Arabelle beobachtete, wie ihr Vater ein Stück Brot abriss und damit einen weiteren Bissen von ihrem gewürzten Lamm in brauner Soße mit Rosinen und Nüssen vom Teller hob. Er kaute langsam und mit ausdrucksloser Miene, während sie erwartungsvoll ausharrte.
Doch statt sich zu äußern, nahm er ein weiteres Stück Fladenbrot und streckte die Hand für eine weitere Kostprobe aus – die mittlerweile vierte.
Arabelle hielt es nicht länger aus. »Vater! Kannst du mir nicht endlich sagen, was du denkst? Das Warten treibt mich in den Wahnsinn.«
Die Spitzen seines Schnurrbarts hüpften auf und ab, als Gelächter aus ihm herausbrach. »Ich habe noch nie etwas Besseres geschmeckt, mein Herzblatt.«
Ihre Brust schwoll vor Stolz an. Sie wusste, dass er es nicht nur sagte, um ihr eine Freude zu machen. Ihr Vater nahm sein Lammfleisch überaus ernst und kannte kein Zögern, sein Missfallen zum Ausdruck zu bringen, wenn sein Lieblingsfleisch schlecht zubereitet wurde.
»Was ist mit dem Brot?«, fragte sie. »Du scheinst Frau Mizmers Fladenbrot zu bevorzugen.«
Er reichte ihr den Laib, den sie zubereitet hatte. »Hast du es schon probiert?«
»Nein, aber es sieht gut aus. Tadellos gebräunt, und ich glaube, ich habe alle richtigen Zutaten verwendet.«
Ihr Vater lächelte milde. »Probier es.«
Als sie den Laib entgegennahm, bemerkte sie auf Anhieb die eigenartige Gewichtsverteilung. Und als sie es brach, stellte sie fest, dass es innen feucht war – eine dichte, teigige Masse in einer fein gebräunten Kruste. Als sie an der Kruste knabberte, verzog sie unwillkürlich die Lippen. Viel zu viel Salz.
»Pfui.« Sie schnappte sich ein Glas Ziegenmilch und spülte sich den salzigen Geschmack aus dem Mund. »Tut mir leid, Vater. Ich wollte dich wirklich nicht vergiften.«
Er lachte leise. »Mein Herzblatt, ich bin begeistert, dass du Neues lernst. Mach weiter so. Du bist auf dem besten Weg, eine großartige Köchin zu werden.«
Vor dem Zelt brach ein Tumult aus. Soldaten brüllten Unflätigkeiten, bis Tabor lauthals für Ruhe sorgte. Arabelles Vater hatte sich gerade erhoben, um nachzusehen, was vor sich ging, als Tabor den Kopf ins Zelt steckte.
»Ich bitte tausendfach um Verzeihung, Scheich, aber der Anführer von Azazels Vollstreckern besteht darauf, mit Euch zu sprechen. Seid Ihr willens, ihn zu empfangen?«
Der Scheich brummte zustimmend und bedeutete Arabelle mit einem Zeichen, sich hinter ihn zu stellen. Kaum hatte sie ihren Platz eingenommen, drängte sich Azazels rechte Hand in das Zelt. Tabor und zwei seiner Männer flankierten den Hünen.
Er war wirklich riesig – so groß, dass sein Kopf über die Zeltdecke schrammte. Mit bedrohlichen gelben Augen erfasste er die Umgebung wie ein Raubtier. Flüchtig wanderte sein Blick über die Reste ihrer Mahlzeit, dann heftete er sich auf den Scheich.
»Wie bedauerlich«, sagte er mit triefendem Sarkasmus in der dröhnenden Stimme. »Habe ich Euer Essen unterbrochen?«
Vater besaß die Größe, den Eindringling mit einem Lächeln zu begrüßen. »Das lässt sich fortsetzen. Möchtest du etwas davon?«
Kirag knurrte. »Ich bin nicht gekommen, um Höflichkeiten auszutauschen. Mir gefällt nicht, wie Ihr die mit Azazel getroffene Vereinbarung erfüllt.«
Arabelles Vater wurde blass. »Was meinst du damit? Versorge ich deine Soldaten etwa nicht aus meinen Vorräten? Kreisen wir etwa nicht auf dem vorgeschriebenen Weg und nach dem vorgeschriebenen Zeitplan durch die Einöden von Trimoria?«
»Pah! Es hat Verrat gegeben. Einer meiner Soldaten wurde von jemandem angegriffen, dessen Spuren zu den Zelten Eurer Leute führen.«
Arabelles Magen krampfte sich zusammen, als sie begriff, worauf der riesige Soldat anspielte. Er sprach von ihr . Sie hatte einen von Azazels Männern angegriffen.
