Das Meistern Der Gaben

Jedes Mal, wenn Arabelle erwachte, schienen ihre Gelenke steifer zu sein. Manchmal sorgte sie sich, das Gift könnte stärker werden und Castiens Übungen würden nicht mehr reichen, um es vollständig zurückzudrängen. Aber sobald sie ihr Blut in Wallung brachte, die Glieder lockerte und richtig ins Schwitzen kam, fühlte sie sich wieder ganz wie sie selbst.

Fast sechs Monate waren seit ihrer Begegnung mit dem Drachen vergangen, und Arabelle konnte es kaum erwarten, dass die Karawane wieder in Aubgherle eintraf. Sie wollte Castien zeigen, was sie erreicht, wie sehr sie sich verändert hatte. Arabelle fühlte sich gesund, stark, voll Tatendrang. Tabor lobte ihre Reflexe, ihre Schnelligkeit und ihre Beweglichkeit. Ihr Vater behauptete gar, sie wirkte glücklicher, als er sie je zuvor erlebt hatte.

Im Augenblick lag sie auf dem Boden, streckte die nackten Beine in die Luft und hob und senkte die Zehen abwechselnd. Dabei betrachtete sie ihre Muskeln.

Beim Anspannen zeigte sich nicht mehr jede Faser wie früher. Es war ihr gelungen, die harten Kanten einigermaßen zu glätten.

Weniger zufrieden war sie mit den Armen. Wenn sie die Hände zu Fäusten ballte, konnte sie überdeutlich sehen, wie sich die neuen Muskeln anspannten. Obwohl ihre Arme kräftig waren, wirkten sie immer noch viel zu dünn.

Sie griff unter die Matratze und zog den Spiegel heraus, den sie dort versteckte. Arabelle fand es lächerlich, dass sie einen Spiegel geheim halten musste. Aber ihr Vater hielt nichts von Spiegeln – er meinte, sie wären Werkzeuge eitler Frauen und erfüllten keinen nützlichen Zweck. Arabelle war nicht eitel, sondern nur neugierig darauf, was andere sahen, ihr selbst jedoch normalerweise verborgen blieb.

Und ja, ihr gefiel, was ihr der Spiegel zeigte. War das so falsch? Im Spiegel sah sie volle Lippen, dunkelbraune Augen und Pausbacken. Ihr Gesicht. Das Einzige, das sie je besitzen würde, und es gefiel ihr. Vor allem, weil sowohl ihr Vater als auch Tabor sagten, sie sähe ihrer Mutter so ähnlich. Wenn Arabelle in den Spiegel blickte, spürte sie beinah eine geistige Verbindung zu ihrer Mutter. Sie vermeinte dann für eine kurze Weile, eine erwachsene Frau zu sehen, nicht die blutjunge Tochter eines Scheichs.

Arabelle verstaute den Spiegel wieder unter der Matratze, als Maggie hereinkam, um ihr morgendliches Bad vorzubereiten.

Wenig später tauchte Arabelle in dampfendes Wasser ein. Die Wärme sickerte wohlig in ihre erschöpften Muskeln. Die Bäder fühlten sich nach einer harten Übungseinheit so viel besser an.

Maggie bürstete Arabelles Haar. »Herrin, warum wollt Ihr keine Düfte mehr in Eurem Badewasser?«

Arabelle dehnte den Hals und spürte ein linderndes Knacken. »Weil ich nicht will, dass mich ungewöhnliche Düfte verraten, wenn ich mich an jemanden heranpirschen muss, um ihn zu bespitzeln oder gar zu töten.«

Maggie lachte. »Schon gut. Ihr müsst es mir ja nicht verraten. Eine Prinzessin kann ihre Geheimnisse bewahren.«

Arabelle ließ die Augen geschlossen und lächelte. Ihr Leben hatte sich auf so mannigfaltige und unerwartete Weise verändert, dass selbst ihre engste Vertraute die Wahrheit nicht glauben konnte.

Sie dachte wieder an den blauäugigen Jungen, der immer noch irgendwie über ihrem Zelt schwebte. Insgeheim fragte sie sich, ob er vielleicht zu ihr herabfliegen würde.

* * *

Es war Mittag, und die Karawane hatte sich in der Nähe einer Reihe von Dörfern am Westrand des Tals von Trimoria niedergelassen. In einer Brise aus Nordwesten trieben die Geräusche von Dorfbewohnern, die mit Händlern feilschten, und sie halfen, das Knarren des Holzdachs zu überdecken, auf dem Arabelle ausharrte.

Ihr Herz hämmerte rasant. Ihr Gegner war gefährlich. Sie würde ihr gesamtes Können aufbieten müssen, um ihn zu besiegen.

