Die tief stehende Sonne zeichnete orangefarbene Streifen auf die Stadtmauer und spielte mit den Schatten der Türme und Zinnen. Während Konrad Keller durch verwinkelte Gassen bummelte, genoss er den Blick auf die grandiose Kulisse, den die wehrhafte Altstadt von Carcassonne bot. Vom Canal du Midi aus, wo sein gemietetes Hausboot lag, wirkte die auf einer Anhöhe gelegene Cité trutzig und uneinnehmbar, aus der Nähe betrachtet, erschien sie ihm zugleich filigran, verspielt und einladend.
Für Konrad Keller war der Besuch der eindrucksvollen Festungsanlage wie ein Ausflug in die Vergangenheit. Aus seinem Reiseführer wusste er, dass in der von einer doppelten Wehrmauer umgebenen Stadt im Mittelalter bis zu viertausend Menschen gelebt hatten. Heute tummelten sich hier noch weitaus mehr Touristen, die wie Keller an den zahllosen Kunsthandwerkerläden, Restaurants und Cafés entlangflanierten. Wie die anderen Urlauber bestaunte Keller die über der Stadt thronende Burg der Grafen von Trencavel und die prächtige Basilika Saint-Nazaire, bevor er sich vor einer Brasserie niederließ, um einen Kaffee zu trinken. Die Zeit verstrich wie im Flug, und er kostete jede Sekunde aus.
Auf dem Rückweg zum Hafen, der Keller durch die jüngere Unterstadt am Fuße des Burghügels führte, besorgte er sich eine Flasche Wein. Dazu ließ er sich ein Tütchen mit schwarzen Oliven füllen. Mit seinem Proviant erreichte er wenige Minuten später die Bonheur, die friedlich im kleinen Hafenbecken dümpelte. Das Wasser klatschte leise an den Bug des Hausbootes, als Keller es sich auf dem Deck bequem machte. Er nippte an dem trockenen Bordeaux, so glücklich und entspannt wie lange nicht.
Es war die richtige Entscheidung gewesen, dieses Boot zu mieten, um den Canal du Midi zu befahren. Diese ganz besondere Art des entschleunigten Reisens tat ihm gut, es war Balsam für die Seele. Jeden Tag nur kleine Etappen, stets langsam voran, mit dem Tempo eines Radfahrers, der es nicht eilig hatte. Zwischendurch gab es immer wieder Pausen beim Warten an einer der vielen Schleusen, die selbst die eifrigsten Freizeitkapitäne zu Geduld und Muße zwangen.
Helga hätte diese Reise mindestens ebenso genossen wie er. Ja, dachte Keller und schenkte sich nach, diese Fahrt wäre ganz nach ihrem Geschmack gewesen. Helga hätte jeden Halt genutzt, um die Örtchen und Märkte entlang der Strecke nach regionalen Spezialitäten zu durchstöbern, die sie dann voller Hingabe in der winzigen Bordküche zubereitet hätte. Sie hätte eine hübsche Decke über den Tisch geworfen, ihn für sie beide eingedeckt und mit Blumen vom Wegesrand dekoriert. Dann hätte sie Konrad nach allen Regeln der Kunst verwöhnt. Mit Fischsuppe, Pasteten, Schmortöpfen und was die Gegend sonst an lokalen Spezialitäten bot.
Wie sehr hatte Helga ihre gemeinsamen Urlaube geliebt! Sie war auch die treibende Kraft gewesen bei ihrem Plan, nach Kellers Pensionierung den größten Teil des Jahres auf Tour zu sein. Nachdem sie in den Jahren davor Italien erkundet hatten – vom Gardasee bis zur Stiefelspitze –, sollte nun Frankreich an der Reihe sein, aber statt wie früher mit dem VW-Bus diesmal mit dem Hausboot. Das kam Konrad Keller sehr gelegen, denn während seine Italienischkenntnisse allerhöchstens akzeptabel waren, sprach er seit einem Auslandsjahr zu Schülerzeiten fließend Französisch, was er durch regen Kontakt mit Freunden aus Grenoble immer wieder auffrischte.
