde mir wieder einmal bewusst, wieso Howard sich so zu ihr hingezogen fühlte.
Ich schob den Gedanken bewusst beiseite und wechselte das Thema. »Die Skippys wollten uns innerhalb weniger Wochen einen kompletten Überblick über die snarkische Kultur verschaffen. Inzwischen sind sie mit ihren Untersuchungen fast fertig. Wir wissen natürlich alle, dass es auf einer Strecke von einer Milliarde Meilen regionale Unterschiede geben wird, aber damit beschäftigen wir uns erst, wenn es zum Problem wird.«
»Verschiedenen Akzente oder Sprachen, kulturelle Abweichungen, Nationalismen und so weiter … ich verstehe. Wie sehr sie divergieren, hängt natürlich auch davon ab, wie lange sie schon dort oben eingepfercht sind.«
»Nicht sehr lange. Ich …«
In diesem Moment tauchte Bill auf. »Hey, Bridget! Hat Bob dich dazu überreden können, dass du an unserer Expedition teilnimmst?«
Bridget lächelte mir zu und verdrehte die Augen, dann wandte sie sich an Bill. »Ja, hat er. Ich hab es ihm natürlich schwergemacht …«
»Das ist gelogen.«
Bridget drehte sich lachend zu mir um. »Was wolltest du gerade sagen?«
»Basierend auf unserer Untersuchung des snarkischen Heimatplaneten – der Reststrahlung und den Spuren der Waldbrände – gehen wir davon aus, dass er irgendwann vor ein paar Jahrhunderten unbewohnbar geworden ist. Ich weiß nicht, wie viele Snark-Generationen das sind.«
Bridget nickte und sah zu Bill hinüber. Da wurde mir klar, dass Bill einen Grund für seinen Besuch hatte. Ich neigte den Kopf und schaute ihn fragend an.
»Ach ja«, sagte er. »Die Skippys haben einen vorläufigen Bericht vorgelegt. Er enthält vor allem eine Gesamtübersicht über die Ökosysteme. Mit der Sprache und der Kultur kommen sie immer noch nicht gut voran. Aber auch dazu haben sie mir ein paar Dinge sagen können. Die Einheimischen nennen sich selbst Quinlaner . Zumindest hört es sich für unsere Ohren so an. Und die Topopolis heißt Himmelsfluss. «
»Cool, dann bezeichnen wir die Snarks nun also offiziell als Quinlaner.«
»Wurden bereits biologische Fakten zusammengetragen?«, fragte Bridget.
»Hugh hat mir nur ein paar Punkte genannt und gesagt, dass sie den kompletten Überblick innerhalb der nächsten achtundvierzig Stunden nachreichen werden.«
»Hugh?«, fragte Bridget. »Ich dachte, die Skippys verwenden anstelle von Namen numerische Bezeichnungen.«
»Anscheinend steckt immer noch etwas vom Ursprünglichen Bob in ihnen, denn sie nehmen es damit nicht sonderlich genau und verwenden Spitznamen, wenn sie mit uns anderen zu tun haben.« Ich drehte mich zu Bill um. »Hast du schon mit Will gesprochen?«
»Ja. Er ist mit dem Plan einverstanden: du, Garfield, Bridget und ich, mit Will als Back-up.«
»Gut. Wenn ich den Abschlussbericht bekomme, pinge ich alle an. Dann treffen wir uns hier und sprechen darüber.«
Will erschien als Letzter. Bridget grüßte ihn mit erhobener Tasse, als er auftauchte. Eine Angewohnheit, die sie von mir übernommen hatte – besser gesagt von Howard. Allerdings wusste ich aus einer gut unterrichteten Quelle, dass sie einen besonders starken Espresso trank, in dem sich jeder Löffel, der das Pech hatte, hineingetunkt zu werden, sofort auflösen würde.
Will nahm auf einem Sitzsack Platz, den ich für ihn materialisiert hatte, und ließ sich von Jeeves eine Cola reichen. Dann bedeutete er mir, endlich loszulegen.