Sie entdeckte ihn, blieb aber in ihrer geduckten Haltung und bereitete sich darauf vor, im richtigen Augenblick anzugreifen. Als er in Reichweite kam, sprang sie lautlos auf ihn.

Tabor trat geschickt zur Seite und streckte zwei Finger zur Verteidigung aus.

Stöhnend rollte sich Arabelle auf die Beine. »Was hab ich diesmal falsch gemacht?«

Tabor lächelte sie stolz an. »Reden wir zuerst darüber, was Ihr richtig gemacht habt. Die Liste ist viel länger.«

Trotz ihrer Frustration errötete Arabelle. »Na schön.« Sie traten den Weg zurück zu ihrem Zelt an.

»Als Ihr begonnen habt, mir zu folgen«, erklärte Tabor, »bin ich absichtlich durch eine Menschenmenge gelaufen, damit Ihr mich aus den Augen verliert. Eine lange Zeit konnte ich Euch nicht sehen. Erst vor einer kurzen Weile habe ich bemerkt, dass Ihr mich beobachtet. Ist Euch klar, was das bedeutet, Prinzessin? Es bedeutet, es ist Euch gelungen, mich glauben zu lassen, Ihr hättet mich aus den Augen verloren, obwohl in Wahrheit ich Euch aus den Augen verloren hatte. Das ist sehr schwer zu schaffen.«

Die Röte in Arabelles Wangen verstärkte sich.

»Und noch etwas. Eure Bewegungen in den Schatten waren beeindruckend. Ich bin mir nicht sicher, wie Ihr es geschafft habt, aber Ihr wart praktisch unsichtbar und seid geschickt wie ein Elf mit Eurer Umgebung verschmolzen.«

Arabelle lachte laut auf. Danke, Castien. »Nun dazu, was Ihr falsch gemacht habt ...«

Arabelle wappnete sich.

»Ihr habt nicht auf das Licht geachtet, Prinzessin. Ob Sonnenlicht, Mondlicht oder eine Fackel – Licht wirft immer Schatten, und Schatten können Euch verraten.«

Arabelle klatschte sich auf die Stirn. »Wie dumm von mir. Die Sonne stand hinter mir. Du hast meinen Schatten gesehen, als du unter mir vorbeigegangen bist.«

Tabor zwinkerte. »Wie ich schon sagte: Wärt Ihr nicht unsere Prinzessin, könntet Ihr eine hervorragende Soldatin werden.« Er runzelte die Stirn. »Nein – für eine einfache Soldatin seid Ihr zu klug. Ihr könntet Offizierin werden.«

»Eine Offizierin, der dieser Fehler nie wieder unterlaufen wird.« Tabor schmunzelte. »Davon bin ich überzeugt.«

Sie erreichten Arabelles Zelt, und Tabor sah sich zuerst drinnen um, bevor er die Klappe für sie aufhielt und sie eintreten ließ.

»Tabor, kannst du dafür sorgen, dass mich niemand stört, bis es Zeit fürs Abendessen ist? Ich würde mich gern ausruhen.«

Tabor nickte. »Wie Ihr wünscht, Prinzessin. Angenehmes Nachmittagsnickerchen.«

* * *

Arabelle trug die verschleierte Kopfbedeckung, die Maggie für sie angefertigt hatte, während sie eine große Handvoll Tiskah -Blätter mit roter Aderung in ihrem Mörser zermahlte. Dabei befolgte sie die Anweisungen in dem Buch von Castien. Die getrockneten Blätter verwandelten sich zuerst in sandähnliche Körnchen, dann in ein feines Pulver, das sie in einen Seidenbeutel schüttete.

Danach bearbeitete sie Blätter anderer Art auf dieselbe Weise mit nur geringen Abweichungen, die Castiens Buch vorschlug. Sie füllte einen weiteren Beutel mit starkem Pulver und zog an der Kordel, um ihn zu verschließen.

Maggie hatte für sie einen Gürtel gewebt, an dem sie all die Beutel befestigen konnte. Die Zofe hatte auch Arabelles Kleidung angepasst, indem sie versteckte Taschen für kleine Gegenstände und unsichtbare Schlitze hinzugefügt hatte. So konnte die Prinzessin blitzschnell die Dolche ihrer Mutter erreichen, die sie an die Oberschenkel geschnallt trug. Maggie machte kein Hehl aus ihrer Meinung, die Prinzessin lüde Gefahr förmlich ein, indem sie sich so bewaffnete. Gleichzeitig jedoch konnte sie nicht umhin, sich von der Aufregung anstecken zu lassen. Arabelle wusste, dass sie ohne die Hilfe ihrer Freundin verloren wäre.

