KAPITEL 26

Zu viel früherer Stunde als in den vorherigen Nächten zog Božena sanft seinen Arm zurück, mit dem er im Schlaf ihren Körper umfangen hielt. Bisher hatte sie kaum Sorge dabei verspürt, ihn in seiner Stube zu besuchen und bis zum Morgengrauen bei ihm zu bleiben. Doch nun, da die Herrin des Hauses zurückgekehrt war und, wie sie wusste, stets bereits ganz zeitig durch das Palais ging und kontrollierte, ob alles – in ihrem Sinn – in Ordnung war, musste sie ihn lange, bevor der Hahn krähte, verlassen. Trotzdem sie versuchte, sich auf leisen Sohlen davonzuschleichen, erwachte Gaiswinkler. Er hielt sie zurück, um sie noch einmal zu küssen, und sah ihr danach zu, wie sie das Untergewand über ihre kleinen, apfelgleichen Brüste, ihren schlanken Oberkörper und die Rundungen ihrer Hüften strich, ihr Kleid darüber zog und schließlich in Windeseile ihr Haar zu zwei Zöpfen flocht. Sie bemerkte seinen Blick und schenkte ihm ein Lächeln. Während sie beide in dieser Nacht, vom Rausch ihres trunkenen Begehrens beinah entseelt nebeneinander gelegen hatten, war ihm nicht nur über die Lippen gekommen, dass er sie sehr liebte, sondern auch, dass es ihm sehr ernst mit ihr sei. In seinem Heimatort und den anderen Flecken in der Umgebung, in die es ihn gelegentlich verschlug, gab es mehrere Mädchen, die mit ihm anzubändeln versuchten, ein paar davon über seinem Stand. Doch noch nie hatte er sich vorstellen können, eines zu heiraten, so wie er es jetzt tat.

Sich Gedanken über eine gemeinsame Zukunft mit Božena daheim in Aussee zu machen, bedeutete für ihn aber auch, zunächst hier in Prag die anderen Dinge leidlich zu lösen und dabei nichts allzu lange hinauszuzögern. Und so stieg er, nachdem er noch einige Stunden geschlafen hatte, am Vormittag in Miguels Begleitung wieder den schneebedeckten Weg zum Hradschin hinauf. Diesmal gingen sie dort nach dem Tor des Schwarzen Turmes zur nördlichen Burgmauer. In den Bogengang des steinernen Walls waren vor nicht allzu langer Zeit kleine Behausungen gepfercht worden. Zuerst hatten diese nur Dienstboten beherbergt, nun fanden sich in ihnen ebenso die Burgwachen des Kaisers, ein, zwei Wirtsleute sowie mehrere Goldschmieden – und das Laboratorium von Salomon Porticus.

Solch winzige, aus Holz gebaute Häuser kannte Gaiswinkler auch aus Aussee. Arme Häusler und Forstknechte wohnten in ihnen, und all die anderen, denen im Leben ein bisschen mehr Reichtum zuteilgeworden war, empfanden diese Schuppen als minderwertig und ohne Schönheit. Aber hier, umarmt von der Pracht majestätischer Bauten, bekamen selbst derartige Hütten ein wenig Glanz. Da nicht jede der Keuschen ein Hauszeichen besaß, mussten sie sich bei einem zahnlosen Weiblein, das vor seiner Tür einem dicken Kater eine Schüssel mit Milch und ein paar Brocken vom Frühmahl hinstellte, nach der Herberge des Alchemisten erkundigen. Die alte Frau sprach kaum Deutsch und war durch die fehlenden Zähne nur schwer zu verstehen, doch mit den Händen deutend, gelang es ihr schließlich, ihnen den Weg zu dem Häuschen, ebenso windschief wie die anderen, zu weisen.

Porticus schien erstaunt, ihn schon so bald wiederzusehen, zeigte sich aber – erneut unerwartet – freundlich und bat ihn und Miguel, einzutreten. Er trug einen dunkelgrauen Kittel, vor den er eine speckige, mit vielen Flecken versehene Lederschürze gebunden hatte. Diese sei für die Arbeit an den Herdfeuern sehr wichtig, um sich nicht zu verbrennen, meinte er, bevor er sie für seine Besucher ablegte.