»Hier ist er also«, sagte ich und winkte mit einem Papierstapel. Ich hatte den Bericht nicht wirklich ausgedruckt, aber in Virt war das eine gute Metapher. »Der Grundriss der Megastruktur, die Ökologie, die quinlanische Kultur, ihre Sprache, sowohl schriftlich als auch mündlich, ihre Gebräuche und Tabus – aber nur sehr wenig Geschichtliches.«
»Was? Wieso?«
»Hugh hat gesagt, dass die Skippy-Gruppe, die sich mit diesem Thema beschäftigt, es selbst nicht ganz versteht. Er sah aus, als bekäme er von diesem Eingeständnis Verstopfung. Anscheinend sprechen die Quinlaner nicht viel über ihre Geschichte, und wenn doch, dann vor allem in Form von Mythen. In der Bibliothek, die sie durchforstet haben, gab es überhaupt keine objektiven historischen Aufzeichnungen. Wir tappen in dieser Hinsicht also immer noch im Dunkeln. Ein Grund mehr für die Expedition.«
Bridget blickte von ihrer Kopie des Berichts auf, die sie auf einem metaphorischen Tablet überflog. »Die quinlanische Spezies hat sich anscheinend an Flussufern entwickelt. Wie Fischotter oder Biber …«
»Denen sie auch jeweils ähneln«, warf ich ein.
»Ja, mit einem zusätzlichen kleinen Schuss Schnabeltier«, sagte Bridget und lächelte. »All ihre Behausungen befinden sich in der Nähe von Gewässern – an den Hauptflüssen, Zuläufen oder kleinen Seen. Und die sind alle mit Süßwasser gefüllt. Ich bin mir nicht sicher, wie die Megastruktur es erhält. Es muss dort irgendwelche Filteranlagen geben.«
»Am Grund des Flusses sind in regelmäßigen Abständen Kreiselradpumpen angebracht«, sagte Bill. »Das ist eine effiziente Methode, die Strömung eines Flusses aufrechtzuerhalten, der über seine gesamte Länge kein nennenswertes Gefälle aufweist. Vielleicht wälzen die Räder das Wasser nicht nur um, sondern filtern es auch.«
»Wir haben Informationen über die Flora und die Fauna, Landwirtschaft, Viehhaltung und so weiter«, sagte Bridget. »Aber kaum soziologische Erkenntnisse.«
»Ich könnte mir vorstellen, dass die Skippys auf diesen Aspekt nicht ganz so viel Wert gelegt haben.« Ich grinste. »Das Thema ist für sie nicht sehr interessant.«
»Dann müssen wir es also selbst herausfinden. Das ist mir recht.« Bridget lehnte sich zurück und warf das Tablet auf einen Beistelltisch. Es prallte von der Platte ab, als bestünde es aus Nerf. »Können wir jetzt über die Androiden sprechen …?«
»Ah ja, ich glaube, das wird dir gefallen.« Ich ließ den Bericht verschwinden und öffnete an seiner Stelle eine schematische Darstellung. Dann erteilte ich Bill das Wort.
»Die Androiden-Technologie entwickelt sich wegen ihrer Beliebtheit ständig weiter.« Bill nickte Bridget zu. »Und auch dank deinem und Howards Feedback. Ich glaube allerdings, dass eure derzeitigen Mannys auf Quilt der aktuellen Technik um ein paar Generationen hinterherhinken.« Neben dem generischen Androiden-Schaubild tauchte die Gestalt eines Quinlaners auf. »Die neuesten Mannys enthalten gar kein Metall mehr. Die Schaltkreise, sogar das SCUT -Interface, bestehen aus reiner Quantenbionik und Metamaterialien. Wir haben uns große Mühe gegeben, die innere Dichte an die von natürlichen Körpern anzugleichen. Und so sind die Mannys nun nicht mehr grotesk schwer für ihre Größe. Außerdem haben wir ein Kreislaufsystem entwickelt, das eine Flüssigkeit enthält, die sich nicht von Blut unterscheiden lässt. Sie dient als Schmierstoff und Kühlmittel und transportiert zudem Reparatur-Naniten. Wir haben sogar ein Verdauungssystem eingebaut, das Essen in, äh, ziemlich glaubhafte Abfallprodukte umwandelt.«
Will grinste ihn an. »Ohne Fäkalhumor geht’s einfach nicht, oder?«
»Darauf kannst du wetten, Nummer zwei.«
Garfield, Will und ich lachten, während Bridget kopfschüttelnd die Augen verdrehte. Nein, wir waren immer noch nicht sehr reif.