Nachdem Arabelle die nächsten Blätter zerkleinert hatte, ergriff sie einen hölzernen Strohhalm von Frau Mizmer und stopfte ein kleines Stück Watte in ein Ende. Um die Vorrichtung zu testen, hob sie ihren Schleier an, setzte den Strohhalm an die Lippen und pustete, so fest sie konnte.

Der Wattepfropfen flog vom anderen Ende des Strohhalms.

Sie lächelte, als sie das Ende des Strohhalms mit einem weiteren Wattebausch wieder verstopfte. Diesmal träufelte sie die frisch zu Pulver zermahlenen Blätter in das offene Ende und versiegelte es mit Bienenwachs.

Nachdem Arabelle die Beutel und Strohhalme mit Pulvern gefüllt hatte, die alle möglichen angenehmen und auch weniger angenehmen Wirkungen hervorriefen, lehnte sie sich zurück und begutachtete zufrieden ihr Werk.

Zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, fast bereit dafür zu sein, was das Schicksal für sie vorgesehen hatte, was immer es sein mochte.

* * *

Arabelle befand sich an Frau Mizmers Stand und arbeitete an einem Eintopf. Die Prinzessin hatte um die Erlaubnis gebeten, »eigene Rezepte« auszuprobieren. Und obwohl der Gesichtsausdruck der mütterlichen Köchin erahnen ließ, dass sie daran zweifelte, ob irgendeines davon genießbar sein würde, hatte sie einen Holzkohlegrill für Arabelle bereitgestellt.

Im Augenblick teilte Arabelle die Zweifel der Frau. Als sie den Topf umrührte und am aufsteigenden Dampf schnupperte, verspürte sie eine Mischung aus Abscheu und Panik.

Alexandra trat hinter sie. »Was, äh ... was habt Ihr da reingetan, Prinzessin?«, fragte sie höflich.

»Na ja«, erwiderte Arabelle, »ich mag eingelegte Zwiebeln und Himbeeren. Also hab ich damit angefangen und dann einfach ... ein paar andere Zutaten hinzugefügt.«

Alexandra lächelte unbehaglich. »Tja, damit habt Ihr mit Sicherheit etwas Einmaliges geschaffen.«

»›Einmalig‹ ist wohl eine höfliche Umschreibung für ›grauenhaft‹.«

Schnell schüttelte Alexandra den Kopf. »Oh nein. Manchmal kann man so etwas vorher nicht wissen. Wann ist es fertig?«

Arabelle sog einen weiteren Hauch des brodelnden Gebräus in die Nase – und erschauderte. »Ich denke, es braucht noch Zeit. Ich rühre einfach ein Weilchen weiter.«

In dem Moment kam Zoe zum Stand gerannt. »Sklavenhändler! Äh, Sklaven!« Sie schnappte nach Luft. »Sie sind entkommen!«

Arabelle kniete sich vor sie. »Zoe, beruhig dich und atme durch. Was willst du damit sagen?«

Zoe atmete mehrmals tief durch, brabbelte aber immer noch aufgeregt und mit großen Augen. »Ein Haufen Sklaven sind Sklavenhändlern entkommen. Einer unserer Spähtrupps hat sie gefunden und hergebracht. Darunter ist ein winziger Zwerg mit einem winzigen Bart!«

»Das würde ich mir gern ansehen«, erwiderte die Prinzessin. »Kannst du mich hinführen?«

Zoe hopste auf und ab. »Natürlich, Prinzessin!«

Arabelle sah Alexandra an, dann schaute sie zum Eintopf. »Könntest du, äh ...«

Alexandra nickte. »Wisst Ihr, was ich denke? Es wäre womöglich besser, den Topf vom Grill zu nehmen. Vielleicht muss der Eintopf nur abkühlen.«

»Ja«, sagte Arabelle. »Danke, Alexandra. Ich finde, das ist eine wunderbare Idee.«

Insgeheim hoffte sie, dass von dem Eintopf bei ihrer Rückkehr jede Spur fehlen würde.

* * *

Die Sklaven erwiesen sich als bunt zusammengewürfelter, ausgemergelter Haufen, in zerrissene Lumpen gekleidet. Sie bekamen Soldatenrationen, die sie verschlangen, als hätten sie seit Jahren nichts mehr gegessen. Tabor war bei ihnen. Er sprach gerade mit einem Zwerg und einem grauhaarigen alten Mann.