Ihr Instinkt riet ihr, die Flucht zu ergreifen, aber sie zwang sich, ruhig zu bleiben. Ihr Vater schüttelte den Kopf. »Ich weiß von keinem solchen Angriff. Gibt es Zeugen? Ist der Soldat bei Tabor vorstellig geworden, um eine Beschwerde einzureichen?«
Der Vollstrecker ballte die Pranke so fest zur Faust, dass von seinen Knöcheln knackende Geräusche ausgingen. »Der Soldat kann sich nicht daran erinnern, was passiert ist. Tatsächlich erinnert er sich nicht mal an seinen eigenen Namen. Aber die Spuren des Angreifers lügen nicht. Sie führen zurück zu Euren Zelten. Das bedeutet, der Angreifer muss einer von Euren Leuten sein.«
Der Mann konnte sich nicht mal an seinen eigenen Namen erinnern? Arabelle verspürte einen Anflug von Schuldgefühlen. In ihrer Panik hatte sie nicht nur einen, sondern alle vier ihrer Strohhalme mit gemahlenem Tiskah -Blatt abgefeuert, das angeblich den Verlust des Kurzzeitgedächtnisses verursachte. Das war entschieden zu viel – womöglich hatte sie dem Soldaten dauerhaften Schaden zugefügt.
Andererseits hatte er die Absicht gehabt, sie zu töten . Hätte sie nicht gehandelt, er hätte den Dolch mit Sicherheit tief in sie gebohrt.
Ihr Vater zuckte teilnahmslos mit den Schultern. »Ich beauftrage Tabor damit, sich unter meinen Leuten umzuhören, ob jemand etwas gesehen hat. Ich wüsste nicht, wie ich sonst helfen kann.«
»Honfrion ...«, spie der Vollstrecker abfällig hervor.
So lautete der Name von Arabelles Vaters, und ihn ihm ins Gesicht zu sagen, zeugte von einem ungeheuerlichen Mangel an Respekt. Einer der Soldaten zischte, und Tabor musste dem Mann die Hand auf den Waffenarm legen, um ihn daran zu erinnern, ruhig zu bleiben.
»Jegliche weiteren bedauerlichen Vorfälle werden unverzüglich an Azazel gemeldet«, fuhr der Vollstrecker fort. Seine gelben Augen hefteten den Blick auf Arabelle, und sein Mund verzog sich zu einem verruchten Lächeln. »Ihr werdet Euch erinnern, dass es nicht gut ausgegangen ist, als sich Azazels Aufmerksamkeit das letzte Mal auf Eure Familie gerichtet hat.«
Unwillkürlich wich Arabelle einen Schritt zurück.
Mit einem bösartigen Grinsen griff Kirag in seine Rüstung.
Tabor und die Soldaten stellten sich sofort zwischen Kirag und den Scheich mit dessen Tochter. Aber der Vollstrecker holte keine Waffe hervor.
Sondern eine blutige Hand.
Eine Hand mit sechs Fingern. Hassan!
Mit einem spöttischen Grinsen warf Kirag die Hand auf den Boden. »Ihr wisst, Honfrion , dass Azazel nach Fremden sucht, die erst unlängst in Trimoria angekommen sind. Ich bin sicher, Euer Mann hat es Euch gesagt. Azazel erwartet von Eurem Volk volle Zusammenarbeit – und das schließt ein, uns über jeden sogenannten ›Unzugehörigen‹ oder sonstige Personen zu benachrichtigen, für die sich niemand verbürgen kann. Es ist wirklich schade, dass meine Soldaten solche Fremden, die sich unter Eurem Volk verstecken, selbst finden mussten. Ich erwarte Besseres. Und ich kann Euch versichern, Azazel erwartet viel Besseres.«
Damit wandte sich Kirag ab und verließ das Zelt.
