Das Leben Ist Hart

Als Maggie nicht kam, um Arabelle bei ihren Übungen zu helfen, marschierte Arabelle zum Zelt ihrer Zofe los, um nach ihr zu sehen. Sie fürchtete, Maggie könnte krank geworden sein. Stattdessen traf sie auf eine junge Frau, die völlig durcheinander wirkte. Maggies Augen waren gerötet, und ihre Nase lief. Sie hatte eindeutig geweint.

»Herrin! Es tut mir leid, dass Ihr mich so seht. Ist es schon Zeit für Eure Übungen?«

»Maggie, vergiss das jetzt! Was ist denn los?«

Maggies Kinn bebte. »Hassan ist weg.«

Arabelle verspürte Erleichterung bei der Äußerung. Ihre Träume waren in letzter Zeit sehr unruhig, deshalb war ihre Vorstellungskraft mit ihr durchgegangen, und sie hatte sich wesentlich Schlimmeres als ein gebrochenes Herz ausgemalt.

»Wie meinst du das, er ist weg? Ich habe ihn erst letzte Woche mit einer Aufklärungspatrouille aufbrechen gesehen.«

Maggie brach in heftiges Schluchzen aus. Tränen kullerten ihr übers Gesicht. »Er ist vor mehreren Tagen von der Karawane verschwunden, und seither hat ihn niemand gesehen.«

Arabelle umarmte ihre Freundin, ließ Maggie an ihrer Schulter weinen. »Bist du sicher, dass er nicht bei einer längeren Aufklärungsmission ist? Das machen die Männer gelegentlich. Ich kann bei Tabor nachfragen, wenn du willst.«

Maggie zog sich zurück und atmete tief und schaudernd durch. »Ich habe schon Khalid gefragt. Er hat gesagt, Hassan sei mitten in der Nacht weggegangen. Khalid ist nicht mal beunruhigt – er meint, den Unzugehörigen sei nicht zu trauen, also sollte ich mir keine Sorgen um ihn machen.« Sie sah Arabelle in die Augen. »Aber Khalid irrt sich. Hassan war ehrenhaft und gut. Er wäre nicht ohne guten Grund gegangen, und ich bin sicher, er hätte mir etwas gesagt.«

Arabelle war ratlos, wusste nicht, wie sie helfen konnte. Mit Herzensangelegenheiten kannte sie sich nicht aus.

»Maggie«, sagte sie schließlich, »du magst es jetzt nicht so empfinden, aber ich bin fest davon überzeugt, dass die Dinge meistens so enden, wie sie enden sollen. Ich fürchte, nur die Zeit kann deinen Schmerz heilen.«

Maggie gab ein lautes Schniefen von sich. »Danke, Herrin. Ihr habt recht. Ich muss die Gedanken von der Sorge um ihn ablenken und mich wieder wichtigeren Dingen zuwenden. Was kann ich für Euch tun?«

Die arme, gute Frau. Selbst in diesem Zustand fühlte sie sich verpflichtet, ihrer Herrin zu dienen. Aber davon wollte Arabelle nichts wissen.

»Was du für mich tun kannst, ist, heute auf dich zu achten. Wir lassen die Übungen und Pflichten ausfallen. Was hältst du davon, mich zu Frau Mizmer zu begleiten, damit ich dir mein neuestes Rezept zeigen kann? Ich arbeite gerade an einem gewürzten Lammgericht, und du kannst mir sagen, was du wirklich darüber denkst, bevor ich es Vater auftische.«

Maggie lächelte und tupfte sich die Augen ab. »Na gut, aber ich hoffe, es ist nicht wie beim letzten Mal. Ich schwöre, ich hatte tagelang Knoblauchgeschmack im Mund.«

Arabelle verzog das Gesicht. »Ja, das tut mir leid. Ich wusste nicht, dass man Knoblauch zerlegen kann. Als das Rezept nach drei Knoblauchzehen verlangt hat, dachte ich, das bedeutet drei Knollen. Als ich Frau Mizmer davon erzählt habe, hat sie gewiehert vor lauter Lachen.«

Maggie kicherte zwischen ihrem Schniefen. »Na ja ... es ist schon ziemlich komisch.«

»Hoffen wir, dass mir nicht derselbe Fehler mit Feuerpfefferoni unterläuft.«

* * *

Arabelle zog unter dem Bett die Truhe hervor, die sie von ihrem Vater hatte, und schloss sie mit dem Schlüssel auf. Es war ein wunderbares Geschenk, denn sie brauchte einen sicheren Ort, um ihre wachsende Sammlung von Geheimnissen aufzubewahren: den Dolch von Castien, das Rezept für die Tinktur von der alten Frau und das Buch von ihrem Vater.