»Der Tunnel, auf den wir gestoßen sind, hat uns in den Wald geführt«, berichtete der Mann. »Und zum Glück haben mein Gespür für die Jahreszeiten und meine Erinnerung an den Zeitplan der Karawane uns in die richtige Richtung marschieren lassen.«

Tabor kratzte sich am Bart. »Das ist eine schier unglaubliche Geschichte. Ich habe noch selten gehört, dass überhaupt einem Sklaven die Flucht geglückt ist, und noch nie von einer so großen Gruppe. War der Ausgang aus den Minen nicht bewacht?«

Der Grauhaarige und der Zwerg wechselten einen kurzen Blick, bevor der Mann antwortete. »Wie gesagt, unser Sklaventreiber hat uns während der Ruhezeit unbeaufsichtigt mit unserem Werkzeug zurückgelassen. Ich nehme an, man dachte, wir könnten ohnehin niemals den Weg durch das Labyrinth nach draußen finden. Zum Glück hatten wir Grisham.« Der Mann klopfte dem Zwerg auf die Schulter. »Er hat Bewegung in der Luft gespürt und ist ihr zu einem Lüftungsloch gefolgt – vielleicht längst vergessen oder sogar natürlich entstanden. Wir haben gewusst, dass der Oger nicht hineinpassen würde. Und menschliche Sklavenhändler haben wir selten zu Gesicht bekommen. Ich war mir ziemlich sicher, dass sie nichts von dem Lüftungsloch wussten. Also haben wir unsere Spitzhacken benutzt, um die Kette zu durchschlagen, sind den Schacht hochgeklettert, und hier sind wir nun.«

Arabelle schauderte. Wie schrecklich es doch gewesen sein musste, eine gefühlte Ewigkeit tief unter der Erde gefangen zu sein, praktisch ohne Hoffnung auf ein Entkommen.

Tabor untersuchte den Sklavenkragen, den der ältere Mann noch um den Hals trug. Als er ihn leicht drehte, zuckte der Mann zusammen. Die Haut unter dem Metall war wundgescheuert.

Tabor wandte sich an einen seiner Soldaten. »Hol den Schmied. Ich will, dass diese Männer sofort von den Kragen befreit werden.«

Plötzlich überkam den ergrauten Sklaven ein Gefühlsausbruch. »Mögest du gesegnet sein, Herr. Mögest du gesegnet sein.« Dann ergriff er sogar Tabors Hand und küsste sie – sehr zu Tabors offensichtlichem Unbehagen.

Tabor kniete sich hin, um sich auf Augenhöhe mit dem Zwerg zu begeben. »Und hast du keinen Kragen?«, fragte er.

Der ältere Mann öffnete den Mund, um zu antworten, doch Tabor hob die Hand, um ihn zu bremsen. Er wollte es von dem Zwerg hören.

Der kleine Bursche zuckte mit den Schultern. »Ich hatte Glück. Als mir der Kragen ursprünglich angelegt wurde, konnte ich ein Knacken hören. Das Geräusch kannte ich aus der Schmiede meines Vaters – so klingt es, wenn ermüdetes Eisen zu stark gebogen oder belastet wird und nachgibt. Eigentlich hatte ich sogar Angst, das Metall könnte eines Tages brechen und ich würde dafür bestraft werden. Aber als sich die Gelegenheit zur Flucht ergeben hat, da habe ich sie genutzt. Ein schlichter Hammerschlag an die richtige Stelle, schon ist das Metall zersplittert.«

Arabelle hatte wenig Erfahrung mit Zwergen, doch dieser erschien ihr sowohl in der Ausdrucksweise als auch im Gebaren sehr zurückhaltend. Vielleicht war er nur verängstigt und müde, aber sie hatte den Eindruck, er war niemand, der in Selbstmitleid versinken würde. Eher ein abgehärteter Bursche, der wusste, wie man überlebte. Das galt für alle diese Männer.

Tabor stand auf und wandte sich an die geflüchteten Sklaven. »Männer, bitte nehmt mein Mitgefühl für die Unbilden an, die ihr so ungerecht ertragen musstet. Ich beglückwünsche euch zu eurer Stärke und eurem Mut bei der Flucht vor diesem widerlichen Sklavenhändlergesindel. Vorerst bleibt ihr bei uns, und wir sorgen dafür, dass ihr Essen und Kleidung bekommt.

Allerdings kann ich euch noch nicht frei in der Karawane herumlaufen lassen. Ich werde mit jedem von euch einzeln sprechen. Wenn mich eure Geschichte überzeugt, beratschlage ich mit unserem Anführer, und wir treffen Vorkehrungen für euch. Wenn mich eure Geschichte nicht überzeugt, liefern wir euch beim Protektor der nächsten Ortschaft ab, in der wir halten, und dann kümmert er sich um euch.«

Die ehemaligen Sklaven nickten und brachten ihren Dank zum Ausdruck.

»In der Zwischenzeit«, fügte Tabor mit einem verhaltenen Lächeln hinzu, »esst ihr erst mal. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der so herzhaft schlichte Soldatenrationen verschlungen hat.«

* * *

Arabelle unternahm den nächsten Anlauf bei einem Eintopf und schnupperte argwöhnisch daran. Diesmal brachte Alexandra ihr eines von Frau Mizmers Rezepten bei. Trotzdem fürchtete sie, irgendwie etwas Ungenießbares hervorzubringen.