Arabelle konnte den Blick nicht von der abgetrennten Hand lösen. Sie war erleichtert, als Tabor einen seiner Soldaten anwies, sie aus dem Zelt zu entfernen.
Ihr Vater legte ihr die Hände auf die Schultern. »Mein Herzblatt, geht es dir gut?«
Stumm nickte Arabelle. Sie brachte keine Worte zustande.
Er zog sie in eine Umarmung. »Fürchte dich nicht. Dir wird nichts passieren, meine Blume. Dafür sorge ich.«
Sie legte den Kopf in den Nacken und schaute zu ihrem Vater auf. »Was hat er damit gemeint? Was hat Azazel mit unserer Familie gemacht?«
Ihr Vater warf Tabor einen vielsagenden Blick zu, und Tabor verließ mit seinem verbliebenen Soldaten das Zelt. Arabelle und ihr Vater blieben allein zurück.
Er legte ihr die Hand auf die Wange. »Komm. Setz dich.« Er nahm einen Platz abseits des nunmehr zertrampelten Essgeschirrs ein und bedeutete Arabelle, seinem Beispiel zu folgen. Dann schenkte er ihr eine Tasse dampfenden Tee ein, den sie mit zittrigen Händen entgegennahm.
»Arabelle«, begann er und hatte sichtlich Mühe, die richtigen Worte zu finden. »Du kennst mich seit deiner Kindheit als Händler. Als guten Händler. Wir sind auch eine Familie von Kaufleuten. Seit Langem sind wir für unsere Gabe bekannt, einen Gewinn zu erwirtschaften, wenn es sonst niemand könnte. Aber wir sind auch für eine andere Fähigkeit bekannt. Nämlich jene, die Zukunft vorherzusagen. Vor der Tragödie des Dämonenkriegs konnten wir uns in jeder Generation mindestens eines Zauberers oder Sehers rühmen. Durch diese Fähigkeiten haben wir die Aufmerksamkeit Azazels erregt.«
Er holte tief Luft.
»Mein Großvater hat mir diese Geschichte erzählt, als ich noch ein Kind war. Eine Geschichte, die sich ereignet hat, als er selbst noch ein Kind war.
Azazel hat unserem Volk einen Besuch abgestattet – insbesondere dem Vater meines Großvaters. Unsere Familie hat sich für Azazels Ankunft versammelt, da man dachte, er würde kommen, um eine Vereinbarung auszuhandeln.
Azazel ist ohne Begleitgarde eingetroffen. Er hat keine gebraucht. Der Zauberer ist einfach aus einer Kugel schwarzer, funkelnder Magie in der Mitte unserer Familie erschienen. Er hat von uns verlangt, ihm bei der Suche nach Leuten mit magischen Fähigkeiten zu helfen, auch wenn es sich dabei um unsere eigenen Leute handelte. Wir sollten sie zu seinem Turm in der Nähe von Cammoria bringen.
Natürlich hat sich der Vater meines Großvaters geweigert. Wie du weißt, lassen sich die Imazighen nicht das Joch der Verpflichtung oder Sklaverei auferlegen. Von niemandem. Und der Vater meines Großvaters hatte nicht vor, sein Volk zu verraten.
Azazel hat darauf prompt reagiert – und erbarmungslos. Mit einer einzigen Handbewegung hat er unsere gesamte Familie verbrannt, alle bis auf den Jüngsten. Meinen Großvater.«
Arabelle schnappte nach Luft und legte die Hand auf den Mund.
»Mein Großvater war damals noch ein Junge. Zehn Jahre alt. Was sollte er im Angesicht einer solchen Macht ausrichten? Also tat er zum Überleben unseres Volks das Einzige, was ihm möglich war: Er hat geschworen, dass wir Azazel helfen würden. Er hat zugestimmt, dass wir seine Handlanger durch die Öden von Trimoria begleiten und jeder, der uns begegnet und auch nur einen Hauch von Magie erkennen lässt, diesen Handlangern gemeldet wird.«
Arabelles Vater schaute weg, als könnte er es nicht ertragen, seiner Tochter ins Gesicht zu blicken.