Letzteres entnahm sie der Truhe. Sie hatte es noch nicht einmal ausgepackt. Die Warnungen ihres Vaters ließen sie zögern, den Inhalt zu lesen. Aber die Zeit schien gekommen zu sein.

Sie entfernte die schützende Stoffhülle. Zum Vorschein kam ein uralter Schmöker. Das Buch roch nach Wald, und der Ledereinband wies merkwürdige Symbole auf.

Als Arabelle das Buch aufschlug, stellte sie fest, dass es in zwei Sprachen verfasst war. Auf den linken Seiten stand deutlicher, dunkler Text auf Trimorianisch, auf den rechten verblasste Schrift in brauner Tinte, die vom Pergament abblätterte. Arabelle kannte die Sprache rechts nicht, aber darin wurden einige der Zeichen vom Einband des Buchs verwendet. Offenbar handelte es sich beim Trimorianischen um eine Übersetzung dieser unbekannten Sprache.

Die erste Seite erwies sich als Anmerkung von jemandem namens Bryan Grünmandl.

Ich bin nur ein bescheidener Diener des Elfenvolks. Die Worte, die du liest, sind nicht meine eigenen, sondern die einer verdorbenen Zwergenseele, die Zeit mit jemandem verbrachte, den er für Nicnevin hielt, unsere Königin von vor vielen Tausend Jahren. Trotz des Titels ist Nicnevins Geschichte nicht für dieses Buch bestimmt. Belassen wir es an dieser Stelle dabei, dass Nicnevin der Legende nach die Götter herausgefordert hat und dafür dazu verdammt wurde, für immer am Ende der Welt zu leben.

Viele haben nach diesem mythischen »Ende der Welt« gesucht, doch noch niemand hat es gefunden. Ebenso wenig hat irgendein Dokument oder Lebewesen je einen Hinweis darauf geliefert, wo es liegen könnte.

Bis jetzt.

Vor zwei Wochen ist der Verfasser dieses Buchs auf Eluanethra gestoßen, hat ihn nackt und allein angetroffen. Wie es dem Zwerg gelungen ist, in die Festung unseres Volks einzudringen, ohne von unseren Spähern bemerkt zu werden, bleibt ein Rätsel. In den Händen hielt er dieses Buch, das er offenbar mit seinem eigenen Blut geschrieben hatte.

Er brüllte verrückte Warnungen über den Untergang von ganz Trimoria und das Ende der Welt, schwafelte von Dämonen, die noch kommen würden, und von einem Retter unter den Menschen, dem wir uns anschließen müssen. Und er verlangte, dem Erzmagier Seder vorgeführt zu werden.

Da wir von keiner solchen Person wussten, hielten die meisten unseres Volks den Zwerg für verrückt.

Xinthian ist sich da nicht so sicher. Er hat mich gebeten, den Zwerg ernst zu nehmen und mit ihm zu reden. Bedauerlicherweise leidet der Zwerg an Fieber, und nichts, was wir bisher tun konnten, hat ihm geholfen. Ich fürchte, er könnte bald sterben, wenn sich nichts ändert.

Mit Hilfe meines Lehrlings, Eglerion Mithtanion, habe ich die Blutschrift des Zwergs in modernes Trimorianisch übersetzt und auf diesen Seiten eingefügt. Und für den unwahrscheinlichen Fall, dass es doch etwas bedeuten könnte, habe ich in dieses Buch auch Mitschriften der fieberhaften Fantastereien des Verrückten aufgenommen. Sollte sich irgendetwas von seinen Worten bewahrheiten, fürchte ich um das Überleben unserer Rasse.

– Bryan Grünmandl

Die nächsten Stunden las Arabelle wie gebannt. Das gesamte Buch entpuppte sich als Abfolge von Prophezeiungen – und viel von der beschriebenen Zukunft war bereits eingetreten. Der Zwerg hatte den Dämonenkrieg vorausgesagt, einen Menschen, der eindeutig nach dem ersten Protektor klang, und die große Abschottung zwischen den drei Rassen. Alle diese Ereignisse wurden umfangreich dargelegt – allerdings in der Zukunftsform.