»Im Moment konstruieren wir die Betaversion eines quinlanischen Mannys«, fuhr Bill fort. »Das Übersetzungsinterface befindet sich noch im Entwicklungsstadium, und wahrscheinlich wirken auch einige der Reflexe nicht sehr realistisch. Dabei bräuchten wir deine Hilfe, Bridget. Es gibt nicht viel Patz, da wir so viele Selbstreparaturfähigkeiten wie möglich in die Einheiten einbauen möchten. Wenn mitten auf dem Land irgendetwas schiefgeht, werden wir sie nicht einfach in eine Werkstatt bringen können.«
Bridget nickte. Ihr Blick blieb am Schaubild und den ergänzenden Fenstern hängen. »Wie steht es um die Wärmeableitung?«
»Ach ja, nicht sehr gut, wegen des Fells und des gedrungenen Körperbaus. Ein menschlicher Manny kann den ganzen Tag lang mit Höchstgeschwindigkeit rennen. Ein quinlanischer muss immer wieder anhalten und sich abkühlen. Im Wasser sollte es aber keine Probleme geben.«
»Tja, wir leisten nun einmal Pionierarbeit, nicht wahr?«, erwiderte Bridget mit einem Lächeln. »Ich glaube, ich werde mal mit Marcus sprechen. Er ist vermutlich der führende Experte, was nicht menschliche Mannys anbelangt.«
»Ich habe ein Problem, Bob«, sagte Bridget, als ein paar Momente später alle anderen verschwunden waren. Anscheinend war sie geblieben, um noch etwas mit mir zu besprechen.
»Okay?«
»Es sieht so aus, als könnte diese Expedition länger dauern …«
»Nun ja, wir haben kein Zeitlimit festgelegt. Wir forschen nicht nur, sondern suchen auch nach Bender – oder zumindest irgendeinem Hinweis, was mit ihm geschehen ist.«
»Wir müssen die ganze Zeit in unseren Mannys bleiben, richtig?«
»Ja, aber während der Schlafenszeiten kannst du ihn verlassen, oder du erhöhst kurz deine Wahrnehmungsrate, wenn du was erledigen musst. Auf Eden habe ich das jahrelang so gemacht und nie ein Problem damit gehabt.«
»Aber du bist kein Vater. Meine Kinder sind Menschen. Ich muss mich in Echtzeit um sie kümmern. Außerdem gibt es da diesen Film mit den großen blauen Aliens …«
»Avatar?«
»Genau. Erinnerst du dich noch, wie der Hauptprotagonist seinen schlafenden Avatar verlassen hat und der fast getötet wurde, bevor er wieder ihn in zurückkehren konnte?«
»Ah ja. Das könnte ein Problem darstellen.«
Bridget senkte den Blick und schwieg eine Millisekunde lang. Dann seufzte sie. »Ich glaube, mir bleiben nur drei Optionen. Ich könnte aussteigen, aber das würde ich mir nie verzeihen. Oder ich beiße in den sauren Apfel, mache diesen Job in Vollzeit und besuche Howard und die Kinder immer mal wieder kurz, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt. Oder ich …« Ihr Blick wurde gequält. »… repliziere mich.«
»Wow. Ein Bridget-Klon? Du wärest die erst Nicht-Bob-Person, die das macht.«
»Na ja, es macht mir nichts aus, etwas als Erste zu tun. Zumindest nicht in diesem Fall. Die Sache ist die …« Sie zögerte erneut.