Helga hatte sich bereits akribisch auf ihre Bootsfahrt vorbereitet, hatte Routen ausgekundschaftet und Schiffstypen verglichen. Letzten Sommer, gleich nach Kellers Verabschiedung aus dem Polizeidienst, hätte es losgehen sollen. Doch dann meldeten sich erste Anzeichen der Krankheit. Zunächst war es nur ein Unwohlsein gewesen, später kamen Schmerzen hinzu. Der Hausarzt hatte keinen Rat gewusst und Helga zum Spezialisten überwiesen. Aber da war es bereits zu spät gewesen, ihr Körper voller Metastasen. Fürs Bootfahren fühlte sich Helga bald zu schwach. Die Reise wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.
Im Oktober war seine Helga dann friedlich eingeschlafen. Das Morphium hatte dafür gesorgt, dass sie zuletzt nicht mehr leiden musste.
Helga war von ihm gegangen, und für Konrad war die Welt zusammengebrochen. Er hatte jegliche Freude am Leben verloren. Nur dem liebevollen Drängen seiner drei Kinder Jochen, Burkhard und Sophie hatte er es zu verdanken, dass er nicht in einem tiefen dunklen Loch versunken war, aus dem er sich aus eigener Kraft wohl nicht mehr hätte befreien können.
Mühsam hatte Keller sich gezwungen, wieder aktiv zu werden. Er beschloss, die mit Helga geschmiedeten Pläne allein umzusetzen, vertiefte sich in ihre Unterlagen, um die Bootstour eigenständig zu organisieren, und schöpfte Kraft daraus. Bei seiner Ankunft in Frankreich hatte ihm der Verleiher Le Boat wie geplant ein passendes Hausboot überlassen und ihn eingewiesen.
Und nun war er bereits seit zehn Tagen auf dem Canal du Midi unterwegs. Auch wenn er hin und wieder ein paar helfende Hände gebrauchen könnte, kam er doch zurecht – und fand an dieser neuen Art des Reisens mehr und mehr Gefallen.
Keller goss sich ein drittes Glas von dem vollmundigen Bordeaux ein und spürte allmählich die Wirkung des Alkohols. Die Sonne war mittlerweile hinter den Dächern der Stadt verschwunden, und auf den anderen Hausbooten, die mit einigem Abstand von Kellers Bonheur vertäut lagen, gingen die Lichter an. Auch die Laternen vor dem Gebäude der Hafenmeisterei flackerten auf. Gleichzeitig kehrte Ruhe ein, als die letzten Passanten die Kaimauern verließen und die anderen Bootsfahrer sich in ihre Kajüten zurückzogen. Auch für ihn war es bald an der Zeit, ins Bett zu gehen, überlegte Keller und spießte die letzte Olive auf. Er fühlte eine wohlige Müdigkeit; die Nacht konnte kommen.
Dies war der Moment, in dem er auf das sich nähernde Heulen eines Polizei- oder Rettungswagens aufmerksam wurde. Bald wurde die Sirene von der eines anderen Einsatzfahrzeugs übertönt, gleich darauf kam noch eine dazu. Was war da los? Ein Großeinsatz am Hafen?
Neugierig geworden erhob sich Keller von seiner Bank und spähte hinaus auf den Pier, gerade rechtzeitig, um eine schattenhafte Gestalt zu erkennen. Der Mann, groß und kräftig gebaut, lief schnell wie ein Sprinter über die Promenade und hielt direkt auf Kellers Boot zu.
Die Sirenengeräusche wurden immer lauter, das Blaulicht der näher kommenden Wagen spiegelte sich in den Scheiben der Hafengebäude. »Was zum Teufel …?«, redete Keller vor sich hin. Da setzte der Mann zum Sprung an, überwand mühelos die Distanz zwischen Pier und Bordwand und landete nur wenige Zentimeter von Keller entfernt auf dem Deck der Bonheur.
Keller wich erschrocken ein paar Schritte zurück. Am Steuerstand Halt suchend, musterte er den Eindringling: augenscheinlich nordafrikanischer Herkunft, mit zahlreichen Piercings im Gesicht und Tätowierungen auf den muskulösen Oberarmen. Eine auf den ersten Blick Furcht einflößende Gestalt, gegen die sich der schmächtige Keller wohl kaum zur Wehr setzen konnte.