Handelte es sich tatsächlich um Prophezeiungen? Oder wurden diese Beschreibungen historischer Ereignissen nur so geschrieben, dass sie wie Prophezeiungen wirkten?

Wie alt war dieses Buch?

Von manchen der geschilderten Vorfälle hatte Arabelle noch nie gehört. Zum Beispiel heiß es, Sammaels Saat wäre gestohlen worden, und Seders Saat hätten die Ta’ah versteckt.

Die Erwähnung Seders jagte Arabelle einen Schauder über den Rücken.

Sie wusste nicht, was sie von dem Buch halten sollte, spürte aber, dass es wichtig war. Noch wichtiger, als ihr Vater erkannt hatte. Es war nicht grundlos in ihren Händen gelandet. Vielleicht hatte dieses Buch so wie sie ein eigenes Schicksal.

* * *

Arabelles Körper veränderte sich weiter. Während sie die Übungen fortsetzte – die von Castien, die mit den Dolchen und neuerdings auch, unerkannt zu bleiben –, lernte sie, genug zu essen, um all die verbrauchte Energie auszugleichen. Infolgedessen entwickelten sich ihre Muskeln allmählich zu erfreulich anzusehenden Kurven. Sogar ihre Arme wirkten nicht mehr wie dürre Stöcke. Besonders freute sie sich über die kleinen Schwielen, die sich an ihrem Daumen und Zeigefinger vom Umklammern des Dolchs bildeten. All die Veränderungen lieferten den körperlichen Beweis für ihre harte Arbeit.

Dennoch schwebte trotz all des Wachstums und der neuen Fähigkeiten immer noch das drohende Los über ihr, an dem Gift in ihren Adern zu sterben. Eines Tages würde sie zu lange schlafen. Das Gift würde sich in ihrem Blut festsetzen und in ihren Muskeln kristallisieren. Sie würde sich nicht mehr bewegen können. Wenig später würde sie auch nicht mehr atmen können. Und dann würde sie sterben.

Als Arabelle im Bett lag und über ihr Schicksal nachdachte, begann sie plötzlich zu schluchzen. Es gab so viel, was sie noch nie gemacht hatte, und sie fürchtete, sie würde nie die Gelegenheit dazu erhalten. Nie die Gelegenheit, Liebe kennenzulernen, und sei sie nur so flüchtig wie jene, die Maggie mit Hassan geteilt hatte.

Wenn sie stürbe, würde sie allein in ihrem Bett liegen.

* * *

Wie so oft in letzter Zeit träumte Arabelle vom ersten Protektor, der die Welt vor 500 Jahren vor den Dämonen gerettet hatte.

Der Rauch von brennenden Belagerungsmaschinen treibt über einem Schlachtfeld, auf dem Soldaten verzweifelt gegen Dämonen aller Farben, Formen und Größen kämpfen – Bestien mit dolchartigen Klauen und vorstehenden Fängen. Sogar die knöchernen Erhebungen entlang ihrer Gelenke sind messerscharf. Die Soldaten, die gegen sie kämpfen, sind eine Mischung aus Menschen und Zwergen. Die Menschen führen dabei Klingen, die bärtigen Zwerge riesige Vorschlaghämmer.

Die Krieger weichen unter dem Ansturm der Dämonen zum letzten verzweifelten Widerstand auf einen Hügel zurück. Aus ihrer Mitte entfesselt ein Kreis geschickter Bogenschützen einen nicht enden wollenden Strom von Pfeilen in die Horde der Dämonen. Und auf dem höchsten Punkt jenes Hügels steht ein Mann in Roben, der sich auf eine Kugel in seinen Händen konzentriert. Während die anderen Verteidiger des Hügels blutverschmiert von Verletzungen und krumm vor Müdigkeit kämpfen, ist das weiße Gewand jenes Mannes makellos.

Als die Dämonen durch die Soldaten pflügen, erhebt der Mann mit der Robe seine Kugel hoch in die Luft. Sie knistert vor Macht. Auf Befehl des Mannes weitet sich die Kraft der Kugel aus und schießt in jede Richtung über die Landschaft. Wenn sie die Kreaturen aus der Niederwelt berührt, gehen sie in Flammen auf und zerfallen zu Asche. Bald füllt das Licht jeden Punkt der Umgebung aus, von Horizont zu Horizont.