»Die anderen Bobs?«
»Ja, speziell die jüngeren. Manchmal habe ich das Gefühl, sie erwarten von mir, dass ich mich in Serie repliziere und jedermanns Freundin werde. Aber so funktioniert das nun mal nicht.«
»Ich weiß, Bridget. Und ich bin sicher, die anderen Replikanten begreifen das auch. Aber wenn sie dich mit Howard sehen, fällt es ihnen schwer, nicht in diese Richtung zu denken.«
»Aber Howard ist nicht bloß irgendein Bob. Er ist einzigartig, wie unsere Erfahrungen miteinander.«
»Ja, ich weiß, aber der Ursprüngliche Bob war trotz seiner Intelligenz nicht sehr selbstreflektiert. Und darin hat sich bis heute nichts geändert.« Schaudernd dachte ich an all die Dinge, die ich auf Eden über mich selbst herausgefunden hatte.
»Das weiß ich. Bislang hat mich zwar niemand explizit zum Klonen aufgefordert, aber wenn ich mich für diese Expedition repliziere, steigt vielleicht der Erwartungsdruck.«
»Ich verstehe. Ich helfe dir, so gut ich kann, und das Gleiche gilt auch für Bill und Garfield. Aber es ist deine Entscheidung, und die werden wir in jedem Fall akzeptieren. Will wäre bestimmt auch bereit, deinen Platz zu übernehmen. Allerdings hätte er vielleicht etwas gegen einen weiblichen Manny. Also warte besser nicht ab, bis der Android komplett fertig ist.«
»Da fällt mir dieses Gerücht ein …«
»Das immer noch unbestätigt ist.« Ich grinste sie an. »Und wenn es stimmt, muss diese Person aus einer der jüngsten Generationen stammen. Der Ursprüngliche Bob war sich seines Geschlechts sehr sicher.«
Sie lachte. »Es wäre allerdings sehr cool, wenn es hier drinnen noch eine andere Frau gäbe.« Dann wurde sie wieder ernst. »Ich denke darüber nach und gebe dir Bescheid, Bob. Entschuldige bitte das Rumgeeiere.«
Ich hatte noch nie an einer Vollversammlung teilgenommen, bei der es so laut zugegangen war. Offiziell ging es bei dem Treffen um die Himmelsfluss-Expedition, Schrägstrich Planungsstand. In Wirklichkeit war die Sternenflotte jedoch von Anfang auf Krawall gebürstet. Sie torpedierten jeglichen Diskussionsversuch mit Verfahrensfragen und Eilanträgen. Bill bewies sehr viel mehr Geduld, als ich einem Bob zugetraut hätte. Ich selbst wäre bestimmt längst durch die Decke gegangen.
Sie trugen Kleidungsstücke, die fast, allerdings nicht ganz, wie Star-Trek -Uniformen aussahen. Vermutlich w ollten sie auf ihre Gruppenzugehörigkeit hinweisen, ohne sich dabei voll und ganz der Lächerlichkeit preiszugeben. Die spöttischen Kommentare einiger Bobs unterstrichen jedoch, dass ihnen zumindest Letzteres überhaupt nicht gelungen war.