»Prinzessin«, sagte Alexandra, »vertraut mir. Ich weiß, Ihr mögt keine rohen Zwiebeln, aber wenn sie geröstet sind, verändern sie ihren Geschmack und verbessern den Eintopf.«

»Was ist mit dem Sellerie?«, fragte Arabelle. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass sein Geschmack je erträglich sein könnte, ganz gleich, was man damit macht. Ich kann Sellerie nicht ausstehen.«

Alexandra lachte. »Deshalb habe ich nicht von Euch verlangt, dass Ihr ihn fein hackt. Wir holen die Brocken heraus, sobald sie ihre Aufgabe erfüllt haben. Auch davon wird der Eintopf besser.«

Mit zweifelnder Miene betrachtete Arabelle den brodelnden Kessel. »Ich würde lieber Mehlwürmer als Sellerie essen.«

»Dann müssen wir das nächstes Mal versuchen.« Arabelle sah ihre Freundin entsetzt an.

Alexandra lachte. »Ich ziehe Euch bloß auf, Prinzessin. Haltet Euch einfach an das Rezept meiner Mutter.

So wird der Eintopf besser als bei Eurem ersten Anlauf.«

Arabelle rümpfte die Nase. Sogar Mehlwurmeintopf wäre besser geworden als ihr erster Versuch.

Tabor betrat das Zelt und schnupperte. »Schon irgendetwas fertig, das ich probieren kann?«

»Prinzessin, sollen wir ihm etwas von Eurem ersten Eintopf geben?«, fragte Alexandra schelmisch.

Arabelle drehte sich ihr verdattert zu. »Ich dachte, den hätte Zoe für die Schafe mitgenommen.«

»Hat sie auch, aber sie wollten ihn nicht essen.«

Tabor schmunzelte. »Vielleicht bereue ich noch, dass ich gefragt habe.«

Arabelle bedachte ihren Leibwächter mit einem finsteren Blick. »Mit der Bemerkung hast du dir gerade die Rolle des Versuchskaninchens eingehandelt. Nimm dir eine Schüssel.«

Beunruhigt warf Tabor einen Blick in den Kessel. Aber er nahm sich gehorsam eine Holzschale und reichte sie Arabelle. »Ich bin Euer ergebener Untertan.«

Sie schöpfte eine Schüssel voll und garnierte sie sogar mit ein paar Scheiben Frühlingszwiebeln, wie sie es sich bei Frau Mizmer abgeschaut hatte. Als sie die Schüssel Tabor reichte, beobachtete sie ihn eingehend.

Er schnupperte daran, griff sich einen Löffel und nahm eine äußerst zaghafte Kostprobe. Sein versteinerter Gesichtsausdruck verriet keine Gefühlsregung.

Dann jedoch aß er einen zweiten Löffel.

Das bedeutet, der Eintopf ist zumindest nicht ungenießbar!

Nach mehreren Löffeln wurde Arabelle ungeduldig. »Und? Was meinst du?«

Tabor wischte sich behutsam über die Lippen und rülpste zufrieden. »Könnte mehr Sellerie vertragen.«

Alexandra lachte. »Ha! Ich hab’s Euch ja gesagt.« Arabelle warf ihr einen Seitenblick zu.

Tabor löffelte die Schüssel leer und stand auf. »Keine Sorge, Prinzessin. Ich kann Euch versichern, dass Euer künftiger Ehemann von einem solchen Eintopf fett werden würde. Fügt einfach noch mehr Sellerie dazu, das verleiht ihm Ballaststoffe, die gut für jeden sind.«

Arabelle spürte, wie ihr vor Stolz warm ums Herz wurde. Sie hatte wie eine richtige Köchin einen echten Eintopf hinbekommen ... der gut schmeckte? Plötzlich wollte sie diesen Eintopf unbedingt so vielen Leuten wie möglich kredenzen.

Ihr kam ein Gedanke, und sie schaute zu Tabor auf. »Meinst du, ich könnte das den entflohenen Sklaven geben?« Sie erinnerte sich daran, wie sehr sie die kalten Rationen genossen hatten. Aber Männer, die eine solche Tortur durchgemacht hatten, verdienten eine warme Mahlzeit.