Obwohl ihnen durch die beißend kalte Luft draußen beinahe die Ohren und die Nase abgefroren waren und man sich bei diesem Wetter gerne im Warmen aufhielt, legte sich in dem kleinen Raum die Hitze der Flammen und der Dampf des Wasserbads, in dem ein Gehilfe die Präparate erwärmte, fast unangenehm um sie. Der Athanor, der einen Schacht besaß, in dem die Holzkohle stetig von allein nachrutschte, erschien Gaiswinkler riesig und noch mächtiger als jener von Pawel Grabowski. Überhaupt kamen ihm hier auch die anderen Geräte – Kessel und Schmelztiegel, Schalen, Gefäße und Destillierkolben – gegenüber der Einfachheit bei Grabowski größer, neuer und zahlreicher vor. Man merkte, dachte der Salzamtsgegenschreiber, sich mit Finanzen auskennend, dass der Kaiser vermutlich viele Münzen in dieses Laboratorium investierte.

Nachdem er sich höflich nach Porticus’ Befinden erkundigt und einer der beiden Adepten ihnen einen Krug mit heißem Wein gebracht hatte, kam er, trotzdem er sich noch immer unsicher war, ob er den siebenbürgischen Gelehrten nicht zu sehr plagte, bald zur Sache: „Werter Meister, verzeiht vielmals, wenn ich Euch bereits heute mit der Frage belästige, ob Ihr Euch unter den anderen Alchemisten umhören konntet. Aber die Zeit verlangt Eile.“

„Nun, wenn es so ist, dann hört. Eine Menge kann ich Euch zwar nicht erzählen, ich habe jedoch tatsächlich mit einigen von meinen Kollegen gesprochen, natürlich diskret, wie mir dies meine Stellung beim Kaiser gebietet. Bei manchen hatte ich das Gefühl, dass sie von dem Bezoar gehört hatten, niemand schien aber Genaueres darüber zu wissen, auch nicht über die Schriften und deren Inhalt.“

„Oder sie wollten ihre Kenntnis nicht preisgeben“, warf Gaiswinkler ein.

„Das kann gut möglich sein, der Wettstreit unter den sich in der Königlichen Kunst Übenden ist hart. Und mir – jemandem, der so in der Gunst Seiner Majestät steht – will man schon aus Neid nichts verraten. Allerdings erfuhr ich, dass es offenbar Leute gibt, die gerade in der letzten Zeit versuchten, alchemistisches Wissen auszuhorchen. Einzelne sollen sogar Geld dafür geboten haben.“

„Interessant, konntet Ihr in Erfahrung bringen, um welche Leute es sich dabei handelte?“

„Es sind vor allem zwei Adelige, Berka von Dubá und Kaplirz de Sulewicz“, erklärte Porticus. Wenngleich Gaiswinkler nicht überzeugt war, dass der Mord an Thommerl damit in irgendeinem Zusammenhang stand, versuchte er, sich an jene Namen zu erinnern, die ihm der Obersthofmeister von den adeligen Bewohnern der Karmelitergasse genannt hatte. Falls ihm sein Gedächtnis keinen Streich spielte, glich keiner von den beiden einem von diesen. Ehe er noch weiter darüber nachdenken konnte, fuhr der Alchemist fort: „Einer meiner Kollegen machte auch Andeutungen über einen Geistlichen aus dem Clementinum. Er vermutet, dass dieser im Auftrag eines höhergestellten Mannes der Kirche, der sich – gegen die Ansichten seines Glaubens – mit der Alchemie beschäftigt, unterwegs ist.“

Nun wurde der junge Ausseer hellhörig. „Könnte dieser mächtigere Kleriker der Jesuitenpater José Alvarez sein?“, fragte er. „Mir ist aus anderen Gesprächen bekannt, dass er schon vor Jahren in Konstantinopel auch Eure Gesellschaft gesucht hat.“

„Ja, das ist richtig. Er tat es damals jedoch nie persönlich. Es wandten sich zwei seiner Getreuen an mich, die das erste Mal in Begleitung jenes Adeligen bei mir waren, nach dessen Mörder Ihr sucht. Durch Zufall fand ich heraus, wer es war, der die beiden Knaben geschickt hatte – Alvarez, jemand, für den ansonsten mein Tun dem Werk des Teufels gleicht. Bei mir biss er jedenfalls auf Stein, ich habe seinen Gefolgsleuten nichts, absolut nichts mitgeteilt, was nicht jeder gebildete Mensch wissen konnte. Welche anderen Alchemisten er seitdem noch bedrängt hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass er derjenige ist, der nun hier in Prag Erkundungen einholen lässt. Sein Name wird dabei geflüstert.“

„Wie sehr könnt Ihr denn all dem, was Ihr in Eurem Kreis so hört, Glauben schenken? Wird hier nicht auch jede noch so winzige Geschichte in kürzester Zeit zu einem Riesengebilde?“