Gerade schwadronierte ein rot uniformierter »Offizier«: »Ihr wisst doch gar nicht, ob sie sich nicht bewusst für dieses Leben entschieden haben. Und nur darum geht es. Ihr geht hinein, angeblich um ›nachzusehen‹, ob sie Gefangene sind, aber dabei richtet ihr großen Schaden an, ohne zu wissen, ob es überhaupt nötig ist.«
Er machte eine kurze Pause, um Atem zu holen – was im Bobiversum zwar völlig unnötig ist, aber eine Angewohnheit, die man nach einunddreißig Jahren Menschsein nur schwer ablegen konnte –, und Bill nutzte die Gelegenheit, um ihn zu unterbrechen. »Und du setzt einfach voraus, dass wir Schaden anrichten werden. Natürlich tust du das, da du eine Interaktion mit ihnen per se für einen Schaden hältst. Und daher führst du diese Interaktion als Beweis für den Schaden an. Das ist ein Zirkelschluss. Tut mir leid.«
»Wir haben die Verantwortung …«
»Das ist nur eine Behauptung.«
»… uns nicht in ihre Angelegenheiten einzumischen …«
»Das ist eine sehr suggestive Formulierung, und du hast deine Behauptung noch nicht bewiesen.«
Der Sternenflotten-Offizier bedachte Bill mit einem vernichtenden Blick, und einer seiner ebenfalls in Rot gekleideten Kumpanen führte seinen Angriff fort. »Schaut euch doch mal eure Vorgeschichte an: Deltaner, die Anderen, sogar die Menschheit. Jedes Mal, wenn ihr mit jemandem interagiert, richtet ihr Schaden an …«
»Die Anderen? Wollt ihr sie wirklich als Beispiel anführen?« Bills ungläubiger Blick war sicher zum Teil gespielt, aber in diesem Fall absolut gerechtfertigt. »Die Anderen haben nicht einfach nur herumgesessen und sich um ihre eigenen Angelegenheiten gekümmert. Der Schaden, den sie angerichtet haben …«
»Man kann sich immer alles schönreden, nicht wahr?«
Ich schaltete innerlich ab. Leider verlief diese Diskussion wie alle politischen Auseinandersetzungen. Niemand war bereit, seine Grundannahmen infrage zu stellen oder irgendwelche Kompromisse einzugehen. Stattdessen wiederholte man seine Behauptung so oft, lautstark und hochemotional, bis sich der Gegner gezwungen sah, ihren Wahrheitsgehalt anzuerkennen. Das klappte natürlich nie, zumindest hatte es beim Ursprünglichen Bob nicht funktioniert, aber das hinderte die Leute nicht daran, es trotzdem immer wieder zu versuchen – anscheinend nicht einmal die Bobs.
Während ich darauf wartete, dass die Sternenflotten-Leute es satthatten, mit dem Kopf gegen eine Wand zu rennen, schaute ich mich im Publikum um. Dabei entdeckte ich zu meiner Überraschung zwei mir unbekannte Gesichter. Ich versuchte, ihre Metadaten zu überprüfen, wurde aber blockiert. Also schickte ich eine Nachricht mit niedriger Priorität an Bill. Er antwortete während der nächsten Tirade der Sternenflotte. Offensichtlich hörte er auch nicht mehr zu.
Zwei Replikanten, Klienten einer Firma namens Lösungen für die Ewigkeit. Aus Asgard.
Das war interessant. Leute, die sich für ein Nachleben als Replikant entschieden, kauften sich normalerweise lieber in eine Sondereigentums-VR ein – Computersysteme, die in der Oortschen Wolke ihres jeweiligen Sternensystems schwebten –, als sich selbst in ein Raumschiff hochzuladen. Sie hatten zwar wie jeder andere auch Zugang zum BobNet, doch normalerweise blieben sie unter sich.
Natürlich galten im BobNet gewisse Sicherheitsrichtlinien. Sie waren sowohl im digitalen als auch im gesellschaftlichen Sinne Gäste. Doch zu Bills Vollversammlungen und unseren Baseballspielen konnte jeder kommen, der wollte.
Die Frau wirkte gelangweilt. Der Mann schaute sich dagegen völlig überwältigt um. Es war offensichtlich, wer wen zur Versammlung mitgeschleppt hatte.
Die anderen Bobs nahmen keine Notiz von ihnen. Anscheinend kamen solche Besuche häufiger vor.
Als ich meine Aufmerksamkeit wieder der Diskussion zuwandte, vollführte der Sternenflotten-Repräsentant, der gerade sprach, eine abrupte Handbewegung. »Genug. Es ist zwecklos. Mir ist inzwischen klargeworden, dass ihr nicht aus freien Stücken das Richtige tun werdet. Dann ist es eben so.« Er nickte dem Rest seiner Gruppe zu, woraufhin sie alle gleichzeitig verschwanden. Im Publikum wurde es laut. Womit ich meine: noch lauter als zuvor.
»Das«, flüsterte ich Bill zu, »war eine versteckte Drohung.«
»Ja, aber was genau drohen sie uns an?« Er runzelte die Stirn. »Na ja, vielleicht können wir jetzt endlich mit dem Treffen weitermachen. Wir beide müssen später darüber sprechen.«
Hugh schickte alle vierundzwanzig Stunden Updates. Oberflächlich betrachtet wirkten die Skippys zwar merkwürdig, aber sie verhielten sich viel zivilisierter und höflicher als die Sternenflotte, die im Bobiversum eigentlich zum Mainstream hätten gehören müssen.