»Und mittlerweile führe ich den Vertrag fort, dem Großvater zugestimmt hat. Ich diene Azazel. Unserem Volk zuliebe.«
Arabelle wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte. Scham und Wut kämpften in ihr miteinander. Ihr Volk wurde von dem grässlichen Zauberer seit zwei Generationen unterjocht. Und sie ließen es zu. Sie selbst hatte davon profitiert, indem sie ein bevorzugtes Leben auf Kosten derer führte, die verraten worden waren.
Männer wie Hassan.
Wut schwappte über ihr zusammen, und sie zeigte anklagend auf die Stelle, an der die blutige Hand gelegen hatte. »Wie können wir zulassen, dass sie so etwas mit jemandem von uns machen? Auch wenn er ein Unzugehöriger war. Der Mann hat unter unserem Schutz gestanden, Vater!«
Er nickte. »Mein Herzblatt, manchmal müssen wir Dinge hinnehmen, die ... eigentlich nicht hinnehmbar sind. Du musst versuchen, darüber hinwegzukommen. Wir werden fortbestehen.«
Den Ausdruck in seinem Gesicht hatte Arabelle noch nie zuvor gesehen. Ihr Vater, der großartigste Mann, den sie je gekannt hatte, der Scheich ihres Volks ... wurde von Scham darüber heimgesucht, was er getan hatte. Und weiterhin tat.
Zum ersten Mal erkannte Arabelle, dass auch er nur ein Mensch war.
* * *
Als Arabelle wütend und frustriert zurück zu ihrem Zelt stapfte, hörte sie Odas schroffe Stimme.
»Was soll das heißen, sie sind längst überfällig? Wohin habt ihr Grisham geschickt?«
Beim Namen ihres Freunds drehte sich Arabelle um. Sie ließ den Blick über die Umgebung wandern und entdeckte den heißblütigen Zwerg, der mit einem anderen Soldaten sprach. Ein paar weitere Männer hatten sich um sie versammelt, darunter Khalid.
Der Soldat zeigte nach Westen. »Die Gruppe hat entlaufene Schafe verfolgt. Aber man hat sie seit heute Morgen nicht mehr gesehen.«
Oda stampfte mit den Füßen auf. »Was ist los mit dir? Es dauert doch keinen ganzen Tag, ein paar verirrte Hammel zu finden.«
Khalid streckte beschwichtigend die Hand aus. »Nur die Ruhe, Oda.« Er wandte sich an die anderen Soldaten. »Wir brauchen einen Suchtrupp. Nicht weniger als ein Dutzend Mann. Lasst uns unsere Leute finden.«
»Und den Zwerg!«, fügte Oda hinzu.
»Oda«, sagte Khalid, »ich nehme an, du begleitest uns bei der Suche, richtig?« Prompt wieselte Oda auf seinen kurzen Beinen davon. »Ich hole mein Pony und treffe euch am Westtor!«
Arabelle spürte Tabors Hand auf der Schulter. »Sie werden ihn finden, Prinzessin.«
Vielleicht. Aber sie könnten meine Hilfe gebrauchen.
Arabelle schloss die Augen und rief sich das Bild des jungen Zwergs mit seinen traurigen braunen Augen und dem lückenhaften Bartflaum in Erinnerung. Ihre innere Sicht sprach sofort darauf an, und sie drehte sich in die Richtung, in die sie zeigte.
Sie öffnete die Augen. Arabelle stand nach Norden gewandt, nicht nach Westen.
»Prinzessin«, sagte Tabor, »habt Vertrauen in unsere Leute. Wenn Khalid den Suchtrupp anführt, finden sie ihn.«
Nein. Werden sie nicht. Weil sie in die falsche Richtung aufbrechen.
Nur konnte Arabelle das weder Tabor noch sonst jemandem erklären. Sie konnte niemandem sagen, woher sie wusste, dass Grisham nach Norden unterwegs war.
Außerdem war ihr im Augenblick nicht danach zumute, mit irgendjemandem zu reden. Sie war noch angespannt von den Gefühlen, die im Zelt ihres Vaters aufgewühlt worden waren. Und nun kam auch noch die Angst um ihren kleinen Freund hinzu.