Tabor lächelte, und Arabelle vermeinte beinah, einen feuchten Glanz in seinen Augen zu erkennen. »Meine liebe Prinzessin, das ist eine überaus freundliche Geste. Eure Mutter wäre stolz auf Euch.« Er spähte in den Topf. »Nur habt Ihr hier gerade mal genug für ein, zwei Portionen.«

Arabelle runzelte die Stirn. Das stimmte. »Vielleicht könnte ich dem Zwergenjungen etwas davon bringen. Er hat so fehl am Platz beim Rest der Sklaven gewirkt, und wir haben so gut wie keine anderen Zwerge in der Karawane. Er ist praktisch völlig allein.«

Tabor nickte zustimmend. »Ja, er ist auch abgesehen davon anders als der Rest. Mit ihm habe ich bereits gesprochen. Er hat bisher ein tragisches Leben geführt. Ich kann nur beten, dass es von nun an besser für ihn läuft.«

Arabelle begann, ihren Eintopf in ein kleineres Gefäß zu schöpfen. »Dann wird mein Eintopf vielleicht ein guter Anfang dafür!«

* * *

Als Arabelle das Zelt betrat, in dem man den jungen Zwerg untergebracht hatte, stellte sie fest, dass er nicht allein war. Bei ihm befand sich der Soldat Oda.

»Denk dran«, sagte Oda, »wir Zwerge kümmern uns um unsresgleichen. Niemand soll behaupten, Oda Steinfaust hätte einem anderen Zwerg nicht geholfen, auch wenn es ein clanloser ist. Wann immer du bereit bist, können wir uns ausführlicher unterhalten.«

Arabelle räusperte sich. »Störe ich?«

Oda drehte sich um. Beim Anblick der Prinzessin wurden seine Augen groß. Hastig verbeugte er sich tief. »Ihr könntet nie stören, Prinzessin. Ich wollte nur nach dem Jungen hier sehen. Aber ich bin sicher, er würde Eure bezaubernde Gesellschaft vorziehen.«

Und damit eilte er hinaus.

»Ich wollte ihn nicht verscheuchen.«

Der junge Zwerg schaute zu ihr auf. Er war so klein. Oda machte seinen Mangel an Größe durch Muskeln und eine stürmische Persönlichkeit wett. Dieser Zwerg jedoch war noch kleiner als Oda, zudem wirkte er schüchtern und unterernährt.

»Ist schon gut. Er wollte sowieso gerade gehen ... Prinzessin?«

Arabelle stöhnte, als er ihren Titel benutzte. »Ich wünschte, du hättest ihn das nicht sagen gehört. Bitte nenn mich einfach Arabelle. Ich bin die Tochter des Scheichs. Aber ganz ehrlich, es wäre schön, wenn jemand hier das nicht wüsste.«

Der Zwerg lächelte. »Wenn du willst, tue ich gern so, als wüsste ich es nicht, Arabelle . Aber lass mich zunächst mal sagen, wie dankbar ich dir und der Karawane dafür bin, dass ihr euch in unserer Zeit der Not um uns kümmert.«

Arabelle sah Unmengen von Schmerz hinter seinen traurigen braunen Augen. Sie musste dem heftigen Drang widerstehen, sich ihm entgegenzustrecken und ihn zu umarmen. Stattdessen setzte sie sich vor ihn und reichte ihm den kleinen Kessel und einen Löffel.

»Ich habe dir etwas gekocht. Bitte iss es. Du siehst hungrig aus.«

Sie fürchtete, der Zwerg könnte nicht vor ihr essen wollen. Aber er fing prompt an, sich den Eintopf in den Mund zu schaufeln, ohne auch nur nachzusehen, worum es sich handelte. Belustigt beobachtete sie ihn – und auch stolz. Obwohl sie wusste, dass er vermutlich gar nichts schmeckte, so schnell, wie er aß. Sie bedauerte nur, dass sie nicht mehr gekocht hatte.

Als der Zwerg die letzten Reste aus dem Kessel gekratzt hatte, fragte Arabelle: »Hat es dir geschmeckt?«

»Das war mit Abstand die beste Mahlzeit, die ich je hatte, Fräulein Arabelle.« Ihr Herz schwoll an. »Nur Arabelle, bitte. Und ich fürchte, ich kenne deinen Namen nicht.«

»Ich bin Grisham. Ich gehöre keinem Clan an, wie du ja von Oda gehört hast. Ich bin ein Waisenkind.«

»Manch einer mag etwas auf Clans geben, aber ich nicht. Also ... hat dir der Eintopf wirklich geschmeckt? Ich lerne gerade erst kochen, und du bist mein zweiter Tester.«

Grisham lachte. »Um die Wahrheit zu sagen, würde ich nicht zu viel Wert auf meine Meinung legen. In den Minen haben wir nie etwas anderes als eine grässliche, teigige Grütze bekommen, und im Waisenhaus in Cammoria hatten wir meistens Haferbrei. Wenn es ausnahmsweise Kaninchen oder Geflügel gab, war das ein Festschmaus.«

Arabelle spürte, wie ihr das Los des armen kleinen Zwergs das Herz brach. Ungebeten kamen ihr Tränen, und sie wischte sie weg.