„Ich will nicht alles für wahr halten, und schon gar nicht darf ich eine üble Nachrede weitergeben. Und daher vergesst bitte gleich wieder, dass mir die Fama ans Ohr drang, Alvarez sei zu viel Geld gekommen und verwende dieses, um auf die eine oder andere Weise den Stein der Weisen zu finden. Man sagt, er habe einschlägige Schriften dazu gekauft, aber beweisen kann das niemand. Im Umkreis des Hofes gehen immer wieder Gerüchte um, von denen sich dann nur wenige als unzweifelhaft entpuppen. Und leider ist die Fama meine einzige Quelle“, seufzte Porticus und beteuerte, sich wirklich große Mühe gegeben zu haben. Er sei über seinen Schatten gesprungen und habe sogar mit Gelehrten geredet, mit denen er nicht auf gutem Fuß stehe, was ihm nicht leichtgefallen sei.

Gaiswinkler bedankte sich höflich, leerte seinen Becher Wein und gab Miguel, der staunenden Auges auf die grellfarbigen Flüssigkeiten in den Gefäßen blickte, ein Zeichen. Grübelnd verließ er bald darauf an dessen Seite das Goldschmiedegässchen. Da mit dem Besuch bei dem Alchemisten nicht nur Eitzings und Grünbühels Erzählung bestätigt, sondern auch eine weitere Verdachtsspur auf José Alvarez gelegt worden war, musste er sich wohl oder übel baldmöglichst noch einmal zu dem bigotten Pfaffen aufmachen. Wie sehr ihm davor graute, daran wollte er lieber nicht denken. Und so erklärte er stattdessen dem Trabanten, hinüber zu Thommerls Haus wandern zu wollen.

Da es wieder zu schneien begonnen hatte und ihnen der Wind die Flocken wild ins Gesicht trieb, legten die beiden den Hügel raschen Schrittes und schweigend zurück. Bald lag das Häuschen, halb versunken in einer weißen Pracht, vor ihnen. Friedlich und idyllisch, hätte man meinen können, wäre da nicht das Bild des gemarterten Hofzwergs in ihren Köpfen gewesen.

Nachdem sie die Tür, die ein großer Haufen Schnee verdeckte, freigeschaufelt hatten, machte sich Gaiswinkler zunächst daran, den Teil des Gebäudes zu durchsuchen, in dem er am Tag des Mordes nicht gewesen war. Doch weder in dem kleinen Schlafgemach mit Bett, Stuhl und Tischchen noch in der Kammer daneben voller Gerümpel konnte er etwas finden. Auch in der verwüsteten Stube schien es auf den ersten Blick für ihn nichts Neues von Interesse zu geben. Die meisten der Papiere, die aus den Schränken herausgerissen und auf dem Boden verstreut worden waren, kannte er ja bereits. Diese brachten ihm, auch als er sie noch einmal gründlicher durchlas, keine zusätzliche Erleuchtung.

Auf dem niedrigen, breiten Schreibpult, das in der Nähe des Fensters stand, hatte er sich beim letzten Mal zwar nicht genauer umgesehen, das wilde Durcheinander dort vermittelte allerdings den Eindruck, dass es von Thommerls Mörder besonders ausgiebig in Augenschein genommen worden war. Den Aufsatz des Pultes – ein tiefes Kästchen mit vier Fächern – hatte dieser ohne Mühe öffnen können, denn in dem eisernen Schloss der aufgeklappten Lade steckte ein Schlüssel.

Von den unzähligen Rechnungen, Aufzeichnungen über Ausgaben und Einnahmen sowie jahrealten Briefen, die hier herumlagen, dünkte Gaiswinkler nichts in irgendeinem Zusammenhang mit dem Verbrechen zu stehen. Dennoch sah er alles Stück für Stück durch, auch jene Handvoll Zettel, die in den offenen Fächern verblieben waren. Und dabei fiel ihm plötzlich etwas auf. Während man in die drei unteren Fächer des Schreibpultaufsatzes mit dem Arm über den Ellenbogen greifen konnte, war das beim obersten nur bis zur Hälfte des Unterarms möglich. „Seltsam, vielleicht hat das ja eine Bedeutung“, dachte er und tastete mit der Hand die rückwärtige Wand ab, um nachzuprüfen, ob es dahinter womöglich ein Geheimfach gab. Aber so sehr er auch versuchte, die Holzwand an allen möglichen Stellen kräftig nach hinten zu drücken, sie gab nicht nach. Miguel eilte ihm zu Hilfe, doch selbst mit vereinten Kräften änderte sich daran nichts. „Es ist sinnlos“, seufzte der Trabant schließlich. Derselben Meinung und etwas zornig darüber, kapitulieren zu müssen, schlug Gaiswinkler mit der Faust heftig auf die Fläche des Schreibpults. Unmittelbar darauf war ein Knarren zu hören, und fast im selben Augenblick klappte die Platte zwischen dem vorderen und hinteren Teil des vierten Faches auf.