Schließlich konnten wir uns auch ein Bild von der Sprache und den Sitten der Quinlaner machen. Anscheinend hatten wir eine Art Hürde überwunden, jenseits derer die einzelnen Informationen zu einem größeren Ganzen zusammenflossen. Mit dem, was wir hatten, hätten wir notfalls bereits hineingehen können und lediglich behaupten müssen, wir stammten von weit weg – was man sich in Himmelsfluss leicht vorstellen konnte.
Die Borg waren mit den Konstruktionsplänen der Androiden fertig, die auf dem kompletten Bericht über die quinlanische Biologie basierten. Sie hatten mir eine Blaupause gegeben, mit dem eine autonome Fabrik einen generischen männlichen oder weiblichen Quinlaner herstellen konnte, und dazu editierbare Parameter für die Produktion individuell angepasster Einheiten. Laut Bericht erkannten sich die Quinlaner, genau wie die Menschen, vor allem an der Form und anderen prominenten Merkmalen ihrer Gesichter – unter anderem am Farbton der Gesichtsbehaarung. Das Komplettpaket enthielt Software und Hardwaresupport für die Erzeugung unverwechselbarer Gesichter. In den beigefügten Erklärungen wurde ausdrücklich betont, dass noch Feldversuche nötig waren, ehe das Design als endgültig fertig gelten konnte.
Es war lustig. Obwohl die Bobs sich immer weiter auseinanderentwickelten, verschwanden sofort alle Unterschiede, wenn man ihnen ein Problem zur Lösung vorlegte. Ich würde sehr traurig sein, wenn ich einem Klon begegnete, der diese Eigenschaft nicht teilte. Derjenige wäre nicht mehr Robert Johansson im eigentlichen Sinne.
Die Forschergruppe, darunter auch Will, wollte sich um Punkt 16 Uhr treffen, um unseren aktuellen Status zu besprechen. Daher war ich ein wenig überrascht, als Bridget mich fünf Minuten zu früh anpingte. Ich lud sie ein, und sie tauchte sofort bei mir auf.
»Hallo, Bridget.« Ich deutete auf ihren Lieblingssessel. Als sie sich darauf fallen ließ, merkte ich, dass sie ungewohnt unsicher aussah.
»Weißt du noch, worüber wir neulich gesprochen haben?«, fragte sie. »Ich werde mich nicht klonen.«
Ich wartete darauf, das Bridget fortfuhr, doch sie schien abwarten zu wollen, was ich dazu zu sagen hatte. »Okay. Hast du mit Howard darüber gesprochen?«
Sie nickte. »Er ist nicht glücklich, vor allem, weil ich nicht glücklich bin. Er freut sich darüber, dass ich mich nicht klone, aber …«
»Ich verstehe, was du sagen willst. Um ehrlich zu sein, Bridget, begreife ich nicht ganz, wieso du und Henry so strikt gegen das Replizieren seid. Ich meine, ich war selbst nie ein großer Fan davon, aber mittlerweile sind wir fast zehntausend Bobs.«
»Von denen sich viele nicht mehr als Bob-Klone betrachten.« Bridget hob eine Hand, bevor ich etwas darauf erwidern konnte. »Ich weiß, dass das für deine Entscheidung keine Rolle spielt, aber für unsere schon. Außerdem hilft es dir, dass du ein Humanist bist. Du siehst dich selbst nicht als mehr oder weniger Bob als der Ursprüngliche Bob oder die anderen Klone. Für jemanden mit einer, ähm, metaphysischeren Sicht aufs Leben ist es nicht so einfach. Ich habe das Gefühl, wir beide – mein Klon und ich – besäßen jeweils nur eine halbe Seele.«
Ich öffnete den Mund, um anzumerken, dass gemäß ihres Glaubens nur die Ursprüngliche Bridget eine Seele gehabt hatte, doch dann wurde mir bewusst, dass sie das nur noch mehr aufregen würde. Vielleicht lernte ich es ja doch noch, im Bedarfsfall die Klappe zu halten.