Arabelle konnte nichts gegen die Lage unternehmen, in der ihr Volk steckte. Sie konnte das Joch Azazels nicht beenden. Aber sie konnte etwas für Grisham tun.
»Du hast recht, Tabor«, sagte sie. »Khalid wird ihn finden.«
Damit kehrte sie zu ihrem Zelt zurück und bemühte sich, unbesorgt zu wirken. Nach einem ausgiebigen Gähnen wünschte sie ihren Leibwächtern eine gute Nacht, als sie eintrat.
Allerdings hatte sie nicht die Absicht zu schlafen.
In dieser Nacht würde sie ihren Freund finden.
* * *
Arabelle lief nördlich der Karawane, durchquerte die staubige Ebene in völliger Stille und folgte ihrer inneren Sicht zu Grisham. Als sie spürte, dass sie sich seinem Aufenthaltsort näherte, wurde sie langsamer und schlich vorsichtiger weiter.
Sie stieß auf ein kleines Lager in der Wildnis, errichtet um einen Wagen herum. Es brannte kein Feuer, aber dank ihrer außergewöhnlichen Nachtsicht konnte sie die Umgebung dennoch mühelos erkennen.
Ein Mann stand Wache. Mehrere andere lagen schlafend auf dem Boden. Und drei weitere befanden sich auf dem Wagen selbst. Sie konnte nicht ganz über die Seiten sehen, aber die Umrisse ausmachen. Unter ihnen befand sich Grisham.
Arabelle lächelte unter ihrer Kopfbedeckung.
Sie kniete sich ins Gras und hob einen kleinen Stein auf. Dann schleuderte sie ihn hoch und so weit, dass er auf der gegenüberliegenden Seite des kleinen Lagers landete.
Als der Wachmann hinging, um nachzusehen, schlich sie zu dem Wagen und spähte über dessen Seite.
Ihr Herz brach beim Anblick ihres Freunds. Grisham hatte eine blutige Platzwunde auf der Stirn und einen innen an den Käfig geketteten Metallkragen um den Hals. An seinen Käfig schlossen zwei weitere an. Im nächsten lag die größte Sumpfkatze, die sie je im Leben gesehen hatte, im dritten ein Soldat der Karawane, schlafend oder bewusstlos, ebenfalls mit einem Sklavenkragen angekettet.
Arabelle stupste gegen Grishams Fußsohle. Der Zwerg stöhnte laut auf.
Arabelle zuckte zusammen und spähte über die Schulter, aber der Wachmann hielt sich offenbar außer Hörweite auf.
Sie stupste Grishams Fuß erneut, doch er rührte sich nicht. In dem Moment erinnerte sie sich an ihre Strohhalme. Sie zog einen mit Wachmacher in Pulverform geladenen heraus, beugte sich vor und blies das Pulver so nah an Grishams Gesicht, wie sie konnte.
Schaudernd atmete der Zwerg durch. Flatternd öffneten sich seine Lider. Er fasste sich an die Wunde am Kopf und stöhnte erneut – diesmal lauter als zuvor.
Arabelle duckte sich wieder und drehte sich um. Der Wachmann war auf seinen Posten zurückgekehrt. Bestimmt hatte er das Geräusch gehört, es kümmerte ihn bloß nicht.
Arabelle schubste Grisham abermals am Fuß. Diesmal sah er sich blinzelnd um. Seine Augen weiteten sich, als er sie erblickte. Rasch legte sie einen Finger an die Lippen und kletterte leise und flink neben ihn auf die Ladefläche des Wagens.
Grisham sprach in kaum hörbarem Flüsterton. »Du darfst dich nicht in Gefahr bringen. Bitte geh.«
Arabelle schüttelte den Kopf. »Ich habe vor, dich da rauszuholen«, gab sie genauso leise zurück.
Die Frage war nur, wie.
Wenn ich nur daran gedacht hätte, mir beibringen zu lassen, wie man Schlösser knackt.
Nicht nur der Käfig war verschlossen, auch das Halsband um Grishams Hals. Und von einem Schlüssel fehlte auf dem Wagen jede Spur. Arabelle drehte sich dem einsamen Wächter zu und seufzte.