Obwohl sich weder er noch Miguel, der grinste, erklären konnten, auf welch wundersame Weise das Ganze funktioniert hatte, war das Ziel erreicht. Neugierig griff Gaiswinkler mit beiden Händen in den bisher verborgenen Teil des Schränkchens. Er stieß auf mehrere lose Seiten Papier und ein Büchlein. Auf den ersten Blick schien ihm alles davon mit derselben kleinen, krakeligen Handschrift verfasst, die auf den ungebundenen Blättern etwas zittriger wirkte. Sie war nicht leicht zu lesen, und da das Tageslicht immer schwächer wurde, beschloss er, die Aufzeichnungen mitzunehmen.

Erst nachdem sie ins Palais Grünbühel zurückgekehrt waren und er eine zusätzliche Kerze auf dem Tisch in seiner Stube entzündet hatte, begann er, das erste lose Blatt zu lesen. Selbst im hellen Licht war das Geschriebene nur schwer zu entziffern, doch gleich in der zweiten Zeile traf er auf einen bekannten Namen.

Nun, da es Gottes Wunsch ist, dass mein Leben bald zu Ende geht, möchte ich, Moritz Andraský Ritter von Audráz, geboren den 13. Mai A.D. 1542 in Meißen, meinem Gewissen eine Bürde nehmen, von der niemand jemals erfahren hat. Als ich vor mehr als zehn Jahren nach Konstantinopel reiste, wurde ich zum Mitwisser eines Mordes. Da dies in einem fremden Land mit anderen Gesetzen geschah, konnte ich nichts tun, ohne mein Leib und Leben zu gefährden. Hier will ich niederschreiben, was sich damals zutrug.

Am 17. Juni A.D. 1581 fand ich spät in der Nacht am Ufer des Bosporus einen bewusstlosen Mann. Er blutete aus einer Wunde nahe seines Herzens. Mithilfe der beiden Diener, die mich begleiteten, brachte ich ihn in mein Haus. Trotz der vorangeschrittenen Stunde ließ ich nach dem Apotheker schicken, einem Griechen, der in derselben Gasse wohnte. Er untersuchte den Mann, säuberte die – laut seinen Worten von einem Degen stammende – Wunde, verstrich sie mit einer Salbe und verband sie. Die ersten zwei Tage schlief der Verletzte tief, am dritten Tag wurde sein Zustand bedenklicher, er begann, hoch zu fiebern, seine Atmung ging schwer. In seinem Kampf mit dem Fieber sprach er vieles, ohne wach und bei sich zu sein. So wusste ich bisweilen nicht, ob er Geschehenes noch einmal durchlebte oder ihn das Hirn im Delirium betrog. Das meiste davon stellte sich später, nachdem er mein Haus wieder verlassen und ich behutsam einige Erkundigungen eingeholt hatte, als wahr heraus. Und nur dies werde ich wiedergeben.

Der Mann hieß Jacob Reniger, er stammte aus einer reichen Kaufmannsfamilie von niederem Adel in Mainz und war wenige Monate vor mir nach Konstantinopel gekommen. Welchen Geschäften er in der Stadt nachging, erhellte sich mir nicht. Seinen Stunden zwischen Leben und Tod entnahm ich, dass er auf der Suche nach einem Unheil abwehrenden Stein – einem Bezoar – gewesen war, der sich, nach seinem Hörensagen, im Besitz eines wohlhabenden persischen Händlers namens Bahram Rahmani befand und viel besonderer als die anderen seiner Art war. Ich erfuhr, wie er vergeblich versucht hatte, diesen Bezoar mit hohen Summen zu erwerben, und wie er danach den Gedanken geboren hatte, den Händler zu töten, um sich den Stein aus dessen Haus zu verschaffen, ohne dass der Verdacht auf ihn fiele. Reniger wimmerte und schrie, als ihm das Gespenst jener Nacht nochmals erschien. In wirren Bildern voll Blut, Wasser und Blitzen malte er es mir aus. Er erdolchte Bahram Rahmani in einer der Gassen von Pera, unbeobachtet, während der Regen wild vom Himmel strömte. Sein Versuch, den Stein in derselben Nacht zu stehlen, scheiterte; im Schlafgemach lag des Händlers Weib mit ihrem Liebhaber. Alles schien vergeblich gewesen, er hatte einen Unschuldigen umsonst getötet. Doch Reniger fasste einen neuen Plan. Er beschloss, Bahram Rahmanis Ehefrau, von der er zuvor nichts gewusst hatte, zu umwerben.