»Tut mir leid, wenn ich dich traurig gestimmt habe«, entschuldigte sich Grisham.

»Nein, nein, es liegt nicht an dir. Danke für deine ehrliche Meinung über meine Kochkunst. Wenigstens hast du nicht gesagt, dass der Eintopf mehr Sellerie vertragen könnte.«

»Oh, das würde ich nie tun. Ich kann Sellerie nichts abgewinnen.«

Arabelle lachte. »Ich auch nicht. Also, Grisham, darf ich fragen, wie deine Pläne aussehen, da du jetzt frei bist?«

Grisham hielt eine Geldbörse aus Leder hoch. »Tabor war so freundlich, jedem von uns etwas Geld zu geben, damit wir uns Kleidung und Proviant kaufen können. Und wir dürfen jeden Tag mit den Soldaten essen. Ich muss es wiederholen, die Freundlichkeit deines Volks ist ein Segen. So viel Freundlichkeit habe ich nicht mehr erfahren, seit ...« Abrupt verstummte er, als wäre gerade eine schmerzhafte Erinnerung aus seinem Gedächtnis aufgetaucht. Mit einem neuen Anlauf meinte er schlicht: »Das ist mehr Freundlichkeit, als ich verdiene.«

»Ich bin mir sicher, dass du vor deiner Ankunft hier viel weniger bekommen hast, als du verdienst. Also können wir hoffentlich etwas tun, um das Gleichgewicht ein bisschen wiederherzustellen.«

»Danke, Fräulein ... Danke, Arabelle.«

»Und wenn du wieder auf den Beinen bist? Was dann?«

Der Zwerg zuckte mit den Schultern. »Oda hat mir angeboten, mich als Lehrling aufzunehmen.«

»Und willst du das?«

»Ich bin mir nicht sicher. In den letzten Jahren ... habe ich wohl aufgehört, darüber nachzudenken, was ich werden könnte, wenn ich älter bin.«

Arabelle merkte, dass der junge Zwerg an einem Scheideweg in seinem Leben stand. »Mein Vater rät mir immer, aufgeschlossen zu sein und alle Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Und wenn man sich unsicher ist, kann man Neues ausprobieren, um zu sehen, wie es zu einem passt. Das gilt für die Berufung ebenso wie für Kleidung. Man weiß erst dann, ob etwas zu einem passt, wenn man es versucht hat.«

Grisham nickte. »Das klingt sehr ähnlich einem Rat, den mein Vater mir einmal erteilt hat.«

Arabelle war schlau genug, sich nicht nach seinem Vater zu erkundigen. Er hatte gesagt, dass er ein Waisenkind war, und sie wollte keine schmerzhaften Erinnerungen wachrütteln.

»Darf ich fragen, wie alt du bist, Grisham?«

Der junge Zwerg warf sich in die Brust. »Ich bin auf halbem Weg zwischen zwölf und dreizehn. Und du, Arabelle?«

»Ich bin siebzehn.«

Sie wurden von Tabor unterbrochen, der den Kopf ins Zelt steckte. »Prinzessin, es wird allmählich spät. Ihr sollt mit Eurem Vater zu Abend essen.« Mit einem Flattern der Zeltklappe verschwand der Leibwächter wieder.

»Anscheinend bin ich gerade gerufen worden«, sagte Arabelle augenzwinkernd. Als sie aufstand, tat Grisham es ihr gleich. Aus einer Eingebung heraus umarmte sie ihn, und nach einem Moment erwiderte er die Geste.

Schließlich trat sie zurück. »Wenn du keine Soldatenrationen mehr sehen kannst, bringe ich dir jederzeit gern mehr von meinem Eintopf.«

»Das wäre zwar nett, aber mach dir meinetwegen keine Umstände.« Er zwinkerte und grinste. »Und falls du’s doch tust ... habe ich nichts gegen Essen, in dem Sellerie fehlt.«

* * *

Mittlerweile vertraute Arabelle auf ihre Fähigkeiten, sich in den Schatten zu verstecken und sich geräuschlos fortzubewegen. Sie war überzeugt davon, dass sie die meisten Orte unbemerkt erreichen konnte. Als Nächstes wollte sie dieses Vertrauen in einer Menschenmenge auf die Probe stellen.

Es war Abend, und sie trug ihre dunkelgraue Aufmachung mit der verschleierten Kopfbedeckung. Wie immer, wenn es ihr um Verstohlenheit ging, verzichtete sie auf ihre Pantoffeln und lief mit nackten Füßen. Sie stand in den Schatten des Marktplatzes und behielt ihr Ziel im Auge. Arabelle hatte den Mann zufällig ausgewählt und beobachtete belustigt, wie er mit einem Spielwarenhändler um eine Puppe feilschte.