»Und persönlich fände ich es sogar noch schlimmer«, fuhr sie fort, »dass die neue Bridget von Howard und unseren Kindern abgeschnitten wäre. Ich weiß, dass ich sie nicht mit ihr ›teilen‹ könnte, und Howard hat mir unmissverständlich erklärt, dass er diese Vorstellung für völlig durchgeknallt hält. Ich versuche, mir auszumalen, wie ich aufwache und merke, dass ich die Kopie bin und Howard und die Kinder nie wieder …« Ihre Lippen begannen zu zittern.
Ich wartete schweigend ab und gab ihr Zeit, sich wieder zu sammeln.
Schließlich sagte sie: »Ich könnte mir das nicht antun. Oder meinem anderen Selbst. Daher akzeptiere ich lieber, dass ich eine Zeit lang nicht zu Hause sein kann. Ich werde versuchen, es bei Howard und den Kindern wiedergutzumachen, sobald ich zurück bin.«
»Okay, Bridget. Ich freue mich so oder so, dich im Team zu haben.«
Sie schenkte mir ihr strahlendes Lächeln, von dem Howard immer so schwärmte, und ich merkte, wie mein IQ sank. Zum Glück tauchten in diesem Moment Bill und Garfield auf.
»Hallo, alle zusammen. Ich habe den letzten Stand von Hugh dabei.« Bill wedelte mit einem gebundenen Bericht und warf sich in seinen Sessel. Garfield nahm ein wenig würdevoller Platz. Ich rief derweil nach Jeeves, der Kaffee, kleine Sandwiches ohne Kruste und schon mal vorab ein stets volles und prickelndes Glas Cola für Will brachte.
Bill hielt eines der Sandwiches in die Höhe. »Die hast du jetzt schon ein paarmal serviert. Ich mag sie, aber wie bist du auf sie gekommen?«
Ich nahm selbst eins und schaute es an. »Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich irgendeine Erinnerung des Ursprünglichen Bob. Vermutlich werde ich sie irgendwann satthaben, aber man kann Sandwiches mit sehr vielen verschiedenen Sachen belegen.«
Will tauchte auf, winkte und ließ sich auf seinen Sitzsack fallen. »Okay, liebe Dame und Hämorrhoiden. Los geht’s.«
Bill grinste ihn an und warf den Bericht in die Höhe. Dabei verwandelte sich das Papier in ein Videofenster. »Mit den Androiden geht es voran. Es wird allerdings noch gute sechs Monate dauern, bis sie fertig sind – vorausgesetzt, sie bestehen alle Funktionstests. Da wir sie mit vielen neuen Technologien ausstatten, möchte ich nichts überstürzen.« Bill deutete auf Garfield, der den Faden von ihm aufnahm.