Der Mann wirkte angespannt und gehetzt, und zunächst schien er Keller gar nicht wahrzunehmen. Seine ganze Aufmerksamkeit galt den Geschehnissen an Land, wo nun vier weiß-blaue Einsatzwagen mit quietschenden Reifen zum Stehen kamen.
Dann aber richtete er den Blick auf Keller, der unbewegt mit dem Rücken zum Steuerrad stand. Die Augen des Mannes waren weit aufgerissen; Keller meinte Zorn, aber auch Angst darin zu lesen. Nur Sekundenbruchteile sahen sie einander an, dann stürzte der Unbekannte auf Keller zu, packte ihn an den Schultern und rief: »Ce n’était pas moi. Je n’ai rien à voir avec tout ça!«
Keller, von Panik erfüllt, nahm den Inhalt der Worte kaum wahr. Er hatte Todesangst, fürchtete, der Angreifer könnte jeden Augenblick ein Messer ziehen.
Überall auf dem Kai tauchten Uniformierte mit gezückten Pistolen auf, einige sogar mit Maschinengewehren, und im nächsten Moment war das Schiff von bewaffneten Polizisten umstellt. Einer schrie auf Französisch: »Treten Sie zurück, Karim, und heben Sie die Hände!«
Sekundenlang schien es so, als würde dieser Karim der Aufforderung nicht nachkommen. Wollte er Keller womöglich als Geisel nehmen? Das durfte nicht passieren, schoss es Keller durch den Kopf. Er war erfahren genug, um seine Aufregung schnell unter Kontrolle zu bringen. Nun kam es darauf an, ganz ruhig zu bleiben und vorausschauend zu handeln.
Und tatsächlich löste sich der Karim genannte Hüne von ihm. Wieder schaute er sich hektisch um, machte dann Anstalten wegzulaufen. Wollte er zur Reling, um in den Kanal zu springen? Keller würde das zu verhindern wissen. Blitzschnell streckte er ein Bein aus, schnitt dem Flüchtenden den Weg ab. Karim strauchelte und landete bäuchlings auf dem Deck.
Unverzüglich sprangen mehrere Polizisten an Bord, warfen sich auf ihn und fixierten seine Hände mit Kabelbindern. Keller, dem das Herz bis zum Hals schlug, rang nach Luft. Noch immer mit dem Rücken ans Steuerrad gepresst, sah er zu, wie die Polizisten den muskulösen Mann zum Aufstehen zwangen und mit gebrüllten Befehlen und groben Stößen an Land dirigierten. Der Gefangene wurde zu einem der Einsatzfahrzeuge gebracht, das sich gleich darauf mit jaulendem Signalton in Bewegung setzte.
Keller hatte den Schreck über das Geschehen noch nicht überwunden, als bereits einer der Polizisten auf ihn zutrat. Nein, es handelte sich um eine Polizistin, was Keller im Dämmerlicht nicht sofort erkannt hatte. Den Rangabzeichen nach war sie ein hohes Tier, wohl die Leiterin des Einsatzes.
Sie nannte ihren Namen, Bardot, was Keller sofort an die gleichnamige Schauspielerin denken ließ, einen Schwarm seiner Jugend. Und wirklich gab es eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Kinostar der Sechzigerjahre: ein fein geschnittenes Gesicht mit großen, lebhaften Augen, die Lippen leicht aufgeworfen, das schulterlange Haar naturblond. Oder doch gefärbt?
Keller schätzte das Alter von Madame le commissaire auf vierzig, vielleicht etwas älter.
Madame Bardot unterzog Keller der gleichen kurzen Musterung, bildete sich offenbar eine positive Meinung und streckte die Hand aus. Mit einer warmen Stimme, eine Nuance tiefer, als Keller es erwartet hatte, dankte sie ihm für seine Hilfe. »Keine Ursache«, erwiderte Keller und wollte wissen, was denn eigentlich gerade passiert sei. Madame Bardot zögerte zunächst mit der Antwort, vermutlich, weil sie ihn für einen Touristen ohne nennenswerte Sprachkenntnisse hielt.