Da wird sich bald irgendein Kind freuen.

Sie selbst war zufrieden damit, wie gut es ihr gelang, vollkommen still zu stehen und mit dem Hintergrund zu verschmelzen. Schon viele Leute hatten die Stelle passiert, an der sie kauerte, aber noch niemand hatte sie eines Blickes gewürdigt.

Und dann spürte sie, wie ihr jemand auf die Schulter tippte. »Warum versteckt Ihr Euch hier, Prinzessin?«

Sie zuckte zusammen, sprang auf, wirbelte herum und erblickte vor sich das lächelnde Gesicht von Grisham, der zu ihr aufschaute. Zum Glück schenkte ihnen in diesem schattigen Winkel niemand Aufmerksamkeit.

»Grisham! Ich hab doch gesagt, du sollst mich Arabelle nennen.«

Grisham schüttelte den Kopf. »Nicht in der Öffentlichkeit. Den Fehler hab ich in der Messe der Soldaten begangen. Jemand hat scherzhaft zu mir gemeint, das Essen hier müsste zwangsläufig besser als das sein, was ich als Sklave bekommen habe, und ich habe daraufhin von ›Arabelles Eintopf‹ erzählt. Da wurden die Soldaten richtig wütend auf mich, bevor sie zu dem Schluss gekommen sind, dass ich wahrscheinlich keine Ahnung hätte, wer Ihr seid. Ich habe sie nicht aufgeklärt. Aber ich denke, es ist am besten, wenn Leute wie ich Euch als Prinzessin anreden. Zumindest überall, wo es jemand hören kann.«

Arabelle packte Grisham am Arm und zog ihn tiefer in die Schatten. »Wie konntest du mich da drüben sehen? Und woher hast du gewusst, dass ich es bin?«

Er wirkte verwirrt. »Was meint Ihr? Mir ist bloß aufgefallen, dass sich das Fackellicht in Euren Augen gespiegelt hat.« Er zögerte und wirkte unbehaglich.

Errötet er etwa gerade?

»Eure Augen sind ... Na ja, sie wirken sehr freundlich, aber sie zucken ständig hin und her, halten Ausschau nach etwas.

Und ich konnte auch Eure weißen Füße sehen. War nicht schwer, Euch vom anderen Ende des Markts aus zu erkennen.«

»Du warst nicht mal in der Nähe, als du mich gesehen hast?«

»Nein, aber andererseits habe ich eine einzigartige Perspektive. Durch meine Größe konnte ich in gerader Linie zu Euch schauen, weil Ihr gekauert habt. Also wolltet Ihr wohl nicht bemerkt werden, richtig?«

Sie hob einen Finger an ihre Lippen. »Bitte behalte das für dich, aber ich habe geübt, in der Öffentlichkeit unsichtbar zu sein. Du wärst überrascht, was die Leute alles von sich geben, wenn sie glauben, dass niemand zuhört.«

»Also, wenn Ihr meine Meinung hören wollt, ich finde, Ihr macht das gut. Ihr bewegt euch wie ein Schatten. Aber Eure Füße und Eure Augen ...« Er zuckte mit den Schultern.

Arabelle blickte auf ihre Füße hinab. »Bei den Füßen kann ich etwas unternehmen. Aber wenn ich nicht mit geschlossenen Lidern herumlaufen will, weiß ich nicht recht, was bei den Augen helfen könnte.«

»Vielleicht, sie zusammenzukneifen?«

Sie lachte. »Das probiere ich nächstes Mal.«

»Und vielleicht suche ich dann nach Euch, Prinzessin.«

Sie grinste. »Heißt das, du bleibst eine Weile bei der Karawane?«

Grisham nickte. »Ich habe mich so entschieden, wie Ihr es vorgeschlagen habt. Ich werde probehalber Odas Lehrling, um zu sehen, wie das Leben eines Soldaten zu mir passt.«

»Das ist großartig. Dabei fällt mir etwas ein. Ein bestimmter Soldat wartet auf meine Rückkehr.«

»Meint Ihr zufällig Tabor?«

»Also ist dir wohl aufgefallen, dass er mein Leibwächter ist. Und obendrein ungeduldig. Ich gehe besser zu ihm zurück.«

Grisham verbeugte sich. »Wie Ihr wünscht, Prinzessin.«

Sie lachte und knuffte Grisham verspielt in die Schulter, bevor sie zum Zelt mit Frauenkleidung umkehrte, wo sie Tabor zurückgelassen hatte. Aber als sie davonschlich, bemerkte sie einen schwarz gekleideten Soldaten, der misstrauisch in die Gasse spähte.