Er hat die Schlüssel.
Grisham musste ihre Gedanken gelesen haben, denn er zischte: »Tu das nicht. Er ist ein ausgebildeter Soldat und bösartig. Er wird nicht zögern, eine Prinzessin in die Minen zu verschleppen.«
»Gibt es noch andere Wächter?«, flüsterte sie zurück.
»Nein, die anderen sind aufgebrochen, um weitere Sklaven einzusammeln. Aber Arabelle ...«
»Warum bist du in einem Käfig und nicht bei den anderen?«
»Wir sind im Wagen, weil wir verletzt sind und nicht Schritt halten können. Die anderen sind aneinandergekettet und wurden für die Nacht betäubt. Arabelle, komm nicht auf dumme Gedanken. Die anderen Sklavenhändler kommen im Morgengrauen zurück.«
Dann sollte ich besser sofort handeln.
Als sie von der Kante der Ladefläche rutschte, hauchte Grisham: »Nicht ...«
Arabelle schlich in die Dunkelheit davon, zog die Dolche ihrer Mutter aus den Scheiden und pirschte sich an ihr Ziel an. Ihre Gedanken bündelten sich auf alles, was sie geübt hatte. Sie hielt die Spannung in den Beinen aufrecht, damit sie jederzeit in jede Richtung losspringen konnte. Sie bewegte sich auf den Fußballen, um die von ihr dem harten, trockenen Untergrund verursachten Laute zu verringern. Außerdem näherte sie sich dem Wachmann gegen den Wind, damit er keinen von ihr ausgehenden Geruch wahrnehmen würde. Dafür konnte sie ihn umso deutlicher riechen. Er stank abscheulich.
Einer der betäubten Sklaven grunzte im Schlaf, und der Wachmann drehte den Kopf in die Richtung des Geräuschs. Sie sah pure Bösartigkeit in den Augen des Mannes aufblitzen und wusste, dass es sich um jemanden handelte, der nicht das Geringste für andere empfand. Wie vermutlich jeder Sklavenhändler.
Bevor sie angriff, beobachtete sie die Bewegungen des Wachmanns. Er trat mehrfach von einem Bein aufs andere, schien dabei das rechte zu schonen und mehr Gewicht auf das linke zu verlagern.
Dann also das linke Bein.
Sie stürmte vorwärts und benutzte beide Dolche gleichzeitig. Mit einer Klinge schlitzte sie tief in die linke Kniekehle. Mit der anderen stach sie ins Kreuz des Mannes.
Der Schnitt über das Knie fühlte sich beinah so an, als durchtrennte man mehrere dünne Seile. Den Stich in den Rücken ihres Opfers empfand sie so, als würde sie ein Stück Fleisch aufspießen. Zwei Knochenplatten führten ihren Stoß.
Das Bein des Wachmanns knickte unter ihm ein. Er schrie vor Schmerz auf und fuchtelte mit den Armen, seine Beine hingegen bewegten sich überhaupt nicht.
Arabelle trat zurück und betrachtete ihr Werk mit wachsender Übelkeit.
Sie hatte eine starke Blutung aus der Wunde am Rücken erwartet, sah aber keine; stattdessen sickerte eine klare Flüssigkeit aus dem Einstich. Als der Strom der Flüssigkeit nachließ und schließlich versiegte, endeten auch die Krämpfe und Schreie des Mannes.
Gleich darauf folgte seine Atmung.
Einen Moment lang stand Arabelle nur da, fassungslos und entsetzt über eine Erkenntnis.
Ich habe einen Mann getötet.
Sie riss sich die Kopfbedeckung ab und übergab sich unkontrollierbar auf den Boden.
Was habe ich getan?
Dann jedoch rief sie sich ihre Mission ins Gedächtnis. Sie hatte diese Tat nicht grundlos begangen. Wenn sie diese Sklaven nicht befreite, hätte sie nicht einmal die kleine Rechtfertigung. Bis zum Morgengrauen blieben ihr nur noch ein bis zwei Stunden. Nicht genug Zeit, um zur Karawane zurückzukehren und Hilfe zu holen, bevor die anderen Sklavenhändler zurückkehrten. Es lag allein an ihr, diese armen Seelen zu befreien.