Wie es ihm gelang, diese kennenzulernen, weiß ich nicht. Sie muss wunderschön gewesen sein – mit weißer Haut, blondem Haar und einem anziehenden Gesicht, das nahe der Schläfe ein Muttermal in der Form eines Herzens trug. Aus dem, was Jacob Reniger in seinem Wahn über sie sagte, schloss ich, dass sie nicht nur ihn in ihrem Bett empfangen hatte. Mehrmals nannte er sie eine italienische Hure mit dem Glauben an den Alkoran. Immer wieder stöhnte er dabei das Wort Bezoar. Ob er den Stein aus den Händen seiner Geliebten bekam, ist mir nicht bekannt.

Am fünften Tag begann sein Fieber zu sinken, sein Bewusstsein kehrte bald darauf ganz wieder. Er erinnerte sich offenbar nicht daran, was er mir im Delirium gebeichtet hatte, und ich erwähnte es auch nicht. Er sprach nur wenig und wollte, obgleich er mir für die Rettung seines Lebens dankbar war, auf meine Frage, woher seine Verwundung stammte, keine Antwort geben. Da er in seinen dunklen Stunden einmal von einer Battuta fantasiert und im selben Atemzug kaum verständlich „Aleazzo“ gejammert hatte, vermute ich, ein Gesandter aus Mantua mit dem ähnlich lautenden Namen Galeazzo, den ich flüchtig kannte, könnte der Mann gewesen sein, der ihm den Degenstich zugefügt hat. Jacob Reniger verließ mein Haus, kaum, dass es ihm besser ging. Ich sah ihn danach niemals wieder.

Wenn er eines Tages für den Tod von Bahram Rahmani gerichtet wird, geschieht dies wohl nur durch die Hand unseres allmächtigen Herrn. Und so verzeihe mir Gott, mit meiner Kenntnis darüber so lange geschwiegen zu haben. Er sei meiner sündigen Seele gnädig und all jene, die hier von meinem Wissen erfahren haben, soll er nur mit seiner unendlichen Liebe belangen.

Gaiswinkler war bass erstaunt. „Welch ein seltsamer Zufall das doch ist“, dachte er. Ausgerechnet der verstorbene Vater von Praunfalks Schwarm Veronika brachte mehr Licht in das Dunkel. Wie Thommerl wohl an die Notizen von Moritz Andraský Ritter von Audráz und an das Büchlein gekommen war, das sich beim Hineinblättern als dessen verschwundenes Tagebuch herausstellte, nach genauerem Lesen allerdings nichts weiteres Aufschlussreiches zu enthalten schien? Und warum waren diese Aufzeichnungen in einem geheimen Fach versteckt gewesen? Wollte der Hofzwerg damit jemanden erpressen, oder hatte er es bereits getan und deswegen den Tod gefunden? Aber wer mochte derjenige sein, den man mit dieser Niederschrift unter Druck setzten konnte? Jacob Reniger – ein Mörder, wie sich gezeigt hatte – und Moritz Andraský Ritter von Audráz freilich eher nicht, denn die beiden waren ja nicht mehr am Leben. Somit blieb nur Andrea Galeazzo übrig, der nach Andraskýs Vermutung der Verantwortliche für Renigers schwere Verwundung gewesen war, aus welchem Grund auch immer. Hatte der mantuanische Botschafter in Prag nun vollendet, was ihm in Konstantinopel nicht gelungen war? Und wie hing das alles mit dem Stück Papier in der Hand des Hofzwergs zusammen? Mit dem Fund zeigte sich alles, je länger Gaiswinkler darüber nachdachte, noch verworrener als zuvor, denn gerade, als er geglaubt hatte, auf einer Spur voranzukommen, tat sich ihm nun wieder auf einer anderen etwas auf. Und später an diesem Abend teilte ihm dann auch noch Miguel mit, dass ihn der Obersthofmeister am kommenden Tag sprechen wolle.