Was Nacht war, ist zum Tag geworden.

Was eine Niederlage war, hat sich zum Sieg gewandelt.

Arabelle wusste, was sie in ihrem Traum sah: den Sieg des ersten Protektors. Als Nächstes jedoch geschah etwas anderes. Der Traum wurde von einem weißen Feld abgelöst, und sie spürte eine vertraute Gegenwart, die sie nicht zu benennen vermochte. Auf dem weißen Feld entfaltete sich eine Szene ...

Die Nacht ist finster. Das einzige Licht stammt von einem flackernden Lagerfeuer. Vier Gestalten liegen auf dem Boden um die Flammen herum; ihre schwarzen Uniformen kennzeichnen sie als Azazels Soldaten. Blut sprudelt aus einer Wunde im Hals eines Mannes, der sich nicht rührt.

Arabelle blickt auf ihre Hand hinab. Sie hält den Dolch ihrer Mutter, der vor Blut trieft.

Die Szene wurde wieder blendend weiß.

Arabelle geht zwischen den Zelten ihrer Karawane. Ein junger Mann in einer Robe schlendert neben ihr. Zwar spricht er mit ihr, doch in diesem Traum gibt es keine Geräusche.

Er dreht sich ihr zu, und es ist das Gesicht, das Arabelle in ihren Gedanken verfolgt.

Es ist der blauäugige Junge.

Grelles Weiß blitzte auf.

Arabelle beobachtet, schwebt über dem Geschehen, sieht wieder den blauäugigen Jungen. Den Ort erkennt sie nicht. Er schiebt einen Wagen mit Vorräten, als sich ihm vier andere Jugendliche nähern und ihm den Weg versperren.

Sie greifen ihn an.

Der Junge mit den blauen Augen wird zu einem verschwommenen Wirbel aus Bewegungen. Er duckt sich unter einem Schlag hinweg und tritt gegen das Knie des ersten Angreifers, zerschmettert es. Dem nächsten Gegner verdreht er den Arm und verkrümmt ihn mit einem blitzschnellen Schlag auf den Ellbogen unnatürlich.

Arabelle wusste, dass solches Kampfgeschick nur auf Unmengen an Übung zurückgehen konnte. Der Junge musste Soldat sein.

Die beiden verbliebenen Gegner nähern sich ihm von zwei Seiten, einer mit einem Dolch, der andere mit einer Keule. Sie greifen gleichzeitig an.

Der Junge wirbelt herum und verpasst dem größeren einen Tritt ins Gesicht. Blut spritzt aus der Nase des Angreifers, der zurücktaumelt. Aber der andere erwischt den blauäugigen Jungen mit dem Dolch, und Blut strömt aus der Wunde ...

Grelles Weiß blitzte auf.

Arabelle befindet sich im Zelt ihres Vaters und sitzt neben ihm. Der blauäugige Junge ist auch da. Er hockt neben einem Mann, der wie eine ältere Version seiner selbst aussieht. Sein Vater?

Der ältere Mann nickt, genau wie Arabelles Vater.

Ihr Vater bedeutet dem Jungen, sich zu erheben. Der Junge schaut verunsichert drein, kommt der Aufforderung aber nach. Arabelles Vater weist ihn an, sich neben Arabelle zu knien.

Der Junge streckt einen Arm aus. Arabelle tut es ihm gleich. Und ihr Vater wickelt zur Verlobungszeremonie ein weißes Seidenband um ihre beiden Arme.

Arabelle erwachte abrupt. Ihr Herz raste in der Brust. Sie bekam kaum Luft und war völlig verschwitzt.

Hastig strampelte sie die Decke weg.

Könnten diese Visionen wahr sein? Oder zumindest einige davon? Bin ich eine Seherin wie meine Mutter?

Oh bitte, lass mich die Gelegenheit bekommen, diesen Jungen kennenzulernen. Könnte er wirklich der sein, den zu heiraten mir vorherbestimmt ist?

Während sie die Muskeln dehnte und mit ihren Übungen begann, nutzte Arabelle ihre innere Sicht für den älteren Mann aus ihrer Vision, den sie für den Vater des blauäugigen Jungen hielt.

Auch er befand sich unmittelbar über ihr.

Sie erinnerte sich an die Worte der alten Frau. Der Vogel, den du am Himmel suchst, wird auf dem Boden landen. Beschütze den Vogel, sonst muss alles leiden, das du kennst.