»Die Gamer haben sich einen Haufen Szenarios ausgedacht, sind aber auf keinen Trick gekommen, mit dem wir vier Quinlaner durch die Luftschleuse schaffen und an den Boojums vorbeilotsen können. Also haben sie vorgeschlagen, dass wir ein Loch in die Außenhülle bohren und uns dann im Inneren des Bauwerks bis zum Aufzugssystem vorarbeiten.«
»Das klingt riskant. Was, wenn es den Boojums auffällt?«
»Nun, die Gamer meinen, dass die Sensoren der Außenhülle nicht allzu sensibel eingestellt sein können. Schließlich kommt es trotz ihrer Säuberungsaktionen im System sicher jedes Jahr zu einigen Mikrometeoriteneinschlägen. Wenn sie bei jeder Erschütterung losliefen, könnten sie gar nichts anderes tun.«
»Gutes Argument.« Ich neigte den Kopf. »Wollen wir es ausprobieren?«
»Ich würde sagen, wir suchen uns einfach einen Punkt zwischen zwei Luftschleusen und fangen zu graben an. Wenn sie angerannt kommen, laufen wir entweder davon oder jagen uns selbst in die Luft und kehren mit einem neuen Plan zurück.«
Will grinste. »Es ist auf jeden Fall eine einfache Lösung.«
»Ja.« Ich rieb mir über die Augen. »Also gut, lasst es uns versuchen. Übernimmst du die Umsetzung, Gar?«
»Na klar.«
»Dann zum nächsten Punkt auf der Tagesordnung«, sagte ich. »Was machen wir, sobald wir drinnen sind?«
»Wenn ich das nur wüsste«, erwiderte Bill. »Wir haben überhaupt keinen Hinweis darauf, dass Bender sich in Himmelsfluss befindet, geschweige denn, wo er dort stecken könnte. Dagegen ist die Suche nach einer Nadel im Heuhaufen kinderleicht.«
»Allerdings müssen wir Bender auch gar nicht finden«, warf Garfield ein. Wir drehten uns alle zu ihm um. »Wir müssen nur Kontakt zu denjenigen aufnehmen, die ihn in ihrer Gewalt haben. Und wenn das nicht klappt, dann zu den Leuten, die dieses Schiff betreiben. Falls das nicht ohnehin dieselben sind. Wir dürfen uns nicht blindlings in diese Suche stürzen, sondern müssen wie Detektive vorgehen.«
»Das stimmt. Anfangs werden wir allerdings wirklich noch blind sein.« Ich schwieg einen Moment lang und dachte nach. »Je mehr wir herausfinden, desto eher bekommen wir – rein metaphorisch gesprochen – ein Gefühl für die richtige Richtung.«
Die anderen nickten. Genau deswegen war dieses Projekt unbefristet. Wir wussten nicht, wie lange die Suche dauerte, da wir nicht die geringste Ahnung hatten, was am Ende dabei herauskommen würde.
»Vergesst nicht«, unterbrach Garfield das Schweigen, »dass es nur wenige Boojum-Luftschleusen gibt. Wenn wir davon ausgehen, dass Benders Matrix durch eine von ihnen hineingeschafft wurde, dann schränkt das die Suche ziemlich ein.«
»Das stimmt. Wie viele Eingänge waren es doch gleich, neun?«
»Ja, und die meisten scheinen außer Betrieb zu sein, was durchaus Sinn ergibt, wenn sie nur Säuberungspatrouillen fliegen.«
»Können wir vielleicht mehrere Teams hineinschicken?«, fragte Bridget.
Bill schüttelte den Kopf. »Darüber haben wir gespro chen. Weitere Teams würden die Vorbereitungen verzögern und die Gefahr erhöhen, dass wir entdeckt werden. Wenn die Betreiber der Topopolis von unserer Existenz erfahren, werden sie wahrscheinlich sofort mit einer groß angelegten Suche beginnen und vielleicht auch zusätzliche Verteidigungsmaßnahmen ergreifen. Denkt daran, dass wir nicht wissen, ob sie gutwillig sind. Bei unseren bisherigen Begegnungen haben sie erst Bender und dann Bobs Drohnen in die Luft gejagt. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie sie auf Invasoren reagieren würden. Wir sollten uns kleinmachen und möglichst ungefährlich erscheinen.« Er grinste uns an. »Und wenn wir überhaupt nicht weiterkommen, können wir immer noch zusätzliche Teams losschicken. Bob kann vor Ort weitere Matrizen herstellen und sich klonen, falls wir ein Problem mit der Übertragungsbandbreite bekommen. Der Bau der Mannys dauert allerdings ziemlich lange. Deren Design ist kompliziert.«
»Die Spionagedrohnen werden auch weiterhin ausschwärmen«, fügte Will hinzu. »In beide Richtungen, flussaufwärts und -abwärts. Wenn sie etwas Ungewöhnliches entdecken, werden sie uns verständigen, und wir können uns sofort zu dem entsprechenden Ort begeben.«
Wir schauten uns alle an. »Ich glaube, im Moment haben wir alles«, sagte ich. »Lasst uns abwarten, wie es mit dem Tunnel klappt, dann treffen wir uns wieder und reden weiter.«