Deshalb sagte Keller: »Reden Sie nur, mein Französisch ist ganz passabel.«
Madame Bardot hob die akkurat gepflegten Brauen. »Sie sind Deutscher? Aus welcher Region kommen Sie?«
»Ist mein Akzent doch so stark? Ich komme aus Bayern.«
»Ah ja, Weißwürste und Bier«, kommentierte Madame.
»Ich bevorzuge Wein, am liebsten einen kräftigen Roten aus dem Languedoc. Oder einen Bordeaux wie diesen«, entgegnete Keller und deutete auf die halb geleerte Weinflasche auf dem Tisch.
Damit war das Eis gebrochen. Nachdem die Chefermittlerin ihren Leuten die Anweisung erteilt hatte, das Ufer von Schaulustigen zu räumen und den Rückzug einzuläuten, wandte sie sich wieder Keller zu – beziehungsweise zunächst seinem Schiff. Sie betrachtete das überschaubare Deck der Bonheur, warf einen kurzen Blick in die Kajüte und stellte fest: »Ein schönes Boot. Kompakt, aber geräumig. Reisen Sie zu zweit?«
»Nein, leider nicht. Der Schiffstyp nennt sich Clipper. Eigentlich eine Nummer zu groß für einen Alleinreisenden wie mich, aber die kleineren haben kein Sonnendeck. Darauf wollte ich nicht verzichten.«
Madame Bardot nahm diese Auskunft mit einem Nicken zur Kenntnis. Es machte den Anschein, als hätte sie gern gewusst, warum Keller ohne Begleitung unterwegs war. Denn wie ihm sehr wohl bekannt war, bildete er damit eine Ausnahme. Auf den meisten Schiffen fuhren Paare, oft auch Familien mit Kindern oder Gruppen von Freunden.
Dennoch fragte sie nicht nach, sondern rückte endlich mit der Information heraus, auf die Keller so begierig war: Bei dem Festgenommenen handele es sich um Karim Abdelaziz, einen französischen Staatsbürger mit algerischen Wurzeln. Abdelaziz werde dringend verdächtigt, einen brutalen Raubmord begangen zu haben. »Im Villenviertel ist er in das Haus der Familie La Croix eingestiegen. Ihnen wird das nichts sagen, aber glauben Sie mir: Dieser Name gehört zu den ganz großen in unserer Stadt.«
»Raubmord, sagen Sie?«, erkundigte sich Keller beeindruckt. Dass er es mit einem Kapitalverbrechen zu tun hatte, machte sein Erlebnis umso brisanter. »Was genau soll dieser Karim getan haben?«
Madame Bardot sah ihn mit ernstem Ausdruck an. »Er hat eine Frau und ihre zwei jugendlichen Kinder umgebracht. Die beiden waren siebzehn und achtzehn Jahre alt.«
Keller war bestürzt über so viel Brutalität. »Das ist bitter. Ohne Frage ein schlimmes Verbrechen.« Ihm gingen Bilder aus seiner eigenen beruflichen Vergangenheit durch den Kopf. Gewaltverbrechen, bei denen junge Menschen zu Schaden gekommen waren, hatten ihm immer besonders zugesetzt. Nach kurzem Nachdenken erkundigte er sich: »Woher wissen Sie, dass er es war?«
Madame Bardot erklärte, dass eine Überwachungskamera Karim deutlich erkennbar gefilmt habe, außerdem wimmele es am Tatort von seinen Fingerabdrücken. Karim Abdelaziz sei bereits polizeibekannt und mehrfach vorbestraft, daher sei man ihm schnell auf die Spur gekommen. Allerdings habe er sich zunächst der Verhaftung entzogen. »Eine Nacht und einen Tag lang haben wir nach ihm gefahndet und ihn dank Ihrer Unterstützung nun endlich gefasst.« Sie streckte ihm erneut die Hand entgegen. »Nochmals herzlichen Dank dafür!«
Keller schlug ein, redete sein Zutun jedoch klein: »Ich habe nur getan, was jeder andere auch gemacht hätte. Nicht der Rede wert.«