Keiner der Gefangenen um sie herum hatte sich auch nur gerührt. Offensichtlich waren sie alle stark betäubt. Sie schaute zurück zum Wagen und sah die Sumpfkatze in ihrem Käfig hin und her laufen, der Soldat hingegen lag immer noch regungslos da. Bewusstlos.
Draußen in der Dunkelheit nahm sie keine anderen Geräusche wahr.
Mit angehaltenem Atem durchsuchte sie den Leichnam des Sklavenhalters. Behutsam und angewidert tastete sie den gesamten Körper auf der Suche nach den Schlüsseln ab. Er musste sie haben, das wusste sie.
Aber sie fand keine.
Arabelle zitterte heftig, holte schaudernd Luft und schluchzte.
* * *
Hinter ihr schrie Grisham vor Schmerz auf. Arabelle drängte die Tränen zurück und lief zu ihrem Freund.
»Was ist?«
»Es ... Nichts«, antwortete der junge Zwerg. »Ich hab einen Schlag auf den Kopf bekommen, und die Schmerzen ... kommen und gehen.«
Während er sprach, hielt er sich die Stirn. Offensichtlich litt er deutlich stärker, als er zugeben wollte.
»Ich kann dir helfen«, sagte Arabelle.
Sie setzte ihre Kopfbedeckung wieder auf und suchte den mit Weidenrindenpulver gefüllten Strohhalm heraus. »Ich puste dir ein Pulver ins Gesicht. Atme es ein. Das sollte den Schmerz lindern.«
Grisham streckte sich, so weit es die Kette seines Kragens zuließ, und drehte ihr das Gesicht zu. Arabelle hob die Kopfbedeckung mit dem Strohhalm leicht an, legte die Lippen fest um das Ende und blies, so kräftig sie konnte.
Der Wattepfropfen flog zusammen mit einer aufwallenden Wolke des Pulvers davon. Grisham atmete tief ein, dann hustete er.
»Das schmeckt ja furchtbar.«
Trotz des Ernsts der Lage musste Arabelle lachen. »Ich habe nicht versprochen, dass es köstlich sein würde.«
»Wie schnell wirkt es?«
»Das weiß ich gar nicht. Bald, hoffe ich. Jetzt ruh dich aus. Ich versuche inzwischen, dich da rauszuholen.«
In Ermangelung eines Schlüssels gab es nur eine Möglichkeit, die ihr einfiel: das Schloss des Käfigs aufzubrechen. Eine schwache Hoffnung, aber sie musste sich daran klammern. Arabelle begann, die Gegend nach einem großen Stein mit einer scharfen Kante abzusuchen. Wenn sie etwas fände, das schwer genug wäre und das Schloss an der richtigen Stelle träfe, dann könnte sie vielleicht ...
»Es wirkt, Arabelle. Die Schmerzen haben nachgelassen. Ich kann jetzt auf meine Kräfte zugreifen.«
Hastig kehrte sie zum Wagen zurück. »Deine Kräfte?«
»Arabelle, bitte sei nicht böse, dass ich dir das vorenthalten habe. Und fürchte dich auch nicht. Ich komme jetzt aus dem Käfig. Bitte tritt vorsichtshalber vom Wagen zurück. Und falls ich nicht wieder ich selbst werde ... sag meinen Namen.«
»Deinen Namen sagen?«
Aber Grisham hatte bereits begonnen, was immer er vorhatte. Er schloss die Augen, und um ihn herum entstand ein Leuchten. Als es heller wurde, trat Arabelle zurück und beobachtete das Geschehen mit zunehmend größeren Augen.
Als Grishams gesamter Körper weiß schillerte, hörte Arabelle das Knacken von Knochen.
Und Grisham verwandelte sich .
Sein Körper wurde länger. In seinem Gesicht entstanden furchterregend wirkende Mundwerkzeuge. Hunderte Insektenbeine sprossen aus seinem Rumpf. Aus Grisham, dem jungen Zwerg, wurde Grisham, halb Käfer, halb Tausendfüßler.
Kurz schrumpfte er und schlängelte sich aus dem Metallkragen. Und dann wuchs er. Sein Körper wurde zu groß für den Käfig, und sein Kopf wurde zwischen die Gitterstäbe gepresst. Seine Kiefer schnappten wild zu – und zerbissen die Gitterstäbe des angrenzenden Käfigs, als hätte er die Zähne nur herzhaft in ein Stück knuspriges Brot geschlagen.
Während sich Grisham wand und versuchte, die Mundwerkzeuge am eigenen Käfig einzusetzen, nutzte die riesige Sumpfkatze die neue Öffnung in ihrem Gefängnis. Sie trat aus dem Käfig, sprang vom Wagen, landete mit einem deutlichen Hinken – und starrte Arabelle mit fiebrigen Augen an. Die Prinzessin wich langsam zurück und zog ihre Dolche aus der Scheide.
Auf dem Wagen hatte es die Grisham-Kreatur endlich geschafft, sich aus dem Käfig zu beißen. Das grelle Leuchten kehrte zurück, als er abermals die Gestalt veränderte, auch die Geräusche knackender Knochen stellten sich wieder ein.
Aber er verwandelte sich nicht in einen Zwerg zurück.
Als das helle Licht verblasste, stand eine zweite Sumpfkatze auf dem Wagen. Grisham sprang in Katzengestalt zwischen Arabelle und das verletzte Tier.
Die echte Sumpfkatze schnupperte an Grisham und stimmte ein Knurren an, das Arabelle tief in der Brust widerhallen spürte. Grisham erwiderte das Knurren, dann wedelte die verletzte Katze mit dem Schwanz und humpelte davon.
»Grisham?«, sagte Arabelle zögerlich.
Die Grisham-Katze setzte sich auf die Hinterbeine. Wieder umgab ihn jenes Licht. Wenige Augenblicke später hatte sie einen nackten jungen Zwerg vor sich.
Arabelle blinzelte verblüfft. Sie versuchte, sich ein unangebrachtes Lachen zu verkneifen, konnte aber nicht verhindern, dass es als anstößig klingendes Schnauben aus ihr drang.
Grisham blickte an sich hinab, schnappte nach Luft und rannte zurück zum Wagen, um einzusammeln, was von seiner zerfetzten Kleidung übrig war.
Als er sich einigermaßen bedeckt hatte, versuchten sie zusammen, die anderen Gefangenen zu wecken, jedoch vergeblich. Auch der Soldat im dritten Käfig war immer noch bewusstlos. Und weder Arabelle noch Grisham waren stark genug, um auch nur einen Mann zu tragen.
Sie mussten Hilfe holen, und zwar schnell, sonst wäre alles umsonst, was Arabelle in jener Nacht getan hatte. Die Dämmerung näherte sich rasant.
»Wie schnell kannst du laufen?«, fragte Arabelle.
»So schnell ich muss«, antwortete Grisham.
* * *
»Seit wann kannst du dich schon in verschiedene Tiere verwandeln?«, fragte Arabelle, während sie rannten.
Er musterte sie von oben bis unten. »Wie lange schleichst du schon heimlich durch die Nacht, rettest Zwerge und tötest Sklavenhändler?«
Töten.
Das Wort löste einen unerwarteten Gefühlsausbruch aus, und Tränen trübten Arabelles Sicht. »Ich konnte einen Freund in Not nicht im Stich lassen.«
Grisham hielt mit ihr Schritt. Seine nackten Füße stapften flink über das Grasland. »Danke, Arabelle. Das werde ich dir nie vergelten können.«
»Bleib einfach mein Versuchskaninchen«, scherzte Arabelle.
Der Zwerg lachte. »Gern. Aber Arabelle ... meine Fähigkeit. Können wir das für uns behalten?«
»Du bewahrst meine Geheimnisse, ich bewahre deine.«
»Deine Geheimnisse sind bei mir sicher. Aber was sollen wir den Gardisten sagen, wenn wir die Karawane erreichen? Wir können unmöglich die Wahrheit erzählen.«
Arabelle erspähte die ersten Lichter der Karawane am Horizont. »Keine Ahnung, aber wir haben noch etwa eine halbe Stunde, um uns etwas einfallen zu lassen.«