»Doch, doch«, beharrte sie auf ihrem Lob und dachte nicht daran, Kellers Hand loszulassen. Sie hielt sie auch dann noch fest, als sie etwas näher an ihn herantrat und in gedämpftem Ton fragte: »Was hat Abdelaziz eigentlich zu Ihnen gesagt?«
»Wie bitte?«
»Was dieser Kerl Ihnen zugerufen hat, möchte ich wissen. Er hat doch mit Ihnen gesprochen, oder sollte ich mich getäuscht haben?«
Der drohende Unterton, der in der Frage mitschwang, entging Keller nicht. »Er hat behauptet, dass er es nicht gewesen ist.«
Erneut hob sie die Augenbrauen. »Im Ernst?«
»Ja«, antwortete Keller. »Wörtlich sagte er: ›Ich war es nicht! Ich habe mit alldem nichts zu tun!‹«
Daraufhin lachte die Chefermittlerin herzhaft auf und entblößte dabei zwei Reihen makellos weißer Zähne: »Aber natürlich! Der Junge ist ein Unschuldslamm. Zu dumm nur, dass alle Indizien gegen ihn sprechen und er mit seiner Flucht nicht gerade Pluspunkte bei uns gesammelt hat.«
Madame le commissaire entließ Kellers Hand in die Freiheit. »Nichts für ungut. Versuchen Sie, diesen Vorfall zu vergessen, und genießen Sie Ihren Urlaub.« Sie sah sich noch einmal um, diesmal ausgiebig, wobei sie sich langsam um die eigene Achse drehte. »Wie ist es denn so, auf einem Hausboot unterwegs zu sein? Liegt ja sehr im Trend. Mir kommt es so vor, als gäbe es von Saison zu Saison mehr dieser Boote.«
»Ja, also …«, druckste Keller herum. Auf Small Talk war er jetzt wirklich nicht eingestellt. Da ihn Madame Bardot jedoch unverwandt ansah, antwortete er: »Das ist eine feine Sache. So ein Boot ist wie eine schwimmende Ferienwohnung mit allem Komfort. Nur dass man sie überallhin mitnehmen kann. Man ist sein eigener Herr.«
»Ist es nicht schwierig, einen solchen Kahn zu steuern, zumal wenn man ganz allein ist?«
»Überhaupt nicht! Selbst wenn man zum allerersten Mal mit einem Hausboot unterwegs ist, braucht man keinerlei Bedenken zu haben. Die Boote sind mit nur einem Vorwärts- und Rückwärtsgang ausgestattet und kinderleicht zu bedienen. Und das Beste ist, dass man im Gegensatz zu Deutschland, Polen oder Spanien hierzulande keinen Bootsführerschein benötigt. Nach kurzer Einweisung am Startpunkt kann’s auch schon losgehen.«
»Vielleicht probiere ich das irgendwann selbst mal aus«, sagte sie. »Eines Tages …«
Als Keller allein zurückblieb, war seine Müdigkeit verflogen. Er setzte sich wieder an das Tischchen, wandte sich dem Wein zu und sann noch lange über das nach, was sich gerade abgespielt hatte: Der gewaltige Schreck, als der Flüchtige auf sein Boot gesprungen war; der Moment der Ungewissheit, während er sich in der Gewalt des kräftemäßig überlegenen Mannes befunden hatte; seine Entscheidung, die weitere Flucht zu unterbinden; der Auftritt von Madame le commissaire … Immer wieder liefen einzelne Szenen der Ereignisse vor seinem geistigen Auge ab.
Dabei trieb ihn ein eigentümliches Gefühl um. Es gab etwas, was ihn an dem soeben Erlebten störte, und das wollte ihm nicht aus dem Kopf gehen. Der Verdächtige, Karim, entsprach zwar von der äußeren Erscheinung ganz und gar dem Bild eines Gewalttäters, er war ein Gangstertyp, wie er im Buche stand. Doch mit einigem Abstand betrachtet, hatte seine Behauptung, er habe das nicht getan, in Kellers Ohren glaubwürdig geklungen.
Keller fragte sich, ob er richtig gehandelt hatte, als er dem Mann ein Bein gestellt hatte.